T.S.W. - Der Bodyguard - Fiona Langley - E-Book

T.S.W. - Der Bodyguard E-Book

Fiona Langley

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Beschreibung

Clara Walston, Tochter eines reichen Unternehmers, entgeht nur knapp einer Entführung. Besorgt engagiert ihr Vater einen Bodyguard für Clara. Dabei scheut er keine Kosten und wendet sich an den Hohen Rat einer geheimnisumrankten Organisation, die sich selbst TSW - The silent Warriors - nennen, und deren Ruf legendär ist. Derek, der noch kein vollwertiges Mitglied der Organisation ist, sondern sich noch als Rekrut seine Sporen verdient, wird zu den Walstons geschickt. Ihm wird Laura als Supervisor zur Seite gestellt, ein Arrangement, das ihm nicht gefällt, aber gegen das er sich auch nicht wehren kann. Er darf sich keine Fehler erlauben, denn der Hohe Rat des TSW duldet kein Versagen. Dass Clara in ihm Gefühle weckt, macht seine Aufgabe nicht leichter, zumal es immer deutlicher wird, dass die Hintermänner trotz der gescheiterten Entführung noch lange nicht aufgeben. Derek und Clara geraten in einen Strudel aus Liebe, Gewalt und Verrat.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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T.S.W. - Der Bodyguard

Impressum:

Fiona Langley c/o AutorenServices.deBirkenallee 2436037 Fulda

Cover: www.magicalcover.de

Das Werk aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, einschließlich der Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Leseprobe

Kapitel 1

Clara

Gelangweilt malte ich mit meinem Kugelschreiber große Kreise auf das fast leere Blatt, das vor mir lag. Das Seminar im Fach Unternehmensführung war schon von Natur aus nicht gerade meine Lieblingsunterhaltung. Wenn dann noch eine Schnarchnase wie Roberto ein Referat hielt, war es noch um einiges langweiliger, als es sonst schon war.

Roberto! Der Name klang nach Sonne, Strand und wilden Partys. Doch vorne stand ein reichlich blasser Junge, der sich nervös durch seine Unterlagen haspelte. Sogar ich, die nicht gerade eine Fachfrau in dem Bereich war, merkte, dass sein Vortrag mehr oder weniger schwachsinnig war. Dazu hätte es gar nicht die Miene des Professors gebraucht, dem das Gestotterte körperliche Schmerzen zu bereiten schien.

Dennoch würde der gute Roberto eine sehr gute Note erhalten - wie eigentlich jeder von uns. Auf dieser Eliteuniversität, die im Jahr geradezu unverschämte Studiengebühren verlangte, fiel niemand durch. Wahrscheinlich musste man hier irgendwas in die Luft sprengen, damit einem der Dekan einen Studienplatzwechsel empfahl. Robertos Eltern bezahlten eine enorme Summe, damit ihr Söhnchen einen erstklassigen Abschluss erhielt und an der Uni interessante Kontakte knüpfen konnte. Da war erwiesene Unfähigkeit kein Grund, warum er nicht bestehen sollte.

Ich lehnte mich etwas zurück, seufzte leise und warf einen Blick in die Runde. Eigentlich saßen wir alle im gleichen Boot. Auch mein Vater bezahlte die hohen Studiengebühren, ebenso die Eltern all derjenigen, die sich mit mir im Raum befanden - vom Professor mal abgesehen. Es gab nicht den geringsten Anlass, mich für etwas Besseres zu halten. Auch mir würde man am Ende ein sehr gutes Zeugnis ausstellen und mich in die freie Wirtschaft entlassen. Dort würde man mich auf einen gut bezahlten Posten setzen, wo ich keinen allzu großen Schaden anrichten konnte.

Endlich war Roberto mit seinem Vortrag ans Ende gelangt. Der Dozent lobte dessen Referat in dürren Worten und ich war heilfroh, als er uns eine schöne Restwoche wünschte und in die Freiheit entließ. Vor der Tür warteten zwei Leibwächter auf mich, die mein Vater engagiert hatte. Ja, seit rund vier Wochen begleiteten mich die beiden auffällig unauffälligen Männer auf Schritt und Tritt. Sie ließen mich kaum eine Minute aus den Augen. Nur in den Seminaren und auf der Toilette war ich vor ihnen sicher. Selbst in Vorlesungen saßen sie zwei Reihen hinter mir und beobachteten mich.

Anfangs hatte ich mich darüber amüsiert, doch allmählich färbte ihre Paranoia auf mich ab. Dabei sah ich überhaupt keinen Grund dafür, mich von den Kleiderschränken begleiten zu lassen, aber mein Vater war anderer Ansicht. Er hatte etwas von Verhandlungen und Problemen gemurmelt und meine Einwände abgebügelt.

»Hast du dich mit der Mafia oder irgendwelchen Syndikaten eingelassen?«, hatte ich ihn spöttisch gefragt, aber keine Antwort erhalten.

Ich hätte mich noch gerne für ein paar Minuten ins Studentencafé gesetzt, aber scheiterte mit dem Plan am Einspruch meiner kompromisslosen Begleiter.

»Wir haben den Auftrag, Sie ohne Aufenthalt nach Hause zu bringen, Miss Walston!«

»Es ist doch nur auf einen Kaffee. Kommen Sie, ich gebe Ihnen auch einen Kamillentee aus - oder was Sie sonst so trinken.«

»Bedaure, Miss, aber wir haben unsere Befehle.«

Sollte ich versuchen, mit einem Sprint zu entwischen? Ich stellte mir vor, wie ich laut um Hilfe brüllend in das Café stürmen würde, gefolgt von zwei Kerlen in teuren Anzügen. Aber nach so einem Auftritt würde mein Vater bestenfalls die Anzahl der Leibwächter verdoppeln. Also ergab ich mich in mein Schicksal und folgte den zwei Typen zu ihrem Fahrzeug.

*****

Zur Universität gehörte auch eine eigene Tiefgarage, in der man eine Ansammlung von Luxuskarossen bewundern konnte, wenn man es an dem verschlafenen Parkhauswächter vorbei geschafft hatte. Als wir vorbeigingen, sah er nicht einmal von seiner Zeitung hoch und beachtete auch nicht den Berechtigungsausweis, den ihm einer der Anzugträger hinhielt. Wie immer sicherte der größere meiner Leibwächter die Umgebung, während mir der zweite Mann die Tür zum Rücksitz öffnete. Es war also so wie immer ... bis zu dem Augenblick, als ein lauter Knall die Stille zerriss.

»In Deckung!« Ich wurde zu Boden gestoßen und wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Im Dreck liegend sah ich unter dem Fahrzeugboden hindurch und blickte verständnislos auf den leblosen Körper von einem der Leibwächter.

»Was ist denn los?«, fragte ich. Mein Verstand begriff nicht, was hier vor sich ging.

Statt eine Antwort zu erhalten, begann ein wilder Schusswechsel. Ich krümmte mich auf dem Boden zusammen und hielt mir die Hände auf die Ohren. Erst ein derber Stoß in die Seite brachte mich wieder zur Besinnung.

»Sie müssen zusehen, dass Sie von hier verschwinden«, sagte mir der überlebende Leibwächter.

Ich registrierte überraschend ruhig das Blut, welches aus seinem Mund floss und die zwei Löcher, die das makellose Jackett nun verunstalteten.

»Beeilen Sie sich«, sagte er drängend, bevor er zwei weitere Schüsse abgab. »Ich halte die Angreifer in Schach, solange es geht.«

Endlich wurde mir bewusst, dass es sich hier nicht um ein Spiel handelte, sondern dass es um mein Leben ging. Nun kam mir etwas zugute, was viele meiner Bekannten und Freunde immer überrascht hatte. Je größer der Stress war, desto ruhiger wurde ich. Es war eine Eigenart von mir, doch nie zuvor war ich dafür dankbarer als heute. Ohne mich noch einmal umzudrehen, drückte ich mich an der Wand entlang, nutzte dabei die parkenden Autos als Deckung und Sichtschutz. Ich rief mir den Grundriss der Tiefgarage ins Gedächtnis. Es gab einen Treppenaufgang, den ich erreichen musste. Verstecken und drauf hoffen, dass die Polizei rechtzeitig hier eintreffen würde. Die Knallerei sollte schließlich auch den verträumten Wächter am Eingang geweckt haben. So schnell es mir möglich war, huschte ich an den parkenden Fahrzeugen vorbei und näherte mich meinem Ziel.

Ich sah schon die Tür zum Treppenhaus schräg gegenüber vor mir, als ich einen gurgelnden Aufschrei hörte und die Schüsse verstummten. Für einen flüchtigen Moment dachte ich an die beiden Männer, über deren Job ich mich immer lustig gemacht hatte und die nun tot oder schwer verletzt in ihrem Blut lagen. Doch jetzt war nicht die Zeit, irgendwelche Gedanken an ihr Schicksal zu verschwenden.

»Jetzt oder nie!«, sprach ich mir Mut zu und sprintete über die Fahrbahn auf die Tür zu, die Rettung verhieß. Ich kam nicht sehr weit.

»Keinen Schritt weiter!«, rief eine Stimme rechts von mir.

Wie erstarrt blieb ich stehen und wandte den Kopf in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. Der Mann, der mit einer angelegten Waffe auf mich zukam, war noch rund dreißig Meter von mir entfernt. Aus der Entfernung konnte er mich doch unmöglich treffen, oder? Er musste meine Gedanken erraten haben, denn gerade, als ich mich wieder in Bewegung setzen wollte, ertönte ein Schuss und ein Geschoss schlug dicht vor mir in den Boden.

»Denk nicht einmal daran, Kleine! Heb jetzt artig die Hände und geh von der Tür weg.«

So langsam ließ mich meine Kaltblütigkeit doch im Stich. Stattdessen rasten allerlei sinnlose Gedanken durch meinen Kopf und die Bilder, die sich dabei formten und mich blutüberströmt am Boden zeigten, wirkten nicht beruhigend auf mich.

»Ich sagte ...«, begann der Kerl von Neuem, konnte jedoch den Satz nicht beenden.

Stattdessen drehte er sich überrascht um, als er einen aufheulenden Motor hörte und ein Fahrzeug auf sich zuschießen sah. Mit einem Hechtsprung brachte er sich gerade noch in Sicherheit. Verblüfft sah ich mit an, wie der Wagen neben mir zum Stehen kam und die Beifahrertür weit aufflog.

»Steig ein!«, rief mir jemand zu. »Schnell!«

Ich ließ es mir nicht zweimal sagen und hechtete förmlich in das Fahrzeug. Schon gab der Fahrer Gas und kümmerte sich nicht darum, dass die Fahrzeugtür noch nicht geschlossen war.

»Bleib unten!«, befahl mir der Mann.

Ich hörte noch ein- oder zweimal Schüsse krachen, bevor der Wagen über einen gewaltigen Hubbel fuhr und krachend etwas durchbrach, was verdächtig nach der Schranke des Parkhauses aussah.

»Ich denke, wir haben es geschafft, Clara.«

Erst jetzt warf ich einen Blick auf den Fahrer. »Frank? Du?«

Ich konnte kaum glauben, dass er sich für mich in diese Gefahr gebracht hatte. Frank Johnston war ebenfalls Student an der Uni, besuchte mit mir gelegentlich dieselben Vorlesungen, war mir aber nie als Draufgänger oder als besonders mutig aufgefallen. Ich kannte ihn hauptsächlich als etwas verwöhnten Unternehmersohn, weil er in Begleitung seines Vaters häufig bei uns zu Gast war. Unsere Väter waren Geschäftsfreunde und arbeiteten gelegentlich gemeinsam an Projekten, für die ich mich noch nie interessiert hatte. Es war mir nicht entgangen, dass Frank in letzter Zeit bei seinen Besuchen ein gewisses Interesse an mir gezeigt hatte. Aber er war nicht wirklich mein Typ.

Mein Retter warf einen Blick in den Rückspiegel und hielt den Wagen an, sodass ich die Beifahrertür schließen konnte. »Wer waren die Kerle und was wollten die von dir?«, fragte er bemerkenswert gefasst.

»Ich ... weiß nicht.« Von einer Sekunde auf die andere war es mit meiner Ruhe vorbei. Ich begann am ganzen Körper zu zittern und Tränen schossen mir in die Augen.

Frank setzte den Wagen wieder in Bewegung und legte mir tröstend eine Hand auf den Oberschenkel. »Ich bring dich besser nach Hause.«

Ich heulte Rotz und Wasser und konnte nur nicken.

*****

An der Haustür wartete schon mein Vater besorgt auf mich, als Frank den Wagen über den Zufahrtsweg zum Haus steuerte. Gemeinsam brachten mich die beiden hinein. Erst nach einer ganzen Weile nahm ich die Umgebung wahr. Ich fand mich zusammengerollt auf dem Sofa liegend vor und hörte Vaters Stimme aus dem Arbeitszimmer, wie er Gott und die Welt am Telefon zusammenbrüllte. Frank saß neben mir und betrachtete mich mitleidig.

»Wie geht es dir?«, fragte er einfühlsam.

»Beschissen!« Ich bekam kaum ein Laut über die Lippen und hasste mich für den Zustand, in dem ich mich befand. Vorsichtig setzte ich mich aufrecht hin und stützte den Kopf in die Hände.

»Du solltest dir noch etwas Ruhe gönnen.«

»Es geht schon. Ich bin doch kein kleines Kind mehr«, erwiderte ich mutiger, als ich mich fühlte. »Mit wem telefoniert Vater?«

»Frag lieber, wen er noch nicht angerufen hat.« Er stand auf und sah sich im Wohnzimmer um. »Brauchst du etwas? Soll ich dir was zu trinken bringen?«

»Nein, vielen Dank.«

»Ich wüsste ja zu gerne, wer dahintersteckt. Vielleicht sollte ich mal ein paar Erkundigungen einziehen.«

Obwohl ich mich nicht besonders gut fühlte, wunderte ich mich doch über den Satz. Es klang irgendwie geheimnisvoll und wichtig, so als ob er gefährliche Leute kennen würde. Ich vermutete aber eher, dass er sich vor mir mit diesen angeblichen Kontakten brüsten wollte.

In dem Moment kam mein Vater ins Wohnzimmer. »Dr. Meurer wird in ein paar Minuten hier eintreffen«, sagte er, als er mich auf dem Sofa sitzen sah. Er setzte sich neben mich und drückte mich an sich. »Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.«

Ich konnte nicht verhindern, dass mir erneut die Tränen in die Augen stiegen. »Was ist mit ...«, begann ich, aber mein Vater ließ mich nicht ausreden.

»Shhht, mach dir nicht zu viele Gedanken und lass mich alles regeln. Du ruhst dich jetzt aus und kommst erst einmal wieder zu dir. Ich bring dich nach oben.«

»Das kann ich doch machen, Mr. Walston!«

Mein Vater zögerte für einen Augenblick - wie es wohl jeder Vater machen würde, wenn ein fremder Mann seine Tochter in dessen Zimmer begleiten wollte. Doch schließlich gab er seine Zustimmung.

»Dann werde ich noch ein paar Telefonate führen.« Er trat zu ihm hin und drückte ihm die Hand, bevor er Frank sogar umarmte. »Vielen Dank, dass du meine Tochter gerettet hast. Das vergesse ich dir nie im Leben!«

Abrupt löste er die Umarmung, wandte sich ab und stürmte in sein Arbeitszimmer. Ich hatte Vater nur bei zwei Gelegenheiten so aufgewühlt gesehen. Das erste Mal, nachdem er erfahren hatte, dass meine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt war. Und das zweite Mal am Tag ihres Todes.

Frank geleitete mich aus dem Wohnzimmer und über die ausladende Treppe nach oben. Er führte mich wie ein kleines Kind durch den Flur, bevor er ratlos stehenblieb und die verschiedenen Türen betrachtete.

»Ich weiß leider nicht, wo dein Zimmer ist«, sagte er mit einem entschuldigenden Lächeln. »Jetzt war ich schon so oft in eurem Haus ...«

Ich deutete auf die Tür am Ende der Diele. »Den Rest schaffe ich schon allein. Vielen Dank ... für alles!«

Er brachte mich noch bis an die Zimmertür, wo er sich galant verabschiedete. »Wenn du mich brauchst oder falls du reden willst, ruf mich an.«

Ich nickte nur zum Abschied, zog wie in Trance die Tür hinter mir zu und riss mir die Kleidung vom Körper, bevor ich ins Bett fiel.

Vom Besuch des Arztes bekam ich kaum etwas mit. Ich bemerkte nur noch, dass er mir eine Spritze gab und ein paar Worte mit meinem Vater wechselte, bevor mich eine bleierne Müdigkeit überkam und ich die Augen schloss.

Kapitel 2

Derek

Die Aufforderung, mich zum Einsatz zu melden, erreichte mich mitten während des nachmittäglichen Trainings. »Endlich«, entfuhr es mir, derweil ich den Erhalt der Nachricht bestätigte. Mit etwas Glück war es der letzte Auftrag, dessen Erfüllung ich noch zur Erreichung der Grünen Stufe benötigte. Danach währe mein Aufstieg aus den Reihen der Rekruten nur noch eine Formsache.

Ich duschte und dachte währenddessen darüber nach, um was für einen Auftrag es sich handeln würde. Die Aufforderung kam aus dem Vorzimmer des Hohen Rates, also konnte es sich nur um eine überaus wichtige Mission drehen. Normalerweise gaben sich die Ratsmitglieder nicht mit derartigen Kleinigkeiten ab.

Noch während ich mich abtrocknete, kamen mir die Bilder des letzten Auftrages in den Sinn. Damals war es sehr knapp gewesen und um ein Haar wäre ich gescheitert. Daher würde ich es begrüßen, wenn man mir heute nicht erneut eine solch haarsträubende Mission übertragen würde. Natürlich könnte ich mich weigern, aber ich hatte kein Interesse, mich auf der Roten Stufe wiederzufinden und ganz von vorne zu beginnen. Nein, ich war bereit und wild entschlossen, den Auftrag durchzuführen.

Ich warf mich in meine Zeremonienuniform und verließ meine mir zugeteilte Zelle. Nach meiner Rückkehr und erfolgter Promotion würde ich mir eine richtige Wohnung in unserem Refugium auswählen können und Aufträge auf eigene Rechnung übernehmen dürfen. Außerdem stand mir dann das Recht zu, eine Partnerin zu suchen. Endlich leben - darauf war von Beginn an mein Sinnen und Trachten ausgerichtet.

Der Weg von den Wohnbereichen der Angehörigen meiner Stufe führte mich am Trainingszentrum der Frischlinge vorbei. Dort trainierten die Männer und Frauen der roten Stufe. Zu klar stand mir noch vor Augen, wie die Ausbilder uns in einen Schlafsaal gepfercht hatten, kaum dass wir von unseren Eltern dort abgeliefert worden waren. Es war die übliche Prozedur im Refugium als Angehöriger des TSW. Mit zehn Jahren landeten die Kinder an diesem Ort. Ich war einer von ihnen gewesen und die nächsten sechs Jahre hatte ich nichts als Drill, Hunger, Schlafmangel und Zucht kennengelernt. Mit der Versetzung in die gelbe Stufe war ein Traum in Erfüllung gegangen. Nicht einmal dreißig Prozent von uns hatten es geschafft, der Rest ... nun ja, die waren halt zu schwach gewesen.

Ich gelangte an die Schleuse, zeigte der Wache meine Kennung und den Auftrag, damit sie mich passieren ließ. Ich versuchte, meine Aufregung zu verbergen, als ich in den Fahrstuhl stieg, der mich auf die Ebene des Hohen Rates transportieren würde. Bevor ich auch nur das Vorzimmer erreichte, musste ich mich einer weiteren Kontrolle und einem Ganzkörperscan unterziehen. Ich hatte schon mal davon gehört, dass ein Rekrut, durch den harten Drill wahnsinnig geworden, einen Anschlag auf den Hohen Rat hatte verüben wollen. Danach hatte man die Sicherheitsvorkehrungen noch verschärft.

Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, unsere Herrscher für die Lage im Refugium verantwortlich zu machen. Sie waren fast alle Angehörige der ersten Generation und somit diejenigen Kinder gewesen, an denen man die Experimente durchgeführt hatte. Ihnen war nach anfänglicher Euphorie seitens der Wissenschaftler nur Hass, Angst und Verachtung entgegengeschlagen, weil sie anders waren - und man sie fürchtete. Zunächst hatte man ihnen jegliche Rechte verweigert und es hatte schwere Kämpfe und Opfer gekostet, bis man ihnen endlich erlaubte, diesen Staat zu gründen. Aus allen Gegenden der Welt waren die Angehörigen meiner Spezies zusammengeströmt, um hier ein selbstbestimmtes Leben zu führen - unter gewissen Regeln, die sehr schnell von gewählten Anführern aufgestellt worden waren.

Ein leises Klingeln zeigte mir an, dass der Scan beendet war. Der Durchgang zu einem schmalen Flur öffnete sich und nach ein paar Schritten stand ich vor der Tür zum Vorzimmer des Hohen Rates. Unwillkürlich straffte ich meine Uniform und hielt mein Kennungszeichen vor den Türöffner. Die Tür glitt zur Seite und gab mir den Weg frei. Jetzt galt es!

*****

»Name und Kennung?«

Die Frau im Vorzimmer war die Gewissenhaftigkeit in Person. Als ob sie nicht genau wüsste, wer zum Hohen Rat bestellt wurde.

»Derek«, antwortete ich, ohne zu murren. »Bezirk Q, Sektor 4, Abschnitt B.«

Immerhin sah sie mich nun an und ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. »Letzter Auftrag?«

»Wenn alles glatt läuft.«

»Unsere Ausbilder haben alles dafür getan, damit Sie in Verbindung mit Ihren Fähigkeiten jede Aufgabe bewältigen können. Es liegt also kein Grund vor, anzunehmen, dass Sie versagen könnten.«

Ihr Tonfall war nun wieder formell und hart. Jede Freundlichkeit war aus ihrer Miene gewichen, während sie mich streng musterte.

»Natürlich, Ma’am!«

Sie drückte auf einen Knopf und eine Tür an der linken Seite schwang auf. »Der Hohe Rat Djarkow erwartet Sie!«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte ich mich von ihr ab und betrat die Räumlichkeiten eines Mitglieds des Hohen Rates. Da ich niemanden im Raum sah, blieb ich wie vorgeschrieben an der Tür stehen, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wartete darauf, hereingebeten zu werden. Eigentlich war ich fast enttäuscht, während ich unauffällig die Einrichtung begutachtete, mit der Djarkow seinen Sitz ausgestattet hatte. Außerhalb des Refugiums waren mir schon luxuriösere Behausungen unter die Augen gekommen.

»Ich hoffe, mein Domizil gefällt dir!«, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken.

Innerlich fluchte ich über meine Unaufmerksamkeit. In der Ausbildung wäre es mir schlecht bekommen, aber das Lächeln auf Djarkows faltigem Gesicht zeigte mir, dass er es mir wohl nicht übelnahm.

»Es steht mir nicht zu, darüber ein Urteil zu fällen, Sir.«

Sein Lächeln verstärkte sich noch und er winkte mich in das Zimmer herein. »Nun bleib doch nicht dort drüben stehen. Nimm Platz!«

Er setzte sich hinter einen großen Schreibtisch und deutete mit einer Hand auf den Stuhl, der direkt davor stand. Er wartete ab, bis ich seiner Aufforderung nachgekommen war, und nahm anschließend eine Mappe zur Hand.

»Aus den Unterlagen geht hervor, dass du in fast allen Bereichen überdurchschnittlich gut abgeschnitten hast«, sagte er, nachdem er einen oberflächlichen Blick in die Mappe geworfen hatte. »Du stehst unmittelbar vor deiner Promotion zur Grünen Stufe.«

»Das ist korrekt, Sir!«

Er warf die Unterlagen auf den Tisch und sah mir direkt in die Augen. »Wahrscheinlich fragst du dich, warum sich ein Ratsmitglied persönlich die Mühe macht, einem Aspiranten wie dir den Auftrag zu erteilen, habe ich recht?«

»Sie liegen vollkommen richtig, Sir!«

Er nickte leicht, gerade so, als wäre er zufrieden. »Ich sehe, du bist ein schlauer Bursche.« Djarkow legte die Fingerspitzen seiner linken Hand auf ein Blatt Papier. »Die Aufgabe, die vor dir liegt, ist von überaus großer Bedeutung für uns. Du solltest also den Auftrag nur annehmen, wenn du dir sicher bist, nicht zu versagen.« Er beugte sich etwas nach vorne und sah mir scharf ins Gesicht. »Falls du dir unsicher bist, kannst du ihn ohne Konsequenzen ablehnen. Du behältst deine Einstufung und wirst demnächst einer anderen Aufgabe zugeteilt. Hast du verstanden, was ich dir damit sagen will?«

»Natürlich, Sir!« Ich behielt meine stoische Miene bei, obwohl ich mich fragte, was dies für ein komplizierter Auftrag sein sollte. »Darf ich erfahren, um welche Mission es sich handelt?«

Djarkow lehnte sich wieder zurück und legte die Fingerkuppen aneinander. »Einer der reichsten Männer des Landes hat jemanden von uns angefordert, um seine Tochter zu beschützen.«

»Als Leibwächter? Ich verstehe nicht ganz, wo das Problem liegt, Sir. Wir haben doch bereits oftmals ...«

»Es gab schon einen Anschlag auf das Leben der Frau, daher endet der Auftrag auch erst mit der Ergreifung der Täter und der Hintermänner. Das bedeutet, wir können sehr viel Geld verdienen ...«

»... oder gehen leer aus, falls die Frau stirbt.«

Djarkow lächelte wieder. »Ich sehe, wir haben uns nicht in dir getäuscht. Du begreifst schnell. Wenn du die Mission annimmst und erfolgreich bist, erhältst du nicht nur die Grüne Stufe, sondern wirst direkt in den fünften Rang eingestuft und bekommst zusätzlich einen Bonus deiner Wahl.«

Diese Aussicht elektrisierte mich. Ein solches Angebot konnte ich nicht einfach ablehnen und ich würde alles dafür tun, die Mission zu einem Erfolg werden zu lassen. »Soll ich auch ermitteln, wer hinter dem Anschlag steckt?«

»Auf keinen Fall!« Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort des Rates. »Das ist dir streng verboten, weil du die zu schützende Person in Gefahr bringen würdest!«

Das war mir sogar sehr recht. Wie schwer konnte es schon werden, auf eine junge Frau aufzupassen. »Ich übernehme den Auftrag, Sir!«, sagte ich schließlich.

Djarkow nickte zufrieden. »Ich habe mich nicht in dir getäuscht. Meine Ratskollegen wollten ursprünglich jemandem aus den höheren Rängen den Auftrag anbieten, anstatt ihn einem Rekruten anzuvertrauen. Ich habe mir deine Unterlagen angesehen und mich für dich eingesetzt. Enttäusch mich nicht!«

Ich stand auf und sah ihm fest in die Augen. »Das werde ich nicht, Sir!«

»Gut. Ein Wagen bringt dich morgen Früh um acht Uhr zu unserem Auftraggeber. Viel Glück, Derek!«

»Danke, Sir!« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ ich in absoluter Hochstimmung Djarkows Räumlichkeiten. Diesen Auftrag würde ich zur vollkommenen Zufriedenheit erledigen. Koste es, was es wolle!

Kapitel 3

Clara

Als ich aufwachte, fand ich mich quer im Bett liegend vor. Wahrscheinlich war es gut, dass ich mich nie an meine nächtlichen Träume erinnerte. Es war wohl kein angenehmer oder 'süßer' Traum gewesen. Jetzt, wo ich wach war, kamen die Erinnerungen an die Ereignisse vom letzten Tag doppelt so heftig zurück und ich brauchte eine Weile, um das Zittern der Gliedmaßen zu unterdrücken. Was hätte ich dafür gegeben, starke Arme um mich zu wissen und einfach mal drauflosweinen zu können.

Stattdessen musste ich mich mit meiner Dusche begnügen. Ich drehte das Wasser auf, stellte mich unter den Strahl, schloss die Augen und versuchte, an nichts zu denken. Der Erfolg war bescheiden.

Es dauerte viel länger als gewöhnlich, bis ich mich fertig angezogen hatte. Angeschlagen und müde stieg ich die Treppe nach unten. Ich würde heute zum Frühstück einen stärkeren Kaffee als sonst benötigen. Erst nach und nach wurden mir die weiteren Konsequenzen des gestrigen Tages bewusst. Meine Leibwächter waren tot, also konnte ich mich nicht aus dem Haus fortbewegen. Und wer wusste schon, was uns hier alles drohte - je nachdem, wer mir da an den Kragen wollte. Mit diesen Gedanken kehrte auch das Zittern in meinen Körper zurück.

Mein Vater erwartete mich am Frühstückstisch, was ungewöhnlich war. Morgens sahen wir uns normalerweise nie, nur unser gemeinsames Abendessen war das Ritual, von dem wir selten abwichen. Seit Mutters Tod lebte er privat fast wie ein Einsiedler und vergrub sich in seine Arbeit.

»Wie fühlst du dich?«, fragte er.

»Etwas besser«, erwiderte ich und goss mir Kaffee in die Tasse. Ich hoffte nur, er würde nicht weiter auf die Ereignisse eingehen, denn ich wollte den gestrigen Tag aus meinem Gedächtnis verbannen.

»Kann ich mit dir etwas besprechen?«

Ich nickte nur und kaute ohne rechten Appetit auf einem Brötchen herum.

»Im Laufe des Tages wird uns jemand aufsuchen, den ich engagiert habe. Ein Mann, der sich einzig und allein um deinen Schutz kümmern wird.«

Unwillkürlich tauchten mir die Bilder der sterbenden Leibwächter vor dem inneren Auge auf. Der Gedanke an die Männer krampfte mir den Magen zusammen und ich schmeckte bittere Galle im Mund.

Vater legte eine Hand auf meinen Unterarm, da er mir den Widerwillen wohl angesehen hatte. »Du musst ihn heute nicht kennenlernen, wenn du nicht willst. Es kann auch an einen der nächsten Tage geschehen. Ich will dich nur nicht schutzlos wissen und dein neuer Leibwächter gehört einer Organisation an, die den allerbesten Ruf hat, was ihre Fähigkeiten angeht.«

»Welcher Organisation?«

»Du hast bestimmt schon mal vom TSW in der Zeitung gelesen, oder?« Er musste mir mein Unbehagen angesehen haben, denn er hob begütigend seine Hand. »Du musst ihn nicht akzeptieren, wenn du nicht willst. Aber diese Leute sind dafür bekannt, ihre Aufgabe unter allen Umständen zu erfüllen und dabei auch ihr Leben einzusetzen. Zudem sind sie keine ... also du weißt ja ...«

»Es sind keine normalen Menschen«, unterbrach ich ihn. »Wolltest du das sagen?«

»Sie sind besonders trainiert, nach ganz speziellen Anforderungen. Das wollte ich damit sagen. Ich habe ihren Hohen Rat kontaktiert ...«

»Der Hohe Rat!«, spottete ich. »Diese ganze feine Gesellschaft ist doch nichts anderes als eine Ansammlung von Attentätern, Mördern und Ganoven. Mietmäuler, die alles tun, für was man sie bezahlt. Nachkommen von medizinischen Experimenten, das sind sie!« Ich war immer lauter geworden und mein Vater tat alles, um mich zu beschwichtigen.

»Dafür können sie nun weiß Gott nichts! Keiner von ihnen hat sich freiwillig gemeldet, um dies über sich ergehen zu lassen. Damals in den Kriegen wurde sehr viel Unmenschliches gemacht und wir müssen heute mit den Fehlern leben. Ja, das TSW ist gefürchtet ...«

»Niemand, der klar bei Verstand ist, geht auch nur in die Nähe ihres sogenannten Refugiums«, unterbrach ich ihn mit dumpfer Stimme.

»... aber sie sind die Besten in dem, was sie tun«, fuhr er fort.

»Du wiederholst dich!«

Er drehte sich zu mir hin und sah mir direkt in die Augen. »Es ist letztendlich deine Entscheidung. Wenn wir ihm den Auftrag erteilen, wird er alles in seiner Macht stehende tun, um dich zu beschützen. Doch wenn du nicht willst, dann bezahle ich ihm, was er für seine Anreise verlangt, und wir überlegen uns etwas anderes.«

Ich war hin- und hergerissen. Was ich meinem Vater gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen. Das TSW und seine Angehörigen waren gefürchtet, aber sie waren auch von einer Aura umgeben, die sie auf eine prickelnde Weise faszinierend erscheinen ließen. Um ihr Leben im Refugium rankten sich die tollsten Geschichten und es war ja auch wahr; wenn sie einen Auftrag übernahmen, so gaben sie alles, um ihn zu erfüllen. Ich wäre so sicher, wie man nur sein kann.

»Wie entscheidest du dich?«, schreckte mich mein Vater aus den Gedanken. »Soll ich dort anrufen und sagen, dass wir es uns anders überlegt haben?«

»Nein, ich will ihn mir ansehen«, erwiderte ich.

Dad nickte zufrieden und widmete sich nun dem Frühstück. Ich hätte es ihm gegenüber nicht zugegeben, aber der hauptsächliche Grund für meine Zusage war simple Neugier. Ich wollte ein solches Exemplar aus der Nähe in Augenschein nehmen.

*****

Zurück in meinem Zimmer setzte ich mich sofort an den PC und suchte - nicht zum ersten Mal - nach Einträgen, die mit dem TSW zusammenhingen. Wenn man berücksichtigt, dass so ziemlich jeder Hundezüchterverein eine eigene Homepage besitzt, wunderte es mich, keine solche vom TSW zu finden. Anscheinend hatten sie es nicht nötig, ihre Dienstleistungen anzupreisen. Es fiel mir auch schwer, seriöse Berichte über deren Tätigkeiten aufzuspüren. Stattdessen fand ich haufenweise Seiten, deren Inhalte simple Verschwörungstheorien enthielten.

Nachdem ich mich durch die ersten rund zwanzig Reportagen durchgearbeitet hatte, war ich nicht schlauer als zuvor - ganz im Gegenteil. Es waren nichts weiter als absurde Behauptungen und Mutmaßungen, die dort enthalten waren. Auch gingen die Beurteilungen über die Organisation und der Bewohner des sogenannten Refugiums weit auseinander. Für die einen waren es gewissenlose Killer, die von reichen Bonzen für alle möglichen Schandtaten beauftragt werden konnten. Die ihnen übertragenen Aufträge führten sie völlig skrupel- und gnadenlos mit einer beeindruckenden Präzision durch. Das war die Einschätzung, die ich Vater gegenüber als meine eigene ausgegeben hatte. Andere hingegen sahen in ihnen edle, missverstandene Kämpfer für das Gute.

Auch über die Herkunft dieser speziellen Menschen wurde lang und breit gesprochen. Manche hielten sie für ein misslungenes, wissenschaftliches Experiment, andere für Mutationen und auf zwei Seiten wurde allen Ernstes diskutiert, ob es sich bei ihnen um Außerirdische handeln könnte. Nur darüber, wann das Refugium entstanden war, herrschte Klarheit. Vor fast vierzig Jahren hatte man einer Gruppe ein Gebiet mitten in den Vereinigten Staaten zugewiesen. In einer gebirgigen Landschaft, fernab der Zivilisation, wurde eine Sperrzone eingerichtet und im Laufe der Jahre eine autonome Stadt in den Fels gebaut. Die wenigen Aufnahmen, die ich im Netz fand, zeigten fast futuristische Bauwerke. Natürlich versuchten am Anfang Neugierige und Wagemutige, mehr von dieser Organisation zu erfahren und in das Refugium einzudringen. Aber sie wurden nicht nur ziemlich brachial daran gehindert, sondern erhielten außerdem harte Strafen, nachdem sie wieder in der Zivilisation angekommen waren.

Müde rieb ich mir die Augen und schaltete den Rechner ab. Sehr viel schlauer war ich nicht geworden und umso neugieriger war ich nun, einen dieser geheimnisvollen Angehörigen des TSW kennenzulernen.

*****

Ich hatte mich eine Stunde hingelegt, als das schrille Klingeln der Türglocke an meine Ohren drang. Flugs sprang ich aus dem Bett und verließ voller Erwartung das Zimmer. Ich musste ziemlich enttäuscht gewirkt haben, als ich in der Diele auftauchte und Frank neben unserer Haushälterin in der Tür stehen sah. Jedenfalls lächelte er schief, während er mich etwas linkisch begrüßte.

»Ich wollte mich erkundigen, wie es dir geht«, sagte er. »Kann ich hereinkommen?«

»Selbstverständlich«, erwiderte ich.

Mit einem gemurmelten Dank huschte er an der Haushälterin vorbei. »Du siehst gut aus«, sagte er, als er direkt vor mir stand. »Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.«

»Lass uns doch ins Wohnzimmer gehen«, schlug ich vor, da mir nichts Besseres einfiel.

Dort bot ich ihm einen Platz und etwas zu trinken an und war heilfroh, als ich meinen Vater aus dem Arbeitszimmer kommen sah. Auch er begrüßte den Sohn seines Geschäftsfreundes und bemühte sich nach Kräften, ein Gespräch in Gang zu bringen. Ich spürte, wie dankbar er Frank war, aber heute, wo ich nicht mehr unter dem Eindruck der fehlgeschlagenen Entführung stand, bemerkte ich wieder, wie wenig ich mit Frank gemeinsam hatte. Wir kannten uns schon unser halbes Leben, aber einen richtigen Draht hatte ich zu ihm nie gefunden. Er war auch nie der Draufgänger gewesen, daher war ich beinahe schockiert, als er näher zu mir heranrückte und wie unbeabsichtigt meine Hand ergriff.

»Mein Vater gibt in drei Tagen am Sonntag eine Party im Golfclub«, sagte er zu meinem Vater. »Er würde sich freuen, wenn Sie und Clara sich die Zeit nehmen könnten, ebenfalls zu der Feier zu kommen.«

Mein Vater nickte. »Von meiner Seite aus gerne. Wie steht es mit dir?«, wandte er sich an mich.

»Müssten wir das nicht vorher mit unserem ... Gast besprechen?«

»Ihr erwartet jemanden?«, erkundigte sich Frank neugierig. »Bringt ihn doch einfach mit.«

»Ich denke, wir haben in der Richtung keine Schwierigkeiten zu erwarten«, bügelte Vater meinen Einwand ab. »Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, werden wir sehr gerne an der Feier teilnehmen.«

»Da wird sich Dad freuen«, sagte Frank und drückte mir wie zur Bekräftigung die Hand.

Allmählich machte ich mir Gedanken, ob er unsere oberflächliche Freundschaft in eine Richtung lenken wollte, von der ich nicht wusste, ob sie mir wirklich gefiel. Daher war ich erleichtert, als sich Frank nach ein paar weiteren Belanglosigkeiten verabschiedete. Vater begleitete ihn bis zur Tür, was mir zeigte, wie sehr er Frank für seine Rettungsaktion dankbar war. Er tat dies nur bei Gästen, die ihm besonders am Herzen lagen.

»Er ist wirklich ein wohlerzogener junger Mann, meinst du nicht auch?«, sagte er zu mir, als er wieder im Wohnzimmer erschien.

»Du sagst es. Er ist ein netter Junge.«

Der dezente Hinweis entging meinem Vater völlig. »Ihr kennt euch ja nun schon sehr lange. Sein Vater und ich haben auch schon viele Geschäfte abgeschlossen und ...«

»Willst du mich mit Frank verkuppeln?«, unterbrach ich ihn schroff.

»Ihm liegt offensichtlich viel an dir, wie sein Vater im letzten Gespräch mit mir hat durchklingen lassen. Und er hat sich doch als mutig und entschlussfreudig herausgestellt, als er dir zur Seite gesprungen ist. Viel mehr kann doch ein junges Mädchen von einem Verehrer nicht verlangen.«

Ich schüttelte resigniert den Kopf. Ich liebte Dad, aber er war hoffnungslos überfordert und unglaublich altmodisch, wenn es um das Gefühlsleben seiner Tochter ging. Seine Miene zeigte Spuren von Enttäuschung, als ich nicht weiter darauf einging.

»Ich ruh mich noch etwas aus«, sagte ich und ging zur Wohnzimmertür. »Ruf mich doch bitte, wenn der Mann vom TSW eintrifft.«

»Selbstverständlich werde ich mein hochwohlgeborenes Töchterchen rufen lassen.«

An dem Spott erkannte ich, dass mein Vater ärgerlich war. Also kehrte ich noch einmal zurück und umarmte ihn. »Sei mir bitte nicht böse, Daddy.«

»Das bin ich nicht. Wenn du Frank nicht magst, musst du ihn auch nicht treffen. Du brauchst nicht zu dieser Feier im Golfclub gehen, wenn du nicht willst.«

Ich gab ihm einen kleinen Kuss auf die Wange, bevor ich wieder zur Wohnzimmertür ging. »Lassen wir es auf uns zukommen.«

Kapitel 4

Derek

Im Gegensatz zu sonst fühlte ich eine gewisse Aufregung, als ich vor dem KFZ-Bereich auf den Fahrer wartete, der mich zu meinem Bestimmungsort bringen würde. Ich wusste natürlich, dass die Erfüllung der Aufgabe nicht leicht werden würde, denn sonst hätte mir Djarkow nicht diesen Bonus in Aussicht gestellt. Fünfte Stufe! Ich würde nicht nur sofort aus dem Rekrutenstatus entlassen werden, sondern sogar den untersten Bereich der Rangfolge überspringen können. Das kam normalerweise nicht vor.

Im Geiste ging ich noch einmal die Unterlagen und mein Gepäck durch, um mir die Wartezeit zu vertreiben. Entgegen meiner Gewohnheit war ich eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin am Treffpunkt erschienen. Ich hatte es einfach nicht mehr in der Wohnzelle ausgehalten und hoffte gleichzeitig, dass die Tage, die ich dort zubringen müsste, gezählt waren. Ich malte mir noch aus, wie die Wohnung wohl aussehen würde, auf die ich nach dem Auftrag Anspruch hatte, als mir das Geräusch eines Fahrzeugs an die Ohren drang.

Verblüfft registrierte ich, dass neben dem Fahrer eine weibliche Person im Wagen saß. Wieso ließ sich jemand vom KFZ-Bereich zum Parkplatz fahren? Als ich die Frau erkannte, stockte mir beinahe der Atem. Was um alles in der Welt hatte Laura hier zu suchen? Das Auto hielt direkt neben mir und der Chauffeur, ein Rekrut der roten Stufe, sprang diensteifrig heraus, um mein Gepäck im Kofferraum zu verstauen.

Auch Laura stieg aus, reckte sich und schenkte mir ein breites Lächeln. »Hallo Derek! Ziemlich früh am Morgen, findest du nicht auch?«

Ich nickte kühl. »Guten Morgen! Darf ich fragen, was du hier willst?«

»Ich bin hier, um dir zur Seite zu stehen.«

»Wie meinst du das? Du weißt doch, dass wir unsere Aufträge allein durchführen müssen. Das gilt besonders für die Rekruten.«

Sie boxte mir leicht an die Schulter. »Nun komm, sei mal nicht so entsetzlich steif und förmlich. Ich will dir doch nur helfen!«

Ich nahm Haltung an, wie es sich für einen Rekruten geziemte, wenn er mit einem Mitglied der dritten Stufe sprach. Ein Rang, den Laura offensichtlich bereits erreicht hatte, wie ich an ihrem Rangabzeichen sehen konnte. »Es tut mir leid, Ma'am, aber ich habe eine Aufgabe zu erledigen. Bitte entschuldigen Sie mich!«

Bevor ich in das Fahrzeug einsteigen konnte, hielt sie mir ein Schriftstück unter die Nase. Ich sah mit einem Blick, dass es sich dabei um einen Auftrag handelte. Als ich las, um was es dabei ging, verging mir die Vorfreude, die ich bis dahin empfunden hatte.

»Was hat das zu bedeuten? Davon hat mir der Hohe Rat nichts gesagt!«

Laura faltete das Papier zusammen und steckte es zurück in ihre Hosentasche. Auf ihren Lippen lag immer noch das spöttische Lächeln, das ich nur zu gut kannte. »Freu dich doch, Derek. Wir beide werden bestimmt gut miteinander auskommen - so wie früher.«

»Unsere Zusammenarbeit habe ich allerdings in ganz anderer Erinnerung als du!«

»Trägst du es mir etwa immer noch nach?«

Beinahe hätte ich die Selbstbeherrschung verloren, konnte mich aber noch zurückhalten. Eine unbedachte Handlung gegenüber einem Ranghöheren hätte mir ziemlich viel Ärger eingebracht. Die Promotion hätte ich dann jedenfalls abschreiben können. Stattdessen setzte ich mich im Wagen auf den Rücksitz, direkt hinter dem Fahrer, der bereits angespannt auf weitere Befehle wartete. Vermutlich war es das erste Mal, dass er aus dem Refugium herauskam und dann auch noch in Begleitung eines Mitglieds der dritten Stufe. Kein Wunder, dass er nervös war.

Ich hatte erwartet und gehofft, dass sich Laura auf den Beifahrersitz setzen würde, aber ich sah meine Erwartungen getäuscht, da sie sich direkt neben mich setzte. Sie grinste breit, als sie dem Fahrer leicht auf den Hinterkopf schlug.

»Gib Gas und fahr los. Aber nicht so ruckelig wie vorhin.«

»Natürlich Ma'am! Ich werde mein Bestes geben.«

Dennoch schüttelte sie unzufrieden den Kopf, als der arme Kerl zu viel Gas gab und die Räder beinahe durchdrehten. »Zu meiner Zeit hätte so etwas wie dieser Kerl nur die Latrinen schrubben dürfen!«

Ich erwiderte nichts, sondern dachte nur mit Schaudern an die nächsten Tage. Meine Vorfreude war wie weggewischt. Wenn ich nicht sehr auf der Hut war, würde mir nicht nur die Promotion durch die Lappen gehen. Womöglich würde ich mich unversehens auf der Roten Stufe wiederfinden.

*****

Nachdenklich sah ich zum Seitenfenster hinaus, wo die monotone Landschaft an uns vorbeihuschte. Hin und wieder warf ich einen verstohlenen Blick zu meiner Begleiterin, wenn sie den Fahrer piesackte. Der arme Kerl würde bestimmt drei Kreuze machen, wenn er uns abgeliefert hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---