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Frankreich 1775: In dem Moment, als sein Vater erschossen wird, sieht der Bauernjunge Jean dem Grundbesitzersohn Louis Philippe de Blois in die Augen. Im Juli 1789 in der Bastille sehen die beiden sich wieder, und erneut stehen sie auf verschiedenen Seiten. Nicht nur, dass der eine reich, der andere arm ist, auch ihre Ansichten unterscheiden sich. Doch eines haben sie gemeinsam: Jeder von ihnen kämpft für seine Liebe, sein Recht, sich zu behaupten, und ringsum werden ihre Geliebten, Väter, Freunde durch den Sturm gewirbelt, der ganz Frankreich erfasst.
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Grafschaft Dunois, April 1775
Pierre war sieben Jahre alt und Bauer. Genaugenommen war sein Vater Bauer, aber die Zeiten waren hart und er war alt genug, um mitzuarbeiten. Kein Bauer kann sich bezahlte Knechte leisten. Und da er aß wie ein Großer, musste er arbeiten wie ein Großer, das war eben so. Dass er manchmal die schweren Kornsäcke nicht tragen konnte, lag allein daran, dass sein Hunger immer größer war als das Stück Brot mit Suppe. Pierre liebte seinen Bruder Jean, er war der stärkste Junge im ganzen Tal. Obwohl er erst neun war, konnte er mehr schleppen als Marc, und der war schon dreizehn. Nichts liebte Pierre so wie die Ausflüge mit seinem Bruder. Das Leben fühlte sich leicht an. Vergessen waren die sorgenvollen Augen der Mutter und die väterliche Strenge. Für einige Stunden roch er die Freiheit. Natürlich waren diese Ausflüge auch Arbeit, sie fühlten sich aber nicht so an. Regelmäßig muss¬ten die Felder kontrolliert werden. Auch die Tiere hatten nicht üppig zu fressen, jedenfalls ließen sie sich gerne den jungen Weizen schmecken. Rehe und Hasen durften die Bauern nicht jagen, denn das Jagdrecht lag allein beim Herzog. Sie mussten eben versuchen, die Tiere so sanft zu vertreiben, dass es niemand merkte. Wenn sie den Weizen fraßen, war der Herzog zornig, es war ja sein Getreide. „Lauf!“ Der gellende Schrei seines Bruders zerriss die Stille. Kalte Panik gefror die Zeit. Pierre rannte los. Er stürzte, rappelte sich auf und jagte in wildem Lauf auf den nahegelegenen Wald zu. Sein Verstand begann erst wieder zu arbeiten, als er den Waldrand erreicht hatte. Was war passiert? Wo steckte sein Bruder? Pierre ließ sich auf den Boden fallen und spähte auf das Feld. Er konnte nichts erkennen, was auf Gefahr hindeutete. Die Sonne stand hoch am Himmel. Eine zarte Brise strich über den jungen Weizen. Wo war Jean? Was hatte ihn so in Angst versetzt? Seine Sinne betasteten jedes Detail der Umgebung – da – ein Knacken, brechendes, peitschendes Geäst, Hufgetrappel, ein Schrei, lautes Fluchen. Zitternd duckte er sich tief hinter den hohen Farn. Wie ein Hase brach Jean aus den Büschen, die Jäger dicht hinter ihm. Ein, zwei, drei, fünf Reiter. Jean stürzte, die Reiter rissen ihre Pferde zurück. Pierre konnte nicht verstehen, was die Jagdgesellschaft sprach, dafür brannten sich die Bilder der auf seinen Bruder niedersausenden Peitsche tief in seine Seele ein. Jeden Schlag fühlte er mit, er zitterte, Tränen liefen ihm die Wangen hinunter. Nach einer gefühlten Ewigkeit gaben die Höllenreiter ihren Pferden die Sporen und jagten lachend über das Feld, dass die jungen Weizenpflanzen nur so durch die Luft flogen. Jean lag reglos da. Die Angst um den Bruder hielt Pierre nur wenige Augenblicke hinter dem Farn, ehe er, das sichere Ver-steck verlassend, in großen Sprüngen auf das Feld hastete. Endlich erreichte er die Stelle, wo Jean lag, das Gesicht in den aufgewühlten Boden gedrückt. Angst schnürte Piere die Kehle zu. Vorsichtig griff er seinem Bruder unter die Schultern und drehte ihn langsam auf den Rücken. Verzweifelt sah er in das blutüberströmte Gesicht. Offensichtlich war Jean nicht nur Opfer der Peitsche des herzoglichen Verwalters geworden, sondern auch unter die Hufe seines Pferdes geraten. Vergeblich versuchte Pierre das Schluchzen zu unterdrücken, das ihm die Kehle hinaufkroch. Er weinte um seinen Bruder. Ja, sie hatten gegen die Anweisung des Herzogs verstoßen, als sie die Hasen vom Feld jagten, die die Saat vernichteten. Aber Pierre wusste nur zu gut, dass der herzogliche Verwalter seinen Vater anklagen würde, wenn er nicht genug Getreide ablieferte. Ein gewaltiger Zorn erfasste ihn und er schrie diese Ungerechtigkeit laut hinaus. Jeder sollte es hören, der Herzog, der gott¬verdammte Hase und Gott selbst. Er würde nie sicher wissen, ob sein Schrei bis zu Gott gedrungen war, doch er wurde das beklemmende Gefühl nie ganz los, Gott in diesem Moment zu einem Wunder gezwungen zu haben. Kaum war sein Anklageschrei im Wald verklungen, schlug Jean seine Augen auf und wischte sich mit dem Ärmel das Blut aus dem Gesicht. „Schrei doch nicht so, sie können noch in der Nähe sein!“ Pierre traute seinen Augen nicht, sein Bruder war nicht tot. Er dankte Gott für seine Gnade und verzieh ihm insgeheim all die anderen Ungerechtigkeiten. „Schau nicht so, es geht schon“, presste Jean hervor. „Das wird einige blaue Flecken geben. – Gehen wir nach Hause.“ Pierre half seinem Bruder auf die Beine. Sie sahen sich an. „Und was ist mit dir passiert?“ Pierre folgte Jeans Blick auf seine Beine. Er erschrak. Die Dornen im Wald hatten tiefe Furchen in die Haut gerissen, aus denen hellrotes Blut sickerte. Erst jetzt spürte er den Schmerz. Humpelnd setzten sich beide in Bewegung. Die Bauern durften das Wild nicht anrühren, ganz gleich, ob sie es nur von den Feldern treiben wollten. Das würde dem Vater nicht gefallen. Sie waren dumm genug gewesen, sich erwischen zu lassen. So wenig er die Gesetze des Herzogs befürwortete, duldete er doch keine Dummheit, die den Herrscher provozierte. Sie erreichten den heimatlichen Hof nach einer halben Stunde Fußmarsch. Das strohgedeckte Lehmhaus lag an einem Bach, eingebettet in Wiesen, Felder und Wälder. Angebaut befanden sich die Stallungen, notdürftig zusammengezimmerte Holzverschläge. Die Tür stand offen. Jean entdeckte zuerst die beiden fremden Pferde, die unruhig auf dem Hof warteten. Der Traum nach einer friedlichen Heimkehr, einem Ende des bestandenen Abenteuers platzte, als aus der offenen Tür ein lautes Schluchzen zu ihnen drang. Pierre blickte Jean angstvoll an. Der Ältere, gewohnt, dem Jüngeren Befehle zu erteilen, deutete mit dem Kinn auf eine Baumgruppe, deren Wurzeln von dichtem Gestrüpp eingefasst waren, duckte sich und humpelte los. Pierre verstand sofort und lief dem Bruder nach, darauf bedacht, so wenige Geräusche wie möglich zu verursachen. Vorsichtig tauchten sie in die schützende Umarmung der Büsche. „Sind sie wegen uns da?“, presste Pierre zwischen den ver-krampften Lippen hervor. Als Antwort bekam er den spitzen Ellbogen Jeans in die Rippen. Er verstummte. Was sollten sie tun? „Du schleichst dich unter das Fenster und horchst, was drinnen gesprochen wird“ entschied Jean. „Warum ich?“ „Weil ich mich kaum bewegen kann, du Dummkopf“, entgegnete Jean und unterstrich mit einem Wink die Endgültigkeit seiner Entscheidung. Pierre hatte jegliche Lust auf Abenteuer eingebüßt. „Jetzt geh schon“, raunte ihm Jean zu. Vor Angst zitternd begann sich Pierre aus dem Gebüsch zu kämpfen. Bis zum Haus waren es etwa zwanzig Schritte. Deckung spendete nur ein hölzernes Wasserfass, das sieben Schritte vom Haus entfernt stand. Er würde also die meiste Zeit vom Fenster aus gesehen werden können. Er ließ sich auf alle viere nieder und begann wie eine Katze vorwärts zu schleichen. Plötzlich wieder Geräusche. Unaufhaltsam trieb ihn der Wille des Bruders gegen die Wand aus Angst voran. Nur noch ein paar Schritte bis zum Holzfass, wieder Stimmen, fremde Männerstimmen, das Schluchzen der Mutter. Noch wenige Fuß. Stille – Schritte. Pierre starrte auf das Fenster. Was, wenn ihn jetzt jemand entdeckte? Die Schritte wurden lauter. Irgendetwas stimmte nicht. Eine laute Stimme tönte aus dem Fenster, aber die Schritte? Ungläubig drehte er langsam den Kopf nach rechts, so dass die Tür ins Blickfeld rückte. Der Mann hatte ihn gesehen und kam auf ihn zu. Schreckensstarr blickte Pierre in eine leere Augenhöhle, das andere Auge funkelte ihn böse an. Wie ein Geschoss schnellte er auf, dem Riesen entgegen. Leben oder Tod, dieser Augenblick musste es entscheiden. Er spürte keinen Schmerz, als ihn der Degen des Gegners niederstreckte.
Versailles
Die Herzogin von Blois hatte ein Problem. Sie war soeben von ihrer ersten Kammerzofe in Kenntnis gesetzt worden, dass Monsieur Hivère, der Friseur ihrer Wahl, schwer erkrankt sei. Ausgerechnet heute erlaubte sich dieser Taugenichts eine solche Schwäche. Wie sollte sich eine Dame ihres Standes am Hofe zeigen, wenn ihr nutzloser Friseur wegen jeder Kleinigkeit meinte, das Bett hüten zu müssen? Vermutlich machte sich dieser Kerl nicht einmal annähernd eine Vorstellung davon, was es für eine Frau von ihrem Blut bedeutete, am Hof ohne Haarpracht zu erscheinen, die der aktuellen Mode entsprach. Sie würde sich zum Gespött machen. „Sage dieser rücksichtslosen Person, er soll sich auf der Stelle hierherbemühen, sonst werde ich dafür sorgen, dass er Versailles nie wieder betreten wird!“ „Sehr wohl, Hoheit.“ „Wo bleiben die Mädchen mit den Kleidern? Muss man denn hier an alles selbst denken?“ „Ich sehe sofort nach ihnen, Hoheit.“ Wie sollte sie mit solch unfähigem Personal ihren Krieg gewinnen? Es ging um Ehre, Macht und Geld. Schließlich war ihre Feindin nicht irgendein Bauernmädchen, sondern die mächtigste Frau Frankreichs, die Königin selbst. Dieses arrogante junge Ding besaß die Frechheit, sie und ihre Familie, seit Jahrhunderten eine der mächtigsten Familien Frank¬reichs, zu ignorieren und so vor der gesamten Welt bloßzustellen. Der König, der Schwächling, besaß nicht den Mut, seine Frau auf den richtigen Weg zu bringen. Sogar ein eigenes Lust¬schloss hatte er ihr überlassen, wo sie nur liederliches Volk empfing, den alteingesessenen Adel ließ sie in Versailles verschimmeln. Dafür sollte sie bluten. Ein vorsichtiges Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Unterwürfig drückte sich ihre Zofe durch den Türspalt herein. „Der Bote lässt ausrichten, dass Monsieur Hivère sehr ernsthaft erkrankt sei und diese Woche nicht mehr zu Diensten sein könne.“ Das noch ungepuderte Gesicht der Herzogin färbte sich purpurrot. Die etwas zu nahe beieinander liegenden Augen schienen Feuer zu speien. „Dann rufe den Friseur der Polignac und biete ihm das Doppelte. Und lass Monsieur Hivère ausrichten, er sollte lieber sterben, als sich in diesen Räumen nochmals blicken zu lassen!“ „Sehr wohl, Hoheit.“ Vier Stunden später rauschte die Herzogin den langen Flur entlang, vorbei an golden eingerahmten Gemälden und großen, von schweren Samtvorhängen flankierten Fenstern. Sie hatte sich für ein mintgrünes Kleid mit weißen Rüschen entschieden, das sich unterhalb der Wespentaille ausladend bis zum Boden ergoss und von einem gewaltigen Reif in Form gehalten wurde. Ihr gepudertes Dekolleté zierte ein mintgrüner Turmalin, eingefasst in glänzendes Weißgold. Selbst die dicke Puderschicht konnte nicht verbergen, dass die zarte, mintgrüne Komposition nicht ihrem Wesen entsprach. Ein kräftiges Bordeaux hätte das leicht überkochende Temperament besser zum Ausdruck gebracht. Die schwere Parfümwolke vermochte nicht die schlechte Laune zu überdecken, die sie ausstrahlte. Das Auffäl¬ligste an ihr aber war die hoch aufgetürmte Haarpracht. Mintgrüne Bänder zogen sich durch das weiß gepuderte Haar. Etwa zwei Fuß über der Stirn gipfelte die Frisur in einem Gesteck von mintgrün gefärbten Straußenfedern, die bei ihren raschen Schritten flatterten. Wenig später trat sie in den Salon von Madame Adélaïde, Tante des Königs. Madame Adélaïde war vor zwanzig Jahren eine Schönheit gewesen. Prinzen aus ganz Europa hatten sie umworben, doch sie war zu stolz gewesen, einen davon anzuhören. Mit 43 Jahren war sie eine alte Jungfer, die verbittert und gelangweilt am Hofe die Zeit damit verbrachte, Ränke gegen Rivalinnen zu schmie¬den. Ihre beiden Schwestern, ebenfalls unverheiratet, unterstützten sie nach Kräften. Sie standen schon immer im Schatten der älteren Schwester, die sie an Schönheit und Witz weit überragte. Doch Langeweile und Verbitterung der beiden waren der der großen Schwester ebenbürtig. Die drei Schwestern saßen an einem vergoldeten Tisch und nippten aus kleinen, golden verzierten Porzellantassen, als die Herzogin von Blois eintrat. Voller Neid bemerkte sie, dass jedes einzelne Kleid mehr gekostet haben musste, als ihre Landgüter im Jahr einbrachten. Auch die Haartrachten stachen ins Auge. Madame Adélaïdes Friseur hatte ihr Haar kunstvoll zu einem Vogelnest geformt. Zwei ausgestopfte leuchtend gelbe Kanarienvögel saßen am Rand und bewachten kleine gelbe Eier. Natürlich war auch ihr Kleid in leuchtendem Gelb gehalten. Die Herzogin von Blois bemerkte aber vor allem die hochgezogene Augenbraue, mit der sie begrüßt wurde. An ihrem Äußeren konnte es heute nicht liegen, alles saß perfekt. Sie war zu spät. Die heiße Schokolade war bereits serviert worden. Dieser nutzlose Bauernfriseur hatte sie derart hängen lassen, dass sie nun diese Geste der Missbilligung über sich ergehen lassen musste. Unter dem Puder rot vor Zorn, nickte sie den drei Damen zu und setzte sich zu ihnen. Während dieser Treffen tauschten sie die wichtigsten Neuigkeiten vom Hof aus. Mit wem hat die Königin gesprochen? Wel¬che Frisuren, welche Kleider hat sie getragen? Wen hat sie durch Nichtbeachtung gedemütigt? Welche jungen Edelleute waren in ihrer Begleitung gesehen worden? Ja, alles drehte sich um die Königin. Sie war es, die Madame Adélaïde den ersten Rang am Hofe genommen hatte. Sie war es, die den alten Adel ignorierte. Sie war es, die den schwachen König lenken konnte, wie sie wollte, so dass die einträglichen Hofämter nur an ihre Günstlinge vergeben wurden. „Sie hat gestern erneut verhindert, dass Philippe Kriegs-minister wird“, gackerte die Herzogin. Philippe Herzog von Blois, Graf von Dunois war ihr Ehemann und seit Jahren stellvertretender Kriegsminister. Darunter litt die Herzogin unsäglich. Ihr Hass richtete sich nicht nur auf die Königin, die seine Ernennung bis jetzt verhindert hatte, sondern auch auf den Herzog selbst. Er war ein Schwächling, der sich nicht gegen den Willen dieser Österreicherin durchsetzen konnte. „Und das Theaterstück, das sie in Petit Trianon aufführen lässt: Unerhört ...“, ergänzte Madame Adélaïde. „Prostituierte und Aufrührer ...“. „Der König sollte diesem Treiben endlich ein Ende bereiten“, warf Madame Sophie zum wiederholten Mal ein. „Diese österreichische Dirne...“, zischte die Herzogin gerade, als die Tür aufging und ein livrierter Diener meldete: „Die Königin!“
Nantes, 21. April 1775
Der Frühling hatte Nantes in diesem Jahr vergessen. Ein kühler Wind peitschte seit Tagen unerbittlich kalten Regen auf die Dächer. Granitgraue Wolken schoben sich vom Atlantik her über die Stadt. Ungeduldig legte Julien Maxime Pinot die Zeitung beiseite. Die Gazette de France berichtete von weiter steigenden Getrei-depreisen. Seit der Generaldirektor der Finanzen, Anne Robert Jacques Turgot, im September letzten Jahres den Getreidehandel liberalisiert hatte, kletterten die Preise stetig in die Höhe. Dazu kam die schlechte Ernte im vergangenen Sommer. Momentan kostete ein Sack Mehl 24 Livres, das entsprach dem Gegenwert von drei Schafen oder dem Monatslohn eines Arbeiters. Die Gazette geißelte das Edikt Turgots. Julien konnte sich dem Urteil der Zeitung nicht anschließen. Er war Händler. Endlich hatten die strengen staatlichen Regulierungen, von denen nur der Adel profitiert hatte, ein Ende. Jetzt konnte ein geschickter Kaufmann große Gewinne machen, wenn er es nur schlau anstellte. Es waren aber nicht die hohen Getreidepreise, die ihm die Sorgenfalten auf die Stirn trieben, seine Gedanken kreisten immerwährend um seine „Marie Hélène“. Sollte sie nicht ankommen, stand ihm das Wasser bis zum Hals. Ja, er hatte es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht. Doch nun hatte er seine gesamte Habe in dieses Schiff investiert, das bereits vor einer Woche im Hafen hätte einlaufen sollen. Schon Juliens Vater und Großvater waren Händler gewesen. Mit eigenen Schiffen würde er den Gewinn deutlich steigern können. Bald würde er nicht nur das Geld haben, das undichte Dach zu reparieren, sondern eine neue Villa kaufen. Nicht, dass ihm sein jetziges Haus nicht gefiel, es war eines der vornehmsten der Stadt. Es gab genug Händler in Frankreich, die reicher waren als er und deren Häuser an Schlösser erinnerten. Sein Vater hatte es versäumt, gleich zu Beginn in den Afrikahandel einzusteigen. Er selbst hatte nun diesen Fehler korrigiert und dabei alles auf eine Karte gesetzt. Die „Marie-Hélène“ war ein elegantes Schiff. Und das Wichtigste: Sobald das Werkzeug und die Musketen, der Schnaps und die Stoffe in Afrika ausgeladen wurden, fasste sie über dreihundert Neger. Mit dem Gewinn würde er eine weitere Schiffsladung Luxusgüter in Amerika laden können – und dazu zählte in diesem Jahr auch Getreide. Sein Kapitän sollte die dreihundert Sklaven gegen Weizen, Kaffee und Kakao eingetauscht haben. Diese Waren erzielten in Frankreich hohe Gewinne. Aber was, wenn sein prächtiges Schiff im Atlantik verschollen wäre? Es würde das Ende bedeuten. Er war erst vierzig. Angst stieg in ihm auf. Ein Klopfen an der Türe seines Arbeitszimmers riss ihn aus seinen Gedanken. „Ja?“, brummte er unfreundlich. Langsam öffnete sich die Tür und vorsichtig schob sich ein siebenjähriges Mädchen herein, das kastanienbraune Haar zu Zöpfen geflochten, die kunstvoll den kleinen Kopf wie eine Krone umwanden. „Gehen wir heute wieder zum Hafen, Papa?“ Augenblicklich besserte sich seine Laune. Er liebte Hélène wie keinen anderen Menschen. Außerdem kam ihm diese Abwechs¬lung wie gerufen. „Jetzt“, antwortete er, erhob sich von seinem Schreibtisch, um sich für den Spaziergang zum Hafen vorzubereiten. Julien war groß gewachsen, die meisten Männer reichten ihm nur bis zur Nase. Sein ausgeprägter Unterkiefer verriet starke Willenskraft. Im Kontrast dazu strahlten seine dunklen Augen Milde und Gutmütigkeit aus. Vielleicht war es diese Verbindung aus Kraft und Güte, die schon viele Frauenherzen hatte höherschlagen lassen. Obwohl der Hafen nahe genug für einen Fußmarsch lag, ließ Julien die Kutsche vorfahren. Clément, seit einer Ewigkeit Kutscher der Familie, saß stoisch auf dem Kutschbock, der Regen lief in Strömen von seinem Schlapphut. Schnell hastete Julien mit Hélène in den Wagen. Maximilien war dreizehn und schon fast so groß wie sein Vater. Er saß bereits im Wagen, als Julien und seine Schwester einstiegen. Er half Clément, wann immer er konnte, mit den Pferden, und einen Ausflug zum Hafen wollte er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Nach zehn Minuten bog die Kutsche auf den Quai de la Fosse ein, jenen Teil des Hafens, wo die großen Handelsschiffe festmachten. Maximilien sah schon aus dem Fenster die ersten Masten, die im bewegten Wasser der Loire hin und her schaukelten. Eines Tages würde er an Bord eines solchen Schiffes in die Neue Welt segeln und dort Abenteuer bestehen, wie er sie oft von den Seeleuten hörte. Mit einem Ruck kam die Kutsche zum Stehen. Julien drückte sich den schwarzen Dreispitz auf seinen großen Kopf, schob ihn tief in die Stirn. Er schlang den Mantel eng um sich, stellte den Kragen auf und griff nach der Tür. Julien kniff die Augen zusammen, um trotz des Regens, den der Sturm ihm ins Gesicht blies, den Hafen überblicken zu können. Majestätisch lagen einige Handelsschiffe am Kai, schwankten, obwohl sie fest vertäut waren, in der Dünung heftig hin und her. Die „Marie Hélène“ war nicht zu sehen. Julien hätte sie sofort erkannt. Sie war schlanker als die meisten Handelsschiffe und bot mit ihren drei Masten genug Segelfläche, um die meisten Schiffe hinter sich zu lassen. Am auffälligsten war die geschnitzte Meerjungfrau am Bug, deren entblößter Oberkörper die Blicke der Seeleute auf sich zog. „Papa, da kommt ein Schiff!“, hörte Julien seinen Sohn rufen. Julien blickte in den dichten Regenschleier hinaus – nun sah er es, immer deutlicher zeichneten sich die Umrisse eines Schiffes ab. Juliens Nerven vibrierten. Ungeduldig tastete sein Blick die Gestalt des Seglers nach bekannten Merkmalen ab. Jetzt konnte er den Bug erkennen – es war nicht die „Marie Hélène“. Es war nicht einmal ein Handelsschiff, sondern ein Kriegsschiff, eine Fregatte der königlichen Marine. Maximilien und Hélène wink¬ten begeistert, Julien wandte sich enttäuscht ab. Wenig später hatte die Fregatte am Kai festgemacht und die ersten Offiziere balancierten, ungeachtet des Sturms, der wütend an ihren Mänteln riss, über den Landesteg. Julien ging auf die Männer zu und rief einen Leutnant an: „Willkommen in Nantes! Haben Sie ein Handelsschiff, die ‚Marie Hélène‘ gesehen? Eine Meerjungfrau am Bug? Sie muss vor vierzig Tagen in Guadeloupe in See gestochen sein.“ „Es gab mehrere Unwetter und Piratenüberfälle in der Karibik. Aber ich weiß nicht, welche Schiffe betroffen sind, es tut mir leid“, antwortete der Leutnant und schickte sich an, weiterzugehen. „Es gibt doch Aufzeichnungen bei der Marine, könnten Sie für mich nachsehen?“, fragte Julien flehend und drückte dem Offizier eine Münze in die Hand. „Schicken Sie mir Nachricht an diese Adresse.“ Julien steckte dem Leutnant eine Visitenkarte zu. „Ich versuche, etwas herauszufinden, und schicke einen Matrosen“, versprach der Offizier und eilte seinen Kollegen nach. Wenig später saß die Familie im Salon und nahm eine leichte Zwischenmahlzeit ein. Eine Dienstmagd servierte heiße Suppe, Gänsebraten und Brot. Während Maximilien und Hélène darüber diskutierten, wie viele Kanonen sie bei der Fregatte gezählt hatten und überlegten, auf welchen Feind sie wohl die letzten Schüsse abgegeben haben mochte, saß Julien in Gedanken versunken da und starrte in sein Glas Rotwein. „Wird uns die Versicherung das Schiff und die Ladung erstatten, falls die Marie-Hélène verschollen ist?“, fragte Christine, Juliens Ehefrau. Sie mochte es nicht, wenn Julien so niedergeschlagen war. Also versuchte sie, ihn aufzuheitern. „Das weiß man nie“, knurrte Julien. Christine war dagegen gewesen, sich so hoch zu verschulden, um das Schiff zu kaufen. Gegen das Versprechen, die ersten Fahrten gut zu versichern, hatte sie zugestimmt. „Wie viel verlieren wir dann, wenn sie gesunken ist?“, fragte Christine weiter. „Genug“, zischte Julien und trank seinen Rotwein aus. Ja, er hatte Christine versprochen, das Schiff zu versichern. Er hatte sogar eine Bank aufgesucht. Doch als er den Preis erfahren hatte, war er wieder gegangen. Jetzt hatte er ein zusätzliches Problem. Wie sollte er seiner Frau erklären, dass er keine Versicherung abgeschlossen hatte? „Hast du mit dem Kapitän der Fregatte gesprochen, ob er etwas gesehen hat?“, fragte Christine weiter. Julien lachte verächtlich. „Ein Leutnant prüft, ob in den Unterlagen der Marine etwas zur ‚Marie Hélène‘ vermerkt ist“, knurrte er. „Wir werden benachrichtigt.“ „Papa, heute spielen wir aber wieder Schach, du hast es mir versprochen“, sagte Maximilien bestimmt. Seit Julien ihm von einer Reise ein Schachspiel mitgebracht hatte, war er ganz versessen darauf, immer besser zu werden. „Nicht jetzt“, knurrte Julien. Er griff gerade erneut nach der Weinflasche, als es laut an die Tür klopfte. Julien erstarrte in der Bewegung. Welche Nachricht mochte der Matrose bringen?
Grafschaft Dunois
Pierre öffnete vorsichtig die Augen. Ein stechender Schmerz über dem rechten Ohr bohrte sich in sein Bewusstsein. Langsam ertastete er die schmerzende Stelle und er spürten eine feuchte Wunde. Jetzt hörte er Stimmen und versuchte, sich zu orientieren. Neben ihm stand eine Schüssel mit Wasser und einem fleckigen Tuch. Hatte jemand damit seine Wunde gereinigt? Mühsam tastete er mit seinem Blick die Umgebung ab und stellte überrascht fest, dass er zuhause war. Er erkannte den grob gezimmerten Esstisch in der Mitte des Raumes, die Bänke aus Eichenbrettern. In dem gusseisernen Ofen neben dem Fenster prasselte ein Feuer. Die Stimmen wurden lauter, dann öffnete sich die Tür und Vater kam herein. Ihm folgten einige Männer, Bauern aus der Umgebung. Sie standen um den Tisch und unter¬hielten sich aufgeregt. Was war geschehen? Als er das nächste Mal erwachte, kniete Mutter neben ihm und tupfte seine Stirn mit dem feuchten Lappen. Pierre sah, dass sie geweint hatte. Die Männer waren verschwunden. Am Tisch saß Jean und schälte Kartoffeln. „Hätte er nicht mit der flachen Seite des Degens zugeschlagen, wärst du mausetot“, erklärte sein Bruder. „Du warst zu langsam.“ Pierre wusste, dass Jean Recht hatte. „Wer waren die Männer?“, fragte er. „Der Verwalter des Herzogs war hier“, antwortete die Mutter und wischte sich eine Träne weg. „Wir sollen höhere Abgaben bezahlen“, erklärte Jean die Katastrophe. „Olivier und Antoine sind abgehauen, jetzt muss der Rest ihren Anteil übernehmen.“ Pierre wusste, dass immer wieder Bauern flohen, weil sie wegen der hohen Abgaben an die Grundherren und an die Kirche vom Ertrag ihrer Arbeit nicht mehr leben konnten. Durch die schlechte Ernte im letzten Jahr war die Lage noch verschärft worden. „Der Herzog ist nicht bereit, auf die Ernte und die Abgaben von den Flüchtigen zu verzichten. Jetzt muss jeder von uns mehr geben“, ergänzte die Mutter. „Das ist doch ungerecht!“, entfuhr es Pierre. Seine Mutter stöhnte nur resigniert. „Und was werden wir tun?“, fragte Pierre. „Keiner kann mehr bezahlen, wir haben ja kaum genug, um zu überleben. Wir werden eine Abordnung zum Verwalter schicken und mit ihm reden. Vielleicht wird er unsere Situation verstehen“, sagte Mutter. Pierre sah an der Träne, die Mamas Wange hinunterlief, dass sie selbst nicht daran glaubte. Jetzt verstand er, warum die Nachbarn hier gewesen waren. Sie hatten beraten, was zu tun war. „Sie werden den Überbringer der Botschaft gleich verhaften“, sagte er. Seine Mutter nickte stumm. Weitere Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. „Wer wird die Forderung überbringen?“ „Dein Vater“, schluchzte sie.
Nantes, 21. April 1775
Mit einem Ruck brachte Clément die Kutsche zum Stehen. Julien riss die Tür auf und sprang hinaus. Bevor er den Fuß auf dem Boden setzte, sah er sie. Majestätisch schob sich die „Marie-Hélène“ aus den Regenschwaden auf den Kai zu. Vergessen waren alle Ängste und Selbstzweifel. Kaum war das Schiff fest vertäut, hievten die Matrosen eine schmale Landebrücke über Bord. Sofort sprang ein kleiner, stämmiger Mann auf die Brücke, in einer Hand den Dreispitz, in der anderen den Kragen des verblichenen Wollmantels. Kapitän Villeneuve. Julien begann zu winken und lief auf den Kapitän zu. Dieser streckte seinem Schiffseigner die Hand entgegen. Julien ergriff sie, umarmte den verblüfften Seebären, der angesichts solch einer überschwänglichen Begrüßung das Gesicht verzog. „Ich dachte schon, Sie wären gekapert worden oder gesunken“, konfrontierte Julien seinen Kapitän mit der Verspätung. Doch seine Erleichterung war so groß, dass dem Vorwurf jede Schärfe fehlte. „Erst hatten wir Flaute, dann einen ordentlichen Sturm. Mussten vor dem Hafen abwettern, eine Einfahrt bei zu viel Wind ist zu riskant“, brummte Villeneuve. „Außerdem mussten wir das Schiff tagelang reinigen, bevor wir die Baumwolle und den Tabak an Bord nehmen konnten – den Gestank der Neger wird man kaum los.“ „Haben Sie alle Geschäfte wie geplant für mich abgeschlossen?“ „Ja, das Schiff ist bis oben voll. Ich habe außerdem noch zwei Amerikaner an Bord, die unbedingt mit Ihnen sprechen wollen.“ Überrascht wendete Julien den Blick auf das Schiff und sah zwei Fremde über die Reling klettern. Was sollte das bedeuten? Wenig später saß Julien mit den beiden Amerikanern im Salon seines Stadthauses, während die Ladung in Juliens Lagerhäuser am Hafen verfrachtet wurde. Christine hatte in Windeseile ein leichtes Essen herrichten lassen. Andrew Smith stellte sich als amerikanischer Händler vor. Er war etwa in Juliens Alter, und trug seine blonden Haare zu einem lockeren Zopf gebunden. Seine Kleidung war aus feinem Stoff, entbehrte aber jeglicher Form von Prunk. War diese Schlichtheit Zeichen für einen niederen Stand? Oder war es einfach amerikanisch? Julien erkannte in ihm einen Menschen, der wusste, was er wollte und durchaus in der Lage war, dies zu erreichen. John Whittacker, der zweite Gast, war etwas älter, seine dunklen Haare nach britischer Mode eng zusammengebunden. Die Schläfen waren bereits silbergrau. Er war ein Advokat, Anwalt in Diensten von Mr. Smith. Julien prüfte das Etikett des Rotweins, eines 1772er vom Weingut seines Onkels. Er nickte zufrieden. Soweit er wusste, gab es in Amerika keinen guten Wein. Es konnte nicht schaden, diese beiden Amerikaner zu beeindrucken. Offensichtlich wollten sie etwas von ihm. Dafür hatte Julien einen Riecher. Und wo jemand etwas von ihm wollte, konnte er viel Geld verdienen. Jetzt galt es nur noch herauszufinden, worum es ging. Mit großem Interesse folgte er Mr. Smiths Erzählungen von der politischen Lage in Amerika. Natürlich hatte es Gerüchte gegeben, dass es zu einem Krieg zwischen England und den amerikanischen Patrioten kommen könnte, Julien hatte ihnen aber bisher keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Nun erzählte dieser blonde Amerikaner, dass der Krieg schon begonnen hatte und es vor seiner Abreise nach Frankreich erste Zusammenstöße zwischen britischen Soldaten und Kolonialmilizen gegeben hatte, mit zahlreichen Toten. „Dieser Krieg wird lange dauern und blutiger werden als alles, was die Welt bisher erlebt hat“, endete Mr. Smith bedeutungsschwer in seinem guten Französisch mit englischem Akzent. Tief blickte er Julien in die Augen, um die Wirkung seiner Worte zu unterstreichen. Julien wusste, welche Auswirkungen ein solcher Krieg auf seine Geschäfte haben würde. Die Nachfrage nach Sklaven würde drastisch zurückgehen. Wenn die Männer sich gegenseitig töteten, Plantagen verwüstet wurden, stagnierte die Wirtschaft, Luxusgüter waren kaum mehr zu bekommen. Ohnmächtige Wut stieg in ihm auf. Sollte er alles, was er bisher erreicht hatte, schon wieder verlieren? War dieser freche Amerikaner wochenlang über das Meer gesegelt, nur um ihm zu verkünden, dass sein Geschäft vor dem Ende stand? Nach einer unangenehm langen Pause ergriff Mr. Smith erneut das Wort. „Sklaven und Luxusgüter werden in Zukunft kaum noch gebraucht, somit ist Ihr Unternehmen bald Geschichte. Auch Baumwolle wird nicht geliefert werden können, wenn die Briten die Plantagen niederbrennen.“ Aber-mals ließ er seine Worte wirken, was Julien ärgerte. Er wusste, verdammt nochmal, welche Folgen das hatte! Er hatte auf ein lukratives Geschäft gehofft, und dass dieser Niemand hier auf-kreuzte, um ihm seinen Untergang zu prophezeien, machte ihn wütend. Gerade, als er ansetzen wollte, um seinem Unmut Luft zu verschaffen, sprach der Fremde weiter: „England hat die beste Armee der Welt. Um England zu schlagen, braucht man eine größere Armee. Amerika wird eine Armee aufstellen, die die Welt noch nicht gesehen hat. Diese Armee braucht vor allem eines: Waffen! Musketen, Kanonen, alles, womit man auf Engländer schießen kann.“ Endlich wusste Julien, worauf seine Besucher hinauswollten. Waffen für Amerika. „Wo wollen Sie all diese Waffen hernehmen?“, fragte Julien. „Von meinen langjährigen französischen Geschäftspartnern. - Oder von Ihnen.“ Julien stutzte. Sein erster Schock wich einer wilden Begeisterung, die im nächsten Moment schon wieder verpuffte. „Wo soll ich diese Waffen hernehmen?“ Soweit er wusste, gab es nur drei große Waffenmanufakturen in Frankreich, Charleville-Mézières, Maubeuge und St. Étienne. Sie produzierten ausschließlich für die königliche Armee. Die zahlreichen kleinen Waffenschmieden kämen für einen Auftrag solchen Ausmaßes kaum in Betracht. Schon bereute er, was er eben gesagt hatte, offenbarte es doch eine Schwäche, die man in Verhandlungen niemals zeigen darf. „Kein Problem, wir wollten nur Sie als ersten fragen, da ihr Kapitän so nett war, uns eine Überfahrt zu gewähren“, winkte Mr. Smith ab und schickte sich an, das Thema zu wechseln. Auch das ärgerte Julien, obwohl er anerkennen musste, wie geschickt sein Gegenüber taktierte. Er ahnte, dass all die Gelassenheit nur gespielt war, musste aber zugeben, dass diese Spielart funktionierte. Er hatte Blut geleckt. Er wollte dieses Geschäft - um jeden Preis. „Ich werde viel Geld benötigen, um die Waffen zu bezahlen“, warf er ein. „An Bord Ihres Schiffes befinden sich Baumwolle und Tabak im Wert von etwa 180.000 Livres. Verkaufen Sie es und kaufen Getreide. Meine Informanten rechnen mit einem Preisanstieg von etwa 70% in den nächsten Monaten.“ Der Anwalt zog einen Umschlag aus einem Lederetui. Julien bemerkte, mit welcher Gelassenheit der Advokat einen Vertrag für die Unterschrift zurechtlegte. „Als erste Lieferung erwarten wir dreitausend Musketen, nach dem Standard der französischen Armee, mit Bajonetten“, sprach Mr. Smith weiter. „Außerdem fünfzig Kanonen und dreihundert Blankwaffen für die Offiziere. Alles Weitere ist in diesem Vertrag ausgeführt.“ Jetzt schob ihm der Anwalt das umfangreiche Vertragswerk zu. „Keine Angst, Sie müssen das nicht alles lesen“, sprach Mr. Smith weiter. „Das Wichtigste für uns: Sie liefern uns die Waffen zum genannten Termin. Das Wichtigste für Sie ...“ Er deutete auf eine Stelle auf dem Papier. Julien bemerkte, dass der Vertrag auf Englisch verfasst war. Er konnte nicht alles verstehen. Aber die Zahl, auf die Mr. Smith deutete, und hinter der das Zeichen für „Livres“ zu erkennen war, vermochte er sehr genau zu lesen. Er wäre mit einem Schlag reich. „Unterschreiben Sie hier“, knurrte der Anwalt und wendete das Papier. „Bald werden Sie so viel verdienen, dass sie nicht mehr wissen wohin mit all dem Geld“, ergänzte Mr. Smith. Julien rang mit sich. Würde er jemals wieder eine solche Chance bekommen? Andererseits wusste er wirklich nicht, woher er so viele Waffen in so kurzer Zeit bekommen sollte. Er konnte doch nicht sofort wieder sein gesamtes Vermögen auf eine Karte setzen. Würden das seine Nerven mitmachen? Und seine Frau? Die Feder kratzte vernehmlich, als er den Vertrag unterschrieb. „Ich werde Ihnen die Waffen besorgen“, hörte er sich sagen, obwohl er wusste, dass es fast unmöglich war.
St. Etienne
Julien wartete schon eine Viertelstunde. Immer wieder las er das Schild, das an der weißen Mauer neben dem gewaltigen Holztor angebracht war. „Königliche Waffenmanufaktur, St. Etienne“. Soweit er es einschätzen konnte, war das die einzige Adresse, wo er genug Waffen kaufen konnte. Er verfügte über ein beachtliches Vermögen, denn er hatte die Baumwolle zu einem guten Preis verkaufen können. Durch die Spekulation mit dem Getreide würde er genug Geld haben, um die Waffen zu bezahlen. Jüngst hatte der König den Getreidehandel liberalisiert und die Preise stiegen täglich. Das Hochgefühl war erst verflogen, als er eine französische Übersetzung des unterschriebenen Vertrags in den Händen hielt. Er hatte sich verpflichtet, zehntausend Musketen und einhundert Kanonen in drei Etappen zu liefern. Sollte ihm das nicht innerhalb der genannten Frist gelingen, musste er eine Vertragsstrafe bezahlen, deren Höhe ihm fast einen Herzanfall beschert hatte. Er war dazu verdammt, diese Waffen aufzutreiben. Plötzlich öffnete sich das Tor und ein junger Bursche bat ihn herein. Sie überquerten den Hof und gingen auf das große Hauptgebäude zu. Bald standen sie im Obergeschoß vor einer gewaltigen Tür mit der Aufschrift „Direktor“. Der junge Mann klopfte an, öffnete die Tür und bat Julien einzutreten. Hinter einem massiven Schreibtisch aus dunklem Holz saß der Mann, der Juliens Schicksal in Händen hielt: Monsieur Leclerque. Julien hatte nie einen so dicken Menschen gesehen. Seine Perücke bedeckte den gewaltigen Schädel nur ungenügend. Zwei kleine Augen sahen ihn aus dem fleischigen Gesicht scharf an. „Julien Pinot – Sie wollen Waffen kaufen?“, fragte der Koloss mit einer unnatürlich hohen Stimme. Julien wollte gerade antworten, als der Direktor fortfuhr: „Haben Sie eine Anweisung des Kriegsministeriums? Kommandieren Sie ein Regiment? Andernfalls verschwenden Sie unser beider Zeit.“ Julien räusperte sich. „Ich zahle gut“, erwiderte er und versuchte, seine aufstei-gende Verzweiflung niederzukämpfen. Monsieur Leclerque lachte. „Glauben Sie, ich kann zehntausend Musketen abzweigen, ohne dass es dem Kriegsminister auffällt? Wir sind die königliche Waffenmanufaktur, wir stellen Waffen für die französische Armee her. Der König hat so viele Musketen bestellt, dass der Kriegsminister schon persönlich hier war, um uns Beine zu machen. – Bringen Sie mir eine Anweisung des Kriegsministeriums und wir kommen ins Geschäft. Die wird es aber nicht geben, denn auf jede Muskete, die ich Ihnen gebe, muss der König verzichten.“ Julien wollte etwas erwidern, doch es war deutlich, er war entlassen. Kleinlaut drehte er sich um und verließ das Arbeits-zimmer des Direktors. Es war schlechter gelaufen, als er befürchtet hatte. Julien befahl Clément, zurück nach Nantes zu fahren, direkt zu seinem Anwalt. Er würde überlegen müssen, wie er mit dem geringsten Schaden aus dem Vertrag herauskam. In Frankreich gab es nicht genug Musketen für die Amerikaner. Es gab nicht einmal genug für die Franzosen. Eigentlich war das eine gute Basis für ein gewinnbringendes Geschäft. Sollte er im Ausland versuchen, Waffen zu kaufen? Soweit er wusste, stand es dort noch schlimmer. Er musste lächeln, als er an seine Tochter dachte, die ihn vor seiner Abreise gefragt hatte, warum er die Musketen nicht selbst baute und das Geld behielt. Sie war ein aufgewecktes Mädchen. Doch sie hatte eben nie etwas von den Zunftgesetzen gehört, die es ihm unmöglich machten, selbst eine Produktion zu beginnen. Niemals würden ihm die Zunftmeister die Erlaubnis erteilen. Nur der König selbst könnte solch eine Ausnahme verfügen, was kaum geschehen würde. – Der König benötigte dringend Waffen und Geld. Wenn er ihm keine Waffen verkaufen wollte, vielleicht aber das Recht, Waffen zu produzieren? Julien musste lachen, als er sich vorstellte, er würde den König bestechen. Aber musste es der König selbst sein? Julien schlug sich mit der Faust auf den Oberschenkel – er hatte eine Idee.
Versailles
Alle Damen erhoben sich, als die Königin eintrat. Marie Antoinette war jung und schön, ein mit Diamanten verziertes Band umspielte den schlanken Hals, auch das Kleid, in leuchtendem Rosé gehalten, war mit kostbarsten Steinen besetzt. Die Herzogin bemerkte, dass allein in der hoch aufgetürmten Haarpracht mehr Edelsteine untergebracht waren, als sie überhaupt besaß. Unterwürfig neigten die Damen ihre Haartürme. Einige Hofdamen begleiteten die Königin. Die Gesellschaft nahm am Tisch Platz. Die Diener beeilten sich, Getränke zu servieren und die Pharo-Karten herbeizuschaffen, nach denen die Königin verlangt hatte. Bald wurde gespielt. Die Herzogin wusste nicht, wie die Tanten des Königs es geschafft hatten, dass die Königin ihren Salon wieder aufsuchte. Lange hatte Marie Antoinette sie durch ihre Abwesenheit gedemütigt. Allerdings ließ sie sich diese Ehre teuer bezahlen. Die Herzogin hatte eine heftige Abneigung gegen jede Art von Spiel, das Verspielte entsprach nicht ihrem Wesen. Natürlich durfte man die Königin nicht zurückweisen, auch wenn die Geldbeträge, die sie verlor, ihre Familie in ernste Schwierigkeiten brachten. Das Arbeitszimmer des stellvertretenden Kriegsministers war im südlichen Ministerflügel direkt vor dem Ehrentor des Schlosses untergebracht. Es war ein mittelgroßer Raum mit hohen Fenstern, umrahmt von schweren grünen Brokatvorhängen. Auch die Wände waren mit grünem Brokat bespannt. Der Herzog von Blois saß an seinem kunstvoll geschnitzten Schreibtisch und las die Post. Er mochte keine Kaufleute. Und doch las er diesen Brief zum zweiten Mal. Natürlich empfand er es als unter seiner Würde, diesen Händler ernst zu nehmen, sein Angebot kam jedoch wie gerufen. Denn wie sollte er sich erfolgreich um die Geschicke Frankreichs und um seine Karriere kümmern, wenn sein privates Vermögen immer mehr dahinschmolz? Er verfügte über große Ländereien; die schlechte Ernte im letzten Jahr hatte zwar die Getreidepreise in die Höhe getrieben, aber die Bauern lieferten zu geringe Mengen. Außerdem verlor seine Frau jede Woche mehr Geld beim Kartenspiel, als die Bauern im Jahr erwirtschaften konnten. Dieser Kaufmann aus Nantes bot ihm an, die gesamte Getreideernte zu übernehmen, zu einem Preis, der deutlich höher lag als der gegenwärtige Marktpreis. Außerdem plane er die Eröffnung einer Waffenmanufaktur. Er bot dem Minister eine Beteiligung von 20 Prozent an jeder vom Staat gekauften Muskete an. Als Gegenleistung verlangte er nur die Genehmigung zur Errichtung dieser Manufaktur. Es war eine Überlegung wert. Der nächste Brief erfreute ihn weniger. Der Verwalter seiner Güter in der Grafschaft Dunois schrieb ihm, dass erneut Bauern geflüchtet seien und so nicht die volle Höhe der Abgaben eingetrieben werden könne. Außerdem seien dann geringere Ernten unumgänglich. Diese Bauern hatten Nerven, gerade jetzt die Ernte zu dezimieren. Er musste sofort handeln. Da ihn seine Regierungsgeschäfte in Versailles unabkömmlich machten, würde seine Frau nach Dunois reisen müssen. Sein Sohn Louis Philippe würde sie begleiten. Es war an der Zeit, dass er mit seinen elf Jahren langsam an die Verwaltung der Güter herangeführt wurde. Dem Herzog war zu Ohren gekommen, dass in Beaumont-sur-Oise ein Markt geplündert worden war, aus Protest gegen die steigenden Brotpreise. Und dass sich diese Unruhen nun immer weiter ausbreiteten. Er hatte keine Wahl, er musste hart durchgreifen, um Aufstände im Keim zu ersticken. Auch deshalb schickte er seine Frau.
Dunois, Juni 1775
Nach einem kühlen Mai erhitzte die Frühlingssonne die Luft und die Gemüter. Pierres Vater war mit einer Bittschrift, die die Bauern dem Pfarrer diktiert hatten, zum Haus des herzoglichen Verwalters gezogen. Unfreundlich hatte man ihn zurück an die Arbeit geschickt, ohne ihn auch nur anzuhören. Diese Nachricht hatte die Bauern zornig gemacht. An diesem Junimorgen zogen sie aus, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen. Bewaffnet mit Mistgabeln, Dreschflegeln und Knüppeln machten sie sich auf den Weg, verzweifelt genug, alles zu riskieren. Etwa zwanzig Männer waren dem Ruf gefolgt, dazu ein paar Frauen und Kinder. Auch Jean und Pierre schlossen sich der Gruppe an. Schließlich arbeiteten sie schon, dann konnten sie auch kämpfen. Und Vater hatte es nicht verboten. Vielleicht war er zu zornig.
Am späten Vormittag erreichten sie das Landhaus des Herzogs. Das herrschaftliche Haupthaus ragte hoch über die Mauern empor, die es umgaben. Auch die Dächer einiger Nebengebäude waren dahinter sichtbar, Stallungen, Dienstbotenunterkünfte und Lagerhallen. Hell strahlten die weiß getünchten Wände in der Sonne. Hoch aufragende Palmen und andere exotische Bäume ließen einen schön angelegten Park hinter den Mauern vermuten.
Pierre sah, wie zwei Männer hastig das Tor schlossen. Als sie am Tor angekommen waren, schleuderten einige Bauern wüste Beschimpfungen über die Mauer.
„Wir wollen mit dem Verwalter sprechen!“, schrie Bernard.
„Und zwar sofort!“, brüllte Simon, ein blonder Hüne vom Nachbarhof.
Auch Jean brüllte mit, der Zorn der Menge ließ ihn seine Scheu gegenüber dem Adel vergessen. Er hob sogar einen Stein auf und warf ihn über die Mauer. Pierre tat es ihm nach, wenngleich sein Stein an der Mauer abprallte. Dennoch hatte er das Gefühl, damit den blutsaugenden Adel verletzt zu haben.
Plötzlich tauchte über der Brüstung ein Kopf auf. Pierre erschrak, als er den Einäugigen übellaunig herunterstarren sah. Unversehens schmerzte ihn seine verkrustete Wunde über der Schläfe. Angst packte ihn. Doch Jean und die anderen Männer brüllten weiter und schwangen ihre Waffen drohend in Richtung des Verwalters.
„Was soll dieser Lärm? Habt ihr nicht genug Arbeit, dass ihr Zeit findet, euch hier herumzutreiben?“, rief der Einäugige den Bauern entgegen.
Pierres Vater trat vor. Mit einer Geste brachte er die anderen Bauern zum Schweigen.
„Ihr wisst genau, dass wir niemals die neuen Abgaben bezahlen können. Wir fordern nur, dass ihr die letzte Erhöhung zurücknehmt!“, rief er mit fester Stimme. Pierre war stolz auf seinen mutigen Vater, der diesem Tyrannen entgegentrat.
„Dann hättet ihr eure Freunde davon abhalten sollen, davonzulaufen. Außerdem kommt der Befehl vom Herzog.“
„Dann wollen wir den Herzog sprechen! Wir haben kaum genug zu essen, arbeiten Tag und Nacht, auch unsere Kinder arbeiten. Die Ernte war schlecht ...“
„Das ist nicht mein Problem“, fiel ihm der Einäugige ins Wort. „Geht wieder an die Arbeit!“, sagte er noch und verschwand hinter der Mauer.
„Nein, das tun wir nicht!“, schrie Bernard ihm hinterher. Wie zur Bestätigung brüllten die Bauern wüste Beschimpfungen.
„Könnten wir von unserer Arbeit leben, würden wir alle auf dem Feld stehen“, murmelte Bernard.
Pierre hob einen Stein auf und wollte ihn gerade gegen die Mauer schleudern, als erneut Köpfe über der Mauer auftauchten. Diesmal war es nicht der Einäugige, sondern die Köpfe trugen Dreispitze. Auch die leuchtend weißen Uniformjacken wurden sichtbar. Es waren Soldaten. Pierre bekam erneut Angst. Aber die anderen Bauern wichen keinen Schritt zurück, reckten die Fäuste gegen die Mauer.
„Wenn ihr uns erschießt, bekommt ihr gar kein Getreide“, rief einer der Bauern.
Die Soldaten legten ihre Musketen auf die Brüstung der Mauer und warteten offensichtlich auf weitere Befehle. Verunsichert suchte Pierre die Nähe seines Vaters. Dessen Ruhe übertrug sich auf ihn. Kinder zu schlagen war eine Sache, aber der Einäugige würde niemals auf seine Bauern schießen lassen.
Dunois, Juni 1775
Louis Philippe de Blois liebte die Ausflüge aufs Land. Der Alltag in Versailles war langweilig, geprägt von Unterricht, Picknicks und zeremoniellen Anlässen. Auf den Landgütern war er der Aufsicht seines Lehrers entzogen und konnte tun, was ein elfjähriger Junge gerne tut: ausreiten, jagen, fechten. Als Erbe des Herzogtums Blois und der Grafschaft Dunois wurde ihm hier jeder Wunsch erfüllt. Er hatte laut gejubelt, als sein Vater ihm eröffnete, dass er nach Dunois reisen solle. Leider würde seine Mutter ihn begleiten. Im Gegensatz zu ihm hasste die Herzogin die Reisen aufs Land und war entsprechend übel gelaunt. Wenn er Glück hatte, würde sie sich um sich selbst kümmern und ihn in Ruhe lassen.
Sie waren am Vorabend in Dunois eingetroffen und im Haupthaus in den herzoglichen Gemächern einquartiert worden. Louis Philippe war schon früh aufgestanden und hatte begonnen, die Ställe zu erkunden. Er hatte gerade den Stallmeister darum gebeten, ihm ein Pferd für einen Ausritt zur Verfügung zu stellen, als es plötzlich im Hof unruhig wurde. Als Louis Philippe aus dem Stall trat, sah er, wie hastig das Tor zugezogen wurde und er hörte wütende Rufe von außerhalb der Mauern. Sofort lief er zum Tor, um zu sehen, was dort vor sich ging. Antoine, der von seinem Vater eingesetzte Verwalter, stieg gerade auf den Wehrgang der Mauer und sprach mit den aufgebrachten Menschen vor dem Tor.
„Was ist los?“, fragte Louis Philippe einen vorbeieilenden Diener.
„Die Bauern machen Ärger“, erwiderte dieser und lief weiter.
Antoine kam die Treppe vom Wehrgang herunter und schaute noch grimmiger drein als sonst. Louis Philippe mochte den einäugigen Verwalter nicht. Der Mann behandelte ihn zwar immer höflich, doch fürchtete Louis Philippe sich vor dessen ungezügeltem Hang zur Gewalt.
„Was wollen die Bauern?“, fragte er.
„Faulenzen, wie immer“, schnaubte der Einäugige und rauschte an ihm vorbei.
„Wie langweilig ...“, dachte Louis Philippe. Er sehnte sich nach Abenteuern, Faulenzen kannte er nur zu gut von Versailles. Abenteuer schien er zu bekommen. Er sah den Einäugigen einige Soldaten in Richtung Tor hetzen. Sie besetzten den Wehrgang und brachten die Musketen in Anschlag.
Louis Philippe lief ihnen nach, erklomm die Treppe und spähte über die Brüstung hinunter. Er sah eine Gruppe von Bauern, aber auch Frauen und Kinder. Die Bauern waren bewaffnet, insofern man Heugabeln und Knüppel so nennen konnte. Musketen konnte er keine ausmachen. Wollten sie ihre Mistgabeln gegen die Mauern schleudern? Die Truppe schien ihm harmlos. Dennoch verfolgte er gebannt das Geschehen.
Die Bauern riefen aufgebracht Beschimpfungen gegen die Mauer. Er bemerkte auch zwei Jungen unter ihnen. Einer mochte in etwa sein Alter haben, der andere sah jünger aus. Wütend warfen sie Steine in seine Richtung. Plötzlich hörte er die Stimme seiner Mutter hinter sich. Sie hatte sich tatsächlich aus ihren Gemächern bemüht und schien in eine lebhafte Diskussion mit dem einäugigen Verwalter verwickelt zu sein. Louis Philippe spitzte die Ohren.
„Wir können nicht unsere Bauern erschießen, wer erntet dann das Getreide?“, hörte er die Stimme von Antoine, der sichtlich bemüht war, die Herzogin zu beschwichtigen.
„Wir müssen sie nicht alle erschießen, zwei sollten genügen, um sie wieder zur Arbeit zu bringen. Besser noch: Erschießt die Frauen, dann verlieren wir keine Feldarbeiter.“
Louis Philippe leuchtete die Idee seiner Mutter ein, andererseits war er nicht sicher, ob es die beste Art war, Bauern zum Arbeiten zu motivieren, indem man die Bäuerinnen erschießen ließ.
Die beiden Jungen schleuderten immer noch Steine gegen die Mauer. Er fragte sich, ob sie wohl auch so viel Zeit mit langweiligem Unterricht verbringen mussten wie er oder ob sie öfter solche Abenteuer erlebten.
Das Krachen der Musketen hätte ihn beinahe vom Wehrgang gefegt. Ungläubig starrte er zu den Soldaten hinüber, vor denen sich eine Rauchwolke bildete. Als er den Blick wieder zu den Bauern richtete, sah er in die leuchtend blauen Augen des kleineren Jungen. Das abgrundtiefe Entsetzen, in das er sah, jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Dann wandte der Junge den Blick ab und rannte zu dem Toten.
Grafschaft Dunois
Pierre hatte sich gerade nach einem neuen Wurfgeschoss umgesehen, als plötzlich das Krachen der Musketen seine Welt zerriss. Ungläubig nahm er wahr, dass er keinen Schmerz fühlte. Schnell blickte er sich um und sah die Soldaten auf der Mauer in einer Rauchwolke verschwinden. Sein Blick blieb an einem Jungen hängen, der neben den Soldaten stand und von der Mauer herabschaute. Die Zeit schien stillzustehen, die Wirklichkeit in weite Ferne gerückt.
