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Ein junger Elektriker, der im großen Blackout eine kleine Liebe sucht; ein alter Koch, der einen missliebigen Mafiaboss beseitigen soll; ein penibler Kellner, der einen Arbeitskampf durcheinanderbringt; eine Schuldeneintreiberin, die vom schönen Leben in Manhattan träumt; und schließlich Beppo, der kleine, hässliche Hund vom Central Park, der mehr von den Menschen weiß als die Menschen selbst – die Heldinnen und Helden dieser Geschichten sind erfunden, aber lebendig werden sie nur in der Welthauptstadt der Widersprüche: New York. Reportagen umgeben die Geschichten, Augenzeugnisse des Autors, die uns über die Straßen führen, zu den Pendlern in die Tunnel der Subway und in die Nacht, wenn die Ruhelosen nicht aufhören können zu tanzen, und einmal sogar für 15 Minuten aufs Parkett der New Yorker Börse. Nichts verharrt in dieser Stadt, alles bewegt sich vorwärts, selbst in Zeiten tiefsten Unglücks. Wer dieses Buch liest, wird am Ende sein Herz an New York verloren haben – und an die Menschen, die hier leben.
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Seitenzahl: 553
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Disclaimer
Glossar
Bombolone
Vergiss die Welt da oben
Ein seltsamer Vorfall auf der Linie 1
Pizzamann
Tumult im Lesesaal
Heine in der Bronx
Beppo
Drei Strophen Stadt
Große Tage in Harlem
An jenem sonnigen Septembermorgen
Schuldnerinnen
Fünfzehn Minuten auf dem Parkett der New Yorker Börse
Fahrt zur Hölle
Streik!
Energize me
Tango in Manhattan
Stromer
Dank
Der Autor
Weitere Werke von Bernd Hendricks
Bücher in englischer Sprache
Die Handlungen der in diesem Buch veröffentlichten Kurzgeschichten sind frei erfunden. Die darin dargestellten toten oder lebenden Personen, Orte, Organisationen und Ereignisse entstammen entweder der Phantasie des Autors oder sind fiktiv verwendet.
Obwohl die Inhalte der in diesem Buch veröffentlichten Reportagen unter größter Sorgfalt erarbeitet wurden, übernehmen Verlag und Autor für ihre Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit weder Gewähr noch Haftung. Verlag und Autor übernehmen keine juristische Verantwortung in irgendeiner Form für fehlerhafte Angaben und die daraus entstandenen Folgen.
The short stories published in this book are works of fiction. All of the persons, places, organizations and events, whether living or dead, portrayed in them either come from the author's imagination or are used fictitiously.
Publisher and author have made every effort to ensure that the contents of the reports published in this book were correct at press time. The publisher and author assume no responsibility for errors, inaccuracies, omissions, or any other inconsistencies herein and hereby disclaim any liability to any party for any loss, damage, or disruption caused by errors or omissions, whether such errors or omissions result from negligence, accident, or any other cause.
Texte Copyright © Bernd Hendricks 2026, Berlin, Deutschland
Verlag: www.berndhendricks.com
eDruck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Formatiert mit Vellum
Die famiglia vergisst dich nie. Ruhestand gibt es für dich nicht.
Bombolone erhielt den Anruf um zehn Uhr morgens. Um elf Uhr dreißig saß er im Restaurant “Amo” auf der Mulberry Street Frankie “The Dog” gegenüber.
Bombolone ist klein. Sein Bauch ist groß. Seine letzten Haare sind ergraut. Die Jahre hängen schwer an seinen Wangen, doch seine Nase hat ihnen getrotzt. Rund und stark steht sie im Gesicht. Wenn Bombolone ausatmet, entlässt sie einen leisen Pfeifton. Wenn er einatmet, hebt sich seine Brille ein bisschen und seine Augen senken sich. Seine Augen sind braun und weich und haben einst die Callas gesehen. Das war 1965 in der Metropolitan Opera, an einem kühlen Abend im März. Sie war sehr müde, das hat er sofort bemerkt. In der letzten Szene war sie gar nicht erst erschienen. Bombolone konnte die folgende Nacht nicht schlafen. Bombolone sorgt sich um Menschen. In seiner Gegenwart ist jedermann entspannt.
Frankie “The Dog” ist entspannt. Er ist dünn und drahtig. Sein Hals schimmert rosa und ist von Äderchen durchzogen. Die Haare glänzen schwarz. Er hat sie fein nach hinten gekämmt. So betont er seine hohe Stirn. Hinter der Stirn arbeitet das Hirn eines Raubtiers. Seine Augen sind klein und dunkel und sehen alles, aber noch nie haben sie in die Augen eines anderen Menschen geblickt.
Maria, die Kellnerin, erscheint. Sie stellt beiden Männern einen Espresso auf den Tisch. Auf ihrem Arm wachsen schwarze Härchen.
“Maria, sag ‘Guten Tag’ zu Signore Bombolone”, sagt Frankie “The Dog”.
“Guten Tag, Signore.”
“Wie groß du geworden bist. Wie geht es dir?”
Maria schweigt und geht.
Frankie “The Dog” und Bombolone sehen zu, wie die Zuckerwürfel in ihre Espressos versinken. Frankie nimmt das Löffelchen vom Unterteller. Als er ihn in den Espresso taucht, nimmt auch Bombolone seinen Löffel. Frankie rührt langsam, Bombolone rührt nicht schneller. So bestimmen sie die Stimmung ihres Treffens.
Sie blicken auf den trägen Strudel in ihren Tässchen. Nichts ist zu hören als das Pfeifen aus Bombolones Nase. Zwei, drei Mal stößt ein Löffel gegen eine Tassenwand. Frankie legt das Löffelchen wieder auf den Unterteller. Bombolone wartet einen Moment, dann legt auch er sein Löffelchen zurück. Frankie schlürft den Espresso, kaut darauf und schluckt. Wenn Bombolone kaut, baumeln seine Ohrläppchen. Aber er schlürft nicht. Von ihm kommt kein Ton. Frankie bestimmt, Bombolone folgt. Frankie macht die Geräusche, Bombolone hört zu. So zeigt er Respekt.
“Du hast bestimmt das Foto in der Zeitung gesehen”, sagt Frankie.
“Dein Sohn. Du musst so stolz sein.”
“Er hat vierzig Konkurrenten ausgeschaltet.”
“Mit seiner Stimme allein”, sagt Bombolone.
“Che Gelida Manina.”
“Oh.”
“La Donna E Mobile.”
“Verdi.”
“Die Jury hatte keine andere Wahl.”
“Welcher andere Tenor würde über ihm stehen?”
“Keiner.”
“Ein großer Tag für die Kunst.”
“Und für die famiglia”, sagt Frankie.
“Und für die famiglia”, sagt Bombolone. “Ein großer Tag für dich.”
“Papa Genovese hat es auch gelesen. Er hat mich angerufen und mir gratuliert. Er hat von einem Durchbruch in der Gesangskunst gesprochen. Bald wird mein Junge in der Met singen. Dann in der Scala.”
“Das ist großartig”, sagt Bombolone.
“Er hat sich nach dir erkundigt.”
“Dein Junge.”
“Papa Genovese.”
Bombolone sieht Frankie an.
Frankie sagt: “Er hat von deinen Kochkünsten geschwärmt. Pastadi morte.”
“Di amore”, korrigiert Bombolone.
Frankie: “Der Knoblauchduft steigt aus der Pasta. Die Tomaten blühen im Mund. Papa Genovese denkt oft daran in letzter Zeit.”
Bombolone: “Ja.”
Frankie wartet.
Bombolone sagt: “Es ist eine Schande, dass Papa Genovese im Gefängnis sitzt. Der Staat hasst uns und unsere Traditionen.”
Frankie: “Staatsanwälte, Richter, FBI. Sie haben nur ihre Karriere im Sinn. Sie fabrizieren Beweise.”
Bombolone: “Sie wollen unsere famiglia zerstören.”
Frankie: “Papa Genovese sagt, dass die famiglia nicht mehr das ist, was sie mal war. Es gibt kaum noch Gehorsam, Bombolone.”
Bombolone: “Ist das so?”
“Alles zerfällt”, sagt Frankie. “Der Papa sitzt im Gefängnis. Die Kinder verkriechen sich aus Angst und tun nichts. Das Blut aller famiglias ist arm und krank und kaum noch sizilianisch. Manche Kinder und Cousins missachten bereits unsere Traditionen. Sie treten das Heiligste, sie reden zu viel. Die Geschäfte verkommen. Papa Genovese musste sein Haus auf der Mulberry Street verkaufen.”
“Eine Tragödie”, sagt Bombolone.
Frankie: “Die Anwälte sind gierig. Sie verlangen immer höhere Honorare. Nun fangen schon die Onkel an, die famiglia betrügen. Sie machen nebenbei Geschäfte. Sie geben der famiglia nichts davon ab. Niemand kann dem anderen trauen.”
Bombolone: “Die famiglia sollte in der Not zusammenhalten.”
Frankie: “Deshalb hat Papa Genovese auch an dich gedacht. Er möchte, dass du wieder kochst.”
Bombolone: “Meine Hände sind alt.”
Frankie: “Papa Genovese möchte, dass du wieder kochst.”
Bombolone sieht Frankie an.
Bombolone: “Wen?”
“Onkel Tosca”, antwortet Frankie. “Er wird nach Manhattan kommen. Er macht uns Sorgen. Er glaubt, er könnte Papa werden. Aber Papa Genovese will, dass er sich wohlfühlt. Er soll unsere Nähe spüren, unsere Wärme. Was ist das für ein Leben, wenn man den Mitgliedern der eigenen famiglia nicht mehr in die Augen blicken kann? Onkel Tosca will mit uns reden und wir wollen ihm zeigen, wie glücklich wir darüber sind.”
Bombolone: “Ein arbeitender Mann hat das verdient.”
Frankie: “Er kommt morgen Abend aus Miami.”
Bombolone: “Miami ist hart. Viele Kubaner.”
Frankie: “Kolumbianer, Russen. Alles Leute, mit denen man zusätzliche Geschäfte machen kann, ohne die famiglia zu beteiligen.”
Bombolone: “Ich werde eine wunderbare Mahlzeit zubereiten.”
Frankie: “Den besten Fisch, Pasta, Scampi. Sauce Genova.”
Bombolone: “Der Fisch ist kräftig zur Zeit. Die Tomaten duften.”
Frankie: “Onkel Tosca liebt gutes Essen. Er isst viel. Ohne Halt.”
“Wer will es ihm verdenken”, sagt Bombolone.
Frankie: “Er kommt allein. Ich hole ihn vom Flughafen ab und bringe ihn. Dann weiß er, dass er auf Einladung von Papa Genovese speist.”
Bombolone fragt: “Wer wird kellnern?”
Frankie antwortet: “Maria wird ihm den richtigen Tisch anbieten, weg von den Fenstern. Sie wird die Speisen bringen.”
Das Pfeifen aus Bombolones Nase setzt für einen Augenblick aus.
“Maria ist jung”, sagt er.
Frankie “The Dog” dreht sich um, hebt kaum die Stimme: “Maria. Die Zigarren, bitte.”
Er wendet sich wieder Bombolone zu.
“Onkel Tosca verlangt Zigarren nach dem Essen”, sagt Frankie. “Wenn das Essen gut war, ruft er nach dem Koch und der Koch bringt ihm die Zigarren.”
Maria erscheint und übergibt Frankie eine Zigarrenkiste. Er wiegt sie auf den Handtellern und reicht sie über den Tisch. Bombolone nimmt die Kiste, hebt sie zur Nase, öffnet sie, sieht hinein und schnüffelt.
“Welch eine Ehre”, sagt Bombolone. “Welch ein Herz.”
Frankie: “Für Onkel Tosca. Auf Empfehlung der famiglia.”
* * *
Bombolone meidet den Fischmarkt am Fluss. Dort kennen ihn noch zu viele Leute. Er wird nach Chinatown gehen und in den Massen verschwinden, die sich durch die aufgeheizten Gassen drängen. Er muss die Canal Street überqueren, die Gürtelrose Manhattans, die entzündete Straße zwischen New Yorks Fernost und Little Italy. Er hasst nicht die Canal Street, etwas Böses wie Hass hat in seinem Herzen keinen Platz. Er fühlt ein Unbehagen. Es setzt sich als Schwäche in den Knien fest und hindert ihn daran, mit Entschlossenheit voranzugehen.
Die Canal Street ist im Leben eines Angehörigen einer famiglia die größte Bedrohung. Hier haben mehr soldatos durch den Zusammenprall mit heranrasenden Autos ihr Leben verloren als im Kugelhagel von Little Italy.
Bombolone fasst in seiner Jackentasche nach der Knoblauchknolle, die er heute morgen eingesteckt hat. Sie wird ihn vor den Gefahren des Tages schützen. Auf der anderen Straßenseite blinkt die Ampel. Von einem Plakat auf der Häuserwand lächelt eine asiatische Schönheit herab. Sie wirbt für Kosmetik. Bombolone setzt einen Fuß auf die Straße, doch ein Taxi rast vor ihm vorbei. Bombolone hält nicht an. Sein Körper gehorcht längst nicht mehr seinen Befehlen. Er ist jetzt eine unaufhaltsam in Bewegung gesetzte Masse aus Fett, Fleisch und Gleichmut. Bombolone marschiert und sieht, wie sich aus dem Westen ein Lastkraftwagen nähert. Er empfindet nichts, keine Angst, kein Bedauern. Er fühlt keine Erleichterung, als das Fahrzeug an ihm vorschwingt. Für eine Sekunde tanzt das Ungeheuer vor seinem Gesicht. Die Heckräder springen. Es wackelt höhnisch mit seinem Hinterteil. Pappbecher hüpfen hinterher. Ein Zeitungsblatt umwickelt Bombolones Wade. Bombolone läuft und läuft.
Zermürbter Asphalt. In Schlaglöcher geschmierte Teergeschwülste. Zermürbte Straßenstreifen, die sich unter Bombolones Schritten krümmen. Schlanke Körper überholen Bombolone. Hemden flattern und winken zurück. Bombolone wird nie schneller sein, doch sein Wille zu rennen ist wach wie vor vierzig Jahren. Damals hat ihm sein Instinkt Flügel verliehen. Da ist er durch die Mott Street gerannt, als Mock Duck, der Boss der Hip-Sing-Sippe, auf die Straße trat und Chinatown zurückeroberte. Mock Duck schoss wie ein Irrer durch die Gegend, in jeder Hand einen Revolver, die dicken Brillengläser beschlagen. Alle sprangen und liefen. Jeder wusste um seinen Jähzorn und seine Kurzsichtigkeit. Bombolone war der erste, der in Little Italy ankam. Am Straßenrand applaudierten die Leute.
Jetzt, da Bombolone zwei Drittel des Weges über die Canal Street geschafft hat, zeigt die Ampel “Stop”. Bombolone ist allein. Die Autos blitzen und knurren wie eine Jagdhundmeute vor der Hatz. Bombolone schaukelt vorwärts und schnauft. Fahrräder schweben vorbei, Eilpostboten mit Ketten auf dem Rücken. Sie umsteuern Bombolone, ohne ihn anzuschauen. Jetzt springen die Autos los. Sie schicken ihr Hupen voran, doch Bombolone erreicht die Ampel. Er tritt auf den Gehsteig. Er hält sich für einen Moment am Ampelpfahl fest, während hinter ihm die Wogen aus Stahl zusammenschlagen. Auf der Canal Street ist jetzt jedes Leben ausgeschlossen.
Das Straßenschild der Mulberry Street ist auf dieser Seite mit chinesischen Zeichen beschriftet, die aussehen wie Buddha-Tempel mit ihren eleganten Dächern. Bombolone erinnert sich, dass Papa Genovese behauptete, die Schriftzeichen würden “Panzer” bedeuten. Die Panzer, bedauerte Papa Genovese, würden unaufhaltsam in das Terrain der famiglias dringen, nach Little Italy, und es gebe nichts, was man dagegen machen könne. Schweiß rinnt in Bombolones Augen. Er zieht ein weißes Taschentuch aus der Tasche und wischt sich die Stirn.
Die Bürger Chinatowns überholen sich am Straßenrand. Ihre Sprache ist hart und trocken. Ein Polizist verjagt einen Straßenhändler, der an einem Karren Mandeln röstet. Der Polizist verlangt, dass der Karren vom Straßenrand fünfzehn Fuß Abstand hält. Der Händler bittet mit den Händen und fleht mit seinen Augen. Sie suchen die Augen des Polizisten. Aber die sind hinter einer Sonnenbrille versteckt. Der Händler sieht nur sich selbst in den Brillengläserspiegeln: einen Winzling ohne Macht und ohne Chance. Ein paar Schritte weiter steht bereits ein Gemüsestand, kein Platz für geröstete Mandeln. Der Polizist richtet seinen Zeigefinger auf die Brust des Händlers und sagt, dass er verschwinden muss. So ist die Vorschrift.
Der Polizist lächelt. Sein ganzes Leben hat Bombolone herauszufinden versucht, ob Polizisten tatsächlich davon überzeugt sind, dass sie Gerechtigkeit und Gutes stiften. Was die Cops auch immer gegen den kleinen Händler oder gegen die große famiglia tun, ob sie den Händler verjagen oder das Lagerhaus der famiglia an den Docks drüben in New Jersey beschlagnahmen – sie zerstören nicht mehr als eine Tageseinnahme. Es ist ein Naturgesetz, eine Konstante. Nichts kann schneller sein als Licht, und die Polizei kann nicht mehr zerstören als die Einkunft eines Tages: Der Händler hungert an diesem Tag und die famiglia muss ein paar Partys in Florida entbehren, die Onkel verzichten auf ihren nächsten Gucci-Anzug und Papa Genovese ist ein paar Stunden gereizt.
* * *
Begonnen hatte Bombolone als Saucier im Restaurant “Giambone’s”. Er veredelte Wasser. Er destillierte Geschmack. Soßen sind Empfindung und Bombolones Soßen waren Empfindung in ihrer edelsten Form.
Das Restaurant lag tief in Chinatown, dort, wo die Mulberry Street auf das Strafgerichtsgebäude der Stadt New York zuläuft, einen grauen Bau, der über der Gegend hing wie eine Schlechtwetterfront. Die Onkel und soldatos feierten immer am anderen Ende der Mulberry Street, in den Social Clubs von Little Italy, in der Nähe der Sonne, die den Himmel frei und die Sorgen fernhielt; und diese Sonne war Papa. In “Giambone’s” hingegen stiegen nur diejenigen ab, die zum Gerichtsgebäude mussten, die Angeklagten, solche, die das Ende ihrer Freiheit erwarteten. “Giambone’s” war der Grenzposten zum Reich der Cops und der Richter. In der Küche hörte Bombolone das gekünstelte Lachen der Gäste, das ihre Angst übertönen sollte. Es dauerte nicht lange, bis er bemerkte, wie sie sich beruhigten, wenn sie aßen. Und so entdeckte Bombolone seine Macht. Die Aufmerksamkeit der Männer zerfiel unter seinen Händen. Ihre Welt schrumpfte, wenn die Speisen köstlich waren, reduzierte sich auf die Teller und Schüsseln vor ihm, vielleicht noch auf die Kumpanen am Tisch. Die Tür und die Fenster des Restaurants jedoch verschwammen zu dunklen Flecken. Was neu ins Bild rückte, verschwand im Appetit: der Unbekannte, der länger an der Türe steht, als man erwarten würde; die Hand, die in seine Jacke greift. Genuss sieht Gefahren nicht.
Papa Genovese kam nie nach “Gambione’s”, auch nicht, als er selbst ins Gefängnis musste. Aber er schickte seine Botschafter, die mit den Gästen aus der famiglia aßen. Wenn sie sich über ihren Teller beugten, flüsterten sie hastig Warnungen und letzte Befehle über den Tisch. Oft kehrten die Angeklagten vom Gerichtsgebäude wieder heim, weil ein Zeuge sich plötzlich nicht mehr erinnern konnte oder weil einige Geschworene nach einem Geldgeschenk ihre Meinung änderten. Aber nie kehrten die Freigesprochenen nach “Giambone’s” zurück. “Giambone’s” war immer Endstation, nie Neubeginn. Bombolone gewöhnte sich daran, dass er manchmal ein Gesicht hier zum letzten Male sah, dass der Mann, nachdem er das Dessert verspeist und “Giambone’s” verlassen hatte, völlig verschwand. Er hatte es nicht einmal bis zum Gerichtsgebäude geschafft.
Irgendwann lasen Papas Botschafter in den Soßen Bombolones Talent und irgendwann, vor vielen Jahren, durfte er sich bewähren: Minestrone kochen und zusehen, wie das Gemüse in dem kochenden Wasser versinkt; bei Ladenbesitzern Geld abholen, Rindfleisch vom Knochen trennen, Zeugen besuchen, Hühnchen ausnehmen; Männer, die das harmonische Leben der famiglia störten, mit Papa Genovese bekanntmachen; schweigend im Auto auf Frankie “The Dog” warten, an dessen Wange manchmal noch ein Tröpfchen Blut klebte, wenn er einstieg; Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln, Brokkoli kleinschneiden, bis zur Unkenntlichkeit kleinschneiden und in den Kreislauf der Schöpfung schütten, wo starkes Leben das schwache Leben verzehrt; Müllsäcke ins Auto hieven und an der Müllhalde in Staten Island abwerfen.
Bombolone stieg auf. Papa Genovese holte ihn ans obere Ende der Mulberry Street. Alle liebten ihn. Sie verehrten seine Speisen. Sie verschlangen sein Roastbeef, seine Steaks und gegrillten Rippchen und seine Pasta mit Kalbsstreifen. Bombolone sprach nicht viel. Nur seine Nase redete für ihn. Sie pfiff in ihrem beruhigenden Rhythmus. Wenn die Männer seine Arbeit lobten, spielte er mit den Fingern an der Schürze und schaute zu Boden. Nur Cocky Condone verachtete ihn. Darüber war Bombolone betrübt.
Condone war Vegetarier, möglicherweise der einzige und letzte in der Geschichte der famiglia, ein junger, ehrgeiziger soldato, der fast täglich die Nähe Papa Genoveses suchte. Wenn Papa Genovese Bombolones Fleischgerichte pries, verließ Cocky Condone den Raum, trat vor die Tür und murmelte sizilianische Flüche in die Nacht. Er vergötterte Tiere. Einmal rannte er während der Vorführung des Films “Der Pate” aus dem Kino, weil in einer Szene ein Akteur als Zeichen der Warnung einen Pferdekopf in seinem Bett gefunden hatte. Draußen fiel Condone einen Obdachlosen an, der seine Tränen gesehen hatte und ihm Trost zusprechen wollte. Der alte Mann lag bereits leblos auf dem Gehsteig, Condone trat noch minutenlang auf ihn ein, bis Bombolone und zwei andere Männer ihn schließlich wegzogen. Papa Genovese stand an der Tür und sah ihm traurig nach. Cocky Condone erweckte zu viel Aufsehen, er war unberechenbar geworden. In dieser Nacht kochte Bombolone Gemüselasagne für ihn. Cocky Cordone hatte als Vegetarier gelebt und als Vegetarier sollte er die famiglia auch verlassen. Jetzt ruht er unter einem Maisfeld in Pennsylvania.
* * *
Bombolone geht langsam und atmet schnell. Chinatowns Hitze trägt den Geruch von Fisch und Weihrauch. An den Straßenecken häufen sich schwarze Mülltüten, Wachtürme des Konsums, patrouilliert am Tage von den Obdachlosen, in der Nacht von Ratten. Bombolone schwindelt es vor den Menschen: Männer mit Reptilien um den Hals. Touristen in weißen Socken. Jugendliche mit ihrem hormongeladenen Geschrei. Alte Frauen, dünn wie Reispapier, in weiten schwarzen Leinenhosen. Rauchende Obstverkäuferinnen mit goldenen Zähnen. Schmale Männer an der Bordsteinkante. Auf ihren Knien balancieren sie Plastikteller mit Reis und hellem Fleisch, sie essen mit Stäbchen.
An den Bretterbuden werden Nationalfahnen verkauft, Fünf-Dollar-Ketten und Zwei-Dollar-Ringe, Sonnenbrillen, Spielzeugvögel, die an einem Faden hängen und mechanisch im Kreise flattern, getrocknete Schweineohren, getrocknete Pilze, getrocknete Kräuter. Auf dem Boden vor den Ladeneingängen stehen wassergefüllte Plastikeimer mit Schildkröten, klein wie eine Kinderhand. Sie stieren in den Himmel, sie kratzen an der Kunststoffwand des Eimers, sie klettern auf die Rücken der anderen Schildkröten und fallen zurück. Sie versuchen, der Welt, ihrem Gefängnis zu entkommen.
Bombolone steht vor einem dunklen Haus. Ein Schild sagt: “Am Perlenfluss”. Ein paar Stufen tiefer liegt ein Restaurant. Hinter der Fensterscheibe hängen graubraune Enten. Sie glänzen, als wären sie selbst aus Glas. Die Tür ist angelehnt. Ingwergeruch zieht heraus. An der Seite baumeln rote Lampions. Bombolone steigt hinunter. Er betritt den Schankraum, scheut vor dem hellen Neonlicht zurück. Seit seinem letzten Besuch – und das ist fast schon zwei Jahre her – hat man die Lampen ausgewechselt. Bombolone wünschte, der Raum wäre ein bisschen dunkler, weil er sich gern im Hintergrund bewegt. Der Raum ist kühl und ohne Gäste. In der Mitte stehen zwei Tische, darauf Plastikbecher mit Wasser und Messinglöffel. Ein alter Chinese tritt aus der Küche. Seine Sandalen schlagen auf den Boden. Seine Augen blinzeln ins Licht. Er nickt, als er Bombolones Nase hört. Er saugt an einer Zigarette, während er mit der anderen Hand eine Tüte auf den Tisch stellt. Bombolone greift hinein. Es ist die beste Ware in der Stadt. Er spürt die Schale der Zitronen. Sie sind groß und schwer wie die Zitronen an den Büschen Siziliens. Er fühlt die Kühle der Tomaten und die Kräfte ihrer Frucht. Die Blätter des Basilikums gleiten wie Seide durch seine Finger. Er beugt sich über die Tüte, schließt die Augen, und für einen Moment schweigt seine Nase: Ein schweres Aroma füllt seinen Kopf, seine Brust. Bombolone fühlt sich frisch und rein und eins mit satter feuchter Erde.
Die beiden Männer reden nicht. Sie reden nie. Bombolone spricht kein chinesisch, der Chinese versteht weder Englisch noch Italienisch. Wenn er einen Anruf von Bombolone bekommt, hört er nur das Schnaufen und er weiß, dass dieser seltsame Mann aus dem anderen Teil der Welt wieder frische Zutaten braucht. Der Mann betrachtet Bombolone. Er stößt Zigarettendampf aus den Nasenlöchern. Auf seiner Stirn spiegelt sich der Deckenventilator, als wäre er ein Gedanke, der unter seiner Schädeldecke kreist.
Bombolone legt das Geld auf den Tisch und wendet sich der Türe zu. Durch das Fenster sieht er die Beine der Passanten. Grußlos verlässt er diesen Ort.
Bombolone ist schüchtern. Er meidet laute Menschen. Nie hat er die anderen Mitglieder der famiglia zu den Pferderennen in Brooklyn begleitet, bei denen sie schrien und herumhüpften, wenn sie gewannen, und die Fäuste auf ihre Schenkel schlugen, wenn sie verloren. Er fuhr nie zu den Swimmingpool-Partys in Florida. Er ging nie zu Prostituierten und hatte keine Geliebte. Nur einmal trat er ins Blitzlicht. Das Foto, auf dem Frank Sinatra seinen Arm um Bombolones Schulter legt, hängt zu Hause neben dem Madonnenbild. Seine Frau sieht es jeden Morgen an, wenn sie betet.
Der Sänger trat damals im “Premier Theater” in Westchester bei New York auf. Papa Genovese hatte das Unterhaltungszentrum mit Theatern, Kinos und Restaurants bauen lassen und seine Männer als Popcorn-Verkäufer und Kartenabreißer abkommandiert. Sie liefen in ihren teuren Anzügen durch die Sitzreihen und hoben leere Eisbecher auf oder wiesen den Zuschauern einen Sitzplatz an. Das war ein großer Spaß für Bombolone. Es war das erste Mal, dass er die Stadt verlassen hatte. Papa Genovese blieb an der Mulberry Street und verkaufte unterdessen über Mittelsleute das gesamte Aktienpaket der Unternehmung. Die Investoren griffen danach und zahlten jeden Preis. Sie phantasierten von der Zukunft Westchesters, der Vorstadt mit seinem Kulturmagneten, der Besucher aus Manhattan locken würde. Sie sahen Frank Sinatra, aber sie sahen nicht die Männer der famiglia, die den Laden mit Absicht in den Ruin trieben. Das Zentrum ging bankrott, die Männer feierten eine große Abschiedsparty und Bombolone bat Frank Sinatra, mit ihm für ein Foto zu posieren.
Bombolone tat es für seine Frau. Er liebt sie und sie liebt Frank Sinatra. Der Tag, an dem Bombolone das Foto heimbrachte, war der glücklichste Tag in ihrem Leben.
Wenn Bombolone gegenüber Fremden den Namen seiner Frau erwähnt, sieht er, wie ihre Blicke für einen kurzen Moment irritiert über seinen Körper schweifen. Leute denken, er sei zu alt für Lolita. Sie denken, Lolita ist junges Blut, als ob für die Lolitas dieser Welt die Zeit nicht existierte. Lolita ist so alt wie Bombolone, aber sie kocht Spaghetti mit Fleischklöpsen noch wie vor fünfundvierzig Jahren. Immer, wenn Bombolone sich auf den Heimweg macht, sieht er sie in Gedanken am Küchentisch stehen und Knoblauchstückchen in das gehackte Fleisch massieren. In der Subway stellt sich Bombolone den Duft des Maisöls vor, der sich langsam in der Pfanne erwärmt. Die Klöpse zischen, sie baden nur kurz in dem Öl, sie braten nicht durch, denn es ist die Tomatensoße, die das Fleisch garen wird. Vor dem Haus zögert Bombolone einzutreten, weil er nicht lassen kann, von dem Bissen zu phantasieren, der ihn gleich erwartet: der heiße Fleischklops, der auf der Zunge tanzt; der Bratensaft, der Knoblauchschauer, der zärtliche Blick Lolitas, die ihm beim Essen zusieht. Bombolone weiß, dass sie die Fleischklöpse nicht mit Olivenöl brät, aber er fragt sie nicht danach.
Lolita weiß nichts über Bombolones Leben. Sie weiß noch nicht einmal, dass Bombolone kochen kann. Sie sieht ihn am Morgen zur Mulberry Street gehen und am Abend heimkommen und sich an den Teller setzen. Er redet nichts am Abend. Aber am Morgen redet er über das Wetter, über die Oper und über Frank Sinatra. Sie ahnt, was er getrieben hat, wenn er oft erst nach mehreren Tagen zurückkehrt. Aber ihre Ahnungen verfliegen, wenn sie seine Schlüssel an der Tür klappern hört. Bombolone tritt ein und gibt ihr Pralinen. Lolita ist Sizilianerin. Neugierde liegt nicht in ihrer Natur.
Jeden Sonntag betet sie einen Rosenkranz für Papa Genovese, obwohl sie ihn noch nie gesehen hat. An manchen Sonntagen, wenn sie und Bombolone spazieren gingen, war seine Limousine vorgerollt. Dann senkte sich die hintere Fensterscheibe und aus dem Dunkeln tauchte eine dürre, blasse Hand auf, Papa Genoveses Hand, die Bombolone heranwinkte. Bombolone trat auf den Wagen zu, die Tür öffnete sich, er stieg ein und die Limousine fuhr weiter, Bombolone in ihrem Leib.
Manchmal wollte Papa Genovese von Bombolone nur ein Rezept wissen. Bombolone versuchte zu erzählen, was seine Hände mit den Messern, der Brühe, dem Gemüse tun, wie sie schneiden, schöpfen, rühren, aber er brachte kein Wort heraus. Bombolone starrte nur in den Nacken des Fahrers. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Das waren die einzigen Momente in seinem Leben, in denen Bombolone Verzweiflung fühlte. Papa Genovese nickte, legte seine Hand auf Bombolones Knie und lächelte sanft.
Papa Genovese war ein emotionaler Mann. Bombolone erinnert sich gern, wie Papa Genovese bei einem Abendessen im Social Club unter Tränen die Scampi pries, die Bombolone zubereitet hatte, und wie er Bombolone in einer Aufwallung väterlicher Gefühle einen “Sohn” nannte. Augenblicklich herrschte Ruhe. Alle hatten aufgehört zu essen und sahen Papa Genovese an – außer Frankie “The Dog”, dessen Augen zu den anwesenden capodecinas, den Onkeln und Unterbossen, wanderten, ihre Gesichter abtasteten, die verlegenen, die überraschten, die dumpfen Gesichter, und schließlich bei Onkel Tosca verharrten, der sich zurückgelehnt hatte, seine Stirn höhnisch runzelte und die Mundwinkel zu einem Ausdruck von Bitternis herunterzog.
* * *
Bombolone geht mit der Tüte in der Hand die Canal Street entlang in Richtung Fluss. Links tost der Verkehr der Williamsburg-Brücke entgegen. Dampf kriecht die Häuserwände hoch. Er trägt die Lebenskraft der chinesischen Textilarbeiterinnen, die im Neonlicht, ohne Frischluft und Erlösung, Kleider für die Boutiquen der Madison Avenue nähen.
Bombolone passiert ein breites Loch in der Häuserwand, darin eine Auslage, aus Holz gezimmert. Er geht weiter, doch ein Stück Schwarz aus dieser Auslage hält ihn zurück. Es klebt an seinen Pupillen. Er richtet seine Augen zu Boden, schließt sie, blickt nach innen und stellt sich vor, wie aus dem Stück Schwarz eine mattglänzende Haut tritt, ein runder langer Körper, in dessen Mitte zwei kurze Flossen. Bombolone dreht sich um und geht in den Laden. Da liegt er, in einer Welle grauer und roter Shrimps, der Hauptgang für Onkel Tosca: der Seeteufelfisch.
Männer in Gummischürzen schütten Eiswürfel auf die Fische. Bombolone blickt den Seeteufel an, er schätzt die Frische ab, den Fettgehalt, die Konsistenz des Fleisches. Dann fasst er zu. Der Fisch ist kühl, nicht kalt, nicht zu warm. Er ist der perfekte Fisch für das großartige Mahl, das er am Abend kochen wird. Er greift den Fisch und hält ihn den Männern hinter der Auslage entgegen. Es ist Bombolones einziger Kontakt mit fremden Leuten an diesem Tag.
Die Männer haben kein Auge für Bombolone. In diesem lampenlosen Raum sehen sie nur Fischkörper und Geldscheine, die sich über der Ladentheke kreuzen. Als Bombolone den Laden verlässt, neigt sich die Mittagssonne bereits dem Westen zu. Die Stadt wirft Schatten. Bombolone fragt sich, warum all seine Mühen, das Einkaufen und das Kochen, in dem Wunsch des Gastes enden werden, eine Zigarre zu rauchen.
* * *
Man sagt, Onkel Toscas Lebenslauf ist mit Blut geschrieben.
Es heißt, seine Mutter starb bei seiner Geburt und er soll, als er aus ihrem leblosen Leib gezogen wurde, gelächelt haben. Als Siebenjähriger tötete er Ratten, indem er Benzin in die Rattenlöcher kippte und ein brennendes Streichholz hinterherwarf. Er ergötzte sich an dem verzweifelten Quieken der Tiere. Man flüstert sich zu, dass er mit vierzehn Jahren zum ersten Mal einen Mann ermordet habe. Er erstach ihn in einer Winternacht auf der Bergen Street in Brooklyn. Danach rauchte er seine erste Zigarette und bekam Durchfall. Er hatte der Leiche Dollarscheine in den Mund und, zu Röhrchen gerollt, in die Nasenlöcher gestopft. So teilt die famiglia der Welt mit, dass Gier den Menschen tötet. Es war sein erster Job für Papa Genovese und das Opfer war sein Vater.
Onkel Tosca sieht sein Gesicht in der verglasten Zwischenwand der Limousine. Er hört die Stimme von Frankie “The Dog”, der neben ihm sitzt und über die Wärme der famiglia spricht. Frankie “The Dog” beteuert, die famiglia sei fasziniert von Onkel Toscas persönlichen Geschäften in Florida. Er erwähnt nicht den Anruf Papa Genoveses. Stattdessen erwähnt er das Treffen mit den Unterbossen am nächsten Morgen. Sie wollen Onkel Tosca um Rat bitten. Sie wollen hören, was er über den Schwund der Geschäfte, das Verblassen der Traditionen und die Angriffe des FBI zu sagen hat. Onkel Tosca horcht auf. Als Frankie “The Dog” sein Aussehen rühmt, seine Stärke, seine Willenskraft und seine Ruchlosigkeit, die jedem großen Herrscher eigen ist, fasst Onkel Tosca an den Knoten seiner Krawatte. Sie ist perfekt gebunden. Jetzt erkennt Onkel Tosca in den Reflektionen an der Zwischenwand die Bräune seines Gesichts, die kühn geschwungenen Augenbrauen, die feinen Linien auf der Stirn, die Strenge des Mundes. Er erblickt in seinen dunklen Augen Intelligenz und Schönheit. Seine Frisur ist ein silbergraues Meisterwerk. Sie wirkt wie das Dach eines Sportwagens; die Ohren mit ihren Schattenrändern sind die Räder und die rote Seidenkrawatte, die Onkel Tosca jetzt zwischen Zeige- und Mittelfinger entlangfährt, ist eine breite glatte Straße ins Glück.
Er öffnet die Tür der Limousine und dreht Frankie “The Dog” den Rücken zu, um auszusteigen. Er weiß nicht, dass Frankies Lächeln jetzt gefriert. Er spürt den heißen Straßenbelag unter seinen Füßen. Bevor die Limousinentür schließt, schlägt die gekühlte Luft aus dem Wagenraum auf seinen Rücken ein fröhliches arrivederci.
Onkel Tosca hasst die schwarze Limousine. Sie ist der lästige Schatten Papa Genoveses. Er möchte sie zerstören und mit ihr Frankie “The Dog”, Papa Genoveses Vertreter auf Erden, diese kriechende Seele. Onkel Tosca steht nun einen Schritt vom Gehsteig entfernt. In seiner Phantasie sieht er das Fahrzeug auf einem Schrottplatz von einer Stahlpresse zerquetscht. Drinnen hockt Frankie. Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt, die Augen treten hervor. Er versucht, mit den Füßen die Türe aufzustoßen, er schreit. Onkel Tosca stellt sich vor, wie er die Presse abstellt, um zu sehen, wie sich auf Frankies Gesicht Hoffnung niederlässt. Er wird sie wieder einschalten und beobachten, wie Hoffnung mit Horror wechselt, dann ausschalten, dann einschalten, aus, ein, aus, ein, wie ein langsamer Tanz. Er spürt diesen Rhythmus und er braucht zwei oder drei Sekunden, bis er merkt, dass der Rhythmus wirklich existiert. Sein Gehirn hat eine Faust geformt, die gegen die Stirnwand klopft. Das hat er oft in letzter Zeit. Das Pochen in seinem Kopf lässt ihn manchmal nicht schlafen. Er denkt, dass er Erholung braucht.
Die Limousine hat sich längst entfernt. Onkel Tosca sieht in den Himmel. Der Himmel ist Onkel Toscas Spiegel. Hier sieht er mehr als in der Zwischenscheibe der Limousine. Hier sieht er sein Ebenbild und eine Freiheit ohne Grenzen. Sein Mund formt die Worte “Papa Tosca”. Dann geht er auf das Restaurant “Amo” zu.
Der Bürgersteig ist zertreten und hebt und senkt sich, eine graue Woge, auf deren Oberfläche kleine schwarze Quallen schwimmen. Zahllose Menschen haben zahllose Kaugummis ausgespuckt, und die Sonne hat sie eingebacken. Die Mulberry Street selbst jedoch ist herausgeputzt. Die Fassaden glänzen und brüsten sich mit frisch gestrichenen Feuerleitern. Italienische Fahnen hängen aus den Fenstern. Zwischen den Häusern spannen sich grün-rot-weiße Girlanden. Onkel Tosca stellt sich vor, die Girlanden durchzuschneiden und zu beobachten, wie Little Italy auseinanderfällt.
Onkel Tosca mag die Stadt nicht. Er liebt die Natur. Er verscharrt die Männer, die er erschossen hat, an den schönsten Plätzen Amerikas: bei den Stränden Floridas und Georgias, in den Dünen nahe Savannah; nachdem er die Schaufel in den Kofferraum gelegt und die Schleifspur im Sand weggefegt hat, legt er sich auf den Bestattungshügel, raucht und sieht zu den Sternen. Wenn er den Männern seiner Crew befiehlt, ihm Säcke mit Eiswürfel zu besorgen, wissen sie, er will nach Maine, eine Zwanzig-Stunden-Fahrt in den Norden mit seinen Nadelwäldern, einsamen Seen und der zerklüfteten Küste. Das Eis schützt die Leiche vor Verwesung. Wenn Onkel Tosca sie abseits der letzten Autobahn im Norden im wilden Wald wenige Meilen vor der kanadische Grenze in das Erdloch niederlegt, kann er das Moos und die Fichten riechen. Dann flattert sein Herz und in diesem Augenblick füllt ihn Güte und der Geist der Großzügigkeit. Er glaubt, er habe den Mann nur deshalb getötet, um ihm diese stille, wunderbare Ruhestätte zu bereiten. Er findet, Einsamkeit ist ein Geschenk, das er dem Toten macht, denn Einsamkeit ist, wonach er sich selber sehnt.
Die einzige Stunde des Tages, in welcher Onkel Tosca in Florida Menschen aus seiner Umgebung verbannt, ist die Dinner-Stunde. Er hasst das Essen in Gesellschaft seiner Crew, das Plärren und Tratschen, das Schlürfen und Schmatzen dieser Kreaturen der famiglia. Sie essen so beiläufig wie sie urinieren und sehen kaum einen Unterschied darin, außer dass sie beim urinieren besser schwafeln können als mit vollem Mund.
* * *
Frankie “The Dog” hat sich dafür entschuldigt, Onkel Tosca nicht zum Abendessen begleiten zu können, hat angeboten, ein paar Callgirls der famiglia zu schicken, damit er nicht alleine speise. Aber Onkel Tosca winkte ab. Die Callgirls sollten ihn später im Hotel erwarten.
Onkel Tosca mag das Restaurant “Amo”, weil es ihn an die Natur erinnert. Yuccapalmen und Bananenstauden umgeben “Amo”. Onkel Tosca bemerkt, dass sie gewachsen sind, seit er das Restaurant im letzten Herbst besucht hat. Seine Augen suchen die Tür. Sie versteckt sich hinter zwei Feigenbüschen. Ein Rohr bläst Küchendampf heraus. Onkel Tosca riecht Tomaten und Basilikum. Er ist hungrig.
Wenn ein Mann der famiglia gierig ist nach Fleisch, rotem Fleisch, dann wird er töten an diesem Tag. Bevor er tötet, isst er drei oder vier Schweinekottelets “Philadelphia”. Die Schicht aus Pilzen und Zwiebeln, die das Fleisch bedeckt, schiebt er beiseite. Der Mann der famiglia ist ein zivilisiertes Wesen, das sich von der Raubtierwelt abhebt. Der Wolf ist Gefangener seiner Instinkte und tötet, um Fleisch zu fressen. Ein Mann isst Fleisch, bevor er tötet, oder nachdem er das Gefängnis verlassen hat. Wenn ein Mann aus der Haft entlassen wird, will er als erstes ein Steak essen, ein saftiges, halbrohes New Yorker Steak, die Poren sind voll mit Olivenöl und Butter, Cognac, Orangensaft und zerriebenem Knoblauch. In jedem Steakhaus New Yorks und New Jerseys erkennt ein erfahrenes Mitglied der famiglia jene Männer, die gerade aus dem Gefängnis gekommen sind. Onkel Tosca erinnert sich an den jungen Mann, der eines Tages an seine Tür klopfte und erzählte, er sei am selben Morgen aus dem Gefängnis entlassen worden. Er bot Drogengeschäfte an, die Früchte von Informationen, die ihm Zellengenossen anvertraut hatten. Der Mann ließ Namen fallen, die Onkel Tosca geläufig waren, Namen von Papa Genoveses Unterbossen und von soldatos anderer famiglias. Onkel Tosca lud ihn in einer Trattoria zum Abendessen ein, hörte zu, nickte und bot an, ihn in ein Hotel außerhalb der Stadt zu bringen. Sie kamen nur bis zu den Hafendocks von Miami. Onkel Tosca schoss ihm ins Genick. In der Trattoria hatte der Mann sich nur einen Gemüseteller bestellt. Das hatte ihn verraten: Er war ein FBI-Informant.
Onkel Tosca will heute kein rotes Fleisch essen. Er will sich ausruhen. Er verwünscht das Pochen in seinem Kopf, dieses Monster, das zwischen den Schädelwänden hin- und her wandert. Onkel Tosca ist müde, denn er ist immer in Alarmzustand. Die Gesichter der Menschen betrachtet er als Masken, hinter denen Pläne für seine Vernichtung entworfen werden. Er durchkämmt ihre Worte nach Hinweisen auf einen bevorstehenden Angriff. Seit er denken kann, sind Onkel Toscas Muskeln angespannt und bereit zur Aktion. Selbst in seinen Träumen wandert er mit der Maschinenpistole ums Bett und bewacht seinen Schlaf. Er ist in der Lage, Gefahr zu riechen. Gefahr hat den Geschmack von billigem Essig. Er kann Gefahren sehen: Onkel Tosca hatte einst auf der einsamen Seitenstraße in Tampa diesen Essiggeruch verspürt. Er hatte sich umgedreht und an der Häuserecke kleine Wirbel im Licht gesehen. Als der Attentäter schließlich um die Ecke bog, brauchte Onkel Tosca nur noch abzudrücken. Der Mann lag da, den Kopf zur Seite gedreht, und schaute auf dessen Pistole, die beim Fall aus der Hand gerutscht war und nun in dem Blut lag wie eine ferne, paradiesische Insel. Onkel Tosca beugte sich über den Sterbenden. Er kannte ihn nicht. Er wusste nicht, wer ihn angeheuert hatte, aber er erzählte niemandem von dem Anschlag. Er beobachtete die Gesten seiner Crew nun mit größerer Aufmerksamkeit. Wenn Papa Genovese aus New York anrief, schloss er die Augen, um in dessen Stimme Nuancen aufzuspüren, winzige Schwankungen, die darauf deuten konnten, dass Papa Genovese eine Falle stellte, kleine Pausen, die verraten würden, dass er sich eine Lüge überlegte.
Onkel Tosca ist nicht Marias Gesicht entgangen, das hinter der milchigen Glasscheibe des Eingangs aufgetaucht und dann in den Hintergrund verschwunden ist. Sie hat das “Geschlossen”-Schild entfernt.
Maria ist das treue Seelchen der famiglia. Sie dient. Sie spricht selten. Papa Genovese hatte sie eines Tages mitgebracht und deshalb hatte niemand die Frage gestellt, ob sie vertrauenswürdig sei. Wenn Papa Genovese sich mit den Onkeln und Unterbossen zu Besprechungen traf, servierte sie Cannelloni und Espresso. Sie ist dünn und durchsichtig, stets auf Abruf, eine Fata Morgana, von der niemand weiß, ob sie zuhört, ob sie versteht, was gesprochen wird. Niemand kennt sie, aber sie kennt alle Gewohnheiten der Gäste. Maria kennt Onkel Toscas Wunsch, ihm die Tür zu öffnen und ihm einen Tisch anzubieten, von dem er auf den Eingang und die Fensterfront blicken kann. Onkel Tosca redet nicht mit den unteren Rängen der Hierarchie. Er erwidert noch nicht einmal ihren Gruß und spricht sie nur an, wenn er Befehle gibt. Maria weiß, sie wird seine Stimme erst hören, nachdem er das Dessert verspeist hat. Er wird Zigarren verlangen, die der Koch bringen muss. Der Koch wird sich vor seinem Tisch beugen und die Zigarrenkiste öffnen müssen.
Onkel Tosca tritt zwischen die Yuccapalmen. Maria öffnet die Tür. Sie blickt zur Seite.
* * *
Die famiglia vergisst dich nie. Sie hat die Regeln geschrieben. Sie bestimmt dein Leben und deinen Tod. Es ist für dich gesorgt mit einem Dach über dem Kopf, dem Essen, das du isst, und – wenn es soweit ist – für deinen letzten Atemzug.
Das Restaurant “Amo” gehört der famiglia. Die Fassade: hellblau, weiße Fensterrahmen. Der Innenraum: kleine Lampen an der hohen Decke. An den Wänden hängen Plastikfische und Fischernetze, ein Rettungsring mit der Aufschrift “Amo”. Von den Fenstern aus kann man in die Mulberry Street und auf die Straßenecke sehen.
Neben dem Eingang gurgelt das Hummerbecken. Die Tiere liegen übereinander. Sie beobachten die Sauerstoffblasen, die an ihnen vorbeiziehen. Gummibänder bändigen ihre Zangen. Ihre Fühler tasten ins Nichts.
Auf dem Tisch steht ein Körbchen mit einer Flasche Olivenöl, Salz und Pfeffer. Für Onkel Tosca haben Gewürze auf dem Tisch nichts zu suchen. Wenn der Koch nicht schon gewürzt hat, ist das Essen nichts wert. Maria breitet ihren Arm zu einer einladenden Geste aus und erfasst den Korb dabei. Sie tritt zurück, verschwindet.
Onkel Tosca streckt die Beine aus und mustert das Besteck. Der Löffel verformt sein Spiegelbild, sein Kopf ein Flecken, sein Körper verschluckt vom roten Diamanten an seinem kleinen Finger. In dem Lokal sitzen wenige Gäste: ein Ehepaar, das einen Reiseführer studiert; zwei Männer, die miteinander reden, Geschäftsreisende vielleicht; eine junge Frau, die Cappucino trinkt und aus dem Fenster schaut. Onkel Tosca bemerkt, dass niemand von seiner Erscheinung Notiz zu nehmen scheint. Er strafft seinen Rücken und präsentiert seine Brust, über die der Brioni-Anzug schimmert. Der Anzug hat ihn zweitausend Dollar gekostet. Er kaufte ihn an dem Tag, als Papa Genovese ins Gefängnis ging. Morgen wird der Anzug auf die Unterbosse scheinen. Der Anzug ist die Sonne Floridas. Onkel Tosca wird die großen Aussichten der Drogengeschäfte mit den Russen in Tampa und Miami erhellen. Er wird die Männer der famiglia bezaubern, ihnen Optimismus geben, und wenn ihre Augen abschweifen, weiß er, dass sie die Zahlen kalkulieren. Sie werden mit Onkel Tosca mehr Geld verdienen als mit diesem Greis, der hinter Gittern sitzt.
Vor der Abreise hat er das Kreuz geküsst, das auf seiner Brust hängt. Es ist golden, gegossen aus dem Zahn, den er Francesco “The Kid”, einem associate der famiglia ausgeschlagen hatte, bevor er ihn aus dem Hotelfenster warf. Es hatte sich herausgestellt, dass Francesco beabsichtigte, dem FBI Informationen zu geben. In der Erinnerung der famiglia lebte er fortan als “der stille Kanarienvogel”, der singen wollte und doch nur fliegen konnte. Die Polizei hatte nach Francescos Goldzahn gesucht. Sie durchwühlte sogar Onkel Toscas Haus in Tampa. Lächelnd stand Onkel Tosca in seinen Bermudashorts am Swimmingpool, während das Beweisstück an seiner Brust hing.
Das Kreuz bringt ihm Glück und das Mahl wird köstlich. Er braucht nicht in die Speisekarte zu schauen. Die famiglia weiß, was er gerne speist. Sie ist ihm bereits ergeben. Sie wird einen Koch engagiert haben, extra für ihn.
Maria stellt eine flache Schüssel auf den Tisch. Onkel Tosca ergreift den Löffel. Das Gesicht, das er darin sieht, verblasst im Dampf der Suppe.
Die Suppe: Abendhimmelrot. Die Tortellini: wild wirbelnde Galaxien. Onkel Tosca rührt in der Suppe, weiße Bohnen ziehen als Kometen auf. Ein Basilikumblatt erscheint und als Onkel Tosca den Löffel hebt und den Mund öffnet, fühlt er Grün. Es ist der Duft des Olivenöls, der jedem Bissen voraneilt, der erste Baustein des Universums, der Urknall im Kochtopf, dem die Sterne folgen und die Tomaten.
Die Tomaten: eine süße Wolke in Onkel Toscas Mund. Er nimmt den zweiten Löffel. Ein Nebel aus Parmesan steigt auf. Den dritten, den vierten Löffel. Die Bohnen öffnen sich, aber der zarte Widerstand, den Onkel Tosca zwischen seinen Zähnen spürt, wird von Schinkenstückchen geleistet. Schinken aus Parma. In der Ferne leuchtet Knoblauch, ein Stern, dem Onkel Tosca mit jedem Löffel zueilt. Wenn Olivenöl der Beginn der Reise ist, so ist Knoblauch das Ziel. Der Löffel ist schwerelos geworden und seine Bewegungen nimmt Onkel Tosca nur noch durch ein Loch wahr, den die Geschmackswülste in seiner Wahrnehmung gelassen haben. Nun dringt durch das Loch ein Klingen. Der Löffel stößt bereits den Boden der Schüssel an und mit dem Klingen kehrt das Pochen in seinem Kopf zurück. Onkel Tosca hält für einen Taktschlag inne, um zu sehen, ob das Pochen verschwindet. Es ist schwächer als sonst, gedämpft, aber hartnäckig, stetig. Onkel Tosca schiebt die Schüssel zur Seite. Er will neue Speisen, neue Reize, neue Ruhe. Nur Genuss kann das Pochen besiegen.
Maria nimmt die Schüssel vom Tisch. Sie beugt sich vor und erstmals erlaubt sich Onkel Tosca, sie zu betrachten. Sie hat schmale, lange Hände. Als Maria ein Glas Pellegrino auf den Tisch stellt, fällt eine Locke vor ihre Schläfe und verbirgt Augen und Alter. Maria tritt zur Seite und Onkel Tosca riecht neues Grün. Es ist dunkler als die Farbe der Oliven.
Lasagne: zwei zarte Pastawellen. Eine Farbe, die Onkel Tosca noch nie auf einem Teller gesehen hat. Pastellgelb, Gold, das zu schüchtern ist, fast ocker, und das in den Neigungen der Wellen in helles Braun übergeht. Onkel Tosca drückt die Gabel in die Masse, bis er auf den Tellerboden stößt, dann zieht er sie wieder heraus. Gelbweißes bleibt an den Zacken haften. Onkel Tosca schnuppert daran und braucht ein paar Sekunden, bis er den Geschmack erkennt. Eine Symbiose aus Parmesan und Rahm. Rahm besänftigt den Parmesan, und Parmesan stimuliert den Rahm. Das ist der Rhythmus der Lasagne, das italienische Yin und Yang.
Onkel Tosca sticht erneut in die Pastaschicht. Käsefäden halten die Lasagnestücke zusammen und fallen erst zurück, als Onkel Tosca die Gabel zum Munde führt. Käsefäden, die an seinem Kinn hängenbleiben, machen Onkel Tosca rasend. Aber hier ist alles perfekt. Onkel Tosca kann die Augen schließen. Da ist diese feine Nachricht, eingelagert in der Pastamasse. Unter großer Konzentration kann Onkel Tosca sie erkennen: winzige Spuren von Knoblauch. Er fragt sich, ob er Rustichella d’ Abruzzo isst, die Pasta-Hausmarke der famiglia oder ob die Pasta selbstgemacht ist, frisch erzeugt, ihm zu Ehren. Er hört Signale in seinem Kopf, als wollte sein Gedächtnis ihm etwas Wichtiges zurufen, eine Erinnerung, die sich um die Pasta dreht, aber da tanzt ein Wirbel aus Parmesan und Rahm vorbei und trägt alles Denken fort. Der große Geschmack dreht sich ihm zu, die dunkle Umwälzung: Spinat.
Spinat ist fruchtbarer, schwarzer Boden, feucht in der Morgensonne. Der Spinat spendet seinen Saft. Onkel Tosca kaut und trinkt zur gleichen Zeit. Er spürt sonnengetrocknete Tomaten, in Streifen geschnitten, dem Spinat untergemischt, rote Gnome, die auf seiner Zunge kichern. Er ist sich nicht sicher, ob sie ihn fröhlich grüßen oder verhöhnen. Er ist überrascht von diesen Phantasien. Er öffnet die Augen. Der Teller ist leer.
Onkel Tosca hört noch das Kichern in seinem Kopf, trinkt das Pellegrino und hofft, es fortspülen zu können. Er spürt die Waffe an seiner Brust, ihr Gewicht, den Hahn, der aus dem Halfter ragt und in die Haut drückt. Die Krawatte kneift. Er möchte den Knoten lockern, die Jacke ausziehen und die Pistole auf den Tisch legen. Doch hier in New York muss er sich den Regeln der famiglia fügen. Es kostet ihm Mühe, denn sie widerstreben seiner Natur. Sie fordern von den Mitgliedern der famiglia, alles zu vermeiden, was Aufmerksamkeit erwecken könnte. Sie sind Jahrzehnte alt, verstaubte Regeln von Zurückhaltung, Schweigsamkeit und Bescheidenheit. Ein Papa Tosca wird sie endlich abschaffen. Er wird sie öffentlich brechen. Er wird in Restaurants gehen und seine Waffe vor sich hinlegen und kein Cop wird es wagen, sich ihm zu nähern. Die Goldzähne, die er seinen Opfern ausschlägt, wird er nicht mehr einschmelzen, sondern in Ringe einfassen lassen und an seinen Fingern tragen und jeder, der ihm die Hand schüttelt, wird den Biss der Toten spüren, eine zwickende Mahnung, gehorsam zu sein und zu beten um die Gunst von Papa Tosca.
Er wartet auf den Hauptgang, er wartet auf das Pochen. Er fürchtet, das Monster in seinem Schädel ist schneller als Maria. Das Monster schläft, aber es hat einen leichten Schlaf und spürt, wenn Onkel Tosca Angst hat. Onkel Tosca fleht im Innern nach Maria. Er atmet kaum, will keine Geräusche machen. Er sieht in die Luft. Seine Hand macht eine Faust, zwischen Fingernägeln und Daumenballen klemmt das Tischtuch. Monster oder Maria, Last oder Lust, die Qual im Kopf oder die Erlösung auf dem Teller.
* * *
Bombolone hat hart an der Lasagne gearbeitet, noch bevor Maria Onkel Toscas Ankunft meldete. Er hat Gewürze, Gemüse und Lasagnenudeln, Messer und Schöpflöffel auf dem Küchenblock zu einem Halbkreis angeordnet und Maria gebeten, ihn allein zu lassen, an der Restauranttür zu warten und bei der Ankunft der schwarzen Limousine das “Geschlossen”-Schild abzuhängen. Er wollte Ruhe, denn er war davon überzeugt, dass sich der Stress eines Kochs auf die Speise und damit auf den Gast übertragen könnte.
Lasagne ist ein komplexes Gewebe aus Geschmack und Düften und war an diesem Abend die Speise mit den meisten Zutaten. Jede Zutat besitzt Macht und Bedürfnisse und Ehrgeiz. Bombolone hatte die Absicht, alles auszugleichen und zunächst in der Pfanne, dann im Backofen zu einer Harmonie zu verschmelzen.
Er hat den Pfannenboden mit einer Schicht Wasser bedeckt und die Gasherdplatte angezündet. Er hat zunächst die getrockneten, dann die frischen Tomaten zerschnitten, während er beobachtete, wie das Wasser sich langsam zu erhitzen begann. Er wartete auf die erste Blase am Pfannenboden, die Botschafterin des Siedepunkts. Als sie aufstieg und die Hitze die Wasseroberfläche kräuselte, legte er die Tomatenstücke hinein. Das Wasser färbte sich rot und Bombolone streute schwarzen Pfeffer hinzu. Er schnitt eine Aubergine in Scheiben, bestreute sie mit Salz, stellte sie zur Seite, ergriff die Knoblauchknolle, schälte und zerpresste vier Zehen, rührte zwei von ihnen in die Pfanne, bestrich die Lasagnenudeln mit dem Rest, so dünn, dass die Nudelscheiben glänzten – Pastadi amore. Er zerhackte eine Zwiebel, schnitt eine Paprikaschote in Streifen, zerpflückte das Basilikum, legte alles zu den Tomaten, die bereits zergangen waren. Bombolone kochte den Spinat in einem Messingtopf, kurz, vierzig, vielleicht fünfzig Sekunden, bis er hellgrün leuchtete. Er schöpfte Tomatensauce aus der Pfanne in eine Backform, belegte sie mit Lasagnescheiben, beschichtete die Lasagnescheiben mit Auberginenscheiben, die Auberginen mit Ricottakäse und Rahm, Spinat und neuen Lasagnescheiben und diese Scheiben mit neuer Tomatenmasse und neuem Spinat und weiteren Nudelscheiben. Es schien, als ob Bombolone einen Turm der Freude baute. Aber in Wirklichkeit errichtete er einen Turm der Illusionen, Schicht um Schicht Verführung und Zauber. Als Dach legte er dünne Scheiben Mozzarellakäse auf, der im Ofen zu einer goldenen Hülle verschmolz und Bombolones wahre Absichten versiegelte.
Bombolone tat diese Dinge gleichzeitig, wie im Traum, gedankenlos. Sein Geist schwebte bereits hinter Onkel Toscas Rücken. Er sah Onkel Toscas Backenknochen arbeiten und dessen Schultern, herabgesunken unter der Kraft der Speisen. Bombolone wusste, dass er die Gefühle eines misstrauischen Gastes dirigierte, dass er Onkel Tosca auf eine Reise schicken würde, eine Reise ohne Hass, ohne Gier, ohne Schmerz, in der er die Augen schließen und das Aroma der Welt empfangen kann und den letzten Segen.
Vierzig Minuten später hatte Bombolone den Teller mit der Lasagne aus dem Ofen gezogen und an den Rand des Küchenblocks geschoben. Maria war mit ihm in den Gästeraum verschwunden. Onkel Tosca hatte bereits die Suppenschüssel geleert.
Jetzt kann Bombolone hinter Tomatenresten und Spinatstielen das Holz der Zigarrenkiste sehen. Zwei Gänge noch, zwei gefüllte Teller, dann wird Marias Schatten hinter ihm auftauchen und er wird ihre Stimme hören. Onkel Tosca wird die Zigarren verlangen und dann wird Bombolone seine Schürze abnehmen, seine Hände daran abwischen und durchatmen. Die Küche wird zum letzten Mal mit dem Pfeifen seiner Nase erfüllt sein und er wird tun, wofür er bezahlt wird.
Vor ihm liegt der Seeteufelfisch. Bombolone fährt mit dem Daumen über die schwarze Haut des Tieres. Er ist überrascht über ihre Trockenheit, und er fragt sich, ob er die Frische des Fisches in Chinatown überschätzt hat. Er neigt sein Gesicht über den Fisch, aber er kann keine Flecken erkennen, die darauf schließen lassen, dass der Fisch älter ist als erwartet. Das Aroma hat nichts Verdächtiges. Es ist reich wie der Ozean. Bombolone muss entscheiden, wie lange er den Fisch backen will. Ein frischer Fisch braucht im Ofen dreißig Minuten, um zu garen. Aber für einen ausgetrockneten Fisch ist diese Zeit zu lang. Das Fleisch wäre verdörrt, der Geschmack zerfallen und Onkel Tosca würde aus seinem lukullischen Traum erwachen und wütend den Teller von sich schieben. Das Risiko ist zu groß, dass Onkel Tosca das Mahl abbricht und das Restaurant verlässt. Bombolone ändert seine Pläne.
Er nimmt das Küchenhackbeil und schlägt zu. Der Kopf des Fisches hüpft nach vorn. Bombolone zieht eine Pfanne aus dem Schrank und schüttet Mehl auf einen Teller. Bombolone ergreift das Messer. Er ritzt in den Körper des Fisches, legt das Rückgrat frei und schneidet das Fleisch in fingerdicke Scheiben. Bombolone wird den Seeteufel in der Pfanne braten. Hier hat er Kontrolle über den Zustand des Fleisches. Er legt die Finger auf das weiße Fleisch, aber sie sind abgestumpft von den tausend Handgriffen dieses Tages. Bombolone denkt, dass er nicht mehr oft kochen wird. Eines Tages wird er versagen und die famiglia enttäuschen und Frankie “The Dog” wird ihm keine Grüße mehr von Papa Genovese übermitteln. Schweigen ist eine dunkle Wolke am Himmel der famiglia. Irgendwann wird er nicht mehr nach Hause zurückkehren und es schmerzt ihn, wenn er an Lolita denkt. Sie wird Tage und Nächte am Fenster sitzen und warten und schließlich vor Einsamkeit sterben.
Bombolone betrachtet die Gasflamme auf dem Herd, den Ring blauer Wichte, die im Luftzug einen Reigen tanzen. Bombolone seufzt. Das Pfeifen seiner Nase setzt für einen Takt aus. Ein Schweißtropfen rollt über seine Stirn. Dann wendet er die erste Fischscheibe im Mehl. In der Pfanne spannt sich das Olivenöl. Bombolone sieht sein Gesicht im Pfannenboden, eine grüne Fratze, die sich zum Pfannenrand dehnt und den heißen Atem der Oliven ausstößt und zischt, als Bombolone die Fischscheiben hineinlegt.
Daneben kochen in einem großen Topf die Linguine. Die Nudeln bäumen sich auf im brodelnden Wasser, aber dann resignieren sie, weichen auf, werden bissfest. Auf dem Küchenblock liegen die Eier, das Mehl und die Milch für die Manicotti Marinara, das Dessert. Milch trinkt der Mensch zu Beginn seines Lebens und so will Bombolone den Kreis auch schließen. Die Manicotti sind dünne Pfannkuchen. Sie sind Onkel Toscas letzter Gang.
* * *
Auf Onkel Toscas Tisch fällt das blaue Licht des Neonnamenszugs, der an der Eingangstüre hängt. Es dämmert. Eine Brise zieht durch die Mulberry Street. Vor den Fenstern wanken die Yuccapflanzen wie Wächter, die von einem Fuß auf den anderen treten.
Onkel Tosca hat in das Zwielicht gestarrt und auf Maria gehofft, vielleicht zehn Sekunden, vielleicht zwei Minuten, es schien ihm eine Ewigkeit. Wäre Maria nur einen Moment früher gekommen, hätte sie das Wettrennen gewonnen und Onkel Tosca wäre diese beunruhigende Erscheinung erspart geblieben: Das Monster in seinem Kopf war erwacht, mit einem neuen Geräusch, schwach zunächst, für Onkel Tosca klang es wie wie Hufgetrappel. Aber es war nicht rhythmisch, es näherte sich mit wilden dumpfen Schlägen. Als es schließlich den Raum zwischen seinen Ohren besetzte, erschien Onkel Tosca dieses Bild: ein großer, dunkler Fisch, der auf dem Holzdeck eines Bootes zappelt, trommelt; verzweifelt, hilflos, totgeweiht. Onkel Tosca bemerkte Maria kaum, die neben ihn getreten war, aber als er sie wahrnahm, beendete der Fisch seinen Kampf, gab auf, erstarrte. Onkel Tosca sah die Kiemen, die sich noch auf und ab bewegten, bevor das Bild verblasste.
Vor ihm liegen nun kleine goldglänzende Fischfilets. Er zögert, hineinzuschneiden. Onkel Tosca denkt, Maria könnte ihm jenen Fisch gebracht haben, dessen Todeskampf er soeben gehört und gesehen hatte. Er mag diesen Gedanken nicht. Es gibt zu viele Dinge an diesem Abend, die er nicht kontrollieren kann. Wenigstens das Speisen hat er unter Kontrolle.
Linguinewellen umspülen den Fisch. Auf den Wellenkronen schäumt Sahne. Onkel Tosca trinkt einen Schluck Wasser, lässt aber den Blick nicht vom Fisch. Er lockert den Knoten der Krawatte. Der Ring an dem kleinen Finger streift seinen Hals. Der Diamant ist kühl. Onkel Tosca stochert mit der Gabel in die Linguine. Dann sinken seine Zähne in den Nudelteig. Er merkt, sie sind perfekt gekocht. Er schiebt eine zweite Gabel Nudeln in den Mund und er weiß, der Koch muss ein Italiener sein, der sein Leben lang Nudeln gekocht hat, ein langes Leben, jeden Tag.
Onkel Tosca erkennt sofort, das ist ein Seeteufelfisch. Der Fisch schmeichelt auf der Zunge. Er ist süß, hat in Weißwein, in Butter, in Olivenöl gebadet – vielleicht ein bisschen zu viel, denkt Onkel Tosca. Er schneidet ein neues Stück ab, um die Qualität des Fisches abzuwägen, und ein weiteres Stück, während er darauf kaut. Aber der Seeteufel ist vage. Er versteckt seinen Geschmack hinter den Zutaten. Onkel Tosca schneidet, kaut, schluckt, schneidet schneller und schneller, und dann schiebt er einen Happen Nudeln in den Mund, doch wenn er Nudeln isst, vermisst er den Fisch, und wenn er den Fisch isst, braucht er Nudeln. Onkel Tosca merkt nicht, dass er schneller atmet und zu schwitzen beginnt. Er empfindet die Völle in seinem Bauch. Er hofft, dass sie ihn abriegelt gegen das Schlagen und Pochen im Kopf. Er ist satt und müde, und wenn es ihm jemals gelingen könnte, würde Onkel Tosca jetzt lächeln oder gar noch mehr: lachen.
Er hat das letzte Stück Fisch heruntergeschluckt. Seine Zunge stöbert zwischen den Zähnen nach Geschmacksresten. Maria stellt einen Teller mit zwei Manicotti auf den Tisch und tritt zurück. Ihre Bewegungen kommen Onkel Tosca so langsam vor. Die Manicotti liegen auf dem Teller wie zwei Zeiger einer Uhr. Eine rosa Masse quillt heraus, so zäh ist die Zeit.
Im Restaurant ist es still geworden. Die Gäste haben das Lokal verlassen. Auf den Tischen stehen immer noch leere Gläser. Nun erkennt Onkel Tosca, dass die Gäste nur getrunken, aber nichts gegessen haben. Er wundert sich, warum an der Tür wieder das “Geschlossen”-Schild hängt. Draußen ist es dunkel geworden. Die Mulberry Street ist menschenleer und die Laterne an der Straßenecke ist ausgeschaltet. Onkel Tosca erkennt auf der anderen Straßenseite eine Limousine, die vorrollt und stehenbleibt, die Limousine mit Frankie “The Dog”, die ihn abholen und ins Hotel bringen wird, zu den Callgirls. Er hat keine Lust auf Manicotta.
Er schnippt mit den Fingern. Maria erscheint und Onkel Tosca bestellt Espresso und Zigarre. Er sagt nur diese zwei Worte. Seine Stimme klingt ihm fremd, rauh und belegt. Das Fingerschnippen echot in seinem Kopf.
Bombolone lächelt Maria an. Er würdigt ihre Arbeit und bittet sie, hinter der Küchentür zu warten. Er legt die Schürze auf den Küchenblock und zieht die Jacke an. Er nimmt die Zigarrenkiste, trägt sie mit beiden Händen. Maria blickt ihn verwundert an, weil er Onkel Toscas Wunsch nach Espresso ignoriert, und als Bombolone in ihre Augen sieht, ahnt er, dass sie von seinen Plänen nichts weiß. Bombolone empfindet nichts mehr für Maria, nicht mehr von dieser Minute an. Er hat sich programmiert für diesen Augenblick, jeder Schritt und jeder Handgriff werden nun von seinem Unterbewußtsein geleitet. Denken stiehlt Zeit und er braucht jetzt jede Sekunde. Er wird sich bewegen wie heute morgen auf der Canal Street, unaufhaltsam, weil er sich selbst nicht stoppen kann. Er wird durch die Schwingtür in den Gästeraum treten und nach drei, vielleicht vier Schritten Onkel Tosca sehen. Er wird sich ihm von der Seite nähern. Onkel Tosca kann ihn dann nicht sogleich erblicken. Bombolone erschießt ihn nicht von hinten, denn die Öffentlichkeit, die famiglia und die Polizei würden anehmen, Papa Genovese hätte Angst vor Onkel Tosca gehabt. Er wird also einen kleinen Bogen machen und erst dann wird Onkel Tosca ihn erkennen, zuerst auf die Zigarrenkiste schauen, dann auf Bombolone, und er wird überrascht sein. In den folgenden drei oder vier Sekunden wird er begreifen, dass Bombolone all die Jahre nicht der plumpe, einfältige Koch des Papa Genovese, sondern dessen Geheimwaffe war, der unbekannte Killer des Bosses, von dessen Existenz alle wussten, den alle fürchteten in den höchsten Rängen der famiglia
