Sylter Biike - Arne-Christian Bornemann - E-Book
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Sylter Biike E-Book

Arne-Christian Bornemann

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Beschreibung

Eindringliche Krimispannung vor malerischer Kulisse. Die ehemalige Hauptkommissarin Inge Petersen kehrt nach zwanzig Jahren nach Sylt zurück, um ihrem Bruder in seinem Hotel zu helfen. Doch gleich in der ersten Nacht kommt dort eine junge Frau zu Tode. Die Sylter Kollegen gehen von einem Unfall aus, aber Inge ist davon überzeugt, dass es Mord war. Auf der Suche nach Hinweisen taucht sie immer tiefer in die Geschichte der Insel ein – und wird dabei erbarmungslos mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert.

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Arne-Christian Bornemann, studierter Diplom-Kaufmann, eigentlich kein Mann der vielen Worte, überraschte sich und sein Umfeld mit seinem Debütkrimi. Entstanden ist er, als er ein Jahr lang in Hörnum lebte. Seine Liebe zu Sylt wurde ihm förmlich in die Wiege gelegt, schon seit seiner frühen Kindheit ist er mehrmals im Jahr auf der Nordseeinsel unterwegs und beobachtet scharfsinnig. Er kennt die Insel, ihre Bewohner, Besucher und Eigenheiten gut.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2021 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: Montage aus mauritius images/photo-active, shutterstock.com/IgorZh

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Jana Budde

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-699-9

Insel Krimi

Originalausgabe

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Prolog

Tief stand die Aprilsonne am Himmel und ließ ihr Licht auf den Wellen tanzen. Trotz der Kälte schritt Anke barfuß über den Sand, ihre Jeans bis zu den Waden nach oben gekrempelt. Der Wind roch nach Salz. Der Strand war leer, die meisten Touristen waren bereits in ihre Hotels und Unterkünfte entlang der Sylter Küste zurückgekehrt, um sich auf das Abendessen vorzubereiten.

Noch war die Luft frisch und das Meerwasser, das sie an ihren Zehen kitzelte, eiskalt. Dennoch kündigte sich unverkennbar der Frühling an.

Anke liebte Sylt zu dieser Jahreszeit, wenn sie es fast ganz für sich allein hatte. Zwar hatte sie sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, von ihren Eltern ausgerechnet hierhin – wie sie es damals gesehen hatte – abgeschoben zu werden, doch inzwischen schlug ihr Herz ganz und gar für die Nordseeinsel.

Es waren nicht die Hotels, nicht die Touristenorte, die sie anzogen, sondern die sanften Erhebungen der Dünen, das Kreischen der Möwen, der Wechsel von Ebbe und Flut, die sie einnahmen. Sie verstand inzwischen, warum dieses Fleckchen Erde so vielen Künstlern als Inspirationsquelle diente.

Anke streifte ihre Tasche von den Schultern und legte sich, das Gesicht Richtung Himmel gereckt, in den Sand. Genüsslich schloss sie die Augen und lauschte in sich hinein. Wie von selbst passte sich ihr Atem dem Rauschen der Wellen an. Für einen Moment war sie ganz und gar bei sich, angekommen im Augenblick. Sie fühlte sich herrlich lebendig, frei, voller Hoffnung. Ihr Herz hatte sein Zuhause gefunden. So, wie es jetzt war, konnte es bleiben.

»Na du, träumst du von mir?« Ein Schatten fiel auf sie und verdunkelte die Sonne.

Anke blinzelte. »Da bist du ja«, sagte sie. »Ich habe schon auf dich gewartet.«

Es rollt die Flut

Draußen vor dem Fenster flog die immer flacher werdende nordfriesische Landschaft vorbei, aus der sich nur vereinzelt Häuser und Höfe erhoben. Eis und Schnee bedeckten den Boden, Bäume und Sträucher ruhten im Winterschlaf. In den Eiskristallen funkelte das Februarlicht.

In wenigen Minuten würden sie den Hindenburgdamm erreichen, der Sylt mit dem Festland verband. Inge Petersen ließ müde ihren Kopf gegen das Sitzpolster sinken. Der Weg von Düsseldorf nach Sylt war weit, und heute erschien er ihr noch weiter, weil er so endgültig war. Sie kam nicht als Besucherin, sondern als Rückkehrerin. Zwanzig Jahre nach ihrem Weggang von der Insel, auf der sie aufgewachsen war, zog es sie zurück. Offiziell, um ihrem Bruder, dem Inhaber des Hotels »Blanke Hans«, zur Hand zu gehen, inoffiziell, weil es in Düsseldorf nichts mehr gab, was ihr etwas bedeutete. Mit nunmehr achtundfünfzig Jahren war es an der Zeit heimzukehren.

»Moin moin, Personalwechsel.« Inge wurde aus ihren Gedanken gerissen. »Dürfte ich bitte die Fahrscheine sehen?«

Vor ihr stand eine junge Zugbegleiterin und lächelte. Inge begann in ihrer Tasche nach ihrem Ticket zu suchen.

»Urlaub auf Sylt?«, fragte die Schaffnerin, während sie das Papier mit ihrer Zange bearbeitete.

»Nein, ich, ähm, wohne da.«

Die Frau hob die Augenbrauen. »Das ist ja komisch, ich bin auch aus Westerland, aber ich kenne Sie gar nicht.«

»Ich war lange weg«, sagte Inge. Wie sollte man einem anderen Menschen begreiflich machen, dass man ausgerechnet jenen Ort freiwillig verlassen hatte, an dem so viele andere Urlaub machten?

Die Schaffnerin lächelte zum Abschied erneut und ging weiter.

»Keine Bange«, hörte Inge eine raue Stimme hinter sich sagen. »Hier gehört man schneller wieder zum Inventar, als einem lieb ist.«

Inge stutzte. Die Stimme kam ihr bekannt vor. Sie drehte sich um. Hinter ihr saß eine zierliche Frau mit wilden blonden Locken. Sie trug einen viel zu großen Pulli über zerrissenen Jeans, darunter schwarze Boots.

»Meret? Bist du das?«, fragte Inge. »Meret Knudsen? Die kleine Meret?«

Die Frau schnitt eine Grimasse. »Ja, genau. Die ›kleine‹ Meret.« Dann legte sie ein ansteckendes Lächeln auf und krauste die Nase. »Sie sind Inge Petersen, oder? Die Schwester von Jannis?«

»Ja, richtig. Ich hätte nicht gedacht, dass du dich nach all den Jahren noch an mich erinnerst. Immerhin warst du noch ein Kind.«

»Ich war ein Teenager«, korrigierte Meret sie.

Rasch überschlug Inge, wie alt Meret jetzt wohl sein mochte. Vielleicht Mitte dreißig? Tatsächlich entdeckte sie bei näherem Hinsehen die ersten Lachfalten rund um die grünen Katzenaugen.

»Ich arbeite ab jetzt auch für Jannis im ›Blanke Hans‹. Er hat mir gesagt, dass Sie heute kommen, und ich kenne Sie von Fotos.«

Gerade fuhr der Zug ratternd über den Hindenburgdamm. Bald würden sie ihr Ziel erreichen.

»Du arbeitest für meinen Bruder? Davon hat er mir gar nichts erzählt.«

Meret neigte den Kopf. »Ich wette, es gibt eine Menge Dinge, die er Ihnen nicht erzählt.«

Bevor Inge nachhaken konnte, was sie damit meinte, war Meret aufgestanden, hatte sich ihren Seesack geschnappt und war in Richtung Ausgang verschwunden. Ihre Fragen würden bis später warten müssen.

Inge starrte ihr mit offenem Mund nach. Was für ein seltsames Verhalten … Dann rief sie sich zur Ordnung. Du bist keine Polizistin mehr, schalt sie sich selbst, während sie ihr eigenes Gepäck aus dem Fach über den Sitzen wuchtete. Also hör auf, dich wie eine zu benehmen! Du weißt doch, dass die Leute das nicht mögen.

Ihr Koffer war schwer. Dennoch stimmte es sie traurig, dass ihr ganzes Leben dort hineinpasste. Sicher, einiges hatte sie bereits mit der Post zu Jannis geschickt, doch am Ende war nicht viel übrig geblieben, was sie aus ihrer Wohnung in Düsseldorf hatte behalten wollen.

Jetzt nur nicht wehmütig werden, Inge, befahl sie sich und zerrte den Koffer hinter sich her zum Ausgang.

Am Bahnsteig begegnete sie Meret wieder. Sie sog an einer Zigarette und starrte die Straße hinunter.

»Eigentlich sollte Jannis uns abholen …«

Inge nickte. »Ja, das hat er mir versprochen. Er wird sicher bald kommen.«

»Klar, auf Jannis ist Verlass.«

Täuschte sich Inge, oder schwang in Merets Stimme etwas Spöttisches mit? Warum hatte Jannis ihr nichts davon erzählt, dass er Meret eingestellt hatte?

»Ist nicht einfach, hm?«

»Was?«, fragte Inge verwundert.

»Zurückzukommen, wenn man weg war. Ich war selbst weg, an die sechzehn Jahre, außer ein paar kurzen Besuchen. Für viele andere ist Sylt das Paradies, aber es kann auch ganz schnell zu einem Gefängnis werden.« Meret blies die Luft durch die gespitzten Lippen. »Aber was soll’s? Heimat ist Heimat, und am Ende gehört man dahin, wo man seine Wurzeln hat.« Wieder dieses ansteckende Lächeln.

»Ja, das stimmt vermutlich.«

»Aber auch hier ändern sich Dinge. Die Zeit vergeht zwar viel langsamer, doch sie bleibt nicht stehen. Man muss nur Geduld haben. Viel Geduld.«

Da bog Jannis mit seinem Volvo um die Ecke und hielt direkt vor ihnen an. »Moin! Da seid ihr ja!«, rief er, nachdem er aus dem Auto gesprungen war. Er drückte Inge herzlich an sich und schloss auch Meret überschwänglich in die Arme.

Gemeinsam luden sie die Koffer ein und fuhren an den grünen »Reisenden Riesen im Wind«, einer Kunstinstallation auf dem Bahnhofsvorplatz, vorbei in Richtung Hörnum, ganz im Süden von Sylt.

Das »Blanke Hans« befand sich in einem ehemaligen Friesenhof und besaß eines der traditionellen reetgedeckten Dächer. Benannt war es nach den großen Sturmfluten, die die Inseln der Nordsee in den vergangenen Jahren immer wieder heimgesucht hatten. Über der Gaststätte und im neu gebauten Anbau gab es rund fünfundzwanzig Gästezimmer, die fast das ganze Jahr über gut besucht waren. In einem alten Fünfziger-Jahre-Bau waren die Personalwohnungen eingerichtet worden. Merets und Inges Zimmer lagen in diesem Trakt einander genau gegenüber, ein kleiner Hof trennte sie.

»Sieht aus, als wären wir jetzt Nachbarn!«, rief Meret, als sie in ihrem Gang verschwand.

Inges Unterkunft war karg, die Möbel waren außerdem alt und eher lieblos angeordnet, offenbar aus dem zusammengewürfelt, was in den Gästezimmern ausrangiert worden war, doch die Matratze ihres Betts war angenehm hart. Immerhin konnte sie den Leuchtturm von Hörnum sehen.

Sie trat ans Fenster und öffnete es weit. Der Westwind trug den salzigen Geruch des Meeres zu ihr herein, irgendwo in der Ferne kreischten Möwen. Sie schloss die Augen, während sie tief ein- und ausatmete.

In der Wirtsstube war nicht viel los, was auch an der fortgeschrittenen Stunde liegen mochte. Nur wenige Gäste saßen an den Tischen. Jannis stand hinter der Theke und zapfte Bier. Als er seine Schwester hereinkommen sah, begrüßte er sie wortlos und stellte ihr ein Glas hin.

Erst jetzt fiel Inge auf, wie durstig sie war. Sie nahm einen tiefen Schluck. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass Meret Knudsen für dich arbeitet?«

»Keine Ahnung, habe ich das nicht erwähnt?«

»Nein, hast du nicht.«

»Ist das für dich ein Problem?«

»Natürlich nicht.«

Inge nahm die Anwesenden in Augenschein. Manche Gesichter kamen ihr bekannt vor, und sie nickte ihnen zu. Ob sich schon herumgesprochen hatte, dass sie wieder da war? Interessierte sich überhaupt jemand dafür?

»Du bist schon immer neidisch auf mich gewesen«, hörte sie hinter sich.

Inge schob ihre Gedanken beiseite, wandte den Kopf und entdeckte Meret Knudsen, die mit einer zierlichen Frau mit langem braunen Haar und unauffälliger Kleidung an einem kleinen Tischchen saß.

»Genau wie früher, als du das mit Ole und mir verhindert hast.« Die Stimme der Brünetten nahm einen hysterischen Klang an, von den Nachbartischen aus trafen sie neugierige Blicke. »Ole und ich, daraus hätte etwas werden können, trotz des Altersunterschieds. Ich hatte ein Recht darauf, meine eigenen Erfahrungen zu machen. Du wolltest nicht, dass wir glücklich werden. Es ging immer nur um dich!«

Meret sprang auf und funkelte die Frau an. »Nele, ich warne dich, noch ein Wort und du kannst etwas erleben!«

»So? Was denn? Was willst du tun? Mir drohen?«, höhnte Nele, streckte sich und zischte so leise, dass es Inge auf ihrem Barhocker gerade noch hören konnte: »Niemand will dich hier, Meret. Es war gut, solange du weg warst. Also verschwinde einfach wieder.«

Meret wurde blass vor Zorn. Bevor sie etwas erwidern konnte, stürmte Nele aus der Gaststube. Mit versteinertem Blick sah Meret ihr nach, bevor sie sich ruckartig abwandte und an die Theke kam.

»Wer war das denn?«, fragte Inge.

»Nele Mungard. Wir waren einmal beste Freundinnen. Vor langer Zeit.«

»Na, das muss aber wirklich schon eine ganze Weile her sein«, bemerkte Inge trocken.

Merets Züge verhärteten sich, sie sagte aber nichts. Jannis stellte ihr einen Kurzen hin, den sie mit einem Schluck hinunterstürzte.

»Ich gehe jetzt ins Bett«, verkündete sie.

Jannis sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Ist vermutlich besser so. Weißt du, manche Leute mögen es einfach nicht, wenn andere ihre Nase in fremde Angelegenheiten stecken.«

»Pah! Als ob es hier so etwas wie ›fremde Angelegenheiten‹ überhaupt gäbe.« Mit diesen Worten verschwand Meret.

»Bist du dir sicher, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast, als du sie eingestellt hast?«, fragte Inge ihren Bruder belustigt.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Meret weiß, was sie tut. Sie ist ausgebildete Hotelfachfrau, und ich brauche dringend Personal. Weißt du, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der etwas taugt? Und sie kommt von der Insel.«

»Gibt es den großen Knudsen-Hof noch?«

Jannis schüttelte den Kopf. »Nein, Merets Eltern sind vor ein paar Monaten gestorben. Der Hof wird seither von Bo Knudsen geführt, der am liebsten irgendwelche besonderen Rinder dort züchten möchte, für deren Fleisch die Touristen ein hübsches Sümmchen bezahlen.«

»Aber?«

»Na, nichts aber. Über das Erbe ist noch nicht entschieden, und wie du dich vielleicht erinnerst, hatten die Knudsens vier Kinder: Bo, Ole, Meret und Jule. Meret ist hier, damit das Erbe abgewickelt werden kann, dann will sie sich endgültig niederlassen.«

Inge betrachtete Jannis aufmerksam. Er wirkte angespannt und erschöpft. Etwas schien ihm Kummer zu bereiten. Bereute er seine Entscheidung, Meret angestellt zu haben? Sie streckte die Hand aus und berührte ihn an der Schulter. »Jetzt bin ich ja da, um dir unter die Arme zu greifen.«

Jannis lächelte, wenn auch nur kurz.

»An Nele kann ich mich gar nicht erinnern«, sagte Inge.

»Vermutlich war sie einfach noch zu jung. Ihre Familie ist nicht von hier, die Eltern kamen als Saisonarbeiter, irgendwann kurz bevor du nach Düsseldorf gegangen bist. Sie arbeitet in der ›Kupferkanne‹.«

***

Inge ahnte, dass ihr das Einschlafen in der fremden Umgebung schwerfallen würde.

»Du wirst alt, Inge, du wirst alt«, flüsterte sie sich in dem kleinen Spiegel über dem altmodischen Waschbecken zu. Und tatsächlich, da waren sie, die tiefen Falten im Gesicht, um den Mund, das lichter werdende ergrauende Haar, das sie nun in einer, wie ihr Friseur behauptet hatte, »todschicken« Kurzhaarfrisur trug, die dennoch nicht verbergen konnte, dass viele der Strähnen mehr weiß als blond waren. Sogar ihre Augenbrauen waren silbrig durchzogen.

Das Licht des Leuchtturms glitt alle paar Sekunden durch ihr Zimmer. Sie hätte die Läden schließen können, doch aus irgendeinem Grund war ihr nicht danach. Sie betrachtete den Lichtkegel, wie er sich erst vom Fensterrahmen vorsichtig über den Sims ergoss, dann die gesamte Wand erhellte und schließlich an der anderen Seite des Fensters wieder verschwand.

Müde und aufgekratzt zugleich stieg Inge ins Bett. Kissen und Decke rochen fremd, von weit her waren Stimmen zu hören. Plötzlich wünschte sich Inge nichts so sehr, als wieder in Düsseldorf in ihrer Wohnung zu sein, wo sie jedes Geräusch, jede Bewegung kannte. Das »Blanke Hans« hatte sie seit ihrem Weggang ein paarmal im Urlaub besucht, doch in den letzten Jahren waren auch diese Besuche immer seltener geworden. Noch vor wenigen Monaten hätte sie sich nicht vorstellen können, hierher zurückzukommen, aber dann war die Sache mit dem vorzeitigen Ruhestand gekommen und hatte ihre Planung gehörig durcheinandergeworfen.

Je länger Inge nachgrübelte, desto wacher wurde sie. An Schlaf war erst einmal nicht zu denken. Sie rang nur kurz mit sich, wohl wissend, dass eine ruhelose Nacht den gesamten morgigen Tag negativ beeinflussen würde. Sie stand auf und holte die kleine Packung mit Schlaftabletten hervor. Die Pillen waren winzig, weiß und länglich. Sie löste eine aus dem Blister und spülte sie mit einem Schluck Wasser aus der Flasche neben ihrem Bett hinunter. Schließlich griff sie nach dem Buch, das sie wohlweislich bereits auf ihrem Nachttisch platziert hatte. Es handelte sich um einen Krimi, auch wenn sie diese nur las, um sich über die völlig falsch dargestellten Ermittlungsvorgänge zu empören.

Sie setzte ihre Brille auf und begann zu lesen. Die Wirkung des Mittels würde schnell einsetzen, und diese Aussicht entspannte sie. Schlafmangel war zu ihrem Feind geworden, all die durchwachten Nächte, in denen sie aufgerieben und verzweifelt durch ihre Wohnung gewandert war, verfolgt von quälenden Fragen und den Geistern der Vergangenheit. Auf solche Nächte folgten Tage in einem schrecklichen Zustand müder Überreiztheit, an denen sie nicht klar denken konnte. Die kleinen Pillen schufen Abhilfe, wenn auch nicht ohne Nebenwirkungen. Inge hatte bemerkt, dass sie sich oft nicht mehr an das erinnern konnte, was geschehen war, nachdem sie die Tabletten genommen hatte, doch ihr Hausarzt hatte sie beruhigt.

»Das ist eine ganz harmlose Nebenwirkung – immerhin sollen Sie ja auch im Bett liegen und schlafen und keine Abenteuer bestehen«, hatte er gesagt.

Seither hatte Inge immer eine Packung dabei, für Notfälle. Notfälle wie diesen.

Seufzend konzentrierte sie sich auf die Buchstaben vor ihr. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie laute Stimmen vernahm.

»Lass das! Was fällt dir ein?«

Inge ließ ihr Buch sinken. War das Meret gewesen? Sie warf einen Blick auf ihre Uhr, es war bereits weit nach Mitternacht. Hatte Meret etwa noch Besuch?

Eine zweite, männliche Stimme, die sie nicht zuordnen konnte, sprach drohend: »Verschwinde!«

Einem inneren Impuls folgend, stand Inge auf und trat ans Fenster. Der Hof lag in völliger Dunkelheit, und auch in Merets Zimmer im dritten Stock direkt gegenüber brannte kein Licht. Inge öffnete ihr Fenster einen Spalt, um besser hören zu können, worum es bei dem Streit ging.

Meret war nun eindeutig aufgebracht. »Ich habe die Schnauze voll von euren ganzen kleinen Geheimnissen. Es wird Zeit, dass mal jemand aufräumt. Ihr glaubt, ihr könnt hier machen, was ihr wollt, aber ich sage euch etwas …«

In diesem Moment erhellte der Leuchtturm den Hof. Der Schein fiel erst in Inges Zimmer, sodass sie rasch zurückwich, um nicht entdeckt zu werden, und kroch dann über die Fassade. Flüchtig konnte Inge nun zwei Gestalten hinter dem gegenüberliegenden Fenster ausmachen: eine kleine, zierliche, die eindeutig Meret war, und eine andere, die weiter hinten stand und deshalb nur schlecht zu erkennen war.

Inge wollte eben ihr Fenster schließen, als ein lautes Krachen, gefolgt von einem erstickten Schrei und einem dumpfen Aufprall, sie zusammenfahren ließ. Sie starrte in den dunklen Abgrund des Hofes.

Der Lichtstrahl des Leuchtturms kehrte zurück – und da lag Meret, mit weit aufgerissenen Augen in einer rasch größer werdenden Lache ihres eigenen Bluts, auf den Pflastersteinen des »Blanke Hans«.

***

»Sie haben also nicht gesehen, wie sie gestürzt ist?« Der Blick der blonden Polizistin war stechend.

Der Hof des »Blanke Hans« war vom rotierenden Blaulicht erhellt, Menschen standen in dicken Jacken und Schlafanzügen herum und beobachteten das Geschehen. Merets leblosen Körper hatte man mit einer Decke verhüllt, zwei in weiße Overalls gekleidete Männer der Spurensicherung näherten sich ihr.

»Frau Petersen? Hören Sie mich?« Die Polizistin mit dem Namen Claasen berührte Inge am Arm und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. »Ich kann mir vorstellen, wie schwer das für Sie ist. Aber wir brauchen Ihre Angaben.«

Inges Augen hefteten sich nun an das Gesicht direkt vor ihr. Die Frau war jung, noch keine dreißig.

»Das ist nicht schwer für mich«, entgegnete Inge. »Ich war selbst Polizistin.«

Claasen hob die Augenbrauen, als erwarte sie, dass Inge dem noch etwas hinzufügen würde. »Dann kennen Sie das Prozedere ja«, stellte sie fest, als Inge schwieg.

»Es ist nur … weil ich sie kannte. Wir haben kurz zuvor noch miteinander gesprochen. War es ein Unfall?«

Claasens Blick wanderte zur Leiche, und sie erschauderte. Plötzlich empfand Inge Mitleid mit ihr. Ob dies ihr erster Mordfall war?

»Das können wir im Moment noch nicht sagen.«

»Natürlich«, flüsterte Inge mehr zu sich selbst.

»Also, woran können Sie sich erinnern?«

»Ich konnte nicht schlafen«, begann sie zögerlich. »Dann bin ich ans Fenster getreten und konnte hören, wie sich Meret auf der anderen Seite des Hofes mit jemandem gestritten hat.«

Claasen runzelte die Stirn. »Mit wem hat sie sich gestritten?«

»Das konnte ich nicht erkennen. Ich habe die Person nur schemenhaft gesehen.«

»Sind Sie sich denn sicher, dass sie überhaupt da war? Vielleicht hat Frau Knudsen ja telefoniert.«

Inge schüttelte den Kopf. »Nein, nein, da war jemand, da bin ich ganz sicher.«

»In Ordnung. Woran erinnern Sie sich noch?« Claasen schrieb fleißig mit.

»An nicht viel, das Licht des Leuchtturms ist gewandert, und im nächsten Moment lag sie unten auf dem Pflaster.« War das wirklich alles gewesen?

Claasens erwartungsvoller Blick ruhte auf ihr. »Noch etwas?«

Inge wich ihrem Blick aus. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. »Ich nehme manchmal etwas ein, damit ich schlafen kann. Nichts Dramatisches, ganz harmlos«, erklärte sie und bereute es sofort. Am liebsten hätte sie sich geohrfeigt. Sie musste doch am besten wissen, dass das ihre Aussage so gut wie unbrauchbar machte.

Claasen klappte ihren Notizblock zu. Etwas an ihrer Miene hatte sich geändert. War es Mitleid, das Inge darin las? Mitleid mit ihr?

»Was passiert jetzt?«, fragte sie.

Die Spurensicherung schien ihre Arbeit beendet zu haben. Merets Körper wurde gerade in einen schwarzen Leichensack gepackt und zum Abtransport vorbereitet.

»Außer Ihnen kann niemand bezeugen, dass noch eine Person im Zimmer gewesen ist. Wir gehen bislang von einem Unfall aus.«

Inge war wie vor den Kopf gestoßen. »Was ist mit der Mordkommission?«

»Ob die Kollegen aus Flensburg kommen, wird sich entscheiden.«

Eine Mischung aus Panik und Entsetzen stieg in Inge auf. »Aber ich sage Ihnen doch, dass da noch jemand war.«

»Eine Person, die Sie nicht verstehen konnten und die für Sie nicht deutlich sichtbar war – und dann sind da noch die Schlaftabletten …« Claasen war es offenbar unangenehm, das auszusprechen. »Wir halten Sie auf dem Laufenden. Sie sind die Schwester von Jannis, richtig?«

»Ja.«

»Ich bin sicher, dass sich alles aufklären wird. Ich hoffe, Sie können Ihren Urlaub trotzdem genießen.« Claasen lächelte Inge aufmunternd an.

»Danke, aber das ist nicht nötig. Ich bin nicht hier, um Urlaub zu machen, sondern um zu bleiben.«

Claasens Lächeln wurde eine Spur intensiver. »Dann herzlich willkommen«, sagte sie und wandte sich ab.

Inge blieb mit einem dumpfen Gefühl von Übelkeit zurück. Das Schlafmittel benebelte ihre Gedanken, wenn auch die Aufregung einen guten Teil seiner Wirkung verdrängte. Nur schwerfällig gelang es ihr, das Erlebte zu erfassen. Stets war es, als entglitte es ihrem Verstand und ließe Bilder und Gefühle ohne Bedeutung zurück.

Jannis wartete vor dem Haus. Sein Gesicht wirkte blass und schmal.

»Ich kann es nicht fassen«, sagte sie, als sie zu ihm trat. »Wer könnte so spät nachts noch in Merets Zimmer gewesen sein? Hast du gesehen, wie sie die Wirtsstube verlassen hat? War jemand bei ihr? Hat sie sich mit jemandem unterhalten?«

»Inge, ich habe alles schon der Polizei gesagt. Es gibt keinen Grund, ein neues Verhör aufzumachen«, fuhr Jannis sie an und verschwand nach drinnen.

Inge beschloss, ihn in Ruhe zu lassen. Jeder ging mit einer solchen Situation anders um, und vermutlich befürchtete Jannis auch nachteilige Folgen für seinen Umsatz, sollte es zu einer Mordermittlung kommen.

Ihre Zunge fühlte sich seltsam pelzig an. Sie schwor sich, nie wieder zu ihren Pillen zu greifen, egal, wie verzweifelt sie wegen ihrer Schlaflosigkeit sein würde.

Als sie Jannis ins Hotel folgte, um sich einen Tee zu machen – die Kälte war unter ihren Mantel und in ihre Kleidung gekrochen –, dachte sie unablässig über die zweite Person nach, die sie bei Meret gesehen hatte. Warum nur konnte sie sich nicht besser erinnern? War es ein Mann gewesen?

Merets Worte gingen ihr durch den Kopf. In dem Streit war es um die Insel gegangen, also lag es nahe, dass sie sich mit einem Einheimischen gestritten hatte.

Auf keinen Fall war ihr Tod ein Unfall gewesen. Dessen war sich Inge sicher. Sie verfluchte sich selbst dafür, Claasen gegenüber zugegeben zu haben, dass sie unter Einfluss von Medikamenten gestanden hatte. Wer würde ihr jetzt noch glauben?

***

Rau pfiff der eiskalte Wind in der Hörnum-Odde. Die Landschaft aus Dünen und Heide ragte im Süden der Insel weit in die Nordsee hinaus und war bei Touristen beliebt für Spaziergänge, doch an diesem Vormittag lagen die Temperaturen deutlich unter null, und die Luft war mit winzigen Eiskristallen gespickt, die Inges Gesicht kitzelten und kratzten.

Die Kälte vertrieb die Müdigkeit und die Nachwirkungen der Schlaftablette aus ihren Gliedern und erfrischte sie. Warum nur war sie auf diese verdammte Insel zurückgekehrt? Hätte sie nicht wissen müssen, dass Sylt nach all den Jahren für sie nicht mehr bereithielt als weitere Leichen?

Damals war sie fortgegangen, weil sie die vielen Toten innerhalb allzu kurzer Zeit nicht mehr ertragen hatte. Erst die ermordete Studentin am Strand, Inges letzter Fall, den sie nicht hatte lösen können, und dann Maltes Suizid wenige Wochen später.

In jedem Menschen, der ihr danach entgegengekommen war, hatte sie Malte gesehen, er hatte sie am Tag und in der Nacht verfolgt, ganz gleich, wohin sie ging und was sie tat. War es am Tag sein lebendiges Gesicht mit den klugen Augen gewesen, das sie überall zu erkennen geglaubt hatte, so war es nachts der andere Malte, der leblose mit den steifen Zügen und dem gequälten Ausdruck, gewesen.

Inge schüttelte sich, wie um die Vergangenheit abzustreifen. Es gab Wichtigeres, auf das sie sich konzentrieren musste. Was war in der Nacht in Merets Zimmer geschehen? Hatte sie sich die andere Person doch nur eingebildet oder wegen des Schlafmittels eine getrübte Wahrnehmung gehabt?

Sie ballte die Hände in ihrer dicken Jacke zu Fäusten und vergrub ihr Gesicht tiefer in dem Schal, den sie sich umgewickelt hatte. Warum nur hatte sie auch ausgerechnet gestern eine von den Tabletten nehmen müssen?

Innerlich aufgewühlt, stapfte sie durch die Dünen. Der Himmel bildete eine dramatische Wolkenlandschaft, die nur hin und wieder von der Sonne durchbrochen wurde. Links und rechts von ihr rauschten die dunklen, unheilvollen Wellen. Aufgrund ihrer Lage war die Hörnum-Odde den Gezeiten schutzlos ausgeliefert und häufig überschwemmt.

Der Sand unter Inges Füßen knirschte, doch das war über das Heulen des Windes hinweg kaum zu hören. An der Spitze der Odde blieb sie stehen und genoss die Aussicht auf das unruhige Meer. Wie hatte sie das vermisst, die Gezeiten, den Blick auf die See. Sie sog ihre Umgebung in sich auf, schmeckte Salz und lächelte unwillkürlich. Mit einem Mal fiel die Anspannung von ihr ab. Es war richtig gewesen, hierher zurückzukommen, und wenn es nur dazu gut war, Frieden mit den Toten zu schließen. Ihren Toten.

***

»Bist du dir ganz sicher, etwas oder besser jemanden gesehen zu haben?« Piet musterte Inge eindringlich, während er Kandis in seinen Tee schaufelte. Dampfend stand die Tasse vor ihm.

Inge rieb ihre klammen Hände aneinander, die trotz der Handschuhe viel von der Kälte abbekommen hatten. »Ich bin mir ganz sicher, Piet, ich weiß doch, was ich gesehen habe.« Inzwischen hatte sie jeden Zweifel darüber wieder von sich geschoben.

Piet blinzelte. Die Jahre, die zwischen ihrem letzten Treffen und heute lagen, hatten Spuren hinterlassen. Falten hatten sich links und rechts seiner Augen eingegraben, die nun deutlich tiefer in den Höhlen lagen. Er wirkte müde und erschöpft – jene Art von Erschöpfung, die Menschen überfällt, wenn sie ein ganzes Leben lang gearbeitet haben. Daran hatte auch seine Pensionierung nichts ändern können.

Piet und Inge kannten sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der Polizei Westerland. Piet war einige Jahre älter als sie und hatte sie in ihrer Anfangszeit unter seine Fittiche genommen. Sie waren ein gutes Team gewesen. Er war es auch gewesen, den sie angerufen hatte, als sie Malte gefunden hatte.

»Das glaube ich dir, Inge. Aber du weißt doch, wie das mit Erinnerungen ist, vor allem mitten in der Nacht. Da spielen uns unsere Sinne manchmal einen Streich. Wenn jemand bei Meret gewesen ist, werden es die Kollegen schon herausfinden.«

Inge nippte an ihrem Tee. Die Wärme in ihrem Mund fühlte sich angenehm an. »Ich weiß, was ich gesehen habe.«

Ihr Blick wanderte hinaus aus dem Fenster des »Südkap« am Rand der Odde. Das Restaurant war modern und zwanglos eingerichtet, es gab Fischgerichte und Kuchen. Inge war sich sicher, dass bei Sonnenschein viel los war, doch heute, an einem kalten, nassen Februartag, an dem der Wind rau und die See unruhig waren, waren sie und Piet beinahe die einzigen Gäste.

»Piet, mir ist klar, wie das läuft. Wie oft gibt es auf Sylt eine Mordermittlung? Glaubst du ernsthaft, die Kollegen aus Flensburg haben Lust, bei diesem Wetter herauszukommen?«

Piet verschränkte die Arme vor der Brust. Er trug ein Hemd, darunter ein T-Shirt und dazu Jeans, so wie er auch immer zum Dienst erschienen war. »Das werden sie wohl müssen, schon allein aufgrund deiner Aussage, Schlaftablette hin oder her. Allerdings kann das dauern. Ich habe vorhin im Radio gehört, dass der Autozug nach Sylt wegen der Witterung nicht fährt und auch die Fähren nur eingeschränkt verkehren.«

»Kennst du die Leute aus Flensburg?«

Piet schüttelte den Kopf. »Die letzte Mordermittlung ist fast vier Jahre her, ich habe keine Ahnung, wer da jetzt zuständig ist. Wir werden abwarten müssen.« Er räusperte sich. »Ich verstehe, dass dir der Fall nahegeht, Inge, vor allem, weil es im ›Blanke Hans‹ geschehen ist, aber du bist nicht mehr bei der Polizei … Und ich auch nicht.« Er schaute nach draußen, wo der dunkelgraue Wolkenhimmel tief über den Dünen hing.

»Aber du kennst doch alle auf der Wache Westerland.« Inge beugte sich nach vorn und fixierte Piet eindringlich. »Da war ganz sicher jemand in Merets Zimmer. Ich habe gehört, wie sie sich gestritten haben. Sie ist nicht einfach aus dem Fenster gestürzt.«

Piets Mundwinkel zuckten. »Weißt du, es gab eine Menge Ärger mit Meret … Sie war schon als Mädchen schwierig.« Er trommelte auf der Tischplatte. »Ihr war es zu Hause zu klein und zu eng. Sie hat rebelliert. Gegen ihre Eltern, gegen die Insel, gegen alles. Ich habe immer gedacht, dass es besser für sie gewesen wäre, fortzubleiben. Aber als ihre Eltern starben, war klar, dass die Kinder gemeinsam entscheiden müssen, wie es weitergeht. Soweit ich weiß, ließ das Testament da auch nicht viel Spielraum.«

»Wie meinst du das?« Inge wurde hellhörig.

»Als wir klein waren, du und ich, da war alles anders. Das Leben verlief ruhiger. Es gab den Fischfang, es gab die Felder und die Deiche. Man kannte sich. Niemand schloss sein Haus ab. Auf dem Festland, da konnte es drunter und drüber gehen, aber hier hatte die Welt ihre Ordnung. Natürlich kamen auch früher Touristen her, doch inzwischen sind es an manchen Tagen drei- bis viermal so viele wie Einwohner. Und es sind nicht irgendwelche Touristen. Sie kommen mit ihrem Geld und ihrem Geprotze und glauben, die Insel gehöre ihnen. Das gefällt nicht allen.«

»Aber das war doch schon immer so«, entgegnete Inge. »Diese Diskussionen werden ständig geführt.«

»Ja, aber sie haben sich verändert und verschärft. Manche sind gegen die Urlaubermassen. Und andere machen den großen Reibach mit ihnen und bieten immer höherpreisige Waren und Dienstleistungen an.«

»So wie Bo Knudsen mit seinen Rindern?«

»Ja, genau. Ist doch klar, dass jeder ein möglichst großes Stück vom Kuchen abhaben möchte. Nicht jeder kann ein Restaurant oder ein Hotel aufmachen, obwohl Ole Knudsen genau das mit dem Grund und Boden seiner Eltern vorhat.«

»Ole? Der ältere der Knudsen-Brüder?«

»Ja, er ist Immobilienmakler für Luxusimmobilien. Man sieht ihn nur im feinen Zwirn und in seinem Porsche. Er und Meret haben sich nicht besonders verstanden. Es heißt, er will ein Wellnesshotel auf dem Land errichten, es gibt sogar schon Investoren.«

»Kann er das denn allein entscheiden?«

»Nein. Es gab wohl viel Streit unter den Geschwistern. Du musst wissen, allein das Grundstück, auf dem der Hof steht, ist ein paar Millionen wert. Die Eltern haben in ihrem Testament klargemacht, dass ein Verkauf des Landes nur mit Einwilligung aller vier Kinder zu machen ist.« Piet nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Teetasse. »Jule Knudsen hat ein Bekleidungsgeschäft. Ein nettes Mädchen.«

»Also Bo will seine Rinder züchten, Ole will ein Wellnesshotel. Und Jule und Meret? Was wollten die?« Inge musterte Piet aufmerksam.

»Was Jule sich wünscht, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass Meret das alles nicht gut fand. Sie hatte vor, den Hof in einen Biohof mit Ferienwohnungen umzubauen und möglichst viel zu erhalten. Sie konnte sehr störrisch sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, so war sie schon als junges Mädchen.«

»Woher weißt du das alles?«

Piet zog die Schultern nach oben. »Es war in der letzten Woche vor meiner Pensionierung, kurz nach der Beerdigung von Peter Knudsen, dem Vater. Da ging bei uns ein Anruf ein. Bo Knudsen war dran. Er behauptete, seine Schwester hätte eine Art Nervenzusammenbruch erlitten und sei mit einem Messer auf ihn losgegangen. Wir sind hingefahren, aber als wir ankamen, hatte sich die Situation schon wieder beruhigt, etwas zumindest. Meret war immer noch ziemlich wütend, aber Ole war inzwischen ebenfalls dort und hat auf sie eingeredet.«

Inge horchte auf. »Worüber war sie so wütend?«

»Offenbar hatten Ole und Bo bereits klare Vorstellungen davon, was mit dem Hof geschehen sollte, ohne ihre Schwestern miteinzubeziehen.«

»Und deshalb ist sie mit einem Messer auf ihn losgegangen?«

»Du weißt doch, wie das bei solchen Familienstreitigkeiten ist. Da wird schnell mal übertrieben. Meine Kollegin hat dann mit ihr gesprochen und dabei allerhand erfahren.«

»Claasen?«

»Ja, richtig.«

»Gibt es dazu einen Bericht?«

Piet blinzelte. Er war schon immer zu redselig gewesen für einen Polizisten, und gerade schien ihm das selbst aufzufallen. »Inge, du bist nicht mehr Polizistin, und ich bin nicht mehr im Dienst. Überlass diese Sachen den Kollegen, die wissen schon, was sie tun.«

Inge senkte ihre Stimme. »Piet, an der Sache ist etwas faul. Jemand war gestern bei Meret im Zimmer, jemand, der wusste, dass sie dort übernachten würde, also jemand aus ihrem direkten Umfeld. Du sagst selbst, dass es um viel Geld geht. Warum bist du dir so sicher, dass es kein Mord war?«

»Das bin ich doch gar nicht. Ich sage nur, du sollst dich nicht einmischen.«

Eine Weile hing jeder seinen Gedanken nach.

»Es ist wie früher«, bemerkte Inge schließlich. Unwillkürlich begann sie ihre Hände so fest zu kneten, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Piet wusste sofort, wovon sie sprach. »Es verfolgt dich noch immer, oder?« Er musterte sie mitfühlend.

Inge schaute aus dem Fenster, hinaus auf die windumtosten Dünen. »Dich etwa nicht? Mein letzter Fall bei der Sylter Polizei und er ist bis heute ungelöst.«

»Solche Dinge geschehen nun einmal. Das gehört dazu. Wir lernen das schon auf der Polizeischule. Wir können nicht jeden Fall aufklären.«

»Aber diesen hätten wir aufklären müssen!« Inge schloss die Augen. Ihre Gedanken flogen zurück zu einem kalten Aprilmorgen vor über zwanzig Jahren, als sie noch vor Sonnenaufgang nach Munkmarsch gerufen worden war, wo man am Strand eine tote Frau gefunden hatte. Sie erinnerte sich noch an das Knirschen des Sandes unter ihren Schuhen, als sie zum Tatort gelaufen war. Obwohl der Körper noch nicht lange dort gelegen haben konnte, hatte er bereits eine aschfahle Farbe angenommen, die ihn von Weitem im schwachen Licht des anbrechenden Tages mit dem Strand verschmelzen ließ.

Groß und blau hatten die Augen der jungen Frau ins Leere gen Himmel gestarrt, die Lippen blass und leicht geöffnet, als hätte sie in ihren letzten Minuten versucht, noch etwas zu sagen. Das lange blonde Haar hatte ihr schmales Gesicht umflossen wie etwas, das das Meer angespült hatte, der Körper unbekleidet. Es waren ihre Füße gewesen, die in Inge Schmerz und Mitleid ausgelöst hatten, ihre zarten, kleinen Füße, die wirkten, als gehörten sie einem Kind. Irgendjemand hatte sie abgelegt wie ein Stück Treibgut oder Abfall, dem Wind und den Gezeiten ausgeliefert. Dunkle Flecken an ihrem Hals hatten vom Todeskampf in ihren letzten Minuten erzählt.

Inge schluckte. Sie dachte an das dumpfe Geräusch, das der Aufprall von Merets Körper auf dem Pflaster gemacht hatte, und an die Blutlache, die sich dampfend in der Kälte um ihre Leiche ausgebreitet hatte.

Piet schien ihre Gedanken zu lesen. Er berührte sanft ihre Hand. »Wir können nicht alle retten, Inge. Das wussten wir doch immer. Es hängt nicht allein von uns ab, ob wir einen Fall aufklären. Du hast dein Bestes gegeben. Doch was war, kannst du nicht ungeschehen machen, indem du dich in Merets Fall einmischst.«

Inge schnaubte und entzog ihm ihre Hand. »Was bist du? Psychologe? Es ist so viel schiefgelaufen. Es gab keine richtige Spurensicherung, und die Mordkommission ging am Anfang sogar von einem Badeunfall aus – trotz der Male am Hals. Niemand wollte die neue Saison mit einem Mord an einer schönen jungen Touristin belasten. Wer auch immer sie getötet hat, lebt vielleicht noch hier oder kommt jedes Jahr im Urlaub zurück.« Ihre Stimme begann zu zittern.

»Wir haben getan, was wir konnten. Du hattest tagelang nicht geschlafen, und da war ja auch noch die Sache mit Malte.«

Plötzlich hatte Inge das Gefühl, als schnürte ihr etwas den Hals zu. Malte, überall Malte, sie hätte wissen müssen, dass sie alles wieder an ihn erinnern würde. Entschlossen straffte sie ihre Schultern. »Das hat nichts mit Malte und auch nichts mit dem Mord an Anke Thießen zu tun. Meret ist nicht einfach aus dem Fenster gefallen. Jemand hat sie gestoßen, jemand, mit dem sie sich vorher gestritten hat.«

»Ich werde Augen und Ohren offen halten und dich informieren«, versprach Piet. »Ich freue mich, dass du zurückgekommen bist. Wir haben uns wirklich eine Ewigkeit nicht gesehen. Pünktlich zum Biikebrennen!«

Sein Versuch, das Thema zu wechseln, war mehr als ungeschickt, doch Inge konnte es ihm nicht übel nehmen.

»Hat es dir nicht mehr gefallen, da im Rheinland?«

Inge schüttelte den Kopf. »Es war einfach an der Zeit, heimzukehren.«

»Am Ende kommen sie alle nach Hause. Weißt du, das Schwierigste war schon immer, dass man die Menschen kennt, mit denen man es als Polizist zu tun hat. In der Großstadt oder so stelle ich mir das einfacher vor. Aber hier, wo dich die Hälfte duzt und die andere Hälfte schon deine Eltern kannte, ist das etwas anderes, von den Touristen, die über die Stränge schlagen, einmal abgesehen. Man kann denen, mit denen man zusammenlebt, nicht das Schlimmste unterstellen, sonst kann man nicht mehr mit ihnen zusammenleben.«

Inge runzelte die Stirn. »Was möchtest du damit sagen?«

Piet rieb sich über das Gesicht. »Du weißt es doch selbst. Wir sind diejenigen, die hinter die Kulissen blicken. Wir kommen, wenn das Leben zerbricht, und schauen hinter die Fassaden. Die Leute denken immer, als Polizist in einer Touristengegend zu arbeiten sei wie ein ewiger Urlaub, dabei ist der Job doch überall der gleiche. Es gibt die Diebe, die Vergewaltiger, diejenigen, die besoffen Auto fahren, es gibt Prostitution und Drogen, und es gibt die Typen, die ihre Frauen verprügeln, wenn sie schlechte Laune haben.«

»Von wem sprichst du?«

»Bo«, sagte er schließlich widerwillig. »Bo Knudsen. Als er damals anrief, dachte ich, es sei nicht er.«

»Sondern?«

»Wir hatten hin und wieder den Fall, dass wir einen Anruf vom Knudsen-Hof bekamen, vor allem, seit Bo und seine Familie dort allein lebten.«

Inge brauchte nicht lange, um zu verstehen, wovon er sprach. »Seine Frau?«

»Tine hat es nicht leicht mit ihm. Besonders, wenn er getrunken hat. Aber sie liebt ihn. Ganz gleich, wie oft wir ihr schon angeboten haben, sie zu unterstützen, sie bleibt bei ihm. Sie hat uns immer nur dann angerufen, wenn er überhaupt nicht mehr zu beruhigen war. Meistens haben wir ihn dann für eine Nacht mit in die Ausnüchterungszelle genommen.« Piet musterte Inge. »Ich kenne diesen Gesichtsausdruck von dir von früher. Ich weiß, du wirst diese Sache nicht auf sich beruhen lassen und vermutlich deine Nase in lauter Dinge stecken, die dich nichts angehen. Ich warne dich nur: Bo Knudsen ist kein angenehmer Zeitgenosse, und er neigt zur Gewalt. Was auch immer du vorhast, sei vorsichtig und tausche dich bitte mit mir aus, damit ich dich beschützen kann. Wenn es wirklich so war, dass bei Merets Sturz nachgeholfen wurde, stehen die Chancen hoch, dass ein Mörder herumläuft, der vielleicht alles tun wird, um zu verhindern, dass er entdeckt wird. Versprich es mir.«

Inge lächelte schief. »Wenn du das alles weißt, warum hast du mir dann so viele Informationen gegeben?«

»Weil es mir lieber ist, du erfährst es von mir, als dass du selbst dahinterkommen musst. Und weil du recht hast. Mich hat der Thießen-Fall auch nie losgelassen. So etwas darf sich nicht wiederholen.«

Inges Blick wanderte nach draußen, wo gerade die Flut einsetzte. »Nein, das darf es nicht«, sagte sie nachdenklich.

Ein widerspenstiges Kind

Auch in dieser Nacht fand Inge kaum Ruhe. Wieder und wieder erschien ihr Meret am Fenster, und in Gedanken hörte sie das schreckliche Geräusch ihres Aufpralls erneut.

Schweißgebadet fuhr sie aus dem Halbschlaf hoch und saß mit pochendem Herzen aufrecht im Bett. Hinter ihrer Stirn begann ein leiser Schmerz zu klopfen, sie fühlte sich erschöpft.

Das Licht des Leuchtturms kroch durch ihr Zimmer und ließ die Schatten lebendig werden. Wie sollte es ihr nur gelingen, Merets Mörder zu finden? Und was, wenn sie sich irrte, wenn sie sich von den Toten aus ihrer Vergangenheit täuschen ließ und einen Mörder verfolgte, den es gar nicht gab?

Kurz überlegte sie, eine von ihren Schlaftabletten zu nehmen, verwarf den Gedanken aber bald wieder. Die kleinen Pillen hatten schon genug Schaden in ihrem Gedächtnis angerichtet, auch wenn sie wusste, dass sie ohne sie nur schwer würde einschlafen können.

Ruckartig stand sie auf und schüttelte ihre Zweifel ab. Sie hatte sich den Fremden bei Meret nicht nur eingebildet – und wer auch immer dieser Fremde gewesen war, er konnte sich mit Sicherheit zu dem Sturz aus dem Fenster äußern. Sie musste ihn finden.

Müde schlurfte Inge ans Waschbecken, begnügte sich mit einer Katzenwäsche und fand sich um kurz nach fünf Uhr morgens unten in der Küche ein, wo Rieke gerade damit beschäftigt war, das Frühstück für die Gäste vorzubereiten. Die wuchtige Frau mit dem strohblonden Haar hatte ihre Ärmel hochgekrempelt, sodass ihre kräftigen Oberarme frei waren, während sie zwischen Rührei, Aufschnitt und Kaffee hin und her werkelte. Als Inge hereinkam, begrüßte sie sie nur mit einem knappen Grunzen.

»Moin«, antwortete Inge und überlegte, ob sie es wagen konnte, sich einen Kaffee zu nehmen, ohne sich Riekes Unmut zuzuziehen. Als diese sich dem Backofen zuwandte, nutzte Inge ihre Chance und goss sich rasch eine Tasse ein. Das heiße schwarze Gebräu schmeckte köstlich und weckte ihre Lebensgeister.

Rieke entging ihre Handlung nicht, doch sie quittierte diese nur mit einem Naserümpfen, während sie sich daranmachte, kleine Butter- und Marmeladenpäckchen in die dafür vorgesehenen Behälter zu geben.

»Kanntest du Meret?«, fragte Inge unvermittelt.

Rieke musterte sie ärgerlich und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Und ob ich sie kannte. Immerhin sollte sie meine Morgenschicht übernehmen. Ich bin siebenundsechzig Jahre alt, mir schmerzt es im Rücken und im Knie, und seit drei Jahren sage ich Jannis, er soll sich jemand anders suchen. Und nun, wo er endlich eine gefunden hatte, da ist sie so ungeschickt und stürzt aus dem Fenster. Sachen gibt es!« Rieke stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf. Eine Haarsträhne löste sich aus ihrem Zopf und fiel ihr ins Gesicht.

»Du denkst also, es war ein Unfall?«

»Was soll es denn sonst gewesen sein? Warum sollte die denn einer stoßen?« Rieke begann die kleinen Milchkännchen für die Tische zu befüllen. »Obwohl für Ärger gesorgt hat das Mädchen ja schon immer.«

»Wie meinst du das?«

»Da hat sie dem Sönke vom ›Schauerkaant‹ schöne Augen gemacht, dabei ist der doch verheiratet mit Sinje.«

»Schauerkaant« nannten die Einheimischen eine Anlage aus reetgedeckten Ferienhäusern. Der Komplex war schon in Inges Kindheit in der Hand der Familie Wehrheim gewesen. Hatte sie Sönkes Namen nicht schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört? Ihr Gedächtnis ließ wirklich nach. Verflixte Schlaftabletten, dachte sie.

»Hatten die beiden ein Verhältnis?«

»Ich war ja nicht dabei. Aber Gerede gab es, viel Gerede, und dann ist Meret weggezogen und kam immer nur für kurze Zeit heim. Nun ist sie wiederaufgetaucht, und es gibt wieder nur nichts als Ärger.« Rieke griff nach einem Putzlappen, hielt ihn unter Wasser und wrang ihn energisch aus.

Inge beobachtete sie dabei, bedrängte sie aber nicht weiter mit Fragen. Aus ihrer Zeit als Ermittlerin wusste sie, dass Menschen das meiste preisgaben, wenn man sie einfach erzählen ließ.