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Eines Tages verschlechtert sich der Zustand der bereits erkrankten Mutter der Autorin stark. Die Gewissheit, dass die Mutter nun ein Pflegefall ist, warf die Frage auf, ob sie ins Pflegeheim gegeben werden müsste oder ob ein Familienangehöriger bereit und in der Lage dazu ist, die Pflege zu übernehmen. Karla Haubold entschied, die Mutter im eigenen Heim aufzunehmen und zu versorgen, musste sogleich ihre Tätigkeit als Lehrerin beenden und die gesamte Lebens-führung umstellen. Während der Pflegezeit führte sie ein Tagebuch, mit dessen Veröffentlichung will sie anderen Mut machen, aber auch auf die dringend notwendige Anerkennung der Pflegenden in unserer Gesellschaft hinweisen.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2013
Karla Haubold
Das Tagebuch einer Pflege
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Ausblicke
Die Musiktherapeutin sitzt am Klavier und spielt bekannte Volkslieder. Dabei schaut sie nicht zum Instrument, sondern versucht, mit freundlichen Blicken links- und rechtsseitig die kranken Menschen zu erfassen und ihnen aufmunternd zuzulächeln.
Viele ihrer Zuhörer sitzen im Rollstuhl. Sie selbst sagt nun den Titel des nächsten Liedes an, spielt einige Töne vor. Alle hören aufmerksam zu, summen teilweise die bekannte Melodie in freudiger Erwartung des gemeinsamen Gesanges mit. Nur eine Patientin im Rollstuhl unterbricht die angenehme Atmosphäre, indem sie unmotiviert „ja, ja, ja“… von sich gibt. Dabei ist ihr Körper kraftlos zur Seite geneigt, auch der Kopf ist wie bei einer welkenden Blume nach vorn gebeugt. Ihre Kopfhaut wird nicht von Haaren bedeckt, sondern weiße, sehr kurze Stoppeln bieten sich den Blicken an. Aus einem abgemagerten Gesicht schauen die Augen unstet und ein wenig fragend ins Leere. Durch das wiederholte „Ja, Ja, Ja“ gestört, richten sich die Blicke der anderen trotzdem mitleidsvoll auf die kranke Frau.
Ich sitze daneben, halte eine Hand der kranken Person. Es scheint mir, als läge ein Stein auf meiner Brust, der mir das Atmen erschwert, und meine Augen füllen sich mit Tränen. Es ist meine Mutter, die zum Anblick des Mitleids geworden ist.
Vor wenigen Tagen hat man sie in die geriatrische Reha-Klinik eingeliefert … mit fraglichem Rehabilitationspotenzial. Auf ihren Begleitpapieren steht:
„Zustand nach mehrzeitigen subduralen Hämatomen, Zustand nach Bohrlochtrepanation bds. und Hämatomdrainage, … chronische globale Herzinsuffiziens, Verdacht auf Stauungspneumonie bds., arterielle Hypertonie, manifeste Hyperthyreose“ ...
Lateinische Bezeichnungen – für mich schon lange keine Fremdwörter mehr! Erschreckend die Diagnose, aber belegt durch den derzeitigen Zustand. Wahrscheinlich eine Überforderung für mich – diese Aussagen in der geballten Ladung; der Arzt hat mich krank geschrieben. Deshalb bin ich mit in der Klinik, konnte meine Mutter begleiten.
Eigentlich sollte ich unterrichten, in die Augen von Kindern und Jugendlichen schauen. Gern wollte ich Fragen beantworten, welche stellen, Pausengespräche führen, vielleicht auch einmal lachen. Doch meine Zukunft hält sicher etwas anderes bereit. Jetzt möchte ich nicht daran denken, schiebe die schlimmen Vermutungen weit weg und verbiete mir selbst den Blick in das Morgen und Übermorgen.
Am schlimmsten und für mich zutiefst deprimierend war das Ergebnis der Aufnahmeuntersuchung: „Wir wollen erreichen, dass ihre Mutter für einige Zeit wieder sitzfähig und die Essensaufnahme mit Hilfe möglich ist. Durch die subduralen Hämatome ist das Gehirn gedrückt worden, und es sind Schädigungen vorhanden. Man weiß nicht genau, welche Funktionen wieder möglich werden können. Durch unsere medizinischen Maßnahmen, Medizingaben und Therapien soll die Pflege ihrer Mutter erleichtert werden. Wir wollen alles tun, was möglich ist, aber ihre Mutter ist ein schwerer Pflegefall.“
Diese Worte lassen mich nicht mehr zur Ruhe kommen. – Entweder ich gebe Mutter in ein Pflegeheim, oder ich pflege sie, müsste sie in meinen Wohnverband aufnehmen. Dieses wiederum wäre das Ende meiner pädagogischen Tätigkeit.
„Will ich das, bin ich in der Lage, so eine Aufgabe zu übernehmen?“
Düstere Ausblicke belasten mich, lassen mich in der Nacht kaum schlafen. Mutter schläft ebenfalls nicht. Sie weint leise vor sich hin, manchmal lauter werdend, gibt unverständliche Laute von sich. Ich stehe auf, versuche sie zu trösten, durch liebevolle Worte zu beruhigen, streichele sie. Nach langer Zeit gelingt es mir endlich. Sie schläft, ich nicht. Der Entscheidungsdruck belastet mich unsagbar. Die nächsten Nächte verlaufen friedvoller. Medikamente haben das Problem gelöst. Überhaupt kümmern sich die beiden Ärztinnen ständig um meine Mutter; sie tun alles Menschenmögliche. Meine gesamte Hochachtung gehört ihnen, auch dem Pflegepersonal und den Therapeuten. Ja es ist ihr Beruf. Mein Beruf ist Lehrerin. Ich liebe meinen Beruf, möchte ihn gern weiter ausüben, zurück zu den Kollegen gehen, zu meinen Schülern, von denen die meisten mich mögen. Doch Mutter bleibt ein Pflegefall. – Wer soll sie pflegen? Wieder kreisen meine Gedanken um die beiden Möglichkeiten: Pflegeheim – oder ich nehme sie zu mir in meine Wohnung. Versprechen sollte man halten! Ich habe ihr in „guten Zeiten“ versprochen, sie nicht ins Heim zu geben. Das ungeklärte Problem treibt mich noch in die Verzweiflung. Immer wieder schaue ich Mutter an. Am liebsten hat sie es, wenn ich an ihrem Bett sitze, ihre Hände in meine Hände nehme und zu ihr spreche. Sie antwortet nicht oder spricht einige Worte nach; „Echolalie“ sagt man in der Fachsprache dazu. Doch sie schaut auf meinen Mund, dann in meine Augen. Dieser Blick drückt so viel Traurigkeit aus, dennoch habe ich das Gefühl, dass sie vieles versteht und über ihren Zustand zutiefst unglücklich ist.
Langsam beginne ich, dem Pflegepersonal sehr genau bei der Arbeit zuzusehen, zu beobachten, wie sie den kranken Menschen waschen, windeln, anziehen, mit ihm kommunizieren; wie sie meine Mutter zur Sitzhaltung aufrichten. Alles das versuche ich selbst. Es gelingt mir recht gut. Mutter schaut mich dankbar an, so glaube ich es zumindest.
Ihr Zustand hat sich etwas verbessert. Ich spüre, dass sie die anderen Menschen verstehen möchte. Auf die Forderungen der Therapeuten reagiert sie immer besser. Mit Freuden nehme ich wahr, dass ihr die dreißig Minuten Musiktherapie gefallen. Im Rollstuhl sitzend, wenn auch die volle Rumpffähigkeit nicht erreicht ist, singt sie die angestimmten Lieder mit, zeichnet sich durch Textsicherheit aus. Es ist fast unglaublich, wie ihr das gelingt, denn die Sprechfähigkeit ist noch immer deutlich gestört.
Sie ist ebenso für einen längeren Zeitraum wieder sitzfähig, benötigt weniger Hilfe bei der Nahrungsaufnahme und hat erfreulicherweise einiges an Körpergewicht gewonnen. Dadurch wird es mir möglich, die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings nutzend, Mutter mit dem Rollstuhl auszufahren. Ein Pfleger zieht ihr den Mantel, die Schuhe an. Auch den Hut setzt er ihr auf. Behutsam hebt er sie in den Rollstuhl und hüllt sie vorsorglich in eine Decke. Diesen Pfleger hat sie besonders gern um sich, wahrscheinlich, weil er Jörg heißt, ebenso wie eins von ihren Enkelkindern. Draußen im Park, so denke ich, nimmt sie die Umgebung interessiert wahr: Enten im Wasser, spielende Kinder, Spaziergänger, die an ihr vorbeilaufen. Ich rede auf meine Mutter ein, stelle ihr einige Fragen. Nach längerer Pause möchte sie antworten, will etwas sagen, spricht einige Wörter aus – und weiß nicht weiter.
Ich weiß auch nicht, wie es weitergehen soll? Doch muss ich mich entscheiden. Auf der einen Seite der Lebenswaage befindet sich meine sehr kranke Mutter, die hilflos auf Tages- und Nachtpflege angewiesen ist und sich in meiner Nähe sehr wohl zu fühlen scheint. Auf der anderen Seite warten Schüler auf mich. Mitten im Schuljahr müsste ich meine berufliche Tätigkeit für immer aufgeben, Lebensgewohnheiten und Gestaltungen total verändern, „liebgewonnene“ Freiräume verschließen und auf viel Angenehmes bis auf Weiteres verzichten.
Diese Gedanken machen mir Angst! Dennoch nimmt mir niemand die Entscheidung ab. Nur die Zeit drängt und verlangt von mir eine Handlungsweise, die mich zur Ruhe kommen lässt. In drei Tagen werde ich meinen 60. Geburtstag begehen. Mutter wird das erste Mal in meinem Leben nicht mit feiern können. Sie soll zur weiteren Rehabilitation bis Ende des Monates in der Klinik bleiben. Ich werde nicht als Begleitperson in die Klinik zurückkehren.
Entweder ich nehme meinen Dienst wieder auf, oder ich beantrage Altersrente für Frauen, bereite mich in den verbleibenden Tagen auf eine neue, schwere Aufgabe vor.
Mittwoch, 26. März 2003
Ich laufe durch die Wohnung, finde keine Ruhe. Meine Gedanken spielen Achterbahn, aber alle sammeln sich um die eine Kernfrage: „Habe ich alles getan, um einen pflegebedürftigen Menschen aufnehmen zu können?“
Am Bett steht der Toilettenstuhl. An ihm sind Räder angebracht, so dass ich ihn leicht in das Wohnzimmer fahren kann. Der Rollstuhl ist bestellt, muss lediglich Personen gerecht angefertigt werden.
Mutter soll am Tag auf der Couch im Wohnzimmer liegen, wenn sie nicht mehr sitzen kann und möchte. Deshalb habe ich eine Wolldecke zum Schutz auf die Liegefläche gelegt. Da, wo der Kopf liegen wird, befinden sich zwei kleinere Kissen, die von einem großen Kopfkissen bedeckt sind. Hochlagerung ist wichtig, so hat es mir die Ärztin gesagt. Am Fußende liegen zwei weitere Decken bereit, eine große Wolldecke und eine kleinere. Die kleinere habe ich aus Mutters Wohnung geholt. Es ist schon sonderbar, denn diese mollige Wolldecke hat mir immer sehr gefallen, weil sie wärmend wirkt und ein niedlicher, kleiner Hund im Muster zu sehen ist; dunkelbrauner Untergrund und andere warm wirkende, bräunliche Farben zeigen das Hundeköpfchen. Eingerahmt wird es von zwei dunkleren Schlappohren, schöne, staunend wirkende Augen und eine stupsige Nase vollenden das Ganze. Diese Decke wollte ich immer haben, aber Mutter gefiel sie auch und wollte sich davon nicht trennen. Deshalb war mein Wunsch, diese Decke in meinen Besitz zu bringen, immer erfolglos gewesen. Nun liegt das Exemplar auf meinem Wohnzimmersofa, der „Hund schaut mich an“, aber ich will mich nicht freuen.
So gehe ich erst einmal in die Küche, luge durch die Gardine, weil ich mir einbildete, Autogeräusche gehört zu haben. Es ist bloß Wunschdenken gewesen, wie so oft an diesem Märztag.
* * * * *
Die Sonne scheint ins Zimmer, wärmt und ihre Strahlen erzeugen Helligkeit und Freundlichkeit. Es ist ein schöner Frühlingstag, der eigentlich Hoffnung macht, aber ich habe dennoch Angst vor der folgenden Zeit. Ich will es nicht wahrhaben, doch mein Herz sträubt sich, den Frühling froh zu begrüßen.
Werde ich es schaffen? Werden meine körperlichen und seelischen Kräfte reichen, um eine optimale Pflege zu sichern? Werde ich für mich noch Freiräume haben, oder ist das gar nicht mehr möglich? Wie auch immer, für mich gibt es kein Zurück. Versprechen muss man halten, so hat uns Mutter erzogen. Und ich habe ihr, wie erwähnt, noch in „guten Zeiten“ versprochen, sie nicht in ein Pflegeheim zu geben.
Wieder gehe ich in die Schlafstube, schiebe die Gardine zur Seite und öffne das Fenster. Es ist mittlerweile ein Viertel nach vierzehn Uhr geworden. Meine Ahnung hat mich diesmal nicht getäuscht, langsam biegt ein Krankenwagen um die Ecke, kommt den schmalen Weg entlang gefahren. Ich bemerke noch andere Augenpaare, die durch die Gardine spähen und Menschen, die direkt am geöffneten Fenster stehen, mit neugierigen Blicken, um ja nichts zu verpassen.
Sehr schnell laufe ich die Treppe hinunter und befinde mich nun vor dem geöffneten Hauseingang, um meine Mutter zu begrüßen. Der Fahrer des Wagens steigt aus, sein Beifahrer auch und beide lächeln, mir Mut machend, zu. Einer schiebt die Tür des Krankentransportes auf, der andere steigt in das Wageninnere, rollt den Krankenstuhl an die Öffnung, dreht ihn um 180°. Gemeinsam heben sie den Stuhl aus dem Wagen und setzen ihn behutsam auf die Erde. Nun bietet sich mir ein beeindruckendes Bild, das sich in meinem Gedächtnis für immer festgesetzt hat, das mir niemand mehr nehmen kann.
Im Stuhl sitzt ein zierliches, fast zerbrechlich wirkendes Persönchen. Da es frühlingshaft warm geworden ist, hat man Mutter keine Jacke angezogen. So leuchtet mir ein pinkfarbiger Pullover entgegen, der zum Frühling passt. Aber das Wichtigste, für mich das Einprägsamste ist ihr Gesicht. Erwartungsvolle, große, klarblickende, dunkelbraune Augen füllen es aus. Ihr schmales Antlitz bemerke ich deshalb erst viel später. Diese Augen suchen meine Augen, und plötzlich versucht ihr Mund zaghaft zu lächeln. Ich lächle zurück, halte meine Tränen fest. Ihr Haar ist wieder ein wenig gewachsen. Feine weiße Stoppeln rahmen das Gesicht ein, das für mich im Moment nur aus Augen zu bestehen scheint.
Wie angeschoben, bewege ich mich zu ihr hin, nehme sie in die Arme, streiche liebevoll über ihren Kopf und sage leise: „Ich freue mich so, dass du wieder da bist.“ Und nun kullern mir doch unaufhaltsam die Tränen über das Gesicht.
Später löse ich mich aus der Umarmung, mache den Weg frei zum ersten Stockwerk in meine Wohnung. Beide Fahrer, die den Stuhl mit meiner kranken Mutter tragen, folgen mir.
Zwölf Wochen Krankenhausaufenthalt, inbegriffen Rehaklinik, sind vorbei.
Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass sich Mutters Zustand so verbessert hat. Liegend, aufgelegen, ausgetrocknet, teilnahmslos, nicht mehr redend, total abgemagert, mit schwerer Herzschwäche war sie vor fünf Wochen in die Reha-Klinik gebracht worden. Nach einer Bohrlochtrepanation wegen subduraler Hämatome, anschließendem Aufenthalt von zehn Tagen in der Neurochirurgie und drei Wochen im Krankenhaus hatte sich letztendlich dieser schlimme, eigentlich aussichtslose Zustand ergeben.
* * * * *
Aber nun befördert ein Krankenfahrer mit einem geübten Griff, den ich in Folge selber viele Male ausführen werde, meine Mutter aus dem Rollstuhl in den bereitgestellten Sessel hinein. Das kleine Persönchen verschwindet fast darin. Schnell fülle ich deshalb links und rechts die freien Räume mit je einem Kissen aus. Nach dem Erledigen der wichtigen Formalitäten(der Übergabe des Arztberichtes für den Hausarzt, für mich, Tablettendosis für zwei Tage) einigen mutmachenden Worten verlassen mich die beiden Männer. Nach dem gehörten Einklinken der Tür erfasst mich eine gewisse Unruhe und Unsicherheit. Ich bin mit meiner kranken, hilflosen Mutter allein. Alle Verantwortung trage ich nunmehr für sie. Doch sie schaut mich an, sagt plötzlich aus dem Nichts heraus zu mir in klarer, deutlicher Aussprache: „Viele Grüße von Schwester Christiane.“ Diese ist in der Klinik ihre Musiktherapeutin gewesen. Ich fühle mich unsagbar glücklich, weil Mutter diese Grüße in ihrem Gedächtnis(nach zweistündiger Fahrt mit dem Krankenwagen) gespeichert und mir mitgeteilt hat. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Irgendwie machen mir diese von ihr gesprochenen Worte Mut und nehmen mir ein ganzes Stück von der entstandenen Beklemmung zurück. Es sagt mir, dass es weitergehen muss, wenn auch erst einmal viel Schweres und Neues auf mich zukommen wird.
Nachmittag:
Kaum, dass ich Mutter versorgt habe, stellt sich der Besuch ein. Meine Schwester Brigitte mit ihrem Mann Bernhard, meine Kinder Ingo, Jörg und später Gerd. Mutter begrüßt alle freudig und ordnet den einzelnen Personen den richtigen Namen zu.
Jetzt sitzen wir um den runden Tisch, trinken Kaffee und essen Kuchen, den ich vormittags besorgt hatte. In der Vorwoche habe ich für Mutter einen sehr schönen, nicht so sehr großen Polsterstuhl mit Seitenlehnen gekauft, in dem sie nun sitzt und sich wohl fühlt. Gleich, als ich sie hinein gesetzt hatte, sagte sie zu mir: „Das ist aber ein schönes Ding“, damit meinte sie den Stuhl. In dem Moment fehlte ihr die treffende Bezeichnung, wusste sich jedoch zu verständigen.
In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten passierte ihr das viele Male. Sie suchte nach Worten, um etwas zu benennen. Dabei kam es des Öfteren zu neuen, teilweise lustigen Wortschöpfungen.
Ihr Stück Quarkkuchen isst sie fast selbständig und genüsslich auf. Wenn jemand spricht, schaut sie sofort in die Richtung, hin zu der Person, welche etwas sagt. Es ist ihre Art, am Gespräch aufmerksam und interessiert teilzunehmen. Plötzlich hören wir alle folgenden Satz: „Ich bin froh, in der Wohnung zu sein.“
Später wurde sie müde, und der Besuch verabschiedet sich. Alle geben ihr die Hand und umarmen die Mutter und Oma. Ich will sehen, wie sie reagiert und reiche ihr meine Hand und sage: „Auf Wiedersehen, Mutti.“ Sie schaut mich ungläubig an, dann schmunzelt sie zaghaft, aber doch befreit. Sie hatte gemerkt, dass diese Geste nur Spaß sein sollte. Sie weiß, dass ich sie nicht allein lassen werde.
Abends:
Mir gegenüber sitzt Mutter, wir nehmen unser Abendbrot ein. Eine Weißbrotschnitte ist von mir in vier Teile geschnitten worden. Auf dem Tisch stehen außerdem ein Glas Selterwasser, ein Topf Tee und eine Tasse Suppe. Das Selterwasser wird für die Einnahme von Tabletten benötigt, abends sind es zur Zeit sechs. Beim Trinken der Suppe helfe ich, indem ich die Suppentasse halte. Ich selbst komme kaum zum Essen. Ich achte darauf, dass sie sich nicht verschluckt, regelmäßig Tee trinkt, dann wieder in die Schnitte beißt und so fort. Sie sieht dabei zufrieden aus, weil sie zu Hause ist, alles andere wird unwichtig! Da sie schon immer ein sehr „disziplinierter“ Mensch gewesen ist, gibt es bei der Aufnahme des Essens keine Probleme.
Nun beginnt die Abendpflege und das Fertigmachen für das Schlafengehen. Es ist ein Riesenaufwand, gleicht einer zeremoniellen Handlung. In das Bad kann ich nicht mit dem Toilettenstuhl, der Gang ist zu schmal. So wird das Ganze in die Wohnstube verlagert. Vorher lege ich alles bereit. Unter anderen das vorgewärmte Nachthemd, die Windelhose mit Einlage, zwei Handtücher, die Waschschüssel mit temperierten Wasser und Haut schonender Emulsion, Salbe für die noch kleine, offene Stelle am Gesäß, Verbandszeug, Einreibung für den Oberkörper und die Füße.
Auskleiden und Waschen erfolgen, indem Mutter auf dem Toilettenstuhl sitzt. Meine erste größere Bewährungsprobe beginnt. Sie versucht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, mir ein wenig zu helfen, hält mir die Arme entgegen, hebt die Beine an, bewegt ihren Körper in die entsprechende Richtung. Ich denke daran, dass ich herzwärts waschen muss; es geht gut. Wir schaffen es. Das Anlegen der Windelhose erfolgt auf der Couch. Alles erfülle ich so, wie es mir in der Reha-Klinik gezeigt worden ist. Während der zu erfüllenden Tätigkeiten rede ich mit ihr, drücke und lobe sie. Aus dem Radio erklingt leise Musik, dadurch gewinnen meine pflegerischen Vorhaben an Ruhe und strahlen Wärme aus. Das Herausnehmen der Zahnprothese bereitet mir einige Schwierigkeiten, da ich ihr keinesfalls Schmerzen zufügen möchte.
Mutter sitzt frisch gewaschen und gepflegt auf dem Sofa. Ihren Oberkörper habe ich mit Franzbranntwein-Gel eingerieben, ihre Beine und Füße mit einer entsprechenden Salbe behandelt. An der kleinen, offenen Stelle am Rücken – oberhalb des Gesäßes – wurde von mir der Verband gewechselt. Ihre kurzen, weißen Stoppelhaare sind mehrere Male gekämmt worden. Bei den pflegerischen Maßnahmen habe ich mit ihr gesprochen und meine Tätigkeiten erläutert. Viel geantwortet hat sie nicht, aber alles mit Wohlgefallen aufgenommen. Nun reiche ich ihr die letzte Tablette für die Nacht, welche sie ohne Widerspruch aufnimmt, und das Glas mit Wasser endgültig leert. Ich frage, ob ich sie mit dem Toilettenstuhl ins Schlafzimmer fahren soll oder ob sie laufen möchte.
„Ich will laufen“, so ihre schnelle Antwort, dabei schaut sie den Stuhl etwas verächtlich an. In bereits geübter Tanzhaltung – ihre Hände liegen auf meinen Oberarmen und meine umfassen ihre Hüften – bewegen wir uns in das Schlafzimmer. Die Tür war von mir bereits vorher geöffnet worden. Mutter hat schon immer im hinteren Bett geschlafen.
* * * * *
Weihnachten, zwischen den Feiertagen, ist sie fast immer unser Schlafgast gewesen, natürlich zur Freude meiner Söhne. Wie gern denke ich an diese Zeit zurück, weil es mit „Oma“ viel Spaß gegeben hat. Als Jörg noch ein kleiner Junge war, ist sie vormittags mit ihm spazieren gegangen. Wenn Schnee lag, nahmen sie den Schlitten mit und suchten sich im Bärenbachtal kleine Abfahrten aus. Ich konnte inzwischen in aller Ruhe das Festtagsessen zubereiten. Es war schon eine Freude, die beiden zu begrüßen, die mit geröteten Wangen in der Tür standen. Ingo, der mittlere meiner Söhne und neun Jahre ältere, hat die Zwei oft begleitet, meistens mit Skiern. Es sind schöne Zeiten gewesen, an die ich mich erinnere. Ein Glück, dass es sie gegeben hat.
Im vorigen Jahr nahmen Mutters Schlafbesuche zu, denn da brauchte sie schon Hilfe. Sofort denke ich an die Zeit, als das Hochwasser vielen Menschen unsagbares Leid gebracht hatte. Sie war zu diesem Zeitpunkt gerade wieder einmal im Krankenhaus, als dieses evakuiert werden musste. Ganz spontan, so wurde mir berichtet, hat sie zum behandelnden Arzt gesagt: „Ich will zu meiner Tochter Karla.“ So ist es auch gekommen. Drei Wochen blieb sie bei mir. In der ersten Woche musste ich nicht zum Dienst nach Marienberg, da die meisten Schulen der Umgebung wegen der Hochwasserschäden geschlossen blieben. Das war eine glückliche Fügung. Doch zwei Wochen bin ich vormittags zur Arbeit nach Marienberg gefahren.
Wenn ich davon wieder zurückgekehrt und meine Wohnung betreten hatte, stellte ich sofort fest, dass diese schön aufgeräumt war, insbesondere die Küche. Nichts stand herum, alles befand sich am richtigen Platz; das am Morgen benutzte Geschirr war aufgewaschen, abgetrocknet und eingeräumt. So ist sie in ihrer Lebensgestaltung gewesen, sehr ordentlich, oft pingelig sauber und stets helfen wollend. Ich höre noch deutlich ihre Worte: „Das kann ich doch machen.“
In diesem August, nach der Hochwasserkatastrophe, habe ich nach meiner Heimkehr vom Schuldienst schnell das Mittagessen zubereitet, später ging es in den Garten, abends schauten wir gemeinsam fern. Im Garten bereitete ich häufig den Unterricht für den nächsten Tag vor, oder ich korrigierte Schülerarbeiten. Zeit für Gespräche lag angemessen dazwischen, und das gemeinsame Kaffeetrinken verschönerte unseren Alltag. Mutter ging es richtig gut, sie erholte sich, und später bezeichnete sie diese Zeit als ihren mit mir verbrachten Urlaub.
Im Herbst nahm ich sie erneut eine Woche bei mir auf. Auch da bin ich bis mittags nicht zu Hause gewesen. Was das Aufräumen der Wohnung betraf, da blieb alles beim Alten. Nur ihr Gesamtzustand ließ zu wünschen übrig. Die Unruhezustände vergrößerten sich, manchmal wollte sie, wenn sie allein war, weglaufen. Die Hausärztin schlug einen Aufenthalt im Krankenhaus in der psychiatrischen Abteilung zur Medikamenteneinstellung vor. Es war schwer, Mutter von diesem nötigen Vorhaben zu überzeugen. Sie wollte nicht ins Krankenhaus, sie wäre so gern bei mir geblieben.
Am 10. Oktober erhielten wir von der Hausärztin die Einweisung. In der Nacht vor dem Krankenhausaufenthalt, sie schlief ja bei mir, ging sie ständig austreten, litt unter Atemnot und hustete. Jedesmal lief ich ihr hinterher, von der Angst getrieben, sie könne hinfallen. Außerdem gab ich ihr eine Tablette „ACC-akut“ und massierte ihr Brust und Rücken mit kühlendem Gel ein. Ihr Zustand gefiel mir überhaupt nicht, so gaben mir ihre Luftbeschwerden und die bläulich verfärbten Lippen sehr zu denken. Erst gegen Morgen fanden wir beide endlich Ruhe.
Früh, am 11. 0ktober, kamen meine Schwester und mein Schwager mit dem Auto vorgefahren, um Mutter ins Krankenhaus zu bringen. Ich konnte nicht mit, da ich zum Dienst nach Marienberg musste. Deshalb schilderte ich eindringlich den Zustand von Mutter. Sie wollten es dem Arzt vortragen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einen Druck auf der Brust; ich habe sie ungern weggegeben, aber es musste sein. Am nächsten Morgen erhielt ich einen Anruf aus dem Krankenhaus/Abteilung Inneres, der mir einen mächtigen Schreck versetzte. Da erfuhr ich, dass man Mutter noch in der Nacht in diese Abteilung verlegt hatte, weil ihr Zustand bedenklich war. Außer Vorhofflimmern und erhöhten Schilddrüsenwerten diagnostizierten die Ärzte eine Lungenentzündung auf der linken Seite. Ich höre noch die Worte der Ärztin. „Wie sie das bloß weggesteckt hat?“
Ich erinnere mich, dass Mutter dreizehn Tage in dieser Abteilung geblieben und danach am 24. Oktober in die Psychiatrie zur Medikamenteneinstellung verlegt worden ist. Hier blieb sie bis 28.11.2002. Während dieser Zeit durfte sie zweimal, jeweils am Wochenende, auf Urlaub nach Hause. Darauf hat sie sich immer wahnsinnig gefreut. An dem einen Wochenende haben wir die Vorsorgevollmacht formuliert, die sie dann selbst unterschrieb. Als nachmittags Ingo vorbei kam, sagte sie, da stand er noch in der Jacke im Wohnzimmer: „Ingo, ich habe gerade unterschrieben, dass ich nicht ins Pflegeheim muss.“
Am 22.12.2002, am Tag als meine Erholung vom Dienst beginnen sollte, wurde Mutter wieder einmal krank. Der Hausarzt, der sie spät am Abend untersuchte, stellte eine Bronchitis fest. Sie hatte Fieber und war ziemlich schwach. Der Arzt sagte mir, es wäre besser, wenn sie wegen dieser Erkrankung unter ständiger Kontrolle sein könnte. In meinem Inneren hatte ich bereits entschieden, sie mit zu mir zu nehmen.
So blieb sie bis zum 30.12.2003 in meinem Wohnverband. Es ist im Kreise meiner Familie ein recht angenehmes und friedvolles Weihnachtsfest geworden, nur ich bekam ebenfalls eine Erkältung, konnte mich jedoch nicht ausruhen, denn die Couch war schon besetzt. Aber Mutter fühlte sich umsorgt und geborgen. Sie hat es mir gesagt, wie schön es sei. Um so schlimmer kam es dann, als ich ihr am Nachmittag mitteilte: „Mutti, ich bringe dich nach dem Kaffeetrinken nach Hause.“ Ich wollte erreichen, dass sie sich in ihrer Wohnung wieder langsam wohl fühlte. Sie schaute nach meinen Worten traurig, und Tränen kullerten plötzlich über ihr Gesicht. Leise sagte sie: „Ich möchte weiter bei dir bleiben.“ Diese Worte und ihre Traurigkeit, die durch Weinen begleitet wurden, kann ich nicht mehr vergessen.
* * * * *
Wie in einem Kurzfilm rasen die Gedanken durch meinen Kopf, verbunden mit Bildern, als wir uns zu dem Bett hin bewegen. Mutter gibt sich unwahrscheinliche Mühe. Es fällt ihr keinesfalls leicht, das merke ich. Das Bett ist vorgewärmt und lädt zum Schlafen ein. Ich setze sie vorsichtig nieder, verwende meinen geübten Griff und bringe sie damit zum Liegen. Die Füße schlage ich in eine Wolldecke ein. Den rechten Arm, der bis in die Hand hinein geschwollen ist, wird durch ein kleines Kissen abgepolstert. Zwischen die Beine schiebe ich eine Babydecke, um Druckstellen zu vermeiden. Zum Schluss lege ich das Federbett so, dass sie nicht frieren, aber auch genügend gut atmen kann. Mit meiner rechten Hand streiche ich ihr über den Kopf, dann drücke ich sie und sage zu ihr: „Gute Nacht, meine Mutti, schlaf recht gut.“ Sie schaut mich mit großen Augen, die zufrieden blicken, lange an, bis sie antwortet: „Schlaf auch du schön, meine Karla, und hab’ vielen Dank.“ Ich bin gerührt über die richtig formulierten Worte, knipse das Licht aus und gehe aus dem Schlafzimmer.
Ein Blick zur Uhr sagt mir, dass es bereits 20.15 Uhr geworden ist. „Ziemlich spät“, denke ich. Ich nehme wahr, dass das Wohnzimmer unaufgeräumt wirkt, überall liegt etwas da, wo es nicht hingehört. Dennoch öffne ich nur das Fenster, dann lasse ich mich in den Sessel fallen, nehme eine halb liegende Lage ein, schließe die Augen und versuche damit, meine Erschöpfung zu mindern. Ich fühle mich wie gerädert und trotzdem erleichtert, weil ich alles gut geschafft habe.
Nach fünfzehn Minuten beginne ich erst, das Wohnzimmer aufzuräumen. Der Toilettenstuhl wird von mir leise in das Schlafzimmer gefahren. Mutter schläft, sie atmet ruhig und gleichmäßig. Danach lege ich die Kleidungsstücke zusammen, schaffe die Waschschüssel, Handtücher, Einreibung, die kleine Dose mit der Zahnprothese ins Bad. Zum Schluss bringe ich den Beutel mit den verbrauchten Windelhosen und Einlagen zur Mülltonne. Mittlerweile ist es ein Viertel nach neun Uhr geworden. Ich ziehe mich zum Hinausgehen an, weil ich ein wenig um die Häuser laufen will, um an frischer Luft nachzudenken. Kurz darauf sitze ich wieder im Sessel und befasse mich mit dem Arztbericht und den beigefügten, weiteren sehr aussagekräftigen Belegen; so zum Beispiel lese ich den Abschlussbericht über die Sprachtherapie, den Befund von der CT des Schädels und die Aufzeichnungen von der Thoraxaufnahme. Hierbei erfahre ich, dass sich ihre Kommunikationsfähigkeit deutlich verbessert hat, was ich ebenfalls bisher feststellen konnte. Das Kontinenztraining ist nicht ausreichend erfolgreich gewesen. Man nimmt aber an, dass sich in der Häuslichkeit Verbesserungen einstellen werden. Fünf Wochen musste man ihr den Katheter belassen, bis sich eine Pilzinfektion und Blasenentzündung entwickelten. Also, wird es meine Aufgabe sein, an dieser Sache weiter zu arbeiten. Die Thoraxaufnahme bestätigt einen großen Herzschatten, cardiale Stauungszeichen und rechts im Mittelfeld ein glatt begrenztes Abschattungsareal unklarer Genese. Das Schädel-CT hat ergeben, dass links fast regelrechte Verhältnisse vorliegen, rechts nicht so. Deshalb schlägt man – nach einiger Zeit – eine erneute Kontrolle vor, da noch ein Hygrom zu sehen ist. Außerdem zeigen sich in den Marklagern ausgeprägt vaskulär bedingte hypodense Veränderungen. Sofort hole ich mein „kluges“ Buch und lese über vaskulär bedingte Demenz nach. Mir wird klar, dass sich dieser Zustand trotz der Medikamente verschlechtern und mir auf Grund ihres Gesamtzustandes eine nicht gerade leichte Zeit bevorstehen wird. Was hatte ich kürzlich irgendwo gelesen?
Man kann dem Leben keinen Tag mehr geben,
aber dem Tag mehr Leben.
Ein schönes Zitat finde ich, es enthält eine Anleitung zum Handeln. Ich will versuchen, diese Worte mit Leben zu erfüllen.
Sonnabend, 29. März
Mehrere Sonnenstrahlen dringen in unsere Schlafstube ein. Ich orientiere mich, werfe einen Blick ins Nebenbett. Mutter liegt etwas seitlich, so dass ihre Augen meine treffen. Sie ist also schon munter. „Guten Morgen, meine Mutti“, so höre ich mich sprechen. „Guten Morgen, …Pflegemutti.“ An diesem Morgen bekam ich von ihr meine neue Bezeichnung, sie blieb dabei sehr ernst und schaute traurig. Sie hatte es treffend ausgedrückt.
Ich streichele wieder ihr Gesicht, stehe sehr schnell auf und sage zu ihr: „Ich hole dich gleich, Mutti. Bleib’ noch ein bisschen liegen.“ Was sollte sie wohl anderes tun als zu warten, bis ich sie hole?
Die Vorbereitungen für die Morgentoilette sind noch aufwendiger als am Abend. Zuerst drehe ich die Heizung auf, damit Mutter ja nicht friert. Dann bringe ich wieder alles in das Zimmer, was gebraucht wird; die Anziehsachen liegen bereit, die anderen wichtigen Dinge kommen dazu. Den Toilettenstuhl hatte ich schon vorher mit in das Wohnzimmer gefahren. Die vergangenen zwei Tage sind für mich wie im Fluge vergangen. Ich habe Termine mit den verschiedensten Personen abgesprochen und hatte viele Laufereien (Telefonate mit dem Friseurgeschäft, der Fußpflegerin, der Physiotherapie, kurzer Besuch beim Hausarzt in der Praxis, Rezepte ausschreiben lassen, Apotheke gehen, zusätzlich Fresubinsaft kaufen, weil im Arztbericht empfohlen und so weiter). Nach einem Telefonat mit dem Orthopädie-Geschäft ist ein Mitarbeiter da gewesen, der einen Ausleihrollstuhl mitbrachte. Damit kann ich Mutter ausfahren, denn frische Luft ist für den kranken Menschen sehr wichtig. Alles das erfüllte ich neben der Pflege, der Zubereitung des Essens, dem Wäsche waschen und Einkauf. Während der gedanklichen Rückschau auf die vergangenen Tage ist es mir gelungen, die Vorbereitungen für die Morgentoilette zu Ende zu führen. Jetzt beginnt die schwierigste Aufgabe des Tages.
Mit einem freundlichen Gesicht trete ich an Mutters Bett, schlage die Zudecke zurück.
