Tage wie Chili und Honig - Helena Steegmann - E-Book
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Tage wie Chili und Honig E-Book

Helena Steegmann

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Beschreibung

Ein Liebesroman, der auf der Zunge zergeht! Nana arbeitet in Hamburg als erfolgreiche Food-Kolumnistin. Wenn sie über Essen und Genuss schreibt, läuft ihren Lesern das Wasser im Mund zusammen. Was niemand weiß: Nana kann in Wirklichkeit rein gar nichts schmecken, denn nach einem Jahr voller schmerzlicher Trennungen hat sie ihren Geschmackssinn verloren. Sie mogelt sich durch ihren Job – doch die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Als ihr gekündigt wird und die Liebe sich auch nicht auf ihre Seite stellen will, entschließt sie sich zu einer großen Reise. Sie macht sich auf den Weg von Hamburg über Italien nach Istanbul, um zwischen Weingütern, Ölmühlen und Gewürzmärkten ihren Geschmackssinn, sich selbst und die Liebe wiederzufinden. Lust auf noch mehr Italien, Istanbul, Reisen, Genuss und viele tolle Rezepte? Nana hält die Eindrücke ihrer kulinarischen Reise in einem Food- und Reiseblog fest. Schau doch mal vorbei: http://chiliundhonig.de/ feelings-Skala (1=wenig, 3=viel): Erotik: 1, Humor: 2, Gefühl: 3 Der Liebesroman »Tage wie Chili und Honig« ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte erotische, romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks. Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Helena Steegmann

Tage wie Chili und Honig

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Nana ist eine junge​ erfolgreiche Kolumnistin in Hamburg. Für ihre Artikel testet sie Restaurants und verschiedenste Köstlichkeiten aus aller Welt. Was niemand weiß: In Wirklichkeit schmeckt Nana gar nichts, denn nach einem Jahr voller schmerzlicher Trennungen hat sie ihren Geschmackssinn verloren, und so mogelt sie sich durch ihren Job. Doch dann trifft sie Tom – einen jungen Koch, dessen Karriere sie durch eine negative Kritik vernichtet hat …

Wenn Sie, liebe Leser, noch mehr über Nana erfahren möchten, besuchen Sie den Blog zum Buch: http://chiliundhonig.de

Inhaltsübersicht

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke

Prolog

Die beliebte Gastrokolumne des NARZISS-Magazins erscheint wieder regelmäßig. Nachfolger von Autorin Nana Jacobi ist ein junges Talent aus dem eigenen Hause.

Nein … Was?!? Meine Knie werden weich. Ohne den Blick von meinem Smartphone zu lösen, setze ich einen zittrigen Schritt vor den anderen. Im Gehen fische ich meine Brille aus der Clutch und lese weiter in der Pressemitteilung, die soeben in meinem Mailaccount gelandet ist.

»Ich bin sehr zufrieden mit meiner Neuentdeckung«, sagt Tiffany Meyer, Chefredakteurin des NARZISS-Magazins, über den vielversprechenden jungen Autor, der seine Texte mit dem Kürzel MG signiert. »MG hat wirklich alles«, so Meyer, »Kultur, einen eigenen Stil – aber vor allem einen hervorragenden Geschmackssinn. Wir dürfen noch Großes von ihm erwarten!«

Blinzelnd wende ich meinen Blick der bergigen Landschaft um mich herum zu, atme einmal tief ein und wieder aus. Man hat mir nicht nur meine Kolumne weggenommen, man hat sie ausgerechnet diesem Idioten gegeben! Nach diesem verdammt schweren letzten Jahr stand ich sowieso schon auf wackeligen Beinen, aber jetzt gerade fühlt es sich so an, als ob mir jemand hinterrücks den Teppich unter den Füßen weggezogen hat, unter dem eine Falltür auf mich wartet. Im selben Moment spüre ich einen leichten Schlag oberhalb der Kniekehle und plumpse ohne Vorwarnung in eine abgewetzte Sitzschale. Der Boden unter meinen Füßen verschwindet, und ich blicke in schwindelerregende Tiefen hinab.

Bis eben stand ich noch mit einer Tortenschachtel unterm Arm auf dem Bergplateau einer Seilbahnstation. Jetzt setzt sich der Sessellift ruckelnd in Bewegung und bremst sofort wieder ab. Fehlstart.

»Signorina, Sie müssen sich schon im richtigen Moment hinsetzen«, höre ich eine Stimme hinter mir. »Haben Sie sich wehgetan?«

Perplex schüttele ich den Kopf und blicke abwesend zu den hellen Bergspitzen, die sich deutlich vom dunkler werdenden Himmel absetzen. In meinem geistigen Wirrwarr lodert wieder und wieder derselbe Gedanke auf: Meine Kolumne – der ganze, mühsam aufgebaute Erfolg der letzten Monate ist ein für alle Mal dahin.

Mit einem energischen Ruck setzt sich die Seilbahn erneut in Bewegung. Eilig lege ich die Tortenschachtel auf meinen Schoß und scheuche die düsteren Gedanken weg. Tatsächlich taumeln sie wie Schatten in die Tiefe und verlieren sich irgendwo im Nadelwald unter mir. Für diesen Moment drücke ich auf die Pause-Taste – so lange, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Hier oben kann ich eh keinen klaren Gedanken fassen, wo ich doch buchstäblich in der Luft hänge.

Meine Schuhsohlen streifen fast die Spitzen der hohen Tannen. Ich schließe die Augen. Es wird ganz leise um mich herum. Nur ab und zu trägt ein leichter Wind die sanften Töne von Kuhglocken zu mir herauf. Der Sessellift pendelt leicht hin und her, und ich folge mit dem Kopf nickend seinem Takt … Bilde ich mir das ein, oder starrt man mich an?

Vorsichtig, ohne den Kopf zu drehen, schiele ich mit angehaltener Luft nach rechts: Ja. Man starrt mich an, und zwar auf diese unverhohlene Art, als ob ich schlafen würde und nichts davon mitbekäme. Ich drehe mich nach links und tue dabei so, als ob mich die letzten Strahlen Tageslicht blenden. Die verschwinden zwar gerade hinter den Bergen, trotzdem lege ich zwecks Schutz meiner Privatsphäre die Hand über die Augen.

Die kleinen Häuschen unten in der Senke wirken, als wären sie einer ambitionierten Modelleisenbahn-Landschaft entsprungen: Von hier oben betrachtet, wirkt alles so adrett, so niedlich und harmlos, dazu dieser gemalte Sonnenuntergang. Wäre Tom doch jetzt hier. Ich kann mir genau vorstellen, wie er neben mir sitzt und mich aufmerksam mit seinen eisblauen Augen anschaut. Und wie durch Zauberhand käme plötzlich all das zurück, was ich seit Monaten so sehr vermisse. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, warum gerade Tom diese Wirkung auf mich hat – aber so war es.

Ich lasse das Funkeln der letzten Sonnenstrahlen auf mich wirken und versuche, die Sehnsucht nach ihm zu verdrängen. Entschlossen verbiete ich mir jeden weiteren Gedanken an Tom. Denn für uns beide gibt es keine Zukunft – jedenfalls keine gemeinsame.

Ein lauter Nieser direkt neben mir katapultiert mich ins Hier und Jetzt zurück. Bart- und Rucksackträger, stelle ich aus dem Augenwinkel fest. Ich tippe auf Studienrat. Wenigstens hat er mit dem Starren aufgehört. Im Gegensatz zu mir trägt er Funktionskleidung in Vollmontur. Von den Wanderstiefeln bis zur Allwetterjacke. Dazu ein alberner Tirolerhut, der ihn eindeutig als Tourist entlarvt. Ein Tourist aus Deutschland – das bin ich auch. Zu einer Hälfte. Zur anderen bin ich Südtirolerin mit italienischen Wurzeln. Dabei habe ich Italien bisher eigentlich fast nur kulinarisch bereist – in Mamas alter Küche.

Ein bisschen neidisch bin ich allerdings schon auf seine komfortable Wanderhose. In meinem engen Etuirock muss ich möglichst flach atmen und kerzengerade sitzen. Vorsichtig streiche ich die gespannten Seitennähte entlang. In gemächlichem Tempo trudelt der Lift auf die untere Kehre zu. Unter meinen baumelnden Stilettos ziehen die Berg- und Hügellandschaften der Dolomiten in stoischer Trägheit vorbei. Ich habe das Gefühl, wir werden langsamer und langsamer – was mich extrem nervös macht. Als ob mir die Zeit davonläuft, weil ich mich nicht beeilen kann, dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Ich habe Zeit – mehr Zeit, als mir lieb ist.

Unter mir erscheint der Kirchturm von Cardano. Ich atme doch einmal tief ein und wieder aus. In diesem Teil von Bozen ist Mama aufgewachsen. Ich sehe von hier oben auf das Dach der kleinen Pension Sole. »Unser zweites Zuhause«, hat Mama immer dazu gesagt. Und dann stoppt der Sessellift meinen ganz persönlichen Erinnerungsfilm, indem er seinerseits abrupt anhält. Ich drehe mich um. Warte etwas ab, aber nichts passiert mehr. Die Seilbahn hat ihren Geist aufgegeben, und ich stecke doppelt fest: in einem verdammt engen Rock und auf halber Strecke zwischen Berg- und Talstation.

»Echt jetzt?!«, sage ich genervt und lenke den missbilligenden Blick meines Sitznachbarn auf mich. Es irritiert ihn scheinbar, dass er auf seinem Wanderurlaub neben einer sitzen muss, die in ihrem pastellfarbenen Kostümchen samt koketter Hutkreation so aussieht, als hätte man sie direkt von Ascot auf den Berg gebeamt. Er kann ja nicht wissen, dass ich geradewegs von einer Hochzeit komme. Mit angestrengtem Lächeln wende ich ihm mein Gesicht zu – und blicke in todernste Augen. Dass mein Sitznachbar nicht sonderlich viel Humor hat, verraten neben dem Fehlen von Lachfalten äußerst schmale Lippen unter den braunroten Zotteln in seinem Gesicht. Um die Stimmung zu lockern, lache ich übertrieben laut und knuffe ihm kumpelhaft gegen den Oberarm, was prompt zu einem Hustenanfall seinerseits führt.

»Geht’s?«, frage ich nun aufrichtig besorgt.

Aber mein Sitznachbar schaut stur geradeaus, als hätte er in der Luft gerade irgendetwas wahnsinnig Interessantes entdeckt. Er und ich haben wirklich nicht viel miteinander gemein, außer eben, dass wir beide auf engstem Raum zwischen Himmel und Erde festhängen.

Die Passagiere in der Sitzschale vor mir sind wild am Gestikulieren, ein paar Leute rufen etwas. Unten am Stationshäuschen laufen ameisengroße Menschen aufgeregt hin und her. Ich betrachte die Szenerie, als ginge mich das alles nichts an – so wie vorhin auf der Hochzeit.

Da habe ich auch versucht, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und das Brautpaar zu bringen, allerdings mit wenig Erfolg, denn Claas hat mich direkt neben seiner Braut plaziert. Beim Abschied nahm er mich einmal fest in den Arm und flüsterte mir dankbar zu, wie glücklich ihn die Anwesenheit seiner Tochter gemacht habe.

»Dein Reiseproviant«, sagte er und überreichte mir die puderfarbene Tortenschachtel.

Ich bekam spitze Lippen. »Zur Abwechslung mal eine, wo keine Frau rausspringt, hm?«

Claas lächelte milde. »Sie ist vom besten Patissier in ganz Südtirol. Wer wüsste ihren Geschmack besser zu schätzen als du, Nana?«

Wenn du nur wüsstest, dachte ich.

Er ist nämlich weg, mein Geschmack, und das ist gelinde gesagt eine Katastrophe – besonders, da das Verköstigen von Delikatessen und Testen von Restaurants zu meinem Job gehört. Oder vielmehr: gehörte. Denn Nana Jacobi, Autorin der Gastrokolumne des NARZISS-Magazins, ist Vergangenheit.

Oben, bei der Hochzeit, habe ich fast keinen Bissen herunterbekommen. Jetzt meldet sich mein Magen zurück. Sachte hebe ich den Deckel der Tortenschachtel an und höre ein leises Stöhnen neben mir. Wenn das wieder ein Kommentar sein soll, übergehe ich ihn souverän. Ganz vorsichtig löse ich die Schleife, schiebe den Deckel zurück und schaue auf das feine Stück Hochzeitstorte, eingebettet in knisterndes Seidenpapier. Kurz überlege ich, die Torte einfach den Kühen unter mir hinzuwerfen, und bin dann doch zu beeindruckt: Das ist zweifellos Sahnebiskuit, dekoriert mit Marzipan und gezuckerten Blüten. Sehnsüchtig betrachte ich das kleine Kunstwerk und weiß, dass ich mich nur mit dem schönen Anblick begnügen muss. Auf meiner Zunge wird nämlich gleich nicht viel passieren. Cremige Konsistenz werde ich wahrnehmen und Bissen für Bissen hinunterschlucken, so lange, bis der Hypothalamus im Zwischenhirn die Produktion von Neurotransmittern veranlasst. Dann weiß ich, dass ich nicht mehr hungrig bin. Klingt nicht gerade nach Erfüllung. Dabei war die Sinnenfreude von Delikatessen einmal meine Religion.

»Himmlisch«, erklingt es neben mir.

Verdutzt sehe ich meinen Sitznachbarn an. Haben wir etwa doch etwas gemeinsam? Er lächelt mir knapp zu. Das Tortenstück hat es ihm augenscheinlich angetan. Jedenfalls beäugt er es wie ein seltenes und äußerst faszinierendes Insekt.

»Möchten Sie etwas abhaben?«, frage ich behutsam.

Ich möchte seinen Anflug von Zutraulichkeit ja nicht gleich wieder zunichtemachen. Aber er guckt sofort weg. Erst als ich mich schulterzuckend dem bunt verzierten Wunder aus Sahne und Marzipan widme, klopft er sich auf den Bauch und murmelt: »Bin auf Diät. Leider.«

Dann höre ich ein leises Zipppp. Er hat die Seitentasche seines Rucksacks geöffnet und kramt umständlich darin herum. Während ich am Überlegen bin, ob ich die Torte vielleicht doch besser nachher auf meinem Zimmer essen soll, zieht er ein kleines Päckchen hervor. Er faltet das Papier sorgsam auseinander, und ich kann erkennen, dass es sich um die herausgerissene Seite einer Zeitschrift handelt. Jetzt bin ich diejenige, die unhöflich in seine Richtung starrt. Nicht der Apfel, der in das Papier eingewickelt ist, fesselt meine Aufmerksamkeit, sondern die Überschrift auf der zerknitterten Zeitungsseite. IHR PERFEKTER WEIHNACHTSKARPFEN steht da in roter englischer Schreibschrift. Die Headline katapultiert mich augenblicklich zurück nach Kirchenbrügge, denn dort hat alles angefangen – mit einem dicken, fetten Weihnachtskarpfen in der Auslage von Mamas Lebensmittelgeschäft.

Kapitel 1

Es war kurz vor Ladenschluss, als eine auffällige Gestalt trippelnden Schrittes an meinem Schaufenster vorbeikam, abrupt stehen blieb und drei Schritte zurück machte, um Mamas Geschäft mit scharfem Blick zu inspizieren. Ihre große, dunkle Sonnenbrille schob sie dabei bis zur Nasenspitze. Das Schauspiel dauerte nur wenige Sekunden, dann nickte sie einmal fest entschlossen und drückte kurz darauf ihre wildlederumschlossene Hand gegen die Eingangstür. Von draußen drang das Läuten der Kirchenglocken zu mir herein, gleichzeitig klingelte hier drinnen die Ladenglocke, was diese groß gewachsene Frau mit spitzen Lippen in etwa so kommentierte:

»Ach, wie passend! Kling, Glöckchen, klingelingeling, o du fröhliche und so weiter. Ich will ihn haben!«

Bevor ich reagieren konnte, streifte sie ihren rechten Wildlederhandschuh ab und klatschte damit laut und heftig in die andere Handfläche. »Den und keinen anderen!«

»Meinen Laden?«, antwortete ich eingeschüchtert.

»Großer Gott, meine Liebe. Wovon sprechen Sie? Ich rede vom Karpfen, dem Karpfen da!« Sie wedelte mit dem losen Handschuh in Richtung Auslage. »Genau so einen habe ich gesucht. Sie sind die Rettung – die Erlösung, ein wahres Weihnachtswunder …«

Sie stockte. Ihre Stimme bekam übergangslos etwas Empörtes: »Was gucken die da draußen so?«

Ich folgte ihrem Blick. Bis eben noch hatten sich zahlreiche Menschengruppen an meinem Schaufenster vorbei in Richtung Kirche geschoben. Nicht etwa deshalb, weil die Gemeinde von Kirchenbrügge so wahnsinnig fromm wäre, sondern schlicht, weil Heiligabend war. Doch mittlerweile blieben draußen auf der Straße immer mehr Menschen stehen, die durch das Schaufenster meine Kundin anstarrten. Sie war ja auch ein Hingucker in ihrem blaugrauen Pelzmantel und den feuerroten High Heels, die sie den zugeschneiten Straßen draußen zum Trotz trug. Dazu eine dunkelgrüne Samtkappe in der Form eines Reiterhelms, die ihr straffes Gesicht einrahmte. Altersmäßig war sie schwer einzuschätzen: irgendetwas zwischen Anfang vierzig und Ende fünfzig. Den großen Pelzkragen hatte sie sich über die eine Gesichtshälfte gezogen, die andere wurde von der riesigen Sonnenbrille verdeckt.

In diesem Outfit war sie also über die Hauptstraße von Kirchenbrügge flaniert – und Flanieren wird hier, auch dann, wenn man weniger exotisch gekleidet ist, grundsätzlich mit Argwohn betrachtet. Unter der Hauptstraße von Kirchenbrügge darf man sich allerdings keinen befahrenen Boulevard vorstellen, sondern eher eine Allee in der Breite von anderer Städte Einbahnstraßen. Nicht mal eine Ampel gibt es im Ort. Nur ein paar Geschäfte wie Jans Eisladen im Fachwerkhaus, der im Winter Bubble Tea anbietet, den nur die Frau vom Pastor mag.

»Ich glaube, die gucken wegen dem Schild da draußen«, schwindelte ich die Frau an, die so verrückt nach meinem Karpfen schien.

Sie sah wieder zur Scheibe. Das Papier des Schilds an meinem Schaufenster war dünn genug, um die riesigen Lettern durchscheinen zu lassen. Auch spiegelverkehrt ließen sie sich von unserer Seite aus schnell entziffern: WIR SCHLIESSEN, hatte ich selbst darauf gepinselt. Der Kundin schien diese Antwort nicht auszureichen. Erneut drehte sie sich in meine Richtung und fixierte mich durch die dunklen Brillengläser. »So wie die starren, fühlt man sich wie ein Affe im Zoo«, konstatierte sie mit strenger Stimme.

»Ich gebe den Laden auf, und meine Nachbarn sind ein bisschen neugierig, wie es damit weitergeht«, erklärte ich lächelnd.

»Verstehe«, meinte sie knapp. »Typisches Provinzverhalten. Da schlägt man gern die Buschtrommel, wenn sonst nicht viel passiert. Sie geben den Laden auf? Das ist schade.« Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und sah sich demonstrativ um. »Mir scheint er das einzig Liebenswerte in diesem Ort zu sein.«

Ich sagte ihr nicht, dass die Sache mit der Geschäftsaufgabe nicht meine Entscheidung, sondern die des Apothekers von nebenan gewesen war. Ihm gehörte nämlich das ganze Haus, inklusive der Ladenfläche plus der Wohnung, in der Mama und ich so lange zur Miete gewohnt hatten. Mit diesem Jahr lief unser Vertrag aus, und das gesamte Haus sollte grundsaniert werden. Ein mobiler Pflegedienst hatte für einen Teil der unteren Räume Interesse angemeldet. Alles musste raus. Selbst die alten Jugendstilkacheln mit den blau-grünen Fischlein würden nicht verschont werden. Oben, in unserer alten Wohnung, wollte er bis zum März ein Event-Büro einziehen lassen. Keine Ahnung, warum ausgerechnet hier im kleinen Kirchenbrügge, wo doch der Deich ein paar Kilometer weiter jede Welle einer neuen Bewegung gnadenlos abfängt und in die Elbe zurückwirft. Ein Trend allerdings hatte im Ort voll eingeschlagen: In einem flachen Neubau direkt hinter der Kirche hatte der Biomarkt Organic Company mit eigenem Kundenparkplatz eröffnet. Vermutlich war der Apotheker ihm also nur zuvorgekommen, denn dieser Lebensmittelmarkt hätte mir wohl im neuen Jahr ohnehin den Todesstoß verpasst.

»Der Karpfen soll’s also sein«, sagte ich, lief nach vorne und angelte den auf Eis gelegten Fisch aus der Vitrine, um mit ihm meine letzte Ware einzupacken. Alle anderen Schätze des Lädchens – eingelegte Antipasti, etliche Konserven mit pasteurisierten Tomaten, verschiedene Hartkäsesorten, ganze Parmaschinken, unzählige Pastasorten, zehn Kästen mit frischem Gemüse, genauso viele Obstkörbe, zig Kilo an aluverschweißten Espresso-Paketen und bestimmt mehr als fünfzig Kanister Olivenöl – hatte am Morgen der Pastor auf meine Bitte hin abholen und zur Hamburger Tafel bringen lassen. Ich war die Lebensmittel einfach nicht mehr losgeworden. Und so, damit tröstete ich mich, brachte die Schließung zumindest etwas Gutes.

»Sie glauben gar nicht, was ich ohne den Karpfen hätte durchmachen müssen. Schuld daran ist nur mein neuer Mann. Er meint, ich wäre, wenn es um die Familie geht, nicht bei der Sache. Dabei bin ich immer bei der Sache, ob nun Familie, Job oder Straßenverkehr«, plapperte die Frau, während sie in der Fensterscheibe ihr Spiegelbild betrachtete, um ihren Hut zu richten.

Die Kirchenglocken läuteten zum großen Finale. Draußen zog die Karawane endlich weiter. Lauthals wünschten mir einige Kirchengänger »Frohe Weihnachten, Nana« durch die Scheibe, andere deuteten hinter versteckter Hand an, dass sich eine Spinnerin in meinen Laden verlaufen hatte. Die Kundin bekam das nicht mit. Sie erzählte ihrem Spiegelbild munter weiter: »Nur heute, nur dieses eine Mal, habe ich tatsächlich etwas vergessen, aber auch nur, weil mein werter Herr Gemahl ja unbedingt Weihnachten auf einer Apfelplantage verbringen muss, statt in unserer Wohnung an der Alster. Wissen Sie, er hat hier ganz in der Nähe so einen alten Bauernhof gekauft und umgebaut, schon Jahre her, und jetzt meint er plötzlich, er und ich sollten über die Feiertage einen auf ländlich machen. Uns erden. Das täte mir gut. Alles musste ich für ihn stehen und liegen lassen – sogar den Weihnachtsbaum, halbfertig geschmückt im Salon … kein Wunder also, dass ich bei dem ganzen Hickhack den Karpfen im Kühlschrank vergessen habe. Herrgott! Das kann doch mal passieren. Aber dass ich nicht bei der Sache bin, das lasse ich mir nicht sagen! Nein, damit kommt er nicht bei mir durch. Da steuere ich schon lieber meinen Wagen in die vereiste Elbe. Wie gut, dass ich davor noch mal den Umweg hierher genommen habe – in der Hoffnung, dass meine Gebete doch noch erhört werden. Und siehe da: ein wunderschöner Weihnachtskarpfen in Ihrem Schaufenster. Dem Himmel sei Dank. Das hat der kleine Heiland wohl persönlich eingetütet.« Sie verdrehte theatralisch die Augen und holte dabei tief Luft.

Ich nutzte den Moment, um ganz vorsichtig zu antworten: »Haben wir wie jedes Jahr um diese Zeit im Angebot.«

»Sicher, ja. Wie viel macht es also?« Ernüchterung glitt über ihre Miene und ließ sie auf einmal Jahre älter aussehen. Und erschöpft. Mit einem einzigen Satz hatte ich ihre euphorisch untermalte Vorstellung von einem Weihnachtswunder entzaubert.

»Also, wenn’s der Himmel schickt, habe ich damit ja nichts zu tun. Ist also umsonst«, beeilte ich mich augenzwinkernd zu sagen. »Frohe Weihnachten.«

Ich überreichte ihr den eingepackten Fisch, woraufhin sie überrumpelt schien und im nächsten Augenblick mit einem fahrigen »Ich danke. Danke schön. Überaus freundlich …« abrauschte.

Beim Hinausgehen gab die Ladenglocke noch ein kurzes Ständchen, wie um sich von meiner letzten Kundin gebührend zu verabschieden. Dann war es still.

Mein Blick wanderte über die dunklen, deckenhohen Holzregale links neben dem Eingang. Einen ganzen Kosmos an Köstlichkeiten hatten Mama und ich hier versammelt, darunter Weine aus der Maremma, Sugo aus Bologna und meine heißgeliebten Dolci aus Rom. Nun war alles leer, nur eine aufgerissene Packung mit Lasagneblättern war noch da und wirkte wie ein Souvenir aus einer anderen Zeit. Ich sah mich weiter um. Die andere Seite des Ladens wurde von einem großen Verkaufstisch bestimmt, um den man herumlaufen konnte. Hier wurde gewogen und geschnitten, abgepackt und kassiert. Direkt dahinter befanden sich die Körbe für Obst und Gemüse, und die kleine Etagere am Fenster war für Küchenkräuter gedacht. Mein absolutes Lieblingsstück war allerdings die große, gläserne Vitrine, wie man sie in Südtirol in jedem guten Lebensmittelgeschäft finden kann. Mama hatte sie aus einem unserer Urlaube mitgebracht, und ich weiß noch, wie sehr die Speditionsleute schimpften, weil das sperrige Ding so schwer war.

Bis eben hatte der Karpfen dort gelegen, auf einem Bett aus glitzerndem Eis. Ich schluckte. Dieser Laden war wundervoll. Ich würde ihn vermissen.

 

Vor fast einunddreißig Jahren hatte Mama das Lebensmittelgeschäft für größtenteils italienische Spezialitäten unterhalb unserer Wohnung eröffnet. Eineinhalb Jahre zuvor war sie aus ihrem Heimatort Cardano in Oberitalien nach München gegangen. Aus purer Abenteuerlust, wie sie es nannte. In einer Münchner Bar begegnete sie Claas, der hinter dem Tresen arbeitete. Wie Mama oft erzählte, waren ihr zuerst seine schönen Hände aufgefallen, die flink und sicher die Gläser polierten, und dann, ein paar Drinks später, hatte sie ihm einfach einen Moment zu lange in die Augen geschaut. So fing es an. Zuerst verbrachten sie nur die Nächte miteinander, aber dann wollte er meine Mutter auch tagsüber sehen – immer öfter, bis er sie schließlich fragte, ob sie mit ihm nach Hannover ginge, wo man ihm eine Stelle in einem Restaurant angeboten hatte.

Mama ging mit, sie war immer für klare Verhältnisse. Und obwohl sie Hannover unglaublich langweilig fand, bezog sie mit ihm eine kleine Wohnung und nahm eine Stelle als Verkäuferin in einem Supermarkt an. Ihre Beziehung hielt nicht länger als dreizehn Monate. Als ich auf die Welt kam, hatte mein Vater schon einen neuen Job hinter dem Tresen irgendeines Hamburger Nachtclubs angenommen – lange Zeit bevor er seine Weinhandlungen in der ganzen Stadt eröffnete und damit sehr erfolgreich wurde.

Ich war erst wenige Wochen alt, da verließ Mama Hannover, allerdings ohne wirklichen Plan. Sie dachte, wenn das Schicksal sie schon nordwärts führe, dann könne sie auch nach Kopenhagen oder Oslo gehen oder vielleicht sogar von Bergen nach Island übersetzen. Aber sie kam nicht weiter als bis nach Kirchenbrügge, das sie aus irgendeinem Grund an Cardano erinnerte – zumindest in der norddeutschen Version. Also blieb sie und eröffnete ihr eigenes kleines Geschäft, das zu meinem Zuhause wurde.

 

Nun lag das alles hier in Trümmern. Und mittendrin stand ich. Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte.

Die Menschen hinter dem großen Fenster waren verschwunden. Sie saßen jetzt beisammen in der Kirche oder zu Hause, wo sie Essen zubereiteten, Geschenke auspackten oder es sich in ihren Wohnzimmern gemütlich machten.

»Ich bin mit Abstand die allerallertraurigste Gestalt in ganz Kirchenbrügge«, sagte ich laut, woraufhin sich Mama einschaltete. Leise hörte ich sie schnauben – ein Zeichen ihrer Missbilligung, das fast jedes Mal einen Witz auf meine Kosten ankündigte:

Zum Glück ist es Kirchenbrügge, cara mia. Stell dir vor, es wäre Peking oder Mumbai. Millionen von Einwohnern, und alle glücklicher als du!

»Du findest meine Trauer also komisch«, stellte ich trotzig fest und setzte mir, um ihre Stimme loszuwerden, meine Kopfhörer auf. Musik aus längst vergangenen Zeiten dudelte in meinem Ohr. Gegen Mamas Stimme kam sie nicht an.

Cara mia, hörte ich sie wieder. Du bist nicht die allertraurigste Gestalt. Du bist traurig, ja, aber keine traurige Gestalt.

»Die Fakten sprechen dagegen, Mama. Es ist Weihnachten. Ich bin allein, verliere den Laden, bin so gut wie obdachlos und …«

»Pardon?«

Das war nicht Mamas Stimme! Im selben Moment dieser Erkenntnis tippte mir jemand auf die Schulter. Ich zuckte so heftig zusammen, dass mir die Kopfhörer von den Ohren rutschten. Ich hatte die Ladenglocke überhört. Meine allerletzte Kundin war noch mal zurückgekommen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Sie stand ganz nah vor mir und schaute mich mit einem bemühten Lächeln durch ihre dunklen Gläser an.

»Störe ich Sie bei einem Telefonat?«

»Nein, nein, ich, äh. Schon gut«, stotterte ich.

»Sie sind doch allein hier, oder?«

Sie schob die Brille bis zum Rand ihres Samthelms hoch und blinzelte ins Licht. Sofort verschmälerten sich ihre Augen zu zwei Schlitzen. Sie reckte ihren langen Hals aus dem dicken Pelzkragen und beugte sich langsam über den Verkaufstisch, an dem ich stand.

»Stimmt etwas mit dem Karpfen nicht?«, fragte ich sie.

Der Hals der Frau verschwand wieder im Mantelkragen. Sie sah kurz aus wie eine Mischung aus Schildkröte und Nerz.

»Im Gegenteil, meine Liebe. Ich fand das wirklich sehr nett von Ihnen. Ich weiß ja nicht, welche Pläne Sie für die Zukunft haben, aber hier ist meine Karte. Ich schulde Ihnen was.«

Mit diesen Worten legte sie mir ihre Visitenkarte auf die Theke, vollführte auf den Spitzen ihrer roten High Heels eine elegante Drehung und spazierte ein zweites Mal aus meinem Laden. Erst jetzt bemerkte ich den SUV, der mit laufendem Motor vor dem Schaufenster stand. Ohne sich noch einmal umzugucken, stieg sie ein und fuhr davon.

Ich trat zum Schaufenster und sah dem Auto so lange hinterher, bis es in Richtung Landstraße abbog und die Dunkelheit die Farbe der Rückstrahler schluckte. Erst dann nahm ich die Karte vom Tresen, um sie mir genau anzusehen.

NARZISS-Magazin

Chefredaktion Tiffany Meyer

Die Chefredakteurin vom NARZISS? Ich stutzte ungläubig. Seit ich denken konnte, bekam Mama dieses »Bilderbuch für Frauen«, wie sie das aufwendig produzierte Magazin scherzhaft nannte, alle zwei Wochen per Post. Als ich ein Teenager war, zelebrierten wir dann jedes Mal ein kleines Ritual: Ich fischte das Heft aus dem Briefkasten, meine Mutter machte uns einen Tee, und dann tauchten wir, tief in die Sofakissen gekuschelt, in die Welt gehobener Lebensart ein. Und ich lernte ganz nebenbei den Unterschied zwischen Trendy-Sein und Einen-eigenen-Stil-Besitzen.

Ich drehte das Kärtchen hin und her. Auf der Rückseite der kleinen, elfenbeinweißen Pappe standen in zurückhaltend zarten Lettern die Verlagsanschrift, eine Mail-Adresse, Telefon- und Faxnummer. Was es wohl bedeutete, wenn eine Chefredakteurin mir einen Gefallen schuldete? Durfte ich ihr meine Bewerbungsmappe für ein Redaktionspraktikum schicken, was mit meinen einunddreißig Jahren ganz schön lächerlich auf sie wirken musste, oder schuldete sie mir ihrerseits nun einen Karpfen?

Wahrscheinlich war es nur so eine Floskel gewesen, das mit dem Gefallenschulden. Andererseits war sie extra noch einmal umgekehrt.

Ich hätte mich dennoch nie getraut, Tiffany Meyer zu mailen und ihr zu erzählen, dass ich für mein Leben gern schreibe, am liebsten über feine Lebensmittel, und dass ich deshalb einen eigenen Blog betreibe. Niemals hätte ich das gewagt. Und wenn ein paar Tage später nicht alles so gekommen wäre, wie es nun mal gekommen ist, hätte ich Tiffany Meyer wohl nie wiedergesehen.

Ich steckte die Visitenkarte in die Hosentasche, rückte die Kopfhörer zurecht und drückte erneut auf PLAY. Try to Remember von Harry Belafonte. Mama legte seine Musik immer an Weihnachten auf.

Draußen setzte langsam die Dunkelheit ein. Kalte Luft machte sich im Laden breit und drängte mich in die letzte warme Ecke direkt an die alte gusseiserne Heizung. Ich legte mir Mamas Strickjacke über. Sie war ihr offizielles Kleidungsstück für den Laden gewesen – aus grober, grauer Wolle mit gelben Streifen an Bündchen und Saum. Seit einem Jahr roch ich jeden Tag daran. Mamas Duft war schon lange rausgewaschen, aber ich stellte mir vor, dass er noch da wäre.

Mama hatte vor ein paar Jahren die Idee mit dem Blog gehabt. Sie glaubte an mein Talent zum Schreiben. Ich wählte im Browser meines Handys die URL des Blogs an, der seit Monaten brachlag. Ereignisse, von mir festgehalten in Bildern, die ich selbst auf chiliundhonig.de hochgeladen hatte. Sie zeigten mir eine Welt, die nicht mehr die meine war: intensive Farben, sonniges Licht, alles so bunt und fröhlich und voller Leichtigkeit. Ein paar Aufnahmen aus meiner Heimat, dem Alten Land, dazu Mamas Küche, unsere Wohnung, der Laden und dann – Italien. Vor ein paar Jahren hatte ich fest vorgehabt, eine Reise zu machen, und zwar erst mal dorthin – in das Land, in dem ich meine Wurzeln habe. Es sollte ein kulinarischer Trip zu Erzeugern und Produzenten werden, denn ich wollte die Delikatessen, die wir in unserem Laden verkauften, dort probieren, wo sie entstehen. Wochenmärkte und Markthallen wollte ich besuchen, Ölmühlen und Weingüter. Und dann – so lautete mein Plan – sollte es weitergehen bis nach Istanbul, wo ich mich ganz auf die Welt der Gewürze konzentrieren würde. Doch daraus wurde nichts. Genau bis Cardano hatte ich es geschafft, da erreichte mich der Anruf aus dem Krankenhaus. Ich musste zurück nach Kirchenbrügge.

 

Nana?

Wenn Mama meinen Namen wie eine Frage aussprach, lag immer etwas Sanftes darin. Ich schmiegte meine Wange an die Wolljacke und vertiefte mich in unser Gespräch.

Durchhalten, flüsterte sie mir zu.

Genau das hatte ich in den letzten Monaten versucht, aber die Konkurrenz durch den Biomarkt wurde immer größer, und dann stand irgendwann auch noch fest: Der Apotheker würde den Mietvertrag nicht verlängern und mich auf die Straße setzen.

Nana!

Die Stimme klang jetzt anders, strenger:

Warum lässt du dir deine wertvolle Zeit stehlen und trauerst den Bildern der Vergangenheit nach? Versumpfe nicht in deinem Selbstmitleid!

Das saß! Getroffen blickte ich nach oben.

»Vielleicht darf ich zu meiner Verteidigung anführen, dass mit dir fast alles verschwunden ist, was mir im Leben lieb war.«

Ich dachte an ihre letzten Tage. An ihre resignierten Worte, wenn sie mir sagte, ich solle mich nicht mehr über die Ärzte aufregen. An die Anstrengung, die ihr jeder Atemzug und jede Bewegung bereiteten … Zum zweiten Mal in ihrem Leben war der Krebs zurückgekommen. Diesmal gab es keine Hoffnung.

Irgendwann war dann auch Mamas Duft verschwunden, genau wie ihr sanfter Blick und ihre Berührungen. Die vermisste ich am meisten. Ihre Hände strahlten stets Ofenwärme aus und rochen nach den feingehackten Kräutern und den frischen Tomaten, mit denen sie ihre großartigen Kompositionen schuf. Für mich besaß das Klappern ihrer Messer und anderen Küchengeräts immer etwas Musikalisches, so als bewegten sich Löffel und Schneebesen im Takt einer Melodie, die nur meine Mutter kannte. Überhaupt konnte sich Mama für Musik begeistern, sie liebte die Oper. Die Vorbereitung der Lebensmittel war die Ouvertüre, die Zubereitung der Speisen die einzelnen Akte, und der Moment, wenn wir beide am Tisch saßen – rotwangig, ein wenig verausgabt und voller Vorfreude –, war das Finale. Mama am Herd, das war eine Dirigentin und die Küche ihr Opernhaus, so lange, bis sie das Orchester verlassen musste. Seitdem war es um mich herum sehr still geworden, allein in meinen Gedanken konnte ich ab und zu noch Mamas Stimme hören. Und ich hatte große Angst, dass ich mich irgendwann nicht mehr an ihren sanften Klang erinnern könnte, dass mich ihre Stimme ebenso verlassen würde wie ihr Duft.

Ich löste mich vom Heizkörper und blinzelte gegen die Tränen an.

Erschöpft ging ich nach vorne, um die Ladentür abzuschließen, aber statt den Schlüssel ins Loch zu stecken, öffnete ich die Tür und atmete die kalte, klare Luft ein, die mir entgegenschlug. Es war leise geworden. Leiser noch als leise. Die automatischen Türen von Organic Company bewegten sich nicht mehr, die Kirchenglocken hatten zu läuten aufgehört, und alle Motoren waren verstummt. Den Rest besorgte die dichte Schneedecke, die jedes Geräusch mit Watte umhüllte. Die Menschen feierten Weihnachten. Ihr aufgeregtes Miteinander schien hinter den dicken Mauern der alten Bauernhäuser von Kirchenbrügge schalldicht verpackt.

»Mama?«, fragte ich leise in den Laden.

Aber die Stimme antwortete nicht.

Kapitel 2

Nachdem ich den Laden abgeschlossen hatte, ging ich hoch in meine Wohnung, um mir etwas zu essen zu machen. Auch wenn sie schon fast vollständig ausgeräumt war, Kühlschrank und Tiefkühltruhe standen noch an ihrem Platz und boten sicher so einiges, denn an Delikatessen hatte es bei uns nie gefehlt. Doch das war ein Trugschluss, wie ich schnell bemerkte, als der Lichtschalter im Flur nicht reagierte. Mir fiel das Mahnschreiben ein, das ich neulich erhalten hatte. In dem ganzen Stress mit Ladenauflösung und Möbeleinlagern hatte ich vergessen, die siebzig Euro für den Strom in der Wohnung zu überweisen. Das Ergebnis war ein abgetauter Tiefkühler, aus dem sich eine Wasserlache in den Flur hinein ausgebreitet und meinen Sisalteppich ruiniert hatte. Ich öffnete die Truhe und stellte fest, dass alles verdorben war. Lachs, Loup de Mer, Hummer: alles aufgetaut und matschig. Den Kühlschrank musste ich gar nicht erst aufmachen. Ich wusste auch so, dass die frischen Steinpilz-Tortellini und das hauchfein geschnittene, getrüffelte Carpaccio den Tag ohne Strom nicht überlebt hatten. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse. Das also war der erste Heiligabend ohne Mama. Dunkel, kalt und nichts zu essen im Haus.

Bevor mich die Verzweiflung darüber einholen konnte, schnappte ich mir meine Daunenjacke, griff nach Autoschlüssel und Umhängetasche und zog die Tür hinter mir zu. Ein paar Kilometer Richtung Hamburg gab es eine Tankstelle, und auch wenn mir die Vorstellung von Convenience Food nicht behagte – dort würde ich schon irgendetwas Essbares auftreiben. Und einen heißen Kaffee.

 

»Was darf’s sein?«, fragte mich der Typ an der Kasse und schaute mich nicht einmal dabei an. »Hier, das gibt’s nur heute.« Er zeigte auf ein Set, das eine Packung Salzstangen, einen Liter Cola und eine Rätselzeitschrift zum Sonderpreis umfasste.

Ich entschied mich lieber für: »Alsterwasser und ein Franzbrötchen.«

Jetzt hatte ich seine volle Aufmerksamkeit. »Franzbrötchen und Alsterwasser? Gute Frau, da wird Ihnen schlecht. Aber so was von.«

Vielleicht wollte ich das ja auch. Ich schaute ihn trotzig an. »Dann eben zwei Franzbrötchen. Und ein Alsterwasser.«

Kopfschüttelnd griff der Mann nach Tüte und Gebäckzange. Als er sich zur Seite beugte, sah ich, dass ihm ein Arschgeweih aus der Jeans wuchs. Es sah so aus wie der Hirschkopf auf der Jägermeisterflasche im Schnapsregal hinter ihm.

In Gedanken versunken verließ ich die Tankstelle und fuhr langsam über die spiegelglatten Straßen zurück nach Hause. Dort angekommen, konnte ich dann aber meinen Haustürschlüssel nicht mehr finden. Weder in der Tasche noch in meiner Jacke oder im Auto – ausgesperrt. Ich betrachtete den Türknauf, er verkörperte, seit ich denken konnte, den Zugang zu meinem Zuhause. Bis zu diesem Moment. Wie war das mit dem persönlichen Tiefpunkt?

Ich rüttelte an der Haustür, dann stakste ich über den gefrorenen Asphalt, setzte mich ins Auto und heulte los.

 

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so dasaß, doch nach einer Weile knurrte mein Magen so laut, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte. Also griff ich nach der Tüte auf dem Beifahrersitz und zog eines der Franzbrötchen heraus, ein Gebäck, das es in und um Hamburg fast an jeder Ecke gibt. Aus Hefeteig, mit Zimt und Rosinen oder Streusel. Ich liebe Franzbrötchen. Und dieses Exemplar von der Tankstelle erwies sich erstaunlicherweise als ziemlich gut. Ich kaute mit vollen Backen. Der Zimt kitzelte am Gaumen, und die schwere Süße hatte etwas Beruhigendes. Das zweite aß ich mit mehr Bedacht und spürte, wie dabei meine Konzentration zurückkehrte.

In der Hand hielt ich noch immer den Autoschlüssel. Er hing an Mamas altem Schlüsselanhänger, einem abgenutzten Lederbändchen. Das Auto war der einzige Wertgegenstand, den sie mir hinterlassen hatte, und ich war fest entschlossen, es zu behalten. Ein VW Golf, Baujahr 1989 und dazu noch ein Cabrio, in hanseatischem Dunkelblau vom Lack über die Polster bis zum Verdeck. »Erdbeerkörbchen« hat man das Kultmodell aus den 80ern getauft. Weil mir nach wie vor kalt war, steckte ich den Schlüssel ins Zündschloss und startete den Motor. Sofort blies mir trockene Heizungsluft ins Gesicht. Gleichzeitig ging das Autoradio an. Ich drückte die programmierten Tasten; Ende der 80er muss dieses Ding in technischer Hinsicht der letzte Schrei gewesen sein.

Auf allen Stationen lief dasselbe: Verkehrsnachrichten, die wiederholt von Glatteis berichteten. Ansonsten wünschte man frohe Weihnachten. Die Sender spielten den Einheitsbrei alter Lieder von O du fröhliche über Santa Claus Is Coming To Town bis Last Christmas. Ich war noch nie ein großer Fan von Weihnachtssongs gewesen, aber in diesem Moment fand ich sie unerträglich. Aus dem Handschuhfach fischte ich irgendeine Kassette. Das Tape war selbstbespielt. Für Dich. Hamburg ’89 stand vorne drauf. Nicht Mamas Schrift. Ich schob die Kassette in das Gerät und hörte als Erstes »Hamburg, Hamburg … Ha-ha-ha-hamburg« und dann so einen Typen auf Deutsch rappen, der scheinbar ein großer Fan der Hansestadt war. Er klang ein bisschen wie Falco, nur ohne Wiener Schmäh. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass Mama so etwas je gemocht hätte. Nicht mal in den 80ern. Sie liebte die Klassik und die alten Songs von Bette Midler, ABBA oder Fleetwood Mac. Verwundert über die Entdeckung öffnete ich die Dose Alsterwasser. Täuschte ich mich, oder klang das Zischen irgendwie unwillig? Der Typ auf der Kassette sang gerade davon, wie sehr er es liebte, in Hamburg zu leben. Ich dagegen hatte die Stadt in den letzten Jahren gemieden. Im Grunde hatte ich nichts gegen Hamburg. Es gab nur ein kleines Problem, um das ich lieber einen großen Bogen machte: Claas, der dort seit vielen Jahren wohnte.

Mein Vater hatte mehrmals versucht, mich in den vergangenen Tagen zu erreichen, hatte mir sogar auf die Mailbox gesprochen, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm und seiner neuen Freundin das Weihnachtsfest zu verbringen. Danke, nein. Da schon lieber Heiligabend im Auto sitzen mit Alsterwasser und zwei Franzbrötchen als Festmahl.

Ich glaube eigentlich nicht an Zeichen, die einem den Weg weisen oder so etwas – aber mit dem Zimtgeschmack auf der Zunge, der Dose Alsterwasser in der Hand und dieser merkwürdigen Hymne auf die Hansestadt im Ohr, fing ich doch zu überlegen an. War das zusammengenommen vielleicht doch ein Richtungsweiser? Sachte gab ich Gas. Der Wagen rollte ein paar Meter vorwärts, und damit hatte ich bereits das Ende der kurzen Hauptstraße von Kirchenbrügge erreicht. HAMBURG 53 KILOMETER las ich auf dem gelben Schild in Richtung Landstraße.

Plötzlich war da wieder Mamas Stimme, ein Gespräch aus der Vergangenheit, an das ich unvermittelt denken musste. Es war an einem unserer letzten Abende gewesen, als ich Mama sagte, dass ich mich vor der Zukunft fürchtete. Wer außer ihr kannte schon die Antworten auf die großen Lebensfragen, die sich mir noch stellen würden? Meine Mutter streichelte mir über den Kopf. »Ich werde immer da sein. Nicht im Haus oder im Laden. Da findest du keine Antworten, Nana, sondern hier.« Mama machte eine Faust, legte sie auf ihre linke Brust und lächelte erschöpft.

Ich fasste mir an die Stirn. Wie hatte ich ihre Worte bloß vergessen können? Die ganze Zeit hatte ich gefürchtet, Mamas Stimme nur dann weiterhin zu hören, wenn ich den Laden und die Wohnung behielt. Wenn ich unser altes Leben weiterführte, als wäre sie noch da. Ohne weiter nachzudenken, trat ich aufs Gaspedal. Und schon bog ich auf die Landstraße ab, mit dem einen Ziel vor Augen: Hamburg.

Ich hatte keine Anlaufstelle, keine Adresse – nur mich selbst in einem Gefährt namens Erdbeerkörbchen.

 

Nach einer Weile hörte es auf zu schneien, und der Himmel klarte auf. Obwohl ich auf dem Land aufgewachsen war, hatte ich die Sterne schon lange nicht mehr so hell dort oben leuchten sehen. Steinkirchen, Mittelkirchen, Neuenkirchen: Ich fuhr an kleinen Ortschaften vorbei, keine davon größer als Kirchenbrügge. Die Zeit war im Alten Land stehengeblieben. Als ich ein Kind war, verbrachten viele gut betuchte Hamburger hier ihre Wochenenden, suchten Ruhe und Entspannung in ihren schick ausgebauten Guts- und Bauernhäusern. Aber wie das so ist, wurde ihnen die Ruhe mit der Zeit zu langweilig, und so verlagerten sie ihre Domizile an die Küsten entlang der Nord- und Ostsee. Manchmal, wenn sie in ihren teuren Autos durch unser Dorf fuhren, sah ich ihnen sehnsüchtig hinterher.

In einem Sommer, ich muss so neun Jahre alt gewesen sein, lernte ich Konstantin kennen, der genau wie ich in der Schlange vor Jans Eisdiele in Kirchenbrügge wartete. Ich hatte ihn schon ein paar Mal gesehen, wenn er von der Rückbank eines silbern glänzenden Jeeps herausgesprungen war, der seinem Vater gehörte. Er war etwas älter als ich, und nachdem wir uns ein wenig beschnuppert hatten, erzählte er ohne große Umschweife, dass er nun auch hier lebe – zumindest an den Wochenenden. Sein Vater habe nämlich das große Bauernhaus auf einer benachbarten Apfelplantage gekauft, um sich dort von seiner Scheidung zu erholen. Und als er hinzufügte, dass die Mutter eine bekannte Modedesignerin sei und er nun beim Vater wohne, tat mir das schrecklich leid. Wie konnte eine Mutter einfach so fortgehen? Konstantin, da war ich mir sicher, musste furchtbar traurig sein – und sein Vater bestimmt auch. Während der Junge mit seinem Eis in der Hand neben mir herlief und immer weiterplapperte, überlegte ich schon, wie ich den einsamen, traurigen Mann mit meiner schönen Mutter verkuppeln könnte. Nebenbei würde dabei für mich noch ein cooler Bruder herausspringen.

Obwohl sich die Idee für mich überaus stimmig anfühlte, weihte ich Mama doch lieber in meinen Plan ein, bevor ich erste Schritte unternahm. Sie schaute mich halb erstaunt, halb besorgt an und sagte nur, ich sei »ein bisschen plemplem« und dass sie für Verkupplungsaktionen derzeit nicht zu haben sei.

Mit dem Ende des Sommers verschwanden auch Konstantin und sein Vater in ihrem Jeep. Kurz darauf wurde das Haus neu vermietet, und ich sah die beiden nie wieder.

 

Ich blickte zu den weitläufigen Apfelplantagen, die sich bis zum Deich an der Elbe entlangzogen. Der Schnee hatte ihre Äste in Weiß getüncht, und die kahlen Bäume sahen wie Gerippe aus. Ein irgendwie surrealer und doch anmutiger Anblick, wie aus einem dieser Märchenfilme von Tim Burton. Über mir war der dunkle Himmel noch immer mit funkelnden Sternen bespickt, aber in der Ferne färbte er sich bereits in einem gräulichen Violett; die Flutlichter im Freihafen mit der dahinterliegenden Großstadt ließen der Nacht dort keine Ruhe. Mir gefiel die Vorstellung, dass sich Tag und Nacht ineinander vermischten und so ihre ganz eigenen Geschichten erzählen konnten – ohne vom morgendlichen Klingeln des Weckers unterbrochen zu werden.

In den letzten Monaten hatte sich jeder Tag in Kirchenbrügge so wie der vorherige angefühlt. Die einzige Abwechslung waren die regelmäßigen schlechten Nachrichten gewesen, die mich immer einen Schritt näher an den Abgrund brachten. Je mehr ich versuchte, Mamas Lebenswerk festzuhalten, desto schmerzhafter wurde es für mich. Jetzt wurde mir klar, dass nicht das Loslassen so weh tat, sondern das Festhalten. Meine Hand, die sich bis eben um das Lenkrad gekrallt hatte, öffnete sich, und ich legte die Finger ohne viel Druck auf das polierte Holz.

 

Kirchenbrügge lag jetzt schon weit hinter mir. Das Land mit seinen winterlich weißen Flächen war einer künstlichen Landschaft gewichen. Hier an der Süderelbe bestimmen Flachbauten, Großcontainer, kleine Brücken und verwinkelte Zufahrtsstraßen das Stadtbild. Ich war mitten im Gewerbegebiet am Rande des Freihafens. Obwohl mir nur dann und wann ein Auto entgegenkam – schließlich war Heiligabend –, wirkte die Gegend nicht sonderlich einsam. In den Häusern brannte Licht, Lkws parkten am Straßenrand, und hinter den zugezogenen Vorhängen der Fahrerkabinen schimmerte das bläuliche Licht von Fernsehern.

Als ich das Fenster ein wenig öffnete, um frische Luft hereinzulassen, trug der eisige Wind das geschäftige Surren der Maschinen im Industriehafen herüber. Die Straße führte durch eine enge Kurve und von da eine beachtliche Steigung hinauf, die für das Flachland rund um Hamburg ungewöhnlich ist. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich direkt auf eine riesige Konstruktion zufuhr: die Köhlbrandbrücke, eine der größten Brücken Europas. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch konzentrierte ich mich nun voll und ganz auf die Straße und versuchte, weder zu sehr an die Höhe, in der ich mich befand, noch an die spiegelglatte Fahrbahn oder meine alten Reifen zu denken. Zu allem Überfluss kam mir jetzt auch noch ein Lastwagen entgegen. Ich blinzelte in das grelle Licht seiner Scheinwerfer und folgte halbblind der Steigung. Und dann – mit einem Mal – blitzten vor mir die hellen Lichter der Stadt auf. Ich blickte auf endlos viele Gebäude und Straßen, die im Lichtsmog am halbdunklen Horizont verschwanden. Davor floss die Elbe, auf der Eisschollen trieben. Lange hatte ich nicht mehr so etwas Imposantes gesehen. Vor lauter Faszination bemerkte ich gar nicht, wie ich den höchsten Punkt der Brücke hinter mir ließ. Mit jedem Meter wurde die Angst weniger, und als ich schließlich auf der anderen Seite ankam, war sie verflogen.

»Hallo, Hamburg«, sagte ich leise.

Kapitel 3

Am Weihnachtsmorgen öffnete ich langsam die Augen. Das Erste, was ich sah, war das üppige Blumenmuster eines Vorhangs. In verschwenderischer Fülle ergossen sich pastellfarbene Blüten über den schweren Stoff, der zu beiden Seiten eines großen Gaubenfensters bis auf den Dielenboden hinabfiel. Ich schaute mich mit halbgeöffneten Lidern im Zimmer um, stutzte und schob mich im nächsten Moment hellwach im Bett hoch. Dann stopfte ich mir ein Kissen in den Rücken und blinzelte entzückt. Schon als Kind hatte mir der Morgen des 25. Dezembers noch besser gefallen als Heiligabend. Er kam mir immer wie eine Mischung aus Weihnachten und meinem Geburtstag vor, wenn ich gleich nach dem Aufstehen barfuß in T-Shirt und Pyjamahose ins Wohnzimmer taperte und im hellen Tageslicht den Stapel meiner Geschenke bestaunte. Am Vorabend hatte ich sie zwar schon aus dem Papier gewickelt und damit gespielt, aber am darauffolgenden Morgen ging von ihnen noch immer diese Magie brandneuer Spielsachen aus. Außerdem war schulfrei, und sogar Mama musste an diesem Tag nie arbeiten.

Der gestrige Heiligabend hätte nicht trister sein können. Jetzt kam mir dieses extrem gemütliche Mansardenzimmer mit dem hölzernen Alkoven, in dem ich lag, wie ein Weihnachtsgeschenk vor. Der Raum schien geradezu aus einem Magazin für englischen Landhausstil entsprungen zu sein. Die zarten Rosa- und Gelbtöne des Vorhangs wiederholten sich in der Streifentapete, die wiederum perfekt zu den beiden silbergrau bezogenen Sesseln passte, die neben dem Bett und vor dem Fenster standen. Daneben ein hübsches Ensemble, bestehend aus einem verzierten Einbauschrank und einer Frisierkonsole aus Mahagoni. Das Zimmer war klein, nicht größer als fünfzehn Quadratmeter vielleicht, aber es hatte etwas Feines an sich. Das holte den nächtlichen Anblick der Villa in mein Gedächtnis zurück. Im dämmerigen Schein der Straßenlaterne hatte ich vor der hellblau getünchten Fassade mit dem weißen Stuck gehalten. Die Adresse: vornehmstes Hamburg – nicht weit entfernt von der Alster.

Den einzigen Stilbruch entdeckte ich auf einem gepolsterten, mit pinkfarbenem Samt bezogenen Bänkchen: meine Daunenjacke, Jeans und Pullover, alles hastig ausgezogen und achtlos hingeworfen. Ich war echt erschöpft gewesen. Stunden hatte es gedauert, bis ich die Brahmsallee, eine kleine Villenstraße, die nur durch einen im Rondell angelegten Park durchbrochen wird, gefunden hatte. Das lag vor allem an meiner etwas unpräzisen Wegbeschreibung. Die Frau des Pastors stieg nämlich immer hier ab, wenn sie ihre Schwester in der Stadt besuchte. Jedes Mal, wenn sie danach bei mir im Laden einkaufte, erzählte sie von dem Trip: »Todschicke Gegend! Und die Straße heißt nach diesem großen Komponisten. Gleich nebenan ist dieser lange Wochenmarkt. Die Wohnungen ringsum kann sich fast niemand mehr leisten, die Pension schon. Ein echter Geheimtipp.«

Mit dieser Beschreibung, die einem Rätsel glich, war ich durch das nächtliche Hamburg gekurvt. Ein paar Mal hielt ich bei Tankstellen an und erkundigte mich nach einer Mozart- oder Beethovenstraße. Der Groschen fiel erst, als ich auf meiner nächtlichen Irrfahrt zum dritten Mal im Erdbeerkörbchen den Johannes-Brahms-Platz in der Innenstadt kreuzte. Brahms! Na klar! Der einzige Hamburger, der seit über hundertfünfzig Jahren Konzerthallen füllt.

Um ein Haar wäre ich an der Villa vorbeigefahren, wenn mich nicht dieses Leuchtschild in einem der Erkerfenster irritiert hätte. ZIMMER FREI stand dort in pulsierenden, roten Lettern, umgeben von vielen kleinen blauen Sternchen, die in Endlosschleife um die Buchstaben herumtanzten. Zugegeben, in diesem noblen Viertel wirkte diese Reeperbahn-Ästhetik etwas bizarr, aber die unkonventionelle Lichtreklame hatte ihren Zweck erfüllt.

 

Ich stieg aus meinem Bett und trat an das halbrunde Fenster. Eine hauchdünne Schneeschicht hatte die Bäume und Sträucher des Vorgartens überzuckert, und ein paar vorwitzige Sonnenstrahlen brachten die Eiskristalle zum Funkeln. Auch das Dach des Cabrios glitzerte. Mamas Erdbeerkörbchen stand direkt unter mir an der hohen Hecke vor der Villa und schien sich mit der neuen Nachbarschaft bestens arrangiert zu haben. Zumindest parkte es dort mit der größten Selbstverständlichkeit zwischen riesigen Geländewagen und eleganten, dunklen Coupés. Ich schenkte dem Wagen einen letzten Blick, setzte mich auf das pinkfarbene Bänkchen und suchte meine Siebensachen zusammen. Im Gegensatz zu Mamas Golf fühlte ich mich irgendwie deplaziert in dieser Umgebung. Es störte mich, dass ich nichts Frisches anzuziehen hatte, von einer Zahnbürste oder einem Kamm ganz zu schweigen.

Ich kramte ein Haargummi aus der Handtasche und stellte mich vor das kleine Waschbecken neben der Tür. Kritisch betrachtete ich mich in dem goldgerahmten Spiegel, der über dem altmodischen Becken hing. Im Ganzen betrachtet, schien dieses Zimmer eine Art Zeitkapsel zu sein, in der man die Lebensart vergangener Epochen konserviert hatte. Nur ich sah darin alt aus. Ich trat einen Schritt zurück und versuchte, mich mit den Augen eines Betrachters zu sehen: Augenringe, die fast bläulich schimmerten, das blässliche Gesicht umrahmt von schwarzbraunem Haar. Seit mehr als einem Jahr war ich nicht mehr beim Friseur gewesen, nur mein gewollt lässiger Pferdeschwanz täuschte darüber hinweg. Ich schaute mir fest in die braunen Augen und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Irgendwann in den letzten Monaten hatte ich aufgehört, mich mit Mode zu befassen, dabei hatte ich an den Klassikern der letzten acht Jahrzehnte immer meine Freude gehabt. An manchen Morgen war meiner Mutter und mir nach den Farben der bunten 60er gewesen, an anderen nach schrillen Outfits der 80er, und in einigen Sommern hüllten wir uns in weiße Spitze im Stile der ländlichen 1920er. Doch mit Mamas Tod waren auch die modischen Riten dahin, und ich verlegte mich von da an auf das »Praktische«.

Bevor ich wieder in Grübeleien verfallen konnte, zwickte ich mir als Rouge-Ersatz zweimal in die Wangen und öffnete dann die Zimmertür einen Spaltbreit. Ich erinnerte mich an einen flüchtigen Wink vom schweigsamen Portier, kurz bevor er mich in mein Zimmer ließ, dass sich das Bad gegenüber befand. Noch bevor ich einen Schritt in den schmalen Korridor tat, stieg mir der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, getoastetem Brot und Zimtpfannkuchen in die Nase. Ich stellte mich an die Treppe und sah hinunter. Vom Dach bis in das Erdgeschoss war das Geländer mit einer Girlande aus Tannen geschmückt. Unten, in einer behaglichen Lobby, entdeckte ich einen älteren Herrn, der in einem dunkelgrünen Sessel schlief. Ein Buch ruhte auf seinen Knien – er sah wie der rührselige Geschichtenerzähler aus einer Dickens-Verfilmung aus.