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Die Reihe „Praxis Psychotherapie“ beleuchtet die in Österreich anerkannten psychotherapeutischen Methoden und zeigt kompakt und verständlich fundiertes Basiswissen, neueste Entwicklungen und die Anwendung in der Praxis auf. Band 1 rückt die Systemische Familientherapie (SF) in den Fokus. Neben einer Einführung in die Methode werden zunächst die theoretischen Fundamente, auf denen die Praxis der systemischen Psychotherapie aufbaut, beschrieben. Weiters werden unterschiedliche Interventionsformen, die die systemische Praxis prägen, anschaulich dargestellt. Im dritten Teil des Buches wird anhand von zwei systemischen Therapieprozessen die Anwendung der Theorie und Praxis im Therapiealltag skizziert.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2020
Sylvia Neuberger, Christina Lenz, Iris Seidler
Die Autorinnen
Mag.a Dipl.-Päd.in Sylvia Neuberger, BA pth, Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie, Hypnotherapie) in freier Praxis in Wien; Lehrtherapeutin an der la:sf – Lehranstalt für Systemische Familientherapie, Wien; stv. Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen, Wien.
Mag.a Dr.in Christina Lenz, Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie) in freier Praxis in Wien; Lehrtherapeutin an der la:sf – Lehranstalt für Systemische Familientherapie, Wien.
Dr.in Mag.a Iris Seidler, Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie) in freier Praxis; Lehrtherapeutin an der la:sf – Lehranstalt für Systemische Familientherapie, Wien; Redakteurin der Fachzeitschrift „Systemische Notizen“.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Angaben in diesem Buch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr, eine Haftung der Autorinnen oder des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage 2020
Copyright © 2020 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.
Lektorat: Mag. Katharina Schindl, Wien
Satz: Wandl Multimedia-Agentur, Groß Weikersdorf
Umschlagbild: © Jazmin Quaynor/unsplash.com
Druck und Bindung: Druckerei Berger, Österreich
Printed in Austria
ISBN 978-3-7089-1933-1
elSBN 978-3-99030-951-3
Einleitung – Zugänge der Autorinnen
1Theoretische Grundlagen Systemischer Psychotherapie
Iris Seidler
1.1Hinführung
1.2Systemtheorie
1.2.1Fokus auf Systeme
1.2.2Kybernetik
1.2.3Selbstorganisation, Autopoiese und Strukturdeterminismus
1.2.4Synergetik
1.3Epistemologie: Erkennen als subjektiver Prozess, Konstruktivismus und seine Implikationen
1.3.1Beobachtersatz und Kybernetik II
1.3.2Beobachten: Unterscheiden und Bezeichnen
1.3.3Erzählung als Beobachtung
1.3.4Hypothetisieren
1.3.5Neutralität
1.4Problemtheoretische Annahmen
1.4.1Zirkularität
1.4.2Entstehung und Aufrechterhaltung von Problemen
1.4.3Verständnis von Störung und Diagnose
1.5Lösungstheoretische Annahmen
1.5.1Wahl des Settings
1.5.2Ressourcenorientierung
1.5.3Lösungsorientierung
1.5.4Therapeutische Beziehung
1.6Schlussbemerkung
2 Praxis Systemischer Psychotherapie – Interventionen
Sylvia Neuberger
2.1Setting
2.2Zielarbeit, Auftragsklärung
2.3Ressourcenaktivierung
2.4Systemisches Fragen
2.5Genogrammarbeit
2.6Externalisierungen
2.7Teilearbeit
2.8Visualisierungen
2.9Metaphern und Geschichten
2.10Rituale
2.11Experimente – Neue Wege wagen
3 Fallskizzierungen
Christina Lenz
Mut für die nächste Abfahrt
Ein Stein nach dem anderen
4Anhang
4.1Ausbildungseinrichtungen
4.2Literatur
Ein sehr geschätzter Kollege hat mich vor geraumer Zeit gefragt, welchem systemischen Ansatz ich mich zugehörig fühlen würde. Die Frage verunsicherte mich damals etwas, da es mir nicht möglich war, sie stringent zu beantworten. Heute, viele Jahre später, bekenne ich mich ganz offen zu dem, was ich damals schon fühlte: Mein Zugang war und ist ein bedarfsorientierter, passend zu Auftrag und Kontext. Damit sehe ich mich letztlich auch in guter konstruktivistischer Tradition. Anstatt mich an Kämpfen rund um die Frage, wer wohl des Siegespokals würdig wäre, zu beteiligen, entschied ich mich für „Alice im Wunderland“ und das Dodo bird verdict: „Everybody has won, so all shall have prizes.“ (Carroll, 1999, S. 33; s. Kap. 1.1) Heutige Psychotherapieforschung scheint dies zu bestätigen. Günter Schiepek hält fest, „daß Technikvariablen im Vergleich zu Therapeuten-, Patienten- und vor allem Beziehungsmerkmalen nur einen verhältnismäßig geringen Anteil des Therapieergebnisses erklären“ (Schiepek, 1999, S. 152f).
Tatsächlich galt und gilt mein Interesse vielmehr der Frage der Nützlichkeit – cui bono? Vor diesem Hintergrund fühle ich mich frei, aus der Schatztruhe systemischen Denkens, systemischer Ansätze und sich daraus entwickelnder Interventionen zu wählen. Wenn dann in therapeutischer Co-Kreation zwischen Klient*in und Psychotherapeut*in schließlich ein prächtig blühender Baum, der reiche Früchte zu tragen verspricht, bewundert werden kann, sind es auch die verzweigten, manchmal tief verborgenen Wurzeln systemischen Denkens, die maßgeblich am Erfolg beteiligt sind.
Natürlich sind mir einige Axiome, die sich in besonderer Weise für mich und andere bewährt haben, besonders ans Herz gewachsen. Zunehmend wurden sie in mir zu Haltungen, die mir halfen, hilfreich zu sein – für mich selbst und für andere.
Nennen möchte ich hier meine tiefe Überzeugung, dass Menschen Expert*innen für das eigene Leben sind, ausgestattet mit Ressourcen und Fähigkeiten, die ihnen helfen, dieses zu meistern. Im psychotherapeutischen Kontext dürfen wir in unserer Funktion als systemische Therapeut*innen hermeneutisch unterstützend tätig werden. Es war Virginia Satir, für viele die Mutter der Familientherapie, die mich schon früh mit ihrer Haltung beeindruckte und von der ich lernen durfte.
Spannend war und ist für mich auch immer wieder die Beobachtung von Systemen in ihrer Fähigkeit, sich autopoietisch zu organisieren. Mit einer Haltung des Staunens und der Neugierde darf ich oft überraschende Entwicklungen erleben, die letztlich, all meiner Skepsis zum Trotz, einen erstaunlichen Gewinn an Stabilität bei gleichzeitiger Flexibilität erzeugen.
Der Abschied von Wahrheiten aller Art zugunsten interessierter Beobachtung der unterschiedlichen Wirklichkeiten von Menschen erleichtert mein therapeutisches Tun in hohem Ausmaß. Gelingt es mir auf diese Weise, in einer Haltung der Neutralität zu verweilen, erlebe ich dies als überaus hilfreich für meine Arbeit.
Es ist schön zu wissen, dass der entwicklungsorientierte und wertschätzende Blick auf den Menschen auch für mich gilt. Diese Überzeugung gibt Kraft, in das Leben einzutauchen, in das eigene und in das von anderen, respektvoll und wertschätzend.
Ich komme aus einer Pädagog*innenfamilie. Schon seit ich denken kann, wurden in meiner Familie Kinder in Bezug zu ihren Eltern, Familien in Bezug zu ihrer Herkunft, Erwachsene in Bezug zu ihren Berufen und alle diese Faktoren in Bezug zu ihren Auswirkungen verstanden und besprochen. Ich wurde in eine Familie geboren, in der die Gewissheit, dass Menschen in Systemen leben und sich in Beziehung zu diesen entwickeln, unumstößlich war, auch, wenn ich diese Terminologie damals nicht kannte. Dass das eigene Handeln Auswirkungen auf andere hat und die Handlungen anderer Auswirkungen auf mich haben, erlebte ich während meines Heranwachsens als eine Tatsache.
Auch ich entschied mich nach der Matura für das Studium der Pädagogik und die Ausbildung zur Volksschullehrerin. Nun wurde ich aus anderer Perspektive mit Kindern und ihren Familien, mit Familien und ihren Kindern, den unterschiedlichen Prägungen, mit Individuen in Gruppen, mit individuellen Gruppen vertraut.
Der Wunsch, Psychotherapeutin zu werden, war bereits in meiner Jugend entstanden und verfestigte sich in der Zeit meiner pädagogischen Ausbildung. Systemische Psychotherapie war für mich die Möglichkeit, meine Prägung und meine Überzeugungen für meinen zukünftigen Beruf als Psychotherapeutin zu nützen.
Was ich vor allem durch die Ausbildung und die Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen gefunden habe und nach wie vor finde, sind Aspekte, die das systemische Menschenbild prägen. Systemische Psychotherapie ist durch die Wertschätzung den Klient*innen, ihren Familien und ihren anderen Bezugssystemen gegenüber gekennzeichnet. Ich als systemische Psychotherapeutin habe Respekt vor dem Werden, vor dem Ringen, vor dem Suchen der Menschen. Ich erlebe das alles als den Weg, den Menschen in ihrem Leben vorfinden, der ihre Entwicklung ausmacht. Darin Einblick zu bekommen und die Menschen begleiten zu dürfen ist ein Vertrauensbeweis. Diesen schätze ich und nehme ihn respektvoll an.
Was die therapeutischen Gespräche an sich betrifft, so mag ich die Ordnung. Die Gespräche und auch der Therapieprozess an sich sind in der Systemischen Therapie klar strukturiert. Diese Struktur gibt die nötige Sicherheit, durch die ich mich dann in jedem Gesprächsverlauf mit Kreativität den individuellen Bedürfnissen des*der Klient*in zuwenden kann. Andererseits schätze ich die Möglichkeit gemeinsam mit den hilfesuchenden Menschen frei-, quer-, anders- und umzudenken und „umzufühlen“ und neue Handlungswege zu erkunden; kurz: mich gemeinsam mit Menschen auf die Suche nach Unterschieden zu begeben.
Möge dieses Buch eine Gelegenheit bieten, theoretische und praktische Grundstrukturen der Systemischen Psychotherapie kennenzulernen, und gleichzeitig eine Einladung zum individuellen, kreativen Arbeiten sein.
Es begann mit einer entscheidenden Frage. Ich war gerade mit meinem Medizinstudium fertig geworden und hatte mich im Fachspezifikum für Systemische Familientherapie beworben, zu diesem Zeitpunkt noch aus überwiegend pragmatischen Gründen. Ich hatte wenig Grundkenntnisse in Systemischer Therapie.
„Was müsste ich tun, damit Sie diese Ausbildung nicht machen wollen?“ Die Einstiegsfrage meines späteren Lehrers und noch später Kollegen und Freundes Helmut de Waal stellte einen Wendepunkt in meinem Leben dar. Zum ersten Mal wurde ich in dieser Verdichtung mit dem konfrontiert, was ich später mit dem Fachvokabel „Zirkularität“ unterlegen sollte. Eine Wechselwirkung, eine Verknüpfung. Einfach. Einfach? Das eine hat Auswirkungen auf das andere. Ja, klar, das wusste ich natürlich. Aber in diesem Kontext? Mein Wunsch, Psychotherapie zu erlernen, war also auf eine solche Weise zu hinterfragen? Außerdem war da noch diese irritierende Einladung, ein offensichtlich unerwünschtes Ergebnis zu provozieren. Ich war verwirrt. Und ich dachte nach.
Aufgewachsen bin ich in einem naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus: Mein Vater Biologe an der Universität, meine Mutter Psychologin. Von klein auf war mir das Denken in Fakten, linearen Gesetzmäßigkeiten und Ordnungen vertraut, sowohl was menschliche Knochen als auch was intrapsychische Prozesse und zwischenmenschliche Beziehungen betraf. Ich kannte mich gut aus mit Einteilungen und Hierarchien und konnte mich problemlos in komplizierten Strukturen zurechtfinden. Im Studium der Medizin und in vielen anderen Lebenskontexten stellt das eine äußerst hilfreiche Grundlage dar. Die Frage „Was müsste ich tun, damit Sie diese Ausbildung nicht machen wollen?“ verstörte in diesem Moment allerdings die mir bekannten Gesetzmäßigkeiten. „Der ist verrückt!“, dachte ich. Mir war aber auch sofort klar, dass ich in dieser Verrücktheit auf eine Spur gestoßen war, die ich weiterverfolgen wollte. Eine Spur, die das mir bisher Bekannte erweitern und bereichern sollte.
„Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.“ (Kurt Lewin, zit. nach Loebbert et al., 2011, S. 47)
Seit jeher versuchen Menschen sich in der Welt zurechtzufinden, in die sie hineingeboren wurden. Sie versuchen ihre Wahrnehmungen zu ordnen und Zusammenhänge zu erkennen, sie wollen einen Sinn für sich und diese Welt finden. Sich auszukennen ist notwendig, um zu überleben. Diese Orientierung auf das reine Überleben ist aber offenbar nicht genug. Von jeher versuchen Menschen auch, das Leben nicht nur zu verstehen, sondern auch Einfluss darauf zu nehmen, um es für sich selbst und ihre Nachkommen besser und angenehmer zu gestalten und damit auch Wirksamkeit gegen Ausgesetztheit zu erfahren. Die Hoffnung und Überzeugung, dass das möglich ist, sind Basis für diese Unternehmungen und werden durch gelungene Gestaltungen weiter genährt. Der Gestaltungswille zeigt sich einerseits in der Nutzbarmachung und Weiterentwicklung der bereits vorgefundenen Materialien. So wurden mit großen Anstrengungen etwa das Feuermachen entdeckt, das Rad erfunden, Sterne beobachtet, Wissenschaften gegründet, Medikamente entwickelt, Autos gebaut und vieles mehr. Dieser Gestaltungswille zeigt sich andererseits auch in der aktiven Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen. Liebe, Nähe zu anderen Menschen und die Bezogenheit aufeinander im Sinn von Hingabe und Einflussnahme sind weitere Grundpfeiler menschlicher Existenz. Und so entwickelte sich auch das, was wir heute als Psychotherapie bezeichnen: der Versuch, das menschliche Erleben und Handeln einzuordnen und zu verstehen und gegebenenfalls dabei zu helfen, es vom Leidvollen zum Positiven zu verändern.1
Allen psychotherapeutischen Schulen geht es darum, Menschen angesichts ihres Leidens zu helfen. Sigmund Freud (1904, S. 8) betonte, man könne „sich auch nie etwas anderes zum Ziel der Behandlung setzen als die praktische Genesung des Kranken, die Herstellung seiner Leistungs- und Genußfähigkeit“, was später oft als die Wiedererlangung von Arbeits- und Liebesfähigkeit wiedergegeben wurde. Um es in anderen Worten zu sagen: Menschen sollten dazu befähigt werden, die oben erwähnten Grundbedürfnisse nach Sinn, Wirkmacht und gelungenen Beziehungen wieder ausreichend befriedigen zu können.
Dabei hat jede Schule, je nach ihrer Orientierung, unterschiedliche theoretische Ansätze und ein anderes Behandlungsrepertoire, sie fokussiert auf bestimmte intra- und interpsychische Aspekte, die sie für den Veränderungsprozess als relevant erachtet, und marginalisiert andere.
Immer wieder wird kontrovers diskutiert, ob einzelne psychotherapeutische Schulen in Bezug auf ihre Wirksamkeit den anderen überlegen sind. Mehrheitlich wird nach gegenwärtigem Forschungsstand davon ausgegangen, dass alle wissenschaftlich fundierten psychotherapeutischen Richtungen grundsätzlich gleich wirksam sind. Das wird nach Saul Rosenzweig (1936) als Dodo bird verdict bezeichnet: „Jeder hat gewonnen, und alle müssen Preise bekommen.“2 (Carroll, 1999, S. 33) Die Diskussion darüber, ob einzelne psychotherapeutische Schulen in Bezug auf ihre Wirksamkeit den anderen überlegen sind, wird aus unterschiedlichen Gründen wohl noch länger andauern und es scheint an dieser Stelle wenig sinnvoll, in diese einzutauchen.
Sinnvoller erscheint mir, die Unterschiede zwischen den Denkrahmen, den Verständnissen der Welt und ihrer Zusammenhänge, auf dem die jeweiligen Methoden und ihr Einsatz beruhen, zu benennen und näher zu beschreiben. In diesen Denkansätzen unterscheiden sich die einzelnen Therapieschulen zum Teil beträchtlich voneinander. Ihre metatheoretischen Rahmen sind genau ausformuliert und unterliegen einer Prüfung durch einen wissenschaftlichen Beirat, bevor sie als eigenständige psychotherapeutische Behandlungsformen anerkannt werden.
Systemische Psychotherapie ist eine der vier derzeit in Österreich anerkannten psychotherapeutischen Hauptströmungen und ist gekennzeichnet durch einen eigenständigen Theorierahmen sowie durch spezifische Methoden.
Mit systemischem Denken ist eine umfassende erkenntnistheoretische Rahmung gemeint, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in unterschiedlichen Disziplinen annähernd gleichzeitig entwickelt hat und die unter anderem in der Psychotherapie und in angrenzenden psychosozialen Disziplinen Anwendung findet. Die wesentlichen Grundlagen dieser erkenntnistheoretischen Rahmung sind die Systemtheorie mit den Konzepten zu Selbstorganisation und Steuerung von Systemen, weiters der Konstruktivismus sowie schließlich die Beziehung der Konzepte zueinander.
Wissen ist nie umfassend. Die ganze Fülle der Theorie und Praxis systemischen Denkens zu erfassen, ist nicht möglich, weil jede*r Autor*in auswählt und eigene Entscheidungen, das heißt: Unterscheidungen trifft. Jede Beschreibung betont je nach Fokus bestimmte Aspekte und vernachlässigt andere, Auslassungen sind unvermeidlich. Im Folgenden werden daher jene Grundlagen, die mir wesentlich erscheinen, herausgegriffen und beschrieben.
Wissen ist außerdem keine feste Größe, sondern hat sich entwickelt, ist auch weiterhin Veränderungen unterworfen und lädt im besten Fall zum Weiterdenken ein. Die hier beschriebenen Aspekte sollen daher nicht als gültige Wahrheit verstanden werden, sie stellen vielmehr die Basis für das Handeln von heute und für die Grundlagen von morgen dar. Jeder Sachverhalt kann am besten im Kontext seiner Geschichte gesehen werden: Um das jeweils gültige Wissen zu verstehen, ist es hilfreich, zu sehen, wie es sich entwickelt hat.3
Gregory Bateson, ein wesentlicher Vordenker der Systemischen Therapie, hat diese Herangehensweise in einem seiner bekannten Metaloge (fiktive Dialoge zwischen ihm und seiner Tochter) zusammengefasst:
„Tochter:
Pappi, wieviel weißt du?
Vater:
Ich? Hmmm – ich habe so etwa ein Pfund Wissen.
T:
Sei nicht albern. Ist es ein Pfund Sterling oder ein Pfund Gewicht?Ich meine, wieviel weißt duwirklich?[…]Weißt du mehr als Johnnys Vater? Weißt du mehr als ich?
V:
Hmmm – ich kannte mal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte: ,Wissen Väter immer mehr als Söhne?‘, und der Vater sagte: ,Ja‘. Die nächste Frage war: ,Pappi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?‘, und der Vater sagte: ,James Watt‘. Darauf der Sohn: „– aber warum hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?‘
T:
Ich weiß. Ich weiß mehr als dieser Junge, weil ich nämlich weiß,warum es nicht James Watts Vater war. Weil erst mal ein anderer was anders denken mußte, bevorirgendwereine Dampfmaschine bauen konnte. Ich meine, so was wie – ich weiß nicht – aber es muss eben irgendwer Öl entdecken, bevor irgend jemand eine Maschine bauen konnte.
V:
Ja – da besteht schon ein Unterschied. Ich meine, es bedeutet, dassalles Wissen irgendwie miteinander verstrickt ist oder verwoben, wie Stoff, und jedes Stück Wissen hat nur Nutzen und Sinn durch die anderen Stücke – und …“ (Bateson, 1981, S. 53)
Dieser Buchbeitrag soll eine Einführung in systemisches Denken und systemisch-psychotherapeutisches Handeln darstellen und im besten Fall Lust machen, sich mit detaillierterer Fachliteratur auseinanderzusetzen, auf die in den jeweiligen Kapiteln hingewiesen wird. Die vorgestellten Inhalte stellen eine Auswahl dar, die sich mit dem Fachkanon deckt, die aber auch kontrovers diskutiert werden kann und soll.
Der Fokus der psychotherapeutischen Forschung und Behandlung lag in ihren Anfängen vorrangig auf dem Individuum und seinen Symptomen, die Patient*innen wurden einzeln behandelt. 1945 veröffentlichte Henry B. Richardson das Buch „Patients have Families“: „The family is the unit of illness, because it is the unit of living.“ (Richardson, 1945, S. 76) Dass Patient*innen Familien haben, klingt selbstverständlich. Diese Familien und unmittelbaren Lebenskontexte allerdings auch aktiv in die Überlegungen zur „Krankheit“ und in die Behandlung einzubeziehen, war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ein eher ausgeblendeter Aspekt.
Virginia Satir, eine der Familientherapeut*innen der ersten Stunde, meinte beispielsweise: „Damals wurden Väter nicht wirklich als Teil des Gefühlslebens einer Familie angesehen, deshalb dachten Therapeuten gewöhnlich gar nicht an sie.“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 19)
Das Denken in vernetzten zwischenmenschlichen Zusammenhängen hat den Weg für das stärkere Einbeziehen der Familie in die Individualbehandlung geöffnet und kann als der Beginn der Familientherapie gesehen werden. Einige psychoanalytisch oder humanistisch geprägte Psychotherapeut*innen und Sozialarbeiter*innen begannen zur gleichen Zeit damit, den Fokus ihrer Überlegungen weniger auf den einzelnen Menschen und mehr auf die Familie als ein System zu legen, in dem die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Mitgliedern von großer Bedeutung sind.4
Mit ein Auslöser für die neuen Behandlungsinitiativen der ersten Familientherapeut*innen war wohl auch die hohe Zahl von Rückfällen nach anfänglichen Therapieerfolgen, nachdem Patient*innen aus der stationären Behandlung nach Hause entlassen worden waren. Es wurde deutlich, wie sehr die Familienmitglieder in die Problematik der Betroffenen eingebunden waren.
In einer ersten Definition wurde ein System als eine Gesamtheit von Elementen bezeichnet, die aufeinander bezogen sind und wechselwirken. Sie grenzen sich gegenüber der sie umgebenden Umwelt ab und können als eine zweck- und sinngebundene Einheit angesehen werden. Ludwig von Bertalanffy beschreibt in den 1940er-Jahren zum ersten Mal eine Allgemeine Systemtheorie als eine interdisziplinäre Betrachtungsweise, in der grundlegende Prinzipien von so unterschiedlichen Systemen wie einer Zelle, dem Menschen, einer Familie oder einer größeren Organisation beschrieben werden (vgl. Bertalanffy 1968).
Mit der vermehrten Einbeziehung von Familienmitgliedern in die Behandlung stellte sich die Frage, wie ein Familiensystem im Sinne seines Erhalts, seiner Weiterentwicklung und seiner Wechselwirkung mit der Umwelt reguliert und gesteuert wird.
Anstöße zu einer neuen Sichtweise gingen u.a. in den 1950er-Jahren von einer Forschergruppe rund um Gregory Bateson in Palo Alto, Kalifornien, aus. Er und Kollegen wie Jay Haley oder Paul Watzlawick beschäftigten sich mit als schizophren diagnostizierten Patient*innen und verstanden deren Verhalten im Zusammenhang mit dem Verhalten der übrigen Familienmitglieder als sinnhaft. Der*die Patient*in ist also nicht schizophren, sondern sein/ihr Verhalten scheint im Gesamtzusammenhang als sinnvolle Antwort auf bestimmte Umweltbedingungen. Diese Sichtweise war als klare Abgrenzung zu den damals vorherrschenden individualpathologischen Ansätzen zu verstehen.
Der Begriff Kybernetik leitet sich vom altgriechischen Wort kybernétes (Steuermann) her und geht auf die 1940er-Jahre und den amerikanischen Mathematiker Norbert Wiener zurück (vgl. Wiener, 1948). Als Kybernetik wird im Allgemeinen die Lehre von Regel- und Steuerungsmechanismen in trivialen Systemen wie Maschinen sowie in nicht-trivialen, komplexen Systemen wie lebenden Organismen und sozialen Gefügen bezeichnet. Wichtige Begriffe sind hier Regulation, Kontrolle und Steuerung durch Rückkoppelung (Feedback) in einem Regelkreis. Ein Beispiel für eine Rückkoppelung in einem sogenannten trivialen System wäre eine Heizung mit Thermostat (Ist-Wert, Soll-Wert, Anpassung): Kein Teil funktioniert für sich allein, jede Funktion stellt eine Antwort auf etwas Vorhergegangenes dar und bewirkt wiederum eine nachfolgende Funktion eines anderen Teils dieses Systems.
Im Kontext von Psychotherapie meint „Kybernetik 1. Ordnung“, dass man begann, die Art des Denkens in Regelkreisen sowie in sinn- und zweckgebundenen Einheiten vermehrt auch auf soziale Systeme anzuwenden, also auf Familien bzw. auf Patient*innen, die Teil eines familiären Gefüges sind. Daher diagnostizierte man nun nicht mehr eine*n Patient*in, sondern ein System, und ging davon aus, dass das, was der*die Patient*in an Symptomen zeigt, zwar leidvoll ist, aber auch irgendeinen (noch nicht zugänglichen) Sinn bzw. eine Funktion für dieses System hat. Sein*ihr Verhalten stellt also einen Teil eines Regelkreislaufs oder Kommunikationsmusters dar. Nicht mehr der einzelne Mensch stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern vielmehr der Kontext seines Lebens, eine Vielzahl an unterschiedlichen Bedingtheiten und Interaktionen.
Verbunden mit dem Konzept von Systemen ist die Frage, wie Erhaltung und Entwicklung in Systemen autonom geregelt und von außen beeinflusst werden können, und damit auch die Frage nach der Einschätzung der Einflussmöglichkeiten und der Haltung des*der Psychotherapeut*in.
„Jetzt hab ich es schon so oft probiert und ich schaffe es nicht. Können Sie mir endlich sagen, was ich tun soll?“, „Jemand muss meinen Mann zur Vernunft bringen.“, „Bitte heilen Sie mein Kind!“ – solche und ähnliche Formulierungen entspringen der Sorge und der Not von Hilfesuchenden und werden oft an den*die Therapeut*in gerichtet. Sie sind nur zu gut verstehbar und entsprechen einem Denken, das in unserer Gesellschaft weit verbreitet und im Alltag auch oft nützlich ist, nämlich der Idee, man könne etwas „von außen“ durch Expertise zielgerichtet beeinflussen, reparieren oder gar punktgenau steuernd eingreifen. Die aus dem 16. Jahrhundert stammende Redewendung „etwas eingetrichtert bekommen“ ist Ausdruck dieser Art zu denken: Wenn man etwas nur oft oder bestimmt genug gesagt bekommt und folglich das Richtige tut, wird es irgendwann zum gewünschten Ergebnis führen.
Aus systemischer Sicht ist bei nicht-trivialen Systemen wie Familien oder auch dem einzelnen Menschen allerdings keine direktive Instruktion in dem Sinne möglich, dass ein bestimmtes Ergebnis genau vorhersehbar ist. Man kann kein Wissen/keinen Vorschlag von einer Person direkt auf eine andere übertragen bzw., um beim Bild des Trichters zu bleiben, Lerninhalte nicht wie Substanzen in ein Gefäß füllen.
Die Grundlage für diesen Ansatz bilden die Konzepte von Autopoiese und Strukturdeterminismus. Sie entstammen dem Gebiet der Biologie und wurden von Humberto Maturana und Francisco Varela beschrieben. Sie beziehen sich auf Prozesse der Selbstorganisation und Selbsterneuerung in einer Zelle: Lebende Systeme erzeugen ständig selbst ihre Bestandteile sowie ihre Grenze, sind also „selbstorganisiert und selbstorganisierend“ in Bezug auf ihre inneren Gesetzmäßigkeiten und damit autonom, sie erzeugen und bestimmen ihre Gesetzlichkeit und das ihnen Eigene selbst (vgl. Maturana & Varela, 1987, S. 55). Zugleich sind sie aber auch auf ständigen Austausch mit ihrer Umwelt angewiesen, was Materie und Energie betrifft. Sie kommunizieren mit ihrer Umwelt durch „strukturelle Koppelung“, diese kann nicht direkt steuernd eingreifen, jedoch auf vielfältige Weise Prozesse der Selbstorganisation anregen. Der Begriff „Strukturdeterminismus“ meint, dass die Struktur eines Objektes bzw. eines Lebewesens bestimmt, welche Auswirkungen die Ereignisse seiner Umwelt auf es haben (ebd., S. 106).
