21,99 €
Runter von der Stressautobahn, rauf auf den Resilienzpfad! Stress scheint in unserer Kultur des Immer-alles-sofort-erledigen-Müssens zum Normalzustand zu werden. Er ist stets präsent und nistet sich in Geist und Körper ein. Wenn wir das nicht wahrnehmen, daran nichts ändern, wird der Stress immer mehr unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Gefühle von Überwältigtsein, Angst, Unbehagen und Unwohlsein sind dann an der Tagesordnung. Wir sind auf der Stressautobahn unterwegs. Dieses Buch bietet eine Fülle an Übungen, die sowohl Körper als auch Geist beruhigen und leitet dazu an, die Stressautobahn zu verlassen und häufiger Resilienzpfade zu nutzen. Die Leser*innen lernen ihr Nervensystem besser kennen und erfahren, wie es sich ganz leicht resetten lässt. "Es ist eine Freude, ein solch wunderbares Buch zu lesen, das nicht nur denjenigen hilft, die selbst mit Stress zu kämpfen haben, sondern auch Fachleuten, die ihren Klient*innen in diesem Veränderungsprozess beistehen." (Kathy L. Kain)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2022
Rebekkah LaDyneStressresilienzMind-Body-Reset: Übungen für Körper und Geist
Über dieses Buch
Runter von der Stressautobahn, rauf auf den Resilienzpfad!
Stress scheint in unserer Kultur des Immer-alles-sofort-erledigen-Müssens zum Normalzustand zu werden. Er ist stets präsent und nistet sich in Geist und Körper ein. Wenn wir das nicht wahrnehmen, daran nichts ändern, wird der Stress immer mehr unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Gefühle von Überwältigtsein, Angst, Unbehagen und Unwohlsein sind dann an der Tagesordnung. – Wir sind auf der Stressautobahn unterwegs.
Dieses Buch bietet eine Fülle an Übungen, die sowohl Körper als auch Geist beruhigen und leitet dazu an, die Stressautobahn zu verlassen und häufiger Resilienzpfade zu nutzen. Die Leser*innen lernen ihr Nervensystem besser kennen und erfahren, wie es sich ganz leicht resetten lässt.
„Es ist eine Freude, ein solch wunderbares Buch zu lesen, das nicht nur denjenigen hilft, die selbst mit Stress zu kämpfen haben, sondern auch Fachleuten, die ihren Klient*innen in diesem Veränderungsprozess beistehen.“ – Kathy L. Kain
Rebekkah LaDyne, MSc, Somatic Experiencing Practitioner (SEP), Körpertherapeutin und Autorin. Auf der Grundlage ihrer langjährigen Erfahrung entwickelte sie das Mind-Body-Reset-Verfahren (MBR). Sie ist in privater Praxis in der San Francisco Bay Area tätig, wo sie mit ihrer Familie lebt. http://www.rebekkahladyne.com
Copyright © der deutschen Ausgabe: Junfermann Verlag, Paderborn 2022
Copyright © der Originalausgabe: 2020 by Rebekkah LaDyne
Translated from the English: The Mind-Body Stress Reset. Somatic Practices to Reduce Overwhelm and Increase Well-Being
First published by: New Harbinger Publications, Inc.
Coverbild: © froodmat / Photocase
Übersetzung: Claudia Seele-Nyima
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2022
ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0258-5
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0259-2 (EPUB), 978-3-7495-0261-5 (PDF), 978-3-7495-0260-8 (EPUB für Kindle).
Stress ist universal. Irgendwann im Leben sind wir fast alle irgendeiner Form von Stress ausgesetzt. Glücklicherweise erholen sich die meisten von diesen Erfahrungen. Für manche wird Stress jedoch zu einem eher beständigen Begleiter – sie erholen sich nicht von ihren Stresserfahrungen. Es ist besorgniserregend, dass der Prozentsatz derjenigen, die in diese zweite Kategorie fallen, wächst. Wie Rebekkah in ihrer Einleitung zu diesem Buch feststellt, können wir mit Fug und Recht sagen: Stress ist eine Epidemie, die nicht besser, sondern schlimmer wird.
Extremer oder chronischer Stress kann sich verheerend auf unsere Fähigkeit auswirken, so in der Welt zu sein, wie wir es gern wären. Er kann unsere Kreativität, unser Interesse an Beziehungen zu anderen und die Fähigkeit, unsere Körperreaktionen zu steuern, zunichtemachen. Er kann auch zu einer Vielzahl von körperlichen und emotionalen Symptomen beitragen.
Stress betrifft nicht nur den Geist. Er ist zutiefst somatisch, das heißt, er beeinflusst uns physiologisch auf vielfältige Weise, und zwar so, dass es nach unserem Empfinden nicht unserer bewussten Kontrolle unterliegt. Stress erzeugt tief verwurzelte somatische „Gewohnheiten“, die sich mit der Zeit nur noch sehr schwer ändern lassen – eine Art automatisches Reaktionssystem, das beeinflusst, wie wir auf unsere Umwelt reagieren, ja sogar, wie wir uns selbst wahrnehmen. Dieses Stressreaktionssystem kann zu unserem Standardsystem werden und oft Reaktionen hervorrufen, bevor uns bewusst ist, was überhaupt vor sich geht. Der Geist folgt dann den somatischen Reaktionen, er leitet sie nicht.
Ein frustrierender Aspekt liegt darin, dass uns auf kognitiver Ebene oft bewusst ist, dass es dieses Stresssystem gibt und wodurch es getriggert wird. Wir durchschauen es also recht gut und gelangen dennoch durch Denken nicht aus diesem System hinaus. Vielleicht wissen wir sogar, was sich ändern muss, haben aber nicht die geringste Ahnung, wie wir diese Veränderung praktisch umsetzen können. Nach meiner Erfahrung, die auf der Arbeit mit Tausenden unterschiedlich stressbelasteten Menschen beruht, erfordert wahre Veränderung eine Methode, die nicht etwa versucht, den Körper auszuschalten oder zu unterdrücken, sondern die unser somatisches Selbst mit einbezieht.
Der Ansatz des Mind-Body Stress Reset – sinngemäß etwa, Körper und Geist bei Stress „resetten“, sie also gewissermaßen wieder auf gesunde „Werkseinstellungen“ zurücksetzen – bietet ein Instrumentarium, um genau das zu erreichen. Er gibt uns einen klaren Leitfaden, wie wir Veränderungen in unseren Stressreaktionen im Körper verankern – verkörpern – können. Mithilfe der einfachen, unkomplizierten Methode, die in diesem Buch vorgestellt wird, können wir die somatischen Hilfsmittel und Methoden erlernen, die uns helfen, den Übergang von chronischem Stress zu verkörperter Resilienz zu vollziehen. Alle hier vorgestellten Methoden stehen uns rund um die Uhr zur Verfügung. Wir brauchen keinen speziellen Ort aufzusuchen, um sie anzuwenden, können in unserem eigenen Tempo arbeiten und durch unsere Übungspraxis echte Veränderungen in unseren somatischen Reaktionen herbeiführen.
Wir haben es hier mit einem jener seltenen Bücher zu tun, das sehr viel besser ist, als es sein müsste. Allein die Beschreibung eines sehr wirksamen Verfahrens zum Stressabbau – der Methoden des Mind-Body Stress Reset – hätte es zu einem sehr nützlichen Buch gemacht, durchaus wert, geschrieben zu werden. Aber Rebekkah ist sehr viel weiter gegangen. Sie fügt leicht nachvollziehbare Informationen hinzu über den wissenschaftlichen Hintergrund, der unsere Stressreaktionen erklärt, und darüber, wie wir diese Reaktionen verändern und eine größere Stressresilienz aufbauen können. Mithilfe anschaulicher Geschichten verdeutlicht sie, wie sich Symptome extremen und chronischen Stresses äußern können und wie es gelingt, diese Symptome erfolgreich zu verändern. Sehr hilfreich sind auch die Informationen darüber, wie man vom Stress zur Resilienz gelangt – sie bilden eine ausgezeichnete Richtschnur, wie der Weg zur Resilienz aussehen und sich anfühlen kann. Wir erhalten zudem Hinweise, um besser einschätzen zu können: Wann benötigen wir professionelle Hilfe zur Bewältigung unserer Stresssymptome und wann kommen wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch allein weiter?
Und das ist nur der erste Schritt auf dem Weg zum Wohlbefinden. Nachdem sie uns umfassend mit den Grundlagen vertraut gemacht hat, stellt Rebekkah ein gut strukturiertes praktisches „Toolkit“, ein Set an Werkzeugen, zur Verfügung, mit denen wir die Veränderung Schritt für Schritt angehen können. Die Methoden sind klar formuliert und gut recherchiert; sie beruhen auf ihrer Erfahrung – in der Selbstanwendung und der Arbeit mit Klient*innen.
Als weiteren Bonus bietet Rebekkah Übungen zum Aufbau somatischer Fähigkeiten an. In regelmäßigen Abständen lädt sie uns ein, dass wir uns einen Moment Zeit nehmen und genau dann spüren, wie wir eine bessere somatische Beziehung zu uns selbst erreichen, unsere Reaktionen wahrnehmen und unser somatisches Gewahrsein einsetzen können, um Veränderungen in unseren Stresssystemen zu unterstützen.
Immer wieder lässt uns dieses Buch die wunderbare Erfahrung machen, dass wir denken: Da haben wir wirklich ein Juwel – etwas, das ich zwar nicht erwartet hätte, das aber einfach perfekt ist! Es ist eine Freude, ein so wunderbar komponiertes Buch zu lesen, das nicht nur denjenigen hilft, die selbst mit Stress zu kämpfen haben, sondern auch Fachleuten, die ihren Klient*innen in diesem Veränderungsprozess beistehen.
Für diejenigen, die unter den Nebenwirkungen von extremem oder chronischem Stress zu leiden haben, ist dies ein Buch voller Hoffnung. Sie werden Erfolgsberichte über Menschen lesen, die sich deutlich von ihren Stresssymptomen erholt haben, und sie werden wirksame Methoden kennenlernen, um diesen Weg selbst zu beschreiten. Und für Fachleute wird das Buch zu einer unschätzbaren Quelle für die Arbeit mit Klient*innen oder Patient*innen, deren Stresssymptome sich durch tägliche somatische Übungen zum Aufbau von Stressresilienz verbessern können.
Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren Heilungsweg.
Kathy L. Kain, PhD
Dies ist ein Buch über die Auswirkungen von Stress auf unseren Geist und unseren Körper und darüber, was wir tun können, um uns von diesen Auswirkungen zu erholen. Viele Menschen suchen dringend ein neues Verfahren zur Stressreduktion, denn mit ihren bisherigen Versuchen konnten sie ihre Belastung nicht ausreichend abbauen. Das vorliegende Buch verfolgt einen neuen, einen somatischen Ansatz. Darum beginnen wir mit dem Körper und wenden uns erst später der Sphäre des Denkens zu.
Lesen Sie nun die folgenden Hinweise durch und versuchen Sie es dann mit der Übung.
Beim Körper beginnen
Machen Sie es sich einmal so bequem wie möglich, gleich hier, wo auch immer Sie sind. Egal ob Sie sitzen, stehen oder liegen: Haben Sie die Möglichkeit, es sich noch ein bisschen gemütlicher zu machen? Kein Druck, keine Erwartung, nur eine Einladung.
Was geschieht, wenn Sie die Stellen spüren, an denen Ihr Körper mit der Oberfläche, die Sie berühren, in Kontakt ist? Wo werden Sie gestützt oder gehalten? Vielleicht durch eine Couch, ein Bett, den Boden? Können Sie zulassen, dass diese Oberfläche Sie noch ein bisschen mehr hält, sodass Sie nicht ganz so viel selbst tun müssen? Können Sie die einfache Unterstützung empfangen, die an der jeweiligen Stelle zur Verfügung steht, und die Füße, Hüfte oder den Rücken in diese Stütze einsinken lassen? Spüren Sie, ob es Anspannung in Bereichen Ihres Körpers gibt, die eigentlich nicht angespannt sein müssten. Können Sie einen dieser Bereiche einladen, etwas lockerer, weicher zu werden? Und können Ihre entspannteren Bereiche die weniger entspannten Bereiche innerlich stützen?
Zu guter Letzt: Wie wäre es, Ihren Atem einzuladen, die Lunge zu füllen? Sie brauchen gar nichts aktiv zu bewirken; lassen Sie einfach Raum entstehen, damit das Atmen von allein geschehen kann. Können Sie nur für einen Moment mit Ihrer entspannten Atmung zur Ruhe kommen?
Spüren Sie jetzt diesen Moment, so wie er ist und so wie Sie hier und jetzt sind. Ich freue mich wirklich, dass Sie hierhergefunden haben und nun dieses Buch in der Hand halten. Dann lassen Sie uns mit der Erkundung der Stressresilienz beginnen.
Egal, ob ein einzelnes großes Ereignis Sie unter Stress gesetzt hat oder ob Sie jahrelang Tag für Tag Stress angestaut haben: Sie könnten Stressreste in sich tragen, die Sie möglicherweise in Ihrem Alltag beeinträchtigen. Vielleicht diktiert Ihr Stress Ihnen, wie Sie sich bei der Arbeit, zu Hause, mit der Familie und mit Freunden fühlen, wie Sie denken und handeln.
Stress ist erwiesenermaßen ein großes Problem, dem viele von uns ausgesetzt sind. Zum Zeitpunkt, da ich dies schreibe, geben 78 Prozent der Erwachsenen in den USA an, dass ihnen Stress zu schaffen macht, und davon leiden 24 Prozent laut eigenen Angaben sogar unter extremem Stress. Jüngsten Umfragen zufolge haben mehr als vierzig Millionen Erwachsene Angst – also Stress in anderem Gewand. Stress und Angst sind beides Formen der Stressreaktivität. Hinzu kommt, dass wir generell immer gestresster werden. Erhebungen zeigen, dass jede nachfolgende Generation angibt, einem höheren Grad an Stress ausgesetzt zu sein als die vorhergehende. Von der „reifen“ Generation über die Baby-Boomer und die Generation X bis hin zu den Millennials hat jede Generation stärker mit Überwältigung, Sorge und Angst zu tun als die vorhergehende.
In Bezug auf Stress entwickeln wir uns offenbar nicht weiter, sondern zurück – als wäre Stress eine Epidemie oder, noch wahrscheinlicher, eine Pandemie. Ihre Symptome kommen in allen Formen und Größen daher. Das Gefühl, hilflos in einem Zustand der Überwältigung, des Stresses und der Angst festzustecken, hält uns nachts wach, beeinträchtigt Verdauung und Ausscheidung, verursacht Kopf- und Gelenkschmerzen, untergräbt unsere Beziehungen, lenkt uns von der Arbeit ab und schädigt sogar unser Immunsystem auf verheerende Weise, sodass wir krank werden. Dieser Stress macht uns auch ängstlich: ängstlich bei der Arbeit, ängstlich, wenn wir nicht bei der Arbeit sind; ängstlich zu Hause, ängstlich, wenn wir nicht zu Hause sind; ängstlich, wenn wir unter Menschen sind, ängstlich, wenn wir allein sind; ängstlich, ängstlich, ängstlich. Die Häufigkeit, mit der wir Stress erleben und uns entsprechend verhalten, erzeugt leider etwas, das man als tiefe Stressprägungen oder Stress-Imprints bezeichnen könnte. Diese Prägungen sind wie Landkarten, an denen sich unser unter Stress gesetztes Body-Mind-System orientiert, und die zu tiefen Unsicherheiten und Ängsten in Bezug auf unzählige Lebensaspekte führen können.
Finden Sie’s heraus: Zeigt sich in Ihrem Leben Stress?
Ordnen Sie jedem Lebensbereich eine Zahl auf einer Skala von eins bis zehn zu. Eins steht für eine sehr geringe, zehn für eine extrem starke Belastung.
Stress hat tatsächlich evolutionäre Wurzeln. Mit aller Zuneigung möchte ich feststellen: Wir sind die Nachkommen der hyperwachsamsten, ängstlichsten und am stärksten gestressten Menschen aller Zeiten. Damals in grauer Vorzeit war es nämlich so, dass Menschen, die beim Anblick eines schönen Sonnenuntergangs relaxten, statt die Umgebung eifrig (oder neurotisch) nach Gefahren abzuscannen, später nicht zu Abend aßen, sondern selbst zum Abendessen wurden.
Unsere Vorfahren – zumindest diejenigen, die überlebt haben – mussten unglaublich auf der Hut vor möglichen Bedrohungen sein und stets Ausschau halten nach dem, was als Nächstes auf sie zukam; immer wieder aufs Neue wiederholten und probten sie Situationen, um das Furchtbare zu überleben, das bestimmt gleich eintreten würde (und – Sie ahnen es schon – Hyperwachsame gingen natürlich davon aus, dass der Untergang unmittelbar bevorstand). Sie müssen auch viel Zeit damit verbracht haben, schlimme Ereignisse hinterher noch einmal durchzuspielen, um sie beim nächsten Mal zu vermeiden. Dieses genetische Erbe sorgt für ein Gehirn, das in puncto Überleben äußerst versiert und sehr gut darin ist, in Stressreaktivität zu verfallen. Schließlich haben wir unsere Stressreaktionen seit Abertausenden von Jahren bis zum Gehtnichtmehr vorab geprobt und hinterher erneut durchgespielt.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin enorm dankbar dafür, dass unsere Vorfahren so hyperwachsam waren. Doch damit haben sie uns eine schwere Bürde hinterlassen, eine starke Veranlagung zu Stressreaktivität in Gemeinschaft mit ihren Freundinnen: Überwältigung und Angst. Veranschaulicht man diese Veranlagung anhand des Bildes von Stresspfaden im Body-Mind, könnte das etwa so aussehen: Nach Jahren der Evolution und durch unseren derzeitigen Alltagsstress sind unsere Stressreaktivitätsbahnen wie gut ausgebaute Autobahnen, mit blinkenden „Einfahrt-hier-“Schildern an den Auffahrten.
Uns regelmäßig Gestressten sind diese Stress-Autobahnen wohlvertraut – so sehr, dass wir mit Leichtigkeit immer wieder zu ihnen zurückkehren. Man kommt schnell voran; sie sind effizient und sogar ein wenig aufregend, doch die Mautgebühren für die Reise sind sehr, sehr hoch. Währenddessen sind die Stresserholungsrouten – ich nenne sie Resilienzpfade – zu etwas wie lehmigen, steinigen Hinterlandwegen geworden. Ungenutzte Resilienzpfade sind wie unebene, mit Geröll und Felsbrocken übersäte gewundene Trampelpfade, schwer zu finden und nur unter Mühen begehbar.
Mithilfe des Rüstzeugs aus diesem Buch können Sie lernen, Ihre Resilienzpfade zu nutzen, bis sie eben und mühelos zu finden sind. Mit der Zeit und bei regelmäßiger Anwendung haben auch Ihre Resilienzpfade schließlich leuchtende „Einfahrt-hier“-Schilder und sind bequem zu nutzen. Wenn es Ihnen lieber ist, können Sie sich die Pfade auch als Waldwege vorstellen. Egal ob Stadtstraße oder Waldweg: Ausschlaggebend ist die leichte Zugänglichkeit.
Glauben Sie mir: Ich weiß, wie das ist. Aus meinen dunkelsten Stunden kommt dieses Buch aufrichtig von mir zu Ihnen, wenn Sie in Ihren dunklen Stunden sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass die vorgestellten Methoden Ihnen helfen werden. Immerhin haben sie mir geholfen … und das will etwas heißen, denn ich war wirklich gestresst. Ich erinnere mich, dass ich schon im Alter von sieben oder acht Jahren körperlich, auf einer viszeralen Ebene, auf Stress reagierte: Gewöhnlich spürte ich meinen schmerzenden Rücken, wenn die Sorgen wegen meiner Schulleistungen wuchsen. Ebenfalls war mir sehr bewusst, wie stark mein Herz klopfte, wenn Mobber*innen mich zur Zielscheibe ihrer Quälereien machten. Und ich erinnere mich gut an das Engegefühl in der Brust, wenn ich die Gespräche am Esstisch als beschämend, spöttisch oder gemein empfand.
Als Erwachsene vertraute ich auf Yoga und Achtsamkeitsmeditation; sie gehörten zu den Mitteln meiner Wahl, um dem Stress standhalten zu können. Diese Praktiken, die ich im Privatleben anwandte und über zwanzig Jahre lang auch beruflich lehrte, halfen mir, einen Teil meiner Stresssymptome zu lindern. Linderung erfuhr ich auch durch Erkenntnisse, die mir durch meine regelmäßige Gesprächstherapie zuteilwurden. All das war so lange hilfreich, bis mein Stresslevel wieder deutlich anstieg. Irgendwann war er so hoch, dass keines dieser bislang so bewährten Hilfsmittel auch nur eine Delle in das feste Stahlkorsett aus Angst, körperlichen Schmerzen und Stressaktivierung schlagen konnte.
All die Jahre war mein Stress im Hintergrund da, doch ich definierte mich nicht über ihn. Doch dann begann der Stress, mich zu definieren. Es gab einige besonders harte Jahre, in deren Verlauf sich extreme Stressreaktionen in immer mehr Bereiche meines Lebens einschlichen. Warum nur beschleunigte sich alles dermaßen? In vielerlei Hinsicht lag es an den Ereignissen, die auf mich einstürmten. Doch sie waren es nicht allein. Im Wesentlichen lag es daran, dass mein Body-Mind-System völlig entgleiste, außer Rand und Band geriet und ich keine Ahnung hatte, wie ich aus diesem Zustand zu einer entspannten Ruhe zurückfinden konnte. Wie bei so vielen Betroffenen war auch mein damaliger extremer Stress nicht allein eine Folge aktueller Geschehnisse in meinem Alltag. Er war auch das Ergebnis von jahrzehntelang angestautem unverarbeitetem Stress.
Tatsächlich war ich mit einer Reihe von gewaltigen Veränderungen und Herausforderungen konfrontiert – ein Boden, in dem sich Stressprägungen perfekt verwurzeln konnten. Als Erstes ließ ich nach zehn Jahren eine fest etablierte Karriere einfach „sausen“, packte zusammen und zog an einen mir völlig unbekannten Ort, an dem ich fremd war. Nach jeder meiner zwei Schwangerschaften trafen mich postpartale Ängste mit der Wucht einer Abrissbirne. Und dann die erstaunlich komplexe Aufgabe, zu lernen, für ein Kind da zu sein – was viel aus meiner eigenen Kindheit zutage förderte, die kein reines Honiglecken war (eigentlich gab es viel zu wenig Honig). Und dann kehrte ich wieder in die traditionelle Arbeitswelt zurück (ich sage traditionell, weil Kinder großzuziehen tatsächlich Arbeit ist: Kleine Menschen zu füttern, anzuziehen, ihnen etwas beizubringen und was sonst noch dazugehört, um sie aufzuziehen – das ist wahrlich kein Ausflug ins Wellness-Center!). Meine neue Stelle zeichnete sich leider durch eine extrem toxische Arbeitsumgebung aus. Jeden Tag hatte ich das Gefühl, mich den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen – extrem wilden, gemeinen Wölfen. Und das war dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte! Es traf mich wie aus heiterem Himmel, es war schrecklich. Mit diesen Entwicklungen und der bereits vorhandenen Last – Stressreste und Stressprägungen aus über vierzig Jahren – wurden normale alltägliche Dinge unsagbar schwer.
Mit Angst zu leben, wurde zu meinem neuen Normalzustand. Ich gewöhnte mich an Panikattacken im Lebensmittelgeschäft und in Restaurants, an Angstschweiß auf Cocktailpartys und bei beruflichen Präsentationen, an plötzliches Zittern und Herzklopfen, wenn ich einfach nur zu Hause saß, und ich versuchte herauszufinden, wie ich mit meiner Stressreaktivität und meiner Angst umgehen sollte. All das passierte regelmäßig – und es war lediglich die Reaktion meines Body-Mind auf den ganz normalen Alltag! Mehr schlecht als recht hangelte ich mich durch viele stressauslösende Situationen hindurch, die im Grunde ganz alltägliche Stressoren waren. Natürlich gab es auch extrem belastende Ereignisse, bei denen meine Reaktivität durch die Decke schoss: Beide Kinder verunfallten schwer (zum Glück zu verschiedenen Zeiten), während der großen Finanzkrise drohte der Verlust unseres Haupteinkommens, mein Schwiegervater starb … Wenn die Alltags-Stressreaktivität auf einer Skala von eins bis zehn bereits bei acht liegt, bleibt nicht mehr viel Luft nach oben für wirklich schwierige Zeiten. In echten Notsituationen erlitt ich deshalb entweder Panikattacken oder einen Shutdown (siehe hier) – ein völliges Abschalten. Mein ganzer Körper wurde von Panik erfasst und auf das Schlimmste überwältigt. Manchmal fühlte es sich an, als wäre ich mit dem Finger in die Steckdose geraten, manchmal empfand ich mich völlig von mir selbst und meinem Leben abgekoppelt. Insgesamt gesehen hielt mich mein Body-Mind-System die meiste Zeit in einem Zustand außerordentlicher Angst.
Als mich schließlich die Angst fast überallhin begleitete und jeden Tag extreme Panikzustände auftraten, musste ich einen Ausweg finden. Ich versuchte alles nur Mögliche, angefangen bei Meditation und Yoga, über Akupunktur, Gesprächstherapie, Selbsthilfegruppen für Auftrittsangst bis hin zu Heilkräutern und einer Ernährungsumstellung. Schließlich fragte ich meinen Arzt, ob ich eine seltene Krankheit hätte, die vielleicht erklären konnte, was mit mir – was in mir geschah. Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich hoffte, die Antwort sei Ja. Die Fantasie-Erklärung einer Krankheit fühlte sich befreiender an als die Wahrheit: dass chronische Angst und Überwältigung mein Leben bestimmten.
Ich unterzog mich einer Reihe von Tests, die (paradoxerweise zu meiner Enttäuschung) zeigten, dass ich gesund war, gäbe es da nicht das extreme Schwitzen, Herzrasen, Mundtrockenheit, Schlaflosigkeit, Magenschmerzen – also letztendlich die allgemeine Panik, die stets in mir ausbrach, wenn ich gestresst oder nervös war, mich überrumpelt fühlte oder unter Druck gesetzt wurde oder, oder …
Ich suchte an allen nur erdenklichen Orten nach Antworten und Hilfe. Obwohl ich sehr lange gesucht und sehr viel ausprobiert hatte – Meditieren, Gesprächstherapie, Erinnern, „Noch-mal-Wiederkäuen“, Willensanstrengung und allgemeines Feilschen mit einer wie auch immer gearteten höheren Macht –, gab es für mich immer noch keine Erleichterung, sondern nur dieselben anhaltenden Symptome. Auf Empfehlung meines Arztes versuchte ich sogar, mich mit Lorazepam (starken rezeptpflichtigen Beruhigungstabletten) zur Ruhe zu bringen, wurde jedoch nur matschig im Kopf und gestresst. „Ach“, dachte ich, „das nennt man also gesund?!“ Fleckige Haut, Zittern, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche, Bauchschmerzen und die spürbaren körperlichen Schmerzen, erzeugt durch die Angst, die ich die meiste Zeit hatte? Na, das nannte ich nicht gesund! Und daran hat sich nichts geändert.
Durch meinen Stress fühlte ich mich nicht nur krank (und verrückt), sondern die Stresssymptome, wie das Schwitzen und die Hautflecken, standen mir in meinem Alltag wirklich im Weg. Es ist schwer, zu arbeiten, sich um Kinder zu kümmern oder auch nur Besorgungen zu machen, wenn man fortwährend wie ein aufgescheuchtes Huhn herumläuft und sich vor Angst halb zu Tode fürchtet vor … wovor eigentlich? Andere sahen mich regelmäßig an, als wollten sie fragen: „Was ist los mit dir?!“ Und ich nahm es ihnen nicht übel, denn ich fragte mich dasselbe. So zu leben war, wie Sie sich denken können, unerträglich. Doch obwohl es zum Verrücktwerden war, fand ich keine Methoden, Ansätze oder Ärzt*innen, die mir halfen.
Eigentlich, so dachte ich, sollte ich doch mit den Methoden und Hilfsmitteln, die ich bereits kannte, in der Lage sein, das Ganze durchzustehen. Ich hatte zehn Jahre lang Yoga praktiziert und unterrichtet. Ich hatte Klient*innen ebenso wie mich selbst darin unterstützt, diese Praxis therapeutisch anzuwenden. Nachdem ich die Grenzen des Yoga erkannt und selbst erlebt hatte, widmete ich ein Jahrzehnt der Praxis der Achtsamkeit, die ich außerdem zu therapeutischen Zwecken lehrte. Doch auch hier stieß die therapeutische Wirksamkeit an Grenzen, sobald stärkerer Stress, größere Ängste und Überwältigung ins Spiel kamen. Ich war frustriert und fühlte mich, als hätte man mich absichtlich in die Irre geführt. In meiner Krise fruchteten diese weithin sehr empfohlenen Methoden nicht im Geringsten.
Glücklicherweise führten mich einige Fährten in eine neue Richtung. Ich fand ein Studiengebiet, das mich da weiterbringen würde, wo Yoga und Achtsamkeit an Grenzen gestoßen waren; da war ich mir sicher. Ich begann ein Aufbaustudium in Mind-Body-Medizin. Weil ich nach wie vor unter Stress und Ängsten litt, versuchte ich es erstmals mit Körpertherapie und erkannte immer deutlicher die engen Zusammenhänge zwischen geistigem und körperlichem Stress.
Im Studium begann ich sofort damit, zur dauerhaften Linderung von Stress und Angst zu forschen. Die Studien, die ich in der Fachliteratur fand, führten mich zu Ansätzen und erlernbaren Fähigkeiten, von denen ich noch nie gehört hatte. Die Wissenschaftler*innen schrieben über das, was ich durchlebte. Sie erklärten: Wenn wir unter extremem Stress leiden, zeigt sich das auch im Körper, nicht nur im Geist. Wir können uns nicht einfach durch Denken und Reden daraus befreien, sondern müssen uns auch durch Fühlen den Weg hinausbahnen.
Jede Woche brütete ich über wissenschaftlichen Studien und neuen Theorien. Von Menschen, die dasselbe wie ich durchlebt und eine gewisse Linderung gefunden hatten, sammelte Informationen wie auch Hilfsmittel und Methoden. Ich traf mich auch mit meiner versierten, geduldigen Körpertherapeutin, die eine solche Situation ebenfalls kannte und der es jetzt besser ging. Im Lauf meiner Studien, teils in wissenschaftlichen Bibliotheken, teils auch auf der Couch, empfand ich den Body-Mind-Ansatz zunehmend als sehr erleichternd.
Die Recherchen für mein Aufbaustudium und meine Körpertherapie halfen mir, auf einer tiefen körperlichen Ebene zu verstehen, was beim Einsetzen der Stressreaktion passierte, und auf derselben Ebene zu spüren, was ich dagegen tun konnte. Ich lernte, wie ich meine Reaktivität von innen, aus meinem Körper heraus mindern, mein System physisch beruhigen und mich nach und nach wieder gut fühlen konnte (zumindest einen Großteil der Zeit). Mit meinen neuen somatischen Fähigkeiten entwickelte ich etwas, das meinem Body-Mind-System schmerzlich fehlte: Stressresilienz. Und genau das möchte ich mit Ihnen teilen.
Finden Sie’s heraus: Wie fühlt sich Stress in Ihrem Körper an?
Dieses Buch basiert nicht auf Ahnungen oder Vermutungen. Es beruht auf fundierten wissenschaftlichen Daten, verlässlichen Forschungen, Expert*innenempfehlungen, aktuellen bewährten Methoden und meinen eigenen Untersuchungen unter Verwendung des Mind-Body-Verfahrens. Ich nenne das von mir entwickelte Verfahren Mind-Body-Reset (MBR). Diesen Namen habe ich gewählt, weil MBR Sie tatsächlich resetten – auf Ihren Grundzustand zurücksetzen – kann. Als Grundzustand bezeichnet man das Gefühl, in Ruhe zu sein, und das ist für Menschen, die nicht auf der Stress-Autobahn feststecken, ruhevoll und erholsam. (Wenn Sie jetzt denken, „Was soll das sein, ruhevoll?“, dann lesen Sie weiter!)
Der MBR-Ansatz stärkt Ihre Fähigkeit, sich von Stress zu erholen, und steigert erwiesenermaßen Ihre Resilienz. Die Empfindungen, die Sie in der vorhergehenden Übung identifiziert haben, werden nachlassen, wenn Sie die in diesem Buch beschriebenen Hilfsmittel und Methoden anwenden. Bei jedem Hilfsmittel, das Sie lernen, lässt sich auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Studien erklären, wie und warum es funktioniert. Wenn Sie, wie ich, wissenschaftliche Zusammenhänge mögen, werden Sie Spaß an diesen Abschnitten haben. Falls Sie aber lieber direkt in das praktische Rüstzeug eintauchen, ist auch das gut. Denn es ist die unmittelbare Erfahrung mit diesen Werkzeugen, die sich am einschneidendsten auf Ihre Stressreaktivität auswirkt. Lesen Sie also entweder die Forschungsergebnisse und beschäftigen Sie sich erst anschließend mit den Übungen oder gehen Sie direkt zu den Übungen und überspringen Sie die Forschung. Aber überspringen Sie nicht die Übungen! Wenn Ihr Körper nicht die Erfahrung macht, wie resilient er ist, wird sich nicht viel ändern, egal wie gut Sie die wissenschaftlichen Ergebnisse auf Verstandesebene nachvollziehen können. (Glauben Sie mir, ich habe es versucht.)
Jedes Mal, wenn wir auf den Resilienzstraßen unterwegs sind, bilden sich in unserem gesamten Resilienznetzwerk ähnliche physiologische und neurologische Pfade stärker aus (sie werden gebahnt) und sie verbinden sich stärker wechselseitig miteinander. Wenn wir unsere Stress-Autobahnen weniger nutzen, lässt ihre Bahnung stärkernach und sie sind in unserem Stressnetzwerk weniger miteinander verbunden. Sie brauchen keine Straßenarbeiter anzuheuern, denn über die benötigte Frauen- oder Männerpower verfügen Sie bereits – genau hier, in Ihrem Body-Mind-System.
Ich habe die wissenschaftliche Literatur durchforstet und bei wegweisenden Expert*innen studiert und jetzt ist es mir eine Freude, einen Ansatz an Sie weiterzugeben, der im Körper verankert ist. Die fundierten Hilfsmittel und Methoden in diesem Buch helfen uns allen, mit unseren evolutionären Anlagen zu arbeiten und unser gegenwärtiges Dilemma – dass wir in Stress-, Überwältigungs- und Angstzuständen festgefahren sind –, anzugehen. Die Pfade der Stressreaktivität sind bei uns inzwischen so ausgetreten bzw. eingefahren, dass es für unser Body-Mind-System am einfachsten geworden ist, diese Bahnen der Überwältigung und Angst zu wählen. Die Hilfsmittel und Methoden in den Kapiteln 4 bis 7 werden Ihnen zu einer Umleitung verhelfen: weg von der Stressreaktivität und hin zur Stressresilienz und Stressbewältigung.
Es mag für Sie, meine lieben Stress-Leidensgenoss*innen, offensichtlich sein, dass wir Stress sowohl im Körper als auch im Geist erleben. Doch als ich so ausgiebig nach Linderung suchte, fand ich erstmal nichts dazu. Deshalb hier die große Neuigkeit: Wenn wir uns wirklich von unserem Stress befreien wollen, müssen wir ihn sowohl im Körper als auch im Geist auflösen. Experten wie Peter Levine, Bessel van der Kolk, Stephen Porges und Robert Sapolsky weisen immer wieder darauf hin, dass wir uns nicht allein auf unseren Kopf verlassen dürfen.
Kurz zusammengefasst: Levine hat den bahnbrechenden therapeutischen Ansatz des Somatic Experiencing entwickelt und ihn als Marke schützen lassen. Der Ansatz wird weltweit gelehrt und praktiziert und Levine hat mehr als zehn Bücher über somatische Selbstregulation verfasst und entwickelt weiterhin bewährte Vorgehensweisen zur Trauma- und Stressbewältigung. Bessel van der Kolk gründete das Traumazentrum in Massachusetts, verfasste mehr als 150 wissenschaftliche Artikel über Trauma und somatische Regulation sowie den Bestseller Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. Porges entwickelte die bahnbrechende Polyvagal-Theorie, die untermauert, dass unser Körper und Geist in ihrem Bestreben nach Regulation untrennbar miteinander verbunden sind; er verfasste Dutzende Artikel zum Thema Regulation und ist ein angesehener Wissenschaftler der Indiana University. Sapolsky, Professor an der Stanford University, verfasste zahlreiche wissenschaftliche Artikel und mehrere Bücher, darunter Warum Zebras keine Migräne kriegen (1998), in dem er u. a. definiert, wie Stress unser gesamtes Body-Mind-System beeinflusst und krank macht. Er ist als assoziiertes Mitglied eines Forschungsteams an den National Museums of Kenia tätig. (Wow, da haben wir ein paar beeindruckende Leute!)
Die großartigen Arbeiten dieser Forscher und Lehrer bilden die Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die ich Ihnen in diesem Buch vorstellen möchte. Ihre Untersuchungen zeigen: Wenn der Stresslevel außergewöhnlich hoch ist, brauchen wir ein Instrumentarium jenseits dessen, was unser Verstand bietet. Drauf werde ich in den folgenden Kapiteln näher eingehen. Ich werde zeigen, dass unser Körper einen effektiveren Zugang zu unseren Stressresilienzbahnen bietet als der Geist. Im Zustand hoher Stressbelastung müssen wir nämlich weitergehen, als uns aus diesem Zustand „herausdenken“ zu wollen. Wir müssen uns vielmehr mit dem Teil von uns beschäftigen, der sich unterhalb des Halses befindet und 97 Prozent unserer Gesamtheit ausmacht: mit unserem Körper.
Ein somatischer Ansatz nutzt im Wesentlichen die Weisheit des Körpers, der Geist spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Wir werden einen solchen somatischen Ansatz nutzen, um uns davon zu erholen, wie unser Körper Stress, Ängste und Überwältigung ausagiert. Das ist die wesentliche Grundlage für alle MBR-Mittel und -Methoden. Wie ich bereits gesagt habe, denken wir nicht nur an Stress und Angst, wir fühlen beides auch. Herz, Lunge und Darm kommunizieren unbewusst mit den Armen, Beinen, Augen und Ohren, und zwar regelmäßig den ganzen Tag lang. Das alles ist Teil eines komplexen Systems, das dazu dient, Gefahren einzuschätzen und uns vor Schaden zu bewahren, bevor wir überhaupt anfangen, die ganze Situation zu durchdenken. Das System ist auch dann aktiv, wenn wir überhaupt nicht darauf achten oder darüber nachdenken. Es handelt sich hier um Ihr erstaunliches Nervensystem, das wir im nächsten Kapitel noch viel detaillierter anschauen werden.
Wenn Ihr Körper Sicherheit registriert, ist dieses System eine gut geölte Maschinerie, ein glücklicher Ort, eine Umgebung, die für Zufriedenheit sorgt. Sie werden wahrscheinlich ein Gefühl der Entspannung oder Weite in der Brust haben. Atmen ist leicht und die Atemzüge sind tief. Der Bauch tut fröhlich seine Arbeit – verdauen, Nährstoffe extrahieren und den Rest problemlos ausscheiden. Mehr noch, die Augen funktionieren gut und sehen die Umgebung genau; der Mund ist angenehm feucht und das Essen schmeckt gut; die Körpertemperatur ist gleichmäßig, angenehm und passt sich angemessen an die aktuelle Umgebung an; die Muskeln sind entspannt und nur so stark angespannt, wie es erforderlich ist. Mit einem Wort: Wenn dieses System einschätzt, dass Sicherheit herrscht, fühlen Sie sich gut.
Wenn der Körper eine Bedrohung registriert, greift dieses System als Ersthelfer ein. Die eben erwähnten Betriebsmodi schalten sich alle ab oder stellen sich um, während der Körper versucht, sich sofort in eine effiziente Kampfmaschine zu verwandeln. Wir atmen unregelmäßig, oft schnell und flach (Wird Ihnen manchmal schwindelig?); wir entleeren unseren Darm oder er verschließt sich (Gibt es jemanden hier mit Durchfall oder Verstopfung?); der Mund wird trocken (Plötzlicher Durst?); unter den Armen, Händen oder im Rücken sammelt sich Schweiß (Schweißflecken?); vielleicht pressen wir den Kiefer zusammen, die Kehle wird eng, wir spannen die Schultern, das Gesäß oder die Oberschenkel an (Chronische Schmerzen?). Wir begeben uns auf eine Adrenalin-Achterbahnfahrt. Diese Reaktionen sind Teil des Kampf-oder-Flucht-Modus unseres Überlebenssystems, den man auch als einen Zustand der Hyperaktivierung beschreiben kann. Aktivierung schaltet das System an, damit es funktionsfähig und einsatzbereit ist. Der Kampf-oder-Flucht-Modus bedeutet: Einsatzbereit. Jetzt. Unmittelbar.
Finden Sie’s heraus: Neige ich zu Hyper- oder Hypoaktivierung?
Kreisen Sie in jeder Spalte die Reaktion ein, die Sie von sich selbst kennen. Zählen Sie dann pro Spalte die eingekreisten Begriffe zusammen.
Hyperaktivierung
Hypoaktivierung
Sehr schnell
Erstarrt
Aggressiv
Passiv
Ruhelos
Lethargisch
Schnell im Sprechen und Reagieren
Langsam und schweigsam in sich gekehrt
Zu stark auf etwas fokussiert
unfähig, mich zu fokussieren
Schwitzend
Klamm oder frierend
Gesamtpunktzahl:
Gesamtpunktzahl:
Ist Ihre Punktzahl bei Hyper- oder Hypoaktivierung höher? Oder sind Sie in Bezug auf diese beiden Reaktionsweisen ziemlich ausgeglichen? Wenn Sie die Symptome Ihrer Aktivierung kennen und wissen, ob Sie zu Hyper- oder Hypoaktivierung neigen, kann Ihnen das helfen zu erkennen, wann in Ihrem Körper eine Stressaktivierung abläuft. Und die Aktivierung zu erkennen, ist der erste Schritt, um sie zu beruhigen.
Wenn wir fortwährend die Höhen und Tiefen der Hyper- und Hypoaktivierung durchlaufen, kommen wir selten in den Genuss des Mittelwegs zwischen allem und nichts. Durch einen somatischen Ansatz kann unsere automatische Körperreaktion lernen, dass es andere Optionen gibt als die der Hyper- und Hypoaktivierung. Wahrscheinlich wissen wir nur zu gut, dass wir über eine stark ausgeprägte Fähigkeit verfügen, in Hyperaktivierung – den Kampf- / Flucht-Modus – und in Hypoaktivierung – die Erstarrungs- / Shutdown-Reaktion – zu verfallen. Doch zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch ein ganzes Spektrum an Reaktionen, einen Modus der funktionalen Aktivierung. Wie im Märchen von Goldlöckchen und den drei Bären geht es auch in der funktionalen Aktivierung um „nicht zu viel und nicht zu wenig“. Mit somatischer Regulation finden wir einen Aktivierungsbereich, den unser Mind-Body-System als genau richtig empfindet.
Aktivierung ist nichts Schlechtes, bedeutet sie doch auch, dass wir Einsatz zeigen. Laut Levine finden wir mit der funktionalen Aktivierung zurück zu unserer grundlegenden Lebendigkeit, Güte und Stärke. Im Zustand der funktionalen Aktivierung können wir in Erscheinung treten; wir sind aufmerksam und einsatzbereit, ganz da. Es ist ein bewusster und doch ruhiger Zustand. Mit der funktionalen Aktivierung sind Sie anderen gegenüber aufmerksam zugewandt, präsent, bereit.
Die funktionale Aktivierung ist ein verkörperter und kein rein geistiger Zustand. Deshalb wird bei einem somatischen Ansatz der Körper in den Prozess miteinbezogen, in dessen Verlauf die Fähigkeit zur funktionalen Aktivierung gefunden, wiederaufgegriffen und aufgebaut wird. Im Zuge einer somatischen Regulation lehren wir den Körper, wie er weitgehend selbstständig Zugang zu diesem Zustand findet. Im Alltag können wir nicht permanent gedanklich eine Checkliste durchgehen, um aufmerksam zugewandt, präsent und bereit zu sein. In einem Zustand der funktionalen Aktivierung haben wir aus einem verkörperten Zustand heraus, der auf einem gespürten Wissen des Präsentseins, der Sicherheit und der Gelassenheit beruht, Zugang zu unserem wachen und dennoch ruhigen Bewusstsein.
Mit der somatischen Regulation müssen wir gar nicht erst versuchen, mithilfe des Denkens unseren Herzschlag zu verlangsamen, zu einer leichteren Verdauung zu gelangen oder die Schweißproduktion zu verringern. Diese Funktionen lassen sich in der Regel ohnehin nicht sehr erfolgreich durch Gedanken steuern. Das ist Aufgabe des Körpers. Über Millionen Jahre hinweg haben wir uns dahin entwickelt, dass in unserem Körper eine fein abgestimmte automatische Reaktion abläuft. Mit der somatischen Regulation arbeiten wir also in Übereinstimmung mit der Evolution. Wir nutzen den Körper zur Heilung des Körpers. In diesem Prozess „resettet“ sich der gesamte Mind-Body, von einem gestressten, überwältigten Zustand zurück auf einen Grundzustand der wachen Aufmerksamkeit und Ruhe. Und im Zentrum unserer Erfahrung steht das Gefühl: Wir sind hier, wir sind in Sicherheit, wir sind in Ordnung.
Selbstregulation ist der Prozess, sich geschickt zwischen den zuvor beschriebenen drei Zuständen zu bewegen und sich nötigenfalls von extremen Zuständen zu erholen. Wir alle verfallen zeitweise in Hyper- oder Hypoaktivierung. Manchmal brauchen wir diese extremen Zustände. Das Problem ist jedoch die Gewohnheit, als erste Reaktion in solche Zustände zu verfallen, sich folglich auf sie zu verlassen und dann in ihnen festzustecken. Hyper- und Hypoaktivierung können in unserem System zu derart ausgetretenen Pfaden werden, dass wir diese Ausnahme- und Notfallzustände regelmäßig und alltäglich nutzen. Dass es keine gute Art zu leben ist, im Ausnahmezustand zu frühstücken, zur Arbeit zu gehen, Freund*innen zu treffen oder Textnachrichten zu beantworten, muss ich Ihnen wahrscheinlich nicht erst sagen.
Selbstregulation ist die Fähigkeit, Körper und Gehirn zu nutzen, um aus Hyper- und Hypoaktivierungszuständen herauszukommen. Wenn wir uns wieder selbst regulieren können, müssen wir nicht mehr so leben, als lauere hinter jeder Ecke Gefahr. Unser Body-Mind-System gewinnt seine Flexibilität zurück, seine Gesundheit und die Fähigkeit, mit Stress und Ähnlichem umzugehen. Selbstregulation ist eine Fähigkeit, die viele von uns lernen müssen. In diesem Buch erfahren Sie, den Körper als Zugangstor nutzen.
Ein gesundes Body-Mind-System kann auf angemessene Weise in einen Zustand notwendiger Reaktivität übergehen und diesen Zustand anschließend wieder verlassen. Wir streben nicht danach, fortwährend entspannt zu sein – ein solcher Zustand entspricht nicht immer dem, was im Leben von uns gefordert wird. Wenn ich am Bordstein stehe und gerade die Straße überqueren will, aber plötzlich merke, dass ein riesiger Lastwagen auf meine Kreuzung zubrettert, dann will ich sofort in den Hyperaktivierungs- oder Fluchtmodus wechseln und wegspringen. Ich will einen Adrenalinschub; mein Puls soll sich beschleunigen und meine Körpertemperatur steigen; meine Beinmuskeln sollen sich stärker anspannen; mein Sichtfeld soll sich verengen und nur den Lastwagen im Blick behalten; ich will ausschließlich Informationen hören, die für das Ausweichen relevant sind. Das alles ist erforderlich, angemessen und notwendig. Juhu, ein gut funktionierendes Nervensystem! Es hat zuverlässig eine automatische Reaktion hervorgerufen und mich angemessen in einen Zustand der Hyperaktivierung versetzt. Wer hat in einer lebensgefährlichen Situation schon Zeit, eine Checkliste durchzugehen?
Wenn wir uns jedoch von diesem Vorfall nicht erholen und in der Hyperaktivierung stecken bleiben, kann es passieren, dass wir von dem Vorfall an der Kreuzung in unsere erste Begegnung des Tages gehen – immer noch in sehr hoher Alarmbereitschaft, immer noch in einem Zustand der Hyperaktivierung. Vielleicht schreien wir einen Kollegen an, der einen Vorschlag von uns infrage stellt, oder springen beim Klingeln des Telefons beinahe durch die Decke.
Kann unser System die hohe Alarmbereitschaft nicht aufrechterhalten, oft aufgrund von Erschöpfung wegen Überlastung oder Überwältigung, dann könnten wir in einen Zustand der Hypoaktivierung geraten. Es gelingt uns vielleicht, dem Lastwagen auszuweichen, doch der ganze Vorfall spielt sich ab wie in einem Traum. Dann gehen wir in einem „abgeschotteten“ Zustand zur nächsten Aufgabe des Tages über. Wir bemerken kaum, dass eine Freundin mit uns spricht, und vergessen, die drei wichtigen E-Mails zu verschicken, an denen wir am Vortag noch mit Begeisterung gearbeitet haben.
Unflexible Reaktivität mündet geradewegs in einem Zustand intensiver Stressreaktivität, unabhängig von der Situation. Wenn Sie schon einmal einen Raum mit lauter fremden Menschen betreten oder ein Flugzeug bestiegen haben, zur Arbeit oder zu einem Date gegangen sind und währenddessen eine automatische Reaktion hatten, die der des Beinahe-von-einem-Lkw-überfahren-Werdens ähnelt, dann sind die kommenden Mind-Body-Methoden genau das Richtige für Sie. Unflexible Reaktivität bedeutet auch: Sie bleiben in Ihrer Stressreaktivität stecken und kehren nicht, sobald der Stress aufhört, zur funktionalen Aktivierung zurück. Nehmen wir an, sie hatten morgens fast einen Unfall, weil ein anderer Fahrer aggressiv in Ihre Fahrspur eingeschert ist, und Ihnen fällt auf, dass Sie den ganzen Vormittag bei jeder plötzlichen Bewegung zusammenzucken oder nachmittags in jedem Gespräch Ihr Gegenüber anfauchen, dann sind Sie in Ihrer Reaktionsfähigkeit steckengeblieben. Nach einer extremen oder lang andauernden Stressbelastung braucht unser System etwas Hilfe, um sich an die Resilienzstraßen zu erinnern und flexibel zu reagieren.
