Rom sehen und nicht sterben - Peter Wawerzinek - E-Book

Rom sehen und nicht sterben E-Book

Peter Wawerzinek

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Beschreibung

»Peter Wawerzinek verwandelt den Stoff seines Lebens in große Kunst« NDR Kultur

Ein Frühjahr in Rom, Peter Wawerzinek ist Stipendiat in der Villa Massimo. Er durchstreift die Stadt, sammelt Inspiration für seinen neuen Roman, eine Fülle von Eindrücken bietet sich ihm dar, Schönheit, Chaos, eine vibrierende Lebendigkeit: Verheißungen für die kommende Zeit. Doch dann wird der Aufenthalt getrübt, die Pandemie macht den Spaziergängen einen Strich durch die Rechnung, die Technik versagt, und alles entstandene Textmaterial ist verloren. Peter Wawerzinek zieht nach Trastevere um, beschließt, über Pasolini zu schreiben. Etwas scheint aber nach wie vor nicht zu stimmen: kalte, weiße Fingerkuppen in der schönsten Frühlingssonne. Es ist sein Körper, der nicht mehr ins Bild passen will. Ein Besuch beim Berliner Hausarzt bringt schließlich die Diagnose: Es ist Krebs. Doch auch die Konfrontation mit dem Tod lässt ihn nicht aufgeben. Es zieht ihn wieder nach Rom, zur Intensität der ewigen Stadt – und dem Beginn des Wegs zurück ins Leben.

Peter Wawerzinek schreibt über die menschliche Vergänglichkeit, die unmittelbare Bedrohung durch den Tod – doch jede einzelne Zeile seines Romans birst vor Intensität. In Literatur, Musik, Kunst – vor allem aber in der Liebe, die ihm zufällig begegnet, genau zur richtigen Zeit, findet er die Kraft für die Heilung. Poetisch, bildgewaltig, zugleich atemraubend und befreiend ist die Sprache, die Peter Wawerzinek für eine existenzielle Erschütterung findet, die ihm alles abverlangt – über die er am Ende aber umso deutlicher triumphiert. Der neue Roman des virtuosen Sprachkünstlers Peter Wawerzinek ist nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2025

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»Peter Wawerzinek verwandelt den Stoff seines Lebens in große Kunst.« NDR Kultur

Ein Frühjahr in Rom, Peter Wawerzinek ist Stipendiat in der Villa Massimo. Er durchstreift die Stadt, sammelt Inspiration für seinen neuen Roman, eine Fülle von Eindrücken bietet sich ihm dar, Schönheit, Chaos, eine vibrierende Lebendigkeit: Verheißungen für die kommende Zeit. Doch dann wird der Aufenthalt getrübt, die Pandemie macht den Spaziergängen einen Strich durch die Rechnung, die Technik versagt, und alles entstandene Textmaterial ist verloren. Peter Wawerzinek zieht nach Trastevere um, beschließt, neu anzufangen. Etwas scheint aber nach wie vor nicht zu stimmen: kalte, weiße Fingerkuppen in der schönsten Frühlingssonne. Es ist sein Körper, der nicht mehr ins Bild passen will. Ein Besuch beim Berliner Hausarzt bringt schließlich die Diagnose: Es ist Krebs. Doch auch die Konfrontation mit dem Tod lässt ihn nicht aufgeben. Es zieht ihn wieder nach Rom, zur Intensität der Ewigen Stadt – und dem Beginn des Wegs zurück ins Leben.

Peter Wawerzinek schreibt über die menschliche Vergänglichkeit, die unmittelbare Bedrohung durch den Tod – doch jede einzelne Zeile seines Romans birst vor Intensität. In Literatur, Musik, Kunst – vor allem aber in der Liebe, die ihm zufällig begegnet, genau zur richtigen Zeit, findet er die Kraft für die Heilung. Poetisch, bildgewaltig, zugleich atemraubend und befreiend ist die Sprache, die Peter Wawerzinek für eine existenzielle Erschütterung findet, die ihm alles abverlangt – über die er am Ende aber umso deutlicher triumphiert.

Peter Wawerzinek wurde unter dem Namen Peter Runkel 1954 in Rostock geboren. Er wuchs in verschiedenen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien auf. Seit 1988 betätigt er sich neben vielem anderen als freier Schriftsteller, Regisseur, Hörspielautor und Sänger. Berliner Kritikerpreis für Literatur (1991), Hörspielpreis der Berliner Akademie der Künste (1993), Ingeborg-Bachmann-Preis und der gleichnamige Publikumspreis (2010), Shortlist Deutscher Buchpreis (2010), Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung (2024).

www.penguin-verlag.de

Peter Wawerzinek

Rom sehen und nicht sterben

Roman

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Copyright © 2025 Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Lektorat: Mona Leitner

Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka

Umschlagabbildung: © plainpicture/Minden Pictures / David Williams / BIA

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33710-0V001

www.penguin-verlag.de

Für Manu

Kapitel 1Kapitel 1

Rolle den Redeteppich aus, über den wir uns in die Geschichte hinein wie in einen Aufführungssaal begeben und unsere Plätze einnehmen. Ist leer, das Theater. Gibt nur uns beide hier. Erster Gong, zweiter, dritter. Beginnt die Szene, die ich als Anfang für das Stück ausgewählt habe. Da bin ich in der Ewigen Stadt zum Tiberfluss hin unterwegs, mir das Schauspiel der Stare anzusehen; in den drei Jahren zuvor habe ich es immer wieder verpasst, dieses einzigartige Ballett, von Abertausenden Vögeln am abendlichen Herbsthimmel nahe der Flussinsel aufgeführt.

Bin dieses Mal rechtzeitig zugegen. Erlebe absolute Schönheit. Habe es mit einem Gesamtkunstwerk zu tun. Juble. Taumle. Vibriere. Denke seither, was für ein Versäumnis es gewesen wäre, die Flugschau der Stare nicht als vorweggenommenen, krönenden Abschluss meines Aufenthaltes in Rom erlebt zu haben. Vor einem bitteren Frühling.

Die Stare rücken von den umliegenden Olivenhainen her zu den Ufern der Flusshalbinsel an. Fliehen die abendliche Kälte der Haine, tauschen sie gegen die Wärme der Stadt ein. Tanzen zur besten Dämmerungszeit am Himmel ihre surreal anmutenden, großen Reigen, ehe sie hernach die ehrwürdigen, alten Platanen am Ufer besetzen. Bin in diesem Brief versucht, Dir das Unbeschreibliche zu beschreiben, die rätselhaften Zeichen, die sie in die Luft zaubern und die zu meinen Überlebensbildern werden. Binde Dich ein in mein Erlebnis. Bist an meiner Seite unten am Fluss der Ewigen Stadt. Stehst neben mir auf der Brücke, Ponte Sisto mit Namen, von wo aus die Schwärme am besten zu sehen sind. Über uns eine glühende Himmelskuppel, wie eigens für uns errichtet.

Eine lange Weile geschieht nichts. Ist kein einziger Star am glatten Himmel auszumachen. Segeln souverän einzig ein paar Möwen hin und her. Ein Raubvogel taucht auf und sorgt für Irritationen, ehe dann in der Ferne ein hauchdünnes Spinnengewebe sichtbar wird, das stetig an Größe gewinnt. Die Stare erobern die Bühne und lassen den Himmel fleckig erscheinen.

Ist da kein Rauschen zu vernehmen, von abertausend Flügeln erzeugt, wie man es aus Filmen kennt. Ist nur diese Schwärze über dem Horizont als Flatterband zu sehen. Das sich im Anflug aufbläht, an Volumen gewinnt und zerreißt, sich in Fetzen auflöst. Wolken bilden sich aus unzähligen Leibern, die aufeinander zufliegen, sich berühren, durchdringen, verschlingen, auffressen, ausspeien, in kleinere Wedel zerstäuben, sich neuerlich zusammentun, voluminöse Blubber bilden, die implodieren und sich in Wohlgefallen auflösen.

Unbeschreibliche Gebilde entstehen. Könnten unser beider Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen sein, in Bewegung geraten. Große biblische Bilder neben kleinen Notizen, rasch aufgeschrieben, schnell wieder erloschen.

Sehe Jona aus dem Bauch des Wals herauspurzeln. Sehe den Flaschengeist Aladin zum Hals der bauchigen Buddel hinaus in den Himmel aufsteigen. Sehe schwimmende Inseln, Tornados, die sich vorwärts fräsen. Sehe einen Schlangenleib, ein Krokodilmaul. Sehe Gnuherden, Elefanten, Kakteen. Sehe pralle Früchte, die zusammensacken, faulig werden, sich in Luft auflösen. Sehe das von mir heiß geliebte, im Biologieunterricht behandelte Pantoffeltierchen, mit seinem rundlichen Saum aus Fransen bekleidet, von dem es heißt, es stelle die Urform späterer Lebewesen auf der Erde dar. Bestaune Kunstwerke. Dunkle Skulpturen. Und die Fischernetze sehe ich. Wie sie von den Fischern in Lateinamerika geschickt ausgeworfen werden und sich, einem Schirm gleich, über der Wasserhaut entfalten.

Ich hab Dir damals aus Venezuela geschrieben, Dir geschildert, wie angetan ich davon gewesen bin, und dass ich lange habe zuschauen müssen. Bin von diesem Erlebnis genauso überwältigt. Schaue hin. Skizziere, was ich sehe, in mein Notizheft hinein. Sind einzelne Buchstaben dabei, die ich festhalte, die ich später zu Silben und Wörtern zusammenfügen will. Bekritzle Seite um Seite. Ist keine Wiederholung zu vermelden. Ist da beim Skizzieren und Festhalten ein Gesang in meinem Hirn: Der Herbst ist ein Geselle und trägt ein buntes Kleid und springt und jubilieret vor ausgelassner Freud. Er singt im Brausebasse, fährt einem um den Kopf, wirft alles drüber und drunter und zaust die Bäum am Schopf.

Bin der Junge wieder. Rufe der Großmutter Maria Stanke zu, die hinter dem Abendhimmel wohnt:

Sieh nur, siehe, wie mir geschieht.

Und dann bricht die Flugshow unerwartet ab. Ein ohrenbetäubender Krach, zum Greifen nahe kommen uns die Stare. Fallen über die riesigen Bäume am Ufer her. Kämpfen um ihre Schlafplätze im Laub der Baumkronen. Erobern die Äste. Blankes Gezeter. Lautes Getöse. So flugs, wie sie aufgetaucht sind und ihre Figuren an den Himmel geworfen haben, so flink entschwinden sie unseren Blicken. Ruhe kehrt ein, und wir wissen einen jeden Vogel fein an seinem Platze. Ich schlage das Notizbuch zu, lege es hochzufrieden weg.

Erfreue mich seit der Kindheit am Gewusel der jungen Stare im Gras. Entdecke ihre Nistplätze in Lücken, Nischen der alten Fabrik. Sind fleißig. Vertilgen mehr Insekten als Spatzen. Fressen Spinnen, die groß sind wie sie. Schnecken schmecken ihnen. Sind immerfort in Bewegung wie Bienen, die lebhaft zappeligen Gesellen.

Großmutter nannte die Stare respektvoll bei ihrem lateinischen Namen Sturnus vulgaris und verriet mir, sie würden dem Papagei gleich Stimmen anderer Vögel täuschend echt imitieren. Mozart, erzählte sie, als ich von Mozart noch nichts wusste, habe mit einem Star unter einem Dach gelebt. Mozart sei mit seinem Star spazieren gegangen. Mozart habe sich manche Melodie von ihm vorpfeifen lassen, sie in seine Klavierstücke eingebaut, Mozart sei ein Komponist gewesen, was ich Dummerchen damals lange Zeit mit dem Komposthaufen im Garten in Verbindung brachte. Großmutter redete über die Hochzeit eines gewissen Figaro und amüsierte sich, wie wenig ich von all dem begriff. Ta tamm, tata tamm, tamm, tamm.

Nahm Großmutter ihre tollkühnen Geschichten allesamt ab. Singt der Star, sagte sie, dir am Boden befindlich sein Liedchen, wirst du von einer frohen Botschaft beglückt, mein Junge. Hockt er später auf dem Dach deines Hauses, füllt er es mit Tratsch und Gerede. Besser, du meidest die Leute, ziehst in die Weitenwelt hinaus, lebst allein. Trällert er im Vorbeiflug sein Lied, solltest du getrost mit den Vorbereitungen für dein Lebensfest beginnen.

Drei Mal habe ich die große Inszenierung versäumt, ihr erst im letzten Jahr beigewohnt. Sie stellt für mich mehr als nur ein Großereignis dar. Sie hat für mich symbolische Bedeutung. Ich komme im Verlauf meines Briefes an Dich noch darauf zurück, warum ich die Flugschau der Stare, als Spektakel im letzten Herbst erlebt, nie mehr vergessen werde.

Kam eins zum anderen in diesen wilden Tagen, von denen ich Dir nach und nach berichte. Denn ja doch, ja. Habe lange nichts von mir hören lassen, mich nicht bei Dir gemeldet, Dich sträflich vernachlässigt. Fühle mich in Deiner Schuld. Sind alle angekommen, Deine Mails. Habe sie gelesen. Konnte nicht antworten. War zu lebhaft belastet, wie gelähmt. Versuche es mit diesem Brief an Dich wiedergutzumachen. Passierte viel zu viel in der Zwischenzeit. Kam alles zeitgleich auf mich zu. Weiß und Schwarz. Finsternis und Helle. Jubelnd musst Du Dir mich denken, zu Tode betrübt, am Boden zerstört, überglücklich im siebenten Himmel, wie Großmutter dazu zu sagen pflegte, die mir in den letzten belastenden Monaten immer wieder erschienen ist.

Sitze jetzt, während ich unter Verwendung verschiedener Zettelchen und Mitschriften aus der schwierigen Zeit den Brief für Dich schreibe, am geöffneten Fenster. Höre das Gezwitscher der Piepmätze. Erinnere mich an den buckligen Herbert, den krumm gewachsenen, armen Kerl, wie Großmutter jedes Mal zu ihm sagte. Kann seinen Buckel nicht abnehmen, hat, einem Rucksack gleich, an ihm zu schleppen. Sehe ihn vor seinem Hühnerstall. Ein zittriges, nacktes Küken, eben aus dem Ei geschlüpft, legt er mir auf die Hand. Mit einem breiten Grinsen wie Quasimodo im Film Der Glöckner von Notre Dame. Der Lieblingsstreifen meiner Großmutter, den ich mit ihr zusammen zwei Mal angeschaut habe. Ist im Alter von vier Jahren, an einem Sonntag, Quasimodogeniti, davon abgeleitet der Name, auf den Stufen der Kathedrale von Notre-Dame abgelegt aufgefunden worden. Hat nicht nur diesen Buckel, sondern ist auf einem Auge blind, vom Gebimmel der Glocken taub. Singt zum Klang der Glocken. Redet mit jeder einzelnen von ihnen. Ist scheu gegenüber allen Menschen. Verliebt sich in Esmeralda. Ein Roma-Kind. Verführt, geraubt, verkauft. Wie er ohne Eltern. Trägt einen Kinderschuh im Perlensäckchen um den Hals gebunden. Hofft, den zweiten bei ihrer Mutter zu finden.

War das Küken in meiner Hand, das bei mir die Liebe zu Vögeln auslöste. Singe das Hochzeitslied vom Hochzeitsschmaus bei Vogel Strauß, wenn es draußen Frühling wird, die ersten Vöglein die Lüfte bevölkerten. Die Rede hält mit geschwollenem Kamm der Hahn als Bräutigam. Hat für die Braut ein Nest gebaut. Adebar frisiert ihr Haar. Buntspecht schneidert ihr die Kleider. Kakadu hilft ihr in die goldenen Schuhe. Für den Hochzeitskranz sorgt der Seidenschwanz, ehe ein Star führt das Paar vor den Altar, wo die Elster wartet mit dem Ring, vom Raben den Zweibeiden angesteckt. Und schon wird der Festtagstisch gedeckt. Frau Schnepfe bringt die Näpfe. Herr Uhu trägt im Schnabel Messer, Löffel, Gabel. Die Reihenfolge der Speisen verlesen von den Meisen. Frau Gans und Wiedehopfmann heben den Deckel vom ersten Topf an.

Ein ach so schönes Lied für mich, das Großmutter früher sang, für das ich mir neue Strophen erdachte, erfundene Vöglein hinzufügte wie die Meistermeise, den Brautkleidkleiber, den Tanzschuhschnabel, die Fastenzeitnachtigall.

Stand mit den Vögeln im Kinderheim schon in guter Verbindung. Lernte pfeifen wie sie. Rannte ihnen nach. Stimmte ins Lied der Lerche ein, zur blauen Stunde zwischen Nacht und Tag gesungen. Flog mit allen von ihnen ein Stück des Weges. Stieg mit den Möwen hoch auf. Drehte ein paar Runden. Gab erschöpft auf. Suchte im Wald mit Eifer das Klöppeln der Spechte zu imitieren, in meine Sprache zu übersetzen, was sie mit ihren Schnäbeln erzählten. Wollte ab diesem Zeitpunkt selbst Specht sein und Schlagzeuger werden. Beherrschte den warnenden, heiseren Ruf des Eichelhähers. Verbrachte Stunden vor der Hecke im Vorgarten der Zieheltern damit, den lütten Zaunkönig zu entdecken. Hege heute noch Bewunderung für den Kleiber, wie er mit dem Schädel nach unten am Baumstamm herab zu Boden klettert. Betrachte die Welt genauso, den Blick nach unten gerichtet. Ging den Enten hinterher ins flache Haffwasser hinein. Geriet einmal beim Schwimmen unter ihre Gössel, wurde Familienmitglied. Lernte von ihnen das Tauchen. Sah die schwarzen Wasserhühner in einer Reihe pfeilschnell übers Wasser sprinten. Jubelte dem Siegerhuhn zu. Verehre den Haubentaucher, von dem Großmutter gesagt hat, ginge ein Schiff unter, würden die ertrunkenen Seeleute als solche wieder auftauchen und zurück ins Leben finden. Wäre am liebsten ein Kormoran, bei uns to Hus Seekrähe genannt; in ihrem schillernden schwarzen Gefieder, engelhaft die schwarzen Flügel gebreitet, um zittrige Botschaften in die Welt hinauszusenden.

Unterhalte zu dem schilpenden Volk der Spatzen diplomatische Beziehungen. Weiß von ihnen, was drei Ecken weiter geschehen ist. Sind meine zwitschernde Tageszeitung.

Halte seit Kindertagen den Kontakt zu den Vögeln. Lasse die Verbindung nicht abreißen. Ist, an welchem Fleck ich auch sitze, ein Singen, Musizieren, Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren um mich herum und in mir drinnen. Haben sich im Verlauf meines Lebens kurzzeitige, intensivere Vogelfreundschaften ergeben. Am Wolfgangsee suchte ein Schwan meine Nähe. Hab ihn Celan getauft. In Venezuela wich ein Pelikan im Hafen von Maracaibo nicht von meiner Seite. Nannte ihn García, nach dem Buch Hundert Jahre Einsamkeit. Wenn ich bei meinem Freund, dem Puppenspieler in der Uckermark, bin, singt für uns Caruso, der Sprosser, bis tief in die Nacht hinein italienische Arien. Meine ständige Begleiterin ist die Möwe Gabbi. Ist meine Verbindung zur Ostsee, zur Küstenlandschaft, wo ich geboren bin.

In Rom, so meine ich, wirken sie größer, stolzer, sind aber nicht so laut wie meine Möwe von der Waterkant. Für mich ist die Möwe der Wappenvogel der italienischen Metropole.

Ehe ich über das Unglück rede, lass mich über Rom reden, wie ich dahin gekommen bin. Liegt im Spätsommer 2018 ein Kuvert im Briefkasten. Gutes Papier, Bundeswappen drauf. Muss ich sofort öffnen. Drinnen steht geschrieben, dass ich ausgewählt worden bin, in Roms Villa Massimo Gast zu sein. Am Abend besuche ich eine Lesung in der Nähe meiner Berliner Schreibstube, von zwei alten Leutchen abgehalten, die ihr Leben lang russische Literatur ins Deutsche übersetzt haben. Redet erst ein mir flüchtig bekannter Schriftsteller. Liest aus dem Buch zu den beiden sein gesamtes Nachwort vor. Stellt Fragen, die er selbst beantwortet. Lässt die Übersetzer kaum zu Wort kommen. Bedankt sich bei ihnen und dem Publikum. Geht zielstrebig zum Büfett, neben dem Eingang der Buchhandlung aufgebaut. Ruft mit vollem Mund meinen Namen, als ich auf dem Weg hinaus bin. Sagt, ich solle ihm flink sagen, was ich tun werde im schönen Rom?

Drehe mich zu ihm um. Blicke ihn perplex an. Drücke meine Verwunderung darüber aus, wie rasant sich eine Nachricht über den Buschfunk verbreitet, sich flugs bis zu ihm herumgesprochen hat, wo ich doch erst vor ein paar Stunden den Brief aus meinem Briefkasten gefischt habe.

Nix da Buschfunk, triumphiert der.

Balanciert seinen Teller gekonnt aus. Beugt sich zu mir hin. Raunt mir ins Ohr, dass er in der Jury gesessen, für mich gestimmt habe. Sagt laut:

So einer wie du gehört in die Villa eingeladen.

Ist rasch um, das Wartejahr. War viel mit anderen Dingen beschäftigt. Habe mich wissentlich kaum vorbereitet, mir nur ein paar Reiseführer angeschaut, Bücher italienischer Autoren gelesen, die ich immer lesen wollte, hier und da hingehört, wenn über die Stadt gesprochen wurde. Und dann steht der Koffer gepackt bereit. Alle häuslichen Angelegenheiten sind erledigt, die Wohnung überlasse ich einem Dichterfreund. Bin recht guter Dinge. Schon auf dem Weg zum Flughafen hin ist ein feierliches Surren und gutmütiges Trällern in meinem Schädel. Probt ein Orchester mit Worten statt mit Noten in mir. Denke Rom, Roma, Roman, Romanze. Sage ZentRom, MetRom, Romzassa. Romulant, Rombus. Ersinne lauter kleine Hirngespinste hinzu. Betreibe ununterbrochenes Wortspiel mit dem Namen der Ewigen Stadt. Als bräche ein Vulkan aus. Als drohe ein Topf überzukochen mit meinen glühenden Schöpfungen. Bringe Romeo und Rommé mit Romy Schneider und Rømø in Zusammenhang. Lasse Romulus zum Romtatat täterä blasen. Reime Romscherz auf Romschmerz, Romschatz auf Domplatz, Romschütz auf Lebenswitz. Reißt nicht ab, das Band. Bündeln sich die Einfälle zu einem Strauß, werden Liedtext: Es geht ein Romgesang in meinem Hirn herum. Lasse die Gedanken hüpfen. Spiele Fangball mit der Silbe Rom. Wird ChRomwell aus Rom, ChRomverschluss, StRomzufuhr, ThRombose und Rock ’n’ Rom draus. Bin am Flughafen. Frage mich: Where do you come fRom.

Besteige beschwingt den Flieger. Sitze unbelastet in der Maschine. Hebe ab im doppelten Bezug.

Betrachte den Himmel unter mir. Aus einem Licht geformt sind die weißen Wolken. Vom Eis befreit über Strom und Bäche hin, ist da Hoffnungsglück, zufriedenes Jauchzen. Bin Mensch, darf es sein, jubelt es mit bester Laune in mir am Fenster sitzend. Hab den Schädel voller Murmeln. Unzählige, schillernde Gebilde purzeln umher. Bin umklöppelt von Wortkugelei. Suche sie nicht einzufangen, festzusetzen, einzudämmen, Herrschaft über sie zu erlangen. Halte sie im Kopf fest. Stehen dort für spätere Zeiten fein aufgelistet. Wehen mir wie lustige Flatterbänder voraus.

Lande. Fahre vom Flughafen aus zum Hauptbahnhof. Tauche dort in den Schacht der Metro ein. Finde den richtigen Bahnsteig, wo der Automat meinen Zehnergeldschein nicht annimmt, ihn mir wie eine Zunge wieder und wieder entgegenstreckt, woraufhin mir ein Mann zu Hilfe springt, sechs Tickets eintippt, das restliche Geldstück von mir geschenkt bekommt. Fahre die drei Stationen. Laufe durch die Tunnelgänge. Finde den, der zum Bologna-Platz hinausführt.

Und als ich zum Licht hin den Schacht verlassen will, bockt mein Koffer wie ein Kind, deutet an, keine Lust mehr zu haben, sich von mir ziehen zu lassen, mit mir zu gehen. Will getragen, nicht weiter gerollt werden. Presse ihn an mich und schaffe es gerade so mit ihm die Stufen empor ans Tageslicht. Oben angelangt, bin ich kurz davor, ihn einfach stehen zu lassen. Stehe breitbeinig, wie in einem guten Westernfilm der Held, vor dem großen Kreisverkehr am Bologna-Platz. Fühle mich inmitten der Stadt angekommen. Atme durch. Bin ergriffen. Bin vom Anblick entzückt. Obwohl da nichts weiter zu sehen ist als der kleine Park im Rund, die wenigen Bänke drinnen vereint.

Zockle den Koffer über die Straße hinweg zur Mitte des kleinen Rondells. Stelle ihn ab. Bestimme ihn zu meinem Sitzplatz. Lege die Hände auf meinen Oberschenkeln ab. Schaue mich um. Blicke auf Bäume und Büsche. Registriere die paar Leutchen auf den Bänken und diese Horde grüner Sittiche, die hier munter herumtobt. Ist klein, fein und überschaubar, dieser Park. Weiß augenblicklich, dass ich all meine städtischen Unternehmungen an diesem Ort beginnen und ausklingen lassen werde. Werde, nehme ich mir vor, über meine Ausritte in die Metropole hinein schreiben, die Textsammlung Der Bologna-Kreisel nennen.

Möchte dann aufstehen, losgehen. Komme, so lächerlich es mir auch in dem Moment erscheint, nicht mit dem Hintern hoch. Habe Schwierigkeiten, mich aufzurichten. Sitze auf meinem bockigen Koffer fest. Warte ab. Versuche es ein weiteres Mal. Strenge mich an. Mühe mich redlich empor. Schaffe es auf meine schwachen Beine. Fühle mich wie auf einer kreisrunden Luftmatratze. Schwanke und wanke, wie auf Schiffsplanken unterwegs. Bin nah dran, den Halt zu verlieren. Fasse nach dem Koffer. Bekomme ihn in den Griff. Entsichere das Zuggestänge. Ziehe die Halterung bis zu meinem Ellenbogen in die Höhe. Damit der Koffer mir wie ein Rollator beim Gehen behilflich wird. Tapse dennoch unsicher. Verlasse den Kreisverkehr. Bin auf dem Bürgersteig und der sicheren Seite. Mache mich zur Villa Massimo auf. Nähere mich ihr im Schatten dunkler Bäume. Überwinde den Schwächeanfall allmählich. Buche ihn als Folgeerscheinung von zu kurzem Schlaf und Reisestress ab.

Der Koffer rollt brav und widerstandslos neben mir her über die spiegelnden Steinplatten. Links an der himmelhoch aufragenden, sandfarbenen Mauer vorbei, die zur Villa gehört. Bis zu einem hässlichen heroischen Denkmal. Stahlhelme sehe ich. In Bullaugen eingepasste Köpfe. Schummrig wird mir vom Anblick. Greife rasch nach meiner Sonnenbrille. Setze sie auf. Auch hinter dem dunklen Glas wirkt das Denkmal allzeit bereit und Gewehr bei Fuß in Pose gebracht, mit seinen Uniformierten in engen Stiefeln, die Waden wie Rollschinken umwickelt, in Hosen gesteckt, die an den Knien Wülste bilden.

Biege flink um die Ecke. Flüchte vorwärts. Strebe gezielt zur herrschaftlichen Villa Massimo hin. Sehe die beiden Obdachlosen hinter Säulen kauernd, in ihrem unwürdigen Eckchen. In Decken gehüllt. Auf Pappen dicht beisammenhockend. Spüre ihre anklagenden Blicke auf mich gerichtet, der ich, mit einem satten Honorar versehen, zehn Monate lang sorglos hinter der Mauer leben werde, vor der sie kampieren und bleiben müssen, wohin es sie verschlagen hat.

Geht verflixt und zugenäht weiter mit den Schwindelgefühlen. Erwischt mich am Tor der zweite Schwächeanfall. Zwingt mich, auf dem ersten von zwei Pollern Platz zu nehmen, um die Ohnmacht zu überstehen. Sitze da. Fühle mich schlapp. Hoffe inständig, dass es aufhört, nicht noch schlimmer wird. Hocke auf dem Poller wie Vogelweide: Bein über Bein gelegt. Nenne den Poller Groller. Bete einen uralten Text herunter, der zu meiner Verwunderung einfach so da ist, den ich fehlerlos sprechen kann: Ich saz ûf eime steine / und dahte bein mit beine; / dar ûf satzt ich den ellenbogen, / ich hete in mîne hant gesmogen / daz kinne und ein mîn wange. / dô dâhte ich mir vil ange, / wie man zer welte solte leben. / deheinen rât kond ich gegeben / wie man driu dinc erwurbe, / der keines niht verdurbe.

Fürchte instinktiv, dass es sich nicht um eine flüchtige Unpässlichkeit, sondern so etwas wie einen inneren Unmut, einen Groll handeln könnte. Kann Dir gar nicht ganz genau schildern, was ich meine, ahne nur, dass es hier um etwas Schleichendes, psychisch Bedingtes geht, das sich in den nachfolgenden Monaten erst so richtig entwickeln und zeigen wird, kaum zu besänftigen, schwerlich oder gar nicht zu vertreiben. Schaue in die Wolken über mir. Bleibe sitzen, wo ich bin. Überlege hin und her, während hinter mir die Mechanik des großen Eingangstores zu surren beginnt. Wie kunstvoll geschmiedete Schiffsklappen, hochkant gestellte Verladeluken, öffnen sich die Pforten. Geben den Blick auf die Herrlichkeit des Geländes preis, die ich nicht sehen will. Stehen lange klaffend offen, wie ein lang gezogenes, freundlich drängendes Hereinspaziert. Bitten mich und meinen Koffer, an Bord zu gehen. Und ich kann mich nicht erheben, muss zusehen, wie das große Doppeltor surrend wieder zugeht. Entdecke im Wort Eingangstor das kleine Wörtchen Angst. Finde es auch in dem Wort anlangst.

Und mir geschieht, wie ich so dasitze, dass ich mein Leben überdenke und zusammenzubringen suche, wer ich bin, was genau ich bisher getan, geschafft, erledigt, getrieben habe? Sitze matt gesetzt da. Grummele, grolle. Und stelle erste ernsthafte Überlegungen an, den Aufenthalt in der Villa vor seinem Beginn just abzublasen, ihn unter dem Vermerk Zuspät ad acta zu legen, Einhalt zu gebieten, umzukehren, wegzurennen, sobald der kleine Groll ausgestanden ist.

Hoho, sagen die Leute, zu denen es sich herumgesprochen hat. Du bist in die Villa Massimo eingeladen. Was will einer mehr. Und nun sitze ich Glückspilz vor der Villa und will da partout nicht hineinspazieren. Fühle mich nicht wie der Auserkorene, eher fehl am Platz und kurz davor, in die Falle zu tapsen. Dreißig Jahre früher wäre ich hier mit Freude aufgeschlagen, um meinen Kopf aus der Anonymität der literarischen Szene zu zwängen. Da stand ich noch ganz am Anfang. Da probierte ich vielerlei aus. Da verfasste ich kurze Texte und brachte sie umgehend zur Aufführung. Da waren alle Orte, Bahnhöfe, Parkplätze, Eisdielen, Markthallen, Schrebergartenanlagen, für mich Lesesäle und für den Vortrag meiner Texte bestens geeignet. Da parodierte ich andere Autoren und arbeitete mit einigen von ihnen zusammen. Da versuchten wir, uns mit Lyrik und Gesang Gehör zu verschaffen. Wäre damals gerne mit den Verrückten um mich herum in die Villa eingerückt und mit ihnen als künstlerischer Bande in Rom unterwegs gewesen, um die Leute hier zu amüsieren, zu bereichern, zu erreichen, zu schrecken und zu überraschen, um sie zu verunsichern, wie ich jetzt verunsichert bin und vom tiefen Gefühl geleitet, hierher verladen, unangebracht, verloren zu sein. Breitet sich eine nie zuvor erlebte Unlust in mir aus, deren Ursache ich nicht kenne. Bemerke eine fremde Macht in mir, die aus ihrem sicheren Versteck heraus gegen mich antreten und Herrschaft über mein Denken und Fühlen gewinnen, mein Handeln beeinflussen möchte.

Vergeht eine gefühlte Unendlichkeit, ehe ich mich von der vermeintlichen Unpässlichkeit erhole, die Schwäche überwinde, mich aufrichte, den Koffer schnappe und den Klingelknopf drücke, um schließlich doch noch durchs offene Portal zu treten. Und ich denke, während das Tor sich hinter mir wieder automatisch schließt, teils angetan, teils ernüchtert, nur eines, nämlich:

Das also ist sie nun, die stolze Villa.

Und nenne sie fortan nicht mehr Villa Massimo, sage Massivo zu ihr. Bleibe auf dem Kiesweg stehen. Weiß nicht genau, wie lange ich dort verharre und mir rechts, links die sattgrünen, spitz zulaufenden Bäume anschaue, die wie zum Spalier aufgereihte, schreibtafelgrüne Bleistifte aus der Schulzeit dastehen; spießige Ruten sind es. Anders kann ich sie Dir nicht beschreiben. Sehen wunderschön aus, sind aber genau das für mich. Weiß Dir keinen guten Grund zu benennen dafür, dass ich Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß im Kopf habe und so laut wie ich kann singe: Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön.

Höre eine Möwe rufen:

Bin schon da.

Ist die Möwe Gabbi. Erkenne sie an ihrem Schrei. Erwartet mich bereits. Fliegt mir voraus. Ist gut, sie hier zu wissen. Wird auch hier über mich wachen. Will mich besänftigen, bestärken, überreden, doch mutiger hereinzuspazieren, die zehn Monate auszuhalten, dort zu bleiben, mich mit den Umständen gütlich zu arrangieren, den inneren Groll zu unterdrücken.

Gehe also von der Möwe angestachelt los. Höre den Kieselteppich unter meinen Sohlen knirschen. Hört sich spottend an. Höre meinen Rollkoffer, der sich bemerkbar macht, die Regie übernimmt. Mischt sich ein, indem er stockt, klemmt, nicht richtig rollen will, wie übel gelaunt eine schwarze Schleifspur anrichtet, von Missklang begleitet. Überhöre es. Ziehe den mürrischen Koffer nach. Lege mit jedem weiteren Schritt meine Alltagskluft ab. Schlüpfe in eine Art Anstaltshemd, das aus einem derberen Stoff geschneidert ist, um meinen inneren Groll zu verstecken.

Lange am Hauptgebäude an, das da zur linken Flanke hin wie ein großer Pott festgemacht liegt. Oben auf dem Dach sitzt Gabbi, meine olle, ewig gute Möwe. Schaut mir zu, wie ich an den hohen Bäumen vorbei zur flachen Treppe gehe, den grollenden Koffer wohlweislich abstelle, um dann an der Glasfront wie der neugierige Knabe, die Hände über die Augenbrauen haltend, ins Gebäude hineinzublinzeln. Durch die Scheibe hindurch blicke ich auf eine zweite Glasfront, hinter der ein Brunnen mit tropfnassen Pflanzen zu sehen ist.

Betrete schließlich das Innere des Gebäudes, lande in einem Büro, von drei schwarzhaarigen Frauen besetzt, die hinter schmalen Tischen an Computern sitzen und zugleich zu mir aufschauen, mich mit unverbindlichen Begrüßungsgesten empfangen.

Eine von ihnen sagt, ich solle ihr nach draußen folgen. Dort schnappe ich mir den bockigen Koffer, der weiter eine dunkle Spur ins Kiesbett fräst, die meinem Unbehagen entspricht. Die Spur solle uns nicht bekümmern. Sie werde, sagt die Schwarzhaarige mütterlich gestimmt zu meinem Koffer, von den angestellten Wegbereinigern getilgt, dass nichts mehr von ihr zu sehen sei. Und mir ist, als wäre der Koffer hernach ein bisschen sanfter gestimmt.

Hat jetzt, wo ich drüber nachdenke und in diesem Briefbericht für Dich zusammenfasse, alles miteinander zu tun. Schönheit, Schock, Unbill, Fügung. Ist mir damals recht seltsam erschienen, meine Ankunft dort. Klingt für Dich vielleicht wie an den Haaren herbeigezogen, wenn ich Dir gegenüber behaupte, jene Kratzspur, die mein Koffer vom Eingangstor bis zum Haupthaus und von dort aus bis zum Studio neun im Kiesel hinterließ, ist mir als ein knirschendes, unheilvolles Vorzeichen erschienen. Weiß bei meiner Ankunft sofort, dass ich hier drinnen in keiner besseren Welt bin. Kann kein Ort so autark und abgeriegelt sein, dass die Welt von draußen nicht einsickert. Ist die empfindliche Seele, denke ich. Bildet mit dem inneren Groll zusammen ein ungutes Paar.

Am Studio bekomme ich die Funktion des Funksignalschlosses vorgeführt, dass da ein Lichtpunkt am Riegel grün aufleuchten müsse, ehe ich hineingelangen könne. Ich soll es ausprobieren. Sie müsse sich überzeugen, dass ich die Sache im Griff hätte, das Schloss funktioniere, sagt die Schwarzhaarige. Und ich tue, wie von mir gefordert. Stelle drinnen den Koffer ab, froh darüber, ihn los zu sein. Bekomme den hellen, riesigen Hauptraum gezeigt, der über sechs Meter bis zur Decke misst und einst zum Errichten von Reiterstandfiguren gedacht war. Als die Männer schwarze Zylinder trugen und Frauen der Zutritt verboten war.

Ich blicke nur einmal kurz in den Raum, nehme ihn zur Kenntnis und weiß sofort, dass ich mich dort nicht aufhalten werde. Zu groß, die Halle, um in ihr ein Eckchen zum Schreiben einzurichten. Nicht auszufüllen durch meine Person. Unbespielbar für mich. Ich folge lieber der Schwarzhaarigen die Steintreppe hinauf.

Das hier ist das Bad. Hat leider keine Wanne.

Ist schon ein Mangel. Denn ich sitze gern einmal im Monat in der heißen Badewanne, mit viel Schaum um mich herum, um abzuschalten, einzutauchen in meine Gedankenwelt. Ist gut für mich, nur dazuliegen und langsam alles auszuschwitzen, was sich in mir abgelagert hat. Inneren Dampf ablassen durch das Dampfbad. Werde zehn Monate lang ohne den kleinen Komfort auskommen müssen, denke ich missgelaunt, während mir ein seitlich gelegenes Zimmer gezeigt wird, das andere Insassen, wie mir die Schwarzhaarige erklärt, gern für Besucher nutzten. Eine feine, kleine, quadratische Stube, die ich als mein Cockpit erwähle. Werde dort sitzen und abheben, mich als Flugschreiber betätigen, in Schreibmodus geraten, die Blackbox füllen. Das Doppelbett kommt als Erstes raus und wird durch ein Feldbett ersetzt. Den Koffer werde ich in den Einbauwandschrank sperren, den Tisch ans Fenster rücken. Der Fernseher wird mir die zehnmonatige Haft versüßen helfen.

In der Küche öffnet die Einweiserin sämtliche Schubladen, Schränke, liest von einer Liste die Anzahl der Teller, Tassen, Schüsseln, Gläser, Messer, Löffel, Gabeln ab. Geht mit mir das Küchenzubehör durch. Gehe davon etwas zu Bruch oder komme abhanden, müsse ich dafür geradestehen und löhnen. Ich unterschreibe die Liste wie eine Kapitulationsurkunde, die Schwarzhaarige verabschiedet sich.

Dieser nicht zu erklärende Groll zieht mit mir ins Studio neun ein. Versuche, ihn auf Abstand zu halten. Verweise ihn in seine Grenzen. Ist nicht richtig vorhanden, nicht wegzudenken. Schwer, ihn Dir zu erklären. Lebt außerhalb von mir. Ist ständig in meiner Nähe. Ist er erst groß, wird man ihn nimmer los, höre ich Großmutter sagen.

Lass mich in diesem Zusammenhang über den Tod und das Verschwinden reden. Von dieser seltsamen Begegnung, die ich vielleicht schon mal erwähnt habe. Als ich mit Freunden am Meer spazieren war und uns der Nachbar begegnete, erst an uns vorbeiging, dann stoppte, zu uns trat, um uns etwas anzuvertrauen, von dem er behauptete, es wäre sein letztes Geheimnis. Sagte, dass er, wenn es bei ihm so weit wäre, er abtreten müsse, es so einrichten könne, dass er spurlos verschwinden würde, für alle Zeiten unauffindbar. Wir sollten es schön für uns behalten und erst, wenn sie nach ihm zu suchen anfingen, ihnen stecken, dass es umsonst sei. Wir rätselten darüber, wohin er verschwinden wollte, und entschieden uns für die wahrscheinlichste Variante: Er würde mit dem Boot hinausrudern, um dann, an einen großen Stein gebunden, ins tiefe Meer zu springen.

Ist Jahre her, das Ganze. Geistert mir immer noch im Kopf umher. Weil der Nachbar dann, wie er es vorausgesagt hat, spurlos verschwunden, nicht wieder aufgetaucht und für tot erklärt worden ist. Suchen mich in den letzten Monaten viele solcher Erinnerungen auf. Werde sie Dir nicht verschweigen. Rede darüber, was mich im Kopfe wie ein Mühlrad bedrängt. Ist an diesen Gedanken für Dich am ehesten die innere Verunsicherung zu ermessen, die mich befallen hat, und zu ersehen, wie angeschlagen ich bin.

Ist schwer, über alles zu berichten, was mir durch den Kopf geht. Gelingt mir nicht, Struktur hineinzubringen. Kann mich nicht sortieren. Fehlt mir an Konzentration. Bringe keine Ordnung in die Notizen. Versuche erst gar nicht, Reihenfolge und Übersicht zu schaffen und zu bestimmen, was wichtig/nichtig ist. Muss aber meinen Kopf entleeren, ausschütten. Stülpe die Taschen nach außen. Schütte den Inhalt aus. Packe alles auf den Tisch. Sind Kugeln, Blasen, Tropfen, Körner, Tränen. Wirbeln Gedankenflocken in meinem Schädel wie Schneegestöber. Muss das tun. Muss Ballast abwerfen. Brauche Dich als meinen Zuhörer. Bist meine Halde, seelische Deponie. Werde sonst von innen her aufgefressen.

Herrschte eine tiefergehende Blockade, so noch nicht erlebt. Brachte lange nicht eine Zeile zu Papier. Hörte auf, in Büchern zu lesen. Konnte an keinem begonnenen Manuskript weiterarbeiten. Kam all meine Schöpferkraft zum Erliegen. War phasenweise weniger Zukunft vorhanden in mir als je zuvor. Überwinde mich jetzt immer wieder. Muss in den kurzen Zeiten, in denen es mir möglich ist, alles aufschreiben, formulieren und loswerden, was mich bewegt, um neu zu beginnen, abzuwägen, was erledigt werden will. Lieber jetzt, ehe es später nicht mehr von mir betrieben werden kann. Bin nun aus dem Gröbsten heraus. Lebe nicht mehr im Ungewissen. Gewinne alte Hoheit zurück. Entwickle langsam wieder Muße, ausführlicher zu werden. Lege in dem Brief an Dich mit neu erwachter Energie verschiedene Facetten frei, gehe mit Lust am Fabulieren ins Detail. Rufe Dir zu: Freue Dich, fühle Dich gemeint. Denn Du bist nach meinem langen Schweigen die erste Person, bei der ich mich melde.

Muss mir und Dir gegenüber nun eingestehen, dass ich auch in der ersten Villa-Zeit schriftstellerisch absolut tatenlos gewesen bin, ich habe in den ersten sieben Monaten dort das Geld des Stipendiums einkassiert und nichts weiter dafür getan, als vor dem Hinterheraus auf der Treppenstufe zu hocken und die graue Blechpforte auszuspähen. Kann es jetzt freiweg ausposaunen. Muss mich nicht weiter in Schutz nehmen oder mir Ausreden dafür einfallen lassen. Denke von mir, dass ich, von Groll befallen, den ich nicht absondern, ausspucken, zertreten kann, mich immerhin recht gut gehalten habe.

Komme mir absolut nicht seltsam vor. Entschuldige mich nicht für mein Benehmen. Schiebe alles auf den inneren Groll, der mich diese Albernheiten praktizieren ließ und von der Schreiberei abhielt, mehr noch, mir eingetrichtert hat, dass sie unnütz sei, mich nicht wirklich interessiere, sondern nur beschäftige, damit ich keinen anderen Unsinn anrichte. Sind von mir im Verlauf der Zeit so einige mutige Vermutungen darüber angestellt worden, was mich so hat sein lassen, wie ich war. Sage Dir auf den Kopf zu, wie es nunmehr zu bewerten, einzuschätzen und auszudrücken ist. Habe mich verschiedentlich selbst observiert, ausspioniert und verhört, um herauszufinden, was mich so verdreht hat handeln lassen. Bin aber nie weit genug vorgedrungen, um an die böse Quelle allen Leids zu gelangen, von der ich Dir noch berichten werde, habe lang nicht verstanden, was meinen Körper besetzt hält, in mein Hirn vorgedrungen ist und gar schon begonnen hat, mir die Sicht auf die Welt zu verzerren.

Dieser miese, kleine Groll, denke ich da noch, mischt sich in mein Tun ein. Sorgt dafür, dass mein Interesse an dem, was mein Leben vorher ausgemacht hat, nämlich zu schreiben, mit der Ankunft in der Villa auf null abflaut.

Treibt mich an. Bringt mich auf Trab, ohne dass ich davon weiß. Lässt mich unruhig sein, mein Schreibhandwerk nicht ausüben, zum Herumtreiber werden. Verbringe undenkliche Zeiten in Gassen, Straßen, Winkeln, Parks. Kehre in die Villa zurück. Lasse mich auf der Treppenstufe nieder. Verbringe den Rest des Tages damit, die Blechpforte im Auge zu behalten. Bin damit beschäftigt, die Leute hereinkommen und wieder herausgehen zu sehen. Erfreue mich an der sich täglich wiederholenden Reihenfolge, in welcher die Mitarbeiter, Angestellten das Gelände betreten und über den schmalen Pfad an den lieblichen Lorbeerhecken vorbei in ihren dienstlichen Bereich streben; in die Gärtnerei, das Waschhaus und über den Parkplatz zu den Büros im Haupthaus. Schreibe mir auf, wann sie das Gelände betreten und nach getaner Arbeit durch die Pforte wieder abgehen.

Außer der Reihe wird das Blechtor unerwartet und nicht vorhersehbar von den anderen Erpetes benutzt, die das Gelände der Villa durch die hintere Pforte verlassen, wollen sie zum Bologna-Platz, zur dort ansässigen Post, zu dem kleinen Café, die Straße hinunter zur wirklich empfehlenswerten Eisdiele, zum Fischgeschäft gegenüber oder zu dem schönen Markt um die Ecke, von dem die Direktorin so schwärmt, oder rasch ausbüxen, um einfach mal so zu verschwinden.

Die erste Regel des inoffiziellen Anstandes besagt, sich nicht Stipendiat zu nennen, sondern besser Rom-Preisträger, von mir mit RPT abgekürzt und Erpete ausgesprochen. Aber das nun wirklich nur nebenbei erwähnt, nur, damit Du Dich nicht dauernd fragen musst, wer oder was ein oder eine Erpete sei.

Stehe vor allen anderen Bewohnern früh auf. Breche aus. Entferne mich. Fliehe regelrecht. Trinke am Bologna-Platz den ersten Espresso. Sitze vor dem Café. Bin damit beschäftigt, die Frühaufsteher um mich herum zu betrachten, ihre morgendlichen Gesten, kurz angebundenen Worte zu registrieren, nichts davon aufzuschreiben, alles im Kopf bewahrt mit mir durch die Tage und Wochen herumzutragen. Starte nach dem Kaffee meine Spaziergänge immer zur selben Uhrzeit. Laufe drei Stunden lang die von mir zufällig gewählten Strecken. Kehre schließlich um, trete nicht den gleichen Rückweg an, sondern schlage mich seitwärts in die Gassen, um mich in ihnen überraschen zu lassen und Langweile zu vermeiden. Ich orientiere mich dabei am Stand der Sonne. Sehe mich im Gehen nach allen Seiten um. Stelle flüchtigen Kontakt zu den Dingen her, an denen ich vorbeikomme.

Das städtische Zentrum ist ein Laufband. Wie Ameisen sich um eine Süßigkeit tummeln, versammeln sich Massen um die geringsten Sehenswürdigkeiten.

Aus meinem Tagebuch

Laufe aus einem tiefen Bedürfnis heraus. Wandere zuerst dorthin zurück, wo ich beim letzten Spaziergang aufgehört habe. Erkunde von da aus wie der Spürhund das neue Terrain. Kommt bei meiner groß angelegten Flucht aus der Villa ein sehr eigener, höchst persönlicher Stadtplan in meinem Kopf zustande. Stehen viele Plätze, Orte, Stationen, Ecken und Refugien dort eingetragen, die ich für mich behalte, nicht weiterempfehle. Nehme auf meinen Touren nur die Marktschreier, Obdachlosen, Postboten, Müllmänner, Reinigungskräfte wahr. Sind mir wichtiger als all die von Millionen besuchten Sehenswürdigkeiten. Beschränke mich bei meinen Begegnungen mit ihnen auf kurze Blickkontakte. Registriere ihr Vorhandensein. Beäuge ihr Tun. Ist meine Art, Hallo und Daseidihrjawieder zu ihnen zu sagen. Laufe herum. Ergehe mich. Lege große Fußmärsche hin. Merke mir unscheinbare Details. Halte manchmal an. Bleibe stehen. Setze mich hin.

Wobei ich sagen muss, die Formulierung spazieren gehen trifft es in meinem Fall nicht ganz. Gescheiter ist es, von mir zu behaupten, ich erliefe mir die Stadt, sei ein Spazierläufer. Die Ewige Stadt systematisch zu erlaufen ist die tägliche Herausforderung für mich. Ist ein praktikabler Ersatz fürs Schreiben. Laufe zur Höchstform auf. Erweitere meinen Radius. Ist keine Leerlaufzeit. Bin unterwegs. Finde Orte zum Verweilen. Erde mich. Bin vom Schreiben befreit, mit den vom Schreiben befreiten Sinnen in der Stadt unterwegs. Bin am Abend abgelaufen. Lege mich früh zu Bett und bin dann früher als all die anderen wach und flugs auf meinen Beinen.

Komme in den ersten Monaten in der Villa nicht wie gewohnt zu mir. Probiere es aus und greife nach dem Erwachen, noch im Bett befindlich, zum Laptop, um, das Kopfkissen zwischen Rücken und Wand gestellt, draufloszuschreiben. Bekomme Krämpfe in den Fingern. Schlafen mir die Arme ein. Kribbeln. Werde vom Schwindelgefühl befallen. Weiß plötzlich nicht mehr, was ich schreiben wollte, warum ich am Laptop sitze, will mit Buchstaben und Schrift nichts zu schaffen haben. Klappe den Laptop zu. Rühre das Notizheft nicht an. Verschiebe das Vorhaben, von dem ich nicht weiß, welches es ist. Sage mich los von der Pflicht zur Schreibarbeit. Muss das große Studio verlassen. Mag nicht in ihm verweilen. Kann nicht einmal in die Bibliothek des Hauses ausweichen, dort herumsitzen, wie mir vom guten Geist des Hauses geraten worden ist, weil es sich dort wunderbar abgeschieden, ungestört arbeiten lasse. Bin da mit dem Kopf zur Tür hinein und habe umgehend den abgestandenen, alten Bücherstaub gerochen. Ist nix für mich. Dreht mir die Luft ab. Halte es mit den Staubfängern, wie Großmutter die alten Schinken genannt hat, nicht aus.

Springe morgens, vom Gedanken ans Schreiben vollkommen befreit, aus den Federn. Dusche und ziehe mich an. Fülle ausgehfertig meine Brotbüchse wie in der Schulzeit mit Käsehappen, einem hart gekochten Ei, Radieschen und Vollkornbrot. Und verschwinde dann auf leisen Sohlen durch die graue Blechpforte. Bin aller Sorgen entledigt dann den Rest des Tages ein Stadtläufer, so, wie ich sofort zum Strandläufer werde, bin ich an der Ostsee zu Besuch. Laufe genauso zielgerichtet ziellos auch in der Ewigen Stadt umher, um mit den Füßen ein Porträt von ihr zu erhalten. Bin ein Dauerspaziergänger. Halte mich an Jean Paul, denke mir: Am größten wird Rom durch Gehen; und wenn du ein Stück erfahren hast, so liegt ein neues vor dir.