Systemisch? - Sonja K. Görnitz - E-Book

Systemisch? E-Book

Sonja K. Görnitz

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Beschreibung

Markus LANZ sprach in seiner Sendung im ZDF am 21.10.2021 mit seinen Gästen über den Fall des ehemaligen BILD-Chefs Julian Reichelt. Sie fragten sich, ob Sexismus und Machtmissbrauch bei BILD-Berlin systemisch seien und ermutigten Frauen (auch Männer?), offen über ihre Erfahrung bei BILD-Berlin - oder überhaupt in den Medien - zu berichten. Dafür habe ich Textstellen aus meinem Tagebuch über mein Praktikum bei BILD-Berlin herausgesucht. Das dann bei Markus LANZ diskutierte Thema war schon 1993 brisant. Falls das Problem nicht systemisch ist, dann jedenfalls hartnäckig.

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Seitenzahl: 56

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Systemisch?

Systemisch? Mein Praktikum bei BILD-Berlin BILD-Berlin, Vorwort 1993-08-30, Montag, Grußkarte an meinen Vater 1993-08-30, Montag 1993-08-31, Dienstag 1993-09-01, Mittwoch, nach 23 Uhr 1993-09-02, Donnerstag 1993-09-03, Freitag, BILD-Berlin, Seite 3 (Umfrage) 1993-09-03, Freitag 1993-09-04, Samstag 1993-09-05, Sonntag 1993-09-06, Montag, BILD-Berlin, Seite 4 (Artikel) 1993-09-06, Montag 1993-09-07, Dienstag, BILD-Berlin, Seite 3 (Umfrage) 1993-09-07, Dienstag 1993-09-08, Mittwoch, BILD-Berlin, Seite 5 (Artikel) 1993-09-08, Mittwoch 1993-09-09, Donnerstag, BILD-Berlin, Seite 3 (Artikel) 1993-09-09, Donnerstag, BILD-Berlin, Seite 5 (Artikel) 1993-09-09, Donnerstag 1993-09-10, Freitag, BILD-Berlin, Seite 3 (Artikel) 1993-09-11, Samstag, BILD-Berlin, Seite 3 (Artikel, Nachdrehe) 1993-09-11, Samstag, Brief an meinen Vater 1993-09-12, Sonntag 1993-09-13, Montag, BILD-Berlin, Seite 3 (Artikel) 1993-09-13, Montag 1993-09-14, Dienstag 1993-09-14, Dienstag, später 1993-09-16, Donnerstag 1993-09-17, Freitag 1993-09-18, Samstag, BILD-Berlin, Seite 6 (Artikel) 1993-09-18, Samstag 1993-09-19, Sonntag 1993-09-20, Montag, 9 Uhr 1993-09-21, Dienstag 1993-09-22, Mittwoch, BILD-Berlin, Seite 7 (Artikel): 1993-09-23, Donnerstag, BILD-Berlin, Seite 6 (Artikel): 1993-09-23, Donnerstag 1993-09-24, Freitag, BILD-Berlin, Seite 8 (Artikel) 1993-09-24, Freitag 1993-09-25, Samstag, BILD-Berlin, Seite 3 (Umfrage) 1993-09-25, Samstag 1993-09-26, Sonntag 1993-09-27, Montag, BILD-Berlin, Seite 4 (Artikel) 1993-09-28, Dienstag, BILD-Berlin, Seite 5 (Meldung) 1993-09-29, Mittwoch, BILD-Berlin, Seite 6 (Artikel) 1993-09-30, Donnerstag, BILD-Berlin, Seite 5 (Artikel, Nachdrehe) 1993-09-30, Donnerstag 1993-10-01, Freitag, BILD-Berlin, Seite 3 (Artikel) 1993-10-01, Freitag, BILD-Berlin, Seite 4 (Artikel) BILD-Berlin, NachwortImpressum

Systemisch?

Mein Praktikum bei BILD-Berlin

1. bis 30. September 1993

Sonja K. Görnitz

BILD-Berlin, Vorwort

Markus Lanz sprach in seiner Sendung im ZDF am Donnerstag, 21. Oktober 2021 über den Fall des BILD-Chefs Julian Reichelt mit seinen Gästen:

Daniel Drepper (Journalist im Team von 

Ippen Investigativ

 und der 

New York Times

)

Caroline Rosalis (Redakteurin bei 

ZEIT Online

 und Autorin)

Melanie Amann (Journalistin in der Chefredaktion vom 

Spiegel

)

Hajo Schumacher (Publizist und Kolumnist) und

Michael Müller (Politiker, SPD, noch Regierender Bürgermeister von Berlin).

Sie fragten sich, ob Sexismus und Machtmissbrauch bei BILD-Berlin systemisch seien und ermutigten Frauen (auch Männer?), offen über ihre Erfahrung bei BILD-Berlin — oder überhaupt in den Medien — zu berichten.

Dafür habe ich nun Textstellen aus meinem Tagebuch über mein Praktikum bei BILD-Berlin herausgesucht. Das dann bei Markus LANZdiskutierte Thema war schon 1993 brisant.

Ich stamme aus Hamburg, war derzeit 21 Jahre alt, machte drittes Praktikum in den Medien und war zum ersten Mal allein in einer anderen Stadt.

Über die Mitwohnzentrale mietete ich ein Zimmer und hatte dann glücklicherweise die ganze Wohnung für mich (bei U-Blissestraße).

Privat beschäftigte mich die Trennung von meinem ersten Partner nach drei Jahren Beziehung. Meine Eltern waren längst geschieden. Meine Mutter (Leserin vom Hamburger Abendblatt) arbeitete Vollzeit in einer großen, internationalen Firma in Hamburg. Mein Vater (Leser von BILD und Cuxhavener Nachrichten) kam für drei Wochen ins Krankenhaus.

In der Zeit vom 1. bis zum 30. September 1993 gab es insgesamt sechs Praktikant*innen bei BILD-Berlin. Ich war die Einzige, die am Ende des Monats von ihnen übrig geblieben ist.

Ich sah diese Hierarchie:

ein oberster Chef (lieb)

drei mittlere Chefs (chaotisch)

zwei oder drei Redakteur*innen; zudem Reporter*innen, Fotografen und freie Journalist*innen (die meisten nett)

sechs Praktikant*innen (neu dabei)

Die Namen sind geändert. Den obersten Chef nenne ich hier „den großen Chef“ (40+ Jahre alt), die drei mittleren Chefs die „Drei Herren“ bzw. Herrn Anton, Herr Berta und Herr Cäsar. Da war noch ein zweiter oberster Chef, aber von ihm bekam ich zwischenmenschlich nur wenig mit. Der Text ist zur besseren Lesbarkeit leicht redigiert.

Die BILD-Berlin-Redaktion („Neue Bundesländer“ stand mit ihm Briefkopf) war in der Charlottenstraße 13 im derzeitigen W-100 Berlin 61 (Nähe U-Kochstraße), auf mindestens zwei Stockwerke verteilt. Die Zentrale von BILD-Bund (mit den Seiten für ganz Deutschland) lag am Axel-Springer-Platz 1 in 20355 Hamburg.

Sechs Tage die Woche (samstags frei), von 9 Uhr bis oft Open End. Täglich fanden morgens Themenkonferenzen statt, in denen wir Praktikant*innen Ideen einbringen konnten. Vom ersten Tag an gingen wir jeweils mit einem Fotografen los, recherchierten und schrieben Texte zur Deadline ins System. Ich lernte schnell, meinen ursprünglichen Beitrag von rund 120 Zeilen auf genau 30 zu kürzen.

Die Schlagzeilen wurden vor allem von den Männern am „Balken“ im dritten Stock geschrieben. Die Beiträge, die ich geschrieben bzw. an denen ich mitgearbeitet habe, erwähne ich in diesem E-Book.

Jedes Praktikum ist anders. Diese Tagebuchauszüge zeigen möglichst authentisch die erlebten Dynamiken aus meiner derzeitigen Perspektive. Ich verzichte weitgehend auf Kommentare. Der Text spricht für sich.

Ich entschied mich, auch einige private Informationen im Text zu zeigen, weil sie mein Verhalten im Verlag vermutlich erklären.

Idealerweise nützt dieser Text zur besseren Verständigung zwischen den Geschlechtern in unserer Gesellschaft, insbesondere bei der Arbeit (in den Medien). Dies ist mein Beitrag zur Debatte zum Thema Sexismus und Machtmissbrauch.

Falls das Problem nicht systemisch ist, dann jedenfalls hartnäckig.

Sonja Görnitz

25. Oktober 2021

***

P.S. Heute kontaktierte ich dasMarkus LANZ-Team und die Gäste der Runde, habe mir die Sendung noch einmal angesehen. Nun denke ich:

Bei meinem BILD-Berlin-Praktikum war ich eine 21-jährige Berufseinsteigerin in einem der mächtigsten Medienhäuser Europas mit einem krassen Machtgefälle (wie an einem mittelalterlichen Königshof) in einem toxischen Arbeitsverhältnis, in dem ich mich von der Gunst des Chefs abhängig fühlte. Zum Beispiel war mir ein gutes Zeugnis wichtig. Das bekam ich. Jedes Zeugnis gehörte zu den Bausteinen meiner weiteren beruflichen Laufbahn.

Wenn Herr Lanz mehrfach fragt: "Wie muss man sich das vorstellen?", dann gibt mein Text eventuell erkenntnisreiche Einblicke. 

Die letzten Tage schrieb ich diesen Text nicht in Wut oder aus Rache, da ist auch keine Häme und, ich glaube, kein Bashing. Im Nachhinein liest es sich für mich auch wie Klamauk, aber dafür dieses große strukturelle Problem "Sexismus und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz" zu ernst.

Viele Menschen wussten viel über die Machtstruktur und den Machtmissbrauch (Boys‘ Club) über einen langen Zeitraum. Frau Rosalis erlebte die Missstände beiBILDvor zehn Jahren, ich im Jahr 1993. Ängste erzeugten Schweigen. Eine Kultur soll entstehen, in der Personen sich trauen, auch über derartige Probleme zu sprechen. Ich lege meinen Text nun auf den Tisch und möchte damit einen Teil zur gesunden Modernisierung der Medien beitragen.

Wie Herrn Döpfner (Videobotschaft, 20.10.2021, YouTube) ist auch mir die Trennung zwischen Privatem und Öffentlich-Gemachtem sehr wichtig, dass ich frei darüber entscheide, was aus meinem Leben veröffentlicht wird und was nicht. Ich bemühe mich, das Privatleben von anderen Menschen zu achten.

Hätte die Führung von Axel Springer schon viel früher Konsequenzen ziehen müssen, fürs gute und erfolgreiche berufliche, überhaupt menschliche Miteinander? Wie wären beiBILDzum Beispiel 1. die tatsächlich wahre Wiedergabe von Geschehnissen und 2. eine Frauenquote von 50 : 50 (wie in der Schule)? Damit stünden deutsche Medien international ganz gut da. — Now is the time.

26. Oktober 2021

***

Dies soll zwar keine übliche Urlaubsreportage werden, aber dennoch möchte ich nicht darauf verzichten, über die Geschehnisse bzw. über meine bisherigen Taten hier in Berlin zu berichten.

Tagebuch, 30.8.1993

***

1993-08-30, Montag, Grußkarte an meinen Vater

Lieber Papa!

Nun laufen alle Vorbereitungen dem Ende zu. Zwei Wochen war volles Programm. Jetzt ist fast alles geschafft; nur noch die letzten Kleinigkeiten müssen zusammengetragen werden. Dann fahre ich heute um 20 vor 17 Uhr mit dem Bus nach Berlin. Am Mittwoch beginnt mein Praktikum bei der BILD-Zeitung.

Anfang Oktober bin ich wieder in Hamburg, und beziehe dann gleich meine neue Wohnung, das heißt mein Zimmer in Altona. Auch dafür habe ich schon das Wichtigste zusammengeräumt.