Streich, der Achim - Peter Wawerzinek - E-Book

Streich, der Achim E-Book

Peter Wawerzinek

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Beschreibung

Im Kinderheim rennen sie alle einem Ball hinterher. Ein Erzieher übernimmt mit Trillerpfeife die Regie, teilt die Kinder in Mannschaften ein, stellt Spielregeln auf, führt Turniere durch. Einer unter ihnen ist Wawerzineks Protagonist. Als dieser adoptiert wird, ist er zuerst ein Segler bevor er dann bei Traktor Rerik Fußball spielt. Auch gegen Rüdiger aus Kirch-Mulsow, der alles über Joachim Streich weiß, weshalb er ihn Jost tauft. In der Oberschule der Kreisstadt wird Jost sein Banknachbar. Jahrzehnte später treffen sich beide wieder. Der eine weiß immer noch alles über sein Idol. Der andere schreibt ein Buch darüber.

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Peter Wawerzinek, 1954 in Rostock geboren, ist seit 1988 freier Schriftsteller, Regisseur und Hörspielautor. Er hat seitdem zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter „Rabenliebe“ (Galiani Verlag, 2010), „Schluckspecht“ und „Liebestölpel“ (beide Galiani Verlag, 2019). Peter Wawerzinek erhielt zahlreiche Stipendien.

© Verlag Voland & Quist GmbH,

Berlin und Dresden 2025

Reihen-Hrsg. IKONEN:

Frank Willmann

ISBN 978-3-86391-426-4

eISBN 978-3-86391-453-0

voland-quist.de

Lektorat: Helge Pfannenschmidt

Umschlaggestaltung und Satz:

Guerillagrafik

Druck und Bindung:

BALTO print, Litauen

Verlag Voland & Quist GmbH

Gleditschstr. 66

D-10781 Berlin

[email protected]

www.voland-quist.de

PETER WAWERZINEK

Inhalt

Spielbeginn

Zweite Halbzeit

Spielbeginn

Im ersten Kinderheim wird uns der Ball aus dem Fenster heraus hingeworfen. Es bildet sich dann sofort ein Knäuel um ihn herum. Jeder will ihn haben. Über den Sandplatz, am Kohlenhaufen vorbei, ums Haus herum jagt die wilde Meute den Ball. Ein Kind hält ihn fest, gibt ihn nicht mehr her. Ein anderes Kind wirft sich auf ihn drauf. Der Ball springt davon. Alle laufen ihm nach, unterbrochen von Gerangel. Und plötzlich hat das Treiben ein Ende. Das Interesse am Ball erlischt, der Ball bleibt liegen. Ein Traktor, mit Heuballen beladen, ist interessanter. Ich nehme mir den Ball. Spiele mit ihm für mich allein. Kicke ihn gegen die Wand, werfe ihn hoch, fange ihn auf, lasse ihn prallen, fallen und für andere Kinder liegen, die mit ihm Abwerfen und Völkerball spielen, wo es darum geht, den Strohmann zu treffen, und es den Mädchen besser gelingt, die Hüfte am Ball vorbeizubewegen.

Meine liebsten Sportarten ergeben sich aus dem Alltag. Ich renne gern Treppen hoch, versuche zwei, drei, vier Treppenstufen auf einmal zu nehmen, so flink es geht, oder ohne Anlauf aus dem Stand emporzuhüpfen. Ich klettere auf Bäume. Einer von ihnen ist mein Freund. Ich sitze in seiner Spitze, falle herunter, ziehe mir eine Kopfwunde zu, die genäht werden muss. Ich erklimme das Klettergerüst und schaue von ganz oben auf alles herunter. Der Himmel ist so nah. Die Erde liegt unter mir. Alles ist gut, solange ich still sitze. Mir wird flau im Magen, es schwindelt mich und ich bekomme es mit der Angst zu tun, sobald ich mich bewege. Es braucht lange, ehe ich mich heruntertraue, wieder sicheren Boden unter meinen Füßen spüre. Unter uns Kindern herrscht ständig Wettkampf. Wir gehen spazieren, schon heißt es: Wetten, dass ich als Erster an der Birke bin? Wir sind am Strand bei den Fischerbooten, schon heißt es: Wetten, dass ich den Anker anhebe, auf dem dicken Seil balanciere, von Poller zu Poller springe?

Ich bin gut im Kirschkernweitspucken, kann durch mein Blasrohr die Erbse gepfeffert und genau ins Ziel pusten. Meine Versuche auf dem Rummel, das Schiffchen im Stehen so lange höher und höher zu schwingen, bis es zum Überschlag kommt, können sich sehen lassen. Im Kinderheim gibt es keine vergleichbare Schaukel. Mit ihr geht es nicht so hoch hinauf, ab einer gewissen Höhe stoppt dich eine Stange. In meinen Träumen vollführe ich mit dem Schiffchen tolle Loopings.

Ich kann recht gut den Papierkorb treffen. Ich füttere ihn mit Kreidestücken, versuche mich am Schultafelschwamm, der Federtasche, der Brotbüchse. Wenn mich der Hafer sticht, werfe ich meinen Kamm oder mit beiden Schuhen. Ich stehe auf Socken vor dem Lehrer, der mich nach den Schuhen befragt, und muss sie aus dem Papierkorb fischen, in den ich sie zur Begeisterung der ganzen Klasse eben gezirkelt habe. Zu den Disziplinen, bei denen ich es unter vernünftige Trainingsbedingungen durchaus zur Meisterschaft hätte bringen können, gehören Mit dem Steckenpferd laufen und Den Besenstiel reiten. Ich beherrsche die Eierläufe mit dem großen wie mit dem kleinen Löffel. Ich liebe das Sich den Hang runter rollen lassen. Ich mag Sackhüpfen und habe eine spezielle Grifftechnik dafür erfunden, die mir erheblichen Hüpfvorteil verschafft. Im Winter forme ich Schneebälle, die fester sind, besser in die Hand passen und zielgenauer treffen. Ich habe eine Technik entwickelt, mein Brot hinter dem Rücken zu schmieren und mit Marmelade zu bedecken. Ich schraube das Glas auf, halte den Deckel fest, kleckere nicht daneben. Wenn ich die Sache ernsthaft weiter betrieben hätte, wäre ich Star im Luftgitarre-Spielen geworden. Ich konnte Jimi Hendrix nachmachen, trainierte zum Song mit den quietschenden Gitarrentönen, die wie Jagdbomber und Kindergeschrei zur amerikanischen Hymne klangen.

Kurzzeitig wird mein Talent fürs Boxen entdeckt. Ich werde mit dem Wagen abgeholt, trainiere ein paar Wochen lang in Rostock und bin eine schöne Weile raus aus dem Kinderheim. Ich komme ins Schwitzen, springe Seil, mache Klimmzüge, bin ein guter Boxschüler, übe fleißig, entwickele mich, wie mir gesagt wird, gut, zeige ordentliche Reflexe, habe Nehmerqualitäten. Ich bin darin so gut, dass ich mich von den älteren Boxschülern gern als Sparringspartner hergenommen sehe. Die schicken mich etliche Male hart auf die Matte. Ich falle um, stelle mich tot, stehe auf und schimpfe wie ein Rohrspatz. Sie sagen zu mir, ich könne nur gewinnen, wenn ich zu verlieren wüsste, und zitieren Max Schmeling, seinen Satz: Niemals am Boden bleiben. Steh auf und mach weiter! Mein Gesicht ist tagelang geschwollen. Ich werde vom Heimleiter aus der Pflicht genommen und bin dann wieder das alte Heimkind. Und es hat sich damit auch mit einer soliden sportlichen Laufbahn.

Vom Boxtraining bewahre ich mir die grundsätzliche Haltung, über Schlappen hinwegzukommen, persönliche Misserfolge, Krisen und Schicksalsschläge wegzustecken. Es sind nicht die Berge vor einem, die einen ermüden, es ist das kleine Kieselsteinchen im Schuh hat Muhammad Ali gesagt, und ich schreibe es mit Großbuchstaben an meine Pinnwand, neben das von mir gemalte Bildnis von Bob Marley.

Ich komme zur Schule und sie denken sich für mich neue Namen aus. Vorher wurde ich Ritter Runkel von Rübenstein genannt. Das war irgendwie lustig, so zu heißen, hatte etwas von einer Comicfigur, wenn die auch von seltsamer Natur, verschroben, verrückt, irre zu nennen war, wie ich später erfuhr. Die Kinder in der Schule fügen meinem Nachnamen ein Fu bei. Ich weiß nicht, was Furunkel bedeutet, bis ich einmal bei einem Typen solch ein dickes Ding gezeigt bekomme, das verdammte Fu nicht ausstehen kann, unglücklich davon werde. Ein Freund rät mir, ich solle mich einfach Kong Fu Runkel nennen. Das sei nicht so schlimm. Also nenne ich mich Kong Fu Runkel und bilde mir ein, so etwas wie ein chinesischer Held zu sein.

Im Schulkinderheim wird Fußball unheimlich und wichtig für uns Heimkinder. Wir werden vom fußballverrückten Erzieher in Mannschaften aufgeteilt und müssen ständig gegeneinander antreten. Was früher fröhliches Getolle dem Ball hinterher war, wird ernstes Spiel. Wir spielen drei gegen drei und haben einen gemeinsamen Torwart, oder fünf gegen fünf mit je einem Keeper zwischen den Pfosten. Es werden verschiedene Spielzüge einstudiert, einzelne Spieler als Talente bevorzugt. Wir bekommen vom Erzieher unsere Position gesagt. Er ist unser Fußballtrainer. Ich bin ein zurückhaltendes, ruhiges Kind. Herumzustehen, nichts weiter zu tun, als, den Kopf schief gelegt, den Spielern zuzugucken, ist mein Zeitvertreib. Sie werfen mir den Ball zu. Ich fange ihn auf, ohne hinzusehen. Der Trainer stellt mich ins Tor.

Der Trainer bringt uns alle Regeln mit seiner Trillerpfeife bei. Wir lernen richtig auflaufen, Bälle im Takt treten. Ein Pfiff bedeutet abgeben, der nächste nachsetzen. Es werden Bestrafungen ausgesprochen, einzelne Spieler des Platzes verwiesen und unter die Dusche geschickt. Die Trillerpfeife schrillt ununterbrochen. Sie belobigt einzelne Aktionen, tadelt uns, je nach Lautstärke und Länge. Ein Tor wird geschossen. Die Trillerpfeife zeigt an, dass es nicht gilt. Es hilft kein Diskutieren. Was die Trillerpfeife meint, müssen wir hinnehmen. Die Trillerpfeife bestimmt, wer den Strafstoß ausführt. Mag die Trillerpfeife einen Spieler, ist sie weich, fast zärtlich zu ihm und zu uns anderen grob und grell. Die weniger Befähigten macht sie nervös, schimpft sie schreiend aus. Wir spielen, bis die Sieger-Mannschaft feststeht. Die Trillerpfeife beendet das Training und legt die nächste Begegnung fest. Die schöne Freizeit ist ausgestanden und vorbei. Zwischen Schule und Kinderheim befindet sich eine riesige eckige, tiefe Grube, einst ausgehoben für einen Schulbau, zu dem es nicht kam. Sie ist mit zwei Fußballtoren bestückt. Dort spielen wir richtige Fußballturniere. Uns darf die Lust nicht vergehen. Wir sollen dranbleiben, durchhalten, dürfen nicht aufstecken. Ich spiele schlecht, verletze mich, kann pausieren, ausruhen. Statt den Lederball im Tor versuche ich, kleine gläserne Murmeln in ein Erdloch zu versenken.

Ich werde aus dem Schulkinderheim entlassen und von einem Lehrerehepaar adoptiert. Meine Ersatzeltern sind rundlich wohlgenährt und wenig an Sport interessiert. Fußball ist etwas, worüber in der Familie nicht geredet wird. Zweiundzwanzig Idioten setzen einem armen Ball nach, sagt der Stiefvater, spielt mit sich allein am Tisch Schach. Manchmal steht er auf, wechselt die Seite, um sich die Stellung näher und aus der anderen Perspektive anzuschauen, ehe er wieder zurück auf seinen Stuhl findet und den nächsten Zug ausführt.

Schach, sagt die Adoptionsmutter, sei das Spiel der Könige und Damen, Springer und Turmherren. Sie ist von der Idee angetan, dass der Stiefvater mich zu einem Schachgroßmeister forme. Der nimmt mich zu Schachturnieren mit. Das Spiel heißt Simultan und bedeutet, dass er gegen zig Spieler gleichzeitig antritt und sie allesamt besiegt. Er übt mit mir, versucht mir die Grundregeln beizubringen. Ich stelle mich zu dumm an. Die Stiefmutter bettelt vergeblich, er solle mich weiter belehren. Er lehnt ab. Ich bin das Schachspielen los.

Mein Ziehvater und seine Kollegen betreiben den Sesselsitzsport. Ich erinnere mich an die Wintermonate. Da saß mein Adoptivvater mit drei seiner Kollegen über die Feiertage zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr vor der Glotze, um gemeinsam Skispringen zu schauen. Einen Bierkasten und verschiedene Schnapsflaschen parat, verbrachten sie Stunden damit, nach der Landung die Weite der einzelnen Sprünge zu schätzen. Es gab damals noch keine Hilfestellung durch Linien, sie mussten sich an anderen Dingen orientieren. Jeder von