Talon - Drachenzeit - Julie Kagawa - E-Book

Talon - Drachenzeit E-Book

Julie Kagawa

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Beschreibung

Drachen: gefährlich, magisch, unwiderstehlich!

Strand, Meer, Partys – einen herrlichen Sommer lang darf Ember Hill das Leben eines ganz gewöhnlichen kalifornischen Mädchens leben! Danach muss sie in die strenge Welt des Talon-Ordens zurückkehren – und kämpfen. Denn Ember verbirgt ein unglaubliches Geheimnis: Sie ist ein Drache in Menschengestalt, auserwählt, um gegen die Todfeinde der Drachen, die Krieger des Geheimordens St. Georg, zu kämpfen.

Garret ist einer jener Krieger, und er hat Ember sofort als Gefahr erkannt. Doch je näher er ihr kommt, umso mehr entflammt er für das ebenso schöne wie mutige Mädchen. Und plötzlich stellt er alles, was er je über Drachen gelernt hat, infrage …

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JULIE KAGAWA

Talon

DRACHENZEIT

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Charlotte Lungstrass-Kapfer

 

 

Das Buch

Jahrhunderte lang wurden die Drachen von den St.-Georgs-­Rit­tern gejagt. Inzwischen sind sie beinahe für immer vertrieben. Doch aus einem kleinen Kern des Widerstands ist der mächtige Talon-Orden herangewachsen, dessen Drachen Menschengestalt annehmen können. Ihr Ziel: die Widersacher für immer zu schlagen und ihren Platz in der Menschenwelt zu behaupten.

Die 16-jährige Ember und ihr Zwillingsbruder Dante kennen ihre Mission genau. Im Auftrag des Talon werden sie in eine südkalifornische Stadt entsandt, um dort die Abschlussklasse der Highschool zu besuchen. Sie sollen möglichst viel über die Menschen und ihr Treiben herausfinden. Womit sie nicht gerechnet haben: Garret, ein unerschrockener Krieger des St.-Georgs-­Ordens, erwartet sie bereits. Und Ember begeht den größten Fehler, den sich ein Drachenmädchen leisten kann: Verzaubert vom kalifornischen Sommer vergisst sie alle Vorsicht. Und erkennt zu spät, dass Garret nicht der ist, für den sie ihn hält …

Die Autorin

Julie Kagawas große Leidenschaft gehörte schon in ihrer Kindheit dem Schreiben. Langweilige Schulstunden vertrieb sie sich damit, all die Geschichten festzuhalten, die ihr im Kopf umher spukten. Seit dem Erscheinen ihrer Fantasy-Saga Plötzlich Fee stürmt sie regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten.

Drachenzeit ist der erste Band der Talon-Serie um eine magische Liebe, die nicht sein darf. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in Louisville, Kentucky.

 

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel The Talon Saga Book 1 bei Harlequin Teen, Ontario

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Copyright © 2014 by Julie Kagawa

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Sabine Thiele

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung eines Motivs von

© Shutterstock / Pyndyurin Vasily

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN 978-3-641-16568-0

www.heyne-fliegt.de

 

Für Laurie und Tashya,

die gemeinsam mit mir

von den Drachen träumten.

 

 

VEREINT

ERHEBEN WIR UNS.

 

 

ErsterTeil

BEOBACHTEN, ASSIMILIEREN, EINFÜGEN.

 

 

Ember

»Ember, wann sind eure Eltern gestorben, und was hat ihren Tod verursacht?«

Mit einem unterdrückten Stöhnen riss ich mich vom Anblick des idyllischen Crescent Beach los, das hinter dem getönten Autofenster in strahlendem Sonnenschein vorbeizog. Die Luft in der schwarzen Limousine war kalt und muffig, und blöderweise hatte der Fahrer die Kindersicherung aktiviert, sodass sich das Fenster nicht öffnen ließ. Seit Stunden hockten wir nun schon im Auto, und ich konnte es kaum erwarten, dieses rollende Gefängnis zu verlassen und endlich wieder die Sonne zu spüren. Hinter der Scheibe erstreckte sich die von Palmen gesäumte Straße mit ihren hübschen Häusern. Auf dem Bürgersteig standen ausgebleichte Buden, in denen man Snacks, T-Shirts, Surfbrettwachs und vieles mehr kaufen konnte. Und direkt hinter dem Asphalt und einem breiten Streifen aus weichem weißem Sand schimmerte der Pazifische Ozean wie ein riesiges türkises Juwel, lockte mich mit seinen schaumgekrönten Wellen und zahllosen Sonnenanbetern, die munter in dem funkelnden Wasser herumplanschten.

»Ember? Hast du zugehört? Bitte beantworte die Frage.«

Seufzend ließ ich mich in den kalten Ledersitz zurück­fallen. »Joseph und Kate Hill wurden bei einem Autounfall getötet, als wir sieben Jahre alt waren«, leierte ich herunter und bemerkte, wie der Fahrer mich im Rückspiegel mit regloser Miene musterte. Neben ihm nickte Mr. Ramsey bestätigend.

»Weiter.«

Unruhig zupfte ich am Sicherheitsgurt. »Sie hatten sich ein Musical am Broadway angesehen, West Side Story«, fuhr ich fort, »und wurden auf dem Heimweg von einem betrunkenen Fahrer gerammt. Mein Bruder und ich kamen zu unseren Großeltern, bis Opa Bill irgendwann an Lungenkrebs erkrankte und sich nicht länger um uns kümmern konnte. Deshalb sind wir hierhergekommen, wo wir bei unserer Tante und unserem Onkel leben werden.« Wieder spähte ich sehnsüchtig aus dem Fenster und beobachtete neugierig zwei Menschen, die auf Surfbrettern durch die Wellen glitten. Ich war noch nie gesurft; in unserem staubigen kleinen Nest mitten in der Wüste war das auch schwierig. Doch es sah so aus, als könnte es fast so viel Spaß machen wie Fliegen. Obwohl ich stark bezweifelte, dass irgendetwas mit dem Gefühl mithalten konnte, durch die Luft zu gleiten und den Wind im Gesicht und unter den Flügeln zu spüren. Keine Ahnung, wie ich es einen ganzen Sommer lang aushalten sollte, ohne mich einmal in die Luft zu erheben. Die Menschen haben Glück, dachte ich, während das Auto weiterfuhr und die Surfer hinter uns ließ. Sie wussten wenigstens nicht, was ihnen entging.

»Gut«, murmelte Mr. Ramsey geistesabwesend. Vor meinem inneren Auge sah ich regelrecht, wie er auf das Tablet, seinen ständigen Begleiter, starrte und durch unsere Akten und Hintergrundgeschichten scrollte. »Dante, was sind die eigentlichen Ziele eures Aufenthaltes in Crescent Beach?«

Gelassen zog sich mein Zwillingsbruder die Kopfhörer aus den Ohren und drückte das Pausesymbol auf seinem iPhone. Zu seinen verblüffendsten Fähigkeiten gehörte wohl, dass er bei Musik oder Fernsehen völlig abschalten konnte und trotzdem noch merkte, was um ihn herum passierte. Mir fehlte diese Gabe. Wenn es in meiner Nähe auch nur die kleinste Ablenkung gab, mussten meine Lehrer mir schon einen Klaps auf den Kopf versetzen, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. »Beobachten und anpassen«, erklärte er ungerührt. »Lernen, wie man mit Menschen umgeht, wie man ein Mensch ist. Eingliederung in ihre sozialen Strukturen, bis sie glauben, wir wären genau wie sie.«

Genervt verdrehte ich die Augen. Als er meinen Blick bemerkte, zuckte er kurz mit den Schultern. Dante und ich waren keine echten Zwillinge, zumindest nicht im engeren Sinne des Wortes. Ja, wir waren gleich alt. Ja, wir sahen uns sehr ähnlich, hatten die gleichen extrem roten Haare und grünen Augen. Und wir waren schon zusammen, solange ich denken konnte. Aber wir entstammten nicht demselbem Schoß. Eigentlich entstammten wir gar keinem Schoß. Wir waren Brutgeschwister, was immer noch höchst ungewöhnlich war, da unsere Spezies normalerweise immer nur ein Ei legte. Dadurch galten wir als Kuriosität, sogar unter unseresgleichen. Aber Dante und ich waren zeitgleich geschlüpft, waren zusammen aufgezogen worden, und für mich und den Rest der Welt war er mein Zwilling, mein Bruder und mein einziger Freund.

»Mmmm.« Anscheinend war Mr. Ramsey zufrieden damit, dass wir die erfundene Hintergrundgeschichte, die man uns derart eingeimpft hatte, dass ich sie selbst im Schlaf noch aufsagen konnte, nicht vergessen hatten. Also tippte er weiter auf seinem Tablet herum, und ich starrte wieder aus dem Fenster.

Als wir von der Hauptstraße in ein Viertel mit eindrucksvollen, in Weiß und Rosa gehaltenen Villen ­abbogen, blieb der funkelnde Ozean hinter uns zurück. Rechts und links waren ausschließlich perfekt gepflegte Rasenflächen und noch mehr Palmen zu sehen. Einige der Anwesen waren so gigantisch groß, dass ich sie fassungslos anstarrte. Derart große Häuser kannte ich nur aus dem Fernsehen und aus einem Dokumentarfilm, den unsere Lehrer uns gezeigt hatten, als wir Jahre zuvor erstmals gelernt hatten, was es mit den Menschen auf sich hatte: Wo sie lebten, wie sie sich verhielten, Umgangsformen, Familienstrukturen, Sprache – einfach alles hatte man uns beigebracht.

Und nun würden wir unter ihnen leben.

Ein nervöses Kribbeln breitete sich in mir aus und machte mich nur noch ungeduldiger. Ich wollte raus, wollte mir die Dinge hinter der Scheibe ansehen, sie anfassen, berühren, sie endlich erleben. Bis jetzt hatte sich meine Welt auf eine weit verzweigte unterirdische Einrichtung beschränkt, die ich nie von außen gesehen hatte, und auf eine Privatschule mitten im Großen Becken von Nevada, wo es in einem Umkreis von mehreren Kilometern niemanden gab außer meinem Bruder und den Lehrern. Sicher, geschützt, abgeschirmt vor neugierigen menschlichen Blicken … und wahrscheinlich der langweiligste Ort auf dem gesamten Planeten. Wieder rutschte ich unruhig auf der Rückbank herum und stieß ­dabei versehentlich gegen die Lehne des Beifahrersitzes.

»Ember.« Mr. Ramsey klang gereizt. »Sitz still.«

Mit finsterer Miene lehnte ich mich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Sitz still, beruhige dich, sei leise. Wie oft hatte ich diese drei Befehle schon gehört? Es war mir schon immer schwergefallen, längere Zeit stillzusitzen, auch wenn meine Lehrer alles versucht hatten, um mir »ein wenig Geduld« einzubläuen. Geduld, hatte der langweilige Mr. Smith mir mehr als einmal erklärt, ist eine Tugend, die besonders für unseresgleichen von Vorteil ist. Die besten Pläne entstehen nicht über Nacht. Du verfügst über Zeit im Übermaß, ein wahres Privileg: Zeit, um nachzudenken, zu planen, Einschätzungen vorzunehmen und schließlich zu sehen, wie deine Ideen Früchte tragen. Talon existiert seit Jahrhunderten und wird fortbestehen, weil man hier den Wert der Geduld erkannt hat. Wozu also diese vermaledeite Hektik, Nestling?

Bei der Erinnerung daran verdrehte ich wieder die Augen. Die »vermaledeite Hektik« kam daher, dass ich kaum Zeit für mich hatte. Sie wollten, dass ich stillsaß, zuhörte, lernte und mich ruhig verhielt, während ich rennen, schreien, springen und fliegen wollte. Mein Leben bestand nur aus Regeln: Tu dies nicht, mach das nicht, sei um eine bestimmte Zeit zurück, halte dich strikt an die Anweisungen. Je älter ich wurde, desto schlimmer war es geworden. Selbst das kleinste Detail meines Lebens war reglementiert und vorausgeplant – irgendwann war ich kurz davor, einfach zu explodieren. Nur eine einzige Sache hatte mich durchhalten lassen und dafür gesorgt, dass ich nicht völlig wahnsinnig wurde: die Aussicht auf meinen sechzehnten Geburtstag. Denn an diesem Tag würde ich meinen »Abschluss« an der Akademie im Niemandsland machen und – falls man mich für bereit hielt – in die nächste Phase meines Trainings einsteigen. Also hatte ich alles dafür getan, für bereit befunden zu werden, und es hatte sich wohl ausgezahlt, denn jetzt waren wir hier. Beobachten, assimilieren, einfügen, so lau­tete unsere offizielle Mission. Mich interessierte allerdings nur, dass ich endlich die Schule und Talon verlassen konnte. Dass ich endlich jene Welt zu Gesicht bekam, die ich mein Leben lang studiert hatte.

Irgendwann bog die Limousine in eine Sackgasse ein, in der zwar kleinere, aber dadurch nicht weniger elegante Villen standen, und blieb vor einer Auffahrt stehen, die ziemlich genau auf halber Höhe der Straße lag. Aufgeregt spähte ich nach draußen und musste unwillkürlich grinsen, als ich sah, wo wir nun auf unbestimmte Zeit zu Hause sein würden.

Ein kleiner, sorgfältig gemähter Vorgarten mit einer niedrigen Hecke und einer Palme, die von einem Ziegelmäuerchen umgeben war. Das Haus war in einem fröh­lichen Butterblumengelb gestrichen und mit dunkelroten Ziegeln gedeckt. In den großen Fenstern im Obergeschoss spiegelte sich die tief stehende Sonne, und über der Haustür spannte sich ein Rundbogen, was mich irgendwie an ein Schloss erinnerte. Aber der schönste Anblick bot sich in einer Lücke zwischen unserem und dem Nachbarhaus. Als ich das silbrig glänzende Wasser sah, machte mein Herz einen kleinen Sprung; offenbar reichte das Meer bis an unseren Garten heran.

Am liebsten hätte ich die Wagentür aufgerissen, wäre rausgesprungen und über die Dünen bis zum Ozean gerannt, der dahinter auf mich wartete. Aber Mr. Ramsey, der heute offiziell als unsere Begleitperson eingesetzt war, drehte sich genau in diesem Moment um und musterte uns – insbesondere mich –, als wüsste er genau, was mir gerade durch den Kopf ging. »Ihr wartet hier«, befahl er und blähte seine ziemlich großen Nasenlöcher. »Ich werde eure Betreuer über eure Ankunft in Kenntnis setzen. Und bis ich zurück bin, rührt ihr euch nicht vom Fleck.«

Als er ausstieg, wehte ein Hauch der berauschend warmen, nach Salz duftenden Luft herein. Nachdem er die Wagentür hinter sich zugeworfen hatte, marschierte er über den ausgetretenen Ziegelweg zum Haus hinauf.

Nervös trommelte ich mit den Fingern auf das Leder und rutschte in meinem Sitz herum.

»Wow.« Dante spähte über meine Schulter und renkte sich fast den Hals aus, um das Haus im Ganzen betrachten zu können. Dabei rückte er mir so dicht auf die Pelle, dass ich ihn im Rücken spüren konnte, schon bevor er sich mit einer Hand an mir abstützte. »Jetzt ist es also endlich so weit«, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort. »Keine Privatschule mehr, nicht mehr jeden Tag um sechs aufstehen, wir sitzen nicht mehr mitten im Nirgendwo fest.«

»Keine Kurse mehr, keine Stillbeschäftigungsstunden, keine Gutachter, die jeden Monat überprüfen, wie ›menschlich‹ wir sind.« Grinsend sah ich ihn an. Der Fahrer be­obachtete uns und hörte jedes Wort mit, aber das war mir egal. »Sechzehn Jahre, und endlich fängt unser Leben an. Endlich sind wir frei.«

Mein Zwillingsbruder lachte leise in sich hinein. »So weit würde ich nicht gehen«, murmelte er dann und zupfte neckend an meinen kurzen roten Haaren. »Denk dran, wir sind hier, um uns anzupassen, die Menschen zu studieren und uns in ihre Gemeinschaft einzufügen. Das alles ist nur eine weitere Trainingsphase. Vergiss nicht, am Ende des Sommers beginnt unser Abschlussjahr an der Highschool. Und was noch wichtiger ist: Unsere wahren Ausbilder werden kommen und entscheiden, wo unser Platz in der Organisation ist. Das hier ist höchstens eine kleine Verschnaufpause, also genieße sie, solange sie anhält.«

Ich verzog das Gesicht. »Nichts anderes habe ich vor.«

Und wie ich das genießen würde; er hatte ja keine Ahnung. Ich hatte die ganzen Regeln so satt, die Isolation, dabei zusehen zu müssen, wie die Welt sich ohne mich drehte. Hatte die Schnauze voll von Talon mit seinen ewigen Vorschriften, Gesetzen und Einschränkungen. Aber das war jetzt vorbei. Dieser Sommer gehörte allein mir, und ich hatte große Pläne, wollte jede Menge Dinge tun, bevor wir wieder ins System zurückgepresst wurden. In diesem Sommer würde ich endlich leben.

Falls ich jemals aus diesem dämlichen Auto herauskam.

Da öffnete sich die Beifahrertür, und Mr. Ramsey signalisierte uns, mit ihm zu kommen. Doch statt einfach die Kindersicherung zu deaktivieren, stieg der Fahrer aus und öffnete uns persönlich die Türen. Und natürlich ließ er Dante zuerst aussteigen, sodass ich kurz überlegte, ob ich nicht einfach über die Sitzbank rutschen und hinter ihm hinausschlüpfen sollte. Ungeduldig wartete ich, bis der Fahrer sich auf meine Seite des Wagens bequemte und mich endlich hinausließ.

Sobald meine Füße den Boden berührten, streckte ich beide Arme über den Kopf und gähnte ausgiebig. Dabei sog ich die in der Sonne flirrende Luft in meine Lunge und ließ ihre Wärme über meine Haut gleiten. Schon jetzt gefiel mir der Geruch, der hier in der Luft hing: Meer und Sand, Brandung und heißer Teer, untermalt vom Geräusch der Wellen, die sanft an den Strand rauschten. Kurz überlegte ich, was Mr. Ramsey und meine zukünftigen Betreuer wohl sagen würden, wenn ich sie einfach stehen ließ und mich ohne einen Blick zurück an den Strand verzog.

»Ember! Dante!« Mr. Ramsey stand bereits unter dem Rundbogen und winkte uns zu sich heran. Seufzend drehte ich mich Richtung Kofferraum, um meine Taschen zu holen, aber der Fahrer hielt mich zurück.

»Ich kümmere mich um das Gepäck, Miss Ember«, sagte er ernst. »Gehen Sie ruhig schon vor zum Haus.«

»Sind Sie sicher? Ich kann meins auch selbst tragen.« Als ich einen Schritt auf ihn zutrat und die Hand ausstreckte, wich der Mann zurück und starrte angestrengt zu Boden. Mit einem überraschten Blinzeln blieb ich stehen, denn erst jetzt fiel mir wieder ein, dass manche Menschen innerhalb der Organisation – nämlich jene, die unser wahres Wesen kannten – sich vor uns fürchteten. Das hatten uns unsere Lehrer erklärt. Auch wenn wir uns zivilisiert gaben, uns perfekt der menschlichen Gesellschaft angepasst hatten, waren wir doch noch Raubtiere und nahmen einen höheren Platz in der Nahrungskette ein – was diese Menschen genau wussten.

»Komm schon, Schwesterchen«, rief Dante, als ich sorgfältig einen Schritt zurücktrat. Er stand am Rand des Vorgartens und hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben. Die Sonne ließ sein rotes Haar leuchten. Schon jetzt schien er sich hier wie zu Hause zu fühlen. »Je schneller wir die Vorstellungsrunde hinter uns bringen, desto eher können wir tun, was wir wollen.«

Klang super. Also nickte ich knapp und ging brav mit ihm zu Mr. Ramsey, der uns in ein hübsches, helles Wohnzimmer scheuchte. Durch das Erkerfenster an der einen Seite sah ich einen windschiefen Lattenzaun und dahinter den Strand mit einem langen Holzsteg und dem verlockenden Ozean. Zwei Menschen warteten bereits vor einem grünen Ledersofa auf uns.

»Ember, Dante«, Mr. Ramsey deutete mit dem Kopf auf das Paar, »das sind eure Tante Sarah und euer Onkel Liam. Sie werden sich bis auf Weiteres um euch kümmern.«

»Freut mich, euch kennen zu lernen«, sagte Dante, wie immer höflich, während ich mich im Hintergrund hielt und unsere neuen Betreuer erst mal neugierig musterte. Abgesehen von einigen Details sahen für mich alle Menschen gleich aus. Aber unsere Lehrer hatten uns klargemacht, wie wichtig es war, die Unterschiede zu sehen und das einzelne Individuum zu erkennen, also konzentrierte ich mich nun genau darauf. »Onkel« Liam war schlaksig und wettergegerbt, er hatte rotbraune Haare und einen sauber gestutzten Bart, in dem sich die ersten weißen Haare zeigten. Sein Gesicht wirkte streng, und ohne zu lächeln, ließ er seine sumpffarbenen Augen über uns gleiten, bevor er uns mit einem knappen Nicken begrüßte. »Tante« Sarah hingegen war füllig und sah wesentlich fröhlicher aus, auch wenn ihre braunen Haare zu einem festen Knoten aufgesteckt waren und sie uns mit raubvogelhafter Intensität musterte.

»Nun gut.« Mr. Ramsey schob sich das Tablet unter den Arm. »Meine Arbeit hier ist getan. Ich werde Murray anweisen, dass er das Gepäck auf eure Zimmer bringt. Mr. O’Connor, Sie wissen ja, wen Sie im Notfall zu kontaktieren haben. Ember, Dante …« Er nickte uns kurz zu und fixierte mich dann streng. »Gehorcht euren Betreuern und vernachlässigt das Training nicht. Eure Gutachter werden in drei Monaten nach euch sehen.«

Und damit marschierte er aus dem Zimmer, durch die Haustür und war weg. Ohne ein Wort des Abschieds, was wir aber nicht anders erwartet hatten. Sentimentalitäten wurden bei unseresgleichen nicht besonders groß geschrieben.

»Ember und Dante Hill, willkommen in eurem neuen Zuhause«, begann Onkel Liam. Es klang, als hätte er diese Ansprache schon oft gehalten. Was wahrscheinlich auch der Fall war. »Eure Ausbilder haben euch sicherlich bereits mit den Regeln vertraut gemacht, trotzdem möchte ich sie euch noch einmal ins Gedächtnis rufen, nur für den Fall, dass ihr etwas vergessen habt: Während eures Aufenthaltes sind Sarah und ich eure Betreuer, was bedeutet, dass wir die Verantwortung für euch tragen. Die Mahlzeiten finden um acht Uhr morgens, zwölf Uhr mittags und halb sieben Uhr abends statt. Ihr müsst nicht zwingend zum Essen zu Hause sein, dann müsst ihr uns aber informieren, damit wir wissen, wo ihr euch aufhaltet. Die Telefonnummern solltet ihr bereits auswendig kennen, das zählt also nicht als Ausrede. Talon hat euch ein Auto zur Verfügung gestellt, und wenn ich es richtig verstanden habe, besitzt ihr beide einen Führerschein. Bevor ihr den Wagen nehmt, müsst ihr allerdings unsere Erlaubnis einholen. ­Sperrstunde ist um Mitternacht, pünktlich und ohne Ausnahme. Bleibt also noch die wichtigste Regel von allen.« Er kniff die grün­lich grauen Augen zusammen. »Ihr dürft unter gar keinen Umständen eure wahre Gestalt annehmen. Und genauso wenig dürft ihr hier fliegen, das gilt ausnahmslos. Bei der hohen Bevölkerungsdichte, der vielen Technologie und all den versteckten Gefahren ist das Risiko einer Entdeckung viel zu hoch. Eure alte Schule befand sich auf einem Gelände von Talon, und dort wurde auch der Luftraum überwacht, sodass im Falle einer Verwandlung das Risiko nur minimal war. Hier ist das nicht der Fall. Ohne einen direkten Befehl von Talon sind die Verwandlung und das Fliegen strengstens und hundertprozentig verboten. Habt ihr das verstanden?«

Obwohl mir beim Gedanken daran ganz schlecht wurde, rang ich mir ein kurzes Nicken ab. Sie erwarteten also tatsächlich von mir, dass ich nie wieder flog? Da konnten sie mir ja gleich die Flügel ausreißen.

»Falls ihr gegen diese Regeln verstoßt«, fuhr Liam fort, »oder falls wir zu dem Schluss gelangen, dass ihr euch nicht in die menschliche Gesellschaft eingliedern lasst, wird Talon umgehend informiert. Dann werdet ihr neu bewertet, um festzustellen, ob Umerziehungsmaßnahmen nötig sind. Abgesehen davon könnt ihr kommen und gehen, wie es euch gefällt. Habt ihr noch irgendwelche Fragen?«

Ich schon. Vielleicht war ich gezwungen, meine gesamte Zeit auf der Erde zu verbringen, aber das hieß ja nicht automatisch, dass ich genau hier bleiben musste. »Der Strand«, platzte ich heraus, was Liam mit einer hochgezogenen ­Augenbraue quittierte. »Können wir da jederzeit hin?«

Sarah lachte leise. »Es ist ein öffentlicher Strand, Ember. Solange du zur Sperrstunde zu Hause bist, kannst du so viel Zeit am Strand verbringen, wie du willst. Da kannst du sogar gut mit Einheimischen in Kontakt kommen, dort gehen viele Jugendliche in eurem Alter hin.« Sie wandte sich ab und winkte mit einer rundlichen Hand. »Aber erst mal zeige ich euch eure Zimmer, damit ihr auspacken könnt.«

Die reinste Musik in meinen Ohren.

Mein Zimmer lag im Obergeschoss, war lichtdurchflutet und luftig, mit orange getünchten Wänden und großen Fenstern. Von hier aus hatte ich einen fantastischen Blick auf den Ozean – als hätte ich noch weitere Ermutigung gebraucht. Sobald Sarah weg war, kramte ich einen grünen Bikini und eine abgeschnittene Jeans aus meinem Koffer hervor. Die restlichen Klamotten blieben vorerst unausgepackt. Talon hatte uns komplett für das sonnige Kalifor­nien ausgestattet, ich konnte also aus einem Haufen Kombinationen, Shorts und Sandalen auswählen. Offenbar meinten sie das mit der Anpassung wirklich ernst.

Doch als Erstes holte ich vorsichtig mein Schmuckkästchen aus seinem Versteck zwischen den Shirts und stellte es auf meine neue Kommode. Neben Klamotten hatte Talon uns auch mit allem anderen versorgt – wie etwa Snacks und Unterhaltungsprogramm –, aber in dieser kleinen Holzschachtel, die wie eine alte Truhe geformt war, bewahrte ich meine persönlichen Sachen auf. Ich zog den verborgenen Schlüssel hervor, drehte ihn im Schloss und hob sanft den Deckel an. Die Sonne ließ den kleinen, von mir zusammengetragenen Schatz funkeln: einige Ohrringe, eine Goldkette und diverse alte Münzen, die ich im Laufe der Jahre gesammelt hatte. Ich griff nach einem Stück Quarz, das ich einmal in der Wüste gefunden hatte, legte es auf meine Handfläche und hielt es ins Licht. Hey, ich konnte eben nicht anders. Glitzernde Dinge gefielen mir einfach, das lag mir im Blut.

Nachdem ich den Kristall zurückgelegt hatte, verschloss ich das Kästchen wieder und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel über der Kommode. Ein kleines Menschenmädchen mit fransigen Haaren starrte mich an. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich mich inzwischen an dieses Gesicht gewöhnt. Die Zeiten, in denen der Mensch im Spiegel mir wie eine Fremde vorgekommen war, lagen lange zurück.

Entschlossen wandte ich mich ab, ging zur Tür und riss sie auf. Dabei rannte ich direkt in Dantes Arme.

»Uff«, grunzte er und wich zurück, während ich versuchte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er hatte sich ebenfalls umgezogen und trug jetzt Shorts und ein ärmelloses Shirt. Seine roten Haare waren zerzaust, als wäre der Wind hindurchgefahren. Mit kläglichem Blick hielt er sich am Treppengeländer fest und rieb sich die Brust. »Aua. Eigentlich wollte ich dich ja fragen, ob du Lust hast, den Strand zu erkunden, aber offenbar warst du schneller als ich.«

Ich grinste ihn herausfordernd an, so wie ich es immer in der Schule getan hatte, wenn wir in irgendeinem Wettkampf gegeneinander angetreten waren. »Wer als Erster am Wasser ist.«

Er verdrehte genervt die Augen. »Komm schon, Schwesterlein. Das Training ist vor…« Aber ich war bereits an ihm vorbei zur Treppe gestürmt. Hastige Schritte hinter mir verrieten mir, dass er versuchte, mich einzuholen.

Raus aus dem Haus, die Verandatreppe hinunter, über den Zaun und dann im Sprint Richtung Meer. Ich liebte es zu rennen, oder eigentlich alles, was mit Geschwindigkeit und Bewegung zu tun hatte. Zu spüren, wie meine Muskeln arbeiteten und mir der Wind ins Gesicht schlug. Das erinnerte mich ans Fliegen, und auch wenn nichts mit dem Gefühl mithalten konnte, durch die Wolken zu segeln, kam der Sieg über meinen Bruder bei einem Rennen – oder bei sonst etwas – der Sache schon ziemlich nahe.

Dummerweise waren Dante und ich ungefähr gleich schnell, und so erreichten wir das Wasser fast im selben Moment. Endlich tauchten meine Füße in das türkise Nass, und ich stieß einen atemlosen Freudenschrei aus. Im nächsten Moment kam wie aus dem Nichts eine Welle, packte mich, füllte meinen Mund mit salzigem Wasser und riss mich von den Beinen.

Dante watete heran und wollte mich hochziehen, lachte dabei aber so heftig, dass er selbst fast umfiel. Also packte ich seine Hand und riss ihn zu mir nach unten, während die nächste Welle uns überrollte.

Prustend richtete Dante sich auf, schüttelte das Wasser aus seinen Haaren und wrang sein Shirt aus. Als sich das Wasser zurückzog, kam ich unsicher auf die Beine und versuchte, den Sog an meinen Knöcheln auszugleichen. »Weißt du …« Mein Zwillingsbruder schenkte mir ein leicht genervtes, schiefes Lächeln. »… eigentlich zieht man die Straßenkleidung aus, bevor man sich kopfüber in den Ozean stürzt. Zumindest machen normale Leute das so.«

Mit einem frechen Grinsen erwiderte ich: »Und? Das ist doch die perfekte Ausrede, um dein Shirt loszuwerden und allen das überaus männliche Sixpack zu zeigen, das du dir schon das ganze Jahr lang antrainierst.«

»Ha, ha. Hey, pass auf, ein Hai.«

Mit ausgestrecktem Finger zeigte er hinter mir auf das Wasser. Als ich mich umdrehte, schubste er mich in die nächste Welle hinein. Kreischend rappelte ich mich auf und stürmte hinter ihm her, als er den Strand hinunterrannte. Das schäumende Wasser umspielte meine Füße.

Wenig später waren wir beide klatschnass, uns war heiß, und überall klebte Sand. Außerdem hatten wir ein ziem­liches Stück Strand hinter uns gebracht, vorbei an Sonnenanbetern und Familien, obwohl ich eigentlich gedacht hatte, es müsste hier voller sein. Ein Stück weiter draußen entdeckte ich Surfer auf bunten Brettern, die zwischen Wellen herumglitten, die um einiges größer als die am Strand waren. Wieder fragte ich mich, wie das Surfen wohl war, ob es irgendeine Ähnlichkeit mit Fliegen hatte. Das herauszufinden stand ziemlich weit oben auf meiner Priori­tätenliste.

Vor uns am Strand war ein Volleyballnetz aufgespannt, und einige Teenager schlugen einen Ball hin und her. Insgesamt waren es sechs, vier Jungs und zwei Mädchen, alle in Shorts oder Bikinis. Alle waren so braun, als würden sie ihr gesamtes Leben in der Sonne verbringen, die Mädchen hübsch und schlank, die Jungs präsentierten nackte, muskulöse Oberkörper. Ganz in der Nähe lagen zwei schmale, gelbe Boards; zumindest einige von ihnen mussten Surfer sein. Neugierig blieb ich stehen, um sie aus sicherer Entfernung zu beobachten, aber prompt stieß Dante mich an und deutete mit dem Kopf auf die Gruppe.

»Komm schon«, murmelte er und setzte sich in Bewegung. Stirnrunzelnd stapfte ich hinterher.

»Äh … was machen wir hier?«

Er drehte sich kurz um und zwinkerte mir zu. »Uns anpassen.«

»Was, jetzt?« Ich schaute zu den Menschen hinüber, dann wieder zu meinem Bruder. »Ich meine, wir gehen einfach zu einem Haufen Sterblicher hin und reden mit ihnen? Was willst du denen denn sagen?«

»›Hi‹ wäre für den Anfang nicht schlecht, dachte ich.«

Etwas beklommen schlich ich hinter ihm her. Als wir uns dem Netz näherten, sprang gerade einer der Jungs in die Höhe – er hatte dunkle Haare mit gebleichten Spitzen – und katapultierte den Ball zu einem Mädchen auf der anderen Seite. Sofort hechtete sie in den Sand, um ihn abzufangen, und schleuderte die weiße Kugel dadurch in unsere Richtung.

Dante fing den Ball auf. Das Spiel kam zum Erliegen, als die Gruppe sich geschlossen zu uns umdrehte.

Mein Bruder lächelte. »Hi«, begrüßte er sie und warf einem der Mädchen den Ball zu. Mir entging nicht, dass sie ihn fast nicht gefangen hätte, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, Dante anzustarren. »Braucht ihr vielleicht noch Verstärkung?«

Die Jugendlichen zögerten. Beide Mädchen hatten nur Augen für Dante, und ich musste mir ein abfälliges Schnauben verkneifen. Nach menschlichen Maßstäben war mein Bruder äußerst charmant und gut aussehend, und das wusste er auch. Das war kein Zufall. Bei der Auswahl der Gestalt, die wir den Rest unseres Lebens anlegten, wurde jeder von Talon nach den höchsten Maßstäben menschlichen Schönheitsempfindens geformt. Innerhalb der Organisation gab es keine hässlichen »Menschen«, und das aus gutem Grund. Menschen reagierten auf Schönheit, Reichtum, Macht und Charisma. Dadurch waren sie leichter zu steuern, einfacher zu kontrollieren, und Dante hatte eine natürliche Begabung dafür, immer genau das zu bekommen, was er wollte. Oje, das hier würde ihm bestimmt zu Kopf steigen. Der sowieso schon aufgeblasen genug war. Aber immerhin drei der Jungs starrten mich an.

Einer von ihnen, groß, braun gebrannt, mit halblangen blonden Haaren, zuckte schließlich mit den Schultern und sagte: »Klar doch, Mann.« Völlig unverkrampft fuhr er fort: »Je mehr, desto besser. Sucht euch eine Mannschaft aus.« Dabei grinste er mich kurz an, als hoffte er, dass ich auf seine Seite des Netzes kommen würde. Nach kurzem Zögern erfüllte ich ihm den Wunsch. Beobachten, assimilieren, ein­fügen. Deshalb waren wir doch hier, oder nicht?

Das andere Mädchen in meiner Mannschaft, das gerade den Ball gespielt hatte, lächelte freundlich, als ich mich neben sie ans Netz stellte. »Hi.« Sie strich sich die langen braunen Haare aus dem Gesicht. »Ihr seid neu hier, oder? Macht ihr hier Urlaub?«

Ich starrte sie an, und für einen Moment war mein Gehirn wie leer gefegt. Was sollte ich sagen? Was sollte ich tun? Zählte man Lehrer und Betreuer nicht mit, war sie der erste Mensch, der je mit mir gesprochen hatte. Ich war nicht wie mein Bruder, der sich unter Leuten immer wohlfühlte und in jeder Situation wusste, wie man zu reagieren hatte. Während ich das Menschenmädchen musterte, hatte ich plötzlich das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein. Was würde wohl passieren, wenn ich mich einfach umdrehte und nach Hause rannte?

Aber das Mädchen lachte nicht, verspottete mich nicht, sah mich nicht einmal schief an. »Schon klar«, meinte sie, während irgendjemand Dante den Ball zuwarf und ihn damit aufforderte, das Spiel wieder zu eröffnen. »Du kennst mich ja gar nicht. Ich bin Lexi. Und das da ist mein Bruder Calvin.« Mit dem Kopf deutete sie auf den großen blonden Jungen, der mich angelächelt hatte. »Und das sind Tyler, Kristin, Jake und Neil. Wir wohnen alle hier«, erklärte Lexi weiter. Inzwischen stapfte Dante zu einer einsamen Sandale, die mehrere Meter hinter dem Netz den Spielfeldrand markierte. »Bis auf Kristin.« Kurz zeigte sie auf das Mädchen in der anderen Mannschaft: blond, braun gebrannt, hübsch wie ein Model. »Aber ihre Familie hat hier ein Strandhaus, und sie kommen jeden Sommer her. Wir anderen sind schon ewig hier.« Dante bereitete sich auf den Aufschlag vor, doch sie warf mir noch einen kurzen Blick zu. »Und wo kommt ihr beide her? Habt ihr eigentlich schon mal Volleyball gespielt?«

Ich versuchte, dem endlosen Silbenstrom zu folgen und mir gleichzeitig eine Antwort zu überlegen, doch da schleuderte Dante den Ball in die Höhe, sprang elegant hinterher und klatschte ihn mit einem satten Geräusch über das Netz und über meinen Kopf hinweg. Er wurde gekonnt an den blonden Jungen weitergereicht, der ihn mit den Fingerspitzen annahm und offenbar erwartete, dass ich ihn über das Netz ins gegnerische Feld donnerte. Nein, ich hatte noch nie Volleyball gespielt, bisher kannte ich es nur aus dem Fernsehen. Zum Glück hatte unseresgleichen eine natür­liche Begabung für jede Art von Sport, und so wusste ich instinktiv, was zu tun war. Ich sprang hoch und katapultierte den Ball direkt auf Mr. Blondspitze zu. Wie ein Geschoss flog der Ball auf ihn zu, während er hektisch versuchte, ihn anzunehmen. Doch der Ball prallte von seiner Hand ab, fiel in den Sand und rollte munter Richtung Wasser. Fluchend lief der Junge ihm hinterher, während meine Mannschaft laut jubelte.

»Nicht schlecht!«, stellte Lexi grinsend fest, während sie Blondspitze dabei zusah, wie er den flüchtigen Ball einsammelte und zu uns zurücklief. »Damit wäre meine Frage wohl beantwortet. Wie heißt du noch gleich?«

Der Knoten in meinem Bauch löste sich auf, und ich erwiderte ihr Lächeln. »Ember«, antwortete ich. Auch Calvin nickte mir anerkennend zu und grinste. »Und das ist mein Bruder Dante. Wir bleiben den ganzen Sommer.«

Wir spielten weiter, bis die Sonne im Meer versank und den Himmel in leuchtende Orange- und Rosatöne tauchte. Zwischendurch musste Dante sich ein Handy leihen und Onkel Liam anrufen, weil wir bei unserer wilden Jagd zum Strand beide unsere Telefone vergessen hatten. Als es langsam dunkel wurde und die Gruppe begann, sich aufzulösen, luden Lexi und Calvin mich und Dante noch in die Burgerbude oben an der Straße ein. Begeistert sagten wir zu.

Und so saß ich kurz darauf neben Lexi, verschlang fet­tige Pommes und nippte immer wieder verblüfft an meinem Mangosmoothie – eine vollkommen neue Erfahrung für mich (und für meinen Magen, allerdings kam der Verdauungstrakt von unseresgleichen mit so ziemlich allem klar). Das waren also normale Teenager, und so sollte ein Sommer aussehen: Sand, Sonne, Volleyball und Fast Food. Keine Ausbilder, keine Gutachter mit kalten Händen und noch kälteren Augen, die einen auf Schritt und Tritt verfolgten. Die beiden Surfbretter, die mir zu Beginn aufgefallen waren, lagen jetzt auf dem Nebentisch; sie gehörten tatsächlich Lexi und Calvin, die mir bereits angeboten hatten, mir das Surfen beizubringen. O ja, mein erster Tag als Mensch lief wie geschmiert.

Und dann, mitten auf der Außenterrasse, hinter der die Sonne im Meer versank, während am Himmel die ersten Sterne aufblitzten, spürte ich plötzlich ein seltsames Prickeln im Nacken. Genau so fühlte es sich auch an, wenn ich von einem Gutachter geprüft wurde, irgendwie seltsam und beunruhigend. Und dieses Gefühl bekam ich nur, wenn ich beobachtet wurde.

Ich drehte mich um und suchte den Parkplatz ab, konnte aber nichts Außergewöhnliches entdecken. Zwei Mädchen schlenderten mit Getränkebechern in der Hand zu ihrem Camaro. Eine Familie mit zwei Kleinkindern war auf dem Weg zum Restaurant. Keiner schaute in meine Richtung. Trotzdem wollte das Kribbeln im Nacken einfach nicht verschwinden.

Und dann fuhr ein Drache auf einem Motorrad vor.

Natürlich nicht in seiner wahren Gestalt. Die Kunst der Verwandlung – also eine menschliche Form anzunehmen – war inzwischen so weit verbreitet, dass jeder Drache sie beherrschte. Und wer es nicht konnte, bekam eiligst einen Crashkurs verpasst oder wurde vom Orden des Heiligen Georg erlegt, jenem grauenvollen Drachenschlächterkult, dessen einziges Ziel unsere Vernichtung war. Indem wir uns in Menschen verwandelten, konnten wir uns am besten gegen diese hasserfüllten Drachenmörder und eine Welt voll ahnungsloser Menschen schützen. Wer in Rep­tiliengestalt herumlief, konnte genauso gut Selbstmord begehen.

Deshalb erschien der Drache, der nun gemächlich eine Runde über den Parkplatz drehte, als Mensch, und zwar nicht gerade als das schlechteste Exemplar dieser Spezies. Er war etwas älter als wir, groß und schlank, hatte lässig zerzauste schwarze Haare und trug eine Lederjacke. Oh, und hatte ich die breiten Schultern erwähnt? Er hielt an, blieb aber mit laufendem Motor auf der Maschine sitzen und starrte zu mir herüber. Dann verzogen sich seine vollen Lippen zu einem Grinsen. Selbst in seiner menschlichen Gestalt wirkte er irgendwie gefährlich. Es ging von seinen Augen aus, die so hellbraun waren, dass sie fast golden schienen. Mein Puls beschleunigte sich, ich errötete; die instinktive Reaktion auf einen Artgenossen, noch dazu einen Fremden.

Als Lexi bemerkte, dass ich zum Parkplatz hinüberstarrte, folgte sie meinem Blick. »Oh.« Sie seufzte verträumt. »UBB ist zurück.«

»Wer?«, flüsterte ich. Vielleicht hatte Talon ihn ja hier eingeschleust. Immerhin war es höchst unwahrscheinlich, rein zufällig einem anderen Drachen zu begegnen. Aus Sicherheitsgründen schickte Talon niemals mehrere ihrer Schützlinge in dieselbe Stadt. Zu viele Drachen an einem Ort lenkten nur die Aufmerksamkeit des Sankt-Georgs-Ordens auf dieses Gebiet. Dante und ich waren nur aus einem einzigen Grund gemeinsam hergeschickt worden, und zwar weil wir Geschwister waren, was innerhalb der Organisation als extrem außergewöhnlich galt.

»Der Umwerfende Biker Boy«, erklärte Lexi, während der fremde Drache mich weiter anstarrte, fast so als wolle er mich herausfordern. »Niemand weiß, wer er ist. Vor ein paar Wochen ist er zum ersten Mal aufgetaucht und erscheint seitdem immer wieder an den beliebten Treffpunkten. Dabei spricht er mit niemandem, sondern schaut sich immer nur gründlich um, so als würde er jemanden suchen, und verschwindet dann wieder.« Sie stieß mich unter dem Tisch mit dem Knie an, sodass ich heftig zusammenzuckte. Mit einem frechen Grinsen fügte sie hinzu: »Aber anscheinend hat er jetzt gefunden, wonach er gesucht hat.«

»Wie? Wer?« Ich riss mich vom Anblick des Fremden los, der plötzlich den Motor aufheulen ließ, vom Parkplatz rollte und genauso schnell wieder verschwand, wie er aufgetaucht war. »Was soll das heißen, er hat gefunden, wonach er gesucht hat?«

Lexi kicherte nur, als ich über den Tisch voller Burgerverpackungen zu Dante hinübersah. Bei seinem Anblick wurde mir ganz anders. Mit gefährlich kalter Miene starrte mein Zwilling auf die Stelle, an der noch wenige Sekunden zuvor der andere Drache geparkt hatte. Seine Pupillen verengten sich zu schmalen Schlitzen, die sich sehr unmenschlich und dafür umso reptilienhafter von der grünen Iris abhoben.

Hastig trat ich ihn unter dem Tisch vors Schienbein. Er blinzelte, und sofort wurden seine Augen wieder normal. Der Klumpen in meinem Magen löste sich auf. Mann, Dante. Was sollte das denn?

»Wir müssen gehen«, verkündete er abrupt und stand auf. Lexi verzog enttäuscht das Gesicht, aber er blieb hart. »Es ist unser erster Tag hier, und unsere Verwandten werden sich Sorgen machen, wenn wir nicht bald zu Hause sind. Wir sehen uns ja bestimmt noch, oder?«

»Alles cool, Mann«, winkte Calvin ab. »Wir leben ­quasi hier am Strand. Wie wäre es morgen Nachmittag, Ember? Die Wellen sollen monströs werden.«

Ich sagte hastig zu und hetzte dann hinter meinem Bruder her.

»Hey«, raunte ich und verpasste ihm einen Schlag auf den Arm, als ich ihn eingeholt hatte. »Was ist los mit dir? Du hättest dich fast in eine Psychoechse verwandelt, und das direkt vor zwei Normalos. Was soll der Scheiß?«

Ein schuldbewusster Seitenblick. »Ich weiß, tut mir leid. Es ist nur …« Er fuhr sich so heftig mit der Hand durch die Haare, dass die salzverkrusteten Strähnen steil in die Höhe ragten. »Weißt du, was das da gerade auf dem Parkplatz war?«

»Du meinst den anderen Drachen? Ja, ist mir irgendwie aufgefallen.«

»Ember.« Dante blieb stehen und sah mich an – grimmig und gleichzeitig zutiefst beunruhigt. Was wiederum mir eine Heidenangst einjagte. Dante war immer der Ruhige und Gelassene von uns beiden. »Das war niemand von Talon«, erklärte er ernst. »Das war ein Einzelgänger. Da würde ich Gift drauf nehmen.«

In mir verkrampfte sich alles.

Ein Einzelgänger.

Der Fremde war also ein Drache, der sich aus völlig unverständlichen Gründen von Talon abgewandt und sämt­liche Brücken hinter sich abgebrochen hatte, einfach abgehauen war. In den Augen der Organisation gab es kein schlimmeres Verbrechen. Einzelgänger wurden sofort zu Verrätern und Kriminellen erklärt, man bot ihnen nur eine einzige Chance, sich zu stellen. Lehnten sie die ab, wurden die berüchtigten Vipern ausgesandt, um sie einzufangen und der Bestrafung zuzuführen, die ihnen nach ihrem Verrat drohte.

In Crescent Beach trieb sich also ein Einzelgänger herum. Und starrte mich an. Als hätte er genau gewusst, dass ich hier war.

»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte ich. »Was meinst du, wie lange er schon von Talon weg ist?«

»Wahrscheinlich nicht sehr lange«, murmelte Dante und musterte die letzten Menschen am Strand mit einer Inten­sität, die ich noch nie an ihm bemerkt hatte. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass er lange hierbleibt. Sag Liam und ­Sarah nichts davon, wenn wir heimkommen, okay, Ember?«

Verwirrt runzelte ich die Stirn. »Warum denn nicht?«

»Weil sie sofort Talon informieren würden«, erklärte er. Wieder verkrampfte sich mein Magen. »Und wenn die Organisation glaubt, dass sich hier ein Einzelgänger herumtreibt, beruft sie uns vielleicht wieder ab.« Als er meinen entsetzten Blick bemerkte, legte er mir beruhigend eine Hand auf den Unterarm und fuhr lächelnd fort: »Ist schon gut, lass mich das regeln. Ich werde mich um alles kümmern.«

Ich glaubte ihm. Dante konnte jedes Problem lösen. Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen.

Aber mir gingen die Augen dieses fremden Drachen nicht aus dem Kopf, seine Miene, als er mich angestarrt hatte, und wie mein Blut angefangen hatte zu kochen, als ich ihn sah. Sein Blick war so durchdringend gewesen, dass er etwas Wildes und Ursprüngliches in mir geweckt hatte.

Dieser Einzelgänger bedeutete nichts als Ärger. So einfach war das.

Und ich fand das unglaublich faszinierend.

Der nächste Tag begann einfach perfekt: Wohl zum ersten Mal in meinem Leben schlief ich so lange ich wollte, und als ich kurz vor Mittag aufstand, war Dante bereits an den Strand gegangen. Ich spürte ihn bei unseren neuen Freunden auf, und den Nachmittag über redeten wir, schwammen, spielten Volleyball und gönnten uns noch mehr Fast Food aus der Smoothie Hut. Diesmal war es schon leichter, sich unter die Leute zu mischen, sich anzupassen und zu einem Teil der Gruppe zu werden, auch wenn diese Menschen einige seltsame Verhaltensweisen an den Tag legten. Sie berührten sich zum Beispiel ständig. Besonders Lexi war sehr körperbetont, und als sie mich das erste Mal am Arm packte, wäre ich fast fauchend zurückgewichen. Sie und Kristin kicherten auch unglaublich viel und konnten sich Ewigkeiten über Themen unterhalten, die mir völlig fremd waren: Klamotten, Schuhe, Shopping und Jungs. Vor allem Jungs. Schon verblüffend, wie besessen sie von anderen Menschen sein konnten. Das mit den Klamotten verstand ich gerade noch, und Schuhe schienen das menschliche Äquivalent zu Schätzen und Glitzerkram zu sein. Vielleicht horteten sie ja Stiefel wie wir Edelsteine. Solche Sachen konnte ich nachvollziehen. Aber jedes Mal, wenn Lexi sich an meinen Arm klammerte und willkürlich auf irgendeinen Menschen am Strand zeigte, musste ich nicken und ihr zustimmen, dass er »umwerfend« sei, auch wenn ich nicht begriff, was an ihm so attraktiv sein sollte.

Gegen Abend hatte ich dann jedoch die Aufs und Abs menschlicher Konversation so weit verinnerlicht, dass ich mich etwas sicherer fühlte. Auf meine drängende Nachfrage hin versicherte Lexi mir auch, dass sie mir gerne das Surfen beibringen würde, und versprach, mir eine »geheime Stelle« weiter unten am Strand zu zeigen, wo nie jemand war und wo es immer gute Wellen gab. Als die Sonne immer tiefer Richtung Horizont sank, kehrten wir an den Strand zurück, wo Calvin eine flache Grube aushob, sie mit Treibholz füllte und ein Feuer anzündete. Wie gebannt vergrub ich die Zehen im abkühlenden Sand und starrte in die Flammen. Neben mir hielt Lexi einen fröh­lichen Monolog, während einer der Jungs seine Gitarre hervorholte und gekonnt anfing zu spielen. Wunderschön und prachtvoll glitt das Feuer über das knackende Holz, drang mir unter die Haut und wärmte mein Gesicht. O ja, das Leben war wundervoll. In diesem Augenblick war es absolut perfekt.

Dann störte das schrille Piepen meines Handys die ­Ruhe.

Kaum hatte ich es aus der Tasche geholt, meldete sich auch Dantes Telefon. Wir tauschten einen fragenden Blick, bevor wir nachschauten. Eine SMS von Liam und Sarah, und als ich den Text las, war es vorbei mit der Entspannung.

KOMMT NACH HAUSE, lautete die knappe Nachricht. SOFORT.

Dante sprang auf und klopfte sich den Sand ab. »Wir müssen los«, erklärte er der Gruppe, die laut protestierte. Grinsend zuckte mein Bruder mit den Schultern. »Sorry, aber die Familie ruft. Ember, hoch mit dir.«

Ich rührte mich nicht vom Fleck. Noch war nicht Sperrstunde. Liam und Sarah hatten gesagt, wir könnten überall hingehen, solange wir ihnen Bescheid sagten. Und sie waren nur Menschen. Was konnten sie denn schon groß machen? Hierherkommen und uns am Ohr nach Hause schleifen? »Ich bin noch nicht so weit«, erwiderte ich, ­woraufhin er überrascht die Augen aufriss. »Geh du schon vor, ich komme später nach.«

Seine Überraschung verflog, und er warf mir einen gefährlichen Blick zu. Auch ohne Worte wusste ich, was er mir sagen wollte. Wir kannten einander so gut, dass ich ihn fast in meinen Gedanken hören konnte.

Wir müssen gehen, drängte sein Blick. Wir müssen unseren Betreuern gehorchen, weil sie von Talon eingesetzt sind. Mach uns das hier nicht kaputt.

Aber ich konnte auch finster starren. Ich will noch bleiben. So langsam habe ich das hier mit den Menschen raus.

Seine grünen Augen wurden noch schmaler. Deinetwegen werden wir Ärger bekommen.

Geh doch. Achselzuckend ließ ich mich auf die Ellbogen zurücksinken, um meine Absicht deutlich zu machen. Ich bleibe, wo ich bin.

Dieser wortlose Austausch dauerte nicht länger als einen Herzschlag. Aber plötzlich entspannte sich Dantes Miene, und mit flehendem Blick hauchte er: Bitte.

Kraftlos sackte ich in mich zusammen. Mit einem wütenden Bruder konnte ich umgehen, aber ein ängstlicher, bittender Dante schaffte mich immer. »Na schön«, murmelte ich, stand auf und klopfte mir den Hintern ab. »Dann gehen wir eben.« Aber ich verpasste meinem Zwilling noch ein finsteres, wortloses Dafür bist du mir was schuldig, woraufhin er breit grinste. Nach einem letzten, sehnsüchtigen Blick auf das wundervoll flackernde Feuer wandte ich mich von der Gruppe ab und stapfte hinter meinem Bruder her.

Tante Sarah und Onkel Liam erwarteten uns im Wohnzimmer, aber sie waren nicht allein.

Sobald wir durch die Tür traten, meldeten sich meine Urinstinkte lautstark zu Wort, reagierten fauchend und scheu auf die kalten, humorlosen Blicke, die mich musterten. Das waren Drachen; diese machtgeschwängerte Ausstrahlung war genauso unverwechselbar wie die Art, wie der Drache in meinem Inneren vor ihnen zurückschreckte und vor dem stärkeren Raubtier fliehen wollte. Talon war vielleicht eine perfekt durchstrukturierte, weltumspannende Organisation, aber auch wenn wir jetzt »zivilisiert« waren, ließen sich jahrhundertealte Überlebensinstinkte nicht so einfach abschalten. Und wenn ein Nestling zwei – selbst in Menschengestalt – gruseligen, voll ausgewachsenen Drachen gegenüberstand, war es nicht ganz leicht, ruhig zu bleiben, während sämtliche Instinkte befahlen, sich mit eingekniffenem Schwanz zu verkrümeln.

»Hallo, Schüler.« Nummer eins – grell leuchtende, fast neongrüne Augen – trat vor. Sie war definitiv die Unheimlichere von den beiden: eine große, elegante Frau im schwarzen Armani-Hosenanzug, die blonden Haare zu einem straffen Dutt eingedreht. Ihr männlicher Begleiter, der ebenfalls komplett in Armani gehüllt war, beobachtete uns mit vor dem Körper verschränkten Händen. Seine Haare waren dunkel und glatt zurückgekämmt, und seine Augen wirkten ebenfalls kalt. Aber diese Frau verströmte die reinste Gefahr, selbst wenn sie mich freundlich anlächelte. Ihre knapp zehn Zentimeter hohen Absätze klapperten laut auf den Fliesen, als sie auf mich zukam und mich musterte wie einen ungewöhnlichen Käfer, der gerade unter der Tür hindurchgekrochen war. »Es hat eine kleine Planänderung gegeben.«

 

Garret

Ich hockte im feuchten, stickigen Unterholz des brasilia­nischen Regenwalds, umschwirrt von unzähligen Insekten, und spürte, wie mir in der Kampfrüstung der Schweiß den Rücken hinunterlief. Neben mir kniete genauso regungslos ein zweiter Soldat in den Büschen. Er hielt sein M16 mit beiden Händen vor der Brust gepackt. Der Rest unserer insgesamt achtköpfigen Gruppe hatte sich lautlos und wachsam hinter uns verteilt.

Vor uns zog sich ein schmaler Kiesweg über eine erbärmliche, halb tote Wiese, der nach hundert Metern an den niedrigen Lehmmauern der in der Nachmittagshitze brütenden Hacienda endete. Rund um das Gelände patrouillierten Wachen mit AK-47 Sturmgewehren, die sie allerdings lässig über der Schulter trugen, da keiner von ihnen ahnte, dass sie beobachtet wurden.

Draußen hatte ich sechs von ihnen gezählt; drinnen gab es noch einmal doppelt so viele, dazu kam noch eine unbekannte Anzahl Dienstboten. Und natürlich unser Zielobjekt. Die Wachen und Diener waren unwichtig; mit Opfern auf beiden Seiten musste man immer rechnen. Oberste Priorität hatte für uns die Ausschaltung unseres Zielobjekts.

Mit gedämpfter Stimme sprach ich in das Headset an meiner Wange: »Bravo in Position.«

»Gut«, rauschte eine gedämpfte Stimme in meinem Ohr. »Alpha rückt vor, sobald die erste Granate zündet. Stellung halten, bis das Zielobjekt sich zeigt.«

»Verstanden.«

Der Soldat neben mir holte einmal tief Luft und stieß sie dann langsam wieder aus. Er war ein paar Jahre älter als ich, und eine Gesichtshälfte war fast vollständig von einer glänzenden Brandnarbe überzogen. Für ihn war das hier nicht das erste Gefecht, was für jeden in dieser Gruppe galt. Einige waren altgediente Veteranen, die schon mehr als einen erfolgreichen Abschuss zu verzeichnen hatten. Hier gab es keine Frischlinge, nicht bei dem, was uns bevorstand. Jeder wusste, was von ihm erwartet wurde, vom Sturmtrupp ganz vorne bis hin zu Tristans Scharfschützen hinter uns unter den Bäumen. Ich musterte mein Team mit einer leisen Mischung aus Resignation und Ergebenheit. Einige von uns würden heute fallen. Wenn man einem so mächtigen Feind gegenübertrat, war der Tod fast schon garantiert. Darauf waren wir vorbereitet. Jeder würde für den Orden sterben. Ohne den geringsten Zweifel.

»Haltet euch bereit«, befahl ich der Gruppe. »Dreißig Sekunden noch, Countdown läuft.«

Grimmiges, wortloses Nicken. Wir duckten uns zwischen die dichten Pflanzen, verschmolzen mit dem Dschungel ringsum. Im Kopf zählte ich rückwärts die Sekunden, ließ dabei aber die Mauern der Hacienda nicht aus den Augen.

Drei, dachte ich, als über uns ein leises Pfeifen ertönte, das nach und nach immer lauter wurde, bis es in unseren Ohren dröhnte. Zwei … eins …

Die Mörsergranate explodierte und überzog die Hacienda mit Rauch und Feuer. Dachsplitter flogen in alle Richtungen. Sofort eröffnete die Gruppe, die am Rand der Lichtung vor dem Haus wartete, das Feuer, und das Rattern der Maschinengewehre erfüllte die Luft. Aus dem Haus drangen alarmierte Schreie nach draußen, dann stürmten feindliche Soldaten auf den Hof, suchten Deckung und erwiderten das Feuer. Eine der Wachen schleuderte eine Granate über die Mauer, die einen kleinen Krater in das Erdreich riss.

Ich konnte spüren, wie sich die Soldaten hinter mir anspannten. Noch nicht, dachte ich, während einer der Männer aus Team Alpha zuckend auf dem Rasen zusammenbrach. Position halten.

Team Alpha bahnte sich mit kurzen, gezielten Feuerstößen langsam einen Weg Richtung Haus. Querschläger prallten von Bäumen und Mauern ab, Männer schrien, und das Dröhnen der Schüsse wurde vom Dach des Anwesens zurückgeworfen. Die Verstärkung kam ins Freie und stürzte sich ins Gefecht, aber das Zielobjekt tauchte nicht auf.

Komm schon, dachte ich und suchte die Mauern ab. Ein zweiter Alpha-Soldat fiel blutend ins Gras. Auf der freien Fläche vor dem Grundstück gab es kaum Deckung, während die feindlichen Wachleute hinter der halbhohen Mauer hockten und darüber hinwegfeuerten. Als der nächste Soldat fiel, kniff ich frustriert die Augen zusammen. Komm schon, schluck den Köder. Wir wissen, dass du da drin bist. Wo steckst du?

Team Alpha hatte die Wiese halb hinter sich gebracht, als das Dach explodierte.

Etwas Dunkles, Schuppiges und unfassbar Großes brach aus der Hacienda hervor und erhob sich in einem Regen aus Dachziegeln und zersplitterten Holzbalken in die Lüfte. Mein Herz machte einen Sprung, als ich zusah, wie das Monster über das Blätterdach segelte. Es war gigantisch, ein voll ausgewachsenes Exemplar, so groß wie ein Elefantenbulle und ungefähr drei Mal so lang. Aus dem schmalen Schädel ragten geschwungene Hörner hervor, und vom Hals bis zum langen, wild schlagenden Schwanz zog sich eine breite Reihe aus Stacheln. Die Sonne spiegelte sich auf den nachtschwarzen Schuppen, während die ledrigen Schwingen tiefe Schatten auf den Boden warfen. Der Drache schwebte kurz in der Luft und beobachtete die Schlacht, dann ging er zum Angriff über.

Mit gespreizten Flügeln landete er auf der Wiese und brüllte so laut, dass die Erde bebte. Dann schickte er den Soldaten eine Flammensäule entgegen. Schreiend und wild um sich schlagend brachen die Männer zusammen, als das höllische Drachenfeuer Rüstungen und Fleisch wie trockenes Holz zerfraß. Mit einem Sprung landete der Drache zwischen ihnen, riss mit seinen Klauen Löcher in die Reihen und zermalmte die Soldaten zwischen seinen Zähnen, bevor er sie achtlos fortschleuderte. Sein Schwanz holte eine ganze Gruppe, die sich von hinten näherte, von den Füßen und fegte sie weg wie einen Haufen Kegel.

Jetzt! Gemeinsam mit meinem Team sprang ich auf und eröffnete das Feuer auf das riesige Reptil. Die M16-Gewehre schossen Runde um Runde ab, wobei ich sorgfältig auf die Seite des Drachen zielte, knapp hinter dem Vorderbein, wo das Herz saß. Aus der dick gepanzerten Haut quoll Blut, und der Drache brüllte auf, als einige Schüsse die Schuppen durchdrangen, auch wenn das nicht ausreichte, um ihn zu töten. Kurz taumelte er, und sofort drängte ich grimmig vor, konzentrierte das Feuer auf seine Schwachstellen. Je schneller wir ihn töteten, desto weniger Schaden konnte er anrichten und desto weniger Leben konnte er auslöschen. Wir durften nicht zögern; jetzt hieß es entweder wir oder der Drache.

Direkt vor uns brach ein schwarzer Jeep durch die Büsche, auf dessen Dach ein Browning M2 Kaliber .50 montiert war. Auch dieses Maschinengewehr schloss sich dem Lärm an, während das Fahrzeug auf das gigantische Reptil zuraste. Nun in einem tödlichen Kreuzfeuer gefangen, brüllte der Drache wieder los. Schwerfällig machte er ein paar Sprünge, breitete die ledrigen Schwingen aus und erhob sich mit einem kräftigen Flügelschlag in die Luft.

»Zielt auf die Flügel!«, bellte der Commander in meinem Kopfhörer, obwohl ich bereits das Ziel gewechselt hatte und methodisch die pumpenden Membranen unter Beschuss nahm. »Holt ihn runter! Er darf auf keinen Fall wegfliegen.«

Aber der Drache wollte gar nicht fliehen. Stattdessen drehte er sich in der Luft und ließ sich vom Himmel fallen; fünfzehn Tonnen Schuppen, Zähne und Klauen stürzten direkt auf ihr Ziel herab. Mit voller Wucht traf er den Jeep, brachte ihn abrupt zum Stehen und zerschmetterte die Motorhaube. Der Fahrer wurde gegen die Windschutzscheibe geschleudert, während der Mann am Gewehr rückwärts hinunterstürzte und reglos zwischen den Büschen landete. Mit einem triumphierenden Schrei drehte der Drache das Fahrzeug aufs Dach und zerquetschte das Metall so lange, bis nur noch ein unkenntliches Wrack übrig blieb. Ich zuckte kurz zusammen, aber mir blieb keine Zeit, um der Toten zu gedenken. Wir würden den Gefallenen unseren Respekt erweisen, wenn die Schlacht gewonnen war.

Mein Team konzentrierte sich jetzt wieder auf die Flanke des Drachen. Bereits blutüberströmt zuckte das Monster zusammen, der lange Hals krümmte sich, und mit einem mörderischen Funkeln in den roten Augen starrte es in unsere Richtung.

»Position halten!«, befahl ich dem restlichen Team, als der Drache herausfordernd brüllte und mit peitschendem Schwanz herumfuhr. »Ich lenke ihn ab. Weiterfeuern!«

Einige von ihnen warfen mir grimmige, resignierte Blicke zu, aber niemand widersprach. Besser, nur ein Soldat fiel und nicht das gesamte Team. Ich war der Anführer der Gruppe; wenn ich starb, damit meine Brüder das Feuer aufrechterhalten konnten, dann war es das Opfer wert. Das wussten sie genauso gut wie ich.

Ich verließ mein Versteck und rannte los, gab kurze, kontrollierte Schüsse ab, während ich um den Drachen herumlief. Sobald es mich entdeckte, riss das Monster den Kopf hoch und atmete tief ein. Mein Puls beschleunigte sich. Mit einem Hechtsprung ging ich in Deckung, als die Flammen zwischen seinen Kiefern hervorschossen, in den Dschungel hineinflackerten und die Bäume in Brand setzten. Ohne innezuhalten rollte ich mich ab, sprang auf und drehte mich zu der Riesenechse um, die nun mit weit aufgerissenem Maul auf mich zustürmte. Inzwischen raste mein Herz unkontrolliert, aber meine Hände waren ruhig, als ich die Waffe hob und auf den gehörnten Schädel zielte. Brust und Bauch waren durch eine dicke Panzerung geschützt, das wusste ich. Als die Kugeln seine mit Knochen bewehrte Stirn und die Wangen trafen, schüttelte der Drache irritiert den Kopf, hielt aber weiter auf mich zu.

ENDE DER LESEPROBE