Systemisch agil beraten - Frederick Meseck - E-Book

Systemisch agil beraten E-Book

Frederick Meseck

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Beschreibung

Agilität ist in aller Munde und ist in verschiedensten Themengebieten angesiedelt. Die Entfaltung des vollen agilen Potentials ist eine Aufgabe, der sich im Arbeitskontext in verschiedensten Varianten gewidmet wird. Frederick Meseck verknüpft die systemische Denkweise mit agilem Arbeiten und beschreibt anschaulich seine beraterische Sicht, untermalt mit Methoden und Praxisbeispielen. Die Synergie aus der transformierenden Agilität und der lösungsorientierten Systemik ergibt einen beraterischen Ansatz mit starker und nachhaltiger Wirkung. Kurzum: Kleine wie große Organisationen können von systemisch-agiler Beratung profitieren!

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Seitenzahl: 95

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Herausgegeben vonJochen Schweitzer undArist von Schlippe

Frederick Meseck

Systemisch agil beraten

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 9 Abbildungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Evgeniy Vasilev/stock.adobe.com

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISSN 2625-6096

ISBN 978-3-647-99378-2

Inhalt

Zu dieser Buchreihe

Vorwort von Jochen Schweitzer

Einführung

I Der Kontext

Agilität: Was ist das?

Die Entstehungsgeschichte agiler Arbeit

Das Agile Manifest und seine Wertepaare

Individuen und Interaktionen vs. Prozesse und Werkzeuge

Funktionierendes Produkt vs. umfassende Dokumentation

Zusammenarbeit mit Kunden vs. Vertragsverhandlungen

Reagieren auf Veränderungen vs. Befolgen eines Plans

Werte, Prinzipien und Praktiken agiler Arbeit

Agilität im Kontext unterschiedlicher Einsatzbereiche

Kriterien für einen sinnvollen Einsatz agiler Arbeit

Systemisch-agiles Arbeiten und seine Haltungen

Multiperspektiven

Selbstfürsorge

Kontextsensibilität

Kompetenzorientierung

Lösungsfokussierung

Systemischen Demut

Auf dem Weg zur Agilität

Ein typischer Wochenplan agiler Teams

Meine Rolle als systemisch-agiler Berater

Fazit

II Die systemische Beratung

Systemisch-agile Beratungspraxis

Beispiel 1: Agilität trifft (klassisches) Management

Auftragsklärung und Beratungsarchitektur

Systemisch geführte Einzelinterviews

Auswertung der Einzelinterviews

Workshopreihe: Von der Gruppe zum Team

Prozessbegleitung des Managementteams

Beispiel 2: Mitten im Spiel – agile Teamberatung

Das Drama-Dreieck in der Beratung

Das Spiel und seine Regeln

Die Spielregeln verändern

Zwischenbilanz des Spiels

Der Umgang mit Frustration

Beispiel 3: Wenn Agilität Lernziele aufzeigt

Einzelcoaching im agilen Kontext

Die Rollen auf der Bühne der Agilität

Selbstwirksamkeit durch Coaching

III Am Ende

Ein Ausblick

Autoren-Vita

Nützliche Adressen

Danksagung

Literaturverzeichnis

Zu dieser Buchreihe

Die Reihe »Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten« befasst sich mit Herausforderungen menschlicher Existenz und deren Bewältigung. In ihr geht es um Themen, an denen Menschen wachsen oder zerbrechen, zueinanderfinden oder sich entzweien und bei denen Menschen sich gegenseitig unterstützen oder einander das Leben schwer machen können. Manche dieser Herausforderungen (Leben.) haben mit unserer biologischen Existenz, unserem gelebten Leben zu tun, mit Geburt und Tod, Krankheit und Gesundheit, Schicksal und Lebensführung. Andere (Lieben.) haben mit unseren intimen Beziehungen zu tun, mit deren Anfang und deren Ende, mit Liebe und Hass, mit Fürsorge und Vernachlässigung, mit Bindung und Freiheit. Wiederum andere Herausforderungen (Arbeiten.) behandeln planvolle Tätigkeiten, zumeist in Organisationen, wo es um Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit geht, um Struktur und Chaos, um Aufstieg und Abstieg, um Freud und Leid menschlicher Zusammenarbeit in ihren vielen Facetten.

Die Bände dieser Reihe beleuchten anschaulich und kompakt derartige ausgewählte Kontexte, in denen systemische Praxis hilfreich ist. Sie richten sich an Personen, die in ihrer Beratungstätigkeit mit jeweils spezifischen Herausforderungen konfrontiert sind, können aber auch für Betroffene hilfreich sein. Sie bieten Mittel zum Verständnis von Kontexten und geben Werkzeuge zu deren Bearbeitung an die Hand. Sie sind knapp, klar und gut verständlich geschrieben, allgemeine Überlegungen werden mit konkreten Fallbeispielen veranschaulicht und mögliche Wege »vom Problem zu Lösungswegen« werden skizziert. Auf unter 100 Buchseiten, mit etwas Glück an einem langen Abend oder einem kurzen Wochenende zu lesen, bieten sie zu dem jeweiligen lebensweltlichen Thema einen schnellen Überblick.

Die Buchreihe schließt an unsere Lehrbücher der systemischen Therapie und Beratung an. Unsere Bücher zum systemischen »Grundlagenwissen« (1996/2012) und zum »störungsspezifischen Wissen« (2006) fanden und finden weiterhin einen großen Leserkreis. Die aktuelle Reihe erkundet nun das »kontextspezifische Wissen« der systemischen Beratung. Es passt zu der unendlichen Vielfalt möglicher Kontexte, in denen sich »Leben. Lieben. Arbeiten« vollzieht, dass hier praxisbezogene kritische Analysen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ebenso willkommen sind wie Anregungen für individuelle und für kollektive Lösungswege. Um klinisch relevante Störungen, um systemische Theoriekonzepte und um spezifische beraterische Techniken geht es in diesen Bänden (nur) insoweit, als sie zum Verständnis und zur Bearbeitung der jeweiligen Herausforderungen bedeutsam sind.

Wir laden Sie als Leserin und Leser ein, uns bei diesen Exkursionen zu begleiten.

Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe

Vorwort von Jochen Schweitzer

Beweglich, regsam, wendig – das bedeutet das Eigenschaftswort agil laut Duden im deutschen Sprachgebrauch. Wer also agil ist, der verharrt nicht und steht nicht still, klammert sich nicht an das Bisherige, ist bereit zu Kehrtwendungen.

Seit der Veröffentlichung eines agilen Manifests im Jahr 2001 ist das Wort Agilität in der Organisationswelt, anfangs in der Softwarebranche und dann darüber hinaus bis in Stadtverwaltungen und Kirchen, zu einem Buzzword geworden und hat einen beachtlichen, zeitweise dominanten Hype in Richtung agiler Transformation ausgelöst. Im Kern bedeutet agile Transformation den Übergang von langfristiger Vorausplanung von Arbeitsprozessen mit frühen Festlegungen und langem Durchziehen des einmal festgelegten hin zu einer beständigen, im Extremfall täglichen Überprüfung und Veränderung der früheren Planungen. Geänderte Planungen führen dann auch sogleich zu anderen nächsten Arbeitsschritten und zu anderen Zwischenprodukten oder Prototypen. In agilen Arbeitsteams werden unterschiedliche Führungsaufgaben dezentral verteilt, so dass zumindest in der Theorie deutlich flachere innerbetriebliche Hierarchien entstehen. Hinzu kommt, dass die Nutzer (Kunden, Käuferinnen, Endabnehmer) eines Produktes oder einer Dienstleistung von vornherein schon an deren Entstehung beteiligt werden. Sie dürfen und müssen dabei »ein Wörtchen mitreden« und werden von reinen Abnehmern zugleich auch zu Koroduzentinnen.

Soweit die Theorie – ob das in der Praxis auch so gelingt, wann es scheitert, ob das nur in kleinen Start-Up-Unternehmen oder auch in traditionsreichen Großbetrieben eingeführt werden kann, ob es gar nur alter Wein in neuen Schläuchen oder eine Beschönigung ungeordneter Arbeitsprozesse darstellt, darum ranken sich seither viele Diskussionen – und auch Modellversuche, in denen wenig agile Großbetriebe sich kleine agile Arbeitsgruppen leisten, in denen das agile Prinzip ungestört erprobt werden kann.

Einer, der agiles Arbeiten von der Pieke auf gelernt hat und anfangs angestellt in einer Softwareschmiede, heute als Freiberufler tagaus tagein praktiziert, ist der Autor dieses Buches. Frederick Meseck ist Ingenieur und systemischer Coach, ein systemisch-agiler Berater. In diesem kompakten, sehr verständlich geschriebenen Buch führt er den Leser von der Entstehungsgeschichte des Begriffs über »Werte, Prinzipien und Praktiken« agiler Arbeit bis zu den dafür notwendigen Haltungen. Er beschreibt auch, wie man sich selbst auf den Weg zur Agilität machen und in einem agilen Betrieb als systemischer Berater gut arbeiten kann. Mehrere sehr gut gestaltete Grafiken erlauben auch visuellen Lesetypen einen guten Überblick über das sorgfältig Beschriebene. Fachberatung und Prozessberatung gehen in Mesecks Arbeit Hand in Hand.

Ein Genuss keineswegs nur für Agile sondern für abgebrühte alte Hasen ebenso wie für begeisterungsfähige Neulinge sind die drei Fallgeschichten, von denen je eine Organisations-, eine Team- und eine Einzelberatung darstellen. Der Autor erlaubt sich, formelhaft tönende Auftragsformulierungen wie »mehr Zusammenarbeit und Synergien« oder »den Kunden mehr einbeziehen« beständig, behutsam und freundlich infrage zu stellen. Das tut er bevorzugt, in dem er seine Auftraggeber fragt, wie optimistisch sie über den Erfolg der jetzt angestrebten Beratung denken? Würde die Beratung einen Unterschied zu früheren Initiativen machen? Welche Outcomes hält der Auftraggeberfür realistisch? Wenn Sie offen sprechen könnten: welche nicht geäußerten Themen würden sie hinzufügen? Dieses Vorgehen ähnelt dem »Humble Consulting« (»demütiges Beraten«), wie es der Bostoner Altmeister der Organisationsberatung Ed Schein im seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat – ein Vertrauensklima zu schaffen, in dem man dann offen fragen kann: »Und was wollen Sie wirklich?« (2017).

Auch Wege zum Aufbau von Vertrauen in den Berater werden anschaulich beschrieben – vorbereitende Einzelinterviews sind ein Teil davon. Für die Beratung in frustrierenden Kontexten – die im agilen Arbeiten offensichtlich nicht seltener sind als in konventionellen Arbeitsformen – nutzt der Autor schöne entlastende Metaphern. Er beschreibt die frustrierenden Abläufe als »Spiele«, die mit »Codeworten« verfremdend benannt werden dürfen. Er empfiehlt als Haltung »anzuerkennen, dass die Situation für beide Parteien nun mal so war, wie sie war. Dass genau dieses Ergebnis gerade das beste Ergebnis war, was sie zusammen im Stande waren herbeizufahren«. Ich (JS) würde diese Haltung »heilsame Resignation« nennen, meine Kolleginnen Julika Zwack und Ulrike Bossmann (2017) »heilsame Ent-Täuschung«. Auch der Einsatz einer »Frustbox«, in die aller Ärger entladen werden darf, gehört zu des Autors Frust-Bearbeitungs-Repertoire. Frederick Meseck zeigt immer wieder einen an Watzlawick geschulten Sinn für paradoxe Entwicklungen: Die angestrebte Lösung verschärft das zu lösende Problem, deshalb gilt es diese zunächst in Frage zu stellen.

So bietet dieses Buch seinen Leser:innen einen doppelten Gewinn: eine so kompakte wie sorgfältige fachliche Einführung in agile Arbeitsweisen und eine kluge Ideensammlung zum Umgang mit unausgereiften Beratungsaufträgen und frustrierenden Beratungssituationen.

Jochen Schweitzer

Zitierte Literatur

Schein, E. (2017): Humble Consulting. Die Kunst des vorurteilslosen Beratens. Heidelberg: Carl Auer Verlag

Zwack, J., Bossmann, U. (2017): Wege aus beruflichen Zwickmühlen. Navigieren im Dilemma. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Einführung

Mit diesem Buch möchte ich interessierte Leserinnen und Leser1, die bereits Erfahrung mit Beratung und speziell systemischer Beratung haben, in das Thema Agilität einführen. Das Wort Agilität wird in vielen Bereichen verwendet, doch ich spreche über diesen Begriff und dessen Umsetzung hier ausschließlich im Rahmen von Arbeitsprozessen. Dabei ist mir besonders wichtig, mehrdimensional auf Agilität zu blicken, um dem Facettenreichtum dieses Themas gerecht zu werden. Denn oft begegnet man sehr vereinfachenden Sichtweisen wie: »Agilität ist nichts Neues!«, »Agilität ist die Lösung aller Probleme!«, »Agilität bedeutet: Ich kann machen, was ich will!«. Diese Ansichten verkennen nicht nur das Potential des Begriffs, sondern wirken teilweise stark polarisierend. Daher wahre ich bei dem Thema Agilität, obwohl ich von den Kerngedanken und Ansätzen überzeugt bin, eine wachsame, vielleicht sogar kritische Beobachterposition.

Agilität ist mittlerweile zu einem großen, komplexen Themengebiet herangewachsen. Es bieten sich deshalb viele Möglichkeiten an, wie eine Einführung in die zentralen Gedanken und Grundbegriffe aussehen könnte. Ich habe mich entschieden, im ersten Teil dieses Buchs vor allem die wichtigsten Werte und Prinzipien agiler Arbeit aus unterschiedlicher Perspektive zu beleuchten. Da ich inmeiner eigenen Praxis als Berater agiles Arbeiten konsequent mit einer systemischen Denkweise zu einem systemisch-agilen Ansatz (kurz: sysagil) kombiniere, wird dies ein weiterer Fokus in meiner Darstellung sein. Ich beginne mit einer thematischen Eingrenzung, zu deren Verständnis auch der Blick zurück auf die historischen Ansätze von Agilität in der Arbeitswelt gehört. Die Werte, Prinzipien und Praktiken agiler Arbeit stelle ich nicht nur im Text, sondern auch mithilfe von Abbildungen vor, die das komplexe Thema kompakt visualisieren, um eine schnell erfassbare Arbeitsgrundlage für Berater zu bieten. Es folgt eine kurze Reflektion von (sinnvollen) Einsatzbereichen agiler Arbeit, die exemplarisch einen Eindruck vermitteln, für welche Organisationen bzw. wann Agilität in Frage kommen könnte. Anschließend leite ich über zu der Bedeutung des systemischen Ansatzes im agilen Kontext und zu meiner Rolle als systemisch-agiler Berater.

Im zweiten Teil des Buchs stelle ich drei relevante Praxisbeispiele vor, die typische Herausforderungen im Umgang mit Agilität beschreiben. Dabei hat jedes Beispiel einen unterschiedlichen Schwerpunkt der Beratung: von Organisations-, über Team- hin zur Einzelberatung. Wie alle drei Beratungsfälle zeigen, ist eine systemische Grundhaltung, kombiniert mit systemischen und agilen Methoden, ein wirkungsvolles Vorgehen in der Beratung.

_____________

1Ich verwende im Text in zufälliger Folge die männliche und weibliche Form. Im Sinne der gendersensiblen Sprache mögen sich bitte alle mitgemeint fühlen.

 

Der Kontext

 

Agilität: Was ist das?