Systemische Therapie - Kirsten von Sydow - E-Book

Systemische Therapie E-Book

Kirsten von Sydow

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Beschreibung

Systemische Therapie beschäftigt sich mit dem sozialen Kontext psychischer Störungen. Beziehungserfahrungen mit Eltern, Partnern und anderen Bezugspersonen wirken sich auf die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen aus. Diese beeinflussen ihrerseits Familie und Partnerschaft. Systemische Therapie unterstützt Klienten und ihre Angehörigen dabei, belastende Beziehungsmuster zu verändern und vorhandene Ressourcen weiter zu entwickeln. Das Buch gibt einen Überblick über Theorie und Wirksamkeitsbelege. Es schildert den Therapieprozess und typische Interventionen, wie positives Umdeuten, Genogramm oder Familienskulptur. Es führt in Settings mit Erwachsenen, Kindern, Jugendlichen, als Einzel-, Paar-, Familientherapie sowie in neue Ansätze der Multi-Familien-Gruppentherapie und Arbeit mit komplexen Helfersystemen ein.

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Prof. Dr. phil. Kirsten von Sydow, Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit integrativer Orientierung (tiefenpsychologisch / systemisch), lehrt Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin und ist in eigener Psychotherapiepraxis in Hamburg tätig. Von der Autorin außerdem im Ernst Reinhardt Verlag lieferbar: „Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen“ (ISBN 978–3–497–01347–0).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978–3–497–02508–4 (Print)

ISBN 978–3–497–60217–9 (E-Book)

© 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in Germany

Reihenkonzeption Umschlag: Oliver Linke, Hohenschäftlarn

Covermotiv: © Stefan Ahrendt / Fotolia.com

Satz: FELSBERG Satz & Layout, Göttingen

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Inhalt

1Einführung

2Geschichte

2.1   Von der Familientherapie zur Systemischen Therapie

2.2   Grundlegende Ansätze der Systemischen Therapie

2.3   Die Entwicklung der ST zu einem eigenständigen Therapieansatz

Deutschland

Österreich

Schweiz

2.4   Exkurs: Bert Hellinger – Ein systemischer Therapeut?!

3Theorie

3.1   Begriffsbestimmung

Definition

Systemische Therapie und Paar-/Familientherapie

3.2   Theoretische Grundlagen

Metatheoretische Grundpositionen

Systeme, Strukturen und Kommunikation

Die Sprache der Veränderung

Bindungs- und Mehrgenerationskontext

3.3   Die empirische Fundierung theoretischer Grundannahmen

3.4   Ätiologische Konzepte

3.5   Theoretische Integration

4Der therapeutische Prozess

4.1   Grundhaltungen und Rahmenbedingungen

4.2   Diagnostik

Symptomatik und Ressourcen

Interpersonelle Diagnostik

Therapieevaluation und Qualitätssicherung

Umgang mit Diagnosen und Arztbriefen

4.3   Das Erstgespräch

Joining

Problem- und Ressourcenexploration

Erkundung des Auftrags- und Überweisungskontexts

Besucher, Klagende und „Kunden“

Gemeinsam entwickelte Therapieziele

4.4   Settings/Anwendungsformen

Ein neuer Ansatz: Multifamiliengruppentherapie

4.5   Interventionen

Veränderungen familiärer Strukturen und Interaktionsmuster

Systemische Fragen

Genogramm

Skulptur/Aufstellung

Positives Umdeuten („Reframing“)

Arbeit mit inneren Anteilen/Zuständen

Schlussinterventionen

4.6   Manuale für Störungen des Erwachsenenalters

Lösungsorientierte Kurzzeittherapie

Systemische Paartherapie bei Depressionen

Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT)

4.7   Manuale für Störungen des Kindes- und Jugendalters

Attachment-Based Family Therapy (ABFT)

Maudsley Approach Family Therapy (MAFT)

Multidimensionale Familientherapie (MDFT)

Multisystemische Therapie (MST)

4.8   Indikationen und Kontraindikationen

Systemische oder andere Therapie?

Welche systemischen Interventionen sind wann indiziert?

Ein- oder Mehrpersonensetting?

Passung von Therapeut und Klient(en)

4.9   Behandlungsprobleme

4.10 Beendigung der Behandlung

5Evaluation

5.1   Forschungsstand zu Störungen des Erwachsenalters

Primärstudien (RCTs)

Metaanalysen

Reviews und Leitlinien

Langfristige Wirksamkeit

5.2   Forschungsstand zu Störungen des Kindes- und Jugendalters

5.3   Therapeuten-, Patienten- und Therapieprozessvariablen

5.4   Ökonomische Kosten-Nutzen-Studien

Alle Altersgruppen: US-Befunde

Erwachsenentherapie

Kinder- und Jugendlichentherapie

6Ausblick auf künftige Entwicklungen

6.1   Systemische Therapie – erfolgreich aber noch wenig sichtbar

Kassenrechtliche Anerkennung in Deutschland?!

6.2   Systemische Therapie und „Allgemeine Psychotherapie“

Das Intrapsychische – ein Tabu für Systemiker?!

Systemische Bindungs- und Traumatherapie

Für alle Therapeuten nützliche Elemente der Systemischen Therapie

7Zusammenfassung

Glossar

Literaturempfehlungen und andere Materialien

Zitierte Literatur

Sachregister

„Die Wahrheit, die erste Wahrheit,ist vermutlich,dass wir alle miteinander verbunden sind undeinander beobachten.Selbst die Bäume.“ (Arthur Miller, US-Dramatiker)

1 Einführung

Das Buch gibt einen Überblick über die Geschichte, theoretische Grundlagen, die therapeutische Praxis der und Forschungsergebnisse zur Systemischen Therapie (ST) bei der Behandlung psychischer Störungen Erwachsener, Jugendlicher und Kinder. Es werden sowohl klassische Anwendungsformen der Systemischen Therapie wie Paar-/Familientherapie, Einzel- und Gruppentherapie als auch neuere Settings wie die Multifamiliengruppentherapie und der Einbezug komplexer Helfersysteme beschrieben.

Orientiert an der Mehrgenerationsperspektive ist in der ST die Trennung in „Erwachsenentherapie“ und „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“ wenig sinnvoll: Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten müssen die Eltern und andere Bezugspersonen immer mitbedenken und fast immer auch in die Gespräche einbeziehen. Erwachsenentherapeuten sollten nicht nur die Vergangenheit (z. B. Kindheit und Jugend des Klienten) und kindliche innere Anteile Erwachsener, sondern auch vorhergehende Generationen in ihren Nöten, Traumatisierungen und Ressourcen im Auge haben und auch das Wohlergehen nachfolgender Generationen beachten. In der „Erwachsenentherapie“ ist es oft sinnvoll andere Erwachsene (z. B. Partner, Eltern) und manchmal auch die Kinder der Klienten direkt einzubeziehen.

Vielleicht noch stärker als andere deutschsprachige Lehrbücher der Systemischen Therapie orientiert sich dieses Buch an der empirischen Grundlagenforschung (Familien-, Entwicklungspsycho(patho)logie, Bindungsforschung, Gesundheitspsychologie, Epidemiologie) und der klinisch-psychologischen, familien-/paarbezogenen und allgemeinen Psychotherapieforschung. Vor diesem Hintergrund werden auch deutsch- und englischsprachige störungsspezifische Manuale zur Systemischen Therapie einbezogen.

Der vorliegende Text ist damit „evidenzbasiert“ (oder ehrlicher „evidenzorientiert“, da die Evidenz begrenzt ist), ebenso wie die internationale Sicht auf Systemische Therapie und „Couple (Marital) and Family Therapy (CFT/MFT)“ (Becvar & Becvar, 2009; Carr, 2012; Nichols, 2010) und die Konzeptualisierung der Systemischen Therapie der deutschen systemischen Fachverbände. Diese wurde in der Expertise zur Wirksamkeit der Systemischen Therapie (Sydow, Beher, Retzlaff & Schweitzer, 2007a) beschrieben, die durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) begutachtet wurde. Vor diesem Hintergrund wurde die Systemische Therapie 2008 vom WBP als wissenschaftlich fundiertes Verfahren der Erwachsenen- sowie der Kinder- und Jugendlichentherapie anerkannt (WBP, 2009).

Das Buch ist praxisnah in klarer, jargonfreier Sprache geschrieben. Es richtet sich an (fertig ausgebildete und angehende) Psychotherapeuten (Systemiker und auch Verhaltens-, Psychodynamische oder Humanistische Therapeuten), Fachleute und Studierende aus verwandten bio-psychosozialen Fächern (z. B. Psychologie, Medizin, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Beratung, Lehramt) sowie an Laien mit einem besonderen Interesse am Thema.

Orientiert an Gregory Bateson (1972/1983) ist mein Anliegen die Verbindung von „lockerem Denken“ (woran viele systemische Therapeuten große Freude haben) und „strengem Denken“ (weniger populär unter Systemikern und vielleicht überhaupt unter Therapeuten):

Es geht „erstens (um) das lockere Denken und die Errichtung einer Struktur auf wackligen Grundlagen, und dann um die Korrektur zu strengem Denken und das Einsetzen einer neuen Untermauerung unter die schon konstruierte Masse. [...] Ich glaube, die Wissenschaft wird aufgehalten, wenn wir anfangen, uns zu lange entweder auf strenges oder auf lockeres Denken zu spezialisieren.“ (Bateson, 1972/1983, 131)

2 Geschichte

2.1 Von der Familientherapie zur Systemischen Therapie

Die Systemische Therapie hat ihre Wurzeln in der Familien- und Paartherapie. In den 1930er und 1940er Jahren begannen einige – meist angloamerikanische – Psychotherapeuten die Familien ihrer Patienten in die Behandlung miteinzubeziehen: In der Erziehungsberatung stießen Praktiker bei psychisch belasteten und delinquenten Kindern und Jugendlichen an die Grenzen ihrer individualtherapeutischen Möglichkeiten und in der Schizophrenieforschung fiel auf, dass nicht nur Schizophrene selbst, sondern auch ihre Eltern problematisches Kommunikationsverhalten aufweisen. Außerdem entwickelte sich im Rahmen von Eheberatung und psychoanalytischer Arbeit mit Paaren die Paartherapie relativ getrennt von der Familientherapie. Doch heute gilt die Paartherapie als eine Unterform der Familientherapie.

Mit der Integration systemtheoretischer und kommunikationswissenschaftlicher Ansätze entwickelte sich die Paar-/Familientherapie zu einem Verfahren, das von einem anderen Paradigma ausgeht als eine Einzeltherapie:

Die Störung eines Familienmitglieds wird nicht primär als individuelles Problem sondern als Symptom dysfunktionaler familiärer Interaktionen aufgefasst.

Die Pionierphase der Systemischen Therapie/Familientherapie wurde nicht durch eine zentrale Gründerfigur, sondern durch verschiedene „Urväter und Urmütter“ geprägt. In den 1950er Jahren entstand zunächst in den USA im Rahmen der Erforschung und Behandlung psychiatrischer Störungen die Paar- und Familientherapie. Sie wurde damals „Marital and Family Therapy (MFT)“ genannt. Inzwischen werden nicht nur Ehepaare, sondern alle hetero- und homosexuellen Paare berücksichtigt, unter dem Begriff „Couple and Family Therapy (CFT)“ (Sydow, 2007; Sydow et al., 2007a).

Wichtige Anstöße zur Entwicklung dieses neuen Ansatzes kamen von dem US-amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Murray Bowen (1913–1990), dem britischen Biologen, Anthropologen und Psychologen Gregory Bateson (1904–1980), dem aus Argentinien stammenden amerikanischen Kinder-Psychiater und Psychoanalytiker Salvador Minuchin (*1921), der amerikanischen Sozialarbeiterin Virginia Satir (1916–1988), dem ungarisch-amerikanischen Arzt, Psychotherapeuten und Hochschullehrer Iván Böszörményi-Nagy (1920–2007), der italienischen Internistin und Psychoanalytikerin Mara Selvini Palazzoli (1917–1999) und dem österreichisch-amerikanischen Psychotherapeuten und Sprachwissenschaftler Paul Watzlawick (1921–2007).

In den 1960er Jahren etablierte sich in den USA die Familientherapie als psychotherapeutisches Verfahren mit eigenständigen Ausbildungsinstituten, Kongressen und Fachzeitschriften (z. B. „Family Process“). 1968 wurde „Family Medicine“ als 20. medizinisches Fachgebiet anerkannt.

Familientherapie war zunächst durch das Setting definiert: Mehrere (verheiratete/verwandte) Personen wurden gemeinsam behandelt statt der sonst üblichen Einzeltherapie. Nach und nach wurden dann neue theoretische Konzepte und spezielle Interventionstechniken entwickelt, die über die bis dahin übliche psychodynamische Orientierung hinausgehen und die speziell an der interpersonellen System-Dynamik von Familien und Partnerschaften orientiert sind. So entstand etwa ab den 1970er Jahren die „Systemische Familientherapie“, die sich dann auch theoretisch und klinisch-praktisch zu der neuen Therapierichtung „Systemische Therapie“ weiterentwickelte (Sydow et al., 2007a). Da sich zeigte, dass systemische Techniken auch erfolgreich bei Einzelpersonen (sowie in anderen nichtfamiliären Settings) angewendet werden können, führte das zur Entwicklung der systemischen Einzeltherapie. Es lässt sich also unterscheiden, ob mit einem Mehrpersonen-Setting (z. B. Paar-/Familientherapie) gearbeitet wird, und/oder mit einer systemischen theoretischen Orientierung.

Angestoßen wurde die Entwicklung in Nordamerika, dann folgte Europa. Wegbereiter im deutschsprachigen Raum waren u. a. die Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter (1923–2011), Helm Stierlin (*1926) und Jürg Willi (*1934). Inzwischen wird auch in China und Südamerika systemisch-familientherapeutisch gearbeitet und geforscht (Kap. 5.1, 5.4).

2.2 Grundlegende Ansätze der Systemischen Therapie

Es lassen sich sieben grundlegende Perspektiven oder Ansätze der Systemischen Therapie unterscheiden, aus denen unterschiedliche systemische Methoden und Interventionen hervorgingen (Sydow et al., 2007a; Sydow, Retzlaff, Beher, Haun & Schweitzer, 2013):

1. Die strukturell-strategische Perspektive versteht klinische Probleme als Ausdruck dysfunktionaler, nicht (mehr) entwicklungsgerechter familiärer Strukturen. Familien werden als regelgesteuerte Systeme betrachtet, deren Struktur von außen hinreichend objektiv erkennbar und durch therapeutische Interventionen gezielt beeinflussbar ist. Wichtige Vertreter dieses Ansatzes sind Salvador Minuchin (Minuchin & Fishman, 1981/1985; Minuchin, Rosmann & Baker, 1978/1991), Jay Haley (1977/1984) und Cloe Madanes (1981). Dieser Ansatz wurde von der Mailänder Arbeitsgruppe um Mara Selvini Palazzoli weiterentwickelt mit einem Fokus auf zirkulären Modellen (Selvini Palazzoli, Boscolo, Ceccin & Prata, 1978/1981, 1980/1981). Sie nutzen die Idee der zirkulären Kausalität (Bateson, 1972/1983) für die Psychotherapie. Fokus sind immer konkrete Interaktionsmuster, die anders als in der klassischen Verhaltenstherapie aber zirkulär verstanden werden (Grawe, Donati & Bernauer, 1994). Die Familie wird als ein sich selbst organisierendes kybernetisches System verstanden, in dem alle Elemente vernetzt sind und die psychische Störung Systemfunktionen erfüllt. Therapeutisch hat der strukturell-strategische Ansatz u. a. die Methoden Joining (Beziehungsaufnahme und -gestaltung), Enactments (Inszenierungen alltäglicher Interaktionsprobleme im Therapieraum), Aufgaben und Verschreibungen, die dosierte Konfrontation und den Umgang mit Koalitionen und Familiengeheimnissen hervorgebracht. Die Mailänder Schule hat die Techniken um die zirkuläre Befragung bzw. die triadischen Fragen, das Hypothesenbilden und die paradoxen Interventionen ergänzt.

2. Die Mehrgenerationsperspektive verknüpft systemische und psychodynamische Konzepte. Sie betrachtet klinische Probleme im Kontext ungelöster familiärer Vermächtnisse und Loyalitäten, unzureichender Differenzierung (Bowen, 1975), überfordernder familiärer Delegationen (Stierlin, 1978) und unausgeglichener „Schuld- und Verdienstkonten“ zwischen den beteiligten Individuen und Generationen (Boszormenyi-Nagy & Spark, 1973/2006). Wichtige Vertreter waren Murray Bowen und Ivan Boszormenyi-Nagy. Hier bestehen auch Bezüge zur Bindungstheorie. Diese Perspektive hat das therapeutische Vorgehen bereichert durch die Genogramm-Arbeit (Hildenbrand, 2005; McGoldrick, Gerson & Petry, 2008) und die damit verknüpfte Mehrgenerationsperspektive. Der Fokus liegt auf der transgenerationalen Weitergabe familiärer Muster. Diese werden erkundet durch Mehrgenerations-Familiengespräche (Reich, Massing & Cierpka 2007), die Arbeit mit Familiengeschichten, die „Familienrekonstruktion“ als Selbsterfahrungsansatz in der Psychotherapieausbildung sowie paar- und individualtherapeutische Interventionen mit einem Fokus auf „Differenzierung“ (z. B. Schnarch, 1997/2006).

3. Die experientelle (erlebnisaktivierende) Familientherapie betrachtet klinische Probleme unter dem Gesichtspunkt des blockierten Emotionsaustauschs, der Selbstwert-Regulation und der Nähe- und Distanz-Wünsche von einander nahestehenden Menschen. Bekannte Vertreter waren Virginia Satir (1964, 1972/2013) und Carl Whitacker (Whitacker & Keith, 1981). Therapeutisch haben sie Verfahren wie die Familienskulptur hervorgebracht.

4. Der lösungsorientierte Ansatz geht auf die Arbeit von Steve de Shazer (1988/2012) zurück. Statt wie sonst im therapeutischen Kontext üblich auf Defizite, Symptome und Probleme zu fokussieren, orientiert sich dieser Ansatz an Ressourcen und Lösungen. Damit einher geht eine „sparsame“ Haltung bzgl. des beraterischen/therapeutischen Aufwands: Therapeuten orientieren sich konsequent an der Motivationslage der Klienten und vermeiden es, mehr zu tun als von den Klienten gewünscht. Wesentliche lösungsorientierte Interventionen sind „solution talk“, lösungsorientierte Fragen wie z. B. die „Wunder- oder Feenfrage“ und ein diagnostisches Raster zur Einschätzung der Therapiemotivation von Klienten.

5. Die Selbstorganisations-Perspektive orientiert sich an den Konzepten Selbststeuerung, Selbstorganisation, strukturelle Autonomie und verzichtet größtenteils auf normative Vorstellungen über Familien und Gesundheit. Das therapeutische Vorgehen orientiert sich stärker an der Eigenlogik des Patientensystems. Kennzeichnend ist die Haltung der wertschätzenden Neutralität sowie des „Respektes gegenüber Personen bei gleichzeitiger Respektlosigkeit gegenüber ihren Ideen“ (Cecchin, Lane & Ray, 1993). Zentral sind das Infragestellen von Grundüberzeugungen, mit denen das Klientensystem sich bislang das Leben schwer macht und die Nutzung positiver Umdeutungen. Bekannte Vertreter sind die „neue Mailänder Schule“ (Cecchin et al., 1993) und die „neue Heidelberger Schule“ der Systemischen Therapie (Stierlin, 2005).

6. Die narrative Perspektive konzentriert sich darauf, dass soziale Systeme durch und in Erzählungen (Narrationen) leben, die das Verhalten der Beteiligten prägen. Es geht darum, wie durch Kommunikation und Sprache Realität und Identität (mit-)konstruiert wird. Erzählungen werden „dekonstruiert“, um den Blick auf Alternativgeschichten zu lenken (Sydow et al., 2007a). Therapeutisch hat sie die „Dekonstruktion herrschender Erzählungen“ (White, 1991), das Reflektierende Team (Anderson, 1990) und den offenen Dialog (Seikkula, 2003) hervorgebracht.

7. „Trademark-Therapien“: In Nordamerika und in Europa wurden manualisierte systemisch-integrative Behandlungspakete für die Behandlung spezifischer Störungsbilder wie Depressionen, Substanz-, Sozialverhaltens- und Essstörungen entwickelt (Sydow et al., 2013; Schindler, Sydow, Beher, Retzlaff & Schweitzer, 2010). Im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie zählen dazu u. a. die Brief Strategic Family Therapy (BSFT,Szapocznik, Hervis & Schwartz, 2003), die Multisystemische Familientherapie (MST,Swenson & Henggeler, 2005), die Multidimensionale Familientherapie (MDFT,Liddle, 2002), die Attachment-Based Family Therapy (ABFT,Diamond, Siqueland & Diamond, 2003) und die Funktionale Familientherapie (FFT,Sexton & Alexander, 2003). Alle Ansätze basieren auf der strukturell-strategischen Familien-Systemtherapie (Minuchin & Fishman, 1981/1985), einer gemäßigt konstruktivistischen Haltung und der Integration der Grundlagenforschung (z. B. Entwicklungspsycho(patho)logie). Zum Teil werden auch verhaltenstherapeutische und/oder bindungstheoretische Interventionen integriert (Kap. 4.7).

Manualisierte systemisch-integrative „trade-mark“ Therapiemodelle der Erwachsenenpsychotherapie sind z. B. die „Emotion Focused Couple Therapy (EFT)“ und die in London entwickelte Paartherapie für Paare mit einem depressiven Partner (Kap. 4.6).

Die verschiedenen systemischen Methoden werden in integrativen Meta-Modellen (Carr, 2012) zusammengefasst. Pinsof (Pinsof & Wynne, 1995) z. B. empfiehlt, im Setting und im Behandlungsfokus mit dem Einfachen, kurzfristig Realisierbaren zu beginnen und zum Komplizierteren und Anspruchsvolleren nur dann voranzuschreiten, wenn das einfachere Arbeiten nicht ausreicht. Pinsof postuliert, das Arbeiten mit der Familie auf der Verhaltensebene führe am direktesten weiter, während die Veränderung des Selbstkonzeptes einzelner Personen der langwierigste Prozess sei.

2.3 Die Entwicklung der ST zu einem eigenständigen Therapieansatz

In den USAheißt die grundlegende Orientierung „Couple (Marital) and Family Therapy (CFT/MFT)“. Auch die meisten englischsprachigen Lehrbücher fokussieren auf „Family Therapy“, was Paartherapie mit einschließt (z. B. Becvar & Becvar, 2009; Carr, 2012; Nichols, 2010). Es existieren entsprechende Studiengänge, Forschungsgruppen an Universitäten, Fachverbände und Fachzeitschriften (z. B. „Family Process“) und Kongresse. Das Vorgehen ist evidenzorientiert, immer orientiert an einer grundlegenden systemischen Orientierung, aber auch sehr integrativ und schließt individualtherapeutisches Arbeiten in der Regel mit ein. So integrieren systemische „Trademark-Therapien“ selbstverständlich die entwicklungs- und familienpsychologische Grundlagenforschung und nutzen oft auch Techniken aus anderen Therapierichtungen wie Verhaltenstherapie, bindungsorientierter oder humanistischer Therapie (Kap. 4.7, 4.8).

Bereits 1942 wurde in den USA die American Association for Marriage and Family Therapy (AAMFT: www.aamft.org/index_nm.asp) gegründet. Seit 1959 werden Trainingsprogramme in (systemischer) Paar-/Familientherapie akkreditiert, seit 1978 auch akademische Master-, Promotions-Programme und das „Post-Graduate Degree Clinical Training“. Die AAMFT Standards für die Akkreditierung von Ausbildungsgängen (www.awmft.org/about/COAMFTE/standards-of_accreditation.asp, Version 10.3) machen u. a. Vorgaben bzgl. der theoretischen Grundlagen der Ausbildung, der klinischen Praxis, der individuellen Entwicklung, professionellen Identität und Ethik und Forschung. Erforderlich sind mindestens 500 Stunden klinische Praxis, davon 250 Stunden mit Familien und Paaren und mindestens 100 Stunden „Face-to-face“-Supervision, davon 50 Stunden mit direkter Beobachtung der therapeutischen Arbeit (Life-Supervision, Video, Tonband). Für Doktoranden-Ausbildungsgänge sind die Anforderungen noch höher (Sydow et al., 2007a).

Weitere bedeutsame US-Organisationen sind die 1977 gegründete American Family Therapy Association (AFTA, www.afta.org) und die Division 43 „Family Psychology“ (www.apa.org/divisions/div43/) der „American Psychological Association (APA)“ (s. auch Sydow, 2006).

Doch in vielen europäischen Ländern ist das Therapiesystem (noch?) weitaus stärker orientiert am Schulendenken. Paar- und Familientherapie gilt hier als Setting, nicht als Schule, deshalb hat sich besonders in Europa eine stärkere Orientierung am Schulen- oder Verfahrensbegriff „Systemische Therapie“ herausgebildet.

Systemische (Familien- und Paar-)Therapie ist in den meisten europäischen Ländern (z. B. Finnland, Italien, Polen, Schweiz, Österreich, Schweden, UK) ein anerkanntes Psychotherapieverfahren (Strauß et al., 2009; Sydow et al., 2007a). In einer großen internationalen Studie identifizierten sich 20,9 % der befragten Psychotherapeuten (auch) mit dem systemischen Ansatz; 34 % arbeiteten (auch) mit einem Paar- und 28 % mit einem Familien-Setting (Orlinsky & Ronnestad, 2005).

Deutschland

Wichtig in Deutschland waren mehrere akademische Zentren, an denen die Forschung, Lehre und Praxis der Paar- und Familientherapie vorangetrieben wurde: Helm Stierlins Lehrstuhl an der Universität Heidelberg, Horst-Eberhard Richter an der Universität Gießen, Eckhard Sperling an der Universität Göttingen und Michael Wirsching an der Universität Freiburg. Klaus Schneewind etablierte die akademische Familienpsychologie in Deutschland an der LMU München (jetzt an der Psychologischen Hochschule Berlin) und Kurt Hahlweg legte an der Technischen Universität Braunschweig im verhaltenstherapeutischen Kontext wichtige Arbeiten zur Partnerschaftsforschung und Paartherapie vor.

Ab den 1970er Jahren entstanden an vielen Standorten in Deutschland systemisch-familientherapeutische Aus- und Fortbildungsinstitute. Es wurden Dachverbände gegründet (früher: Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie, AGST; aktuell bedeutsam: Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie, DGSF) und die Systemische Gesellschaft, SG).

Kurz nach Ratifizierung des Psychotherapeutengesetzes beschloss die damals relevante systemische Fachgesellschaft (AGST) beim Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) einen Antrag auf Anerkennung der Systemischen Therapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren zu stellen, der sich auf 26 Studien zur Kinder-, Jugend- und Erwachsenentherapie stützte (Schiepek, 1999). Dieser Antrag wurde vom WBP abgelehnt (WBP, 2000). Die Ablehnung wurde mit einem unzureichend dargelegten Zusammenhang zwischen Theorie und klinischer Praxis sowie einem Mangel an empirisch tragfähigen Studien zum Thema begründet.

Eine zweite Expertise zur Wirksamkeit der Systemischen Therapie wurde erst mehrere Jahre später im Auftrag der DGSF und der SG erstellt, nachdem eine deutsche Arbeitsgruppe in mehreren Reviews den guten Forschungsstand zur Systemischen Therapie dargestellt hatte (Sydow, 2004; Sydow, Beher, Retzlaff & Schweitzer, 2007b; Sydow, Beher, Schweitzer & Retzlaff, 2006b). Die Expertise orientierte sich an den Anforderungen der evidenzbasierten/-orientierten Psychotherapie und referiert 33 RCT (randomized controlled trial) zur Wirksamkeit der ST bei Störungen des Erwachsenenalters und 50 RCT zu Störungen des Kindes- und Jugendalters (Sydow et al., 2007a). Der Antrag auf die wissenschaftliche Anerkennung der ST wurde vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) begutachtet, der die Systemische Therapie dann Ende 2008 als wissenschaftlich fundiertes Verfahren der Erwachsenen- sowie der Kinder- und Jugendlichentherapie anerkannt hat (WBP, 2009).

Doch erst 2014 wurde dann der Prüfungsprozess des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) gestartet (umgesetzt vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWIG) – zunächst nur bzgl. Erwachsenentherapie –, der darüber entscheiden wird ob die Systemische Therapie voll als Psychotherapieverfahren anerkannt wird (dann also auch von den Krankenkassen im ambulanten Bereich finanziert werden wird). Der Prüfprozess bzgl. Systemischer Therapie als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wurde bis heute (11/2014) – sechs Jahre nach der wissenschaftlichen Anerkennung – noch immer nicht eröffnet.

Systemische Therapie ist in Deutschland ein weit verbreitetes Verfahren. Es gab bereits 2005 78 Weiterbildungsinstitute für ST in Deutschland, die durch mindestens eine der beiden Dachgesellschaften (DGSF, SG) akkreditiert wurden (Sydow et al., 2007a).

Obwohl Systemische Therapie in der ambulanten Psychotherapie in Deutschland derzeit nicht abrechenbar ist, haben 12–14 % der niedergelassenen approbierten (und kassenzugelassenen) Kinder-/Jugendlichen- und Erwachsenenpsychotherapeuten in Deutschland eine abgeschlossene systemische Therapieaus-/weiterbildung. Ein Viertel der Kassen-Psychotherapeuten gibt an, dass Systemische Therapie/Familientherapie für ihre praktische Arbeit einen hohen Nutzen habe und 41 % sagen, dass dieser Ansatz ihre persönliche therapeutische Identität präge (Schindler & von Schlippe, 2006; Sydow et al., 2007a).

Im stationären Bereich gehört „Familientherapie“ seit 1991 nach der Personalverordnung Psychiatrie (PsychPV) zum Regelangebot aller psychiatrischen und kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken (BM für Gesundheit, 1990).

Systemische Ansätze werden in Deutschland u. a. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in Suchtkliniken und in psychosomatischen und psychiatrischen Kliniken für Erwachsene häufig und erfolgreich eingesetzt. Bereits 2002 berichteten 90 % der Leiter deutscher Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken, dass in ihrer Einrichtung (auch) Familientherapie/Systemische Therapie durchgeführt wird. Familientherapie ist Bestandteil der Facharztweiterbildung in der Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie (Sydow et al., 2007a). Es liegt auch eine Leitlinie zur Paar- und Familientherapie vor (Scheib & Wirsching, 2004).

56 % der Mitarbeiter von Erziehungs- und Familienberatungsstellen geben an, über eine systemische bzw. familientherapeutische Zusatzqualifikation zu verfügen (Sydow et al., 2007a; s. auch www.bke.de).

Österreich

Das 1991 in Österreich in Kraft getretene Psychotherapiegesetz verlangt für die Eintragung als Psychotherapeut eine mindestens fünfjährige Ausbildung (3.215 Stunden) mit einem verfahrensübergreifenden Propaedeutikum und einem verfahrensspezifischen Fachspezifikum. Derzeit sind in Österreich 23 „Psychotherapiemethoden“ zugelassen. „Systemische Familientherapie“ ist nicht nur ein anerkannter Ansatz, sondern sogar die häufigste Psychotherapie-Zusatzbezeichnung: Bei den 7.547 Psychotherapeuten, die auf der Homepage http://www.psyonline.at (gesichtet am 29.07.2014) gelistet werden, ist Systemische Familientherapie am häufigsten vertreten (18,0 %), gefolgt von Klientenzentrierter Psychotherapie und Verhaltenstherapie (je 7,7 %) sowie Psychoanalyse (4,7 %). Allerdings ist die Finanzierung einer Psychotherapie über die gesetzlichen Krankenkassen in Österreich generell unzureichend (Dittrich, 2012).

Schweiz

Hier sind nicht Therapieverfahren oder Methode entscheidend, sondern die Qualifikation des Therapeuten und der Besitz einer kantonalen Praxisbewilligung. Das ändert sich ab 2013, mit dem in Kraft tretenden Psychologieberufegesetz (PsyG 2011) wird der Bund zuständig sein (http://de.wikipedia.org/wiki/Psychotherapie; gesichtet am 29.07.2014). Die Schweizerische Vereinigung für Systemische Therapie und Beratung (www.systemis.ch) listet auf ihrer Homepage sieben anerkannte systemische Ausbildungsinstitute (http://www.systemis.ch/fort-und-weiterbildung.html; gesichtet am 31.07.2014). Wichtige Schweizer Vertreter der systemisch-integrativen Paartherapie sind Jürg Willi (Emeritus der Universität Zürich) und die leider schon verstorbene Rosemarie Welter-Enderlin.

2.4 Exkurs: Bert Hellinger – Ein systemischer Therapeut?!

In den 1990er Jahren hat kein lebender Berater oder Therapeut in Deutschland größeres öffentliches Interesse geweckt (und mehr Bücher und DVDs verkauft) als der 1925 geborene Theologe und ehemalige katholische Missionar Bert Hellinger, der zeitweise auf dem Obersalzberg im früheren Haus von Adolf Hitler lebte. Bücher von ihm und über ihn und seine Arbeit erreichten enorme Auflagen (Hellinger & ten Hövel, 1996; Weber, 1994). Tausende von Psychotherapeuten haben Hellinger-Veranstaltungen besucht. Zeitweise hielten viele Psychologiestudierende Hellingers Ansatz für den Inbegriff Systemischer Therapie. Gleichzeitig hat die akademische Psychotherapie und Psychologie seinen Ansatz bisher überwiegend ignoriert (Ausnahmen: v. Schlippe & Schweitzer, 2012/2013; Sydow, 2007).

Kernstück von Hellingers Arbeit sind „Familienaufstellungen“ (Weber, 1994; Sydow, 2007). Das ist eine spezielle Variante der Familienskulptur (Kap. 4.5), die in einem Gruppen-Setting durchgeführt wird, meist im Rahmen von Seminarveranstaltungen über wenige Tage. Nach einer sehr knappen Exploration in wenigen Sätzen, stellt zunächst der Klient seine Herkunfts- oder aktuelle Familie/Partnerschaft als „lebende Skulptur“ auf. Die Stellvertreter werden sodann nach ihrer Befindlichkeit in der jeweiligen Position befragt und dann wird diese Skulptur umgestellt, wobei sich der Prozess der Veränderung z. T. an den (impliziten) Theorien Hellingers (s. u.) und z. T. an den geäußerten Befindlichkeiten und Impulsen der Stellvertreter orientiert. Zum Abschluss nimmt der Klient oder die Klientin wieder den eigenen Platz in der Familienaufstellung ein. Die Familienaufstellung wird oft durch eine Ritualhandlung abgeschlossen: Hellinger schlägt dem Klienten dann vor, einen bestimmten Schlüsselsatz zu sagen, der an ein Elternteil oder andere zentrale Menschen gerichtet ist, und der auf eine Versöhnung oder aber auf die Auflösung einer Identifikation mit einem bisher ausgeschlossenen Familienmitglied abzielt. Typische Formulierungen sind dabei z. B. „Ich danke euch für das, was ich von euch bekommen habe, es reicht, den Rest mache ich selbst“, „Ihr seid tot, ich lebe noch ein bisschen, dann sterbe ich auch“ oder „Ich habe es für Dich, lieber/r ... gerne getragen – aber es gehört zu Dir und nicht zu mir – und ich gebe es Dir wieder zurück und lasse es ganz bei Dir“. Dieses Vorgehen löst bei den Betroffenen oft intensive Gefühle aus.

Hellinger postuliert, dass Symptome oft dann auftreten, wenn ein Familienmitglied sich in einer Position befindet, die ihm „nicht gemäß“ ist. Die – aus Not geborene – Anmaßung sei Ausdruck von Verstrickung, Demut sei die Lösung. Probleme können demgemäß entstehen wenn eine Person die Idee entwickelt, das Recht und die Möglichkeiten zu haben, die elterliche Paarbeziehung in Ordnung zu bringen, einen Elternteil verachten zu müssen oder zu dürfen aus Treue zum anderen, ein älteres Geschwister „überholen“ zu dürfen, überlegen zu sein oder sonstige – lebende oder verstorbene – Familienmitglieder zu übergehen. Diese Probleme können in der Aufstellung sichtbar und durch ein „Zurechtrücken“ der Familienaufstellung bearbeitet werden.

Die Nachfrage nach diesen Veranstaltungen war immens und Hellinger hat mit kleinen Gruppen Schwerkranker, die von ihren Therapeuten begleitet wurden, jeweils vor mehreren Hunderten von Zuschauern – oft Psychotherapeuten oder sonstigen Fachkräften aus dem psychosozialen Bereich – gearbeitet. Hellinger polarisiert Psychotherapeuten – die meisten sind entweder entsetzt über sein Vorgehen oder aber große und unkritische „Fans“ (diese Spaltung zieht sich auch durch systemische Ausbildungsinstitute). Inzwischen hat er eine Vielzahl von Schülern, die ebenfalls Familienaufstellungen anbieten. Die beiden systemischen Dachverbände (DGSF, SG) haben sich inzwischen klar von Hellingers Arbeit distanziert.

Folgende Aspekte von Hellingers Arbeit sind in ethischer Hinsicht problematisch und wissenschaftlich fragwürdig (Sydow, 2007):

1. Die Bereitschaft, therapeutische Tätigkeit als „Show“ vor Hunderten von Zuschauern zu zelebrieren, was er seit 1993 praktiziert hat.

2. Hellingers grandiose, apodiktisch-destruktive Äußerungen („Du bist verloren!“) und seine Arroganz gegenüber Kritik („Du bist noch nicht reif für die Arbeit mit mir“), während er gleichzeitig Demut propagiert.

3. Seine Überzeugung, therapeutische oder beraterische Tätigkeit brauche nicht wissenschaftlich fundiert und evaluiert zu werden.

4. Seine scheinbar atheoretische Orientierung, die de facto jedoch auf den Vorarbeiten vieler anderer zu beruhen scheint – die er jedoch nur selten nennt.

5. Hellingers dogmatisch-alttestamentarische Haltung gegenüber Frauen (z. B. „Die Frau muss dem Mann folgen“).

In Tabelle 1 werden die impliziten Grundlagen von Hellingers Ansatz dargestellt und ergänzt, auf wessen theoretische Vorarbeiten er sich beziehen könnte (Sydow, 2007). Hellinger selbst nennt fast keine Literaturquellen außer der Bibel (z. B. Hellinger & ten Hövel, 1996), doch Weber (1994) nennt in seinem Buch über Hellingers Ansatz einige Autoren (z. B. Boszormenyi-Nagy, Haley). Bemerkenswert ist, dass Hellinger zwar oft von „Bindung“ spricht und in seinen (impliziten) theoretischen Ansichten auch von der Bindungstheorie beeinflusst zu sein scheint, doch weder die Theorie noch Bowlby explizit erwähnt. Insgesamt wird deutlich, dass Hellingers Ansatz zum größten Teil nicht neu ist: Er verwendet Elemente der Mehrgenerations- und strukturellen Familientherapie, der systemischen Skulpturarbeit und der Bindungstheorie. So überrascht es nicht, dass viele Elemente von Hellingers Arbeit einleuchtend sind und viele Menschen emotional berühren.

Tab. 1:Hellingers implizite Thesen und ihre jeweilige mutmaßliche Quelle (Sydow, 2007)

Hellingers implizite These

mutmaßliche Quelle

1. Kinder lieben ihre Eltern immer (!) („unterbrochene Hinbewegung“, „Bindung“).

Bindungstheorie (

Bowlby, 1979

)

2. Jeder Mensch ist seiner Herkunftsfamilie gegenüber „treu“ - auch und gerade wenn - er/sie das Gegenteil verkündet.

Mehrgenerations-Familientherapie (

Boszormenyi-Nagy & Spark, 1973/2006

; Stierlin, 1978)

3. Kinder müssen ihren Eltern Respekt erweisen; Familien müssen sich an normative Strukturen („Ursprungsordnung“) halten: Geschlechts-, Generations-, ggf. Grenzen zwischen Erst- und Zweit-Familien.

Bibel; strukturelle Familientherapie (

Haley, 1977/1984

;

Minuchin & Fishman, 1981/1985

)

4. Der Ausgleich von Geben und Nehmen ist wichtig in Partnerschaften und Familien.

Mehrgenerations-Familientherapie (

Boszormenyi-Nagy & Spark, 1973

: „Buchführung“, „Drehtafel“; Stierlin, 1978, 1980: „Verdienskontenstand“)

5. Ungelöste Schuld wird von einer Generation zur nächsten weiter- gereicht; der Ausschluss von Familienangehörigen führt dazu, dass sich Familienangehörige späterer Generationen mit dieser Person identifizieren zum eigenen Schaden („Identifizierung“).

Mehrgenerations-Familientherapie (

Boszormenyi-Nagy & Spark, 1973/2006

)

6. Innere Bilder/Repräsentationen von Beziehungen sind bedeutsam.

Bindungstheorie (

Bowlby, 1979

: „internal working models“)

7. Aufstellungen sind Repräsentationen dieser inneren Bilder – veränderte Positionen ändern auch die inneren Bilder.

Familientherapie-Skulpturarbeit (

Kap. 4.5

)

8. Lösungsorientierung

Hypnotherapie (

Erickson & Rossi, 1979/1981

); Systemische Therapie (de Shazer,

Kap. 4.6

)

Gleichzeitig illustriert der „Run“ auf Hellinger das – auch bei Psychotherapeuten vorhandene – tiefe Bedürfnis nach klaren Strukturen und einfachen Antworten. Es lässt sich vermuten, dass diese Bedürfnisse in der aktuellen gesellschaftlichen Situation besonders ausgeprägt waren und sind, in der alte Gewissheiten z. B. über das Verhältnis der Geschlechter nicht mehr gültig sind.

Die extreme Popularität von Hellingers partiell unethischem und grenzverletzendem Ansatz unter deutschsprachigen Systemikern, mag auch damit in Zusammenhang stehen, dass die Konzeptualisierung von Systemischer Therapie vor dem Gutachten zur Systemischen Therapie (Sydow et al., 2007a) im deutschsprachigen Raum (anders als im englischsprachigen Raum) hochabstrakt war, wenig Bezug zur klinischen Praxis und empirischen Grundlagenforschung hatte und die Texte oft sehr jargonlastig waren. Demgegenüber bot Hellinger eine klare (implizite) Theorie mit klaren Strukturen und klarer biblischer Sprache (Sydow, 2000, 2007).

Der Vorschlag, die von Hellinger entwickelte Aufstellungsarbeit wissenschaftlich zu evaluieren (a. a.O.) wurde inzwischen erstmals realisiert: Aufstellungsarbeit führt zu signifikanten Verbesserungen des psychischen Befindens psychisch gesunder Teilnehmer mit eigenem Anliegen, das bearbeitet wurde (Weinhold, Hunger, Bornhäuser & Schweitzer, 2013).

3 Theorie

Die folgenden Ausführungen orientieren sich an der Expertise zur Systemischen Therapie (Sydow et al., 2007a), dem Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP, 2009), einem Arbeitspapier des WBP zur Verfahrensbeschreibung der Systemischen Therapie (WBP, 2010), den deutschen Leitlinien zur Paar- und Familientherapie (Scheib & Wirsching, 2004), englisch- sowie deutschsprachigen Lehrbüchern (Retzlaff, 2008/2009, 2010; von Schlippe & Schweitzer, 2012/2013; Schweitzer & von Schlippe, 2006; Schwing & Fryszer, 2013) und Lehrbuchbeiträgen zur Systemischen Therapie (Sydow, 2000, 2007, 2010), bzw. „Systemic Therapy“ und/oder „Couple (Marital) Family Therapy (CFT/MFT)“ (Becvar & Becvar, 2009; Carr, 2012; Nichols, 2010) sowie Texten zur systemischen Psychiatrie (Ruf, 2005) und systemischen Psychosomatik und Familienmedizin (Altmeyer & Hendrischke, 2011; Hähnlein & Rimpel, 2008).

Lehrbuchtexte wurden berücksichtigt sofern sie sich an der klinisch-psychologischen Grundlagen- und Anwendungsforschung orientieren. Texte mit eher abstraktem Fokus werden weniger beachtet (Schiepek, 1999).

3.1 Begriffsbestimmung

Definition

Systemische Therapie lässt sich definieren

„als ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Fokus auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen liegt. Dabei werden zusätzlich zu einem oder mehreren Patienten („Indexpatienten“) weitere Mitglieder des für den Patienten bedeutsamen sozialen Systems einbezogen. Die Therapie fokussiert auf die Interaktionen zwischen Mitgliedern der Familie oder des Systems und deren weiterer sozialer Umwelt. Die Systemische Therapie betrachtet wechselseitige intrapsychische [...] und biologisch-somatische Prozesse sowie interpersonelle Zusammenhänge von Individuen und Gruppen als wesentliche Aspekte von Systemen. Die Elemente der jeweiligen Systeme und ihre wechselseitigen Beziehungen sind die Grundlage für die Diagnostik und Therapie von psychischen Erkrankungen.“ (WBP, 2009; Pinsof & Wynne, 1995, S. 586; v. Sydow et al., 2007a, S. 15).

Das ist die offizielle Definition. Andere Texte definieren ST abweichend als das „Schaffen von Bedingungen für Selbstorganisationsprozesse“ (Schiepek, Eckert & Kravanja, 2013), was weder spezifisch für Psychotherapie noch für systemische Psychotherapie ist – auch ein Tierpfleger im Zoo, der Ameisen Material zur Verfügung stellt, mit dem sie sich einen Ameisenbau bauen, schafft Bedingungen für Selbstorganisationsprozesse – dennoch ist er kein systemischer Therapeut (Sydow, 2007). Allerdings sind Selbstorganisationsprozesse relevant in der ST (Kap. 3.2).

Psychische Störungen werden zirkulär verstanden und behandelt: Statt einseitiger Ursache-Wirkungsbetrachtungen von Krankheitsprozessen (z. B. „eine bestimmte Familiendynamik erzeugt ein bestimmtes klinisches Symptom“ vs. „ein bestimmtes klinisches Symptom erzeugt eine bestimmte Familiendynamik“) oder von Beziehungsprozessen (z. B. „die überprotektiven Eltern erschweren die Ablösung ihres Kindes“ vs. „das unselbstständige Kind erschwert es den Eltern, es loszulassen“) werden die Wechselbeziehungen (in Verhalten und Wahrnehmung) zwischen zwei und mehr Menschen, ihren Symptomen sowie ihrer weiteren Umwelt zum Gegenstand des Verstehens und der Veränderung gemacht. Es interessieren also gleichermaßen die Auswirkungen der Interaktionen innerhalb (und außerhalb) der Familie auf die Symptome eines Familienmitgliedes als auch umgekehrt die Auswirkungen von Symptomen auf die Familienmitglieder und deren Interaktionen.

Orientiert an systemtheoretischen (metatheoretischen) Rahmenkonzepten beschäftigt sich systemische Therapietheorie mit Funktionsweisen komplexer bio-psycho-sozialer Systeme. Auf dieser Grundlage wurden neue Interventionen für die Veränderung bio-psycho-sozialer Verhaltensmuster entwickelt mit dem Ziel, Leid zu lindern bzw. zu beseitigen.

Die Familie ist dabei ein wesentlicher, aber nicht der alleinige und auch nicht immer der wichtigste soziale Kontext psychischer Störungen. Orientiert an einem offenen Familienkonzept (Schneewind, 2010) beschränkt sich die therapeutische Arbeit nicht allein auf biologisch oder juristisch definierte Familien und Paare, sondern schließt neben Partnern/Eltern, Kindern und zuweilen Großeltern auch andere für die Problemlösung wichtige Bezugspersonen sowie das weitere professionelle Helfersystem (Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter u. a.) in die Behandlung ein. Sie werden entweder direkt „in vivo“ und/oder indirekt durch spezielle Fragetechniken zu ihrem Verhalten, mutmaßlichem Erleben und ihren Intentionen systematisch in die Therapie einbezogen. Paartherapie mit hetero- oder homosexuellen Paaren wird als eine Variante von Familientherapie verstanden.

Ziel der ST ist es, symptomfördernde familiäre Interaktionen und Strukturen, dysfunktionale Lösungsversuche und starre/einschränkende Familienerzählungen infrage zu stellen und die Entwicklung neuer, gesundheitsfördernder Interaktionen, Lösungsversuche und Erzählungen anzuregen.

Wesentliche systemische Interventionen sind u. a. systemische Fragen, positives Umdeuten, symbolisch-metaphorische Methoden wie Genogramm und Familienskulptur, die Arbeit mit dem Reflektierenden Team und spezielle Schlussinterventionen sowie die Neu-Inszenierung von Familienritualen (Retzlaff, 2008/2009; v. Schlippe & Schweitzer, 2012/2013; v. Sydow, 2007; Sydow et al., 2007).

Systemische Therapie/Familientherapie lässt sich in verschiedenen Settings oder Anwendungsformen einsetzen – als Familien-, Paar-, Einzel-, Gruppen- und Multifamiliengruppentherapie oder in der Arbeit mit größeren (Helfer-)Systemen (Kap. 4.5.).

Systemische Methoden werden nicht nur in der psychotherapeutischen Behandlung von Störungen mit Krankheitswert, sondern auch in der Beratung (z. B. Familienberatung), Supervision (Sydow, 2006), der Team- und Organisationsentwicklung (z. B. Schweitzer, Nicolai & Hirschenberger, 2005) eingesetzt.