Südafrika – eine Demokratie wird erwachsen - Werner Vogt - E-Book

Südafrika – eine Demokratie wird erwachsen E-Book

Werner Vogt

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Beschreibung

Die Abdankungsfeier für Präsident Nelson Mandela in Anwesenheit von fast 90 Staats- und Regierungschefs zeigte, dass Südafrika nach wie vor auf dem Radar der internationalen Gemeinschaft ist. Dass an dieser Trauerfeier der jetzige südafrikanische Präsident Jacob Zuma vom einfachen Volk ausgebuht und ausgepfiffen wurde, war eine Sensation. Wie 'erwachsen' ist Südafrikas Demokratie wirklich? Werner Vogt nimmt die fünften demokratischen Wahlen in Südafrika zum Anlass, auf die bewegte Geschichte des Landes zurückzublicken und einen Ausblick in die nähere Zukunft zu geben. Von der Gründung der Kapkolonie über den Burenkrieg, die Unabhängigkeit von England, die Zeit der Apartheid, die Präsidentschaft Nelson Mandelas und Jacob Zumas beleuchtet er sowohl Vergangenheit wie Gegenwart des Landes fundiert, kenntnisreich und mit journalistischem Flair.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Werner Vogt

SÜDAFRIKA –EINE DEMOKRATIEWIRD ERWACHSEN

Geschichte | Gegenwart | Zukunft

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Mit freundlicher Unterstützung durch:

– Werner Vogt Communications AG

– SAGADULA: Kinderzentrum für Musik – Bewegung – Spiel (0–8 Jahre)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2014 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2014 (ISBN 978-3-03823-922-2)

Titelgestaltung: GYSIN [Konzept+Gestaltung], Chur

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-03823-945-1

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

VORWORT

Ein neues Buch über Südafrikas Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft? – Ja, und zwar deswegen, weil es im deutschsprachigen Raum nur wenig Literatur gibt, die gleichzeitig einen leicht lesbaren historischen Überblick bietet von den Ursprüngen bis zum Ende der ersten Legislatur von Präsident Jacob Zuma.

Das Werk soll dem mit Südafrika nicht vertrauten Leser eine möglichst umfassende Übersicht geben über die fesselnde und oft auch leidvolle Geschichte eines Landes, das den Betrachter an einem Tag zu faszinieren vermag, um ihn am nächsten Tag komplett vor den Kopf zu stossen. Südafrika ist im Guten wie im Schlechten einzigartig auf dem schwarzen Kontinent.

Als Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung für das südliche Afrika (von 1996 bis 2000) hatte ich das Glück, Land und Leute an der Südspitze des afrikanischen Kontinentes kennenzulernen, allen voran natürlich die Südafrikaner selbst. Obwohl die dramatischsten Momente der jüngeren Geschichte schon vorüber waren (von der Freilassung Nelson Mandelas nach 27 Jahren im Gefängnis bis zu seiner Vereidigung als Präsident, also 1990–1994), hatte man doch das Gefühl oder vielmehr die Überzeugung, als Zaungast in einem gigantischen Labor von gelebter Geschichte zu residieren.

Dass in diesem Prozess eine grosse Sympathie zu Land und Leuten entstand, war naheliegend. Wie einst ein Bekannter sagte: Es gibt in Afrika nicht nur das böse Virus, das HIV überträgt und Aids verursacht. Es gibt auch das gute Afrika-Virus, das einen immer wieder zurückkehren lässt zu Landschaften von stupender Schönheit mit einem Reichtum an Wildtieren, vor allem aber zu den Menschen, die diese Weltgegend bewohnen: Ihre Offenheit gegenüber dem Besucher aus Europa, ihre Freundlichkeit und Gastfreundschaft werden unvergesslich bleiben.

Das Gute zu wollen und zu wünschen für Südafrika und seine Bewohner darf aber nie ein Hinderungsgrund dafür sein, auch über das Schlechte zu schreiben. Weder für den Auslandskorrespondenten noch für den Buchautor. Im Gegenteil, gerade weil man dem Land das Gute wünscht, ist es umso wichtiger, Fehlentwicklungen in aller notwendigen Deutlichkeit zu beschreiben.

Zahlreiche Bekannte und Freunde in Südafrika, aber auch in der Schweiz haben mit ihrer Fachkenntnis zu diesem Buch beigetragen. Ihnen allen sei herzlich gedankt. Speziell hervorgehoben sei das Institute of Race Relations, Johannesburg, ein Thinktank, der seit Jahrzehnten ausgezeichnete Arbeit leistet. Ein ganz besonderer Dank geht an Dr. Jürg A. Schalch, Historiker und Geschäftsmann in Johannesburg, dem ich nach seiner minutiösen Durchsicht des Manuskripts zahlreiche Erkenntnisse verdanke. Last, but not least geht ein grosser Dank auch an meine Frau Daniela Vogt und an unsere beiden Töchter Luzia und Isabelle, die mir für dieses Buchprojekt den Rücken frei hielten.

EINFÜHRUNG

Mit den fünften demokratischen Wahlen seit dem 27. April 1994 kam 2014 für den multirassischen Staat am Kap der Guten Hoffnung die Volljährigkeit. Somit ist die junge Demokratie erwachsen. Doch hier wie in der Entwicklung von Jugendlichen bedeutet Volljährigkeit nicht automatisch Reife. Dessen ungeachtet ist der 20. Geburtstag der südafrikanischen Demokratie ein guter Zeitpunkt zum Innehalten, um über Erreichtes wie Unerreichtes gleichermassen Bilanz zu ziehen.

Ausgangspunkt unserer Zeitreise ist die Trauerfeier für Nelson Mandela am 10. Dezember 2013 im Johannesburger First National Bank Stadion. Dieses Ereignis sorgte aus mehreren Gründen für internationale Schlagzeilen. So kam es zum historischen Handschlag zwischen den Präsidenten der USA und Kubas, Barack Obama und Raúl Castro. Dänemarks Premierministerin Helle Thorning-Schmidt wiederum wurde berühmt durch ein Handyfoto, das sie von Obama und sich selbst machte. Die eigentliche Sensation des Tages – zumindest aus südafrikanischer Perspektive – war jedoch die Art und Weise, wie das einheimische Publikum im Stadion mit seinem Präsidenten Jacob Zuma umging.

Jedes Mal, wenn das Gesicht des südafrikanischen Präsidenten auf der Grossleinwand erschien, erhob sich ein lautes Konzert von Buhrufen und Pfiffen. Dies führte dazu, dass die Regie des südafrikanischen Fernsehens die Kameramänner instruierte, ja nicht mehr auf Zuma zu fokussieren. Es kam aber noch schlimmer: Als der Präsident Südafrikas seine Ansprache begann, verliessen Hunderte von einfachen schwarzen Bürgern des Landes das Stadion. Dies ist in mehrfacher Hinsicht eine Sensation. Zum einen gilt in Südafrika wie überall auf der Welt das Gebot der Höflichkeit bei einem öffentlichen Anlass und im Speziellen der Respekt vor der Würde des Verstorbenen. Zum anderen gilt in Afrika in viel grösserem Mass als bei uns das Respektsgebot vor Personen, die älter sind oder eine höhere gesellschaftliche Stellung innehaben.

Angesichts dieser Tradition ist es umso erstaunlicher, dass das Publikum gegen Jacob Zuma derart aufbegehrte. Zwei Gründe dürften für die Empörung der Bevölkerung im Vordergrund gestanden haben: Erstens muss es gerade für schwarze Südafrikaner, die in bescheidenen Verhältnissen leben, ein Affront sondergleichen sein, dass sich ihr Präsident seine Privatresidenz im heimatlichen KwaZulu-Natal für knapp 20 Millionen britische Pfund vergrössern und verschönern liess. Zweitens versuchte Zuma wiederholt, aus dem sterbenden Gründungspräsidenten des modernen Südafrika politisches Kapital zu schlagen: Zuma lud wiederholt zu «Presseterminen» mit Nelson Mandela ein, obgleich dieser – dement und geschwächt wie er war – keine Kontrolle mehr hatte über sich selbst. Es war ganz offensichtlich und für jedermann durchschaubar ein unwürdiges Spektakel.

Um bei der Person von Jacob Zuma, dem dritten gewählten Präsidenten seit dem politischen Wandel im Jahr 1994, zu bleiben, so fällt schon der Vergleich mit seinem Vorgänger Thabo Mbeki sehr unvorteilhaft aus, derjenige mit Nelson Mandela geradezu katastrophal. Entscheidend für dieses negative Urteil ist weniger die Tatsache, dass Zuma einen sehr bescheidenen bzw. gar keinen Schulsack hat – er lernte erst im Gefängnis von Robben Island lesen und schreiben. Dies ist insbesondere dann ein Problem, wenn der Präsident auf sich allein gestellt ist, etwa als Hauptredner oder als Panel-Teilnehmer, und spontan auf Fragen zur Volkswirtschaft antworten muss. Hier wird das fehlende Fundament offensichtlich.

Wenig präsidial ist auch, dass Zuma von der Tochter eines Bekannten der Vergewaltigung bezichtigt wurde, ein Vorwurf, den diese in der Folge zurückzog. Geradezu haarsträubend ist in diesem Kontext auch die Tatsache, dass er ungeschützten Geschlechtsverkehr mit dieser Frau hatte und danach gegenüber der Presse sagte, es habe ja nichts passieren können, da er post festum geduscht habe. In vielen anderen Ländern wäre eine solche Dummheit politischer Selbstmord – nicht so in Südafrika.

Zumas fehlende Bildung und seine Unbedarftheit in gewissen Situationen sagen aber nicht das Geringste über seine politische Intelligenz aus. Der frühere Hirtenjunge stieg nicht von ungefähr zum Sicherheitschef des African National Congress (ANC) im Exil auf. In dieser Funktion war er auch massgeblich für schwere Menschenrechtsverletzungen in den ANC Camps von Angola verantwortlich. Zuma ist nicht nur ein geschickter Populist, der die Massen begeistern kann, wenn er will. Er ist vor allem ein mit allen Wassern gewaschener Machtpolitiker: So brachte er es fertig, den sich immer autokratischer und autistischer gebärdenden Staatspräsidenten Thabo Mbeki in dessen zweiter Amtszeit aus dem Sattel zu heben. Mit anderen Worten: Jacob Zuma ist ein Mann, der nicht unterschätzt werden sollte.

Abb. 1: Robben Island: Für die damaligen Gefangenen waren Kapstadt und der Tafelberg in Sichtweite. Zwölf Kilometer in kaltem Wasser bei widrigen Strömungen hätte aber kein Fliehender überlebt.

Abb. 2: Im Gefängnis von Robben Island mussten die Häftlinge nicht nur im Steinbruch Steine klopfen, sondern auch im Innenhof vor ihren Zellen. Die Zellen waren gerade gross genug (7 Quadratmeter), um darin zu schlafen. Der Alltag war geprägt von zahlreichen Schikanen. So unterstand der Briefverkehr mit der Familie einer strengen Zensur.

Was ist in 20 Jahren erreicht worden? Zunächst einmal – und die Bedeutung dessen kann nicht genug betont werden – fand im Mai 1994 ein friedlicher Machtwechsel statt. Das weisse Minderheitenregime unter dem letzten Präsidenten der Apartheidära – Frederik Willem de Klerk – übergab die Macht an den ersten Präsidenten, der von Südafrikanern aller Hautfarben gewählt worden war: Nelson Mandela.

Wer nun behauptet, dies habe ja alles so kommen müssen, dem fehlt die Phantasie im Bösen. Die Jahre 1990 bis 1994, in denen über einen demokratischen Wandel gesprochen und verhandelt wurde, waren geprägt von einem Mass an Gewalttätigkeit, das heute nicht mehr vorstellbar ist. Bis zu 40 Tote durch politische Gewalt an einem einzigen Wochenende waren kein Einzelfall, sondern die Regel. Von wenigen Ausnahmen abgesehen war die politische Gewalt schwarz-schwarz und nicht etwa schwarz-weiss. Der sozialistisch ausgerichtete African National Congress und die ethnisch ausgerichtete Zulubewegung Inkatha Freedom Party (IFP) trugen im heimatlichen KwaZulu-Natal und auch sehr intensiv in den Townships rund um Johannesburg einen Kleinkrieg aus, der Mitte der 1980er-Jahre eskaliert, um nicht zu sagen explodiert war. Tausende von Toten waren die Folge.

In dieser brisanten politischen Situation hatte Südafrika das Glück, politische Führer zu haben, die auch schwierigste Situationen meistern konnten, etwa als der charismatische Kommunistenführer Chris Hani von zwei weissen Rechtsextremen erschossen wurde. Hier war Nelson Mandela federführend in der Beruhigung der kochenden Volksseele. Nicht auszudenken, was im Fall eines Attentats auf Mandela passiert wäre. Genauso fatal wäre ein Anschlag gegen de Klerk gewesen. Mit dem Schritt, den er auf seinen ehemaligen politischen Gegner zugegangen war, hatte er sich im eigenen Lager – d. h. in der Partei ebenso wie in seinem Kollegen- und Freundeskreis – zahlreiche Feinde geschaffen. Von zentraler Bedeutung für den Erfolg des politischen Wandels war auch General Constant Viljoen, der die um den Fortbestand ihrer Kultur besorgten Afrikaaner unter Kontrolle halten konnte, sowie Zulu-Führer Mangosuthu Buthelezi, der sich nach langem Hin und Her doch noch zur Teilnahme an den Wahlen und zum Einsitz in die Regierung der Nationalen Einheit entschliessen konnte.

Wie aber konnte es überhaupt zu einer Situation kommen, in der ein Land die Mehrheit seiner Bevölkerung systematisch in einem System zu unterdrücken vermochte, das sich Apartheid (Getrenntsein) nannte? Die Ursprünge gehen auf das Jahr 1652 zurück, als die holländische Ostindien-Kompanie für den Handelsverkehr mit ihren Besitztümern in Südostasien am Kap der Guten Hoffnung einen Versorgungsposten gründete.

Genau hier beginnt das Spezielle an der südafrikanischen Geschichte. Nach Südafrika wanderte nicht nur eine kleine koloniale Führungs- und Verwaltungsschicht ein, die möglichst viel Geld machen und dann zurückkehren wollte, sondern weisse Siedler, die sich von Europa definitiv verabschiedet hatten. Insbesondere den nach der Bartholomäusnacht von 1572 nach Holland geflohenen französischen Hugenotten fiel es leicht, ihrer Wahlheimat den Rücken zu kehren. Sie waren die erste Gruppe von weissen Einwanderern. Franschhoek (die «Ecke der Franzosen»), ein kleiner Ort am Kap, wo die Hugenotten ihre ersten Weinstöcke pflanzten, zeugt von dieser Vergangenheit. Die europäischen Siedler des 17. und 18. Jahrhunderts waren sehr schnell sehr expansiv. Sie dehnten ihr Siedlungsgebiet gewalttätig auf Kosten der lokal ansässigen Khoisan (Buschmänner) im Westen aus, während sie im Osten Grenzkriege gegen die Xhosas führten. Das grösste Bevölkerungswachstum kam aber durch die Sklaven aus Indien und Südostasien zustande, welche die Holländer nach Südafrika verschleppt hatten.

Bereits in dieser europäischen Gründerzeit manifestierte sich ein Topos der südafrikanischen Geschichte: die Verdrängung und/oder Unterdrückung der Schwächeren durch die politisch und militärisch Stärkeren. Dies, obwohl es damals – im Vergleich zu heute – Land en masse gab. Zur weiss-schwarzen Rivalität gesellte sich alsbald die weiss-weisse Rivalität. 1797, im Rahmen der Napoleonischen Kriege, besetzten britische Truppen die zentralen Gebiete der Kapprovinz, und zwar hauptsächlich aus der Überlegung, dass dieser geostrategisch wichtige Punkt nicht in die Hände der Franzosen fallen durfte. 1802, beim Friedensschluss von Amiens, ging das Kap zurück an die Niederländer. Doch schon 1806 waren die Briten wieder in Südafrika und errichteten eine Kronkolonie.

Mit dieser britischen Landnahme am Kap der Guten Hoffnung war der Grundstein für eine Rivalität gelegt, die 100 Jahre später zu einem blutigen Krieg führen und die Beziehungen zwischen Buren bzw. Afrikaanern und Briten bis weit ins 20. Jahrhundert vergiften sollten. Die Briten drängten in einer ersten Phase vehement nach Osten und schoben die Grenze zu den Xhosas bis an den Great Fish River. Gleichzeitig besiedelten und befestigten sie die eroberten Territorien im heutigen Eastern Cape. Die Buren fühlten sich zunehmend bedrängt. 1833 beschloss Grossbritannien die Abschaffung der Sklaverei, was die Buren nicht akzeptierten. Sie wichen in der Folge nordostwärts aus und siedelten nördlich des Oranje-Flusses. Dieser Auszug aus der Kapkolonie von 14000 Buren ging als der «Grosse Treck» (1835–1841) in die Geschichte ein.

Abb. 3: Die Buschmänner (San) leben traditionellerweise in den Weiten des Buschlands in der Northern-Cape-Provinz Südafrikas sowie in Botswana. Siedlungsdruck durch die Einwanderung des Amazizi-Stammes zwang die in Natal ansässigen San am Anfang des 19. Jahrhunderts zum Ausweichen in die Drakensberge. Dort malten sie mit selbst hergestellten Farben Szenen aus ihrem Leben, namentlich zum Thema der Jagd.

Drei Eckpunkte aus der Zeit des Grossen Trecks und der Entwicklung sind besonders erwähnenswert:

• 1838: die Schlacht am Blood River. Dort besiegte eine verschworene Truppe von 470 Buren unter der Führung von Andries Pretorius ein Zulu-Heer von 10000 Mann, wobei die Buren 3000 Gegner töteten. Der Sieg in dieser Schlacht wurde in der Folge mythisch verklärt und als gottgewollt überliefert.

• 1852: Gründung der Burenrepublik Transvaal (ursprünglich: Zuid Afrikaanse Republiek)

• 1854: Gründung der Burenrepublik Oranje-Freistaat (die heutige Provinz Free State).

Man hätte nun vielleicht davon ausgehen können, dass die Buren von diesem Zeitpunkt an in ihren beiden Staatsgebilden friedlich ihre Landwirtschaft betreiben. Wer je im Auto die über 1400 Kilometer von Johannesburg nach Kapstadt abgespult hat, weiss jedoch um das öde «platteland», soweit das Auge reicht, das vielerorts nur gerade für die genügsamen Schafe geeignet ist. Doch zwei Entdeckungen änderten dieses Set-up radikal: die Entdeckung von Diamanten in der Kapprovinz (1867) und die von Gold im Transvaal (1886). Beide Ereignisse zogen Tausende von Glücksrittern aus aller Welt an. Es versteht sich von selbst, dass angesichts dieser zwei Eldorados – vergleichbar nur mit Alaska und Kalifornien – das koloniale Auge Grossbritanniens noch einmal ganz genau von Kapstadt aus nach Nordosten schaute. Diesen Reichtum konnte man unmöglich den Buren allein überlassen.

Die Dimensionen der Diamanten- und Goldfunde sind sogar nach heutigen Gesichtspunkten beträchtlich. Zwischen 1871 und 1914 wurden im «Big Hole» von Kimberley – einer vulkanartigen Mine – 14,5 Millionen Karat an Rohdiamanten gefördert. Die Goldproduktion am Witwatersrand war nicht minder gigantisch. Im Jahr 1898 wurde – umgerechnet auf die Preise des Jahres 2000 – Gold im Gegenwert von 6,9 Milliarden britischen Pfund gefördert.

Die Bodenschätze standen im Zentrum der britischen Expansionsgelüste nach dem Transvaal. Annexionsversuche in den Jahren 1877, 1881 und 1895 wurden von den Buren abgewehrt, nicht zuletzt deshalb, weil die Engländer militärisch schlecht vorbereitet waren und in ungenügender Mannstärke auftraten. Der englische Druck hielt jedoch weiter an. Streitpunkt war allem voran die sogenannte Uitlander-Frage: Die britischen Einwanderer hatten im Transvaal kein Stimmrecht und damit auch keinen Einfluss auf die Politik. England wollte dies in Verhandlungen mit der Regierung von Präsident Paul Krüger ändern und diese Streitfrage war schliesslich mit ein Grund für den Burenkrieg (1899–1902) zwischen Grossbritannien und den beiden Burenrepubliken. Mit einem gigantischen Aufwand an Soldaten und Material siegten schliesslich die Briten. Zehntausende von Toten – auch Frauen und Kinder – waren die Folge der burischen Fehleinschätzung, dass sie sogar ein Weltreich besiegen könnten. Nach diesem Ringen und einer Brutalität der Kriegsführung, die ihresgleichen sucht, ist es umso erstaunlicher, dass die Briten gleichsam den Frieden verloren, nachdem sie den Krieg gewonnen hatten. Im Friedensvertrag von Vereeniging (1902) wurden den Buren bereits Eigentumsrechte garantiert, gleichzeitig wurde aber auch bestimmt, dass die Schwarzen keine politischen Rechte erhalten sollten.

Abb. 4: Bis zum Jahr 1886 gab es auf dem Gelände der heutigen Stadt Johannesburg (1645 Quadratkilometer) vier Farmen. In jenem Jahr wurden dort die ersten Goldvorkommen entdeckt, was ähnlich wie in Alaska und Kalifornien zu einem Goldrausch führte. Der Abraum aus den Minenschächten wurde zu künstlichen Hügeln aufgehäuft, wie derjenige im Bild mit dem Autokino auf dem Plateau

Für die Buren war die Niederlage eine traumatische Erfahrung. Hier war ein Volk am Boden zerstört. Und der Hass auf die Sieger hielt sich über Jahrzehnte. Man kann sagen, dass das blutige Ringen von 1899 bis 1902 Nachwirkungen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hatte. Präsident Pieter Willem Bothas Mutter war in einem britischen Konzentrationslager. Dieser Aufstieg von Underdogs und Geknechteten zur politischen Elite war sicher mit ein Grund, weshalb die Buren bis zum Jahr 1989 eisern an der Macht festhielten.

1910 erfolgte die Gründung der Union of South Africa (das heutige Staatsgebiet) und die Unabhängigkeit. Als Zeichen der Versöhnung wurde Pretoria (vormals Transvaal) Hauptstadt, Kapstadt (vormals britische Kapkolonie) Parlamentssitz und Bloemfontein (vormals Oranje-Freistaat) Sitz des Obersten Gerichts. Leer gingen hingegen alle nicht weissen Einwohner Südafrikas aus, also die Schwarzen, die Coloureds und die Indischstämmigen. Die Buren und ebenso die britischen Südafrikaner dachten nicht im Traum daran, den Schwarzen das allgemeine Stimmrecht zu geben.

Dass diese Situation der schwarzen Bevölkerung nicht gefallen konnte, liegt auf der Hand. Als Antwort auf die Segregationspolitik, die Diskriminierung, die lange vor der Apartheid (ab 1948) institutionalisiert wurde, gründete die politische Führung der Schwarzen 1912 den African National Congress. Eine der ersten Aktivitäten des Gründerpräsidenten Sol Plaatje war der Protest gegen den Natives Land Act (1913), ein Gesetz, das Schwarzen den Erwerb von Land – ausser in speziell vorgesehenen Gebieten – verbot. In den ersten zwei Jahrzehnten ihrer Existenz zeigte die Organisation wenig Wirkung. Sie trat als Bittstellerin auf und ihre Loyalität ging so weit, dass sie aufgrund der britischen Teilnahme im Ersten Weltkrieg jegliche Protestaktivitäten einstellte.

Krieg ist übrigens ein interessantes Stichwort in der schwarz-weissen Interaktion. Einerseits gab es bei der Ethnie der Zulus einen Grad der Kriegskunst, aber auch der Brutalität und Radikalität, die nicht nur andere Stämme das Fürchten lehrte. Bei der Schlacht von Isandlwana im Anglo-Zulu War (1879) wurde ein britisches Infanterieregiment bis fast zum letzten Mann von einem Zulu-Heer vernichtet. Andererseits wurden in den drei grossen Kriegen des 20. Jahrhunderts, im Burenkrieg, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Schwarze – und darüber hinaus auch Farbige und Indischstämmige – rekrutiert und kämpften als Waffenbrüder von Weissen; von der Belagerung von Mafikeng über Westeuropa, Nordafrika bis nach Ostafrika. Nicht nur das. Es kam auch vor, dass Schwarze zumindest in die Unteroffiziersränge befördert wurden. Mit anderen Worten: Der Burenkrieg und die beiden Weltkriege weichten die Fronten zwischen den Rassen auf.

Dieses kriegsbedingte Tauwetter zwischen den Rassen stiess nicht bei allen anglofonen Südafrikanern auf Gegenliebe. Bei den Buren war das Bild gemischt. Da war einerseits die staatstragende Elite – verkörpert etwa durch General Jan Smuts –, die Südafrika in die beiden Weltkriege führte. Zwölf Jahre nach dem Burenkrieg war das trotz allem nicht selbstverständlich. Auf der anderen Seite standen die Afrikaaner-Nationalisten, für die diese schwarz-weisse Annäherung ein Gräuel war. Sie waren auch Jahrzehnte nach dem Ende des Burenkriegs noch völlig verbittert angesichts der Niederlage gegen die Briten. Dies ging so weit, dass die Hardliner der späteren Apartheidregierung im Zweiten Weltkrieg für Nazideutschland waren.

Abb. 5: Im Rahmen des Anglo-Zulu War von 1879 erlitt die britische Armee zum Auftakt eine schmerzvolle Niederlage. Bei Isandlwana rieb die Armee König Cetswayos am 22. Januar ein ganzes Infanterieregiment auf. Nur wenige Füsiliere überlebten. Der Grund für die Niederlage war die schlechte Aufklärung vorab. Die Briten verloren zwar diese Schlacht, gewannen aber den Krieg.

Abb. 6: