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Kerstin ist zwar immer etwas im Stress, aber eigentlich glücklich: Sie hat einen liebenswerten Ehemann, drei aufgeweckte Kinder und einen Beruf, der sie ausfüllt. Und doch fehlt ihr etwas. Hat sich der Alltag zu sehr in ihre Ehe eingeschlichen? Ein Rundflug mit einem Ultraleichtflugzeug wirbelt Kerstins Leben durcheinander: In der Luft fühlt sie sich frei. "Es gibt viele, die fliegen, warum soll man das als Mutter nicht auch machen können?", fragt sie sich und setzt alles daran, einen Flugschein machen zu können – eine Entscheidung, die nicht nur ihre Beziehung auf die Probe stellt. Kerstin muss sich entscheiden, was sie eigentlich will. Ein Roman über den Spagat zwischen Familie, Job, Haushalt und Hobbys und über die sprichwörtliche Freiheit über den Wolken.
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Seitenzahl: 385
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Tausche Pumps für ein Stück Himmel
Maja Christ
Roman
»Es gibt viele, die fliegen. Warum soll man das als Mutter nicht auch machen?«
Kerstin ist zwar immer etwas im Stress, aber eigentlich glücklich: Sie hat einen liebenswerten Ehemann, drei aufgeweckte Kinder und einen Beruf, der sie ausfüllt. Und doch fehlt ihr etwas. Hat sich der Alltag zu sehr in ihre Ehe eingeschlichen?
Ein Rundflug mit einem Ultraleichtflugzeug wirbelt Kerstins Leben durcheinander: In der Luft fühlt sie sich frei. Sie setzt alles daran, einen Flugschein machen zu können – eine Entscheidung, die nicht nur ihre Beziehung auf die Probe stellt. Kerstin muss sich entscheiden, was sie eigentlich will. Zum Glück hat Kerstin ihre Freundinnen und Hanne – ihre immer gutgelaunte Lieblingsfluglehrerin.
Ein Roman über den Spagat zwischen Familie, Job, Haushalt und Hobbys und über die sprichwörtliche Freiheit über den Wolken.
Für meine Familie …
Maja Christ ist im Weserbergland aufgewachsen, hauptsächlich auf einem Segelflugplatz. An ihrem 14. Geburtstag fing sie mit der Segelflugausbildung an, mit 17 machte sie den Segelflugschein. Sie studierte Biologie und ist inzwischen Redakteurin in einem pharmazeutischen Fachverlag.
Nach vielen Jahren in Heidelberg zog sie 2015 mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern nach Stuttgart. Sie schreibt (und liest) nicht nur beruflich viel und gerne, sondern auch privat. Eines ihrer liebsten Hobbys neben dem Schreiben ist (inzwischen wieder) das Fliegen. Seit einigen Jahren hat sie eine Sportpilotenlizenz. Gemeinsam mit ihrem Mann baut sie in der Freizeit ein Ultraleichtflugzeug (#hortenmicrolight). Die Geschichte um Kerstin Frei ist ihr erster Roman. Folgeprojekte sind bereits in Arbeit.
Blog: Unter https://majaloewenzahn.wordpress.com veröffentlicht die Autorin als »Maja Löwenzahn« Erlebnisse aus ihrem Leben rund ums (UL)-Fliegen, aber auch Anekdoten vom Radeln, Klettern oder anderen Reisen. Dort findet man auch Rezepte aus diesem Buch: Steffis »Tiramisu mit ohne Kalorien«, Judiths »Albondigas« und den Kinder-Hugo.
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Die Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind zufällig und nicht beabsichtigt. Auch den Flugplatz Erlangen und die »Flugschule Fränkische Schweiz« von Rudi und Hanne Frantz gibt es nicht in Wirklichkeit. Nur zwei Personen existieren tatsächlich: die Pilotin und den Jungen, die im Februar eine Zwischenlandung machen, um eine Toilette zu finden – wobei wir in Wirklichkeit noch nie eine Pinkelpausen-Zwischenlandung machen mussten.
Doch auch, wenn es Hanne, Marcus, Rudi und Werner nicht in Wirklichkeit gibt, so gibt es viele andere tolle und geduldige Fluglehrer und Ausbildungsleiter, die einem das Fliegen gerne beibringen. Schaut bei Interesse einfach mal im Internet nach Flugschulen in eurer Nähe, macht einen Schnupperflug und dann seht weiter. Aber Vorsicht: Wenn man einmal mit dem Fliegen anfängt, kann man möglicherweise nicht mehr aufhören. Und sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.
Begriffe aus dem Flieger- und Kletterlatein sind in einem Glossar am Ende des Buches erläutert.
In der Ferne plätscherte ein Bach. Blätter flüsterten im Wind. Es schien fast, als würden sie sich unterhalten. Durch die Baumwipfel fielen Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht. Sie spürte das Moos unter ihren Füßen. Ganz weich war es. Ein Vogel zwitscherte. Bei dem Lärmpegel musste es ein Zaunkönig sein. Waren die Kleinsten nicht immer am lautesten? Irgendwo in der Ferne krachte etwas.
»Maaammmaa! Jonas lässt mich nicht in sein Zimmer!«
Kerstin schlug die Augen auf. Der Wald war weg, ebenso das Vogelgezwitscher. Vor ihr stand Leon und schaute sie fordernd an: »Er lässt mich nicht rein! Ich will auch mitspielen!«
Kerstin seufzte und schaute auf ihre Füße. Ihre Zehen spielten noch mit dem Flor des Teppichs. Kein Moos. Kein Wald. Keine Ruhe. Schade.
»Leon, sieh mal. Jonas hat Besuch von seinem Freund. Dann möchte er auch mal allein mit dem quatschen. Ohne seinen jüngeren Bruder. Das weißt du doch.«
»Aber sie quatschen gar nicht. Sie spielen mit dem Tablet. Ich will auch Tablet spielen«, beharrte Leon.
»Hast Du überhaupt schon deine Hausaufgaben fertig?«, fragte Kerstin.
Das war definitiv die falsche Frage gewesen, denn Leon jaulte auf und schoss mit einem »Och, Mama!« die Treppe hoch. Kerstin hörte nur noch eine Tür knallen.
Leon war acht. Er verstand es selten, dass sein fünf Jahre älterer Bruder auch mal seine Ruhe haben wollte. Kerstin konnte hingegen gut verstehen, dass Jonas auch Zeit ohne Leon verbringen wollte. Schließlich hatte sie auch eine jüngere Schwester. Und sie erinnerte sich noch sehr gut daran, wie sie ihr damals Streiche gespielt hatte, um endlich in Ruhe mit ihrer Freundin über Dinge sprechen zu können, die kleine Schwestern nichts angingen.
Am liebsten hätte Kerstin sich jetzt ihr Fahrrad geschnappt und wäre in den Wald geradelt. Sie war vor einer halben Stunde von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte erst einmal das gröbste Chaos im Wohnzimmer beseitigt. Auf dem Esstisch hatte noch das Geschirr vom Frühstück gestanden. Zumindest das von Jonas und ein unbenutzter Teller von Nele. Die elfjährige Tochter hatte das Frühstück anscheinend wieder einmal ausfallen lassen. Kerstin konnte ihr nicht einmal einen Vorwurf machen. In Neles Alter hatte sie morgens vor der Schule auch nie etwas essen können.
Kerstin seufzte erneut. Wald und Fahrrad mussten warten. Es gab weder Brot noch Milch im Haus, der Wäschekorb im Bad quoll über und Leon brauchte dringend etwas Zuneigung. Und Starthilfe bei den Hausaufgaben. Es war Dienstag, Nele war beim Leichtathletik. Die Tochter konnte sie demnach nicht bitten, einkaufen zu gehen. Also schnappte Kerstin sich den Wäschekorb, brachte ihn in den Keller und warf die erste Waschmaschinenladung an. Es würden mindestens noch zwei weitere dazu kommen, wenn sie sich den Berg so ansah, den sie auf dem Fußboden der Waschküche aufgetürmt hatte.
Als die Waschmaschine gemütlich vor sich hinbrummte, machte Kerstin sich auf den Weg in den ersten Stock des Hauses. Leons Zimmer war am Ende des Ganges. Seine Tür war zu. Aus Jonas’ Zimmer drang laute Musik, die aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Computerspiel stammte. Kerstin klopfte kurz, steckte den Kopf durch die Tür und begrüßte Jonas und seinen Kumpel: »Puh, ihr solltet mal lüften. Hier riecht es wie Löwenkäfig!«
»Mama, Leon nervt mal wieder voll. Der bollert ständig an die Tür und will rein. Wann kriege ich endlich einen Schlüssel für mein Zimmer?«
Kerstin öffnete das Fenster, ignorierte die Frage und sagte stattdessen: »Noch eine halbe Stunde, dann machst du bitte auch deine Hausaufgaben, wenn du sie noch nicht fertig hast, okay?«
Ohne die Antwort abzuwarten, ging sie aus dem Zimmer und klopfte an Leons Tür.
»Ich bin nicht da!«, kam Leons Antwort.
»Leon, ich bin es. Willst du mit mir einkaufen gehen und dann schauen wir uns deine Hausaufgaben an?«
»Hausaufgaben sind doof. Die sind voll öde. Die Schule ist auch doof! Und einkaufen ist langweilig. Ich will Tablet spielen«, konterte Leon. Das konnte ja heiter werden.
Zwei Stunden später saß Kerstin auf dem Sofa. Sie hatte es geschafft, Leon davon zu überzeugen, die Hausaufgaben fertig zu machen, die er in der Schulbetreuung nicht fertig bekommen hatte. Jonas und Nele hatten versichert, ebenfalls alles angefertigt zu haben, was es bis zum nächsten Tag anzufertigen gab. Kerstin hatte zwei Ladungen Wäsche aufgehängt, die dritte Maschine lief gerade noch. Brot und Milch hatte Martin mitgebracht. Kerstins Mann war heute relativ pünktlich von der Arbeit gekommen. Und er hatte sogar von unterwegs angerufen, um zu fragen, ob er noch etwas vom Hofladen mitbringen sollte, an dem er auf dem Weg vom Bahnhof immer vorbei radelte.
Sie hatten gegessen, Nele hatte sich gefreut, dass sie einen Teller weniger hatte decken müssen. Sie hatte ja ihr Gedeck vom Morgen recyceln können. Nur Leon hatte kurz gemault, weil Jonas ihm das letzte Stück seiner Lieblingswurst vor der Nase weggeschnappt hatte.
Aber jetzt war Feierabend. Kerstin konnte endlich ihre Beine hochlegen. Martin drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ein Glas Rotwein in die Hand. Sie lächelte und vergaß für einen Moment, wie geschafft sie war.
»Kinder, wer noch duschen muss: ab ins Bad! Wer nicht mehr duschen muss: auch ab ins Bad, Zähneputzen!«, kommandierte Martin lachend.
Leon protestierte, weil er noch fernsehen wollte. Kerstin erklärte, dass er trotzdem Zähneputzen und duschen könnte, da es garantiert nichts mehr zu essen gab. Wie jeden Abend.
Kerstins Handy vibrierte. Martin runzelte die Stirn und sagte: »Mach das Ding doch aus, dann setzen wir uns noch gemütlich in den Garten. Es ist herrlich draußen.«
Leon hatte sich jedoch schon das Telefon geangelt und hielt es seiner Mutter nun in einem Abstand von etwa fünf Zentimetern vor die Nase, sodass ihr ganz schwindlig wurde.
»Mama, eine Nachricht von Miriam. Sie schreibt: ‚Der Elternabend hat vor zehn Minuten angefangen. Ich sitze hier mit drei Eltern. Interessiert sich sonst keiner für die Belange der Klasse?‘ Mama, was sind Belange?«
Kerstin verschluckte sich fast an ihrem Rotwein. Der Elternabend! Den hatte sie komplett vergessen. Fluchend drückte sie ihrem Mann das Glas in die Hand, sprang auf, zog sich die Schuhe an und warf sich die Handtasche über die Schulter.
»Kinder, ich habe den Elternabend von Leon vergessen. Hört auf euren Papa! Ciao, mein Schatz, bis nachher«, sagte sie, drückte dem etwas erstaunt dreinblickenden Martin einen kurzen Kuss auf die Lippen und lief hinaus. Nicht ohne ihrem Rotweinglas noch einen sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen. Zum Glück war die Schule von Leon nicht weit weg. Sie schwang sich auf das Fahrrad und hechtete los. Na ja, zwar nicht in den Wald, aber jetzt komme ich immerhin noch einmal aufs Rad, dachte sie.
Als sie zehn Minuten später in den Klassenraum huschte wie eine verspätete Schülerin, waren immerhin schon sechs Eltern und der Klassenlehrer anwesend.
»Ach, Frau Frei ist auch schon da! Das ist ja schön«, begrüßte er sie mit einem seltsamen Gesichtsausdruck. Eine Entschuldigung murmelnd setzte Kerstin sich auf Leons Platz und nahm dankbar das Glas Wasser entgegen, das Miriam ihr kopfschüttelnd reichte.
Nach Kerstin trudelten schuldbewusst noch drei weitere Väter und Mütter ein, die die Nachricht von Miriam ebenfalls erreicht hatte. Mehr kamen nicht. So ließen sich immerhin alle Belange und Beschlüsse schnell über die Bühne bringen, weil es kaum Einwände gab. Bereits eine Stunde später konnte Kerstin sich verabschieden und den Heimweg antreten.
Die Kinder waren bereits im Schlafanzug in ihren Zimmern, als sie nach Hause kam: Leon mit einem Buch in seinem Bett, Jonas mit Kopfhörern und Smartphone in seinem Sessel und Nele fand sie mit irgendeinem Schulbuch vor der Nase auf dem Bauch auf dem Fußboden liegend. Nachdem Kerstin allen eine Gute Nacht gewünscht hatte, setzte sie sich zu Martin und ihrem Rotweinglas auf die Terrasse. Ihr Mann war frisch geduscht und hatte es sich im Pyjama gemütlich gemacht.
»Der Wein hatte jetzt zwar genug Zeit zum Atmen, aber leider ist eine Obstfliege darin ersoffen«, grinste er, als er ihr das Glas reichte.
Kerstin lehnte sich zurück und legte ihre Beine auf Martins Schoß.
»Wie war dein Tag sonst so?«, fragte Martin. Er hatte angefangen, Kerstins Füße zu massieren.
»Ach, frag lieber nicht«, antwortete Kerstin und versuchte, die Fliege aus ihrem Glas zu fischen. Ersoffen war sie nicht und nun versuchte sie, sich die Flügel zu trocken und davon zu krabbeln. Diese Viecher waren wirklich zäh. Martin sah sie fragend an.
»Dieses Projekt, von dem ich dir erzählt habe, macht mich fertig. Mein Chef spinnt jetzt total, ständig wechselt er seine Meinung. Immer wenn ich gerade alles soweit für den Kunden fertig habe, kommt er und will es wieder umstellen. Seit seine Frau wieder bei ihm eingezogen ist, ist er etwas durch den Wind.«
»Du bist vielleicht zu gutmütig«, erwiderte Martin. »Lass dir nicht alles gefallen.«
»Ach, du hast gut reden«, stöhnte Kerstin. »Lass uns nicht von der Arbeit reden.«
»Okay«, sagte Martin und wollte noch etwas Wein nachgießen.
»Danke, für mich nicht mehr«, wehrte Kerstin ab. »Ich muss morgen früh raus. Ich habe doch den Termin in Frankfurt.«
Den hatte Martin ganz vergessen. Aber wieso sollte er auch ihre Termine im Kopf haben? Sie jedoch musste alle Termine der Familie im Kopf behalten: Zahnarzttermine, die Müllabfuhrtermine, Neles Wettkämpfe, Jonas’ Trainingstage, Leons nächste U beim Kinderarzt und natürlich die Elternabende. Heute war einer durchgerutscht. Was ja auch kein Wunder war. Wer setzte schon so kurzfristig vor den Ferien noch einen Elternabend an?
Kerstin wollte wieder aufspringen, weil ihr gerade eingefallen war, dass sie die letzte Wäsche noch in der Maschine hatte. Aber Martin hielt sie zurück: »Ist schon erledigt, war hoffentlich alles für den Trockner geeignet?« Eher nicht. Aber Kerstin war trotzdem dankbar, dass sie sich wieder setzen konnte.
»Was machen wir eigentlich im Urlaub?«, wechselte Kerstin das Thema. Bald fingen die Sommerferien an. Martin und Kerstin hatten sich die letzten drei Ferienwochen frei genommen, um mit den Kindern gemeinsam etwas unternehmen zu können. In den letzten Jahren waren sie immer spontan in irgendein Klettergebiet gefahren und hatten ihr Familienzelt auf einem der Campingplätze aufgeschlagen, auf die man ohne Voranmeldung hatte kommen können. Manchmal waren sie zusammen mit Freunden oder mit Kerstins Schwester Judith gefahren, einige Male war auch einfach eine Freundin von Nele oder ein Freund von Jonas mitgekommen.
»Letztes Jahr waren wir in der Provence und davor in den französischen Alpen. Vielleicht mal wieder in die Ardeche?«, überlegte Martin. »Haben die Kinder schon Andeutungen gemacht, wo sie hinwollen?«
»Nele will nach Frankreich, Jonas am liebsten nach Spanien zu den Großeltern, aber nur, wenn sein Kumpel mitkommen kann, und Leon will nicht weit fahren müssen«, zählte Kerstin die Wünsche auf, die sie noch in Erinnerung hatte.
Martin stöhnte auf: »Mir ist Spanien im August auf jeden Fall zu heiß. Und deine Eltern kommen sowieso bald vorbei.«
»Und wohin dann?«, fragte Kerstin.
»Hauptsache, zwei Wochen am Stück weit weg von Computern und Handys, dafür nah an geilen Felsen, gutem Wein und schönen Frauen«, grinste Martin und verzog das Gesicht, als Kerstin ihn protestierend mit ihrem Fuß gegen das Bein kickte.
»Okay, hier kommen wir nicht weiter. Da muss der Familienrat tagen.«
Nachdem Martin eine Weile andächtig auf die Hecke gestarrt hatte, fragte er: »Mir fällt noch etwas ein: Du hast bald Geburtstag. Willst du was Besonderes machen? Eine Feier mit Freunden? Georg und Steffi waren doch lange nicht mehr da. Und Simone und Karsten haben wir auch schon länger nicht mehr getroffen.«
Daran hatte Kerstin noch gar nicht gedacht. Ihr Geburtstag war immer ein Anlass gewesen, Freunde einzuladen, die sie lange nicht gesehen hatten. Und dieses Jahr fiel der Tag sogar auf einen Samstag.
»Klar, warum nicht? Wäre schön. Jeder bringt was fürs Buffet mit anstelle von Geschenken. Ich muss nichts kochen und darf mich überall durchfuttern. Klingt gut.«
Martin sah ihr tief in die Augen und fing an, ihre Beine zu streicheln.
»Wünscht du dir was Bestimmtes?«, fragte er.
»Na ja, wenn Du so fragst, ich habe hier so eine fiese Verspannung im Nacken und die müsste noch dringender massiert werden als meine Füße«, grinste Kerstin.
Martin hob die rechte Augenbraue: »Hier und jetzt oder erst zum Geburtstag?«
Kerstin stand auf, nahm die Gläser vom Tisch und hauchte ihm, ein Gähnen unterdrückend, ins Ohr: »Wie wäre es mit gleich oben? Wenn du Glück hast, kann ich mich nach dem Duschen noch eine halbe Stunde wach halten.«
Das ließ Martin sich nicht zweimal sagen. Er nahm ihr die Gläser ab und brachte sie in die Küche, während Kerstin sich auf dem Weg ins Bad machte.
Das Duschen tat gut. Kerstin freute sich auf ihre Massage und auf das, was nach der Massage folgen würde. Schade nur, dass sie so müde war und der Ausklang des Abends wahrscheinlich nicht ganz so leidenschaftlich ablaufen würde, wie sie es sich gewünscht hätten. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, dass sie unter einem Wasserfall stand, irgendwo in der Karibik.
Kerstin saß im Zug. Sie war bereits auf der Heimfahrt von ihrem Kundentermin. Das Treffen war gut verlaufen und sie war zufrieden. In zwei Stunden würde sie wieder in Erlangen sein. Ins Büro musste sie heute nicht mehr. Jetzt war Feierabend. Kerstin hatte ihre Ohrstöpsel in die Ohren gesteckt und hörte Musik. Sie hatte die Augen geschlossen, die Pumps abgestreift und die Füße über den freien Nachbarsitz gelegt. Und sie versuchte, abzuschalten. Aber es ging nicht. Die Geräusche um sie herum nervten. Irgendwo hinter ihr waren zwei ältere Damen angeregt in ein Gespräch vertieft und tauschten ihre halbe Lebensgeschichte aus. Dabei hatten sie sich gerade erst kennengelernt. Nachdem die eine Dame in Frankfurt eingestiegen war. Inzwischen kannten wahrscheinlich alle Fahrgäste im Wagen die Ziele ihrer letzten Urlaubsreisen, ihre Wehwehchen und sämtliche Lebensmittel-Unverträglichkeiten, die die beiden Damen sich teilten.
Kerstin hatte erst versucht, den Roman zu lesen, den sie extra für die Rückfahrt eingesteckt hatte. Aber als sie eine Seite zum vierten Mal angefangen hatte, ohne etwas davon aufgenommen zu haben, hatte sie entnervt aufgegeben. Vor allem die eine Frau lachte immer wieder in hohen Tönen auf. Normalerweise ließ Kerstin sich von so etwas nicht aus der Ruhe bringen. Aber gerade jetzt hätte sie lieber etwas mehr Ruhe gehabt. Würde sie auch einmal so werden wie diese alten Damen? Kerstin dachte nach. Ihre Mutter unterhielt sich auch gerne auf Zugfahrten mit wildfremden Leuten, aber nicht in dieser Lautstärke. Ihr Vater war eher still und zurückhaltend. Was Unterhaltungsgewohnheiten auf Reisen betraf, kam Kerstin eher nach ihm. Noch.
Aufgewachsen war Kerstin in der Nähe von Mannheim. Sie hatte eine Schwester. Judith war vier Jahre jünger als Kerstin, Lehrerin in Heidelberg und alleinerziehend. Ihr Sohn Luis war in Leons Alter. Ab und zu trafen sie sich übers Wochenende in der Fränkischen Schweiz zum Klettern, manchmal auch in der Pfalz. Mit dem Klettern hatten sie in Spanien angefangen. Damals, in den 90ern. Eine Ewigkeit war das her. Mit 15 war Kerstin mit ihrer Familie nach Valencia gezogen. Ihr Vater hatte von seiner Firma das Angebot bekommen, dort eine Zweigstelle aufzubauen. Für Kerstin war zunächst eine Welt zusammengebrochen. Der Grund war: Sie hatte gerade ihre erste Liebe kennengelernt – zumindest hatte sie damals geglaubt, dass es die ganz große Liebe hätte werden können. Das war auf dem Segelflugplatz in der Nähe ihres Wohnorts gewesen.
Schon als Kind hatte sie die Flugzeuge ab und zu über ihrem Haus kurven gesehen. Einmal waren sogar zwei Piloten auf dem Acker hinter ihrem Grundstück gelandet. Später hatte sie erfahren, dass es sich um ein zweisitziges Schulungssegelflugzeug gehandelt hatte. Sie hatte gedacht, dass das Flugzeug abgestürzt sei und einen gehörigen Schreck bekommen. Da war sie nicht die Einzige gewesen: Die alte Frau vom Ende der Straße hatte sofort Feuerwehr und Rettungswagen benachrichtigt und die waren mit Blaulicht und großem Tamtam gekommen. Es hatte sich dann herausgestellt, dass gar nichts passiert war und die Anwohner hatten erfahren, dass es für Segelflieger ganz normal war, auf einem Acker zu landen, wenn sie es nicht zum Flugplatz schafften, weil sie keine Aufwinde mehr fanden.
Auf jeden Fall war Kerstin sofort Feuer und Flamme gewesen, als sie das Flugzeug aus der Nähe gesehen hatte. Ganz genau hatte sie es sich angesehen und alles erklären lassen. Als andere Piloten mit einem Anhänger gekommen waren, um das Flugzeug abzubauen und wieder zum Flugplatz zurückzufahren, hatte sie gleich mitgeholfen. Danach hatte Kerstin ihren Eltern so lange in den Ohren gelegen, bis sie einen Gastflug hatte mitmachen dürfen. Als Resultat war sie nicht mehr zu halten gewesen. Anstatt wie ihre Freundinnen auf dem Reiterhof abzuhängen, war sie ab ihrem 14. Geburtstag jedes freie Wochenende durch die Lüfte »geritten«. Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres hatte sie sich »freigeflogen«, also ihre ersten Alleinflüge gemacht. Von da an hatte sie ganz allein fliegen dürfen. Solange ein Fluglehrer am Platz gewesen war. Wenn sie allein in der Luft gewesen war, auf der Suche nach einem Aufwind, der sie höher bringen sollte, hatte sie lauthals die Wolken angesungen. Großartig hatte sie sich dann gefühlt. So erwachsen und frei. Auf jeden Fall war es eine sehr intensive und schöne Zeit gewesen. Mit den anderen Jugendlichen am Flugplatz hatte sie eine Menge Spaß gehabt. Und dann war da ja schließlich auch noch dieser junge Segelflieger gewesen. Immer wenn sie zum Flugplatz gefahren war, hatte sie Herzklopfen bekommen. War er auch da? Würde er wieder mal mit ihr herumblödeln? Hatte das überhaupt etwas zu bedeuten? Sie war wirklich schwer verliebt gewesen.
Und dann, kurz bevor Kerstin das Gefühl gehabt hatte, dass er ihr mehr Aufmerksamkeit zu schenken schien, eröffneten Kerstins Eltern ihren Kindern, dass sie zum Schuljahreswechsel nach Valencia ziehen würden. Es war im ersten Moment furchtbar gewesen, dass sie nicht mehr fliegen konnte. Und dass ihre große Liebe ihre Gefühle anscheinend nicht geteilt hatte und sie gar nicht zu vermissen schien.
In Spanien hatten Judith und Kerstin erst einmal die Sprache lernen müssen. Dann hatte Kerstin einen jungen Spanier kennengelernt, der mit seinen Kumpels häufig in den umliegenden Gebirgen klettern ging. Später hatte auch Judith die Wochenenden mit der Clique verbringen dürfen. Sie waren ein richtig gutes Team gewesen und kletterten gar nicht schlecht. Und so – die Tage in den Wänden hängend, die Nächte am Fels unter freiem Sternenhimmel verbringend, am Lagerfeuer mit Gitarre und frisch gepflückten Orangen – hatte Kerstin Deutschland und ihren Schwarm vom Flugplatz gar nicht mehr vermisst. Auch nicht die Fliegerei. So etwas wie Fliegen konnte sie beim Klettern ja ebenfalls. Auch wenn es etwas anderes war, von einer Wand abzufallen und im Seil zu hängen.
Nach der Schule war Kerstin zunächst ein Jahr nach Mittelamerika gegangen, hatte gejobbt und war durch Länder wie Costa Rica und Bolivien getrampt, auf der Suche nach dem Weg, den das Leben für sie vorgesehen hatte. Danach hatte es sie nach Deutschland zurück verschlagen. Sie hatte Chemie studiert und nach dem Studium eine Doktorandenstelle an der TU Darmstadt bekommen. Dort hatte sie schließlich Martin kennengelernt. Er stammte aus dem Rheinland. Seine Mutter hatte eine kurze Affäre gehabt und war mit Martin schwanger geworden. Martins Vater hatte sich jedoch damals dafür entschieden, bei seiner Ehefrau und seiner kleinen Tochter zu bleiben. So hatte Martins Mutter ihren Sohn allein aufgezogen. Sie war früh gestorben und zu seinem Vater hatte Martin bis heute kein besonders gutes Verhältnis.
Martin war gerade mit seiner Promotion fertig geworden und begann als Postdoktorand in der Nachbararbeitsgruppe, als Kerstin in Darmstadt anfing. Er kletterte genauso gerne wie Kerstin. Schnell hatten die beiden entdeckt, dass sie auch sonst gut zueinander passten.
Kurz vor dem Ende ihrer Doktorarbeit war Kerstin dann mit Jonas schwanger geworden. Das war zwar nicht geplant gewesen, aber irgendwann – das hatten sie bereits beschlossen gehabt – wollten sie sowieso gemeinsam Kinder haben. Kerstin hatte nun zwar nicht mehr ins Labor gedurft, aber da sie eigentlich genügend Ergebnisse für die Abschlussarbeit gesammelt hatte, konnte sie genauso gut zusammenschreiben. Jonas war allerdings sechs Wochen zu früh dran gewesen und auf die Welt gekommen, bevor sie ihre Prüfung abgelegt hatte. Es war eine harte Zeit für alle gewesen, aber sie hatten sie gemeistert. Was sie nicht auseinandergetrieben hatte, hatte sie mehr zusammengeschweißt. Kerstin hatte dann doch noch ihre Doktorprüfung machen können. Und wen interessierte hinterher noch die Note?
Gut zwei Jahre später war Nele geboren, diesmal geplant. Kerstin hatte sich in der Zwischenzeit damit über Wasser gehalten, an der Uni die Austausch-Studenten zu betreuen und Artikel für verschiedene Wissenschaftszeitschriften zu schreiben. Dann hatte Martin eine Stelle in Nürnberg bekommen und die kleine Familie war nach Franken gezogen. Da sie sowieso immer viel Zeit in der Fränkischen Schweiz zum Klettern verbracht hatten, war das perfekt für sie.
Leon war schließlich in Erlangen auf die Welt gekommen. Als er in den Kindergarten gekommen war, hatte Kerstin sich eine Anstellung gesucht. In die Wissenschaft wollte sie nicht zurück. Die Stelle in der Agentur, in der sie auch heute noch arbeitete, war genau richtig für sie. Sie konnte Teilzeit arbeiten. Zuerst waren es 40 Prozent gewesen. Inzwischen waren es 75 Prozent. Und sie hätte jederzeit weiter aufstocken können, wenn sie gewollte hätte. Aber das kam derzeit überhaupt nicht infrage.
Inzwischen hatte die Familie sich ein Haus im Westen von Erlangen gekauft. Der Garten war gerade groß genug zum Erholen, aber nicht zu groß, um viel Arbeit zu machen. In der Nähe gab es Wald zum Radfahren, Felder zum Spazierengehen und den ein oder anderen Hofladen. Und im Nullkommanichts waren sie im Herzen der Fränkischen Schweiz. Was wollte man mehr?
»Sehr verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Würzburg«, ertönte die Durchsage des Zugführers. Kerstin hörte, wie die beiden Damen ihre Telefonnummern austauschten und sich lautstark voneinander verabschiedeten. Dann wurde es deutlich ruhiger im Wagen. Puh, endlich, dachte Kerstin und atmete auf.
Sie war glücklich. Auf jeden Fall. Und ändern wollte sie eigentlich auch nichts. Martin und sie liebten sich. Sie hatten regelmäßig Sex, häufiger als andere gleichaltrige Paare, wie sie sich aus manchem Gespräch mit der einen oder anderen Freundin hatte ausrechnen können. Die Kinder waren inzwischen schon viel selbstständiger als noch vor ein paar Jahren. Kerstin konnte immer mal wieder in den Wald radeln und sich ihre Auszeiten nehmen. Am Wochenende gingen sie ab und zu klettern und zelteten dann auch mal im nahegelegenen Trubachtal.
Dennoch hatte Kerstin das Gefühl, dass die Zeit vorne und hinten nicht reichte, um sich zu erholen. Dass etwas fehlte. Sie wollte ja nicht tauschen, aber manchmal wünschte sie sich, sie könnte ihr jetziges Leben zumindest kurz anhalten. Wie einen Zug, der einen ungeplanten Zwischenstopp einlegt. Bei dem die Zeit außerhalb der Haltestelle quasi zum Stillstand kommt. Man steigt aus, sieht sich um, erlebt etwas anderes, um dann erfrischt und mit neuer Kraft wieder einzusteigen und am Ziel anzukommen, ohne dass dort jemand merkte, dass man ausgestiegen war. Weil für die anderen die Zeit gar nicht anders verlaufen war. Ohne Konsequenzen. Aber da so etwas nicht ging, schloss Kerstin noch einmal die Augen, genoss, dass niemand mehr hinter ihr plapperte und konzentrierte sich auf ihre Musik. »Stop this train« sang John Mayer gerade.
Das vibrierende Telefon riss sie aus den Gedanken. Ihre Freundin Steffi hatte eine Nachricht geschickt: »Lebst du noch? Habe seit Ewigkeiten nichts von dir gehört. Heute Abend radeln? Muss dir dringend eine Neuigkeit erzählen. Machst du was an deinem Geburtstag? Ich bringe auch Tiramisu mit, das mit ohne Kalorien!«
Kerstin musste lächeln. Steffis »Tiramisu mit ohne Kalorien« war lecker, auch wenn es natürlich nicht ohne Kalorien war. Anstelle von Mascarpone verwendete die Freundin Pudding oder Vanille-Joghurt. Oder war es eine Mischung von beidem gewesen? Kerstin konnte es sich nicht merken. Aber lecker war die Kreation auf jeden Fall. Sie tippte eine Antwort: »Ja. Ebenso. Passt. Bin gespannt. Ja. Prima.«
Steffis Sohn Paul war in der Grundschule in die gleiche Klasse wie Kerstins Tochter gegangen und die beiden Kinder waren eine Zeitlang unzertrennlich gewesen. Irgendwann hatten sie keine Lust mehr gehabt, miteinander zu spielen. Anfangs war Kerstin traurig gewesen, dass die Kinder sich nicht mehr verabreden wollten. Schließlich hatte sie die Nachmittage mit Steffi immer sehr genossen. Aber dann hatte sie verstanden, dass sie ihre Tochter eigentlich gar nicht brauchte, um sich mit Steffi zum Quatschen oder zum Radeln zu treffen. Oder zu beidem. Das ließ sich nämlich prima kombinieren und war doppelt gesund: Sport für den Körper und Balsam für den Geist, wenn man sich einfach mal alles von der Seele reden konnte, was einen belastete.
Kerstin prüfte noch einmal, ob sie alle Fragen beantwortet hatte, verstaute das Telefon in ihrer Tasche und schloss erneut die Augen. In einer halben Stunde würde sie in Nürnberg umsteigen müssen. Genügend Zeit für ein kurzes Nickerchen.
***
»Hallo, wie geht es dir? Mann, siehst du fertig aus«, begrüßte Steffi ihre Freundin drei Stunden später.
»Na, danke für das Kompliment«, erwiderte Kerstin. »Was ist los? Spuck es aus, du kannst es ja kaum erwarten, es mir zu erzählen!«
Steffi umarmte Kerstin und drückte ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. Dann platzte sie heraus: »Ich sag nur so viel: An deinem Geburtstag stoß ich mit dir bloß mit was Alkoholfreiem an.«
»Nein?«, staunte Kerstin. »Nicht wahr.«
»Doch. Dreizehnte Woche«, lächelte Steffi.
»Na dann: Herzlichen Glückwunsch! Richtung Dechsendorfer Weiher und so?«
»Ja, gerne, da waren wir lange nicht. Aber nicht so schnell, ich bin total fertig.«
Die beiden Frauen schwangen sich auf ihre Räder und machten sich auf den Weg. Kerstin fragte: »Ach, du auch? Ich war heute in Frankfurt, gestern habe ich Leons Elternabend fast verschwitzt und dann bin ich zu spät ins Bett gekommen.«
Steffi fuhr dichter an Kerstin heran und fragte: »Warum hat der Elternabend so lange gedauert? Was hattet ihr denn zu bereden?«
»Nee, der Elternabend war vor neun vorbei«, zwinkerte Kerstin. Steffi verstand sofort und lächelte verschwörerisch.
»Ich wusste gar nicht, dass ihr es noch einmal probieren wolltet«, rief Kerstin hinter sich, nachdem sie eine Weile schweigend hintereinander hergefahren waren. Sie verringerte den Abstand zu Steffi.
»War auch nicht geplant. Nach der Fehlgeburt wollte ich es eigentlich nicht mehr versuchen, aber jetzt ist es halt passiert. Ich habe erst nichts erzählt, weil ich nicht sicher war, ob das kleine Mäuschen dieses Mal bei mir bleiben möchte, aber jetzt ist es immer noch da und wenn es bleiben möchte, bleibt es. Wenn nicht, wird es einen Grund dafür haben. Ich warte einfach mal ab. Aber freuen tu ich mich natürlich trotzdem sehr.«
»Und Georg?«
»Na, der umso mehr. Er wollte immer noch ein zweites Kind. Jetzt wird der Altersunterschied zu Paul zwar ziemlich groß sein, aber das ist halt so.«
Kerstin dachte nach. Noch mal so ein kleines Baby im Haus? Schlaflose Nächte, keine Energie, an das Kind gefesselt? Nein, danke. Noch einmal wollte sie das nicht durchmachen. Es war bei jedem ihrer Kind wunderschön gewesen, auf eine ganz besondere Art und Weise. Aber es war auch jedes Mal eine harte Zeit gewesen. Darum würde sie Steffi nicht beneiden.
In den letzten Wochen hatten die Termine sich aneinander gereiht. Aber jetzt hatten die Kinder sechs Wochen Schulferien und damit würde es ruhiger werden. Bis zum Urlaub der Eltern dauerte es allerdings noch. Wieso konnte man nicht einfach auch immer dann Urlaub haben, wenn die Kinder Ferien hatten? Immerhin war nun Wochenende.
Am Freitagnachmittag hatte Kerstin sich Leon und Nele geschnappt und war mit ihnen zum Einkaufen gefahren. Irgendwie hatte sie es geschafft, dass Jonas in der Zeit einmal mit dem Staubsauger durch die Zimmer geflitzt war. Wenn man genau hinsah, merkte man zwar, dass er es mit der Gründlichkeit nicht so genau genommen hatte und abends hatte Kerstin etliche Legosteine von Leon aus dem Beutel retten müssen. Aber sie war ihrem »Großen« dankbar, dass er diese Aufgabe übernommen hatte.
Martin war über das Wochenende dienstlich in der Schweiz. Er war am Freitag mit seinen Kollegen direkt von Nürnberg aufgebrochen und würde erst am Sonntag wiederkommen.
Der Rest der Familie saß jetzt beim ausgedehnten Wochenend-Frühstück. Sogar Nele hatte ein Brötchen gegessen.
»Hast du meine schwarze Leggins noch gewaschen, Mama?«, fragte sie kauend.
»Ich habe sie sogar getrocknet. Sie liegt auf deiner Sporttasche. Eine Brotdose habe ich dir auch dazu gelegt«, antwortete Kerstin.
»Ach, Mama, brauche ich doch nicht. Auf dem Sportplatz gibt es immer was. Gibst du mir lieber 10 Euro?«
Kerstin seufzte. Nele hatte heute einen Wettkampf. Zum Glück war es nicht so heiß. »Creme dich bitte gut ein und nimm deinen Sonnenhut mit.«
Nele verdrehte die Augen: »Ach, Mama!«
»Nix da, ohne Sonnencreme kommt mir heute niemand aus dem Haus!«
Es klingelte an der Tür. Leon und Nele sprangen beide auf und wären fast zusammengestoßen, weil jeder von ihnen versuchte, als erster an der Tür zu sein.
»Das ist Judith!«, rief Leon.
»Nee, das ist Marie! Ciao, Mama!« Nele drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, schnappte sich ihre Sporttasche und flitzte aus der Tür.
Kerstin rief hinterher: »Nele, Sonnenschutz!«
Maries Vater tauchte in der Tür auf, begrüßte die restliche Familie und lachte: »Moin, Kerstin. Keine Sorge, wir haben alles dabei. Wir sorgen schon dafür, dass sich die Mädels eincremen und genügend Schatten und Wasser bekommen. Wann sollen wir Nele zurückbringen?«
»Hallo, Karsten. Meine Schwester kommt gleich, wir wollen zum Klettern und kommen sicher erst heute Abend zurück. Aber Nele hat ja einen Schlüssel.«
Da kam Nele noch einmal zurückgeschossen. »Mama, kann ich bei Marie übernachten? Bittebittebitte.«
Kerstin sah Maries Vater fragend an, aber der nickte sofort: »Also, unseretwegen gerne. Was meinst Du, Kerstin? Wenn deine Schwester zu Besuch ist?«
»Passt schon, Judith bleibt die ganze Woche. Also«, wandte sie sich an ihre Tochter, »dann brauchst du aber noch Zahnputzsachen, Schlafanzug und frische Unterwäsche.«
Nele flitzte nach oben, um ihre Sachen zusammenzusuchen. Diesmal wäre sie fast mit Judith zusammengestoßen, die gerade ebenfalls zur Tür hereinkam.
»Ja hallo, so viele Leute! Und ich dachte, wir sind heute mit der kleinen Mannschaft am Fels?«, lachte sie in die Runde. Sie begrüßte Maries Vater, Kerstin und die Jungs, die noch am Frühstückstisch saßen.
»Nele wird gerade abgeholt und bleibt über Nacht bei ihrer Freundin. Wir bleiben bei der kleinen Mannschaft«, erwiderte Kerstin. »Wie war die Fahrt? Noch einen Kaffee, bevor wir uns auch auf den Weg machen?«
Judith strahlte: »Du weiß genau, wie du mich glücklich machen kannst!«
Kerstin ging in die Küche, um eine zweite Tasse zu holen. Sie hörte gerade noch, wie ihre Tochter den Cousin mit einem »Hallo-Luis-und-tschüss« begrüßte.
»Ciao, Nele, viel Erfolg und vor allem: viel Spaß!« rief Kerstin, aber sie war nicht sicher, ob Nele es noch gehört hatte – so schnell, wie sie im Auto bei der Freundin saß. »Mach’s gut, Karsten, bis morgen dann. Oder willst du auch noch einen Kaffee?«
Karsten wehrte ab: »Nein, danke, die Mädels wollen los, die sollte ich nicht warten lassen. Und am Sportplatz gibt es immer genug. Viel Spaß beim Klettern. Wo geht es für euch hin?«
Judith und Kerstin sahen sich an. »Spies?«
»Ja, da in der Hohen Reute habe ich noch ein Projekt offen. Das wird heute hoffentlich geknackt!«, sagte Judith.
»Na dann, euch auch viel Erfolg! Bis morgen«, verabschiedete Karsten sich.
Judith nahm dankbar den Kaffee entgegen, trank einen Schluck und fragte: »Wollen wir dann auch gleich los? Von der Fahrt ausruhen kann ich mich bei dir im Auto oder am Fels, wenn du erst einmal die Jungs sicherst. Gepackt habt ihr schon?«
Kerstin nickte: »Klettersachen, Proviant, alles schon im Bulli. Ich muss nur noch meine Kamera einpacken. Da oben kann man immer tolle Bilder machen. Vielleicht ergibt sich ja ein schönes Motiv von den Kindern – oder von dir, wenn du an der Schlüsselstelle scheiterst und den Abflug machst.«
»Hey, das ist gemein. Außerdem kannst du mich dann zum Glück gar nicht fotografieren, weil du nämlich sichern musst!«, lachte Judith. »Willst du wieder ein Bild bei irgendeinem Hobbyfotografen-Wettbewerb einreichen?«
»Ja, warum nicht? Da gibt es gerade einen Wettbewerb von einem der lokalen Sportartikelhersteller. Es gibt verschiedene Ausrüstungsgutscheine zu gewinnen. So etwas kann ich immer gebrauchen.«
Kerstin fotografierte gerne und nahm seit einigen Jahren regelmäßig an verschiedenen Fotowettbewerben teil. Zweimal hatte eines ihrer Bilder schon den dritten oder vierten Platz belegt – einmal bei dem Wettbewerb eines Herstellers für Sport- und Outdoor-Bekleidung, ein andermal bei einer Zeitschrift für Fotografie. Wenn es sich ergab, dass eines ihrer Fotos thematisch passte und sie das Gefühl hatte, dass es gelungen war, warum sollte sie es dann nicht einreichen?
Als sie am Fels ankamen, spannten sie sich zunächst wie immer eine Hängematte zwischen die Bäume. Leon und Luis wollten als erste hineinspringen, aber Jonas kam ihnen zuvor, legte sich quer in die Matte und schloss den Stoff über sich.
»Ey! Mammmaaa!«, riefen Leon und Luis gleichzeitig. »Jonas lässt uns nicht in die Hängematte!«
Jonas grinste, aber nur kurz, dann lag er auch schon auf dem Boden. Sein Bruder und der Cousin hatten gemeinsam die Hängematte herumgedreht, sodass er kopfüber hing und herausfiel. »Ey, ihr Ärsche!«, schimpfte er, während Leon und Luis sich angrinsten und abklatschten.
Die Schwestern sahen sich an, rollten die Augen und schüttelten die Köpfe. Zu den Kindern gewannt zischte Kerstin: »Hört sofort auf, euch zu kabbeln! Und vor allem, hier so herumzuschreien!« Sie konnte es überhaupt nicht leiden, wenn ihre Kinder im Wald so laut wurden und sich gleich streiten mussten.
Jonas rappelte sich schimpfend auf und wollte nun seinerseits die beiden Störenfriede auf den Boden drehen. Die zwei waren schnell in die Hängematte gekrabbelt und streckten ihm nun die Zungen heraus.
Judith ging dazwischen: »Komm, Jonas, lass die beiden, du darfst die erste Route einhängen, wenn du willst.«
Das ließ Jonas sich nicht zweimal sagen. Er kletterte beinahe so lange wie er laufen konnte. »Wo? Da?«, fragte er.
Kerstin nickte: »Die ist doch genau richtig zum Warmwerden.«
Also schlüpften Jonas, Kerstin und Judith in ihre Klettergurte. Jonas zog seine Kletterschuhe an, sammelte sein Material zusammen und band das Ende des Kletterseils an seinem Gurt fest. Kerstin sicherte ihn.
»Fertig?«, fragte sie. »Dann mal los.«
Jonas kletterte in einem Affenzahn die Wand hoch. Nacheinander kletterten die drei eine Route nach der anderen, bis Judith sagte: »Ich bin warm. Einen Schluck Wasser und dann mache ich mich an mein Projekt.«
Das »Projekt« war eine Route, bei der Judith seit zwei Jahren ständig an der gleichen Stelle scheiterte. »Die mag mich einfach nicht!«, schimpfte sie immer wieder.
Kerstin wusste genau, dass sie die Route gar nicht erst ausprobieren musste. »Also, ich brauch das heute nicht. Ich bin nicht mehr so masochistisch veranlagt wie früher, und so etwas komme ich sowieso nicht mehr hoch, ohne ewig zu üben«, sagte sie lachend.
Judith kämpfte sich langsam, aber sicher bis zu ihrer Schlüsselstelle vor. Sie war die Route schon ein paar Mal geklettert, aber nie am Stück. Immer wieder war sie an der gleichen Stelle abgefallen, weil sie den kleinen Griff nicht hatte halten können. Kerstin schaute nach oben, ihr tat schon der Nacken weh. Judith hatte gerade die letzte Sicherung vor dem schweren Stück gesetzt, biss nun die Zähne zusammen und kämpfte sich weiter.
»Judith, du schaffst das. Prima. Jetzt nicht zögern. Komm!«, feuerte Kerstin ihre Schwester an. Am liebsten hätte sie noch gerufen, Judith höre sich so an, als läge sie in den Presswehen, aber dann hätte die Schwester sicher anfangen müssen zu lachen und wäre erst recht abgerutscht. Diesmal schien sie es tatsächlich zu schaffen.
»Klinken nicht vergessen!«, rief Kerstin.
Aber Judith ignorierte sie, überkletterte den Haken und sicherte ihr Seil erst wieder im nächsten Haken. Kerstin schüttelte den Kopf. Wäre die Schwester vor dem Klinken des Seils gefallen, wäre es ein weiter Flug geworden. Wahrscheinlich nicht bis auf den Boden, aber klug war das nicht gewesen. Doch nun klinkte sie tatsächlich ihr Seil durch den letzten Karabiner und ließ ein Tarzan-Geheul durch den Wald schallen. Einige andere Kletterer schauten amüsiert zu Judith.
Wieder am Boden, ließ Judith sich, ohne das Seil vom Gurt zu knoten, in die freie Hängematte fallen und begutachtete ihre geschundenen Finger. Und dann musste sie sich von Kerstin gleich einige Vorwürfe wegen der ausgelassenen Sicherung anhören.
»Ist doch nichts passiert. Es wäre viel gefährlicher gewesen, wenn ich versucht hätte, da noch zu klinken«, versuchte sie, sich zu verteidigen. Aber sie wusste auch, dass ihre Schwester recht hatte.
»Na ja, ist ja gut gegangen. Jetzt hast du das geschafft und liegst mir die nächsten Jahre immerhin nicht mehr mit dieser Route in den Ohren«, sagte Kerstin versöhnlich. »Wenn du dich ausgeruht hast, kannst du mich in der Route da drüben sichern. Wenn eines der Kinder noch Lust hat, kann es den Pfeiler klettern, dann kann ich vielleicht auch noch ein paar Fotos schießen.«
Erst einmal war Judith jedoch nicht dazu zu bewegen, die Hängematte wieder zu verlassen. Während sie die jungen Männer beobachtete, die in einer der Nachbarroute die Wand hoch tanzten, sicherte Kerstin abwechselnd Söhne und Neffen in den leichteren Touren.
Nach einer Weile kämpfte Judith sich wieder aus der Hängematte und bot an, Kerstin zu sichern. Die kletterte ihre Route – zusammen mit ihrer Kamera, seilte sich dann ein Stück ab und sicherte sich an einem Haken.
Judith ließ in der Zeit wieder die Jungs klettern, während Kerstin in der Wand hängend ein paar Fotos schoss. Hinter Leon, der gerade abgeseilt wurde, türmten sich wunderschöne Wattewolken auf.
»Halt mal!«, rief Kerstin. Erschrocken schaute Judith hoch, verstand dann aber, dass Kerstin nur eine Idee für ein Motiv hatte.
»Leon, streck mal die Beine gegen den Fels und lehn dich zurück. Und dann halt die Hand nach vorne – mit der Handfläche nach oben. Ein bisschen höher, etwas weiter rechts, tiefer, ja, genauso!«
Leon sah seine Mutter irritiert an, tat dann aber das, was sie gesagt hatte.
»Und jetzt puste mal doll, so wie bei Kerzen auf dem Geburtstagskuchen!«
Judith, Jonas und Luis schauten interessiert nach oben, konnten sich aber zunächst keinen Reim darauf machen, was gerade in Kerstins Kopf vor sich ging. Die hatte inzwischen entdeckt, dass hinter Leon ein Segelflugzeug von einem Motorflugzeug in die Lüfte geschleppt wurde, nun mit reichlich Höhe ausgeklinkt hatte und Kunstflugmanöver flog. Also ließ Kerstin ihren Sohn noch weitere Handbewegungen machen und kommandierte ihn solange herum, bis er seine Hände so platziert hatte, dass es aussah, als würde er mit einem Miniaturflugzeug spielen.
»So, vielen Dank, da ist bestimmt was dabei. Jetzt kannst du runter, wenn du willst.«
»Na, danke«, rief Judith nach oben. »Ich dachte schon, ihr braucht mich nicht mehr. Ich wollte gerade das Seil am Baum festbinden und mich in die Hängematte hauen.«
Als Leon und Kerstin wieder am Boden waren, wurde das Mysterium aufgeklärt.
»Da hinten flog ein Segelflugzeug Loopings. Das hat Leon gerade balanciert, am Flügel gehalten oder weggepustet. Je nachdem, ob die Bilder tatsächlich so geworden sind, wie ich mir das vorgestellt hatte«, erklärte Kerstin und zeigte die Bilder am Display der Kamera.
»Man sieht das Flugzeug kaum!«, maulte Leon, dem das Ganze viel zu lange gedauert hatte.
»Musste rein zoomen«, meinte Jonas. »Wow, das ist echt geil geworden, Mama!«
»Mal sehen, wie es später am Computer aussieht«, sagte Kerstin. »Also, ich bin durch, was ist mit euch? Sollen wir uns einen Platz zum Picknicken suchen?«
Sie packten ihre Sachen zusammen, verstauten alles im Auto und machten sich auf den Weg.
Kerstin fuhr nicht über die Autobahn zurück nach Erlangen, sondern mitten durch die Fränkische Schweiz. Judith hielt Ausschau nach einem gemütlichen Platz für eine Essenspause.
»Guck mal«, rief Leon plötzlich. »Da sind noch viel mehr Flugzeuge in der Luft, die fliegen in einer Reihe.«
Alle guckten aus dem Fenster, sogar Kerstin spickte kurz in die Luft, obwohl sie sich auf die enge Straße konzentrieren musste.
»Die landen da hinten!«, rief Luis. »Da ist ein Flughafen!«
»Stimmt, da gibt es einen Flugplatz«, sagte Kerstin.
»Und wenn ich das Schild richtig interpretiere, an dem wir eben vorbeigefahren sind, ist heute ein Fliegerfest oder Flugtag oder so«, meinte Judith. »Das wäre doch was, oder? Da gibt es sicher Kaffee und Kuchen und Wurst. Ich sterbe für eine Wurst und ein kühles Bier!«
Ihr Vorschlag fand allgemeine Zustimmung und Kerstin bog auf die Straße zum Flugplatz ab. Bald hatten sie einen Parkplatz gefunden. Ausgerüstet mit Sonnenhüten und Kamera machten sie sich auf den Weg zum Platz. Hier waren sie nicht geschützt wie im Wald und merkten schnell, dass die Julisonne ihrem Namen alle Ehre machte.
Am Flugplatz waren bereits viele Zuschauer unterwegs. Am Rand des Platzes hinter einer Absperrung standen verschiedene Flugzeuge, mit und ohne Motor, moderne und fast schon historisch anmutende Maschinen. Kinder warfen jauchzend kleine Flugzeugmodelle aus Schaumstoff durch die Luft.
Luis und Leon riefen wie aus einem Mund: »So einen wollen wir auch haben! Wo gibt’s die denn?«, und rannten los.
Kerstin und Judith versuchten erst einmal, sich einen Überblick zu verschaffen. Sie ergatterten einen Platz mit Schatten und Kerstin zog los, um für alle etwas zum Essen und Trinken zu organisieren.
Nachdem Kerstin die Kinder wieder eingesammelt hatte und sich alle mit Würsten, Pommes frites und Schorle und Judith mit einem Radler gestärkt hatten, machten sie sich auf den Weg, die Flugzeuge genauer anzusehen.
»Können wir da rein?«, riefen Luis und Leon.
»Mal sehen, fragen wir doch einfach«, erwiderte Judith. Sie winkte einem der Piloten hinter der Absperrung. Hinter dem startete gerade wieder ein Segelflugzeug hinter einem Motorflugzeug.
Kerstin erklärte den Kindern, dass es sich dabei um einen Flugzeugschlepp handelte: »Das Segelflugzeug hat keinen Motor. Es gibt zwar auch Motorsegler, aber das hier benötigt Hilfe, um in die Luft zu kommen. Entweder wird es von einer Winde hochgezogen, die steht da hinten am anderen Ende des Platzes. Oder, wenn der Pilot höher möchte, kann auch ein Motorflugzeug das Segelflugzeug an einem Seil hochziehen. Wenn der Segler hoch genug ist, klinkt er das Seil aus und das Motorflugzeug landet wieder. Heute wollen die sicher eine gute Höhe bekommen, weil sie Kunstflug machen.«
Tatsächlich vollführte das Segelflugzeug nach dem Ausklinken einige Loopings, schoss kerzengerade in die Luft, blieb fast stehen und kippte dann über den Flügel nach links ab und raste nun Richtung Boden. Die Zuschauer riefen »Ah« und »Oh« und klatschen.
Das Motorflugzeug war wieder gelandet, an die Seite gerollt und der Pilot ließ eine Familie für einen Rundflug einsteigen. Dann schoss das Segelflugzeug auf die Landebahn zu.
»Guck, der landet schon wieder!«, rief Luis.
»Nee, der ist noch viel zu schnell. Außerdem fliegt er mit dem Wind. Pass mal auf, was der jetzt macht«, sagte Kerstin.
In der Tat: Das Flugzeug raste in geringer Höhe über die Landebahn, stieg wieder ein Stück, machte eine elegante Kehrtwende und landete kurze Zeit später gegen den Wind.
Judith hatte inzwischen mit einem der Piloten gesprochen und winkte nun die Kinder zu sich. »Alles klar, ihr könnt zwar heute nicht mehr mitfliegen, weil es eine sehr lange Warteschlange gibt. Aber in diesen Oldtimer hier könnt ihr euch nacheinander mal reinsetzen.«
»Aber vorsichtig, wartet auf mich. Einer nach dem anderen, die Lady ist schon etwas in die Jahre gekommen«, lachte der Mann den Kindern zu, als er sah wie sie sofort zum Flugzeug sprinteten.
Judith sah ihre Schwester an und grinste. Die trottete langsam hinter ihnen her und schaute zu, wie der Pilot alle Fragen der Kinder geduldig beantwortete.
»Unsere Mutter ist auch mal geflogen«, erklärte Jonas. »Aber Segelflugzeuge. Ganz früher, so vor 100 Jahren.«
»Hey!«, lachte Kerstin. »So alt bin nun auch wieder nicht!«
Der Pilot schaute Kerstin interessiert an: »Ach, eine Segelfliegerin? Wie schön. Und wieso jetzt nicht mehr?«
Kerstin überlegte. Wieso eigentlich nicht? Warum hatte sie nicht irgendwann wieder angefangen? »Ach, ich hatte einfach keine Zeit mehr dafür«, antwortete sie.
»Ja, ja, die Zeit. Deshalb fliege ich ja auch die alte Lady hier. Die kostet zwar auch viel Zeit für Reparaturen, aber dafür kann ich mir das selbst einteilen.«
***
