Superkraft statt Superstress - René Träder - E-Book

Superkraft statt Superstress E-Book

René Träder

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Beschreibung

Was können wir gegen Stress tun? Dieses Buch lesen, dessen zentrale Botschaft lautet: Stress ist eine Superkraft – wir müssen nur lernen, richtig mit ihm umzugehen. Oft sind wir uns gar nicht bewusst, dass wir im Stressmodus stecken, und ignorieren die körperlichen und psychischen Symptome einfach. Dabei zählt Stress sowohl im Privatleben als auch im Beruf zu den größten Gesundheitsrisiken. Umso wichtiger ist es, seine Mechanismen zu verstehen und aktiv anzugehen. René Träder zeigt uns in diesem Buch, wie wir Stress zu unserem Verbündeten machen können. In 7 einfachen und wirkungsvollen Schritten führt er uns humorvoll, kreativ und auf den Punkt aus der Stressspirale heraus.

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Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2025

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René Träder

STATT SUPERSTRESS

In 7 Schritten raus aus der Stress-Spirale

Die kleinen Sorgen des Alltags,so groß sie scheinen mögen, sind am Ende doch nur Schatten.

aus „Der Sturm” von William Shakespeare (1564–1616)

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2025

Hermann-Herder-Str. 4, 79104 Freiburg

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Doppelseitige Illustrationen: Petra Sonnenberg; Illustration unter „So zeigt dir dein Körper, dass es zu viel ist“: Maaphookow/shutterstock

Icons: © appleuzr/GettyImages; Illustrator de la Monde/GettyImages; Dilyaab/shutterstock; Skylines/shutterstock

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München

Umschlagfoto: © Jessi Geib

E-Book Konvertierung: ZeroSoft, Timisoara

ISBN 978-3-451-03474-9

ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-83631-2

Für Dein zukünftiges Ich.

(Die Zukunft beginnt immer schon mit dem nächsten Atemzug.)

Inhalt

STRESS IST EINE SUPERKRAFT

DIE ERFINDUNG VON STRESS

Kann es Stress ohne Stress geben?

50 SHADES OF STRESS

Stress: Ein Symptom unserer Lebensweise

Haben wir heutzutage mehr Stress?

Leben in einer VUCA-Welt

Stress: Ein Chamäleon der jeweiligen Zeit

Die Mikro- und die Makro-Ebene

Was genau ist nun also Stress?

Stress: Der Versuch einer Definition

Akuter oder chronischer Stress?

Burn-out: Vom Dauer-Stress in die Dauer-Erschöpfung

SUCHST DU STRESS?

Verschiedene Stress-Typen unter dem Mikroskop

Stress durch Kurzsichtigkeit: Diese fünf Stile wollen Stress aus dem Weg gehen, können aber das Gegenteil bewirken

Stress durch Abhauen: Bei diesen vier Stilen handelt es sich um moderne Fluchtreaktionen

Stress durch Aktivität: Bei diesen fünf Stilen handelt es sich um ein modernes Kampfverhalten

Stress durch Unsicherheit: Diese zwei Stile sind moderne Schutzverhalten

Stress durch zwischenmenschliche Interaktionen: Fünf Stile nach dem Motto „Ich, die anderen und mein Stress“

Stress durch die eigene Persönlichkeit: Diese zehn Stile wirken oftmals als unsichtbare Stress-Magneten

Stress ist kein klares Bild, sondern ein Puzzle

HALLO TROCKENNASENAFFE!

Der Stress-Kreislauf

Stress ist wie ein hungriger Freund

1. Phase REIZ: Erkenne Deine Stressoren

2. Phase BEWERTUNG: Mach Dich mit Deinem inneren Bodyguard vertraut und verpass ihm eine Weiterbildung

3. Phase ANPASSUNG: Entwickle ein Frühwarnsystem und entlaste Deinen Körper

Der Körper im Stress

4. Phase EMOTIONEN: Nutze die mitgelieferte Energie für die Stress-Bewältigung und komm raus aus dem emotionalen Omelett

5. Phase VERHALTEN: Behalte das Ziel im Auge, in Phase 6 zu kommen

6. Phase ENTSPANNUNG: Komm zur Ruhe und sei bereit für die nächsten Abenteuer

FASS AUF DICH AUF

Alles Tun ist Energie

Unser Lifestyle sorgt für eine Flut an To-dos

Wenn das Fass zum Fässchen wird

Nervennahrung: Kann man Stress wegessen?

Zeit ist die Zwillingsschwester von Priorität

Radikale Selbstfürsorge: Warte nicht am Bahnhof auf Schiffe

Gewohnheiten: Es könnte alles so einfach sein

Sibi vivere!

NACHWORT

DANKSAGUNG

ZUM AUTOR

Es läuft irgendwas grundlegend falsch, wenn sich jeder zweite Tag so anfühlt, als habe man in einer Sturzgeburt ein Kalb entbunden.

STRESS IST EINE SUPERKRAFT

ZU VIEL DAVON MACHT UNS ABER KRANK

Hi und herzlich willkommen!

Schön, dass Du Dich tiefergehend mit dem Thema Stress und damit auch mit Dir selbst beschäftigen möchtest. Ich kann Dir schon mal versprechen: Das wird eine spannende Reise. Danke für Dein Interesse und das Vertrauen, sie gemeinsam mit mir zu gehen.

Lass uns mit einer vielleicht ungewöhnlichen Frage beginnen:

Ist Deine Antwort dabei gewesen? Die meisten Menschen haben den Akkustand ihres Handys ganz gut im Blick und kümmern sich darum, dass es nicht ausgeht. Niemand würde am Dienstag aufs Handy schauen und sagen: „Hm, nur noch 20 Prozent. Na, bis Freitag muss es aber noch durchhalten.”

Zu uns selbst sagen wir so was eher mal, vielleicht sogar ständig, getreu dem Motto: „Irgendwann, irgendwann, irgendwann bin auch ich mal dran.” Oder wir sagen: „Jetzt hab ich keine Zeit für Erholung“, „Klar übernehme ich das. Ich schaff das! Mit Multitasking geht’s“, „Ich kann doch nicht Nein sagen“, „Irgendwo kann ich das noch reinquetschen“, „Noch drei Überstunden mehr? Kein Problem“, „Nur noch bis zum Urlaub durchhalten“.

Mit unserem Handy gehen wir ganz anders um. Egal, ob wir Freunde besuchen, ins Büro gehen, im Café, Hotel oder in der Bahn sind: Meist schauen wir, wo die nächste Steckdose ist. Viele haben sogar eine Powerbank dabei, um auch unterwegs sicher sein zu können, dass das Handy gut versorgt ist

Gucken wir uns die Einstiegsfrage leicht verändert an:

War Deine Antwort dabei? Dein Handy wird jeden Tag (mehrmals) aufgeladen. Und Du?

Wenn wir mit uns selbst nur ein bisschen mehr wie mit unserem Handy umgehen würden, wäre Stress sicher nicht so ein riesiges Thema in unserer Gesellschaft. Schließlich ist unser Stress häufig die Summe aus all den kleinen und großen Aspekten in unserem Leben, die auf uns einprasseln und von denen wir uns wünschen, dass sie anders laufen. Stress an sich ist aber eigentlich gar nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Stress ist eine Superkraft!

Bei Stress stellen Körper und Psyche blitzschnell Energie zur Verfügung und aktivieren – manchmal ungeahnte – Kräfte, damit wir handlungsfähig sind. So können wir unmittelbar auf eine Gefahr oder Belastung reagieren und selbst Herausforderndes meistern. Wir können Stress als eine Fähigkeit betrachten: eine Überlebensfähigkeit.

Diese evolutionäre Biologie in uns Menschen ist der Grund, warum Du jetzt dieses Buch lesen kannst. Ohne diese Fähigkeit wären Deine Vorfahren leichte Beute von Tieren gewesen, hätten sich bei plötzlichem Unwetter nicht in Sicherheit gebracht und wären bei so mancher Problemlösung nicht so innovativ gewesen.

Und Du wärst ohne die Fähigkeit, Stress zu entwickeln, auf einer Wanderung vielleicht zu nah an den Abgrund gegangen oder hättest nicht reflexartig auf die Bremse getreten, als die Autos vor Dir ruckartig langsamer wurden. Du hättest sicherlich so manche Bahn verpasst und womöglich nicht die Energie aufgebracht, um für eine Prüfung zu lernen. Und beim ersten Date wärst Du vielleicht eingeschlafen. Stress macht möglich, dass wir mentale und körperliche Höchstleistungen vollbringen. Ein Leben ohne diesen inneren Energietornado wäre also nicht nur lebensgefährlich, sondern vielleicht auch ziemlich langweilig. Die positive Form von Stress nennen wir: Begeisterung, (Vor-)Freude, Leidenschaft, Engagement, Kraft, Flow oder auch zielstrebig und verliebt sein. Stress ist vielleicht sogar der Süßstoff unseres Lebens, doch wenn man nicht achtsam ist, kann es ganz leicht passieren, dass man einen klebrig-breiigen Brocken im Mund hat, der schwer verdaulich ist.

Völlig klar: Stress hat auch viele negative Seiten, vor allem wenn aus dem evolutionären Notfallprogramm ein Dauerzustand wird. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang: Angespanntheit, innere Blockaden, negative Gedanken, Selbstzweifel, Energielosigkeit, verringerte Leistungsfähigkeit, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Kopf- und Magenschmerzen, Bluthochdruck, Entzündungen, höhere Anfälligkeit für Infekte, Burn-out, psychische Erkrankungen wie Süchte, Angststörung oder Depression. Dir fallen sicher noch viele weitere Aspekte ein, denn wahrscheinlich möchtest Du dieses Buch lesen, weil Du spürst, dass Du zu viel Stress hast. Dieser Stress bringt Dich vielleicht an Deine Grenzen und sorgt für gesundheitliche Folgen. Vermutlich ist Dir klar, dass es so nicht weitergehen kann, und Du willst etwas für Dich und Deine Gesundheit tun.

Dafür ist wichtig zu verstehen: Unser Problem ist nicht der Stress an sich. Unsere wahren Probleme sind ein falscher Umgang mit Stress und unser Lifestyle, der oftmals wie ein Stress-Magnet wirkt. Irgendwas läuft grundlegend falsch, wenn sich jeder zweite Tag so anfühlt, als habe man in einer Sturzgeburt ein Kalb entbunden.

Für ein gutes und gesundes Leben ist es notwendig, eine Stress-Kompetenz zu entwickeln. Ziel ist dabei nicht, nie wieder Stress zu haben. Stress gehört zum Leben dazu. Deshalb hilft uns die Frage, wie man Stress vermeiden kann, nur teilweise weiter. Die wichtigere Frage lautet: Wie kann ich gut mit Stress umgehen? Dabei hilft ein tiefergehendes Verständnis davon, was Stress eigentlich ist. Im Grunde genommen ist Stress nämlich nicht unser Feind, sondern unser Freund.

REFLEXION

Bevor Du weiterliest: Nimm Dir einen Moment Zeit und denk darüber nach, wann in Deinem Leben diese Freundschaft mal besonders deutlich wurde. Oder anders formuliert: Wann hat Stress Dir mal den Arsch gerettet? :-) Lass diesen Moment oder diese Phase vor Deinem geistigen Auge lebendig werden und mach Dir bewusst, was genau die Superkraft war und was passiert wäre, wenn Dein Körper und Deine Psyche zu dieser Aktivierung nicht in der Lage gewesen wären. Falls Dir mehrere Phasen einfallen: Kannst Du Gemeinsamkeiten entdecken?

Was Dich in diesem Buch erwartet

Diese Reflexionsfrage war ein kleiner Vorgeschmack auf die nächsten Kapitel. Immer wieder gibt es für Dich zwischendurch solche Fragen und kleine Übungen. Dieses Buch soll nämlich wie ein Coaching nicht nur wissenschaftliche Fakten und alltagsnahe Anregungen liefern, sondern auch zum Reflektieren einladen. Um nachhaltig etwas zu verändern, ist es wichtig, dass Du in Beziehung zu Dir und Deinem Stress trittst. Viel zu leicht nicken wir Infos einfach ab: „Aha. Klingt logisch. Interessant. Wusste ich noch gar nicht. Wertvolle Erinnerung!“

Entscheidend ist allerdings nicht unser Wissen, sondern unser Handeln. In meinen Workshops sage ich gerne zu Beginn: „Dieser Workshop wird nichts, aber auch rein gar nichts verändern, …“, lange Pause, „… wenn ihr nichts verändert.“

Oftmals ist uns nämlich klar, was sich verändern soll, damit wir nicht mehr so gestresst sind. Doch meist sehen wir nur das Ziel und übersehen unseren Weg dahin. Mein Slogan dazu lautet: Ohne Veränderung keine Veränderung! Die entscheidende Frage ist daher: Was bin ich bereit zu verändern – mit allen Konsequenzen, die dazugehören –, damit es zu einer Veränderung (im Außen und/oder Innern) kommen kann?

Ich bin mir sicher, dass Dir im Laufe des Lesens dazu gute und konkrete Ideen kommen werden und Du dadurch Deine Stress-Kompetenz erhöhst.

Was genau bedeutet Stress-Kompetenz?

Stress-Kompetenz kannst Du Dir wie eine Art Jonglier-Diplom vorstellen: Durch sie kannst Du gut mit den unterschiedlichen Anforderungen des Lebens umgehen, bleibst in Deinem Rhythmus und sorgst dafür, dass nicht von allen Seiten neue Bälle auf Dich zufliegen. Und Deinen Armen gönnst Du auch mal eine Pause, um keinen Muskelkater zu bekommen und um neue Energie zu tanken.

Stress-Kompetenz bedeutet also, dass man weiß, was den eigenen Stress auslöst und wodurch Stress verstärkt oder aufrechterhalten wird. Wichtig ist dabei, dass man Stress als ein Zusammenspiel aus äußeren und inneren Faktoren versteht, denn dadurch erkennen wir die Gründe für unseren Stress und vergrößern unseren Handlungsspielraum. Außerdem bedeutet Stress-Kompetenz ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, worauf man wie genau einwirken kann. Hilfreich können verschiedene Strategien (z. B. Selbstmanagement, Abgrenzung, Kommunikation, bestimmte Verhaltensweisen) oder Hilfsmittel sein (z. B. digitale Angebote, Selbsthilfegruppen, Workshops). Manches muss man erst recherchieren oder erlernen und vor allem muss man sich selbst oft erst erlauben, aus der Stress-Spirale auszusteigen. Somit bedeutet Stress-Kompetenz nicht nur Stress-Vermeidung, sondern auch, sich selbst besser kennenzulernen, achtsam zu sein, gute Entscheidungen für sich zu treffen, langfristig zu denken und regelmäßig für Erholung zu sorgen. Um all diese Aspekte werden wir uns auf den nächsten Seiten kümmern und sie in Form von sieben Schritten im Detail durchgehen.

7 EINFACHE UND EFFEKTIVE SCHRITTE FÜR EINEN GESUNDEN UMGANG MIT STRESS

1. Schritt: Versteh die grundsätzliche Logik und den evolutionären Sinn von Stress

Hund, Katze, Maus – und auch Mensch: Bei uns Säugetieren läuft eine Stress-Reaktion auf eine bestimmte Weise ab. Wir werden uns genauer anschauen, wie Körper und Psyche auf Stressoren, also stressende Faktoren, reagieren und wie vielfältig und tiefgreifend die biologische und psychologische Stress-Reaktion sein kann.

2. Schritt: Erkenne, welcher Stress-Typ Du bist, und entwickle Dein eigenes Frühwarnsystem

Wir alle reagieren anders auf Stress. Manche werden reizbarer, andere bekommen Magenprobleme und wieder andere können nicht mehr gut schlafen.

Auf den folgenden Seiten wirst Du Dich besser kennenlernen und kannst darüber reflektieren, was Stress mit Dir macht, wie Du typischerweise mit Stress umgehst und wie Du rechtzeitig bemerkst, wenn Dir etwas zu viel wird und was Du dann wirklich brauchst.

3. Schritt: Erkenne, was Deinen Stress auslöst, aufrechterhält und verstärkt

Was den einen auf die Palme bringt, lässt den anderen kalt. Stress hat neben den natürlichen Abläufen auch eine starke individuelle Komponente. Wir können nur einen guten Umgang mit Stress entwickeln, wenn wir unsere persönlichen Stressoren erkennen. Spoiler-Alarm: Wir selbst können der größte Stressor in unserem Leben sein. ;-)

4. Schritt: Bearbeite Deine Stressoren konstruktiv

Stress kann erst nachhaltig abflachen oder verschwinden, wenn sich etwas am Auslöser oder unserer Bewertung des Auslösers verändert. Wir sollten aber nicht darauf warten, dass von selbst etwas passiert, sondern uns bewusst mit den Stressoren auseinandersetzen. Hierfür stelle ich Dir konkrete Ideen vor.

5. Schritt: Erkenne und nutze Deine Emotionen, um Stress zu bewältigen

Es gibt keinen emotionslosen Stress. Emotionen können Stress auslösen und Stress kann Emotionen auslösen. Oft fühlen wir uns von den Emotionen zusätzlich gestresst. Wir können sie allerdings zur Stress-Bewältigung nutzen.

6. Schritt: Sorge für Erholung

Entspannung und Erholung sind wichtig, um Stress vorzubeugen, ihn zu reduzieren und abzubauen. So individuell Stress ist, so individuell ist auch Erholung. Stress-Kompetenz aufzubauen bedeutet daher, dass man effektive Erholungsstrategien hat und diese regelmäßig nutzt, um erst gar nicht in Stress zu geraten oder um die Batterien wieder aufzuladen.

7. Schritt: Lebe eine radikale Selbstfürsorge

Du bist der wichtigste Mensch in Deinem Leben. Findest Du diesen Satz egoistisch? Dann werden die Ausführungen zur radikalen Selbstfürsorge für Dich ganz besonders interessant sein. :-) Sorge für Dich, Deine Energie, Deine Bedürfnisse und die Dinge, die Dir wichtig sind. An vielen Stellen im Buch schlage ich Dir konkrete Impulse dafür vor.

Bei diesen sieben Schritten handelt es sich übrigens nicht um eine „Stress-Choreographie“, die man jedes Mal durchlaufen muss, wenn man gestresst ist. Es handelt sich vielmehr um sieben Aspekte, die für eine gute Stress-Kompetenz notwendig sind. Einige dieser Schritte braucht man nur einmal zu gehen, sodass sie eine wichtige Basis für Deine indiviuelle Stress-Kompetenz darstellen und somit dazu beitragen, dass Du weniger Stress erlebst und eher die anderen Schritte gehst, wenn es doch mal turbulent wird. Ich denke dabei ganz besonders an den ersten und zweiten Schritt, die Deine Beziehung zum Stress grundlegend verändern können. Aber auch Selbstfürsorge zu einem Lebensprinzip zu machen und achtsam wahrzunehmen, wie es einem geht und was man wirklich möchte und braucht, führt zu besseren Entscheidungen und Verhaltensweisen.

Diese sieben Aspekte hängen alle miteinander zusammen, bauen teilweise aufeinander auf oder befruchten sich gegenseitig. Deshalb habe ich mich entschieden, sie nicht in sieben Kapiteln einzeln zu behandeln. Hier und da werde ich Dich an die Schritte erinnern und Du kannst prüfen, was sich bei Dir schon verändert hat.

Zweimal täglich Ego forte

Sich mit Stress und dem eigenen Umgang mit Stress zu befassen, ist aus zwei Gründen sinnvoll: einerseits vorbeugend und andererseits, um wieder in Balance zu kommen. Das wirksamste Mittel dabei heißt Ego forte und ist nicht in der Apotheke erhältlich. So zumindest beschreibe ich das gerne in meinen Stress- und Resilienz-Workshops. Der lateinische Begriff Ego steht für das Ich, und forte meint im medizinischen Bereich, dass es sich um ein stärker dosiertes Arzneimittel handelt. Ego forte bedeutet also, dass wir selbst der stärkste Hebel sind, um Stress abzubauen oder zu verhindern. Dafür brauchen wir ein achtsames Wahrnehmen, was Körper und Psyche feedbacken, wir müssen unsere Bedürfnisse und unser Energielevel bewusst spüren, für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen und bereit sein, selbstfürsorglich mit uns umzugehen. Also: mindestens zweimal täglich eine Dosis Ego forte, gern auch öfter.

Mit diesem Buch möchte ich Dich dabei unterstützen, Dein eigenes Ego forte-Rezept zu entwickeln. Dafür stelle ich Dir verschiedene Modelle, Theorien, Ansätze und wissenschaftliche Erkenntnisse vor, lade Dich zum Reflektieren ein und gebe Dir eine Übersicht über Methoden und Ideen, wie man einerseits gesund mit Stress umgehen kann und andererseits wirksam Stress abbauen und in die Entspannung kommen kann. Diese Tipps helfen Dir, noch mehr für Dich aus dem Buch rauszuholen:

Nimm Dir Zeit, das Buch in Ruhe durchzulesen. Mal zehn Minuten in der Bahn lesen und mal fünf Minuten abends im Halbschlaf bringen wenig. Sorge dafür, dass Du in einer aufnahmebereiten Stimmung bist und möglichst nicht gestört wirst. Es geht hierbei schließlich um nichts Wichtigeres als DICH! Vielleicht ist das sogar schon die erste Anti-Stress-Übung: Finde mit Deinem aktuellen Stress- und Energielevel einen Ort und ein Zeitfenster, um Dich auf die Inhalte zu fokussieren und mit Dir selbst in Kontakt treten zu können.

Finde Dein eigenes Tempo. Du bekommst keine Medaille, wenn Du das Buch an einem Tag ausliest. Lass die Inhalte auf Dich wirken, prüfe sie im Alltag, reflektiere Dein Denken, Empfinden und Handeln, lies Abschnitte mehrmals, leg Pausen ein.

Mach die Übungen und Reflexionen. Die Theorie leuchtet meistens sofort ein. Der Zauber der Veränderung entsteht, wenn wir die Theorie an uns herankommen lassen, sie auf unser Leben anwenden und echte Aha-Momente entstehen.

Verändere etwas. Und sei es (erst mal) nur eine Kleinigkeit. Denke immer daran: Nur wenn

wir

selbst etwas verändern, kann sich

etwas

verändern.

Sprich mit anderen über das Thema und die Inhalte des Buches oder stell ihnen Reflexionsfragen. Das kann bereichernd sein, schließlich ist Stress eine gemeinsame Erfahrung und ein offener Austausch kann für mehr Verständnis und Inspiration sorgen.

Lies dieses Buch nach einer gewissen Zeit noch mal und mach Dir bewusst, welche Infos, Strategien und Verhaltensweisen in Deinen Alltag eingezogen sind und Deinen Umgang mit Stress verändert haben. Achte außerdem darauf, welche Inhalte Dir dann neu und passend erscheinen. Stress-Management ist schließlich ein lebenslanger Prozess.

Nach diesen einleitenden Zeilen brennst Du sicher darauf, das erste Kapitel zu lesen. Wie wäre es vorher mit einer kleinen Pause? Kaffee oder Tee? Kurz durchlüften? Ein bisschen Bewegung? Dich recken und strecken? Oder einfach nur die Augen für einen Moment schließen und ausruhen? Du entscheidest.

Ich wünsche Dir ein erkenntnisreiches und unterhaltsames Lesen, und vor allem eine gute und achtsame Zeit!

René Träder, Berlin, im Frühjahr 2025

Das Wort Stress ist erst rund 100 Jahre alt. Als Reaktion unseres Körpers auf einen Notfall funktioniert Stress aber immer gleich – bei unseren SteinzeitVorfahren genauso wie bei uns heute.

DIE ERFINDUNG VON STRESS

WIE EIN BEGRIFF ZUM LEBENSGEFÜHL WURDE

Was haben meine Oma und Johann Wolfgang von Goethe beim Thema Stress gemeinsam? Die Antwort lautet: Sie haben nie davon gesprochen, dass sie gestresst waren oder sind. Seltsam, oder? Meine Oma hat schließlich als junge Frau den 2. Weltkrieg in Berlin miterlebt, später den Mauerbau und die Teilung des Landes. Sie hat drei Kinder großgezogen und als sie Rentnerin war, stellte ich den Alltag meiner Großeltern in den Ferien manchmal ganz schön auf den Kopf. Steckt hier nicht eine Menge Stress-Potenzial drin?

Immer wenn ich meine Oma auf ihrem Sofa mit den vielen Kissen und Plüschtieren zu ihren Erfahrungen im Krieg befragte, waren ihre Schilderungen weit weniger konkret als die Bilder aus den Dokus, die ich kannte. Mein Eindruck war, dass sie vieles in eine innere Schublade gepackt hat, so wie es sicher die psychische Überlebensstrategie vieler war. Sie erzählte mir aber von den Sirenen und dass es ihr Opa an einem Tag nicht schaffte, rechtzeitig in den Bunker zu kommen. Als sie wieder oben waren, war das Haus in der Weddinger Badstraße nur noch eine Ruine, die ihn mit allem Hab und Gut begraben hatte. Sie erzählte davon, dass ihr jüngerer Bruder, nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Mann, in den Krieg musste und nie wieder nach Hause kam und irgendwann auch ihr Vater trotz seines Alters eingezogen wurde. Sie begleitete ihn noch zum Bahnhof und er verabschiedete sich von ihr, als ob sie sich zum letzten Mal sehen würden. Auch von ihm kam nur die Todesmeldung zurück. Und dann war ihr Mann, mein Opa, im Krieg. Irgendwo in Österreich, irgendwo in Frankreich, und sie erhielt keine Guten-Morgen-SMS und kein „Ich lebe noch“ am Abend, sondern nur ab zu einen Brief. Das klingt doch nach extrem stressigen, ja traumatischen Belastungen. Und trotzdem keine Rede von Stress?

Und Goethe saß oft vor einem weißen Blatt, das zu Weltliteratur werden sollte, kümmerte sich darum, dass seine Stücke im Theater aufgeführt wurden, arbeitete außerdem als Minister und reiste – ohne google maps, airbnb, WhatsApp und Online-Banking – fast zwei Jahre durch Italien. Als er zurück in sein Weimar kam, interessierten sich alle mehr für den jungen Dichter namens Friedrich Schiller, dem Goethe lange Zeit versuchte, aus dem Weg zu gehen. Aus seinen Tagebüchern und Briefen wird immer wieder herausgelesen, dass er möglicherweise depressive Phasen hatte und es ihm keineswegs immer leichtfiel, sich für das Schreiben zu motivieren. Und auch in seinen literarischen Texten geht es häufig um Gefühle von Traurigkeit und innerer Leere, was zu seiner Zeit auf eine romantische Weise als Melancholie bezeichnet wurde. In seinen 82 Lebensjahren machte Goethe immer wieder negative Erfahrungen und erlitt Rück- und Schicksalsschläge. Man geht davon aus, dass er in dem Briefroman Die Leiden des jungen Werther seine unglückliche Liebe zu der vergebenen Charlotte Buff und den Suizid seines Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem verarbeitet hat. Außerdem trafen Goethe die frühen Tode seiner Kinder, die er mit seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Christiane Vulpius hatte. Sie starb mit 51 Jahren weit vor ihm, genauso wie sein – inzwischen – guter Freund Friedrich Schiller. Und trotzdem keine Rede von Stress?

Also halten wir fest: Natürlich haben meine Oma und Goethe herausfordernde Dinge erlebt, so wie sie für uns alle zum Leben dazugehören. Sie fühlten sich überfordert, hatten Zeitdruck, waren traurig, wütend oder auch aufgeregt, weil etwas Wichtiges bevorstand. Sie hatten Ängste und Sorgen, erlebten Konflikte, verloren jemanden oder etwas und konnten abends nicht einschlafen. Allerdings gehörte das Wort Stress nicht zu ihrem Wortschatz, ganz einfach, weil es im deutschen Sprachraum ein relativ neues Wort ist. Es stammt aus dem englischen Sprachraum und wurde erst im 20. Jahrhundert ins Deutsche übernommen. Es geht auf den lateinischen Begriff stringere zurück, der so viel wie straff anziehen, zusammenziehen, eng schnüren bedeutet. Im Wort Anstrengung ist diese Wurzel noch am deutlichsten erkennbar. Zuerst sprachen Ingenieure von Stress. Allerdings ging es bei ihnen nicht darum, wie gestresst sie bei der Arbeit waren, sondern um Anspannung und Druck in Bezug auf Maschinen und Materialien.

In der Wissenschaft wird der Begriff seit dem 1. Weltkrieg benutzt, im Alltag erst allmählich seit den 1950er Jahren. Ab den 1970er Jahren wurde er zu einem Schlagwort für ein Phänomen, über das die Medien immer häufiger berichteten. Bis meine Oma von Stress gehört hatte, verging sicher noch einige Zeit, denn ohne Fernsehen und Social Media verbreiteten sich Themen deutlich langsamer. Auf sie muss „Stress“ wie ein Jugend- oder sogar Unwort gewirkt haben, mit dem sie nicht viel anfangen konnte, da sie bisher auch alles ausdrücken konnte, was sie bewegte. Heute hört und liest man hingegen ständig von Stress, weshalb ich Dich in den nächsten Minuten dazu einladen möchte, mit mir in eine Zeitmaschine zu steigen und zu schauen, wie Menschen früher ausgedrückt haben, dass sie gestresst sind. Auf unserer Zeitreise können wir auch mal über die spannende Frage nachdenken, ob man überhaupt Stress haben kann, wenn es das Wort gar nicht gibt. Du wirst unterwegs von verschiedenen Deutungen und Erkenntnissen erfahren sowie mit kulturellen Konstruktionen, Lebensumständen und Verhaltensmustern der jeweiligen Zeit in Berührung kommen, die uns dabei helfen, Stress und unseren eigenen Umgang damit besser zu verstehen.

Unseren ersten Zwischenstopp auf der kleinen Reise in die Vergangenheit machen wir vor ungefähr 2500 Jahren in der Antike. Aus dieser Zeit sind uns einige der ältesten Schriften von Philosophen und Herrschern überliefert. Daraus lässt sich ablesen, wie das Leben der Menschen damals war, worüber sie nachdachten und eben auch, welche Wörter sie nutzten. Eine konkrete Entsprechung für Stress gibt es in in dieser Zeit nicht. Stattdessen werden verschiedene Konzepte und Begriffe verwendet, um Überforderung oder Anspannung auszudrücken. Drei wichtige Begriffe im Griechischen sind ponos, tarachē und pathos. Ponos hat zwei Bedeutungen: Einerseits kann dieses Wort Arbeit bedeuten, andererseits Anstrengung und Schmerz. Wenn Menschen vor Herausforderungen standen, drückten sie damit aus, dass viel zu tun ist bzw. dass etwas mühsam ist. Tarachē wird mit Unruhe oder Aufruhr übersetzt und konnte auch innere Zustände beschreiben. Hiermit wurden also emotionaler Stress und Aufregung ausgedrückt. Und pathos bedeutete ursprünglich Leiden oder Gefühlszustand und wurde von den Philosophen genutzt, um zu beschreiben, wie unsere Emotionen unser Denken und dann auch Handeln beeinflussen.

Drei zentrale lateinische Begriffe in der Philosophie der Antike sind: labor, angor und anxietas. Auch hier begegnet uns wieder Arbeit (= labor) im doppelten Sinne: einerseits eine Tätigkeit, um den Lebensunterhalt zu sichern, andererseits die Bedeutung Mühe, Leiden, Anstrengung. Der Begriff angor lässt sich am besten übersetzen mit Angst oder seelischer Not. Hier geht es also um eine innere Anspannung oder um emotionalen Druck. Und wenn von anxietas gesprochen wurde, ging es um Sorgen und die damit verbundene Unruhe.

Eine bedeutende Stellung nimmt in der Antike die philosophische Strömung des Stoizismus ein. Sie entstand im 3. Jahrhundert vor Christus in Athen und befasste sich damit, wie wir Menschen ein gutes Leben führen können, ganz besonders, wenn wir mit Negativem konfrontiert sind. Ein wichtiges Prinzip der Stoiker ist die Unterscheidung zwischen Aspekten, die wir kontrollieren, und solchen, die wir nicht kontrollieren können. So empfahlen sie, dass wir uns nicht auf andere Menschen, äußere Umstände und das Schicksal fokussieren sollten, sondern stattdessen auf unsere Gedanken, Einstellungen und Handlungen. Sie gingen davon aus, dass wir eine Haltung der Gelassenheit, die auch in schwierigen Zeiten trägt, nur entwickeln können, wenn wir lernen, das Schicksal und die Welt, wie sie ist, anzunehmen, und alles, was passiert, als Teil einer natürlichen Ordnung zu sehen. Ein berühmter Ausspruch aus dieser Zeit lautet amor fati (= liebe das Schicksal). Aus dieser philosophischen Strömung leitet sich auch der Begriff stoisch ab. Wenn wir heute sagen, dass jemand stoisch ist, meinen wir, dass sie oder er äußere Umstände und Schwierigkeiten mit Ruhe, Gelassenheit und Selbstbeherrschung erträgt oder gefasst bleibt.

Du siehst: Ängste, Sorgen, Herausforderungen und die Beschäftigung mit der Frage, wie man mit schwierigen Situationen und Phasen umgehen kann, ist nichts Neues. Das sehen wir auch, wenn wir auf unserer Zeitreise einen weiteren Zwischenstopp im Mittelalter einlegen. Unser dortiger Aufenthalt ist besonders spannend, weil wir es nun auch mit deutschen Begriffen zu tun haben.

Im Mittelalter gab es viele Bedrohungen durch Kriege und Krankheiten, es gab große soziale Unterschiede, die einen Einfluss auf Armut und Reichtum hatten. Und zu dieser Zeit formte die Kirche maßgeblich den Blick der Menschen auf das Leben und den Umgang mit Herausforderungen. In der Bibel wird beispielsweise dazu geraten, sich über die Sorgen des Lebens nicht so viele Gedanken zu machen, da Gott für die Bedürfnisse der Menschen sorgt (Matthäus 6,25–35). So soll man sich bewusst machen, dass die Vögel nichts säen und auch keine Vorräte anlegen, doch jeden Tag aufs Neue von Gott mit Nahrung versorgt werden. Das Beispiel endet mit den Worten: „Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?” In Psalm 34,19 und Galater 6,2 wird darauf verwiesen, dass man in der Not nicht allein ist, weil einerseits Gott dann besonders nah ist und es andererseits eine Gemeinschaft gibt, in der sich die Menschen gegenseitig helfen und gemeinsam die Lasten tragen.

Schon diese wenigen Beispiele geben uns Hinweise darauf, was Stress-Bewältigung bedeutet hat, lange bevor es Meditationskurse, Psychotherapien und Ratgeberbücher gab. Zu allen Zeiten hatten Menschen bestimmte Strategien, mit Belastungen umzugehen. Einige dieser Strategien haben eher biologische, andere eher kulturelle Wurzeln. Und viele von ihnen können wir auch auf unser Leben im 21. Jahrhundert übertragen.

Wenn wir uns die Begriffe für Belastungen anschauen, finden wir auch im Mittelalter wieder das Wort Arbeit, das zur damaligen Zeit noch die Zusatzbedeutung Anstrengung oder Leid hatte. Heute ist das in dem Begriff nur noch ansatzweise erkennbar, beispielsweise wenn wir davon sprechen, dass uns etwas oder jemand „Arbeit gemacht“ hat. Wenn Du Dir bei einem Spaziergang über Friedhöfe ältere Grabstätten anschaust, kannst du manchmal die Inschrift „Hier ruht er von seiner Arbeit“ lesen. Damit ist nicht gemeint, dass diese Person einen stressigen Job hatte und vielleicht am Schreibtisch einen Herzinfarkt erlitt, sondern dass sie mit so manchen Herausforderungen oder vielleicht sogar Schicksalsschlägen umgehen musste.

Im Mittelalter kommen Wörter hinzu, die eine religiöse Deutung haben, um Belastungen zu benennen: Prüfung und Strafe. So entsteht in dieser Zeit die Vorstellung, dass unser Leben einem göttlichen Plan folgt und der Mensch lernen muss, etwas zu ertragen, bzw. dass er hier auf Erden etwas überwinden muss und dass das wahre Glück erst im Paradies zu finden ist.

Aus dem Mittelalter sind sehr viele unterschiedliche Begriffe überliefert, die Stressendes beschreiben. Einige nutzen wir auch heute noch, andere kommen uns inzwischen altbacken oder kaum noch verständlich vor. Oder stell Dir mal vor, Du erzählst jemandem, dass Du gerade mit Ungemach, Pein oder Drangsal zu tun hast. Mit Ungemach beschrieb man ab dem 9. Jahrhundert das Gegenteil von „Ruhe“ und „Annehmlichkeiten“. Vom Wort Pein nutzen wir heute nur noch das Adjektiv peinlich und meinen damit einen Zustand, der für uns unangenehm ist. Manchmal liest man noch vom „Peiniger“, also dem Verursacher von Leid, und im englischen Wort für Schmerz (= pain) können wir diese Wurzel auch noch entdecken. Ursprünglich meinte man mit Pein eine Strafe oder Qual. Und auch vom Substantiv Drangsal ist in unserer Alltagssprache nur noch das Wort drangsalieren übrig geblieben, wenn man ausrücken will, dass jemand einen genervt oder gequält hat. Zuerst beschrieb es eine Bedrängnis oder ein Gedränge in Schlachten und meinte einen Druck von außen, später wurde daraus die Kurzform Drang, mit der man eher eine impulsartige Kraft bzw. einen inneren Trieb beschrieb, der einen zu etwas verleitet.

Das Wort Bedrängnis nutzen wir heute immer noch. Es beschreibt seit dem 15. Jahrhundert eine bedrohliche Notsituation, in der man sich unter Druck gesetzt fühlt und wenig Spielraum zum Handeln sieht. Überlebt hat auch das Wort Gereiztheit: Es leitet sich vom mittelhochdeutschen Verb rîzen ab, das reizen, kratzen oder stechen bedeutet. Ab dem 18. Jahrhundert wurde die Bedeutung auch auf einen psychischen Zustand übertragen, in dem jemand überempfindlich reagiert. Eines der ältesten Wörter im deutschen Sprachschatz ist das Wort Angst, das bereits im Althochdeutschen (8.–11. Jahrhundert) existiert und sich aus einem germanischen Sprachstamm entwickelt hat. Das Wort angust bedeutete ursprünglich Enge, beengen oder zusammenschnüren. An dieser Stelle ließen sich noch viele weitere Begriffe anfügen. Bemerkenswert ist, dass emotionale Zustände schon sehr früh sprachlich ausgedrückt wurden, viele Begriffe sich aber zunächst auf körperliche Aspekte bezogen, bevor ihre Bedeutung auch auf psychische Prozesse ausgedehnt wurde. Auf der nächsten Etappe unserer Zeitreise – in der Moderne – begegnen uns immer mehr Begriffe, die die Erfahrung von psychischem Stress umschreiben. In dieser Zeit entstehen auch viele Konzepte, die versuchen zu erklären, was für uns Menschen Belastungen sind und wie sie uns krank machen können. Was als Stress wahrgenommen wird, hängt eben auch stark von den Lebensumständen und der Denkweise der jeweiligen Zeit ab.

Mit der Industrialisierung ab dem 18. Jahrhundert ändert sich der Alltag für viele Menschen grundlegend, ganz besonders das Arbeitsleben. Aus kleinen Handwerksbetrieben im Hinterhof oder im eigenen Haus entstehen dank der Dampfmaschine und später durch die Elektrizität große Fabriken. Arbeiten und Wohnen finden zunehmend an unterschiedlichen Orten statt und ab dem 19. Jahrhundert entwickeln sich immer mehr Großstädte mit einer komplexen Infrastruktur und mehreren Millionen Einwohnern. Es entstehen Arbeitsteilung und vor allem durch das Fließband sehr monotone Tätigkeiten. Neben einer neuen Geschwindigkeit wird auch Lärm zu einem ständigen Begleiter. In dieser Zeit wird der Begriff Nervenzusammenbruch für einen Zustand extremer psychischer Erschöpfung populär. In der Umgangssprache konnte damit vieles gemeint sein: Depression, Angst, Panikattacken, Überarbeitung oder Überforderung durch einen Schicksalsschlag. Das 19. Jahrhundert bekommt dann sogar den Spitznamen Jahrhundert der Nervosität. Die Beschreibung nervös sein, ist sicherlich eine recht gute Entsprechung zu unserem heutigen Gestresst- und dem älteren Angespanntsein.

Der Heidelberger Neurologe und Pathologe Prof. Wilhelm Heinrich Erb (1840– 1921) veröffentlichte 1893 einen viel beachteten Artikel mit dem Titel Über die wachsende Nervosität unserer Zeit. Ein zentraler Satz von ihm lautet: „Die Nervosität ist die Krankheit der modernen Kulturvölker.” So schreibt er: „Die immer größere Schnelligkeit und Mannigfaltigkeit des Lebens, der Arbeit und des Verkehrs wirken reizsteigernd und zerrütten die Kräfte des Nervensystems.“

Für ihn sind die Veränderungen, die mit dem Fortschritt verbunden sind, wie beispielsweise der Telegraf, die Eisenbahn und die Elektrizität, die Ursache dafür, dass sich die Menschen in einem ständigen Zustand der Spannung und Erregung befinden. So schreibt er, dass das moderne Leben Anforderungen an das Nervensystem stellt, die früher nicht denkbar waren. Das führe zu einer Überbeanspruchung der geistigen und psychischen Kräfte. Er beobachtet bei den Menschen eine ständige Hast und Eile sowie ein Streben nach immer neuen Zielen und Erfolgen. Dadurch komme es zu einer Überreizung und Erschöpfung.

Kaum zu glauben, dass diese Gedanken schon über 130 Jahre alt sind. Ich kann mich in ihnen auf jeden Fall mit meinem eigenen Stress-Erleben wiederfinden. Was würde Erb wohl über unsere ständige Erreichbarkeit durchs Handy, über die Digitalisierung, Social-Media-Plattformen, künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos, Homeoffice und die unzähligen Streamingdienste und Podcasts denken? Kein Wunder, dass permanent von Stress gesprochen wird und es vielen Menschen körperlich und psychisch nicht gut geht.

Den Begriff der Psychosomatik, der die Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper beschreibt, gab es damals noch nicht. Dass es einen Zusammenhang zwischen den Belastungen, denen ein Mensch ausgesetzt ist, und seinem Gesundheitszustand gibt, war jedoch schon länger klar. Einen großen Einfluss auf das Verständnis von sogenannten Nervenkrankheiten hatte der schottische Arzt, Chemiker und Lehrer an der Universität von Edinburgh William Cullen (1710–1790). Er gilt als Pionier der modernen Medizin.

Rund 100 Jahre später wird der Psychologe und Mediziner Sigmund Freud (1856–1939) in der von ihm entwickelten Psychoanalyse diesen Zusammenhang in den Mittelpunkt rücken und sich in besonderer Weise auch um die unbewussten Belastungsfaktoren seiner Patientinnen und Patienten kümmern. In einer seiner späteren Veröffentlichungen Das Unbehagen in der Kultur thematisiert er die psychischen Belastungen, die aus den Erwartungen und Anforderungen der modernen Gesellschaft resultieren. So habe er in seiner Praxis beobachtet, dass der Druck, den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen, für viele belastend sei und zu inneren Konflikten führe. Diese Sorgen und ungünstigen Denkmuster würden sich dann psychosomatisch zeigen, also z B. in Form von Verspannungen, Kopfschmerzen oder Angstzuständen.

Zu ähnlichen Befunden kam der New Yorker Neurologe – oder wie man damals sagte: Nervenarzt – George Miller Beard (1839–1883), der bei seinen Patienten eine Zunahme bestimmter Symptome beobachtete. Dazu gehörten Reizbarkeit, lustlose Verstimmtheit, Schlaflosigkeit, die Unfähigkeit zu entspannen sowie körperliche Probleme, die sich keiner konkreten Krankheit zuordnen ließen, wie Herzklopfen, Herzschmerzen, weiche Knie, allgemeine Schwäche, Schwindel, Verstopfung, Durchfall und Kopfschmerzen. Für dieses Phänomen prägte er 1869 den Begriff Neurasthenie, der aus den beiden griechischen Wörtern für Nerven und Schwäche zusammengesetzt ist. Er nutzte auch die Begriffe amerikanisches Nervössein (American Nervousness) und nervöse Erschöpfung (nervous exhaustion), da er von einer Überlastung des Nervensystems, verursacht durch die sozialen und technologischen Veränderungen, ausging. Auch viele andere Mediziner und Wissenschaftler befassten sich mit diesem neuen Krankheitsbild und gingen ebenfalls davon aus, dass die Ursachen in den veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen liegen, ganz besonders in den amerikanischen Großstädten. Interessanterweise stellte sich heraus, dass die sogenannte Neurasthenie vor allem das Bürgertum, also Menschen aus gehobeneren Gesellschaftsschichten, betraf. Auch wenn der Begriff inzwischen weder im medizinischen noch im gesellschaftlichen Alltag eine Rolle spielt, so stellt das Konzept dahinter doch eine sehr gute Entsprechung zu dem dar, was wir mit Stress verbinden. Mich würde es deshalb gar nicht wundern, falls es Paralleluniversen gibt, dass dort jemand beim Abendessen darüber spricht, dass er heute einen echt „neurasthischen“ Tag hatte und dass ein bestimmter Kollege ihn ganz besonders „neurasthisiert“ hat. Aber ernsthaft: Das kleine Gedankenexperiment liefert uns eine weitere Erklärung, warum das Wort Stress so populär geworden ist: Es ist kurz und knackig und es deckt viele ganz unterschiedliche Aspekte ab.

Beards Behandlungsansatz war damals übrigens u. a. die Elektrotherapie, um – vereinfacht gesagt – die Nerven zu stimulieren und dadurch wieder zu stärken. Er ordnete außerdem Kuren an, damit die Menschen zur Ruhe kamen, oder empfahl, den Lebensstil zu ändern: eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, Vermeidung von geistiger Anstrengung sowie Aufenthalte auf dem Land statt im hektischen Stadtleben. Diese simplen Tipps gelten für uns heutzutage immer noch. Hätte es damals schon Handys und Computer gegeben, hätte er sicher auch empfohlen, nicht zu viel Zeit im Internet zu verbringen. ;-) Menschen, die in großen Städten wohnen, haben wissenschaftlichen Studien zufolge übrigens auch heute ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, egal, ob es sich dabei um Depression, Schizophrenie, Angststörungen, Essstörungen oder Abhängigkeiten handelt. Wer in einer Großstadt lebt, ist schließlich mehr Stress-Faktoren ausgesetzt. Das beobachtete auch schon der deutsche Soziologe und Philosoph Georg Simmel (1858–1918). Er beschrieb die gesundheitlichen Gefahren des städtischen Lebens im Jahr 1903 in seinem Buch Die Großstädte und das Geistesleben wie folgt: „Das städtische Leben schafft einen permanenten Wechsel von Außen- und Innenreizen, einen Strom von Sinneseindrücken, der schneller fließt als je zuvor.” Sieben Jahre später ergänzt er diesen Gedanken in Die Metropole und die geistige Ordnung: „Die Großstadt formt eine Art von Bewusstseinsform, die eine ständige Anpassung an den Überfluss von äußeren Reizen verlangt und so zu einer Abgestumpftheit und Distanzierung führt.” Dass das Großstadtleben und die Veränderungen durch die Industrialisierung einerseits anziehend sind, aber auch so manche Nebenwirkung im Gepäck haben, wird auch in Kunst und Kultur ab dem 19. Jahrhundert wiederholt aufgegriffen. So begegnet uns immer öfter der Begriff Weltschmerz, den der deutsche Schriftsteller Jean Paul (1763–1825) kreiert hat. Gemeint ist damit ein lähmendes Gefühl von tiefer Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt, gepaart mit Resignation, Pessimismus und Realitätsflucht. Ist es nicht genau dieser Weltschmerz, der auch in uns entstehen kann, wenn wir heute Nachrichten konsumieren und mitbekommen, was passiert und wie in Politik, Medien und Gesellschaft darüber gesprochen wird?

Der französische Dichter Charles Baudelaires (1821–1867) bescheinigt dem Großstadtmenschen der modernen Welt in seinem berühmten Gedichtband Les Fleurs du Mal (= Die Blumen des Bösen) eine ennui, eine tief empfundene Trägheit und Langeweile bzw. Sinnlosigkeit bis hin zu einem Lebensüberdruss oder einer existenziellen Leere. Im Kern wird damit eine geistige und emotionale Erschöpfung beschrieben. Was für Baudelaire eine Krankheit ist, die in der Entfremdung des modernen Menschen von seinen wahren Bedürfnissen begründet ist, begegnet uns rund 100 Jahre später in der ganz ähnlichen Definition des Burn-outs. Aber bis dahin dauert es noch einen Moment, bleiben wir vorerst im 19. Jahrhundert.

Kleiner Funfact: Im Wort Humoralpathologie steckt das lateinische Wort Humor, was man mit Flüssigkeit, Feuchtigkeit oder Saft übersetzen kann. Später im Mittelalter und in der Renaissance ging man davon aus, dass die Körpersäfte nicht nur für den aktuellen Gefühls- und Gesundheitszustand verantwortlich sind, sondern auch für die Persönlichkeit eines Menschen. Wenn jemand einen guten Humor hatte, meinte man, dass die Person ausgeglichen ist, weil die vier Körperflüssigkeiten so ausgeprägt sind, dass er oder sie die Veranlagung zum Lustigsein bzw. zu einem heiteren, ausgeglichenen Gemütszustand hat.

20. Jahrhundert: die Geburtsstunde des Stresses

Bleiben wir noch für einen Moment bei der Idee des Ungleichgewichts und legen auf unserer Zeitreise einen weiteren Zwischenstopp ein. Jetzt endlich kommt auch das Wort Stress ins Spiel. Im 20. Jahrhundert greift der amerikanische Physiologe Prof. Walter Bradford Cannon (1871–1945) die Idee der Homöostase in seinem reizbezogenen Belastungsmodell auf und benutzt 1914 den Begriff Stress als Erster in diesem Kontext für Lebewesen. Stress ist für ihn die körperliche Reaktion auf eine Notfallsituation. Der Organismus versucht, durch verschiedene physiologische und psychologische Maßnahmen wieder in einen ausgeglichenen Zustand zurückzukehren. Stress kann man hier also als eine Selbstregulation ansehen. So wie auch bei Tieren zu beobachten, neigt der Mensch ebenfalls zu einer Kampf- oder Fluchtreaktion, wenn er sich bedroht fühlt. Diese Theorie der fight-or-flight-response entwickelte Cannon unter anderem aufgrund seiner Tätigkeit für die Harvard Medical School während des 1. Weltkriegs. Als die USA in den Krieg eintraten, ging er zunächst an die französische Westfront und war bis 1919 in verschiedenen Orten Frankreichs im Einsatz, um die Versorgung von verletzten Soldaten zu verbessern und die Auswirkungen von Schocks (= Mangel an Blut und Sauerstoff durch eine Verletzung) zu erforschen. So beobachtete er, dass einige Soldaten nicht (allein) an ihren Verwundungen starben, sondern ursächlich durch den Schockzustand und die traumatischen Erlebnisse, dass also emotionaler Stress die körperlichen Symptome verschärfen kann. Auch hier steckt die Idee der Psychosomatik drin. Ein bekanntes Zitat von Cannon lautet: „Angst im Kopf, Angst im Körper.“

Zu dieser Zeit war der Begriff Kriegszitterer in Medizin und Gesellschaft populär. Auch als Schüttelneurotiker