Streiflichter meines Lebens - Gerhard Maier - E-Book

Streiflichter meines Lebens E-Book

Gerhard Maier

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Beschreibung

Der ehemalige württembergische Landesbischof Gerhard Maier reflektiert in seiner Autobiographie offen und ehrlich, wie Gott ihn rief, in allen Höhen und Tiefen versorgte, und gibt Einblicke in seine Erfahrungen. Seine Leidenschaft für eine missionarische Kirche, das feste Vertrauen in die Bibel und die große Dankbarkeit über die immer wieder erfahrene Nähe Gottes bilden den Grundtenor dieses besonderen christlichen Lebenszeugnisses.

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Gerhard Maier

STREIFLICHTERMEINES LEBENS

Ursprünglich sollte Gottgar nicht vorkommen

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7455-8 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-5915-9 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2019 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: [email protected]

Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:

Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe,

© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter,

www.grafikbuero-sonnhueter.de

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

INHALT

Über den Autor

I. Frühe Erinnerungen

II. In der Mitte der Jugend

III. Studium, Universität, Theologie

IV. Baiersbronn

V. Albrecht-Bengel-Haus und Tübinger Jahre

VI. Ulmer Prälatur

VII. Bischofszeit

VIII. Die Zeit danach

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

ÜBER DEN AUTOR

Prof. Dr. Gerhard Maier (Jg. 1937) zählt als Jurist und Theologe, Autor und Herausgeber zahlreicher Bibelkommentare, ehemaliger Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen, Landessynodaler, Ulmer Prälat und Landesbischof zu den Vertretern des jüngeren Pietismus. Er ist verheiratet und Vater von vier Söhnen.

Dies ist keine umfassende Biografie. Dafür fehlen zu viele Dokumente und Erinnerungen. Ich musste auch vieles auslassen, weil es noch lebende Personen betrifft.

»Einige Streifzüge durch mein Leben« trifft den Inhalt am ehesten. Eine Überzeugung aber ist mir geblieben:Unser beider Leben, das meiner Frau und meines, ist das unglaublichste und spannendste.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

I. FRÜHE ERINNERUNGEN

Unsere Familie bildete einen festen Verband. Meine Großeltern mütterlicherseits, Johannes und Katharina Witzemann geb. Wolf, die beiden Brüder meiner leiblichen Mutter, Friedrich und Hermann Witzemann, natürlich meine Eltern Heinrich und Maria Maier gehörten dazu. Bei meinem Vater lebte noch längere Zeit dessen Vater Karl Maier. Seine Mutter Berta, geb. König, war relativ früh verstorben. Karl Maier hatte wieder geheiratet, und seitdem war die Familie meines Vaters mehr und mehr auseinandergefallen. Damals wohnte der väterliche Großvater schon nicht mehr in Ulm, sondern in Herrlingen im Blautal.

Unsere Heimat war Ulm. Aber nur mein Vater war echter Ulmer. Ursprünglich stammte seine Familie aus Essingen auf der Ostalb, zog dann nach Heidenheim und schließlich nach Ulm. Schon mein Urgroßvater Matthäus Maier lebte in der Donaustadt. Das alles wussten wir durch die Ahnenforschung, zu der die Nazis zwecks Ariernachweis gezwungen hatten.

Für das kleine Kind sind alle diese Dinge ohne Interesse und großenteils unbekannt. Erst im Mittelalter des Lebens erkennt der Mensch, wie sehr er durch seine Ursprünge geprägt wird. Es ist, als ob die Generationen nach und nach wieder aufstünden. Für die Jugend ist Geschichte ein kognitiver oder romantischer Gegenstand. Für die Älteren erwacht eine andere Wissbegierde und Emotion, die manche Offenbarungen mit sich bringt.

Mein Großvater mütterlicherseits wuchs in Belsen im Steinlachtal auf, einem uralten Ort, außerdem der erste Ort jenseits der schwäbisch-alemannischen Sprachgrenze. Mit vierzehn Jahren verließ er Belsen, wanderte zu Fuß bis Mailand und wieder zurück in die Schweiz. Er blieb in Horgen am Zürichsee. Dort lernte er Schuhmacher. Die Wehrdienstverpflichtung brachte ihn zurück nach Deutschland. Er war ein begeisterter Reiter, Ordonnanz beim Reitergeneral von Hiller und ritt dessen Pferde zur Schwemme in der Donau. So, mit seinen Pferden, lernte ihn meine Großmutter kennen. Er sprach wenig, war stets ruhig und gefasst. Als ich vor Angst in den Bombenkeller rannte an jenem schrecklichen 17. Dezember 1944, lachte er mich aus. Jahrelang erhielt er von mir nur ein einziges Geburtstagsgeschenk: Schnupftabak. Ob er fromm war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er in den Keller ging und dort Choräle sang, wenn er wütend war. Als er vor seinem Tod wochenlang dalag, fragte er mich – ich war damals schon Abiturient – einige Male nach Jesus. Was ich erzählte, machte ihn dann ruhiger. Bis zuletzt blieb er stocksteif aufrecht. Im Garten kümmerte er sich vor allem um die Obstbäume – vielleicht ein Erbe von Belsen?

Meine Großmutter Katharina, geb. Wolf, war völlig anders. Die Familie Wolf kam aus Rottenburg am Neckar und ließ sich dann in dem kleinen Dorf Breitenholz zwischen Tübingen und Herrenberg nieder. In Rottenburg sollen sie Gastwirte gewesen sein. Rottenburg war in der Reformationszeit ein starker Stützpunkt der Täufer. Durch die österreichische Regierung wurde es wieder katholisch gemacht. Die evangelischen Wolfs flohen.

In Breitenholz wurden sie geachtete Bauern und Bürger. Sie besaßen eine eigene Kirchenbank, die abschließbar war. Als letzte Benutzerin und Schlüssel-Inhaberin habe ich die Dote (Patentante) meiner leiblichen Mutter, die Tante Maria, im Gedächtnis. Sie verbrachte ihr Leben meist in Stuttgart, half als Näherin in gut situierten Familien und zog im Alter zurück in ihre Heimat Breitenholz. Sogar als Kind spürte ich, dass sie sich den alten Breitenhölzern, die nie in die Fremde gekommen waren, überlegen fühlte. Sie war übrigens die Schwester meiner Großmutter. Der Zug in die Fremde muss in den Wolfs gesteckt haben. Der einzige Bruder meiner Großmutter, Hermann Wolf, unverheiratet, wurde ein echter Berliner, kam meines Wissens nie zurück, arbeitete im Hotel Adlon, sammelte Briefmarken und hinterließ mir auf Umwegen eine echte Kiautschou-Marke, die leider beschädigt war.

Über die Wolfs liefen manche Geschichten um. Eine berichtete von einer königlichen Treibjagd im Schönbuch, der Breitenholz wie eine Spange umschloss. Der Großvater meiner Großmutter, der bei der Forstverwaltung arbeitete, wurde als Treiber eingesetzt. Plötzlich griff ihn ein angeschossener Keiler an. Er konnte sich nur dadurch helfen, dass er einige kleine Fichten in einer Fichtenschonung umklammerte, um den Keiler auf Distanz zu halten. Tapfer kämpfte sein treuer kleiner Hund für ihn. Endlich wurde er aus der gefährlichen Situation gerettet. Kollegen und Bauern erfanden den Spruch: »’s wird doch koi Sau koin Wolf net fressa.« Das entsprechende Bild und der Spruch hingen sogar in Breitenhölzer Gaststätten.

Ich habe schon angedeutet, dass ich von der Vaterseite weit weniger weiß. Das hängt auch mit der zurückhaltenden Natur meines Vaters zusammen. Es ist mir bis heute unklar, wie viel er überhaupt von seiner Familiengeschichte wusste. Seine Jugend war nicht leicht. Er lernte Schlosser, verdiente sich selbst das Ingenieur-Studium an der Maschinenbau-Schule Esslingen und fand dann seine Arbeitsstelle in der berühmten Pflugfabrik Eberhardt in Ulm. Eberhardt lieferte vor allem Großpflüge nach Osteuropa und Russland. Auch meine Mutter arbeitete als Sekretärin dort beim Chef. Sie heirateten 1934. Sowohl mein Großvater väterlicherseits als auch mein Urgroßvater, Karl und Matthäus Maier, waren Lokomotivführer gewesen. Beide sozialistisch. Sie ließen sich verbrennen, und als Kind betrachtete ich immer verwundert die kleinen Gräber, die ja nur Urnen aufnehmen mussten. Eine ganze Reihe Lokomotivführer lag da nebeneinander.

Ein gewisses Geheimnis umgab meine Großmutter väterlicherseits. Wir besitzen als einzig sicheren Nachlass von ihr nur Bilder und Fotos, die sie mit großen blauen Augen zeigen. Es gibt eine Reihe von Theorien über ihre Herkunft: 1) Sie stamme aus der Gegend von Wörth im nördlichen Elsass, demnach wäre sie Französin, 2) ihr Vater sei ein Korbmacher aus der Pfalz gewesen, 3) sie sei als Findelkind auf dem Ulmer Kreuz, einem Viertel beim Gänsturm, gefunden worden, 4) sie stamme vom Gänshirten in Ulm ab. – Aber wie das alles? Offenbar war sie unehelich geboren, hatte eine schwere Jugend. Sie wurde dann eine sehr geduldige und treue Ehefrau meines Großvaters, dessen Leben viel unruhiger war und dem sie sieben Kinder gebar, sechs Söhne und eine Tochter. Mein Vater war etwa in der Mitte. Als sie mit 57 starb, heiratete mein Großvater ein zweites Mal, und zwar eine Frau, die von den Kindern aus erster Ehe abgelehnt wurde. Meines Wissens hielt aber mein Vater weiter den Kontakt, bis beide gestorben waren.

Meinen Eltern kann ich nur unendlich dankbar sein. Es bleibt eine Last unseres Lebens, dass wir erst im Älterwerden entdecken, wie sie eigentlich waren und was sie für uns taten.

Noch einmal zu meinem Vater: Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er im Familienverband eher im Schatten stand. Im Grunde war er weich, konnte jedoch jähzornig werden. Einmal, als unsere Mutter schon verstorben war, schützte ich meinen jüngeren Bruder Dieter vor seinen Schlägen. Mein Vater wanderte begeistert, war ein geschätzter Wanderführer beim Schwäbischen Albverein, konnte enorme Strecken zurücklegen, hatte aber relativ wenige Freundschaften. Eine dieser wenigen Familien-Freundschaften hörte auf, als sein Freund, wiewohl etwas jünger, ihm als Abteilungsleiter in der Firma vorgezogen wurde, vermutlich, weil er kommunikativer war.

Mein Vater musste manche Schläge verkraften. Ich höre ihn noch pfeifen, als er völlig überraschend in einem Wald bei Berghülen auftauchte, kurz nach der Kapitulation 1945, irgendwie der französischen Gefangenschaft entronnen. Er wollte wieder in die Pflugfabrik Eberhardt. Seiner Entnazifizierung sahen wir getrost entgegen, weil er kein Nazi und lediglich Mitglied im Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps war. Da denunzierte ihn jemand aus der Firma in übler Weise. Statt in die Gruppe der Entlasteten, die IV. Gruppe, kam er in die Gruppe der minder Belasteten, die III. Gruppe. Meine Maßstäbe für Gerechtigkeit wurden damals geformt.

Zwar wurde dieses Urteil bald revidiert. Aber es kostete ihn seine Stelle als Ingenieur, er stand wieder wie 1920 als Schlosser im Betrieb, wohl auch gelegentlich hämisch behandelt. So ging er, wurde Vertreter, wozu er überhaupt kein Geschick hatte, und landete schließlich bei der bekannten Firma Kässbohrer, deren Omnibus (Setra-)Signum er entworfen haben soll. Er ging regelmäßig zu seiner Arbeit, bis er 80 war, und wurde danach Handelsschullehrer an einer privaten Handelsschule. Er war überdurchschnittlich historisch interessiert, lernte mit mir zusammen Griechisch und hatte überhaupt Freude an Sprachen. Heute spüre ich Trauer, dass ich aus meiner Beziehung zu ihm nicht mehr machte.

Unsere leibliche Mutter Maria, geb. Witzemann, hat mich wohl am stärksten geprägt. Es sind ja in der Regel die Mütter, die die folgende Generation in erster Linie prägen. Meine Mutter war hochbegabt, konnte aber noch nicht ins Gymnasium. In der Realschule soll sie Klassenbeste gewesen sein. Mit ihren rotblonden Haaren war sie eine Schönheit. Sie lehnte eine Reihe von Heiratsanträgen ab, warum, weiß ich nicht. Meinen Vater hat sie sehr geliebt, vielleicht hatte meine Großmutter ihm gegenüber gewisse Vorbehalte.

1937 kam ich als erstes Kind zur Welt, damals war sie 29 Jahre alt. 1941 folgte mein Bruder Dieter. Kam ich enttäuscht von manchen Auseinandersetzungen auf der Straße heim, tröstete sie mich in ihrer ruhigen Art ohne viele Worte. Sie betete auch mit uns. Aber sie sprach kaum von Gott und ihrem Glauben. Aus meinem ersten Schuljahr 1944/1945 ist mir ein eigenartiges Erlebnis im Gedächtnis geblieben. In der Ulmer Blauring-Schule, in die ich als Lehrertaler eingeschult wurde, hatten wir einen Lehrer, der für uns Erstklässler eine starke Autorität ausstrahlte. Dann begann seine erste Stunde »Weltanschauungsunterricht«. Wie alle anderen ging ich selbstverständlich hin. Es klopfte. Herr Breitfeld, so hieß er meines Wissens, öffnete. Meine Mutter stand an der Tür und sagte, sie wolle mich holen. Ich würde in den evangelischen Religionsunterricht gehören. Ohne Diskussion brachte mich Herr Breitfeld zu ihr, sie nahm mich an der Hand und führte mich ins Zimmer des evangelischen Religionsunterrichts.

Manchmal hatte sie eine völlig abgeklärte Entschlossenheit. Sie gewann andere Menschen in einer seltsam achtungsvollen Zuneigung. Als wir im Februar 1945 nach der dritten Ausbombung mit anderen Lehrertaler Familien nach Berghülen auf der Blaubeurer Alb gebracht wurden, quartierte man uns im Haus des »Neubauers« ein. Herr Söll, der Hofbauer, war mit dem Volkssturm weg. Die beiden Frauen, die Neubäuerin und unsere Mutter, hatten gemeinsam nur eine einzige Küche. Aber es funktionierte. Beide ziemlich wortkarg, kamen bestens miteinander aus. Als der Bauer und mein Vater wiederkamen, entwickelte sich eine echte Freundschaft beider Familien. Bis zu meinem Abitur im März 1956 verbrachte ich alle Sommerferien bei Sölls in Berghülen, lebte und arbeitete mit ihnen. Weil ich vom Glauben meiner Mutter schrieb: Sie hängte meinem Bruder und mir den Wandspruch »Wenn des Lebens Stürme toben, richte deinen Blick nach oben« ins Zimmer. Ich habe ihn mein Leben lang nicht mehr vergessen.

Ihr Tod mit 41 Jahren im Februar 1950 war eine schwer zu fassende Katastrophe. Heute würde sie vermutlich nicht mehr an diesem kleinen Geschwür im Unterleib sterben. Verstand ich damals richtig, dann kam es nach der zuerst gelungenen Operation zu einer Thrombose oder Embolie. Am 10. Februar 1950 klopfte mein Vater an die Tür des Klassenzimmers. Ich war damals zwölf, mein Bruder acht. Er brachte mich fast wortlos ins Krankenzimmer unserer Mutter. Sie lag still da und sah mich eigenartig, aber schon sehr entrückt an. Dann saß ich draußen auf einer Bank. Ich klopfte noch mal an und wollte mich bei ihr für alles Böse entschuldigen, was ich getan hatte. Jemand sagte: »Sie ist schon tot.« Nach ihrer Beerdigung ging ich vom Gymnasium aus so oft wie möglich zu ihrem Grab auf dem nahen Friedhof, manchmal betete ich da.

Durch die zweite Ehe meines Vaters bekamen mein Bruder Dieter und ich eine zweite Mutter, wie sie besser nicht hätte sein können. Ebenso unsere liebe Schwester Hanne.

So viel zu der »Szene«, aus der ich komme.

Unsere frühen Erinnerungen beginnen in der Regel nicht mit bestimmen Ereignissen, mit den pragmata, wie die Griechen sagen. Sie beginnen mit den Personen, die wir zuerst erkennen. Nun muss ich aber doch wenigstens zu manchen Ereignissen kommen, Eindrücken, die weit skizzenhaft zurückreichen. Wenn ich das heute versuche, stoße ich en passant auf ein theologisches Problem, das mir heute fast lächerlich vorkommt. Vom Proseminar an wurde uns beigebracht, dass zwischen Jesus und dem Markusevangelium, das als ältestes galt und um circa 70 nach Christus datiert wurde, 40 Jahre lägen und man von Jesus nur wenig Genaueres mehr wüsste. Ein »garstiger Graben« tat sich zwischen Jesus und den Evangelien auf, erst recht, wenn man Lukas und Matthäus auf circa 80–100 nach Christus datiert und das Johannesevangelium noch später.

Meine Erinnerung passt überhaupt nicht zu diesem Bild der Theologie. Vor mir und in mir stehen Worte, Gesichter, Bewegungen, die teilweise 70 Jahre zurückliegen. Ich kann den Bogen sogar noch weiter schlagen. Was ich Anfang der 50er-Jahre von meinem Großvater hörte, ist mir in manchen Stücken durchaus noch präsent. Mein Großvater wurde 1874 geboren, was er erzählte, passierte teilweise noch im 19. Jahrhundert. Eine Familienerinnerung wird also bis zu 150 Jahren aufbewahrt. Und da soll man bei der Niederschrift der Evangelien, vielleicht 30 oder 40 Jahre nach der Kreuzigung, von Jesus nichts Genaueres mehr gewusst haben? Während Hunderte, wenn nicht Tausende von Zeitzeugen noch lebten? Während die Apostel noch lebten, wirkten, predigten, korrigierten, auf seine Worte achtgaben?1 Die Theorie, bei der Evangelien-Niederschrift habe man »von Jesus nichts Genaueres mehr gewusst«, widerspricht jeder Vernunft.

Mein früherer Berufswunsch war Architekt. Ich baute gerne mit Sand und Klötzen im Hof des dreistöckigen Hauses, das unserer Familie gehörte. Gegenüber lag ein Schrebergarten, den die Familie anpflanzte. Zum Schrebergarten, später zum Haus, gehörten Hühner, meist Rhodeländer und weiße Leghorn. Ich lernte sie füttern und später schlachten. Wir hatten manchmal andere kleine Tiere. Hunde hielt die ganze Familie aber nie. Bis zum Kriegsende wohnten nur unsere Eltern und wir Geschwister im eigenen Haus. Die Großeltern mütterlicherseits und die Brüder meiner Mutter lebten dagegen im großen Ulmer Justizgebäude, einer Nachahmung des Berliner Reichstages. Dort hatte Opa eine Dienstwohnung. Erst viel später erfuhr ich, dass Schmuckfiguren auf dem Justizgebäude vom Großvater meiner späteren Frau geschaffen worden waren.

In dieser Wohnung der Großeltern trat eines Tages ein hochgewachsener Mann durch die Tür. Er trug die Uniform eines Leutnants. Sein Gesicht steht einschließlich aller Falten in meinem Gedächtnis fest, obwohl ich noch keine vier Jahre alt war. Ich durfte auf seinen Schultern reiten. Es war Mutters jüngerer Bruder Hermann. Es war sein letzter Urlaub.

Am zweiten Tag des Russlandfeldzuges, im Juni 1941, fiel er beim Sturm auf die Zitadelle von Brest-Litowsk. Das pauschale Geschwätz von den »deutschen Kriegsverbrechern in Uniform« tritt alle Zäune der Moral nieder. Mein Onkel Hermann war der erste Theologe unserer Familie, Tübinger Stiftler (im fünften Semester), kein Nazi wie mancher seiner Professoren, ein Liebling der alten Frau Maier an der Pforte und nach seinem Tagebuch ein gläubiger Mensch. Er ging in den Krieg, weil er musste. Jahrzehnte später, als ich an der Spitze einer württembergischen Kirchendelegation in Weißrussland war und in Metropolit Filaret einen hoch respektablen Gesprächspartner, ja einen Freund fand, hätte ich beinahe Brest-Litowsk samt dem Friedhof besucht. Aber die Zeit war eng.

Ab 1943/1944 wurde der Bombenkrieg auch in Ulm spürbar. Im Hof unseres Hauses beobachteten wir die Bombengeschwader, die nach München oder Augsburg flogen. Als Kinder sammelten wir die glänzenden Silberstreifen des Stanniolpapiers, die sie abwarfen. Unser Bombenkeller war der Hauskeller. Irgendwann fielen einige »Zufalls-Bomben« auf Ulm. In dieser Zeit baute ein Maurermeister, Herr Fahrner, eine Höhle im Lehrer Tal zu einem stabileren Bombenkeller aus. Allerdings war sie etwa eineinhalb Kilometer von unserem Haus und der Siedlung entfernt. Von da an haben sich feste Bilder und erstmals feste Abläufe bei mir eingeprägt. Meine Mutter schob den Kinderwagen, in dem mein am 16. Juni 1941 geborener Bruder Dieter lag. Quer auf dem Kinderwagen lag ein Koffer. Ich selbst klammerte mich an einen Griff des kleinen Wagens und rannte neben meiner Mutter her, die so rasch wie möglich der erwähnten »bombensicheren« Höhle zustrebte. Über ein Radio kam dann die Entwarnung. Einmal sahen wir auf dem Rückweg am Straßenrand getötete Franzosen liegen, die in der Wehrmacht dienten. Auf dem Hinweg hatten sie noch über uns angstvoll rennende Zivilisten gelacht.

Dann, am 13. September 1944, war es so weit. Ich höre noch die Stimme eines Rufers: »Frau Maier, bei Ihnen brennt’s.« Tatsächlich hatte ein – oder waren es mehrere? – Bomber auf dem Rückflug von Augsburg (?) restliche Bomben über dem Güterbahnhof ausgeklinkt. Eine davon fiel in die benachbarte Siedlung, eben in unser Haus. Meine Mutter rannte los. Wir Kinder blieben mit anderen vorläufig in der Höhle. Da schnell einige Helfer kamen, konnte man in unserem Haus die Flammen löschen, bevor alles niederbrannte. Doch in der Nacht gloste das Feuer weiter und fraß ein weiteres Stockwerk. Immerhin blieben die Außenmauern und einige Wände und Räume erhalten. Obendrauf kam ein Notdach. Anschließend zogen wir zu den Großeltern ins Justizgebäude. Dort räumte man einfach zwei oder drei der Zellen für Untersuchungshäftlinge, und so hatten wir wieder eine vorläufige Wohnung. Für mich mit meinen sieben Jahren war es fast eine glückliche Zeit. Das Justizgebäude und sein Terrain schienen fast endlos. Im Erdgeschoss befanden sich riesige Truhen mit Tausenden von Briefumschlägen. Stundenlang konnte ich in den Truhen wühlen und mir eine stattliche Briefmarkensammlung aufbauen.

Der Bombenkrieg wurde dichter. Jeden Abend hörten wir die stereotypen Ansagen im Radio: »Feindliche Bomberverbände im Anflug auf …« Schon damals war ich ein Kartenfan und verfolgte auf einer riesigen Wandkarte meines Großvaters den Weg dieser Bomberverbände. Der Zweite Weltkrieg war ja auch ein bewusster Krieg der Alliierten und der Russen gegen die deutsche Zivilbevölkerung – ich nehme an, schon damals gegen das Völkerrecht. Wenn heute die Tageszeitungen von »Kollateralschäden« in der Zivilbevölkerung berichten, wenn bei zwanzig oder dreißig getöteten Zivilisten eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates beantragt wird, dann steht manchmal die Frage auf: Warum durfte man uns, der damaligen Zivilbevölkerung, unbegrenzt den Krieg erklären? Und ihn in Form einer gigantischen Treibjagd führen?

Es kam der 17. Dezember 1944. Ich lag schon im Bett. Wieder eine Anflug-Meldung im Radio. Ich sprang aus dem Bett, suchte die Wandkarte. Großvater verzog den Mund, lachte kurz und trocken. »Offenbar im Anflug« auf Ulm: Hatte ich recht gehört? Ich rannte als Erster aus der Wohnung, hin zum Kellereingang in der Mitte des Justizgebäudes, rannte schon über Glasscherben. Blitzschnell war der Keller voll. Man schloss die Tür. Nebenan brenne der Kohlenstadel, ein Stück Altstadt. Der Justizpalast bebte. Putz fiel runter. Dann Totenstille. Ein unheimliches Gefühl und Murmeln begann sich zu regen. Auch als Siebenjähriger hörte ich mit inneren Ohren die Frage: Wie kommen wir hier raus? Dann ein lauter Schrei im Dunkel, den ich nicht mehr vergesse: »Hier ist die Tür!! Kommt raus!« Wenn ich später in Johannes 10,7 von Jesus lese: »Ich bin die Tür«, dann steht mir sofort wieder jener Augenblick im Luftschutzkeller vor Augen.

Das Justizgebäude hatte wenige Schäden. Ringsum aber brannte und glühte es. Was am meisten auffiel: Das Ulmer Münster stand noch. Nur den Chor hatte eine Bombe getroffen, doch die letzte Decke durchschlug sie nicht mehr. Um das Münster soll ein Lichtkranz von Lichtzeichen der Bomber gestanden haben. Verschiedene Erklärungen liefen um. Viele sagten: Die Bomber haben das Münster absichtlich ausgespart. Wir suchten uns in der fast restlos zerstörten Altstadt zu orientieren, suchten, wo man noch Essen kaufen konnte. Die Bergungsarbeiten waren in vollem Gange, wobei viele verwundete Soldaten im Einsatz waren. Öfter lagen die Leichname von Toten neben uns auf dem Pfad, die verbrannten noch etwa ein Meter groß. Man drang unter einer riesigen Schuttmasse auch zu meinem Onkel Kuhnle vor. Er saß im gut erhaltenen Keller ganz ruhig auf seinem Stuhl. Eine Luftmine hatte ihm beide Lungen zerrissen, sodass man genauer hinschauen musste, um zu entdecken, dass er wie alle im Keller tot war.

Einige Räume in und neben der Wohnung meiner Großeltern waren beschädigt, sodass wir dort nicht mehr länger wohnen konnten. In der Haßlerstraße im Westen Ulms wurde eine neue Wohnung gefunden. Wir begannen, Koffer und Möbel dorthin zu schaffen. Da brach Anfang Februar ein neuer Luftangriff über Ulm herein. Auch die Haßlerstraße wurde zerstört, unsere Sachen dort vernichtet. Jetzt reichte es der Verwaltung und der Partei. Die inzwischen ausgebombten Lehrertaler Familien, einschließlich der unseren, wurden per Erlass evakuiert. In großen Holzlastern fuhren wir die Wippinger Steige hinauf und stiegen in Berghülen auf der Albhochfläche aus, mitten im Februar. Einzelheiten weiß ich nicht mehr. Nur so viel: Mutter und wir beiden Brüder – Papa war an der Westfront – kamen zu »Neubauers«, die den Namen Söll führten.

Damit begann ein eigener Teil der Familiengeschichte. Erst viel später erfuhr ich, dass es eine lange Vorgeschichte dieser Familiengeschichte gab. In dieser langen Vorgeschichte trugen die Sölls den Adelstitel, hießen also von Söll. Ihr Stammsitz war Kärnten. Um des Glaubens willen mussten sie das Land verlassen und kamen schließlich nach Berghülen, wo sie im Laufe der Zeit das »von« ablegten. Neubauers gehörten zu den großen Bauern am Ort, nicht zu den kleinen »Kühbauern«. Wir hatten stets zwei Pferde und 50–60 Morgen. Herr Söll war beim Volkssturm. Der 14-jährige Christian, mein jahrzehntelanger Freund, musste den Hof leiten. Er pflügte, drosch und traf die Entscheidungen. Seine treue Hilfe war Nikolaj, ein kriegsgefangener Russe, vielleicht ein Ukrainer. Er mochte uns Kinder und wir mochten ihn.

Unvergesslich ist mir sein Verhalten beim Einmarsch der Alliierten im April 1945. Tagelang war es unklar, ob die Franzosen oder die Amerikaner einrücken würden. Wir ersehnten die Amerikaner. Dann war die Nachricht: »Sie kommen – von Suppingen.« Wer? Wir mussten in den Keller wegen eventuellen Beschusses. Es war der Rübenkeller. Dann hörte man Geräusche. Nikolaj stand auf und ging nach draußen. Er war jetzt kein Gefangener mehr. Einige Zeit verhandelte er mit der Panzerbesatzung im Hof. Bald aber kehrte er in den Keller zurück und forderte uns auf, rauszugehen: »Es sind Amerikaner, sie tun euch nichts.« Er bewegte die amerikanische Panzerbesatzung dazu, den Hof zu verlassen, und stellte sich als unser Schutz an die Straße. Nikolaj wurde später von den Amerikanern festgenommen und an die Russen ausgeliefert. Er lächelte, als er sein Bündel packte, mit Augen wortloser Trauer. Er ahnte wie wir, dass ihn die Russen erschießen würden. Im Kommunismus gibt es keine Vergebung.

Uns passierte tatsächlich nicht viel. Für die Amerikaner bestand trotz der Fliegerangriffe viel Sympathie. Sie promenierten wie kleine Helden die Hauptstraße hinauf und hinab. Doch einige Tage nach dem Einmarsch erschien der Büttel auf der Straße, läutete mit seiner Glocke und gab als Befehl der Besatzung bekannt, dass morgen alle Uhren, Radios, Fahrräder und was weiß ich noch was abzuliefern wären. Meine Mutter war dumm genug, alles auszuliefern, und behielt heimlich nur eine Uhr. In den nächsten Tagen promenierten die GIs nur noch in kurzen Ärmeln, bis an die Ellbogen umspannt von lauter Armbanduhren. Auch Ulm mitsamt dem Justizgebäude und der Wohnung meiner Großeltern wurde von den Amerikanern besetzt. Man lobte sie als Besatzungsmacht. Auch die Schwarzen der damals noch selbstständigen Farbigenregimenter verhielten sich sehr freundlich zur deutschen Bevölkerung. Allerdings gab es auch Fälle, in denen Schwarze weiße Frauen vergewaltigten. Über Schuld und Unschuld kann ich nicht urteilen. Damals legten amerikanische Soldaten den Grund für eine grundsätzlich positive Einschätzung Amerikas, die meiner Generation in Fleisch und Blut eingegangen ist.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

II. IN DER MITTE DER JUGEND

Im August 1945 zog meine Familie wieder nach Ulm zurück. Ich schrieb schon, dass sich mein Vater – für mich bis heute unerklärlich – vom Westen bis zu uns nach Berghülen durchgeschlagen hatte. Er war am Oberrhein hinter der Front als Kraftfahrer eingesetzt gewesen. Nun fanden wir vier zwei Zimmer in der Ulmer Friedenstraße in der Wohnung eines alten Notars. Wieder gab es keine eigene Küche, kein eigenes Bad, kein eigenes Klo, keinen eigenen Keller. Das Notars-Ehepaar war nobel, wir kamen mit einigen Schrammen zurecht. Damals ging ich jeden freien Nachmittag zum Justizgebäude, wo meine Großeltern hatten wohnen bleiben können. Auch mein Pate (Döte) Friedrich Witzemann war früh aus der Gefangenschaft im Allgäu entlassen worden und wohnte jetzt mit den Großeltern zusammen.

Bald gruben wir Ziegelsteine aus den Ruinen. Ich musste zu einem Friseur, der wirklich nett war, aber längst vor meinen Haaren kapituliert hatte – ich musste deshalb hin, weil er uns Bauholz vermittelte. Stück für Stück wurde unser verbranntes Haus geräumt und wieder aufgebaut. 1947 konnten wir dorthin zurückkehren. Nach der vierten Klasse der Grundschule kam nun die Frage auf meine Eltern zu: Wie sollte es schulisch weitergehen? Meine Mutter sprach sich nachdrücklich fürs Gymnasium aus, und zwar fürs humanistische, und mein Vater stimmte zu.

Damals war unser altbekanntes Ulmer humanistisches Gymnasium noch im Standortlazarett auf dem Michelsberg untergebracht. Fast alle Lehrer waren im Krieg gewesen. Im Rückblick fällt mir auf, dass sie doch verhältnismäßig wenig vom Krieg erzählten. Wiederaufbau hieß das Ziel aller, und Deutschland strebte mit einer unbändigen Lebenskraft danach, das Chaos hinter sich zu lassen. Die traumatischen Spuren des Krieges an der »Heimatfront« verloren sich nach und nach. Sie wurden auch bewusst verdrängt. Einzelnes ging mir bis in die Gymnasialzeit nach. Ich sehe noch den Lehrer, der uns in Berghülen im zweiten Schuljahr unterrichtete, Herrn Ohngemach, auf einen Lastwagen klettern. Amerikanische Soldaten hielten ihre Gewehre im Anschlag. Als Bessarabien-Deutscher wurde Herr Ohngemach an die Russen ausgeliefert. Überlebt hat er diese Auslieferung wohl kaum.

Die andere Seite Amerikas enthüllte sich bei den täglichen Schülerspeisungen. Wir brachten unsere Geschirre mit, die auf dem ganzen Weg klapperten, und in jeder großen Pause erhielten wir Milchbrei oder Ähnliches. Gestiftet wurde dies von den Quäkern und andern religiösen Gruppen Amerikas. Wer in jener eklatanten Hungerzeit an solchen Schülerspeisungen teilnahm, konnte den antiamerikanischen Hass, der später Teile der deutschen Gesellschaft erfasste, nicht mehr unterstützen. Im Rückblick erstaunt mich die völlige Gegensätzlichkeit der amerikanischen Gesellschaft: hier das christliche Mitleid in den Schülerspeisungen und dort der Morgenthau-Plan, der auf die Versklavung der Deutschen zielte. Vielleicht müssen wir auch in Zukunft viel nüchterner mit der Gegensätzlichkeit Amerikas rechnen.

In der zweiten Klasse des Gymnasiums bekam ich die einzige Tatze meiner Schulzeit. Mein Nachbar in der Klasse hatte mich provoziert, sodass ich nicht mehr aufpasste. Meine Eltern waren befriedigt, dass der Klassenlehrer seine Sanktion verhängt hatte. Es war damals ein festes Gesetz, dass die Eltern die Lehrer stützten. Das hat mir eine weitere Begebenheit klargemacht. In derselben Klasse begann die Fußballbegeisterung. Während der großen Pause spielten wir einmal so leidenschaftlich, dass wir gemeinsam das Pausenzeichen überhörten. Das heißt, wir hörten es, gingen aber nicht nach oben. Unser Fräulein Weintraut – so sagte man damals noch – rief uns aus dem Fenster zu, wir sollten heraufkommen. Sie war schmächtig, klein und wirkte bei aller spürbaren Liebe zu ihrem Beruf schüchtern. Wir reagierten nicht auf ihr Rufen. Zu Hause erzählte ich meiner Mutter den Vorfall. Am Nachmittag nahm sie mich bei der Hand, ging mit mir den langen Weg zur Wohnung der Lehrerin. Glücklicherweise war diese zu Hause. Ich musste mich bei ihr entschuldigen, und sie akzeptierte sehr freundlich meine Entschuldigung. Ich war überaus erleichtert. Der Vorfall war eine Art Urtypus von Buße und Vergebung.

Am Ende des Schuljahres erhielt ich zu meiner eigenen Überraschung den ersten Preis. Ich durfte mir ein Buch wählen und wünschte mir einen Karl May. Meine Familie war davon nicht begeistert, auch mein Klassenlehrer, Herr Pfund, richtete einige merkwürdige Sätze an mich. Ich ließ mich aber nicht beirren. Bis heute bin ich überzeugt, dass Karl Mays Bücher zum Frömmsten der deutschen Literatur gehören. Für mich wirkt er geradezu missionarisch. Solche Gesichtspunkte hatte ich damals allerdings noch nicht.

Was weiß ich noch von meiner Konfirmation? Der Unterricht in der Ulmer Pauluskirche enthielt auf jeden Fall zwei spannende Elemente. Das war der Weg zur Pauluskirche und dann der Weg von dort wieder zurück ins Lehrertal. Beide Wege, je circa 2 Kilometer, legten wir im Dauerlauf zurück. Damals entwickelte ich mein Faible für die Langstrecken. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich in Sport nur mittelmäßig war. Höhepunkte waren meine Hörsaal-Meisterschaft über 5000 Meter an der Heeres-Offiziersschule in Husum und die Teilnahme an den Kreismeisterschaften über 10000 Meter in Tübingen. Im Konfirmandenunterricht fand ich es »unter aller Kanone«, wie eine große Gruppe der Konfirmanden mit unserem gutmütigen Pfarrer umging. Von dem, was er sagte, weiß ich nichts mehr. Ich war nur froh, dass ich bei der Konfirmationsfeier ganze sieben Worte aufsagen musste: »Seht zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße« (Matthäus 3,8; Luther 1912). Heute heißt der Spruch anders, was mich aber wenig anficht. Damals veränderte man auch das Vaterunser: Aus »erlöse uns von dem Übel« wurde »erlöse uns von dem Bösen«. Im Laufe der Zeit würde das Apostolische Glaubensbekenntnis folgen. Wie viele Bibelübersetzungen, wie viele Evangelische Gesangbücher ich im Laufe meines Lebens in den Händen gehalten habe, müsste ich erst recherchieren.

Der Grund solcher Änderungen interessierte uns Konfirmanden nicht, wir taxierten sie wie Änderungen der Schulordnung. Doch tief in der Seele lernten wir, dass das Christentum keine feststehenden Texte, keine feststehenden Glaubensbekenntnisse und kaum einen eisernen Liedschatz hat. Zum Positiven der Konfirmandenzeit gehört, dass sich manche lang dauernden Freundschaften bildeten, sogar solche, die über Jahrzehnte hielten. Ein Freund aus jener Zeit ist für mich Jörg Dauner gewesen. Jörg und sein Bruder lebten bei ihren Großeltern im Lehrertal.

Eltern hatten sie keine mehr. Jörgs Vater war Architekt gewesen. Er arbeitete bei einer Firma, die am KZ-Bau in Dachau beteiligt war. Voll Entsetzen erzählte er unter Bekannten vom entstehenden KZ. Das erfuhren die Nazis. Sie brachten ihn selbst ins KZ, wo er starb. Bald darauf starb auch die Mutter. Uns alle in der Siedlung packte die Angst, etwas zu sagen, was dann auch uns ins KZ brächte. Wenn heute so lauthals geschrien wird, dass die deutsche Bevölkerung sich gegen die Nazis deutlicher hätte erheben müssen, denke ich an Jörgs Familie. Und ich denke bei mir selbst: Wer heute so laut schreit, hätte am sichersten zu denen gehört, die damals kein Wort gesagt hätten.