Systemische Tanztherapie - Susanne Bender - E-Book

Systemische Tanztherapie E-Book

Susanne Bender

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Beschreibung

In der Systemischen Tanztherapie erfahren KlientInnen, wie sie selbstbestimmt handeln und Lebenskrisen besser bewältigen können. Die Systemische Aufstellung gerät in Bewegung, die Choreografie der Systeme kann neu gestaltet werden. Im Tanz entsteht ein neues Körpergefühl, neue Lebensschritte werden erprobt. Die Autorin verknüpft wichtige Theoriebausteine aus System- und Tanztherapie und zeigt, wie sie sich in der Therapiestunde umsetzen lassen. Wichtig ist die Rolle des Therapeuten, der sensibel auf den systemischen Kontext, individuelle Ressourcen und die Persönlichkeit der KlientInnen eingeht: Anschaulich werden Verhaltensweisen und Interventionen beschrieben, die im therapeutischen Prozess zum Erfolg führen.

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Seitenzahl: 615

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Susanne Bender, Tanztherapeutin, M. A., Ausbilderin, Lehrtherapeutin, Supervisorin BTD (Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands), Sonderpädagogin, Familien- und Paartherapeutin, arbeitet in privater Praxis und leitet das Europäische Zentrum für Tanztherapie EZETTHERA mit berufsbegleitender Ausbildung in Systemischer Tanztherapie.

Hinweis: Soweit in diesem Werk eine Dosierung, Applikation oder Behandlungsweise erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autorin große Sorgfalt darauf verwandt hat, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht. Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen oder sonstige Behandlungsempfehlungen kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen werden. – Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnungen nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-03072-9 (Print)

ISBN 978-3-497-61530-8 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61531-5 (EPUB)

2. Auflage

© 2021 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Verlag Ernst Reinhardt GmbH & Co KG behält sich eine Nutzung seiner Inhalte für Text- und Data-Mining i. S. v. § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Printed in EU

Covermotiv: © Microstockfish / Fotolia.com

Fotos im Innenteil: Susanne Bender, München

Satz: Sabine Ufer, Leipzig

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Inhalt

Vorwort

1Einführung

2Grundsätzliches zur Tanztherapie

3Grundlegende Konzepte der systemischen Arbeit

3.1Überblick über die Geschichte der Familien- und Systemtheorie

3.2Was ist ein System?

3.3Die Familie als System

3.4Systemisches Denken

3.5Autopoiese

3.6Anschlussfähigkeit

3.7Der Beobachter

3.8Delegation

3.9Destabilisierung

3.10Homöostase

3.11Hypothesenbildung

3.12Koalition und Triangulierung

3.13Komplexitätsreduktion

3.14Lösungs- und Ressourcenorientierung

3.15Loyalität

3.16Mythos

3.17Ordnung

3.18Problemdeterminierung

3.19Salutogenese

3.20Selbstorganisation

3.21Sinn

3.22Strukturelle Kopplung

3.23Systemgrenzen innerhalb der Familie

3.24Wirklichkeitskonstruktion

3.25Alle sind beteiligt

3.26Was kann systemisches Denken für die Tanztherapie leisten?

4Therapeutenverhalten innerhalb der Systemischen Tanztherapie

4.1Auftragsklärung

4.2Hypothesenbildung

4.3Systemisches Fragen

4.3.1Zirkuläres Fragen

4.3.2Fragen nach Unterschieden

4.3.3Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion

4.4Neutralität

4.5Neugierde

4.6Respektlosigkeit gegenüber Ideen, Respekt gegenüber Menschen

4.7Empathie

4.8Querdenken und Umdeuten

4.9Humor

4.10Paradoxe Verschreibung

4.11Externalisierung

4.12Professionelle Authentizität

4.13Bewegungsfähigkeit

4.14Bewegungsanalyse

5Bewegte Familienrekonstruktion

5.1Systemische Aufstellungen

5.2Ziele

5.3Vorbereitungsphase

5.3.1Das Genogramm

5.3.2Das Aufwärmen

5.3.3Die Frage

5.3.4Das Vorstellen der Familie

5.4Ablauf der Bewegten Familienrekonstruktion

5.4.1Die Repräsentanten

5.4.2Mögliche Anfänge

5.4.3Der weitere Verlauf

5.4.4Die Lösung

5.5Die Rolle der Tanztherapeutin in der Rekonstruktion

5.6Das Teilen der Gefühle – Die Rolle der Zeugen

5.7Musik

5.8Nachwirkungen

6Das Wachstumsmodell

6.1Erste Phase: Zugehörigkeit

6.1.1Die Achtsamkeit des Wichtigseins

6.1.2Selbstachtung

6.1.3Die Kontaktscheuen und Kontaktsüchtigen

6.2Zweite Phase: Verantwortung

6.2.1Selbstwirksamkeit

6.2.2Kompetenz

6.2.3Entscheidung

6.2.4Verantwortung und Geschlechtlichkeit

6.2.5Die Achtsamkeit der Anerkennung

6.2.6Selbstbestimmung

6.2.7Die Überverantwortlichen undVerantwortungsscheuen

6.3Dritte Phase: Offenheit

6.3.1Körperlichkeit

6.3.2Verletzlichkeit

6.3.3Die Achtsamkeit des Respekts

6.3.4Selbsterkenntnis

6.3.5Die Vertrauensseligen und die Verschlossenen

6.4Vierte Phase: Trennung

6.4.1Rituale

6.4.2Gefühle der Trennung

6.4.3Die Achtsamkeit der Terminierung

6.4.4Selbstbegrenzung

6.4.5Die Abschneider und Hinauszögerer

6.5Diskussion

6.6Von der Familie zur Gruppe

7Gruppentherapiephasen des Wachstumsmodells

7.1Zugehörigkeit

7.1.1Vorphase

7.1.2Kennenlernen

7.1.3Meinen Platz finden

7.1.4Äußere Grenzen ziehen

7.1.5Wichtigsein

7.1.6Gruppe und Individualität

7.1.7Achtsamkeit

7.1.8Akzeptanz

7.1.9Harmonie

7.1.10Commitment

7.2Verantwortung

7.2.1Macht und Kontrolle

7.2.2Normen

7.2.3Akzeptanz von Realität

7.2.4Kompetenz

7.2.5Innere Grenzen

7.2.6Bewältigungsstrategien

7.2.7Anerkennung

7.3Offenheit

7.3.1Mut

7.3.2Liebenswürdigkeit durch Authentizität

7.3.3Respekt

7.3.4Differenzierung

7.3.5Erotik

7.4Trennung

7.4.1Trennungsgefühle

7.4.2Ambivalenz

7.4.3Das Resümee

7.4.4Rituale

7.4.5Akzeptanz von Begrenztheit

7.4.6Abschiednehmen

7.4.7Nach der Trennung

7.4.8Terminierung durch den Therapeuten

7.5Diskussion

8Das Wachstumsmodell in der Tanztherapie

8.1Zugehörigkeit

8.1.1Der Raum als Schutz und Möglichkeit

8.1.2Der Kreis als Symbol der Ganzheit

8.1.3Der Name als Ausdruck der Individualität

8.1.4Das Wichtigsein jedes Einzelnen

8.1.5Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile

8.1.6Ausdruck von Gefühlen

8.1.7Bewegungsanalyse

8.2Verantwortung

8.2.1Die Aufrichtigkeit der Wirbelsäule

8.2.2Bodenhaftung

8.2.3Den eigenen Raum schützen

8.2.4Oben – unten

8.2.5Verantwortung übernehmen heißt,etwas zu tun

8.2.6Bewegungsanalyse

8.3Offenheit

8.3.1Durchlässigkeit

8.3.2Differenzierung des Selbstkonzeptes

8.3.3Selbsterkenntnis

8.3.4Differenzierung des Ich und Du

8.3.5Offen oder verschlossen

8.3.6Authentische Bewegung als Weg zurinneren und äußeren Offenheit

8.3.7Bewegungsanalyse

8.4Trennung

8.4.1Festhalten oder Loslassen

8.4.2Auftrag erfüllt?

8.4.3Das Resümee

8.4.4Perspektive

8.4.5Abschied

8.4.6Kreistänze

8.4.7Aufräumen

8.4.8Bewegungsanalyse

9Therapeutenverhalten in den Wachstumsphasen

9.1Zugehörigkeit

9.1.1Äußerer Rahmen

9.1.2Der Raum

9.1.3Aufmerksamkeit

9.1.4Den Platz zur Verfügung stellen

9.1.5Vertrauen

9.1.6Körpersprache

9.2Verantwortung

9.2.1Anerkennung geben

9.2.2Kritik aushalten

9.2.3Entscheidung delegieren

9.2.4Körpersprache

9.3Offenheit

9.3.1Respekt zeigen

9.3.2Kreativität

9.3.3Körpersprache

9.4Trennung

9.4.1Konsolidierung zulassen

9.4.2Einhaltung der Zeitgrenze

9.4.3Den Gefühlen einen Rahmen geben

9.4.4Umgang mit dem Tod

9.4.5Körpersprache

Schlusswort

Literatur

Sachregister

Die Tanztherapie versteht sich als eine ganzheitliche Therapieform, in der die Exploration und Expression der Bewegung etwas über den Menschen in seinem psychophysischen Sein aussagt. Daher war es im Laufe meiner über 40-jährigen Tätigkeit als Tanztherapeutin in Deutschland, Europa und auch in China fast eine logische Entwicklung, mich den Systemtheorien zuzuwenden. Meine ersten systemischen Wahrnehmungen habe ich in meiner Zeit als Standardtänzerin gesammelt. Es faszinierte mich schon als junges Mädchen, die Paare beim Tanzen zu beobachten. Ein Paar habe ich in Erinnerung, das nicht zusammenpasste. Er war sehr groß und sie sehr klein. Aber in einer glückseligen Zweisamkeit tanzten sie immer aus dem Takt. Ein anderes Paar hatte kaum den ersten Schritt gemacht, und schon gab es Diskussionen über die Richtigkeit dieses Schrittes. Wenn ich mal nicht mit meinem Tanzpartner tanzte, fiel mir immer wieder auf, wie man auf einer sehr feinen körpersprachlichen Ebene aufeinander eingespielt ist und dies nicht auf jemand anderen übertragen kann.

Bereits in meinem Tanztherapiestudium in den USA habe ich mich für Familientherapie interessiert und entsprechende Seminare belegt. In einem Rollenspiel sollte ich eine paartherapeutische Intervention vornehmen. Ich hatte keinen Einfall zu einer verbalen Intervention, aber wollte das Paar in Bewegung bringen. Der Dozent ermutigte mich, dies zu tun, und war hinterher total begeistert. Zu dem Zeitpunkt verstand ich noch nicht, warum er begeistert war.

Die jahrzehntelange Tätigkeit als Ausbilderin zwang mich auf positive Weise immer wieder dazu, mich mit Theorien auseinanderzusetzen, die für die tanztherapeutische Arbeit hilfreich sind. So erweiterte ich die systemische Sichtweise vom Menschen auf die Kontexte, in denen ein Mensch lebt und wirkt. Ebenso wie die Theorie des Unbewussten aus der Psychoanalyse heute allgemeingültiges Gedankengut ist (und von der Hirnforschung wieder gespeist wird), etabliert sich das systemische Denken immer mehr. So hören wir jeden Tag in den Nachrichten von der Vernetzung der Welt (globale Wirtschaft, Erderwärmung, systemrelevante Banken, Pandemie etc.).

Dieses Buch gibt einen fundierten Einblick in die systemtheoretischen Grundlagen einer tanztherapeutischen Arbeit und liefert gleichzeitig viele Praxisbeispiele.

Damit der Leser und die Leserin immer wieder daran erinnert werden, dass es Therapeuten und Therapeutinnen, Klienten und Klientinnen sowie Patienten und Patientinnen gibt, wird im Text im Plural das Binnen-I verwendet.

In der Tanztherapie explorieren KlientInnen – häufig mit Unterstützung von Musik – die Choreografien der alltäglichen Bewegungen, sozusagen die Choreografien des Lebens, um sie nach Bedarf selbstbestimmt für eine größere Lebenszufriedenheit und bessere Bewältigung desselben umzugestalten. Psychotherapie wird immer dann aufgesucht, wenn eine Veränderung gewünscht wird. Die Tanztherapie spricht den Menschen bei diesem Veränderungsprozess aber nicht nur auf kognitiver und emotionaler Ebene an, sondern erfasst ihn in der Ganzheit seines körperlichen Seins.

Daher lag es für mich im Laufe meiner tanztherapeutischen Arbeit nahe, den ganzheitlichen Gedanken auf ganze Systeme auszudehnen und hiermit die Systemische Tanztherapie zu entwickeln. Auf diese Weise erweitert sich das Spektrum der Ganzheit über den Körper hinaus. Denn dieser Körper, dieser Mensch, wächst in einer ganz bestimmten Familie auf, die aufgrund ihrer internen Regeln den Menschen bewusst und unbewusst formt. Dieser Körper muss sich in ein Bildungssystem einfügen und schließlich seinen Platz in der Gesellschaft mit der Übernahme von Verantwortung finden. All diese Prozesse prägen die Entwicklung eines Menschen. Und der Mensch trifft eigenständige Entscheidungen, wie er diese Einflüsse interpretiert und sich dementsprechend verhält. Er ist ihnen also nicht passiv ausgeliefert, sondern beeinflusst sie aktiv durch sein Handeln oder Nichthandeln und passiv durch seine Einstellung zu diesen äußeren Begebenheiten. Die Handlungsfähigkeit und Interpretation und nicht die eigentlichen Geschehnisse entscheiden darüber, ob am Ende eines Lebens dieses als gelungen oder misslungen empfunden wird.

Die Systemische Tanztherapie kann also helfen, dort wieder handlungsfähig zu werden, wo der Mensch passiv war, und dort Wirklichkeiten umzuinterpretieren, wo sie nicht hilfreich für die Lebenszufriedenheit waren oder noch sind. Ziel der Systemischen Tanztherapie ist die emanzipierte Gestaltung des Lebenstanzes unter Berücksichtigung der Persönlichkeit und deren Ressourcen.

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen jeder systemischen Arbeit. Die Tanztherapie ist eine Therapieform, in der sowohl die Therapeutin als auch der Klient aktiv werden. Damit diese Aktivitäten aber nicht allein geleitet sind von den intuitiv-kreativen Einfällen der Therapeutin, braucht es einen soliden theoretischen Unterbau. Ansonsten ist es keine auf Wirksamkeit ausgerichtete Psychotherapie, sondern im besten Falle eine Beschäftigung, die irgendwie guttut.

Im zweiten Teil des Buches wird die Umsetzung dieser Theoriegerüste in die Praxis verdeutlicht. Ich stelle die von mir entwickelte Bewegte Familienrekonstruktion vor, in der sich die Repräsentanten bewegen dürfen.

Des Weiteren erläutere ich ein vierphasiges Wachstumsmodell, das die menschliche Entwicklung in seinen Systemen aufzeigt. Krankheitsbegriffe werden gemieden, Bedürfnisse und Aufgaben, die im Leben erfüllt werden müssen, damit ein zufriedenes Lebensgefühl entstehen kann, treten in den Mittelpunkt der Betrachtung. Das Wachstumsmodell erlaubt eine Komplexitätsreduktion, die es jedem Therapeuten ermöglicht, sein Verhalten den einzelnen Wachstumsphasen anzupassen, ohne sich in der Vielfältigkeit eines Systems zu verlieren. Besonders wenn jemand für eine Gruppe verantwortlich ist, sollte er diese Entwicklungsaspekte kennen. Diese Phasen sind zyklisch zu verstehen, d. h. erst nach der Integration einer Phase kann die nächste Phase beginnen. Ein Tanztherapeut ist in der Therapie auf verschiedenen Ebenen gefordert, sodass es mir notwendig erscheint, den theoretischen Unterbau so einfach zu halten, dass er jederzeit als Konzept präsent sein kann.

Gruppen und Individuen können an bestimmten Stellen ihres Wachstums festhängen, werden versuchen, einige Herausforderungen zu überspringen, müssen aus verschiedenen Gründen bei einem Thema länger verharren oder können aufgrund äußerer Gegebenheiten nur bis zu einem bestimmten Punkt wachsen. Das Leben ist nicht immer ordentlich und berechenbar, und so sind TherapeutInnen auch eher Prozessbegleiter eines nicht vorhersehbaren Entwicklungsverlaufes als Prozessbestimmer, auch wenn ihnen diese Rolle gerne zugeschrieben wird. Umso hilfreicher ist es, eine Struktur im Kopf zu haben, die es der Therapeutin jederzeit ermöglicht, sich nach Turbulenzen, Unterbrechungen, Ablenkungen, Veränderungen wieder neu zu orientieren und die entsprechenden Weichen für eine Neujustierung zu stellen. Diese theoretische Struktur bietet das Wachstumsmodell.

Die Tanztherapie geht davon aus, dass der Körper die visuelle Repräsentation des gesamten Seins des Menschen darstellt. Der Mensch ist also ein System, dessen Elemente in einer ständigen Interaktion miteinander stehen. Das duale Ursache-Wirkungsdenken muss an der Komplexität des menschlichen Seins scheitern. Da unser Gesundheitswesen mit seiner somatischen Medizin und der Psychotherapie die alte Körper-Geist-Spaltung sogar noch organisatorisch verankert, musste sich die Tanztherapie als Psychotherapie einordnen, die die menschliche Psyche über die Bewegung beeinflusst.

Der Erwerb einer tänzerisch-technischen Fertigkeit spielt in der Tanztherapie eine unwesentliche Rolle. Die Therapie ist nicht gelenkt von ästhetischen Kriterien, von einer Vorstellung von falscher und richtiger, von schöner und unschöner Bewegung. Inhalt ist vielmehr das aktuelle Bewegungsmuster des Patienten in seinen expressiven und kommunikativen Qualitäten. Die Tanztherapeutin konzentriert sich auf das Bewegungsmuster des Patienten, wie es im Moment der Begegnung als Ausdruck seiner inneren Befindlichkeit existiert. Dabei ist es auch völlig unerheblich, ob es sich dabei um große oder kleine, Alltagsbewegungen oder eher ungewöhnliche Bewegungen handelt. Entscheidend ist, dass die Bewegung für die KlientInnen eine spezielle Bedeutung hat. Die Bedeutungsgebung dieser individuellen Bewegung macht aus ihr einen Tanz. Die Tanztherapeutinnen sind also auf der Suche nach der Choreografie des Lebens. Wenn ein Mensch eine Therapie aufsucht, dann sind die Schritte und die Gestaltung dieser Choreografie für ihn nicht zufriedenstellend. Im übertragenen Sinne kommt er immer wieder an derselben Stelle ins Stolpern oder fühlt sich auf den Fuß getreten. Somit muss die Tanztherapeutin erst einmal die Gestaltung dieser Lebenschoreografie erkennen, bevor sich Therapeutin und Klient gemeinsam auf die Suche nach einer befriedigenderen „Schrittkombination“ machen.

Ziel ist es, durch das Bewusstwerden der – meist aus der Lebensgeschichte gebildeten – inneren Schranken der eigenen Persönlichkeit das Bewegungsrepertoire zunächst zu erkennen und kreativ so zu modifizieren, dass dadurch ein verändertes Körperbewusstsein und damit Selbstbewusstsein entsteht, was als Quelle spontanen und vor allem authentischen Sich-Bewegens dient (Schoop, 2007).

„Gib dem Gefühl einen Namen. Gib Dein Gefühl dem anderen zu erkennen. Finde eine tänzerische Form, die Deinem Gefühl am besten entspricht. Kannst Du Dein Gefühl zeigen?“ (Schoop zitiert nach Briner, 1977, 75).

Die systemische Therapie entwickelte sich genau wie die Tanztherapie aus einer Vielfalt theoretischer und praktischer Ansätze und Konzepte. In der Entstehungsgeschichte der systemischen Therapie spielten sehr unterschiedliche Konzepte aus der Kybernetik, Soziologie, Biologie und Erkenntnistheorie eine Rolle. In der Entstehung der Tanztherapie beeinflussten sowohl Erfahrungen und Kenntnisse aus dem Tanz als auch aus verschiedenen psychologischen Richtungen das Handeln und Denken der Pionierinnen. Im Folgenden sollen einige Kernkonzepte der heutigen systemischen Therapierichtung beschrieben werden und für die Tanztherapie nutzbar gemacht werden.

Die Systemtheorie ist eine rekursive Theorie, deren Begriffe und Annahmen allesamt aufeinander vor- und zurückverweisen, sodass sie sich in einem linearen Text schwer darstellen lässt. Daher habe ich mich dazu entschieden, die Begriffe der Systemtheorie einfach in alphabetischer Reihenfolge zu erklären. Zunächst gehe ich aber auf die historische Entwicklung systemischen Denkens ein.

3.1Überblick über die Geschichte der Familien- und Systemtheorie

Um die Systemische Tanztherapie zu verstehen, ist es notwendig, die Ursprünge der Systemtheorie in der Biologie und Physiologie zu erkennen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Systemtheorie mit dem Begriff der Kybernetik in die Soziologie übertragen. Die Kybernetik, zu Beginn ein Begriff aus der Physik, ist die „Wissenschaft von den belebten und unbelebten dynamischen Systemen, in denen Informationen verarbeitet werden und die zur Regelung oder Steuerung von Prozessen dienen“ (Wahrig, 1991, 420). Diese Forschungsrichtung geht davon aus, dass auch komplexe Prozesse vorhersehbar sind und damit eine Steuerung möglich ist. Es können Aussagen darüber getroffen werden, welche Strukturen, Grenzen und Hierarchien ein System hat. Mit diesen Begrifflichkeiten und Vorstellungen arbeiteten die ersten Familientherapien ab ca. 1950: die strukturelle (Minuchin, 1990, 1993) und die strategische (Haley, 2003; Selvini Palazzoli, 1988) Familientherapie. Die therapeutischen Interventionen zielten darauf ab, aus dem dysfunktionalen ein funktionales Familiensystem zu „zaubern“, was allerdings nicht gelang und dem systemischen Gedankengut widerspricht. Denn wenn ich etwas als „dysfunktional“ beschreibe, dann muss es eine normative Regelung für „funktional“ geben, womit sich der Therapeut nicht nur moralisch über die KlientInnen stellt, sondern sogar vorgibt zu wissen, wie Funktionalität herzustellen ist.

Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften, der Chemie und der Physik kamen der Weiterentwicklung der Familientherapien zugute. Die Erkenntnisse aus der Chaostheorie, der Synergetik und chemischer Prozesse, die eigenständig neue Strukturen bildeten, führten zur Kybernetik Zweiter Ordnung. Diese Weiterentwicklung des ersten Theorieansatzes löste den bisherigen Zentralbegriff der Homöostase (Selbstregulation in einen Gleichgewichtszustand) durch den Begriff der Selbstorganisation ab. Da ich aber den Begriff der Homöostase für die systemische Therapie nach wie vor für wichtig erachte, werde ich später genauer darauf eingehen. Systeme können selbstorganisiert neue Strukturen entwickeln, was für den Beobachter unvorhersehbare und nicht planbare Veränderungen des Systems zur Folge hat. Dies zwingt jede Therapeutin in eine Demut der Unplanbarkeit. Jede Tanztherapeutin kennt die Situation, dass sie sich aus einer gewissen Thematik und Stimmung für ein Musikstück entscheidet, dies heraussucht und einlegt. Wenn sie sich wieder der Gruppe zuwendet, hat sich die Gruppe bereits neu organisiert, und die Musik ist plötzlich völlig unpassend. Die Umwelt erscheint nun nicht mehr als interventionsmächtige Planungsinstanz. Somit können TherapeutInnen Systeme nur anstoßen, anregen, verstören und in Eigenschwingung versetzen. Die Idee, dass sie kontrollieren könnten, was im System passiert, wurde aufgegeben (Schlippe / Schweitzer, 2002).

Hinzu kam die Entwicklung einer philosophischen Erkenntnistheorie, dem radikalen Konstruktivismus. Den Kern dieser komplexen Theorie kann man damit zusammenfassen, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt, sondern dass diese erst vom Beobachtenden konstruiert und erschaffen wird. Bilder der Wirklichkeit sind damit nur Produkte unseres Gehirns. Dadurch ist es unmöglich, Aussagen über wahr oder falsch zu treffen, da es keine Wahrnehmung ohne subjektive Färbung gibt.

Seit Anfang der 1980er Jahre hatten die Kybernetik Zweiter Ordnung und der radikale Konstruktivismus großen Einfluss auf die Familientherapie und brachten neue Ansätze hervor: die systemisch-konstruktivistische Therapie (Boscolo et al., 1994; Stierlin, 1975, 1978), Reflecting Team (Andersen, 1990) und andere (Schlippe / Schweitzer, 2002).

Die Vielschichtigkeit der systemischen Therapie und der Familientherapie spiegelt sich bereits darin wider, dass es nicht einen Begründer gibt, sondern viele Personen, die die Theorie und die Praxis systemischen Arbeitens beeinflusst haben. Für die Entstehung der Tanztherapie gilt dasselbe. Daher eint diese beiden therapeutischen Vorgehensweisen eine Multioriginalität.

Die Forschungen, die zur Gründung der Familientherapie geführt haben, wurden in den 1950er Jahren durchgeführt. In dieser Zeit beeinflussten auch noch andere Theorien als nur der psychoanalytische Ansatz die psychotherapeutische „Szene“. Sigmund Freud (1856–1939) lieferte den grundlegenden Gedanken, dass menschliches Verhalten durch enge Beziehungen beeinflusst wird. Jedoch schloss seine Theorie der Übertragungsneurose die Behandlung von mehr als einer Person aus (Freud, 1924–1934). Alfred Andolfi (1870–1937) nahm zu dem psychoanalytischen Denken die Wichtigkeit der Umgebung und der sozialen Umstände mit hinzu. Einer seiner Schwerpunkte war die Bedeutung von Geschwistern. Dieser Ansatz hat die Familientherapie beeinflusst, aber erst in letzter Zeit findet die Bedeutung der Geschwister mehr Beachtung (Brisch, 2020). Harry Stack Sullivan (1882–1949) entwickelte eine Psychiatrietheorie, die auf interpersonellen Beziehungen beruht und in der kulturelle Einflüsse für psychische Erkrankungen verantwortlich gemacht werden. Seine Forschung in der Schizophrenie veränderte den Therapiefokus von einer innerpsychischen, biologischen Funktion zu einer interpersonalen, psychologischen (Sullivan, 1980). Don Jackson, einer der Begründer der Familientherapie, ist stark von Sullivan beeinflusst worden.

Die Initialzündung zum Übergang von der Familientherapie zur Systemischen Therapie ergab sich durch den Neurobiologen Humberto Maturana (*1928), der von 1954 bis 1960 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete und anschließend nach Santiago ging. 1968 kam er zu Heinz von Foerster (1911–2002) nach Illinois und formulierte dort die operationelle Geschlossenheit des Nervensystems und die Autopoiese (Foerster, 1999, 2001; Foerster / Pörksen 1998; Maturana / Varela, 1982, 1987).

Psychotherapie wurde nicht mehr als kausale, problembezogene Intervention verstanden, sondern als Durchführung eines Dialogs, der sich für die Veränderung autonomer Individuen als am günstigen erweist. Zu diesen theoretischen Konzepten gesellten sich die Lösungsorientiertheit und die unspezifischen Interventionen von Steve de Shazer (1940–2005), das Transparenz gewährleistende Reflektierende Team des Norwegers Tom Andersen (1936–2007) und der narrative Ansatz.

An die Stelle von strukturalistischen Konzepten wie „dysfunktionales Muster“ oder „pathologische Kommunikation“ trat das kommunikationsbezogene Konzept des problemdeterminierten Systems. Mit Hilfe dieser Konzepte war man endlich in der Lage, auf Termini der gängigen Psychopathologie zu verzichten. Während in der Psychopathologie versucht wird, einen objektiven Befund zu erheben, um diesen anschließend mit einem objektiven Störungsbild zu vergleichen, geht man in einer systemischen Vorgehensweise davon aus, dass der Klient als Problemexperte besser als der Therapeut weiß, wie die Lösung für ein Problem aussehen kann. Die Expertenkompetenz des Therapeuten liegt im Denken von komplexen Zusammenhängen, im Ausscheren aus eingefahrenen Denkmustern, im Erkennen und Nutzen jeder Theorie als ein Konstrukt der Wirklichkeitsreduktion. Wenn man bedenkt, dass Marian Chace von der Tanztherapie als Tanz der Kommunikation spricht (Chaiklin, 1975), so zeigt sich hier deutlich, dass eine systemtheoretische Grundlage dem Grundgedanken der Tanztherapie sehr entspricht.

In der Theoriebildung gewann die Auseinandersetzung mit Phänomenen wie Sinn, Sprache, Dialog und somit auch mit Prozessen der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit zunehmend an Gewicht. Der Versuch, die Wahrheit durch umfassende Entwürfe mit universellem Anspruch abbilden zu können, weicht einer Vielfalt koexistierender Konzepte und Praxen.

Kernstück eines systemischen Therapieansatzes ist die Kommunikation. Mit verbaler und nonverbaler Sprache können wir unser Verhalten bewusst reflektieren. Verbale und nonverbale Sprache wird also zu einem therapeutischen Werkzeug.

Die Konzepte der Systemischen Therapie der Gründerjahre wurden von einzelnen Arbeitsgruppen und Instituten in weitgehender Unabhängigkeit voneinander entwickelt. So entstanden zum Teil recht unterschiedliche Ansätze, da eine konstruktivistisch verstehende systemische Therapie auf universellen Geltungsanspruch verzichtet und so die Entstehung einer Pluralität von Erklärungsansätzen und Handlungsentwürfen fördert. Noch reicht aber das Dach der Systemischen Therapie aus, um diese Orientierungen unter sich zu beherbergen.

Der Soziologe Niklas Luhmann (1927–1998), Jurist und Soziologe, gilt als der deutsche Vertreter und Begründer der Systemtheorie. Grund hierfür ist sein Anspruch, alle gesellschaftlichen Teilbereiche mit denselben Kategorien beschreiben zu können. Die Systemtheorie von Luhmann (1984) legte die theoretischen Bausteine, um organische, psychische und soziale Systeme deutlich zu unterscheiden und doch sinnvoll miteinander zu verbinden. Für Luhmann gelten nicht länger die sozialen Unterschiede als bestimmende Strukturprinzipien der Gesellschaft, sondern die verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche (Wirtschaft, Recht, Politik, Wissenschaft, Kunst, Erziehung, Liebe), in denen nach eigenen Logiken unabhängig von den jeweils anderen Systemen kommuniziert wird. Diese Systeme bezeichnet er als Funktionssysteme, die jeweils eine wichtige gesellschaftliche Funktion übernehmen. Das Wirtschaftssystem hat die Aufgabe, knappe Güter zu verteilen, das Rechtssystem formuliert allgemein bindende Rechtsnormen und setzt diese durch, das Wissenschaftssystem gewinnt Erkenntnisse über die Wirklichkeit, und das Politiksystem trifft kollektiv bindende Entscheidungen. All diese Systeme sind laut Luhmann ähnlich strukturiert. Ihnen ist gemeinsam, dass sie eine Funktion exklusiv erfüllen und dass sie autonom sind. Sie erzeugen sowohl die Regeln, nach denen sie operieren, als auch die Elemente, aus denen sie bestehen. Der Begriff „Element“ muss hier in einem sehr weiten Zusammenhang gesehen werden und beschreibt nicht nur Gegenständliches oder Personen, sondern kann auch sehr flüchtig sein, wie zum Beispiel das gerade gesprochene Wort oder die im Moment ausgeführte Handlung. Der Schwerpunkt der Definition dieses Begriffes liegt auf der Einbettung des Elementes in das System und welche Bedeutung ihm dort zugeschrieben wird.

Diesen Vorgang nennt Luhmann Autopoiesis. Außerdem orientieren sich die Systeme an einer Leitdifferenz oder auch Code, wodurch sie von anderen Systemen unterschieden werden. Im Wirtschaftssystem geht es etwa vorrangig um finanziellen Gewinn und Verlust, im Rechtssystem um die Differenz zwischen Recht und Unrecht, im Wissenschaftssystem um Wahrheit und Unwahrheit und im Politiksystem um Macht oder Machtlosigkeit.

3.2Was ist ein System?

Um Klarheit darüber zu erlangen, was Systemische Tanztherapie ist, müssen wir uns dem Begriff „System“ nähern.

Der Begriff „System“ geht auf das griechische Wort „systema“ (das aus mehreren Teilen zusammengesetzte und gegliederte Ganze) zurück (Duden, 2001). Ein System ist eine Ansammlung von miteinander verbundenen und interagierenden Elementen, die ein einheitliches Ganzes ergeben.

In der Literatur finden sich verschiedene Definitionen. Allgemein spricht man von einem System, wenn gewisse Objekte samt ihrer Wechselwirkungen durch eine plausible Abgrenzung von ihrer Umgebung zu einer Gesamtheit zusammengefasst werden können. Ein System hat also das Merkmal, dass es sich von seiner Umwelt abgrenzt und gleichzeitig als Subsystem in dieses eingebunden ist. Man unterteilt Systeme in geschlossene und offene Systeme. Nur die offenen sind in der Lage, in Austausch mit ihrer Umwelt zu treten; beim Menschen wird dieser Vorgang als Interaktion bezeichnet. Neben der Sprache bedient sich der Mensch auch des körperlichen Ausdrucks, wie Mimik oder Gestik, um Kontakt herzustellen. Eine weitere Möglichkeit des kommunikativen Austauschprozesses sind Symbole, wie z. B. Verkehrszeichen, Hinweisschilder mit Symbolen (z. B. Rauchverbot) oder Geldscheine (Simon, 2006).

Tabelle 1: Was ist ein System?

Ein System kann sein

offen:

es bestehen Wechselwirkungen mit der Umgebung (z. B. Aquarium mit Verdunstung, Energiezufuhr …)

(weitgehend) abgeschlossen:

es bestehen (so gut wie) keine Wechselwirkungen mit der Umgebung (z. B. Aquarium als Gefäß)

dynamisch:

Systemgrößen verändern sich im Laufe der Zeit (z. B. Bevölkerung eines Landes)

(weitgehend) statisch:

Systemgrößen sind weitgehend unveränderlich (z. B. Bauwerk)

kontinuierlich:

Systemgrößen ändern sich kontinuierlich, d. h. in kaum messbaren kleinen Zeitabschnitten (z. B. Temperatur einer Tasse Kaffee)

abrupt:

Systemgrößen ändern sich sprunghaft nach bestimmten endlichen Zeitabschnitten (z. B. Kapital bei jährlicher Verzinsung)

determiniert:

unter identischen Bedingungen sind identische Folgezustände reproduzierbar (z. B. Kapitalentwicklung bei identischer Anlagedauer und Verzinsung)

stochastisch:

auch bei identischen Bedingungen sind Folgezustände nur durch Wahrscheinlichkeitsaussagen beschreibbar (z. B. Gesundheit eines Menschen)

stabil:

bei „normalen“ Änderungen von Systemgrößen verändert sich das System nicht (z. B. Herz)

instabil:

schon bei „sehr kleinen“ Änderungen von Systemgrößen verändert sich das System (z. B. Seiltanz)

Ein System definiert sich also durch eine Anzahl von Elementen, die miteinander durch Beziehungen verbunden sind und gemeinsam einen bestimmten Zweck zu erfüllen haben. Somit besteht ein System aus Systemelementen, Beziehungen zwischen den Elementen, den sogenannten Relationen, und einer Systemgrenze. Unter einer Änderung des Systemzustandes wird somit die Änderung von Systemelementen, Relationen, Systemgrenzen, Systemstrukturen oder Systemordnungen verstanden.

Mit der Systemgrenze kann zwischen dem System und seiner Umwelt unterschieden werden, die Systemgrenze grenzt das System von der Umwelt ab. Um-Welt bedeutet Welt-um-etwas-herum. Ein System ist also zu einem gewissen Grade von der Umwelt unabhängig, aber abhängig hinsichtlich der Konstellationen und Ereignisse, aus denen es Informationen und Bedeutungen ableiten kann, die die Selbstbezüglichkeit seiner Handlungen interpunktieren und anreichern. Ein System entzieht sich demnach jeder zugriffssicheren linearen Außensteuerung, weil externe Anstöße nur Wirkungen zeitigen, wenn sie in Informationen transformiert werden können, die für das System relevant sind. Diese Erfahrung machen viele Lehrer im Gespräch mit Eltern. Wenn sie ein Problem oder eine Fähigkeit bei einem Kind entdecken, die Eltern diesen Aspekt aber nicht sehen, so wird diese Information meist nicht angenommen. Macht sich aber eine Mutter bereits Sorgen um ihr Kind, und die Lehrerin spricht ebenfalls schwierige Situationen an, so ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich größer, dass entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Deswegen ist es schwierig für den Einzelnen, sich auf nicht-lineare Verläufe einzustellen bzw. mit diesen umzugehen. Auch der Austausch mit der Umwelt verläuft in den wenigsten Fällen geordnet. Diese Unkontrollierbarkeit der Einflussnahme eines Systems wird in den meisten therapeutischen Richtungen verleugnet, und der Therapeut sieht sich mit der tagtäglichen Erfahrung dieser Unkontrollierbarkeit allein gelassen und lastet dies meist seiner Inkompetenz an. Es täte allen TherapeutInnen gut, ihre Omnipotenzansprüche der Einflussnahme auf ein realistisches Maß herunterzuschrauben.

Abbildung 1: Elemente eines Systems

Wenn ein Beobachter eines Systems etwas über die Um-Welt sagt, sagte er etwas über seine Welt-um-ihn-herum. Der Beobachter hat immer einen Standpunkt, den er exklusiv besetzt. Kein anderer Beobachter kann je das exakt Gleiche beobachten. Die Um-Welten sind so verschieden wie die Beobachter es sind. Einen anderen Beobachter „verstehen“ würde bedeuten, dort stehen, wo der andere steht – was (nicht nur) physisch unmöglich ist. Wenn ein Beobachter aber etwas über seine Um-Welt sagt, sagt er etwas über sich selbst. Wenn Sie also dieses Buch lesen, weil Sie wissen wollen, was Systemische Tanztherapie ist, dann erfahren Sie nichts über Systemische Tanztherapie, sondern etwas darüber, wie Susanne Bender Systemische Tanztherapie versteht. Aber natürlich ist die Situation sogar noch ein bisschen komplizierter: Denn das, was Sie in diesem Buch erfahren, verknüpft sich sofort mit Ihrer eigenen Wahrnehmung, Erfahrung und Ihrem Wissen, und somit ergeben wir ein System aus Autorin und LeserIn. In dieser Relation erfahren Sie somit nichts über Systemische Tanztherapie, sondern etwas darüber, was Sie glauben zu verstehen, was Susanne Bender unter Systemischer Tanztherapie versteht.

Wir haben also gesehen, dass ein System aus einer Menge von Elementen besteht, die miteinander vielfältig in Beziehung stehen. Wenn sich außerhalb des Systems etwas ändert, wirkt sich dies so aus, dass einige wenige Variablen (dies können Menschen oder Bedingungen sein) verstärkt oder gedämpft werden.

Die jugendlichen Teilnehmer einer Tanztherapiegruppe haben sich bisher geweigert, die Schuhe für die Therapiesitzung auszuziehen, weil es als extrem „uncool“ gilt, auf Socken herumzulaufen. Ein angesagter Rocksänger zeigt sich plötzlich auf seinem neuesten Videoclip auf Socken tanzend. Ein Teilnehmer der Gruppe möchte es dem Star nachmachen und erscheint zur Verwunderung aller in der nächsten Sitzung auf Socken.

Konkret schließen sich immer mehr Variablen dieser Richtung an, und je mehr es sind, desto schneller werden auch die anderen in diese Bewegungsdynamik mit hineingezogen – ein typischer Vorgang der Autokatalyse.

Der Teilnehmer erzählt, wieso er auf Socken tanzen will. Die anderen Teilnehmer erkennen den neuen Trend, und auch die Therapeutin besorgt sich den neuen Song des sockentanzenden Stars. Nach zwei Sitzungen sind alle Teilnehmer auf Socken, und die Therapeutin kann am Bodenkontakt, Gleichgewicht und der Sensibilität der Füße arbeiten.

Dies führt letztlich dazu, dass die Freiheitsgrade des Systems im Allgemeinen auf einen extrem kleinen Bruchteil reduziert werden. Trotz äußerst hoher Komplexität des Systems wird das Verhalten nur durch wenige Elemente bestimmt. Diese Elemente bestimmen dann faktisch die Ordnung – sie sind die Ordnungsparameter. Die klassische Regel, dass große Wirkungen nur durch große Ursachen erreicht werden können, gilt nicht für Systeme. Je nach Systemzustand können also minimale Einflüsse zu sehr großen Wirkungen führen bzw. relativ große Einflüsse zu gar keinen Wirkungen. Deswegen erzeugt auch eine spezifische therapeutische Intervention in jedem System eine andere Reaktion. Solche Außeneinflüsse sind für das System also relativ unspezifisch. Wie das System auf solch einen Einfluss, eine Störung, eine Verwirrung (Maturana nannte es 1982 Perturbation) reagiert, sagt mehr über die Systemstrukturen aus als über die Natur der Störung selbst. Jeder Mensch als Systemelement beeinflusst Systeme (Familie, Team, Freunde), denen er angehört. Viele Menschen glauben, dass sie durch Passivität das System nicht beeinflussen. Das funktioniert aber nicht. Wenn einer durch Passivität den anderen zu einer aktiven Entscheidung bringt, hat er genauso zu dem Prozess beigetragen wie der aktive Entscheider. Somit ist jeder Mensch nicht nur für sein Handeln verantwortlich, sondern er hat auch die Fähigkeit, Systeme zu beeinflussen.

3.3Die Familie als System

Der Begriff „Familie“ bezieht sich auf die „Kernfamilie“, in der die Person gerade lebt. „Herkunftsfamilie“ bezieht sich auf die Kernfamilie, in der die Person aufgewachsen ist. „Erweiterte Familie“ bezieht sich auf alle Verwandten, und „Familiennetzwerk“ schließt auch Freunde mit ein, die für die Familie von Bedeutung sind und mit denen sie Kontakt haben.

Allen FamilientherapeutInnen ist gemeinsam, dass sie die Familie als System sehen, also als eine Einheit, in denen die Teile, d. h. die Menschen, sich gegenseitig beeinflussen und verändern. Die Familie ist ein offenes System. Es gibt einen ständigen Fluss an wechselseitigen Informationen, Energie oder Material zwischen den Familienmitgliedern und anderen Systemen der Umgebung. Jedoch funktioniert die Familie als ganzes System. Ein Familienmitglied beeinflusst die anderen Familienmitglieder und wird wiederum von diesen beeinflusst. Eine Veränderung in einem Teil des Systems ist gefolgt von Veränderungen in den anderen Teilen.

Eine fünfköpfige Familie erscheint als ein überschaubares System. Aber bereits bei fünf Menschen ist ein komplexes Beziehungs- und Beeinflussungsgeflecht entstanden. Jeder wirkt auf vier Familienmitglieder ein und ist Beeinflussungen von vier Familienmitgliedern ausgesetzt.

Abbildung 2: Beeinflussungsgeflecht in der Familie

Familieninteraktionen sind ein geschlossenes Informationssystem, in denen Variationen von Leistungen oder Verhalten rückgemeldet werden, um die Reaktion des Systems zu korrigieren (Hoffman, 1981). Die Elemente eines Systems interagieren zyklisch derart miteinander, dass sie an der Erzeugung weiterer Elemente grundlegend teilhaben. So entwickeln Familienmitglieder durch ihre spezifische Interaktion miteinander das Element „Familieninteraktion“, die für diese Familie spezifisch ist. Diese Prozesse produzieren, reproduzieren und verändern die strukturellen Muster des Systems (Schiepek, 1991). Die Familie nimmt aber auch an dem Prozess der wechselseitigen Beeinflussung mit anderen Systemen teil. Jede Familie ist ein Subsystem eines größeren Systems.

Es ist bereits innerhalb des Familiensystems fast unmöglich, genau zu sagen, wer wen wie beeinflusst. Es lässt sich lediglich sagen, dass jeder jeden beeinflusst. Die Familienmitglieder werden aber auch wieder von äußeren Bedingungen beeinflusst, und sie selbst beeinflussen wiederum äußere Umstände, was das Geflecht noch komplexer macht.

Abbildung 3: Beeinflussungsgeflecht innerhalb und außerhalb einer Familie

Die Familie ist ein sich selbst erhaltendes System, sodass die Interventionen auf die Zukunft gerichtet sind. Sie haben eine Verbindung zur Gegenwart und zur Zukunft (Green / Framo, 1981). Alle systemisch orientierten TherapeutInnen glauben, dass die Teile eines Systems miteinander verbunden sind und sich interdependent aufeinander beziehen.

3.4Systemisches Denken

„Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen“ (Schiepek, 1991, 42).

Ansätze systemischer Therapie entstanden in einer Zeit, als ein Umdenken von dyadischen Beziehungsstrukturen zwischen Therapeut und Klient, wie wir sie in der psychoanalytischen Therapie vorfinden, zu ökologischen Systemen stattfand. Heute erscheint es fast undenkbar, die vernetzten Zusammenhänge zu ignorieren. Jede Nachrichtenmitteilung vermittelt uns die Abhängigkeit von ökologischen und ökonomischen Bedingungen auf der ganzen Welt. Dies ist uns inzwischen so selbstverständlich geworden, dass wir gar nicht weiter hinterfragen, was denn systemisches, vernetztes Denken überhaupt ist.

Abbildung 4: Wechselseitigkeit der Systeme

Systemisches Denken versteht sich als eine allgemeine Denkmethode, die Grundfragen menschlicher und natürlicher Existenz zum Gegenstand macht. Erkenntnis wird von einem Beobachter dieser Existenz gemacht. Alle Aussagen über die Welt verweisen also auf denjenigen zurück, der sie geäußert hat. Alle Informationen werden von einer Person zu einer anderen übermittelt. Das Konzept einer objektiven Welt-an-sich wird hinfällig. An deren Stelle treten die Verantwortung des Beobachters und die Brauchbarkeit der Übermittlung für die Herstellung von Kommunikation.

Systemisches Denken betrachtet den Menschen als soziales Wesen. Beobachtung bringt kontextuelle verbale oder nonverbale Beschreibungen hervor. Dabei kommt der beschreibende Beobachter in eine konsensuelle Koexistenz mit einem anderen Menschen. Diese Grunddyade bringt infolge ihrer Erweiterung eine Gemeinschaft, schließlich eine Kultur hervor, die nur bestehen bleiben kann, wenn überdauernde Bedingungen für Sprache, Normen, Sitten usw. gepflegt und tradiert werden.

„Systemisch“ meint somit eine Denkhaltung, die den Anfang des Menschlichen im Sozialen sieht, in der menschlichen Interaktion bzw. im menschlichen Miteinander. Dabei ignoriert diese Sichtweise nicht, dass soziale Phänomene die Existenz physikalischer, biologischer und psychischer Phänomene voraussetzen, sie ordnet aber diese Phänomene jeweils eigenen Phänomenbereichen zu und vermeidet so Reduktionismen. Denn gerade darin ist das Potenzial des systemischen Denkens zu sehen. Die Einflüsse von verschiedenen Systemen auf das Individuum werden erkannt, omnipotente Anforderungen an die Person werden heruntergeschraubt, um sie wieder in ein autonomes, individuelles Handeln einzubinden. Richtig verstandenes systemisches Denken erfasst das Erkennen der Vernetztheit menschlicher Beziehungen, aber auch der persönlichen Verantwortung für die Lebensgestaltung des Individuums. Nur wenn die Therapeutin es versteht, diese beiden Komponenten immer wieder in Beziehung zu setzen, wird Veränderung möglich.

Wenn z. B. KlientInnen immer wieder klagend einbringen, wie wenig es ihnen gelingt, auf sich selbst zu hören und sich Ruhe zu gönnen, so lässt sich dies nicht nur als ein persönliches Problem sehen, sondern als ein gesamtgesellschaftliches. Wir sind ein Land, in dem „Müßiggang aller Laster Anfang ist“. Ich erlebe immer wieder, dass es für die KlientInnen eine Entlastung ist, wenn ich auf die Schwierigkeiten hinweise, gegen gesellschaftliche, familiäre oder Gruppennormen zu handeln, und sie somit zunächst einmal von dem Versagensgefühl etwas Abstand nehmen können. Erst dann werden wieder persönliche Handlungsmöglichkeiten reflektiert.

Alle Systeme der Gesellschaft und der Welt bilden eine komplexe Vernetzung, da sie jeweils aufeinander einwirken. Wenn z. B. eine italienische Familie nach Deutschland umzieht, so muss sie sich mit den Gepflogenheiten des neuen Landes auseinandersetzen. Weil aber so viele italienische Familien in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, sich hier etablierten und ihrerseits ihre Sitten und Gebräuche „importierten“, kann meine Tochter es gar nicht glauben, dass ich als Kind keine Pizza kannte. Heiratet eine Frau, so wird ihre Familie mit Traditionen und Verhaltensweisen des Partners konfrontiert und umgekehrt, was nicht selten zu Konflikten führt. Dies ist uns inzwischen so selbstverständlich geworden, dass wir gar nicht weiter hinterfragen, wie diese Vernetzungen überhaupt zustande kommen. Wer sich aber mit ganzheitlichen Denkweisen vertraut macht, erkennt Interaktionen und Probleme nicht als ein kausales „Wenn-Dann“, sondern als eine Vernetzung von voneinander abhängigen Faktoren. Ändert sich ein Faktor (z. B. ein Verhalten), d. h. kommt Bewegung in das System, so müssen die anderen Elemente des Systems (z. B. die Familienmitglieder) sich ebenfalls anpassen, sich ändern, d. h. sich bewegen. Richtig verstandenes vernetztes Denken erkennt die Verflechtungen menschlicher Beziehungen, beachtet aber auch die persönliche Verantwortung für die Lebensgestaltung des Individuums. Das heißt, dass die Bedingungen, die jemand in einem System vorfindet, auf ihn einwirken, er aber gleichzeitig einen Gestaltungsspielraum hat, den er nutzen oder ignorieren kann. Es kann sich also kein Systemmitglied der eigenen Gestaltungsmöglichkeit entziehen (und wenn es die Gestaltung des Nichts-Tuns ist).

Die Betrachtung dynamischer Wechselbeziehungen, die auch ohne äußeren Zwang geordnet ablaufen, hat sich erst in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten wissenschaftlich durchgesetzt. Bis dahin wurde an dem Glauben (zum Teil gilt dies in der Wissenschaft noch heute) festgehalten, dass eine erreichte und erfahrbare Ordnung als einmalige „Schöpfung“ bestenfalls erhalten und konserviert werden kann und muss. Dieser konservierende Umgang mit Ordnung, der durch ständige Aufmerksamkeit und in fortwährendem Kampf die Kräfte des Chaos mühsam in Schach zu halten versucht, steht seit jeher im Gegensatz zu den konkreten Erfahrungen der überwiegenden Mehrheit der Menschen. Denn gerade sie erfahren, dass sich Ordnungen selbstorganisiert entwickeln: Eltern, Bauern, Gärtner machen die Erfahrung, dass die komplexe Ordnung durch willkürliche Eingriffe in das Wachstum keinesfalls vorhersehbar wird und keinesfalls das Ergebnis ihrer Gestaltungsmacht ist (auch wenn sie sich das immer wieder wünschen). Sie wussten schon immer intuitiv, dass ihnen nicht die „Law-and-Order“-Vorstellungen bei diesen Prozessen helfen, sondern dass sie in verständnisvollem Bemühen um Übereinstimmungen mit und in weitgehendem Vertrauen auf das Gesetz der Natur bestenfalls versuchen können, diese natürlichen Prozesse zu unterstützen, welche aus sich heraus eine Ordnung entfalten.

Dies ist auch Aufgabe des systemischen Therapeuten. Nur wenn er die Gesetze des Systems (Einzelsetting, Paar-, Familien-, Gruppentherapie) erkennt, kann er sich auf das System einstellen und somit Anstöße zur Veränderung geben. Durch ein vernetztes Denken weiß er um die Komplexität von Situationen und Problemen und kann eine vorschnelle Einschränkung oder Ausgrenzung möglicher Problemdefinitionen und Persönlichkeitsanteilen verhindern. Die Problemlöser müssen sich immer wieder darauf einlassen, dass es vielleicht auch noch ganz anders sein könnte. Denn sie sind nicht in der Lage, diese ganzen Abhängigkeiten zu erfassen, müssen sich also darauf einstellen, dass sie Einflussgrößen aufgrund der Komplexität nicht erkennen. Wenn sich die Verantwortlichen auf die Komplexität und Dynamik von Situationen einlassen, werden sie erfahren, dass viele Köpfe mehr Ideen haben als ein Kopf. Und sie werden kreative Lösungen eher zulassen, als wenn sie glauben, die Situation voll zu erkennen und von daher genau zu wissen, was passieren muss.

Gleichzeitig kann dies aber nur gelingen, wenn in der Therapie die Komplexität wieder reduziert wird, weil ansonsten sowohl der Klient als auch die Therapeutin von der hohen Anzahl an Möglichkeiten überflutet werden. Zahlreiche Modelle für die therapeutische Praxis dienen dem Zweck der Komplexitätsreduktion. Ist die Komplexität allerdings zu gering, werden zu viele Faktoren ausgeblendet, die vielleicht notwendige Informationen für zukünftige Entscheidungen enthalten. Ist die Komplexität des Modells zu groß, so verliert die Therapeutin den Überblick und ist mehr mit der Theorie als mit der Lösung des Problems beschäftigt. Günstiger ist es, die Komplexität des Modells nach der Zwecksetzung zu variieren. Genau dies wird das später aufgeführte Wachstumsmodell zeigen. Es kann für den „Anfänger“ komplexitätsreduzierend genutzt werden. Mit fortschreitendem Verständnis des Wachstumsmodells wird die Erweiterung der Komplexität möglich, ohne den Überblick zu verlieren. Jeder kann also seine eigene Zeit wählen, in das Modell hineinzuwachsen und die Bedeutung der einzelnen Aspekte zu erkennen.

Die Offenheit systemischen Denkens resultiert unter anderem aus dem Versuch, sich auf die Komplexität und Dynamik von Szenarien einzulassen. Der Wert systemtheoretisch fundierter Rekonstruktionen ist gerade darin zu erwarten, dass vorschnelle Komplexitätsausblendungen, Trivialisierungen oder simplifizierende Idealisierungen nicht vorgenommen werden. Die meisten TanztherapeutInnen arbeiten in ambulanten oder institutionellen Kontexten, in denen ihre Tätigkeit am ehesten als Handeln in komplexen eigendynamischen Systemen charakterisiert werden kann. Auch hier gilt es, diese äußeren Zusammenhänge in das therapeutische Handeln mit einzubeziehen. Dies kann nicht nur die Effektivität der tanztherapeutischen Interventionen steigern, sondern auch der eigenen Frustration vorbeugen.

3.5Autopoiese

Das Konzept der Autopoiese haben die chilenischen Kognitionsbiologen Humberto Maturana und Francisco Varela 1982 entwickelt. Dieses Kunstwort wird aus den griechischen Begriffen „autos“ (selbst) und „poiesis“ (Schöpfung, Dichtung) abgeleitet, bedeutet also so viel wie Selbstschöpfung, Selbsterzeugung (Schlippe / Schweitzer, 2002). Durch interagierende Komponenten wird eine Einheit aus der Umwelt abgegrenzt und bringt so ein Netzwerk hervor. Nur wenn diese interagierenden Komponenten sich immer wieder erneuern, bleibt das System erhalten.

Wenn z. B. zwei Menschen am Strand gut Volleyball spielen, sehen andere gute Volleyballspieler diese Interaktion und schließen sich den beiden an, sodass eventuell eine feste Gruppe von Volleyballspielern entsteht, die sich durch ihr Können von den anderen laienhaften Spielern abgrenzt.

D. h. Systeme sind darauf ausgelegt, sich selbst zu reproduzieren, d. h. fortzupflanzen, dabei sind sie aber strukturell determiniert. Das System entscheidet selbständig, was von eigenem Nutzen ist, weshalb nur mit Eigenzuständen operiert wird und nicht mit systemfremden Komponenten (Schlippe / Schweitzer, 2002). Diese Eigenschaft von Systemen bezeichnet Luhmann als operationale Geschlossenheit (Luhmann, 1984). Das System kann zwar sehr wohl Umweltinformationen aufnehmen, aber ist dennoch von diesen nicht unbegrenzt beeinflussbar. Nur solche Informationen werden vom System als relevant erkannt, die die Eigenzustände anstoßen und „verstören“ (Schlippe / Schweitzer, 2002). Diese operationale Geschlossenheit eines Systems ist nur gegeben, wenn

1.die Systemelemente die Grenzen ihrer Einheit als eine Unterscheidung zur Umwelt konstituieren und spezifizieren,

2.diese Elemente des Systems durch ihre Interaktionen rekursiv das Netzwerk der Interaktionen regenerieren, das sie selbst produzierten.

Für die therapeutische Arbeit bedeutet dies, dass

1.sich ein therapeutisches System (sei es nun eine Einzeltherapie oder eine Gruppentherapie) nur dann bilden kann, wenn es sich eindeutig vom nicht-therapeutischen „Hintergrund“ abhebt,

2.alle Therapiemitglieder ihre Interaktionen so abstimmen, dass sich das System selbst stabilisiert. Dies kann bei einer Tanztherapiegruppe z. B. schon der „Bekleidungskodex“ sein, d. h. alle kommen in angemessener „Bewegungskleidung“.

Menschen können zwar Informationen aufnehmen und verarbeiten, sind dadurch aber nicht zwangsläufig zu beeinflussen. Sie nehmen Umwelteinflüsse nur auf, wenn sie diese in ihre eigene „Frequenz“, ihre eigene Sinngebung transformieren können (Reese-Schäfer, 1992). Die geformte Einheit nimmt aktiv eine Innen-Außen-Unterscheidung vor. Im Beispiel des „Bekleidungskodexes“ grenzen sich die TeilnehemerInnen der Tanztherapie vom Außen genau dadurch ab. Dieses Verhalten einerseits und ihr äußeres Verhalten andererseits gewährleisten das Überleben ihres Systems. Wird ihre Grenze gegenüber der Umwelt nicht mehr aktiv aufrechterhalten, so endet das „Leben“ dieses Systems.

Im Falle der Volleyballspieler könnte es so ablaufen, dass ein Mitglied die Regel aufweicht, nur gute Volleyballspieler mitspielen zu lassen, und bringt einen Freund mit, der nur sehr laienhaft spielt. Dies veranlasst nun einen weiteren Mitspieler, dem „Genörgel“ seines Kindes nachzugeben und es auch mitspielen zu lassen. Das Spiel ist folglich nicht mehr so flüssig, und die guten Volleyballspieler ziehen sich zurück. Das System der „guten Volleyballspieler am Strand“ hat sich aufgelöst.

Das System ist also autonom, weil es nicht in einer einfachen Ursache-Wirkung-Beziehung auf äußere Ereignisse reagiert, sondern die innere Struktur bestimmt die Reaktion. Somit ist das System auch strukturdeterminiert. Auf die Einflüsse der Umwelt reagiert das System nur entsprechend seiner eigenen, inneren Strukturen. Ein System ist ein zu sich selbst in Beziehung stehendes Gebilde. Die Bezugnahme erfolgt über Prozesse der Selbstreferenz. Der Begriff der Selbstreferenz meint dabei, dass die Komponenten eines Systems zyklisch derart miteinander interagieren, dass sie an der Erzeugung weiterer Komponenten grundlegend teilhaben (Schiepek, 1991).

Bleiben wir noch einmal beim Beispiel der Volleyballspieler. Wenn die guten Volleyballspieler zwar nach wie vor gut sind, aber das Spielen am Strand eher als Freizeitbeschäftigung ansehen, wo der Spaß im Vordergrund steht, so hätte das Hinzukommen (Störung) eines nicht so guten Volleyballspielers nicht zum Zerfall der Gruppe geführt, sondern es wäre lediglich der Spielverlauf schlechter geworden. Es wäre sogar vorstellbar, dass eine gewisse Verbissenheit weggefallen wäre und die Spieler mehr Spaß gehabt hätten.

Eine Störung ist also stets ambivalent bewertet, sie ist wirkliche Störung, aber gleichzeitig Anregung zur Weiterentwicklung. Dies ist ein wichtiger Ansatz für jede therapeutische Arbeit, aber besonders für die gruppentherapeutische. In einer nicht-systemischen Denkweise wird ein Verhalten eines Gruppenmitgliedes oft als „störend für den Gruppenverlauf“ beschrieben. Mit einer systemischen Sichtweise verharrt die Deutung der Perturbation nicht nur bei der Störung, sondern sieht auch den Aspekt der Anregung. Dieses Konzept hat für das Therapieverständnis weitreichende Folgen:

1.Instruktiv-lineare therapeutische Interaktionen bzw. Interventionen sind unwirksam, weil die innere Struktur des Systems die Reaktion bestimmt. Nur solche Informationen, die ein System aufgrund seiner strukturellen Verfassung verarbeiten kann, werden verarbeitet, andernfalls werden sie ausgeschlossen (Luhmann, 1984). Daher kann es in der Systemischen Tanztherapie keine festgelegten Übungen geben, die ein bestimmtes Therapieziel verfolgen, sondern die Tanztherapeutin muss Übungen auswählen und immer wieder neu modifizieren, die die PatientInnen aufgrund ihrer emotionalen, geistigen und körperlichen Verfassung aufnehmen können und die somit die innere Struktur der PatientInnen anregen. Es ist der Therapeutin nicht möglich, den Grad der Reaktion und Veränderung vorherzusehen.

2.Es gibt Bedingungen für Veränderungsmöglichkeiten. Therapie bedeutet weniger, durch gezielte Aktionen in das System hineinzuwirken und es zu manipulieren, sondern stattdessen günstige Umfeldbedingungen zu schaffen, damit das System sich selbsttätig und autonom auf eine neue Ebene begeben kann, wodurch sich die Schwierigkeiten, unter denen es vorher gelitten hat, erledigen. Der Tanztherapeut muss deshalb alle Aspekte seiner therapeutischen Arbeit berücksichtigen: sowohl äußere Aspekte wie Raumgröße, Raumausstattung, Musik, Gruppengröße, Dauer der Therapie, Interventionen usw. als auch innere Aspekte wie seine therapeutische Haltung, Achtsamkeit, körperlich-emotionale Verfassung, Theoriekenntnisse usw. Dadurch schafft er Umfeldbedingungen, die es den KlientInnen ermöglichen, eigenständig Veränderungen zu gestalten, sodass sich der Leidensdruck reduziert.

Die konstruktivistische Systemtheorie gewinnt ihre Attraktivität für die Therapie aus dem Umstand, dass sie Heilen durch ein Anleiten zum Selbstlernen und Selbstbewältigen ersetzt. Damit etwas als „geheilt“ bezeichnet wird, muss es wieder in seine Ganzheit, Unversehrtheit, Vollständigkeit zurückgeführt werden. Wenn wir von einer Heilung sprechen, dann gehen wir implizit davon aus, dass die Ganzheit – im Falle der Psychotherapie die Ganzheit der Psyche – zerstört worden ist und der Therapeut sie wieder zusammenfügen soll. Genau wie der Chirurg versucht, die zertrümmerten Teile einer Kniescheibe wieder zusammenzusetzen, soll der Psychotherapeut die „zertrümmerten“ Teile der Psyche zusammensetzen. Wenn es uns noch gelingt, die Kniescheibe als nicht mehr ganz zu erkennen, so fällt dies bei der Psyche wesentlich schwerer. Da die Kniescheibe ein Teil des Beines ist, kann dieser Teildefekt sein, ohne die Ganzheit des Menschen zu beeinflussen. Es mag die Bewegungsmöglichkeiten und die Befindlichkeit der Person erheblich verändern, aber es ändert nichts an der Ganzheit der Person. Noch viel weniger wird die Ganzheit der Person aufgehoben, wenn die Psyche Wege der Problemlösung sucht, die gemeinhin als „nicht heil“ beschrieben werden. Der Psychotherapeut ist nicht jemand, der etwas heil, d. h. ganz machen kann. Er kann aber sehr wohl den KlientInnen unterstützen, sich unter Berücksichtigung seiner sozialen Lebenswelt in seiner Ganzheit ein selbstbestimmtes Leben zu erfüllen.

3.6Anschlussfähigkeit

Anschlussfähigkeit ist ein Fachbegriff aus der Systemtheorie von Luhmann (1984) und beschreibt die Möglichkeit, das von anderen Kommunizierte für sich als plausibel oder nicht-plausibel zu erkennen und mit der eigenen „Verständnislogik“ in Einklang zu bringen, um daraus eine Folgekommunikation zu generieren.

Informationen müssen an die eigene Denklogik angepasst werden, um weiterverarbeitet werden zu können und neue Möglichkeiten aufzuzeigen, die eine Selektion aus der Unendlichkeit der Möglichkeiten darstellen. Eine Beziehung ist als soziales System somit beständig auf anschlussfähiges, kommunikatives Handeln angewiesen. Wird die Kommunikation des anderen nicht mehr verstanden und kann nicht in die eigene „Verständnislogik“ eingebaut werden, weil sie der eigenen Denkstruktur zu fremd ist, bricht die Kommunikation ab.

So wird ein Therapeut mit seiner Sorge um den Alkoholkonsum seines Klienten nur dann Erfolg haben, wenn er diese Informationen in für den Klienten relevante Informationen umformen kann und der Klient auch beginnt, sich Sorgen zu machen. Ansonsten stößt er „auf taube Ohren“, und der Klient wiegt sich weiter in der Sicherheit des Glaubens, seinen Alkoholkonsum kontrollieren zu können.

Es werden also Informationen von außen wahrgenommen und verarbeitet, aber wichtig für das System sind nur diejenigen, die als systemrelevante Informationen anzusehen sind.

Ein System entzieht sich demnach jeder zugriffssicheren linearen Außensteuerung, weil externe Anstöße nur dann Wirkung zeigen, wenn sie in Informationen transformiert werden können, die für das System relevant sind. Diese Gesetzmäßigkeit wird häufig bei der Übermittlung von therapeutischen Inhalten vergessen. Die Tanztherapeutin muss die Anschlussfähigkeit schon bei der Auswahl der Musik berücksichtigen. Diese sollte weniger von ihrem eigenen Musikgeschmack abhängen als von der Verankerung bestimmter Musikrichtungen bei den PatientInnen. Auch die Wahl der Sprache und der Übungen muss dem Erfahrenshorizont der PatientInnen angepasst sein.

3.7Der Beobachter

Jede Aussage und jede Handlung stammen von einer Person und sind ihr Produkt. Eine Aussage besteht aus geschriebenen oder gesprochenen Worten, die man einer gültigen Grammatik einer Sprache zuordnen kann. Eine Handlung besteht aus Bewegungen des Körpers, die ebenfalls einer gültigen Körpergrammatik eines Kulturkreises zugeordnet werden können. Der Beobachter erlebt seine Um-Welt gegenständlich deutend. Er nimmt also nicht Artefakte, Signale oder Systeme wahr, sondern beispielsweise Tische, Computer oder Menschen.

Der Begriff „Beobachter“ ist in der Systemtheorie terminologisch gebunden, d. h. nicht jeder, der irgendetwas beobachtet, ist nach dieser Betrachtung ein Beobachter, sondern der Begriff meint eine Instanz, die aus einer bestimmten Perspektive ein System wahrnehmen und beschreiben kann. Diese Bedingung können nur Menschen erfüllen, nicht aber Computer oder Institutionen wie Familien.

Der Beobachter ist also eine spezifische Wahrnehmung eines deutenden Menschen, der darüber entscheidet, was als Phänomen in Betracht gezogen und wie es systemtheoretisch erklärt wird. Der Beobachter entscheidet natürlich auch, was er als Systemtheorie bezeichnet und inwiefern der Beobachter in dieser Theorie thematisiert wird. Durch das Anerkennen des Beobachters wird jede Theorie ein subjektives Konstrukt, dem sich unterschiedlich viele Menschen anschließen, weil sie dieses sinnstiftend finden. Auch jedes System ist nicht objektiv, sondern formt sich in der Wahrnehmung des Beobachters. Durch die Subjektivierung des Beobachters kann beschrieben werden, wer welche Phänomene in welcher Perspektive für wahr annimmt.

Es kann zwischen zwei Beobachterperspektiven unterschieden werden: der deutenden und der konstruierenden. Die deutende Beobachterin beobachtet mit impliziten, meist nicht bewussten Fragen, wie: „Was ist es?“, „Was bedeutet es?“ oder „Wozu ist es gut?“. Die deutende Beobachterin nimmt nicht irgendwelche Pixelmuster, Elemente oder Gestaltfiguren wahr, die sie deuten müsste, sondern bereits „Deutungen“ – gesammelt aus vorherigen Erfahrungen und Deutungskontexten – also bedeutungsvolle Gegenstände oder Phänomene, die sie mit Begriffen oder Eigennamen bezeichnen kann. Sie nimmt also nicht eine Menge Ziegelsteine oder eine Menge singender Menschen, sondern beispielsweise eine Brücke oder einen Chor wahr. In der Tanztherapie nehmen wir durch die Bewegungsanalyse (Bender, 2014) eine deutende Beobachterposition ein, bei der wir zunächst fragen: Was macht jemand? Wie macht jemand was? Was bedeutet diese Bewegung? Dazu braucht man einen theoretischen Bezugsrahmen. Um sich in diesem bewegen zu können, muss man dann zum konstruierenden Beobachter werden.

Der konstruierende Beobachter beobachtet mit Fragen wie z. B. „Wie ist es konstruiert?“ oder „Wie funktioniert es?“ Die konstruierende Perspektive muss der Beobachter willentlich einnehmen, da wir als Beobachter unsere Um-Welt in erster Linie deutend wahrnehmen. Die konstruierende Perspektive muss bewusst gewählt werden, wenn der Beobachter verstehen oder erklären will, was er deutend wahrgenommen hat („Das ist eine Brücke. Wie ist sie konstruiert, dass sie stabil und tragfähig ist?“). Die Tanztherapeutin begibt sich also als konstruierende Beobachterin auf die Suche, die gedeuteten Bewegungsmuster des Klienten zu verstehen („Mit den eingesunkenen Schultern (Deutung) versucht die Klientin, sich vor Außenangriffen zu schützen (Konstruktion).“).

Der Beobachter, der Aussagen macht, ist natürlich ein bedeutungsvolles „Objekt“, das jemand anders als deutender Beobachter wahrnehmen kann. Und natürlich kann sich jemand auch als konstruierender Beobachter fragen, wie ein solcher Beobachter konstruiert sein könnte. Somit wird der Beobachter in einer 2. Ordnung selbst zum Gegenstand eines anderen Beobachters.

3.8Delegation

Mit einer Delegation (lat. „delegatio“: Zuweisung, Überweisung) werden Systemelementen Aufgaben übertragen, für die sie meist eine gewisse Fähigkeit besitzen, die daraufhin aber aufgrund mangelnder Übung von den anderen Elementen nicht mehr oder nur sehr unzureichend erfüllt werden können. Delegationen werden durch nonverbale Signale, durch das Familienselbstbild und durch eine Stimmung erteilt. Viele Delegationen sind bewusst. So backt die Mutter immer den Kuchen, weil sie so gut backen kann, sodass niemand sonst in der Familie eine Notwendigkeit sieht, dies auch zu lernen. Sie wird somit immer perfekter im Kuchenbacken, während die anderen Familienmitglieder diese Aufgabe nicht erlernen und hierin einen guten Grund sehen, dass diese Aufgabe besser die Mutter übernimmt.

In vielen Systemen werden aber auch unausgesprochene Delegationen verteilt. Diese werden dann problematisch, wenn sie nicht mit der Person abgestimmt sind, sie überfordern, Konflikte auslösen oder wenn sich die Aufträge nicht mit den Talenten, Fähigkeiten und Bedürfnissen des Delegierten in Einklang bringen lassen (z. B. soll ein Mädchen unbedingt in den Ballettunterricht, weil die Mutter sich dies immer so gewünscht hat, es bei ihr aber nicht möglich war. Das Mädchen hat aber eigentlich mehr Spaß und Talent am Schwimmen). Es kann aber auch zu sich widersprechenden Auftragskonflikten kommen.

Ein Mädchen erhält die Delegation, einerseits eine starke und selbstbewusste Frau zu werden, wie es der Mutter nie gelungen ist, und andererseits als Erwachsene die kranke Großmutter liebevoll und zeitaufwendig zu Hause zu pflegen, wie es die Mutter mit ihrer Großmutter getan hat.

Delegation ist nur möglich auf der Grundlage einer starken, oft unsichtbaren Loyalität. In Familien hat der Delegierte häufig eine wichtige Aufgabe für seine Eltern zu erfüllen. Delegationen werden an die nachfolgenden Generationen durch nonverbale Signale, durch das Familienselbstbild und durch „Stimmungsansteckung“ (Kaiser, 1989) weitergegeben. Sie sind oft nicht bewusst bzw. zunächst nicht einer bewussten Auseinandersetzung zugänglich (Massing et al., 2006).

Eine Klientin ist von tiefer Trauer geplagt, die sich nicht allein aus ihrer Lebensgeschichte ableiten lässt. Im Laufe der Therapie wird aufgedeckt, dass der Vater adoptiert worden ist, was lange in der Familie verschwiegen wurde. Er selbst wehrt jede Frage dazu ab. Neben den abgewehrten, verallgemeinernden Aussagen („Das war halt damals so“) hat seine eigene Trauer und Bindungslosigkeit keinen Platz. Da er die Mutter nicht festhalten konnte, hält er seine Kinder fest, und die Klientin hat aufgrund ihrer Sensibilität die Trauer des Vaters übernommen.

Stierlin (1978) unterscheidet Delegationen auf der Basis des psychoanalytischen Konzeptes nach den psychischen Ebenen Es, Ich und Über-Ich:

■Es-hafte Delegationen richten sich auf das Ausleben triebhafter Bedürfnisse, die dem Delegierenden niemals selbst möglich waren (z. B. das Ausleben von Sexualität oder Aggressivität oder das Experimentieren mit Drogen).

■Die Ich-hafte Delegationhilft dagegen primär bei der praktischen Lebensbewältigung (z. B. Unterstützung der Eltern, Einholen von Erkundigungen).

■Über-Ich-Delegationen erfordern einen idealistischen Einsatz für ein hochgestecktes Ziel (z. B. ein herausragender Sportler oder Wissenschaftler zu werden). In der Regel sind diese Ziele nicht zu erreichen.

Der Psychoanalytiker Mentzos (1990) verweist ebenfalls auf Delegationsformen, in denen ein Familienmitglied seinen intrapsychischen Konflikt externalisiert.

Zur Bewusstwerdung von Delegationen muss der Tanztherapeut nicht nur darauf achten, welche Delegationen der Klient aus seinem Familiensystem mitbringt, sondern welche Delegationen auch in der Patientengruppe bzw. zwischen Patient und Tanztherapeut passieren. So kann es hilfreich sein, den Begriff „Delegation“ durch den Begriff des Hüters oder der Hüterin zu ersetzen. Damit wird die Delegation bereits abgeschwächt, weil sie zum einen bewusst gemacht wird und zum anderen es nun „nur noch“ die Aufgabe der Klientin ist, darauf zu achten, dass dieser Aspekt im System nicht verloren geht. Solche Delegationen lassen sich meist leicht nach einer eigenverantwortlich entwickelten Choreografie ableiten, in der die KlientInnen nach der Gestaltung reflektieren, was ihr Anteil am Gelingen der Gestaltung war. So muss z. B. eine Hüterin des Vertrauens nicht dafür sorgen, dass alle vertrauensvoll miteinander umgehen, sondern sich lediglich melden, wenn sie spürt, dass Vertrauensverlust in der Gruppe droht.

3.9Destabilisierung

Das Wort „stabil“ wurde im 18. Jahrhundert dem lateinischen „stabilis“ (fest, stehend, standhaft, dauerhaft usw.) entlehnt (Duden, 2001). Wenn durch die systemischen Interventionen der Hypothesenbildung (Kap. 3.11) oder der Moderation der Veränderungsprozesse bei der Wirklichkeitskonstruktion (Kap. 3.24) darauf abgezielt wird, das System zu destabilisieren, so soll es aus seinem jetzigen Stand in Bewegung gesetzt werden. Wenn jemand eine Therapie aufsucht, dann möchte er etwas in seinem Leben ändern. Ein Mensch, der mit seinen Wirklichkeitskonstruktionen ein zufriedenes Leben führt, wird keine Therapie aufsuchen. Es macht aber wenig Sinn, die KlientInnen in ihren eigenen Strukturen zu bestätigen, wenn genau diese Strukturen Bestandteil der Unzufriedenheit bzw. erfolglosen Problembewältigung im Leben sind. Der Therapeut muss also eine gewisse empathische „Frechheit“ mitbringen, um innerlich und äußerlich die Wirklichkeitskonstruktionen und Strukturen der KlientInnen in Frage zu stellen.

Eine Klientin kommt mit einem traurigen Gefühl in die Tanztherapiesitzung und berichtet, dass sie ohne äußeren Anlass traurig geworden sei. Die Traurigkeit habe sie überfallen. Für den Bewegungsteil lasse ich sie ein Tuch als Repräsentanz für die Traurigkeit aussuchen und sie an einen Platz legen. Nun fordere ich sie auf, dass sie dieses Tuch plötzlich an sich nehmen soll, so wie die Traurigkeit sie ja auch plötzlich überfällt. Bereits in diesem Teil nehme ich eine Umdeutung vor, die sich nachher als nützlich erweisen sollte. Die Klientin beschreibt die Traurigkeit so, als würde sie wie ein Virus von außen auf sie einfallen. Dies stelle ich in Frage, indem ich ihr Autonomie zuschreibe und sie auffordere, das Tuch selbst zu nehmen. Den Aspekt des Plötzlichen aus ihrer Erzählung lasse ich bestehen, um an ihre Deutung ankoppeln zu können. Die Klientin fängt bei der Übung sofort wieder an zu weinen und fragt mich unsicher, ob sie das Tuch denn holen müsse, es würde sie so traurig machen. Als ich dies verneine (Wer muss sich schon Traurigkeit ohne Grund „reinziehen“?), lässt sie das Tuch liegen, schaut aber dennoch ständig dorthin und kann sich nicht wirklich einer anderen Empfindung zuwenden. Schließlich werden die Tränen weniger, sie nimmt das Tuch, und es entstehen leichte beschwingte Bewegungen. Im anschließenden verbalen Feedback wird ihr klar, dass sie das Tuch (ihre Traurigkeit, stellvertretend für all ihre Gefühle) nicht so einfach liegen lassen kann, da dieses Gefühl ja zu ihr gehört. Im weiteren Gespräch kommen wir darauf, dass Traurigkeit für sie eine gelernte Form des Nahkontaktes ist. Sie kann sich nicht vorstellen, dass man auch ohne Traurigkeit einem Menschen nah sein kann. Ihre Konstruktion „Traurigkeit ist notwendig, um einem Menschen nah zu sein“ wurde destabilisiert, sodass sie zukünftig nach anderen Formen der Nähe suchen kann.

Durch neu angebotene Interpretationen, Erklärungen, dem Aufzeigen kommunikativer Strukturen und deren Funktionalität innerhalb einer intra- oder interpersonellen Beziehungsdynamik wird der Mensch in seiner Einordnung systemeigener Strukturen verunsichert. Erst in diesem Stadium ist das System in der Lage, offen auf Anregungen, Experimente oder Zielvorgaben einzugehen. Für TherapeutInnen heißt dies, dass erst im Zustand der Destabilisierung Interventionen möglich werden. Dabei gilt es zu respektieren, dass die KlientInnen Experten ihres eigenen Lebens und seiner Inhalte und Ziele sind. TherapeutInnen dagegen sind Experten für Prozesse und die Rahmenbedingungen des Veränderungsprozesses. Wie es Schlippe und Schweitzer (2002) sehr poetisch ausdrücken, gilt der Respekt gegenüber dem Menschen, aber Respektlosigkeit gegenüber Ideen. Das setzt bei der Therapeutin viel Offenheit und Respekt vor pluralistischen Lebensentwürfen voraus. Denn nur wenn sie in der Lage ist, alle möglichen Lebensformen für möglich zu halten, wird sie die Wirklichkeitskonstruktion destabilisieren können.

Eine verheiratete Klientin berichtet davon, dass sie eine Affäre mit einem anderen Mann angefangen hat und sich ambivalent in ihrer Situation gefangen fühlt. Wenn die Therapeutin sich nun in das Gedankensystem der Klientin hineinziehen lässt und mit ihr an einer Entscheidung arbeitet, wird sich an der Situation wahrscheinlich nichts ändern, denn der Konflikt sind nicht die beiden Männer, sondern wahrscheinlich die verinnerlichte Norm, dass es moralisch verwerflich ist, mit zwei Männern gleichzeitig Sex zu haben, und vielleicht einer nichts von dem anderen weiß. Eine „freche“ Destabilisierung könnte vielleicht so aussehen: „Ihr Mann ist viel auf Geschäftsreisen, aber dann gibt es doch überhaupt kein Problem, den anderen Mann zu sehen. Dann haben Sie doch Zeit für ihn.“

Zu beachten ist noch, dass Systeme bei Veränderungen ihre eigene Zeit brauchen. Dies ist beim Setting, aber auch bezüglich Sprachgeschwindigkeit, Abständen zwischen den Sitzungen, Körperhaltungen und Bewegungen zu berücksichtigen. Genauso individuell ist der Verlauf der Entwicklung, sodass Veränderungsprozesse nicht linear und konstant verlaufen, sondern häufig Sprünge machen (Schiepek, 1999).

Abbildung 5: Auswirkungen der Musterunterbrechung auf das Gleichgewicht des Systems

3.10Homöostase