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Der Roman startet mit einem Flashback ins 17. Jahrhundert: Aidan MacDonald schwört, jedes Mitglied des Campbell-Clans auf die gleiche grausame Art und Weise zu ermorden, wie sie seinen Sohn Iain getötet haben. Im Roman begleiten wir Samantha und Eamon durch die Wirren von Vorurteilen, wie sie diesen begegnen und Schritt für Schritt ihre Macht verlieren. Als Samantha Campbell ihren Vater das erste Mal sieht, ist er dem Tod geweiht. Nach einigen wunderschönen gemeinsamen Tagen stirbt er und hinterlässt ihr seine Wohnung in Inverness. Bei einem erneuten Aufenthalt in Inverness verletzt sich Samantha während eines Spazierganges schwer am Kopf. Eamon MacDonald findet sie. Während er auf die Ambulanz wartet, hat er genügend Zeit die junge Frau zu betrachten. Sie übt eine eigenartige Faszination auf ihn aus. Er gibt ihr den Namen Tara, da er keine Ausweispapiere findet. Die Verletzung verheilt gut und sie könnte wieder nach Hause. Was bleibt ist eine starke Amnesie. Sie weiss nicht wo ihr zuhause ist und wie sie überhaupt heisst. Tara kommt vorübergehend bei Eamon und seiner Familie unter. Da er auch Ferien hat, verbringen die beiden die Tage gemeinsam und verlieben sich ineinander ohne es dem anderen jedoch zu sagen. Ihr Gedächtnis kehrt stückweise zurück. Als sie Eamon freudestrahlend ihren Namen, Samantha Campbell, nennt, verlässt er wutentbrannt den Raum. Die nächsten Tage gleichen einem Albtraum. Nichts ist mehr wie es war.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2022
Conny Vischer
Tal der Tränen – Gleann deòir
Dies ist ein Roman.
Handlungen und Personen sind frei erfunden.Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Die Destillerie Fort William ist erfunden.
Conny Vischer
Tal der Tränen - Gleann deòir
Roman
2. AuflageViCON-VerlagNiederhasli 2020
Conny Vischer lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. Seit ihrer Kindheit ist sie ganz vernarrt in Bücher. Schon in Teenagerjahren hatte sie begonnen Geschichten zu schreiben. Dies ist ihr vierter veröffentlichter Roman.
Urheberrecht: Conny Vischer: Tal der Tränen - Gleann deòir© Copyright: ViCON-Verlag2. Auflage 2020Lektorat: Irène Kost: das Buch – der TextVerlag: ViCON-Verlag, Heiselstrasse 105, CH-8155 NiederhasliInternet: www.vicon-verlag.ch / www.connyvischer.comE-Mail: [email protected]: 978-3-9524761-6-1, ISBN E-Book: 978-3-9525294-3-0
Satz und Layout: LP Copy Center WettingenCoverdesign: Markus Vögeli – Der PhotographDruck: online Druckerei
INHALTSVERZEICHNIS
PROLOG 1. KAPITEL 2. KAPITEL 3. KAPITEL 4. KAPITEL 5. KAPITEL 6. KAPITEL 7. KAPITEL 8. KAPITEL 9. KAPITEL 10. KAPITEL 11. KAPITEL 12. KAPITEL 13. KAPITEL 14. KAPITEL 15. KAPITEL 16. KAPITEL 17. KAPITEL DANK
Tal der Tränen – Gleann deòir
Prolog
Wir schreiben das Jahr 1691.
Aidan stand am Grabe seines ältesten Sohnes. Ein eiskalter Wind wehte um sein Gesicht, obwohl es erst Oktober war. Vor einer Woche hatten sie Iain zu Grabe getragen. Auf einem Botenritt zu Captain Robert Campbell of Glenlyon war er von den Gebrüdern des Clanchiefs der Campbell in einen Hinterhalt gelockt und niedergemetzelt worden. Den Leichnam banden sie auf das Pferd und ritten bis zur Landesgrenze der MacDonalds im Glen Coe. Dort gaben sie dem Ross den Befehl „nach Hause“ zu reiten. Aidan erblickte das Pferd als Erster und ritt dem scheinbar herrenlosen Tier entgegen. Der Schrecken war gross, als er erkannte, dass eine Leiche auf das Pferd gebunden war. Und als er sah, dass es sein ältester Sohn war, glaubte er, nie mehr atmen zu können.
Er nahm das Pferd am Zügel und führte es weinend ins Dorf. Nur zwei Monate vorher hatte er seine über alles geliebte Frau Mairi verloren. Sie war einer unbekannten Krankheit erlegen. Aidan hatte das Gefühl, dass ihm der Boden unter seinen Füssen weggezogen wurde und stiess einen markerschütternden Schrei aus, woraufhin ihm die Dorfbewohner entgegenrannten. Behutsam nahmen sie den Leichnam vom Pferd und legten ihn auf sein Bett. Dabei fiel ein Papierfetzen zu Boden. Aidan hob ihn auf und las:
So geht es allen Verrätern, die den Treueeid für König Wilhelm nicht unterschreiben wollen. Du bist gewarnt!
In diesem Moment hatte er vor allen, die versammelt waren, schwören wollen, sich auf grausamste Art und Weise zu rächen. Mitten in seinem Schwur war es ihm gewesen, als hörte er die Stimmen seiner Frau und von Iain: „Schwöre nie etwas in Wut. Du könntest es bereuen.“
Er hatte innegehalten und auf seine Liebsten gehört.
Aber heute, eine Woche nachdem er seinen Sohn beerdigt hatte, würde ihn nichts und niemand davon abhalten, diesen Schwur zu leisten. Dieser Mord verlangte nach Gerechtigkeit. Die Campbells waren genauso mit den MacDonalds verwandt, wie die MacDonalds mit den Campbells es waren. Diese vermaledeite Heirat zwischen einem Hurensohn eines Campbells und einer MacDonalds verkomplizierte alles.
Die Hand hoch erhoben sprach er feierlich: „Hiermit schwöre ich bei allem, was mir lieb und teuer ist. Von diesem Tag an werde ich, Aidan MacDonald, jedes Mitglied des Campbell-Clans auf die gleiche grausame Art und Weise ermorden, wie sie es mit meinem Iain getan haben.“
1. Kapitel
Sie lag in ihrem Bett, den gestern erhaltenen Brief aus Inverness in den Händen, der ihr immer noch unreal erschien. Dazu, dass sie Mühe mit der unbekannten, eher krakeligen Schrift hatte, konnte sie den Inhalt kaum fassen. Das konnte gar nicht sein. Wieso hatte ihre Mutter nie erzählt, dass ihr Vater sich nach ihr, seiner Tochter, erkundigt hatte? Immer wieder hatte er ihrer Mutter Briefe geschrieben. Keinen hatte sie ihrer Tochter jemals vorgelesen. Dieses Mal war der Brief an Samantha adressiert und ein zweiter an ihre Mutter beigelegt. Diesen hatte sie ungeöffnet auf den Nachttisch gelegt. Stets hatte ihre Mutter die Frage nach ihrem leiblichen Vater damit abgetan, dass sie nicht wisse, wo er sich aufhalte. Dass er sich aus dem Staub gemacht habe, als sie ihm von der Schwangerschaft erzählt hatte. Neunundzwanzig Jahre hatte Samantha diese Antwort geglaubt. Ihr Bild ihres Erzeugers war entsprechend negativ.
Vor ihren Augen tauchten mächtige Anwesen, die sie aus Filmen oder ihren Besuchen in Schottland kannte, auf. Dieses Land und seine Geschichte hatten sie schon immer fasziniert. Eigentlich erstaunlich, trotz des kühleren Klimas. Samantha war eine Sonnenanbeterin. Nicht dass sie tagelang in einem Liegestuhl an der Sonne lag. Nein, sie liebte es, stundenlang am Meer oder See entlang zu spazieren, die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut zu spüren und dem Rauschen der Wellen zuzuhören. Mit ihrem dunklen Teint, den dunkelbraunen Augen und beinahe schwarzen Haaren ging sie eher als Südländerin als eine Britin durch. Ihre Urgrosseltern waren gebürtige Schotten. Sie hatten ihr ganzes Leben in den Highlands verbracht. Sie hatten sehr jung Kinder und waren dementsprechend noch rüstig, als sie Grosseltern wurden. Die jüngste Tochter ist dann mit ihrem Mann in die Schweiz ausgewandert. Als Kind verbrachte Samantha praktisch alle ihre Ferien mit ihren Urgrosseltern und bereiste mit ihnen zusammen wunderschöne Orte, fernab vom Tourismus. Schon als Kind hatte sie immer Reiseberichte geschrieben. Ihre Urgrosseltern wollten das so. Die Ersten hatte sie mit Widerwillen geschrieben. Aber je älter sie wurde, desto mehr Spass hatte sie daran und jetzt war sie ihnen dankbar.
Während ihrer Ausbildung und auch danach nutzte sie ihre Ferien, Grossbritannien zu erkunden. Das, und ihre einwandfreien Englischkenntnisse waren sicher ein entscheidender Grund gewesen, dass sie den begehrten Job beim Magazin „Scotland News Switzerland“ erhalten hatte. Über hundert Bewerbungen waren für diese Stelle eingegangen. Umso grösser war ihre Freude gewesen, als sie die Zusage bekommen hatte. Sie liebte ihren Job, da dieser es oft zuliess, dass sie in ihr Lieblingsland Schottland für Recherchen fliegen konnte. Es war eine Arbeit, die wie für sie geschaffen war.
Vor gut zwei Jahren hatte sie dann Raoul an einem Anlass, zu dem sie eingeladen gewesen war, kennengelernt. Er war als Musiker engagiert gewesen. In einer Pause waren sie ins Gespräch gekommen. Samantha mochte die Art von Musik sehr, die er spielte. Dass er Talent hatte, war unüberhörbar. Auch seine Bühnenpräsenz war hervorragend. Mit seinen witzigen Übergängen von einem Song zum anderen hatte er das Publikum im Nu in seinen Bann gezogen. Sie hatten die Handynummern ausgetauscht und schrieben einander in unregelmässigen Abständen. Nach zwei Monaten wollte Raoul sie wieder treffen. Daraufhin verbrachten sie viel Zeit miteinander. Er verhielt sich aufmerksam ihr gegenüber und überraschte sie immer wieder mit kleinen Aufmerksamkeiten. Samantha verliebte sich in Raoul und als er ihr seine Liebe gestand, schwebte sie auf Wolke sieben.
In den zwei Jahren, in denen sie mit Raoul zusammen gewesen war, waren Ferientrips nach Grossbritannien aber eindeutig zu kurz gekommen. Natürlich musste sie für Reportagen immer wieder nach Schottland, aber wenn es ging, liess sie gerne ihrem Kollegen den Vortritt.
Jede freie Minute hatte sie in Raouls Karriere investiert. Er war ein Künstler, welcher das Organisatorische überhaupt nicht im Griff hatte. Ihm war einzig wichtig, dass er auftreten konnte. Wie er zu diesen Shows und Gigs kommen sollte, war ihm egal. Das war Samanthas Arbeit. Sie wusste, dass er alles von ihr abverlangte. Die Auftritte sollten möglichst in renommierten ausländischen Clubs und Bars sein. Wollte sie weiterhin in seiner Nähe sein, musste sie alles tun, was er von ihr forderte. Sie glaubte, er liebe sie genauso wie sie ihn. Die innere Stimme, welche ihr schon vor beinahe einem Jahr gesagt hatte, dass sie ausgenutzt wurde, hatte sie bis vor vier Monaten ignoriert. Sie hatte es geschafft, Raoul bei einem führenden Musiklabel unter Vertrag zu bringen. Sein erster veröffentlichter Song unter diesem Label wurde ein Nummer-eins-Hit in allen europäischen, ja sogar in den amerikanischen Charts. Über Nacht war er zu einem gefeierten Superstar aufgestiegen. Es eröffnete sich ihm eine völlig neue Welt.
Eine Welt, in der Samantha nichts mehr zu suchen hatte. Das hatte er ihr klar und deutlich gesagt und sie auch spüren lassen. Ihre verzweifelten Anrufe und SMS liess er unbeantwortet. Nach zwei Monaten musste sie sich eingestehen, dass ihre bedingungslose Liebe schamlos ausgenutzt worden war.
Energisch schob sie diese Gedanken beiseite, was zur Folge hatte, dass sie wieder an die Nachricht ihres Erzeugers dachte. In seinem Namen hatte sein Freund diesen Brief geschrieben.
Inverness, Ende August 2018
Meine liebste Samantha,
ich weiss, diese Anrede klingt komisch, da du über Jahrzehnte nichts von mir gehört hast. Und vielleicht fragst du dich auch, wie um alles in der Welt ich deine Anschrift gefunden habe. Ich muss gestehen, dass mir ein Freund dabei geholfen hat. Er kennt sich in solchen Dingen aus. Als Jurist hat er Zugriff auf Dinge, die ein normaler Bürger nicht hat.
Als ich mich erst einmal aus dem Staub gemacht habe, nachdem mir deine Mutter von der Schwangerschaft erzählt hatte, wollte sie nach einem Jahr auch nichts mehr von mir wissen, als ich mich nach ihr und dem Kind erkundigt habe. Mehr, als dass sie einem Mädchen das Leben geschenkt und es auf den Namen Samantha getauft habe, habe ich nicht erfahren. Meine darauffolgenden Briefe hat sie nie beantwortet. Ob sie sie gelesen hat, weiss ich nicht. Das ist jetzt aber nicht mehr von Bedeutung. Ich habe ihr vergeben und hoffe, dass sie mir ebenfalls vergeben kann. Auch wenn es für dich schwer nachvollziehbar ist, war es mir von dem Moment an, als deine Mutter mir von dir erzählt hat, nicht gleichgültig, wie es dir geht. Warum sonst habe immer wieder Briefe geschrieben und auf eine Antwort gehofft?
Mein Leben im herrschaftlichen Haus schien mir plötzlich nicht mehr richtig. Ich verkaufte es und wohnte ab sofort in einer kleinen Wohnung in Inverness. Es ist mir bewusst, dass ich dich und deine Mutter im Stich gelassen habe und dies unverzeihlich ist. Bekanntlich kann man das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, selbst wenn man sich das manchmal wünscht. Dennoch hoffe ich, dass du mir irgendwann vergeben kannst.
Was deine Mutter dir über mich erzählt hat, weiss ich nicht und tut auch nichts zur Sache. Während du diese Zeilen liest, liege ich im Spital, dem Tod näher als dem Leben. Wie viele Tage ich noch zu leben habe, können mir die Ärzte nicht sagen. Da ich zu schwach bin, diese Zeilen zu schreiben, habe ich meinem Freund und Hausarzt, Roy MacGregor, sie diktiert. Wir brauchten vier Tage dazu, da meine Kraft kaum mehr für ein Flüstern reicht.
Einen letzten Wunsch habe ich, bevor ich sterbe. Er ist nicht schwer zu erahnen: Einmal möchte ich meine Tochter sehen. Meinst du, dass du über deinen Schatten springen, deine Vorurteile mir gegenüber weglegen und mir den Wunsch erfüllen kannst?
Da meine irdische Zeit nur noch knapp bemessen ist, musst du schnell eine Entscheidung fällen. Ich bitte dich, wie auch immer sie ausfällt, sie meinem Freund telefonisch mitzuteilen. Seine Mobilnummer lautet: 0044 7871 68 34 50.
Er wird entsprechend deiner Antwort alles Weitere in die Wege leiten.
In der Hoffnung, dich einmal zu sehen, sage ich dir für heute bye.
Dein dich aufrichtig liebender
Dad
Ihre Gefühle fuhren Achterbahn, während sie den Brief sorgfältig zusammenfaltete. Sie glaubte zu spüren, dass ihrem Vater seine Handlungsweise aufrichtig leidtat. Ihre Mutter war nicht ehrlich zu ihr gewesen. Was Samantha schon länger vermutet hatte, wurde mit diesem Brief bestätigt. Je älter sie geworden war, desto komischer und unlogischer waren ihr die Aussagen ihrer Mutter erschienen, sobald sie sie nach dem Verbleib ihres Vaters gefragt hatte. In Samantha stieg eine Wut gegen ihre Mutter auf. Sie dachte an all die Nächte, in denen sie stundenlang geweint und sich gefragt hatte, was sie Schlimmes getan hatte, dass ihr Vater nie nach ihr fragte und sie nie besuchte. Dennoch war sie hin und her gerissen, ob sie dem anscheinend letzten Wunsch ihres Vaters nachkommen sollte oder nicht. Woher konnte sie wissen, ob das nicht nur ein Vorspielen falscher Tatsachen war, um an sie heranzukommen? Was es auch immer war, sie musste sich schnell entscheiden.
Ihre grossen Augen füllten sich mit Tränen. Es war eindeutig zu viel, was in den letzten Monaten auf sie eingestürmt war. Die Nachricht ihres Vaters brachte das Fass zum Überlaufen. Samantha beschloss, bis morgen mit der Antwort zu warten, damit sie etwas Zeit hatte, ihre Gedanken zu ordnen.
Der nächste Morgen kam nur allzu bald. Samantha hatte unruhig geschlafen und fühlte sich entsprechend müde. Zum Glück war sie heute alleine auf der Redaktion. Ihr Chef und die beiden anderen Mitarbeiter waren an einer Präsentation. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zum Brief ihres Vaters. Fragen über Fragen drehten sich im Kreis. Um dieses Chaos etwas zu ordnen, beschloss sie in ihrer Mittagspause, eine Liste mit Fragen an ihren Vater zu erstellen.
Am Nachmittag konnte sie dann mit Mühe noch einen Artikel fertig schreiben, der unbedingt heute noch auf dem Pult ihres Chefs sein sollte. Er hatte ihr gesagt, er würde am frühen Abend nochmals ins Büro fahren und den Bericht durchschauen. Unfähig sich für einen neuen Bericht aufzuraffen, fuhr sie nach sechzehn Uhr nach Hause. Erneut las sie den Brief zweimal. Immer noch war sie hin und her gerissen, wann und ob sie überhaupt anrufen sollte. Wie von Geisterhand geführt, holte sie jedoch einige Minuten später ihr Handy aus der Nachttischschublade und tippte Roy MacGregors Nummer ein.
„Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?“, ertönte eine warme tiefe Stimme.
„Hallo, Samantha Campbell am Apparat. Spreche ich mit Roy MacGregor?“
„Ja, der bin ich.“ Leise hörte sie die Stimme sagen: „Deine Tochter.“ Dann hörte sie ein Räuspern.
„Schön, dass du anrufst. Ich sitze neben dem Spitalbett deines Vaters. Damit er alles mithören kann, habe ich den Lautsprecher eingeschaltet. Willst du ihm deine Entscheidung gleich selber mitteilen? Ähm, er selber kann nicht mehr sprechen, da er zu schwach ist.“
Samantha fühlte sich total überrumpelt. Sie hatte nicht damit gerechnet, bei diesem Telefonat direkt mit ihrem Vater sprechen zu müssen.
„Ähm, ähm, hallo Dad?“
In ihren Ohren hörte sich das Wort „Dad“ fremd an und trotzdem spürte sie, dass es richtig war, ihn so zu nennen. Den Vater beim Vornamen anzusprechen, wäre ihr absolut unmöglich gewesen.
„Es ist schwer, meine Gefühle, die in mir schwirren, zu ordnen. Wie lange habe ich Zeit, um zu dir zu kommen? Ich muss zuerst meinen Arbeitgeber um kurzfristigen Urlaub bitten und einen Flug buchen. In welcher Stadt bist du hospitalisiert? Gibt es in der Nähe des Krankenhauses ein Hotel?“
***
Roy blickte in das leuchtende Augenpaar seines Freundes. Seit Langem war es kein fiebriges, sondern ein freudiges Glänzen, das er sah. Die Wangen waren vor Erregung und Glück leicht gerötet. Es wurde ihm ganz warm ums Herz. Was die Schulmedizin nicht fertiggebracht hatte, ermöglichte diese eine simple Antwort. Sie würde Robert die nötige Kraft geben, solange durchzuhalten, bis er seine Tochter gesehen haben würde.
Stumm dankte er Gott für seine Hilfe.
„Was willst du sagen, mein Freund?“, fragte er Robert.
„Du sollst während der Zeit, in der du hier bist, im Appartement deines Vaters wohnen. Es ist der Wille deines Dads, Samantha. Ich darf dich doch so nennen, oder? Soll ich dich am Flughafen in Inverness abholen? Wir könnten direkt ins Spital fahren.“
„Ja klar. Ich weiss nicht, ob ich dieses Angebot annehmen kann, Herr MacGregor.“
„Nenn mich bitte Roy. Ich komme mir sonst so alt vor“, sagte er daraufhin lachend. „Und natürlich kannst du dieses Angebot annehmen. Dein Dad ist ja ein Teil deiner Familie.“
Samantha schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter und antwortete mit leiser Stimme: „Okay. – Ähm, danke Dad, ich nehme dein Angebot gerne an. Sobald ich weiss, wann ich kommen kann, melde ich mich wieder. Danke für alles und bis bald. Mach’s gut und pass auf dich auf.“
„Dein Dad schickt dir einen Kuss. Auch von meiner Seite ein herzliches Dankeschön, dass du es Robert ermöglichst, dich zu sehen. Ich wünsche dir einen schönen Abend.“
Es klickte in der Leitung. Samantha hatte aufgehängt. Roy stand auf, um sein Handy in der Jackentasche zu verstauen. Er hätte es auch in die Hosentasche stopfen können, aber er brauchte diesen Moment, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Er war einerseits erleichtert, dass Roberts Tochter so unkompliziert dem Wunsch ihres Vaters entsprach, andererseits hiess das auch, sich die bittere Wahrheit, dass Robert nur noch kurze Zeit leben würde, definitiv einzugestehen. Als Arzt wusste er, dass es bereits jetzt an ein Wunder grenzte, dass sein Freund noch immer lebte. Bauchspeicheldrüsenkrebs war eine heimtückische und unheilbare Krankheit, die rasant zum Tod führte.
Er schnäuzte sich und setzte sich wieder auf den Stuhl neben Roberts Bett. Dieser zeigte auf den mit einem Energiedrink gefüllten Becher. Roy musste schmunzeln. Bis anhin hatte sein Freund meistens abgewehrt, wenn er ihm dieses Getränk angeboten hatte.
Ein lächelnder Robert prostete ihm zu. Roy war sicher, bis Samantha herkommen konnte, würde ihr Dad auf sie warten, egal wie lange es dauern würde.
„Deine Tochter scheint das Herz am rechten Fleck zu haben“, sagte er zu seinem Freund, als dieser ihm den beinahe leeren Becher zurückgab. „Ihre Stimme klingt angenehm. Ich freue mich, sie kennenzulernen.“
Robert nickte und deutete Roy an, dass er sein Ohr nahe zu seinem Mund halten sollte.
Langsam und fast lautlos sagte Robert: „Ab heute wird trainiert. Ich möchte meine Tochter sitzend oder gar stehend begrüssen können. Hilfst du mir, mein Freund?“
„Klar Rob. Du wirst das schaffen. Den ersten Schritt dazu hast du bereits gemacht. Mindestens drei dieser Drinks pro Tag werden dir zur nötigen Kraft verhelfen. Dein starker Wille unterstützt dich dabei.“
2. Kapitel
Robert lag erschöpft, aber glücklich im Bett. Sein letzter Wunsch würde in Erfüllung gehen. Er würde sein kleines Mädchen in die Arme schliessen können. Du bist gut, kleines Mädchen, lachte er in Gedanken. Dieses kleine Mädchen war eine junge Frau. Hoffentlich bekommt sie bald Ferien. Jetzt da ich weiss, dass sie kommen wird, kann es mir nicht schnell genug gehen, auch wenn der Tod mich noch rascher ereilen sollte.
Er konnte seinem Freund für dessen Hilfe nicht genug danken. Roy war es gewesen, der ihn ermuntert hatte, nach seiner Tochter zu forschen und einen Brief an sie zu verfassen. In unzähligen Anläufen war er fertiggestellt worden. Nie war ein ungeduldiges Wort über Roys Lippen gekommen, wenn Robert mit einer Formulierung nicht zufrieden war und sein Freund nach einer anderen suchen musste.
Auch in anderen Belangen war Roy immer für ihn da; nicht nur als Hausarzt. Es war eine dieser Männerfreundschaften, die zwar nicht aus der Kindheit entsprang, aber nicht weniger tief und intensiv war.
Zur selben Zeit, als er damals die Beziehung mit Kristin aufgelöst hatte, war auch Roys Verlobung in die Brüche gegangen. Sie hatten sich per Zufall in einem Pub in Inverness bei einem Bier kennengelernt. Beide hatten schon etwas tief ins Glas oder eben die Flasche geguckt und hatten einander ihr Leid geklagt. Roy hatte erzählt, dass seine Verlobte ihn wegen eines anderen Mannes verlassen hatte. Sie hätte keine Lust mehr, stundenlang auf ihn warten zu müssen, wenn er länger im Spital bleiben musste, wenn es einem seiner Patienten schlecht ging. In einer Sache hätte sie schon recht gehabt. Wenn er seine eigene Praxis haben würde, gäbe es noch weniger regelmässig Feierabend. Zu dieser Zeit war Roy bereits dabei, seine Praxis einzurichten. Zwei Monate später wurde sie eröffnet. Um ausreichendes Einkommen zu haben, arbeitete er anfänglich zwei Tage fest im Spital, da er noch nicht genügend Patienten hatte. Dies änderte sich aber rasch. Dass ein Landarzt eine Praxis aufgemacht hatte und er fachlich wie menschlich kaum zu toppen war, verbreitete sich wie ein Feuer. Nach einem Jahr musste er seine feste Anstellung im Spital in Inverness aufgeben, blieb aber als Belegarzt dem Spital erhalten. Die Ärztekollegen und -kolleginnen schätzten Roys Fachwissen und seine unkomplizierte Art.
Aus dieser zufälligen Begegnung wuchs schliesslich eine wunderschöne Freundschaft.
Roberts Augen fielen zu und er sank in einen tiefen Schlaf.
***
Wie Samantha vermutet hatte, gab ihr Chef ihr, ohne zu zögern die Erlaubnis, zu ihrem Vater zu fahren. „Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst“, hatte Tom gesagt und sie dabei verständnis-voll angeschaut. Im Spätsommer lief auf der Redaktion eh nicht viel. Zwei Wochen musste sie von ihren Ferien darangeben, der Rest galt als bezahlte Absenz.
Samantha seufzte schwer. Natürlich war sie dankbar, dass Tom ihr so entgegenkam, aber der Umstand, der dazu führte war sehr traurig. Auch wenn sie ihren Dad nur aus dem einen Brief kannte – wenn man das überhaupt als „kennen“ bezeichnen konnte –, wusste sie, dass er in ihrem weiteren Leben eine wichtige Rolle spielen würde.
„Danke Tom für dein Verständnis. Ich werde mich gleich um den Flug kümmern. Wenn ich Glück habe, finde ich noch einen für diese Woche. Schottland hat sich in den letzten Jahren, gerade im Sommer bis in den September hinein, als beliebte Feriendestination entwickelt und es wird nicht so einfach sein. Zum Glück brauche ich keine Unterkunft.“
Sie verliess das Büro ihres Chefs und bemerkte den liebevollen und besorgten Blick nicht, mit dem er sie bedachte.
In ihrem kleinen Büro startete sie ihren Computer. Sie fluchte leise vor sich hin, als das Internet beim Hochfahren einen Hänger hatte. Für nächstes Jahr würde sie einen neuen Rechner beantragen. Den Computer hatte sie so lange, wie sie für dieses Magazin arbeitete. Die Zeitschrift war für in der Schweiz lebende Schotten, aber auch für Schottlandfreunde gedacht. Davon gibt es mehr, als man denkt. Sogar verschiedene Clan Sociations gibt es in der Schweiz wie zum Beispiel den Clan MacLeod oder den Clan Ramsay. Samantha musste schmunzeln, als sie an ihr Vorstellungsgespräch dachte. Tom hatte ihr erzählt, wie er seinen Traum eines schottischen Magazins umgesetzt hatte. Dass es nebst sehr viel Enthusiasmus nur dank viel Unterstützung in Form von Freiwilligenarbeit und Darlehen mit guten Konditionen möglich gewesen war.
Bis zum heutigen Tag hatte sie es keinen Moment bereut, für dieses Magazin zu arbeiten. In der Zwischenzeit waren noch zwei weitere Mitarbeiter eingestellt worden. Conor, ein gebürtiger Schotte, der aber seit seinem zehnten Lebensjahr in der Schweiz wohnte und ebenfalls Journalist war. In David hatten sie einen versierten Grafiker gefunden, der sie mit seinen ausgeklügelten Ideen immer wieder aufs Neue überraschte. Tom war ein engagierter Chef, der mit viel Engagement und Herzblut das Magazin in der ganzen Schweiz und in Britannien bekannt gemacht und die Auflage erhöht hatte. Samantha erinnerte sich daran, wie sie beide oft bis spät in die Nacht hinein Berichte und deren Umsetzung besprachen. Erst als vor zwei Jahren Raoul in ihr Leben getreten war, hatte sie versucht, ihre Zeit nicht nur für die Arbeit zu nutzen, sondern auch möglichst oft mit Raoul zusammen zu sein und ihn zu unterstützen. Das hatte sich schlagartig geändert. Nur zu genau sah sie die Bilder ihres letzten Zusammentreffens noch vor sich.
Es war nach der Show in Manchester, als sie wie gewöhnlich auf dem Weg in den Backstage Bereich gewesen war und sie nur mit mitleidigen Blicken angeschaut wurde. Sie hatte sich noch gewundert weshalb. Als sie vor Raouls Artistenraum stand, hörte sie weibliches Gekicher, da die Tür einen Spalt offen war. Der Atem stockte ihr ob dem Anblick, der sich ihr bot. Zwei nackte Tänzerinnen und ein ebenfalls nackter Raoul vergnügten sich, für Samantha, auf billige Art und Weise. Das war aber noch nicht genug. Ein sichtlich verärgerter Raoul gab ihr deutlich zu verstehen, sie solle den Raum sofort wieder verlassen. Sie sei hier nicht willkommen. Er wolle sie nicht wiedersehen. Ihre Arbeit sei nicht mehr erwünscht. Die darauffolgende Zeit hatte sie sich in die Arbeit gestürzt, um den traurigen und schmerzenden Gedanken nicht ausgeliefert zu sein.
Natürlich war das Tom aufgefallen. Er war ein guter Beobachter und Zuhörer. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie sich aus lauter Verzweiflung nicht zu einer Kurzschlusshandlung hinreissen liess. An dem Abend, an dem sie Tom einen Teil von ihrem Kummer erzählt hatte, hatte er darauf bestanden, sie nach Hause zu begleiten. Er war sogar mit in ihre Wohnung gekommen, wo sie sich alles von der Seele geredet und geweint hatte. Daraufhin war sie völlig erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen. Als Samantha am anderen Morgen erwacht war, sah sie Tom schlafend auf dem Sessel. Es sah ziemlich ungemütlich aus. Sie solle ja kein schlechtes Gewissen haben, es sei sein freier Wille gewesen, bei ihr zu bleiben.
Erst einige Zeit später hatte Tom ihr gestanden, dass er wirklich Angst um sie gehabt hatte. Da war ihr das erste Mal aufgefallen, dass er womöglich mehr in ihr sah als sie in ihm.
Mittlerweile war die Internetverbindung hergestellt. Nach kurzer Suche hatte Samantha einen günstigen Flug gefunden. Sie würde kurz vor Mittag in Inverness landen und genügend Zeit haben, noch am selben Tag ihren Vater zu besuchen. Sie hoffte, dass ihr Dad so lange durchhalten würde. Wie abgemacht informierte sie Roy über ihre Ankunft. Er würde pünktlich am Flughafen auf sie warten und mit ihr direkt ins Krankenhaus von Inverness fahren. Später würde er sie selbstverständlich zur Wohnung ihres Vaters begleiten.
3. Kapitel
In wenigen Tagen würde sie ihren Vater das erste Mal sehen. Tausend und ein Gedanke purzelten in ihrem Hirn. Die Wut, die sie gegen ihre Mutter verspürt hatte, stieg erneut in ihr auf. Warum hatte diese sie angelogen? Eines war klar, bevor sie nach Inverness fliegen würde, war ein klärendes Gespräch mit ihr unumgänglich.
Leichter gedacht als getan. Wenn es um dieses Thema ging, war ihre Mom taub. In Teenagerjahren hatte Samantha oft versucht, mehr über ihren Dad herauszufinden – vergeblich. Dachte sie an ihn, war es ein Bild, welches sie sich selber gemacht hatte, das vor ihrem geistigen Auge erschien. Sie hatte ihr Spiegelbild mit dem Aussehen ihrer Mutter verglichen und sich prägnante Merkmale, die sie an ihrer Mom nicht finden konnte ihrem Vater zugeteilt. Dementsprechend stellte sie sich ihn mit dunkelbraunen Augen und gelockten braunschwarzen Haaren vor, da ihre Mutter grünäugig und dunkelblond war. Na ja, mittlerweile war sein Haar wahrscheinlich grau oder weiss. Vielleicht hatte er eine Glatze. Wenn er eine Chemotherapie hinter sich hatte, waren ihm sicherlich die Haare als Folge der Nebenwirkungen ausgefallen. Oder war ihr Dad eitel genug und hatte sich vorher eine Perücke anfertigen lassen? Frauen machten das. Die Mutter einer Freundin unterzog sich wegen Brustkrebs einer Chemotherapie. Auf Anraten des Arztes hatte sie vorher eine künstliche Haarpracht anfertigen lassen.
In ihren Teenagerjahren hatte sie die Gedanken an ihren Vater bewusst verdrängt. Zu sehr wühlte sie jedes Mal die Frage auf, was sie wohl Falsches gemacht haben musste, dass ihr Dad nichts von ihr wissen wollte. Bevor sie den Brief gelesen hatte, war sich Samantha sicher gewesen, dass ihr Vater ein durch und durch schlechter Mensch ist. Wie sonst konnte er eine Frau schwängern und sie dann mit einem Kind einfach sitzen lassen?
Wie immer traf sich Samantha am Sonntag mit ihrer Mutter, also drei Tage bevor sie nach Inverness flog. Sie hatte darauf bestanden, dass ihre Mom zu ihr kam. In ihrer eigenen Wohnung fühlte sie sich nicht wie das kleine Mädchen von einst und konnte besser gegen ihre Mom argumentieren. Samantha hatte sich vorgenommen, gar nicht erst lange um den heissen Brei herumzureden. Sie wollte ihre Mutter mit dem Brief ihres Vaters konfrontieren, sobald sie es sich bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatten.
Etwas umständlich holte Samantha den an ihre Mutter adressierten Brief unter einem Stapel Schottlandzeitschriften hervor, streckte ihn ihr entgegen und sagte: „Hier, lies das bitte. Er war in einem separaten Umschlag in dem an mich adressierten Couvert. Was hast du mir dazu zu sagen?“
Samantha beobachtete ihre Mutter genau, während sie den Brief las. Der Brief löste starke Emotionen aus. Die Gesichtsfarbe änderte von einem gesunden Braun auf ein Weiss wie ein Bettlaken; Wut, Enttäuschung und zum Schluss unendliche Traurigkeit. Mit Tränen in den Augen sah Kristin ihre Tochter an.
„Kein einziges Wort kann das je wieder gut machen, was ich dir angetan habe. – Ich habe ihn geliebt. Mehr als mein Leben. Die Zeit mit Robert war einzigartig. Er hat mir die Welt in neuen Farben gezeigt. Ich war bereit, für ihn meine Heimat zu verlassen. Als ich merkte, dass ich schwanger war, steckten wir bereits mitten in der Renovation seines Elternhauses. Ich flog nach Inverness und Robert holte mich ab, um mit mir zum Haus zu fahren, um zu sehen, wie die Umbauarbeiten für unser gemeinsames Heim fortschritten. Natürlich konnte ich es kaum erwarten, ihm die wundervolle Neuigkeit zu erzählen. Der Arzt hatte mir bestätigt, dass ich im dritten Monat war. Ich liebte dich von dem Moment an, als ich von dir wusste. Für mich stand ausser Frage, dass sich Robert ebenfalls darüber freuen würde und ich malte mir bereits unsere Hochzeit und die Zeit nach deiner Geburt aus. Wir hatten ja schon über Heirat und Familiengründung gesprochen. Deshalb auch die Renovation des alten Herrenhauses seiner Eltern. Doch es kam alles anders. Nach einer stürmischen Begrüssung bat ich deinen Vater, an einen ruhigen Ort zu gehen, wo wir ungestört reden konnten. Etwas verwundert erfüllte er mir diesen Wunsch und wir gingen in ein Café in einer kleinen Seitengasse nahe des Flughafens. Kaum sassen wir, bin ich mir der Neuigkeit herausgeplatzt. Seine Reaktion war ernüchternd. Er fühle sich zu jung, um Vater zu werden. Da er denke, dass ich einer Abtreibung nicht zustimme, beende er die Beziehung. Unfähig auch nur ein Wort zu sagen, bin ich aufgestanden und habe das Café verlassen.“
Mittlerweile war Kristin aufgestanden und stand vor dem Wohnzimmerfenster, die Arme eng um sich geschlungen, als würde sie frieren. Ja, ihre Mutter hatte recht. Nichts konnte das, was sie ihr und auch ihr Vater angetan hatten, wieder gut machen. Eine nie gekannte Wut, beinahe Hass gegen ihre Mutter stieg in ihr hoch. Dass Kristin wie ein Häufchen Elend wieder auf dem Sofa sass, brachte das Fass beinahe zum Überlaufen. Schon wollte Samantha ihre Mutter mit Schimpf und Schande für immer fortjagen, als sie eine Stimme davor warnte, etwas Voreiliges zu tun, das sie später bitter bereuen würde. Mit ihrer verbliebenen Kraft sagte sie leise: „Du gehst jetzt besser. Ich melde mich, aber ich weiss nicht wann. In ein paar Tagen werde ich zu Dad fliegen. Wie lange ich bleibe, ist noch unbestimmt.“
Ohne ein weiteres Wort verliess Kristin die Wohnung. Sobald die Tür zu war, liefen Tränen der Wut, Enttäuschung und Trauer Samanthas Wangen hinunter. Wie sollte sie ihrer Mutter jemals verzeihen? War die Geschichte, die sie ihr soeben erzählt hatte die Wahrheit oder war es wieder nur eine Ausrede, um von ihrem eigenen Fehler abzulenken? Wahrheit oder Lüge? Was aber, wenn es sich wirklich so verhielt, wie sie erzählt hatte? Wild jagte ein Gedanke den anderen. Sie bereute nicht, dass sie dem Besuch bei ihrem Vater zugestimmt hatte. Sie würde dort Klarheit bekommen, das hoffte sie zumindest. Was aber, wenn auch Dad sie belog? Wie sollte sie merken, dass ihr unbekannter Vater die Wahrheit sagte? Vor Erschöpfung fiel Samantha halb sitzend, halb liegend auf dem Sofa in einen unruhigen Schlaf.
Sie stand zwischen ihren Eltern und wurde von beiden Seiten mit Sätzen bombardiert. Immer lauter wurden die Stimmen. Sie glaubte, ihr Trommelfell müsse platzen. Schweiss gebadet wachte sie schliesslich völlig verwirrt auf. Es dauerte einige Minuten, bis sie realisierte, dass sie geträumt hatte.
Samantha beschloss, eine Dusche zu nehmen, um wieder auf andere Gedanken zu kommen.
***
Am darauffolgenden Mittwoch war es dann so weit. Mit klopfenden Herzen verliess Samantha das Flugzeug. Der Flug war wegen starken Windböen unruhig gewesen. Das Anschnallzeichen hatte während des ganzen Fluges geleuchtet, , sodass sie froh war, heil gelandet zu sein. Während sie auf ihr Gepäck wartete, schossen tausend Gedanken durch ihren Kopf. Endlich, als letztes Gepäckstück, kam ihr Koffer in ihr Blickfeld. Samantha hatte schon befürchtet, er sei woanders hingeschickt worden.
In der Ankunftshalle schaute sie sich gespannt nach Roy MacGregor um. Ein mittelgrosser, schlanker Mann mit graumelierten Haaren hielt ein Schild mit ihrem Namen vor seiner Brust. Seine graugrünen Augen musterten sie, während sie auf ihn zu schritt.
„Hello, how are you?
