Streichholzschachteltheater - Michael Frayn - E-Book

Streichholzschachteltheater E-Book

Michael Frayn

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Beschreibung

Ein Mitarbeiter des Nobelpreiskomitees versucht verzweifelt, die frohe Botschaft zu überbringen. Ein Kontraphonspieler will im hintersten Orchestergraben seinen Einsatz bei Takt 973 keineswegs verpassen, und Lady Hillarye und Sir Geoffrye verbringen streitend ihre letzte Ruhe in einer Gruft.Michael Frayn ist ein Meister britischen Humors und sein Streichholzschachteltheater bietet eine vergnügliche Show in 30 zündenden Unterhaltungen und Monologen, die nur darauf warten, im kleinsten Theater der Welt, in Ihrer Phantasie, aufgeführt zu werden. Frayn bietet die Vorlage, Sie sorgen für Getränke und Eiscreme. Und ein kurzweiliger unterhaltsamer Abend ist garantiert.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Michael Frayn

Streichholzschachtel- theater

Dreißig zündende Unterhaltungen

Aus dem Englischen von Michael Raab

DÖRLEMANN

Die Originalausgabe »Matchbox Theatre« erschien 2014 bei Faber & Faber in London. Anmerkung des Autors: Zwei dieser Sketche, Geteiltes Vergnügen und Außenreportage, erschienen in früheren Sammelbänden, sind aber bisher noch unaufgeführt. Zwei weitere, Auf den Punkt und Zwischen den Stühlen, wurden in einer Tournee-Inszenierung als Teile von Ping Pong gespielt, sind jedoch noch unveröffentlicht.Tea für wen? basiert mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber auf Tea For Two, Text von Irving Caesar, Musik von Vincent Yeomans, © 1924 (erneuert) Irving Caesar Music Corp. (ASCAP) und WB Music Corp. (ASCAP). Alle Rechte vorbehalten. Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten © 2014 Michael Frayn © 2015 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-908778-62-2www.doerlemann.com

Willkommen im Streichholzschachteltheater!

Bitte stellen Sie sicher, dass Ihre Handys und weiteren elektronischen Geräte alle angeschaltet sind. Ihre Anrufe sind uns wichtig!

Fotografieren Sie während der gesamten Vorstellung und blockieren Sie gerne die Gänge. Lassen Sie Ihr Gepäck unbeaufsichtigt! Essen Sie! Trinken Sie! Schlafen und schnarchen Sie! Rennen Sie ruhig mittendrin raus, wenn Ihnen danach ist, klappen Sie dabei Ihre Sitze möglichst laut nach oben und knallen Sie die Ausgangstüren beherzt zu!

STREICHHOLZSCHACHTELTHEATER UNTERSTÜTZT ENERGIESPARENDE UND DEN STRASSENVERKEHR ENTLASTENDE MASSNAHMEN

Schlafende

Ein Grabmal. Sir Geoffrye de Frodsham und Lady Hilarye liegen bewegungslos Seite an Seite, ein Hündchen zu ihren Füßen.

Etliche Jahre vergehen. Dann wummert Rockmusik durch die Mauern.

Geoffrye? Du bist doch wach. Ich hör’s an deinem Atem. Tu nicht so, als ob du schläfst. Bei dem Krach kann keiner schlafen … Geoffrye!

Hm?

Es geht schon wieder los. Mach was. Geh runter in die Krypta und rede mit ihnen.

Es hört gleich auf.

Von wegen, die machen die ganze Nacht durch … Hämmer wenigstens auf den Boden.

Hämmer du doch.

Wer hat denn hier ein Schwert? Ich dreh noch durch!

Sie werden gleich beten.

Beten? Während der Disco?

Es ist keine Disco.

Und ob es eine Disco ist!

Es ist die musikalische Abendandacht.

Was faselst du da?

Die musikalische Abendandacht! Macht er für die Jugend! In der Krypta!

Am Samstagabend?

Am Sonntagnachmittag.

Es ist Samstagabend.

Es ist Sonntagnachmittag.

Du hast jedes Zeitgefühl verloren. Sonntagnachmittag!? Es ist dunkel!

Es ist Winter!

Es ist Sommer!

Es ist Winter!

Seit wann hält er denn die musikalische Abendandacht in der Krypta?

Seit 1997.

Ist mir noch nie aufgefallen.

Du hast geschlafen.

Bei dem Krach?

Du hast auch den ganzen Zweiten Weltkrieg verschlafen … Es hat jedenfalls aufgehört. Hab ich doch gesagt.

Gleich geht’s wieder los.

Hm.

Mach dich nicht lächerlich. Du schläfst nicht. Ich seh’s an deiner Haltung.

Was für eine Haltung denn?

Keine Schlafhaltung. So schläft keiner.

Ach ja?

So steif und unnatürlich. Die Hände zusammengepresst. Selbst du nicht.

Nimm eine Tablette.

Keine Ahnung, warum du diese Schlafnummer abziehst, wenn es angeblich Nachmittag ist.

Hast du keine Tablette?

Woher soll ich denn eine Tablette haben?

Vielleicht hat sie der Hund gefressen.

Lass den Hund aus dem Spiel.

Dieser Hund hat hier nichts verloren.

Er hält mir die Füße warm.

Kein Wunder, dass wir nicht schlafen können. Bei den ganzen Flöhen.

Irgendwas muss mich ja warm halten.

Was soll jetzt das wieder heißen?

Nichts.

Nichts. Oh.

Was sollte es denn deiner Meinung nach heißen?

Nichts.

Dann ist ja gut.

Dauernd sagst du Sachen, die nichts bedeuten.

Jedenfalls besser, als dauernd gar nichts zu sagen. Das ist deine Spezialität.

Ich sage also nie was. »Dauernd gar nichts« – interessante Formulierung. Das mach ich? Dauernd gar nichts sagen?

Nichts sagen, nein. Nicht reden.

Ich liege also stumm da.

Hört sich jedenfalls so an.

Ja, was denn nun? Ich warte immer noch auf eine Antwort.

Auf was wartest du?

Den Jüngsten Tag.

Ist schon komisch. Alle halten uns für das perfekte Paar.

Wer hält uns für das perfekte Paar?

Die Kirchenbesucher.

Das liegt daran, dass du schön die Klappe hältst, wenn jemand da ist.

Genau wie du.

Klar doch. Wenn jemand da ist.

Jemand wie ich.

Eins kann ich dir sagen: Gesprächiger als der Hund bin ich allemal.

Also, wenn du nichts Vernünftiges zu sagen hast, schlafen wir besser.

Ich denke, du kannst nicht schlafen?

Kann ich auch nicht. Ich liege hier seit 1934 wach! Was?

Hab nichts gesagt.

Aber gedacht. Dann kannst du’s auch ruhig laut sagen. Ich kann nicht schlafen, wenn du hier liegst und grübelst.

Was grübel ich denn?

Weißt du sehr wohl. Und es stimmt nicht! Ich hab den Zweiten Weltkrieg nicht verschlafen!

Vielleicht war’s ja auch der Erste.

Und dann hampelst du dauernd rum.

Ich liege hier stocksteif …

Du knirschst mit den Zähnen.

Wie soll ich denn mit den Zähnen knirschen, wenn ich rede?

Hör dir doch bloß zu! Krach, bumm! Wie Mühlsteine!

Das sind meine Lider. Ich hab die Augen zugemacht.

Gleich kriegst du wieder einen Krampf.

Ich krieg nur Krämpfe, wenn ich dran denke.

Und dann geht das Gehampel los!

Ich denke nicht dran, das kannst du vergessen.

Wie von der Tarantel gestochen schießt du los.

Ich denke nicht dran!

Hopst wie ein Frettchen im Sack durch die Kirche … Gleich geht’s los …

Au!

Da! Sag ich doch! Das ganze Grabmal hat’s durchgeschüttelt!

Es ist immer dasselbe mit dir!

Trampelst hier auf dem Boden rum. Sie hören dich noch in der Krypta!

Grad eben sollten sie mich doch noch hören?

Nicht, wenn sie ruhig sind. Sonst fangen sie nur wieder an! Ist schon komisch. Ich bitte dich, Lärm zu machen – und nein danke. Kaum passt es dir in den Kram – aber gerne – trampel, trampel, trampel!

Au!

Geh zum Arzt! Lass dir ein paar Tabletten verschreiben! Andere Männer führen sich nicht so auf! Die liegen ganze Jahrhunderte ruhig auf ihrem Grabmal, ohne so eine Show abzuziehen! Das letzte Mal war’s mitten im Gottesdienst! Leute waren da! Du hast dich voll zum Affen gemacht. Alle dachten, du bist total durchgeknallt. Davongerannt sind sie. Und er musste hier einen Exorzismus veranstalten!

Das ist doch ewig lange her.

Sonntag vor einer Woche!

Der zweite Fastensonntag war’s. Ich erinnere mich an die Predigt.

Oh, du erinnerst dich also an die Predigt? Erstaunlich, dass du überhaupt was gehört hast, bei deinem ganzen Gehopse und Gegrapsche.

1885.

1885?

1885.

Du verwechselst da was. 1885 hast du die Fledermausscheiße abgekriegt.

Die Fledermausscheiße hab ich abgekriegt und einen Krampf.

Muss ja ein ereignisreiches Jahr für dich gewesen sein.

War es auch.

Ich hätte eher 1923 gedacht. Als deine Nase dran glauben musste.

Meine Nase? Das war 1723! Nicht 1923!

1723?

Wir verlieren den Überblick, altes Mädchen. Die Jahrhunderte verschwimmen ineinander.

Ach, Geoffrye! Was ist nur mit uns passiert?

Mit uns passiert? Gar nichts! Das ist ja das Problem!

Du schaust mich nicht mehr an.

Ich seh auch nicht, dass du mich anschaust.

Weil du nie schaust, um zu sehen, ob ich dich anschaue.

Steifer Hals.

Es gab mal eine Zeit, da hast du mich angeschaut.

Lass uns schlafen.

Wir sind ausgegangen.

Aus?

Manchmal. Ab und zu.

Was, die Straße runter zu Sankt Ethelberts, Ethelbert besuchen?

Wir haben bei Henry und Catherine vorbeigeschaut, in dieser kleinen Seitenkapelle.

Totale Langweiler, die beiden.

Erst nach Cromwell.

Kein Vergnügen, mit Leuten ohne Gesicht zu reden.

Aber vorher. Wir haben getanzt.

Getanzt? Wann war das denn?

Ist lange her. Bevor wir so steif wurden.

Oh. Damals.

Du warst ein guter Tänzer.

Wirklich?

Wenn du erst mal in die Gänge kamst. Aber am ersten Abend …

Wolltest du nicht mit mir tanzen!

Du hast mich nicht aufgefordert! Du bist nur dagestanden! Wie ein Ölgötze! Wie eine Statue! So hätten wir die nächsten 600 Jahre stehen können, anstatt zu liegen!

Aber schließlich …

Haben wir getanzt.

Und was ist dann passiert?

Wir standen in der Kirche.

Ja. Irgendwo da drüben.

Vor dem Altar.

Und es gab Musik.

Glocken läuteten.

Die Kirche war voller Leute.

Es gab einen Ring.

Und einen Kuss.

Wir sind durch die Menge hindurch aus der Kirche gegangen …

Und dann …

Es gab ein Bett.

Wir haben uns auf das Bett gelegt.

So.

Und dann ist etwas passiert.

Ja. Etwas ist passiert …

Unsere Gelenke sind eingerostet.

Ja, aber vorher … Manchmal, da hast du doch …

Hab ich was?

Du hattest die Hände nicht immer so zusammengepresst.

Na ja, also, manchmal hast du auch ein bisschen was mit deinen Händen gemacht.

Du hast eine deiner Hände auf mich gelegt.

So?

Genau so.

Schön. Schön?

Schön.

Sehr schön … Und was ist dann passiert?

Wir haben vierzehn Kinder gekriegt. Aber einmal … einmal … an Gründonnerstag …

Oh, Gründonnerstag.

Du erinnerst dich?

Ich erinnere mich an diesen Gründonnerstag.

Gründonnerstag 1774.

1774 … Das war ein gutes Jahr … 1774 hat mir gefallen …

Ich glaube, ich habe meine andere Hand ein bisschen lockern können … Geoffrye?

Hm?

Hör mal, Liebling … Geoffrye …? Du bist doch nicht etwa eingeschlafen …? Oh, nein, jetzt haben diese Teufel in der Krypta wieder angefangen! Geoffrye! Mach was! Hämmer auf den Boden!

Was? Was ist los?

Wach auf!

Ich bin wach. Ich habe nur geträumt, dass ich schlafe …

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