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"Voller Würde, Humor und Klugheit ist dieses Buch geschrieben." So charakterisiert Prof. Luise Reddemann das Werk, das sich in drei Teile untergliedert. Im ersten Teil werden Zahlen, Daten und Fakten zusammengestellt und sinnvolle Präventionsmöglichkeiten vorgestellt. Der zweite Teil erläutert, wie ein Trauma entsteht und welche langfristigen Folgen es haben kann. Die Autorin verknüpft dabei aktuelle Forschungsergebnisse mit ihren eigenen Erfahrungen; komplexe Zusammenhänge werden so einleuchtend und nachvollziehbar erklärt. Der dritte Teil beschreibt die erfolgreiche Traumatherapie. Das Buch gibt Betroffenen Mut, Hoffnung und Expertise. Fachleute profitieren von dem authentischen Fallbeispiel.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die Grafik »Sterbephasen nach Kübler-Ross« auf S. 124 ist entnommen aus: http://www.pflegewiki.de/wiki/Die_f%C3%BCnf_Sterbephasen_nach_K%C3%BCbler-Ross, Zugriff am 23.03.2015.
1. Auflage 2015
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-029076-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-029077-8
epub: ISBN 978-3-17-029078-5
mobi: ISBN 978-3-17-029079-2
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Wird ein Kind Opfer sexualisierter Gewalt, ist es damit häufig gnadenlos allein: Niemand scheint sein Elend zu bemerken. Dass dies gravierende Folgen haben kann, lässt sich, wenn man nur ein wenig versucht, sich in ein so geschädigtes Kind einzufühlen, denken.
Leider leben wir immer noch in einer Gesellschaft, die zwar kurzfristig mit einem Aufschrei reagiert, wenn Fakten an die Öffentlichkeit gelangen, längerfristig machen aber doch viele gerne die Augen wieder zu.
Das Buch von Frau Winter kann eine Hilfe sein, dass sich – zumindest interessierte Menschen – umfassend kundig machen können. Sie trägt eine Fülle von Material zusammen, das nicht immer in dieser Zusammenstellung in einem Buch zu finden ist: Zunächst informiert sie über sexualisierte Gewalt in »Zahlen, Daten und Fakten«, aber auch über Möglichkeiten der Prävention und von Interventionen, die im präventiven Bereich sinnvoll sein können. Anschließend folgt ein Abschnitt, in dem über Traumata und welche Folgen sie haben können, kundig berichtet wird. Unter der Überschrift »Heilung ist möglich« geht es dann um ein Verstehen insbesondere der dissoziativen Identitätsstörung und um Behandlungsmöglichkeiten. Dies alles genau zu wissen kann für Betroffene eine große Hilfe sein.
So geht es in diesem Buch auch um die Expertise einer Betroffenen, die sich nicht von Experten vormachen lassen will, womit sie sich zu helfen lassen hat. Es ist schon seltsam, dass Menschen, die selbst nicht annähernd so schlimme Erfahrungen gemacht haben wie Frau Winter, meinen, sich anmaßen zu können, ihr zu sagen, was auf ihrem Heilungsweg »das Richtige« ist. Obwohl klar sein dürfte, dass es das einzig Richtige schon deshalb nicht geben kann, weil jeder Mensch einzigartig ist. Sie verweigert sich der Besserwisserei und besteht auf ihrem eigenen Urteil. Übrigens könnte sie sich heute auf das Patientenrechtegesetz berufen und Behandlungen ablehnen, die sie nicht will. Frau Winter hat sich aufs genaueste Wissen angeeignet und gibt dieses umfangreiche Wissen weiter. Sie weigert sich, Wege zu gehen, auf denen sie sich nicht wohl fühlt. Sie kann sagen, jetzt ist es genug. Insoweit ist Frau Winter auch ein Vorbild für alle Betroffenen, die sich allzu leicht von Expertinnen und Experten Dinge aufdrängen lassen, obwohl sie spüren, dass sie ihnen nicht gut tun. Ungesunder Gehorsam gegenüber Autoritäten ist, wenn man als Kind Opfer von Gewalt und sexualisierter Gewalt war, nicht leicht abzulegen. Constanze Winter hat sich ihre eigenes Urteil nicht nehmen lassen. Das ist wichtig! Und damit kann sie anderen Mut machen und durch das, was sie schreibt, andere befähigen, eine eigene Expertise zu entwickeln. Damit hilft sie Opfern, sich ihres Rechtes auf Würde wieder bewusst zu werden, wenn dieses Recht verloren scheint.
Voller Würde, Humor und Klugheit ist dieses Buch geschrieben.
Fachleuten sei dieses Buch empfohlen, damit sie von ihrem hohen Ross absteigen, Betroffenen und Angehörigen, damit sie sich erlauben, Fachleuten auf Augenhöhe begegnen zu wollen.
Luise Reddemann
Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und Medizinische Psychologie an der Universität Klagenfurt, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin
In meinem Urlaub fand ich die Zeit, das Buch von Constanze Winter zu lesen. Auch wenn ich mit dem Thema auf Grund meines Berufes und meiner Aufgabe im »Trauma Hilfe Zentrum München e.V.« vertraut bin, ist ein Buch über Traumatisierung nicht nur einfache Urlaubslektüre. Umso überraschter war ich, als ich den Text las. Das Buch belastet beim Lesen nicht zu sehr, obwohl es immer wieder Beschreibungen der traumaassoziierten Gefühle und Gedanken gibt. Die frische und direkte Sprache mit Mut zu persönlichen Aussagen unterscheidet dieses Buch von anderen Büchern zu diesem Thema. Für empfindsame Leserinnen und Leser sind diese Textstellen mit einem Hinweis versehen, man muss sie nicht lesen, um den Text zu verstehen. Das Verständnis einer Traumfolgestörung wird durch klare fachliche Definitionen gefördert. Durch den Bezug zur eigenen Geschichte werden diese theoretischen Aussagen zudem auch emotional nachvollziehbar.
Besonders beeindruckend finde ich die Klärung von verworrenen Vorstellungen und Abwehrmechanismen zum Thema »Missbrauch und Folgen«. Viele gängige Aussagen werden durch die Gegenüberstellung mit den persönlichen Erfahrungen als fatal und zerstörerisch entlarvt.
Frau Winter gibt einen Überblick über die Therapiemöglichkeiten, wobei sie die systemische Sicht besonders betont. Es wird deutlich, dass die Therapie von Traumfolgestörungen eines besonderen Wissens und einer besonderen therapeutischen Haltung bedarf. Die Therapie kann auch mit anderen Therapiemethoden umgesetzt werden, so lange die traumaspezifische Sicht die Grundlage bildet.
Frau Winter gelingt es, das Thema so darzustellen, dass man nicht ohnmächtig und überfordert zurückbleibt. Immer wieder betont sie die Konsequenzen des aktuellen Handelns. Ihr Text ist ein Aufruf zur Übernahme von Verantwortung sowohl im familiären als auch im gesellschaftlichen Bereich. Betroffenen macht das Buch Mut, sich für ein eigenes gelingendes Leben einzusetzen und therapeutische Unterstützung anzunehmen.
Das Buch richtet sich an Betroffene, an gesellschaftlich Engagierte und an Fachleute. In meinen Augen können wirklich alle Gruppen von der Lektüren profitieren.
So wünsche ich dem Buch eine vielfältige Leserschaft und allen eine anregende Diskussion über die Inhalte.
Gabriele Heyers
Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
1. Vorsitzende des Träume Hilfe Zentrum München e. V.
Geleitwort von Luise Reddemann
Geleitwort von Gabriele Heyers
Einführung
Teil 1: Sexueller »Kindesmiss-Brauch« in Deutschland: Zahlen, Daten, Fakten
Sexualisierte Gewalt gegen Kinder: Definition, Ursachen und Folgen
Täter und ihre Charakteristiken
Statistiken, oder: Wir sollten wissen, dass wir nichts wissen
Lassen Sie uns über Tabus reden…
Sprechen hilft?!
Prävention
Möglichkeiten der Intervention
Familien; oder besser gesagt: die kleinste gesellschaftliche Zelle
Familienmitglieder als Helfer(Innen)
Es gibt viele Formen von Miss-Brauch
Wohin geht die Reise?
Teil 2: Trauma und Traumafolgeschädigungen
Wie entsteht ein Trauma?
Grundlegendes zum »Ich«
Symptome eines unglücklichen Systems; die Spätwirkungen
Typisch! So und ähnlich schlecht kann man sich fühlen
Teil 3: Heilung ist möglich!
Therapeutische Grundlagen
Die Traumatherapie
Das Modell der dissoziativen Persönlichkeit
Die inneren Helfer
Imaginationen
Träume
Wege zur Veränderung
Trauma-Integration
Aufstellungen
Schwierigkeiten bei der Umsetzung
Nach der Therapie: Vom Saulus zum Paulus
Betroffene und ihre Familien
Kontroversen
Literaturverzeichnis
Anhang
Auflistung der Beratungsstellen
Endnoten
Index
Vorweg eine Begriffsklärung: Sexualisierte Gewalt, sexuelle Gewalt – oder sexueller Kindesmissbrauch? Welchen Begriff ich auch verwende, keiner kann das Leid und das Schrecken in Worte fassen. Doch der Begriff »Missbrauch« wird nicht von allen Betroffenen akzeptiert, da er einen »sachgemäßen Gebrauch« von Kindern impliziert. Ich sehe das nicht so, nehme die Bedenken aber ernst. In der Regel spreche ich also von sexualisierter Gewalt. Manchmal benutze ich den Begriff »Miss-Brauch«, denn das ist die Kernaussage meines Buches. Sexualisierte Gewalt ist in den Familien weit verbreitet, es ist damit eine Art von »Brauch«, Kinder für das Ausleben der eigenen sexualisierten oder sexuellen Vorstellungen zu instrumentalisieren, sie zu »missbrauchen«. Es ist ein schwieriges Thema, und es fiel mir oft schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich hoffe, dass ich den Betroffenen gerecht geworden bin.
Warum dieses Buch? Viele sollten es lesen. Betroffene und ihre Angehörigen. Menschen, die sich professionell mit dem Thema auseinandersetzen müssen: Therapeuten, Pädagogen – aber auch Juristen und Journalisten. Dazu all die Menschen, die sich im täglichen Leben für Kinderrechte einsetzen wollen. Und wünschenswerter Weise die Täter. Sexualisierte Gewalt ist kein Kavaliersdelikt, ist nicht in erster Linie ein Tabubruch, sondern immer ein schweres Verbrechen mit langfristigen Folgen. Missbrauch zerstört Seelen, zerstört Persönlichkeiten – verursacht schweres Leid, häufig ein Leben lang. Die Verantwortung dafür liegt primär bei den Missbrauchern und ihren (aktiven) Helfern. Doch auf den zweiten Blick wird deutlich: Kindesmissbrauch ist ein gesellschaftspolitisches Problem, wir alle sind in der Pflicht. Nur wenn wir erkennen, welche Strukturen den Missbrauch begünstigen, können wir sie verändern.
Denn wir reden nicht von Einzelschicksalen. Vorsichtige Schätzungen gehen von einer Dunkelziffer von ca. fünf Prozent aus, die Betroffenenorganisationen vermuten bei ca. fünfzehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung Missbrauchserfahrungen. Fünf von Hundert, oder sogar fünfzehn von Hundert? In nahezu jeder Kindergartengruppe, in jeder Schulklasse trifft es rein statistisch gesehen mindestens ein Kind.
Diese Kinder werden irgendwann erwachsen, und dann arbeiten sie. Im Supermarkt um die Ecke, als Lehrer, als Arzt, Anwalt oder Postbote. Aus den Opfern werden Überlebende, sie gründen Familien, sind sozial verankert. Einige schaffen das ohne besondere Probleme ein ganzes Leben lang. Bei anderen ist die Kraft irgendwann verbraucht, tiefe Depression oder Erkrankungen mit unklaren körperlichen Symptomen sind die Folge. Jeder von uns hat mit Missbrauchten zu tun, wir wissen es nur nicht. Besonders zu denken gibt mir die Kehrseite der Medaille: nicht nur die Betroffenen, auch die Täter sind mitten unter uns. Es ist an der Zeit, daran etwas zu ändern.
Scham und Schuldgefühle sind den Tätern zumeist fremd. Wir, die Überlebenden, tragen schwer daran. Verkehrte Welt. Immer mehr von uns melden sich zu Wort, es gibt so viele. In allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft. Wir alle kämpfen: mit dem Gefühl, verrückt zu sein, mit Ängsten und grenzenloser Traurigkeit; und vielleicht irgendwann mit dem Gefühl, dieses Leben nicht mehr bewältigen zu können.
Doch auch für uns gibt es eine zweite Chance. Heilung ist möglich! Und zwar in jeder Phase eines Lebens. Auch ältere Menschen können ihre lange zurückliegenden traumatischen Erlebnisse verarbeiten. Mittlerweile gibt es Therapiemöglichkeiten, die jeden Einsatz lohnen. Dieser Einsatz ist hoch, eine Traumatherapie fordert sehr. Trotzdem hoffe ich, dass mein eigenes Beispiel anderen Mut machen kann. Ich beschreibe meinen Weg und erläutere dabei die der Therapie zu Grunde liegenden Theorien.
Dieses Buch ist eine Mischung aus Sachbuch und eigenem Erleben. Es soll ein grundlegendes Basiswissen vermitteln; und verdeutlichen, wie schwerwiegend die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit sind. Ein Leben lang … Die Familie ist heilig, aber schützt sie ihre Kinder auch? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Gerade deshalb müssen wir gemeinsam nach Lösungen suchen. Sich dem »Unvorstellbaren« zu stellen: meiner Ansicht nach bedeutet das den ersten Schritt.
Das Buch hat bewegende, aber auch verstörende Passagen, die mit Vorsicht gelesen werden müssen. Ich spreche nicht über die Taten, doch ich beschreibe eindringlich die Folgen. Denn das Leiden braucht mehr als eine sanfte Stimme. Damit wir nicht länger wegsehen …
Zur Gender-Sprachregelung
Korrekte Sprachregelungen stören den Lesefluss, deshalb habe ich mich zu einem Kompromiss durchgerungen. In den allgemeinen Passagen spreche ich von den Betroffenen, doch ich schreibe aus der weiblichen Sicht, und meine Therapie wurde von einer Frau begleitet. Deshalb verwende ich sehr häufig die weiblichen Formen. Ich bin mir bewusst, dass auch Jungen und Männer diese Erfahrungen machen mussten. Ich weiß auch, dass es sehr gute männliche Therapeuten gibt. Deshalb hoffe ich, dass sich niemand durch meine Art der Darstellung zurückgesetzt oder angegriffen fühlt. Und noch eine Anmerkung: Ich selber habe mich nicht als Patientin, sondern als Klientin gesehen. Dieser Begriff wird in der klientenzentrierten Psychotherapie eingesetzt, er leitet sich aus dem lateinischen »cliens – Schutzbefohlener« ab. Diesen Schutz habe ich in meiner Therapie bekommen.
Vorsicht Trigger
Für Menschen mit schwierigen Erfahrungen können einzelne Passagen belastend sein. Ich habe eine Triggerwarnung eingefügt und diese Stellen im Text markiert.
Als Betroffene bin ich wütend. Auf den Täter, auf diejenigen, die mich nicht geschützt haben? Sicher auf die auch, immer noch. Aber jetzt – erwachsen, betroffen und vielleicht geheilt – jetzt bin ich wütend darüber, wie wir alle als Gesellschaft mit dem Thema »Miss-Brauch« von Kindern umgehen. Täglich, stündlich wird Kindern sexuelle Gewalt zugefügt. Organisiert und quasi öffentlich in den bei uns so beliebten Urlaubs-«Paradiesen«, privat und versteckt in Familien und Institutionen in Deutschland. Vor unserer Haustür, in unserer direkten Nachbarschaft. Was leisten wir heute, um die Kinder zu schützen? Ratlos stehen wir da, überzeugende Antworten gibt es kaum.
Die Familie soll einen Rückzugsort bieten, das Private wird gesetzlich geschützt. Das gehört zu den Grundlagen unserer Gesellschaft, auf dieses Privileg sind wir stolz. Doch alle Statistiken zeigen ein einhelliges Bild: die meisten Delikte sexualisierter Gewalt gibt es im Familien-, Verwandten- oder Bekanntenkreis. Ganz offensichtlich passt da etwas nicht zusammen. Prävention beginnt nicht bei den Kindern. Wir Erwachsene sind in der Pflicht.
Kinder haben ein sexuelles Empfinden, sie reagieren auf Stimulanzen und sind neugierig bereit, ihren Körper und den von anderen Kindern zu erkunden. »Doktorspiele« unter Gleichaltrigen gehören dazu, auch wenn diese Aktivitäten viele Erwachsene irritieren. Doch nur bei Kindern passen Erwartungs- und Erlebnishorizont zueinander. Diese Erkundungen sollten ohne Überwachung oder Kontrolle von Erwachsenen möglich sein, auch wenn dieser Ansatz ein Risiko beinhaltet. Auch unter nahezu Gleichaltrigen kann es zu Übergriffen oder Grenzüberschreitungen kommen. Kinder, die sich bedrängt fühlen, müssen Schutz bei Erwachsenen finden können. Allerdings gilt: hysterische Reaktionen oder Schuldzuweisungen sind belastend für alle Beteiligten. Stigmatisierungen von »Tätern« und »Opfern« haben weitreichende Folgen für beide. Kinder sollen Lebenskompetenzen erlernen; dazu gehört, die eigenen Grenzen zu erkennen und die Grenzen der anderen zu beachten.
Worauf kommt es an? Unter anderem darauf, die sexuelle Entwicklung der eigenen Kinder nicht zu negieren. Wird das Thema in den Familien tabuisiert, dann kann ein Kind auch einen eventuellen »Miss-Brauch« nur schwer offenbaren. Dabei ist das so wichtig! Je eher ein betroffenes Kind Hilfestellungen erhält, umso harmloser werden die Konsequenzen sein. Nicht jeder sexuelle Übergriff verursacht ein Trauma, nicht jeder Vorfall hat lebenslange Konsequenzen. Es ist die schwierige Aufgabe von Eltern und Erziehern, im richtigen Moment schützend einzugreifen. Uns allen fällt es schwer, einen Maßstab für die Beurteilung von »angemessen« und »übergriffig« zu finden.
Deshalb müssen Eltern lernen, zwischen ihrem und dem Empfinden der Kinder zu trennen. Welche Ängste habe ich, was projiziere ich davon auf mein Kind. Wer ist beunruhigt? Steckt mein Kind in einem Dilemma, oder bietet die Situation eine Plattform für meine alten Kämpfe? Gerade in belastenden Situationen müssen wir daran denken: »Mein Kind ist ein eigenständiges Wesen. Mein Kind hat eine eigene Geschichte. Meine Erlebnisse, Verletzungen und Erfahrungen gehören zu mir. Mein Kind ist davon nicht betroffen. Es hat eigenen Erfahrungen gemacht, es hat eigenen Erlebnisse, eigene Gefühle, eigene Strategien – und eigene Anschauungen.« Bei allem, was passieren kann: Kinder brauchen Unterstützung, Trost und Hilfe, aber keine zusätzliche Aufregung.
Was denkt »die Öffentlichkeit« über sexuellen »Kindes-miss-Brauch«? Was für eine Frage, »Kinderschänder« tun etwas Verwerfliches, darüber muss man gar nicht diskutieren. Ach so? Fragen Sie einmal die Betroffenen. Fragen Sie mal die Initiatoren des Aufrufs: »Ich habe nicht angezeigt, weil …« In der Regel bläst der Wind nicht den Tätern ins Gesicht. Die Opfer haben die Beweislast, und sie machen immer wieder die Erfahrung, dass man ihnen nicht glaubt.
Schließlich ist es auch ein schwerwiegender Vorwurf, der, wenn er unberechtigt geäußert wird, Existenzen und Familien zerstört. Ist er jedoch berechtigt und wird nicht geäußert, dann gilt dasselbe, und zwar potenziert. Es bleibt nicht bei einem Einzelschicksal, Täter sind in der Regel mehrfach tätig. Werden sie nicht gestoppt, dann finden sie immer neue Opfer.
Die Justiz agiert zurückhaltend, der gesellschaftliche Meinungsbildungsprozess schreit nach Eskalation. Es geht darum, Schuldige an den Pranger zu stellen. Das hat so funktioniert, als 2010 über die Missstände in Heimen und Internaten berichtet wurde. Das funktioniert mit dem Ex-Bundestagsabgeordneten Edathy. Wohlgemerkt: Ich habe nichts dagegen, Schuldige zu bestrafen. Doch hilft der öffentliche Pranger? Leider zeigt die Erfahrung, dass nach dem ersten »shitstorm« alle wieder zur Tagesordnung übergehen. An den Strukturen wird nichts verändert. Eskalierende Meinungsbildungsprozesse sind wie das griechische Drama. Am Ende steht die Katharsis. Der Mensch hat sich so schön aufgeregt, belohnt wird er mit dem Gefühl: »Alles ist gut.« Dieser Eindruck trügt. Das gilt für die Berichterstattung über BSE, die Vogelgrippe, für Lebensmittelskandale – und das gilt uneingeschränkt auch für die Berichte über sexuelle Gewalt gegen Kinder.
Den alltäglich stattfindenden Horror blenden wir aus. Niemand stellt sich gern der Gewissheit, dass zumindest in unserem erweiterten Umfeld Täter und Opfer gibt. Die in den Familien, von Verwandten oder guten Freunden verletzten Kinder haben keine Lobby. Doch um Kinder sinnvoll zu schützen, müssen wir auch das »Undenkbare« für möglich halten. Ohne hysterisch zu werden, ohne Überreaktionen, ohne blinden Aktionismus.
Vorsicht Trigger
Angst…
ist das, was durch mich kriecht, unbestimmt und immer da.
Im Hinterkopf, im Bauch – als Kloß in der Kehle.
Angst ist das, was mich verschwimmen lässt.
Grenzenlos ins Unendliche.
Angst ist Knoten und Auflösung zugleich.
Sexualisierte Gewalt an Kindern ruft Traumata hervor. Die Sexualwissenschaftler (Kap. Plädoyer gegen Pädosexualität, S. 21) äußern sich eindeutig und unmissverständlich: Sexuelle Handlungen von Erwachsenen – oder älteren Jugendlichen – an Kindern sind immer Gewalt, auch wenn das Kind nicht geschlagen oder bedroht wird. Denn in der Regel wehren die Kinder sich nicht, die Gründe dazu sind vielfältig (Kap. Das Bindungs-Dilemma, S. 141). Das macht den sexuellen Angriff nicht weniger schlimm. Keine Gegenwehr bedeutet niemals Einverständnis.
Vorsicht Trigger
Wenn ich jetzt hier sitze – erwachsen, in meinem privilegierten Haus, mit funktionierender Familie und abgesicherter Existenz – und ich horche in mich rein, dann ist es immer noch da. Eine große Welle übergroßer Traurigkeit steigt auf. In meiner Blase meldet sich ein Brennen und Ziehen. Meine Atmung wird flacher, mein Hals tut mir weh. Ich halte die Luft an, der Kopf schmerzt. Der Kloß im Hals wird immer stärker, ich kann kaum noch atmen. Alle Glieder schmerzen, Arme und Beine sind bewegungsunfähig.
Da ist so großes Leid. Obwohl ich jetzt und hier in meinem gesicherten und guten Leben sitze. Horche ich in mich hinein, dann ist die Grenze zwischen Leben und Tod immer noch fließend. Ich könnte hier sitzen bleiben und einfach aufhören mit der Existenz.
In der Justiz gilt der § 176 des Strafgesetzbuches.i Der besagt: alle sexuellen Handlungen eines Erwachsenen (oder Jugendlichen) an, mit oder vor einem Kind unter 14 Jahren oder die Anleitung eines Kindes zu sexuellen Handlungen an sich oder anderen können mit Freiheitsstrafen von 3 Monaten bis zu 10 Jahren sanktioniert werden. Die Betonung liegt auf können. Zwar ist die Anzeigebereitschaft in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, doch durchschnittlich nur 32% der Angeklagten wurden in den letzten 20 Jahren auch verurteilt; Tendenz nicht steigend. Die Gründe für diese Diskrepanz? Sie liegen vielleicht in den verkrusteten Strukturen, bezeugen vielleicht ein immer noch vorhandenes patriarchalisches Denken im Justizapparat. In nahezu jedem Verfahren lassen sich »Schwierigkeiten in der Beweislast« finden.
Richter, Anwälte und Staatsanwälte kennen sich mit Traumafolgen nur rudimentär aus. Dieser Umstand wird in den Justizverwaltungen intern bemängelt, zu Weiterbildungen fehlt jedoch die Zeit (vgl. Bergmann 2011). Es gibt kein eindeutiges »sexual abuse syndrom«, das hat Folgen für die juristische Praxis. Die Auswirkungen der erlebten sexuellen Gewalt sind individuell sehr unterschiedlich und können nicht zweifelsfrei bestimmten sexuellen Handlungen zugeordnet werden. Sofern akute physische Verletzungen nicht dokumentiert wurden, sind die Aussagen der Opfer die einzigen Hinweise.
Schwere Anschuldigungen können eine Karriere, ein Leben zerstören. Schwere Anschuldigungen, zu Unrecht vorgetragen, sind ein infames Mittel, um den Gegner heftig zu treffen. Vergewaltigungsvorwürfe nach Beendigung einer Partnerschaft, Miss-Brauchsvorwürfe, um den Vater zu diffamieren: sicher wird es Fälle geben, in denen die vermeintlichen »Opfer« die tatsächlichen Täter sind und so ihren persönlichen Rachefeldzug starten. Genau deshalb soll die Justiz für Aufklärung sorgen. Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich jedoch daraus, dass sowohl die Laien als auch die Fachleute (und genau das ist so erschreckend!) zu einer Vorverurteilung neigen. Wenn Anzeige erstattet wird, dann geraten zunächst einmal die Anzeigenden in Verdacht. Opfer eines Gewaltverbrechens geworden zu sein, und dann die Erkenntnis, dass einem niemand glaubt: das ist nur schwer zu ertragen. Und es ist kein Einzelfall, das ist gut belegbar (vgl. u. a. #ichhabenichtangezeigt). Es gibt 1000 gute Gründe dafür, den Schritt zur Justiz nicht zu wagen. Und trotzdem ist dieser Schritt so wichtig. Warum? Weil wir mittlerweile wissen, dass Täter sich mehr als nur ein Opfer suchen. Weil sie über Jahre, über Jahrzehnte aktiv sein können. Und dabei die Entwicklung von vielen jungen Menschen in den Grundfesten erschüttern können.
Ich kann leicht für das Anzeigen votieren, mein Täter ist seit vielen Jahren tot. Ich kann ihn nicht mehr anzeigen. Ansonsten hätte ich gute Voraussetzungen: Ich lebe schon seit Jahrzehnten in einem anderen Bundesland, habe mich formal schon vor langer Zeit aus den familiären Zusammenhängen gelöst. Eine Anzeige würde mein Alltagsleben nicht beeinträchtigen, meine sozialen Kontakte würden nicht gestört. Das ist heute so: mehr als 40 Jahre, nachdem der Miss-Brauch das letzte Mal geschehen ist. Wie war das früher? Ich erinnere mich an entsetzliche Seelenqualen. Als Jugendliche habe ich die ersten Trigger erlebt: Gerüche verursachten Abscheu, Bilder poppten auf, Körpererinnerungen machten sich bemerkbar. Ich wusste zwar nicht genau, was passiert war. Aber ich wusste genau: da war etwas mit diesem Onkel. Und dann kam eine bittere Erkenntnis: seine Enkelin! Dieses Mädchen, 7 Jahre jünger als ich, dieses Mädchen hatte schon lange meine Stelle eingenommen.
Ja, ich wäre in der Pflicht gewesen. Ich hätte etwas sagen müssen, für Aufklärung sorgen, dieses Mädchen »retten« müssen. Aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht darüber reden. Aus eigener Kraft hätte und habe ich das damals nicht geschafft. Wobei ich die kleine Suse nicht nur verraten habe. Denn mir war plötzlich klar, dass es mit ihr schon lange so gegangen sein muss. Und ich habe mich daran erinnert, dass die Angst vor der Entdeckung durch andere ähnlich qualvoll war wie der Miss-Brauch selbst. Ich habe gelitten, da war wirkliches Mit-Leid mit dem neuen Opfer. Aber ich habe nichts gesagt. Auch, um sie nicht zusätzlich zu verletzen.
Heute ist mir klar, dass vor mir zumindest seine eigene Tochter sein Opfer war. Und mir fallen noch zwei, drei, vier andere Mädchen ein, die dazugehören könnten. Und wie viele kamen danach noch? Damals, in meiner jugendlichen grenzenlosen Naivität, habe ich mir eingeredet, dass er dann ja schließlich zu alt für »solche Sachen« geworden ist. Heute weiß ich, dass es keine Altersgrenzen gibt. Viele kleine Leben, die von ihm in vielen Bereichen zerstört worden sind. Und niemand hat ihn aufgehalten. Ich auch nicht. Mit dieser Schuld muss ich leben. (Therapietagebuch)
Die Anzeigepflicht ist ein heiß diskutiertes Thema. Es gibt gute Argumente, die dagegen sprechen. Das wichtigste: noch weniger Betroffene würden den Schritt »Offenbarung« wagen, wenn polizeiliche oder juristische Konsequenzen die Folge wären. Jetzt eine Anzeigepflicht einzuführen würde bedeuten, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Momentan ist es noch so, dass die Unschuldsvermutung für den Angeklagten gilt – und die Anklage unter Generalverdacht gestellt wird. Es gibt etliche Anwaltskanzleien, die sich auf die Verteidigung von Sexualstraftätern spezialisiert haben. Die werben damit, dass 90% ihrer Fälle schon während des Ermittlungsverfahrens eingestellt werden. Das bedeutet: der Sachverhalt kommt nicht mal vor Gericht. Wenn doch, dann droht ein Glaubwürdigkeitsgutachten. Das bedeutet: Die Aussagen werden auf Widersprüche untersucht und dann als unglaubwürdig deklassiert; im Anhang finden Sie dazu ein Informationsschreiben eines Anwaltsbüros, dass sich auf die Abweisung von Anklagen wegen sexualisierter Gewalt gegen Kinder spezialisiert hatii. Liest man diese Seiten, dann wird eines überdeutlich: In den Aussagen traumatisierter Menschen lassen sich mit Leichtigkeit genau die Widersprüchlichkeiten finden, die laut der derzeit geltenden Auslegung auf nicht wahrheitsgemäße Aussagen hindeuten. Mit der Überprüfung der Glaubwürdigkeit wird zudem eine Verleumdungsklage angekündigt. Diese Anwälte wissen: Angriff ist die beste Verteidigung.
Der Kampf gegen sexualisierte Gewalt kann in letzter Konsequenz nicht auf der juristischen Ebene gewonnen werden. Prävention ist wichtiger als Sanktion! Aber wir wissen um die Schwächen unserer Rechtsprechung. Eine aufgeklärte und demokratische Gesellschaft sollte daran arbeiten, diese Fehlentwicklungen zu optimieren. Idealistisch gedacht, sicherlich. Aber ich bin nun einmal ein bedingungsloser Optimist …
Wer kann Täter sein? Nahezu jeder - und jede. Bis vor einigen Jahren waren wir der festen Überzeugung, dass nur die Männer »missbrauchen« und die Opfer fast immer weiblich sind. Das stimmt so nicht. Auch Frauen sind Täter, zum einen dadurch, dass sie Beihilfe leisten. Aber es gibt auch aktive Miss-Braucherinnen. Wenn ich im Folgenden also von den Tätern spreche, dann meine ich damit auch Frauen. Fakt ist: es gibt kein äußeres Merkmal, an dem Sie einen Täter erkennen können, nicht einmal das Geschlecht. Nichts. Nada. Niente.
Die Sexualforscher gehen davon aus, dass 25 bis 50% der sexualisierten Gewalt an Kindern von pädophilen Tätern begangen wird (vgl. Marshall 2005). Im Umkehrschluss bedeutet das: 75 bis 50% der Täter sind nicht pädophil! Die genaue Anzahl lässt sich nicht bestimmen, da zum einen die große Mehrzahl der Täter nicht angezeigt wird. Zum anderen: auch bei bekannt gewordenen Fällen wird keine Diagnostik durchgeführt.
Doch was versteht die Sexualwissenschaft unter Pädophilie? Sie bezeichnet eine sexuelle Präferenz für kindliche Körper bis zur Vorpubertät. Diese Präferenz bildet sich in der Regel bis zum 16. Lebensjahr, spätestens jedoch bis zum Ende der zweiten Lebensdekade heraus. Sexuelle Präferenzen des Menschen sind nicht veränderbar. Das gilt für die Homophilie genauso wie die Pädophilie. Doch die beiden Sexualpräferenzen unterscheiden sich grundlegend: Homosexualität funktioniert in der Regel im gegenseitigen Einverständnis unter Erwachsenen, es liegt kein Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung vor. Es ist genau wie die Heterosexualität eine normale Form der Sexualität zwischen erwachsenen Partnern. Anders die Pädosexualität: Sexuelle Begegnungen mit Erwachsenen sind für Kinder immer eine massive psychische und häufig auch physische Verletzung, können immer unabsehbare Spätfolgen entwickeln – und sind immer (!) ein Verbrechen. Das gilt besonders, wenn Kinder die Täter kennen und vielleicht sogar lieben.
Pädophilie kann in Haupt- und Nebenströmungen auftreten. Nebenströmung bedeutet, dass Sexualkontakte und Partnerschaften mit Gleichaltrigen möglich sind. Anders in der Hauptströmung, Sexualkontakte und Partnerschaften könnten nur mit Kindern stattfinden. Diese Präferenz ist nicht beeinflussbar. Übersetzt heißt Pädophilie Kinderliebe, und tatsächlich geht es häufig nicht nur um »schnellen Sex«, sondern um eine Liebesbeziehung, die Sexualität beinhalten würde. Diese Beziehungen dürfen nicht stattfinden. Und zwar nicht, weil bigotte oder antiquierte Moralvorstellungen das verlangen, sondern weil sie Kindern Schaden zufügen.
Pädophilie ist somit eine Störung der Sexualpräferenz, der Fachbegriff lautet Paraphilie. Die damit verbundenen Auswirkungen werden als Krankheit klassifiziert. »Wenn ein ›abweichendes‹ sexuelles Bedürfnis für eine Person zu Problemen, Leidensdruck und/oder sozialen Konflikten führt oder eine Person aufgrund ihrer Sexualpräferenz sich selbst oder andere schädigt, so erlangt diese sexuelle Präferenzausprägung den Status einer krankheitswerten und damit behandlungsbedürftigen Störung der Sexualpräferenz (ICD-10/WHO nach Dilling et al. 2008) beziehungsweise Paraphilie (DSM-IV-TR nach Saß et al. 2003).« (Ahlers 2010c).Pädophilie ist ein schweres Schicksal für die Menschen, die nicht zum Täter werden wollen. Diese Menschen verdienen nicht unsere Verachtung, sie brauchen unsere Unterstützung.
Unter zwei Bedingungen kann ein pädophiler Mensch verantwortungsvoll handeln. Er muss erkennen, dass er sexuell auf Kinder anspricht, und er muss sich bewusst machen, dass das eine Gefahr darstellt. »Daraus folgt in der Regel ein Leidensdruck. Das sind die bedingenden Voraussetzungen für eine Therapiemotivation und für den eigenen Willen, keine Übergriffe zu begehen. Wenn das erfüllt ist, sind die therapeutischen Optionen groß: Denn dann lernen die Betroffenen, dass sie zwar an ihrer sexuellen Präferenz nicht schuld sind, aber für ihr sexuelles Verhalten verantwortlich.« (Ahlers 2010a).
Wenn also Pädophile von vornherein als Kinderschänder gebrandmarkt werden, dann behindert das die überzeugenden Therapieversuche, die es mittlerweile gibt. Die Kampagne »Kein Täter werden« hat sich 2005 an der Berliner Charité als Forschungsprojekt etabliert. 2014 gibt es zehn Niederlassungen im Bundesgebiet; Tendenz steigend. Investitionen in die Therapie der Täter sind keine Sozial-Folklore, sondern sie dienen tatsächlich der Prävention. Kein Täter werden ist auch ein Dunkelfeld-Programm, einige der Teilnehmer haben beispielsweise Kinderpornografie konsumiert. Das ist kein Kavaliersdelikt, es ist eine Straftat. Diese Menschen sind sich dessen bewusst, sie haben einen hohen Leidensdruck. Sie bekommen durch die Therapie und etwaige medikamentöse Behandlung die nötige Unterstützung, um ihren Neigungen nicht weiter nachzugeben.
2014 hat der »Fall Edathy« für viel Medienwirbel gesorgt. Und wieder ist Eskalation angesagt. Politiker distanzieren sich »aufs Schärfste«. Warum? Ganz platt gesagt, weil sie der Populismus treibt und sie Leichen im Keller haben. Jede der Parteien will krampfhaft von etwas ablenken: Die SPD von ihrem Abgeordneten, die Grünen von den alten Parteiprogrammen, die Christsozialen von den Verstrickungen der Kirche … Großes Palaver, viele Beteuerungen, wenig konkrete Hilfestellungen waren bisher leider immer wieder die Folge. Und trotzdem bewegt sich etwas. Langsam.
Denken wir an Gerold Becker, den langjährigen Direktor der hochgelobten Odenwaldschule und gefeierten Protagonisten der Reformpädagogik. Die Wellen schlugen hoch, als die Vorwürfe gegen Becker von den auflagenstarken Medien aufgenommen und verbreitet wurden. Die geordnete Welt von schwarz und weiß geriet ins Wanken. Schwarz, das waren die bösen patriarchalischen und machtversessenen Kinderschänder, und weiß: die, die sich für eine liberale Erziehung eingesetzt haben, die jahrzehntelang das Wohl der Kinderseelen im Wort geführt haben. Auch die sollten zu den Bösen gehören? Viele Kommentatoren hatten dazu etwas zu sagen. Und bei vielen lautete der Tenor: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wenn ein Mensch wie Gerold Becker »missbraucht«, dann passiert das eben zum Wohl des Kindes.
Es gab etliche Veröffentlichungen, die sich um Verständnis bemühten. Und einige, die in ihrer Verteidigung noch wesentlich weiter gingen. Adolf Muschg, Schriftsteller, Mitglied der Akademie der Künste, veröffentliche am 15. März 2010 im Berliner Tagesspiegel und in der Neuen Zürcher Zeitung einen Gastkommentar mit dem Titel »Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch«. Es gibt durchaus und immer noch Intellektuelle, die den sexuellen Miss-Brauch von Kindern als eine Art der Selbstverwirklichung begrüßen. Es ist ja alles nicht so schlimm, unterm Strich profitieren beide Seiten. Diese profane Aussage wird durch den Verweis auf den »pädagogischen Eros«, der in der Antike Teil der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern sein konnte, geadelt. Ein erstrebenswerter Zustand, weil schon Platon ihn pflegte? Klingt wenig überzeugend.
Am »Beispiel Becker« wurde viel diskutiert. Die Rede war von einer bigotten Scheinheiligkeit, die die freie Entfaltung von Entwicklungsprozessen verhindert und Denkverbote beinhaltet. »Inzwischen werden überall wieder moralische Barrikaden aufgerichtet, auf die sich in sittenrichterlicher Heiligkeit steigen lässt … (das) kann auch Restauration von Barbarei bedeuten, ›null Toleranz‹, die Machtergreifung der Fantasielosigkeit.« (Muschg 2012)
Solche Aussagen sind für mich ein Schlag ins Gesicht. Sie führen eine Tradition fort, die in den 1980ern fast zum »mainstream« geworden wäre. Gut organisierte Menschen versuchten, die Pädosexualtät unter dem Deckmantel von Freiheit und Toleranz zu legalisieren. »Weg mit den verkrusteten Strukturen – es lebe die individuelle Selbstentfaltung …« Der Tabubruch als Faszinosum (Kap. Lassen Sie uns über Tabus reden…, S. 37); damals wurde in den Parteiprogrammen der Grünen, aber zum Teil auch der FDP die Liebe zu Kindern propagiert. Auch jetzt, mehr als 30 Jahre später, tun sich die Parteien schwer mit der Aufarbeitung dieser Geschichte. Zum einen, weil sie einen eskalierenden Meinungsbildungsprozess fürchten. Zum anderen: noch immer haben nicht alle begriffen, dass Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern immer ein schweres Verbrechen ist. Die erschreckende Botschaft: Täter, ihre Verteidiger und häufig auch die Propagandisten der Liberalität und der individuellen Freiheiten haben nicht die geringste Ahnung davon, was die sexualisierten An- und Übergriffe für die betroffenen Kinder bedeutet. Sie haben keine Vorstellung davon, wie massiv und lang anhaltend diese Verletzungen der Seele sind.
Vorsicht Trigger
Reden wir über die Auswirkungen. Es ist nie vorbei, das ist das Schreckliche – auch die verständnisvollsten heilen Menschen können das kaum nachvollziehen. Obwohl ich alles versuche, um das Vergangene hinter mir zu lassen. Die Zeit heilt keine Wunden – sie lässt das verheilt Geglaubte immer und immer wieder aufbrechen. Da sind Verletzungen in mir drin, die sind einfach unvorstellbar. Da sind Qualen und Schmerzen, da sind aber auch Kräfte, die wollen verletzen, vielleicht töten. Mich töten. Wie lange schaffe ich das noch?
Sexualisierte Gewalt wird nicht nur als Tabubruch gerechtfertigt. Manche denken tatsächlich auch, das Gute würde überwiegen. Menschen fühlen sich als Wohltäter, wenn sie »armen und vernachlässigten« Kindern zur Seite stehen. Dass es dabei zum Austausch von Zärtlichkeiten komme, das sei von beiden Seiten so gewollt. Denn sonst würden die Kinder sich ja wehren … Diese Art des Selbstbetrugs ist unter Tätern weit verbreitet. Das Schlimme ist: Nicht selten werden die Täter von ihren Opfern tatsächlich geliebt. Das hat unterschiedliche Gründe, und es ist kein Einzelfall, im Gegenteil. Und gerade diese Dimension macht die sexualisierte Gewalt so unerträglich.
Vorsicht Trigger
Fast 10 Jahre lang hat mich mein Großonkel auf seine Art geliebt. Er lebte im selben Haus, er war Vertrauter meiner Eltern, er war meine Aufsichtsperson. Er hatte jeden Tag und jederzeit Kontakt zu mir. 10 Jahre – das sind rund 520 Wochen. Wenn nur einmal in der Woche das passiert ist, was er »seine Liebe zeigen« nannte, dann bedeutete das für mich 520 Mal Schmerz, Abscheu und das Gefühl, absolut ausgeliefert zu sein. 520 Mal Bedrohung, 520 Mal Todesangst. Todesangst, weil kein Kind das aushalten kann, was Erwachsene unter Sexualität verstehen. Jedes einzelne Mal. Es wird nicht besser oder einfacher mit der Zeit, es ist jedes Mal mindestens genau so schrecklich.
Ja, ich weiß, das ist unvorstellbar; auch für mich. Wer kann schon diese Gewissheit aushalten?! Ich habe es in meinem erwachsenen Leben lange Zeit negiert. Meine Wahrheit lautete: ich hatte einen Großonkel, da war was, aber er hat mir eigentlich nichts getan. Er wollte mir nie wehtun. Horche ich in mich hinein, dann habe ich immer noch seine Stimme im Ohr: »Onkel Reinhold will dir doch nicht wehtun, er tut dir nichts. Das ist ja nur so, weil er dich so lieb hat.«
Und das war jahrzehntelang meine Wahrheit: er hat mir nichts getan, nur ich habe versagt. Ich war schuld. Ich war nicht in der Lage, seine Liebe vernünftig anzunehmen. Ich war undankbar, ich habe überreagiert oder was auch immer. Ich jedenfalls habe alles falsch gemacht, er hat mir nichts getan. Er hatte keine Schuld. Dabei hat er mir in meiner Kindheit Schmerzen zugefügt, und er hat meine Seele kaputtgemacht – auf lange lange Zeit. Das Schlimme ist: ich habe ihn unglaublich geliebt. In meiner Kindheit war er für mich der wichtigste Mensch auf der Welt.
Im Rahmen der Resilienzforschung (Kap. Resilienz, mehr als ein Schlagwort!, S. 47) untersucht man mittlerweile, ob die von den »Unterstützern« erfahrene Zuneigung auch positive Auswirkungen auf das Kind haben kann. Wie genau das Leben danach sich entwickeln kann, das hängt von vielen und individuell unterschiedlichen Faktoren ab. Auch wenn dieses Leben nicht immer in einer Katastrophe mündet: der Täter trägt die Verantwortung für das Verbrechen, das er begangen hat.
Den Tätern sieht man ihre Taten nicht an. Das galt auch ganz besonders für meinen Onkel. Ein netter, gepflegter älterer Herr, immer höflich und gut gelaunt, mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Nicht übermäßig gebildet, vielleicht nicht sonderlich intelligent: aber das waren nicht die Qualitäten, die da, wo und wie ich aufgewachsen bin, irgendeine Rolle gespielt hatten. Ein gesunder, gut gewachsener Mann, der nicht übermäßig trank, der noch dazu gut aussah und seine Familie ernährte. Das waren die Kriterien, nach denen Rechtschaffenheit und Anstand beurteilt wurden. Und die einen Mann zu einem guten Ehemann adelten.
Er war meine Aufsichtsperson, er hat sich von allen Erwachsenen am meisten mit mir beschäftigt. Er war auch meine wichtigste Bezugsperson. Als Kind habe ich ihn sehr geliebt. Das ist üblich, aber fatal. »Wen hast Du denn am liebsten auf der Welt?« das fragte mein Vater mich mal auf einen Sonntagsspaziergang, da war ich so fünf bis sechs Jahre alt. Und wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: »Onkel Reinhold«. In Erinnerung geblieben ist mir diese Sequenz, weil meine Eltern sehr verletzt und verletzend auf diese Mitteilung reagiert haben. »Das darf man aber gar nicht! Man muss seine Eltern am liebsten haben. Alles andere ist nicht normal. Das darfst du nie wieder sagen.« Habe ich dann auch nicht mehr, ich war ja ein braves Mädchen. Mein Dilemma hat sich dadurch nicht verringert.
Über Jahre hinweg habe ich mir genau das nicht verzeihen können. Der Kerl benutzt mich auf widerliche Weise, und ich liebe ihn von meinem ganzen kindlichen Herzen. Das ist vernichtend. Unter den Folgen leide ich immer noch. Jetzt bin ich Mitte fünfzig.
Fakt ist: Zumeist wird sexueller Kindesmiss-Brauch von nichtpädophilen Tätern, von Ersatzhandlungstätern begangenen. Der Onkel, der Vater oder Stiefvater, die Mutter, die Tante, der Nachbar oder die Klavierlehrerin … Es gibt Menschen mit massiven psychischen Problemen, die Kinder als Überdruckventil einsetzen, sie »missbrauchen«. Dieses Muster gibt es in den unterschiedlichsten Ausformungen.
So gut wie alle wissenschaftlich belegbaren Ergebnisse über sexuelle Miss-Braucher stützen sich auf Erhebungen im Hellfeld: die Täter wurden angezeigt und verurteilt. Doch »…wie bei allen Deliktarten unterscheiden sich diejenigen Personen, die wegen Straftaten ermittelt, angezeigt, verurteilt und inhaftiert werden, signifikant von denen, die zwar Straftaten begehen, aber eben nicht ermittelt werden. Beide Personengruppen sind aus soziodemografischer, persönlichkeitspsychologischer und psychopathologischer Perspektive nicht nur nicht identisch, sondern vielmehr unvergleichbar.« (Ahlers 2010c). Soll heißen: vielleicht sind die, die sich nicht erwischen lassen, besser gebildet, sozial integriert, psychologisch nicht auffällig … im Ganzen besser in der Lage, sich zu tarnen. Der Großteil der Taten wird niemals aufgedeckt, die Täter bleiben unerkannt. Ihre Beweggründe auch.
Genau das halte ich für einen Skandal! So lange wir nicht mutig genug sind, die richtigen Fragen zu stellen, bleibt der Kinderschutz ein Lippenbekenntnis. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre die Diagnose von aktenkundig gewordenen Tätern. Das wird bisher nicht gemacht, einer erfolgreichen Therapie ist das bestimmt nicht zuträglich.
Lange Zeit war die öffentliche Diskussion über sexualisierte Gewalt an Kindern von einem feministisch geprägten Ansatz bestimmt, der auf den ersten Blick durchaus seine Berechtigung hat. Vordergründig gibt es Belege für die These, dass sexuelle Gewalt hauptursächlich mit patriarchalen Strukturen verknüpft ist. Sie ist Teil dieses hierarchischen Systems und sorgt gleichzeitig dafür, dass das Machtgefüge aufrecht erhalten bleibt.
Wenn traditionelle Geschlechterrollen und Arbeitsteilung vorherrschen und Frauen in Bezug auf ökonomische und politische Aspekte benachteiligt sind, dann steigt die Zahl der Vergewaltigungen.
In patriarchal strukturierten Familien ist das Risiko sexueller Gewalt im Vergleich zu weniger patriarchalen Familien deutlich höher. Väter und auch Brüder werden häufiger zu Tätern.
Sexuelle Gewalt wird als Machtinstrument eingesetzt, offen und versteckt. Patriarchalische Strukturen begünstigen Täter, die keinerlei Unrechtsbewusstsein haben, die ihre Taten für angemessen und notwendig halten. Das ist ein Problem, weltweit, und auch in unserer Gesellschaft. Doch sexualisierte Gewalt gegen Kinder hat wesentlich mehr Facetten. In Deutschland behauptet niemand in der Öffentlichkeit, dass er sexualisierte Gewalt für eine adäquate Sanktion im Rahmen der Erziehung ansieht. »Unsere« Täter verstecken ihre Haltung, sie tarnen sich. Und das machen sie verdammt gut …
Um einen besseren Blick darauf zu bekommen, was sexualisierte Gewalt tatsächlich verursacht, müssen wir die in unserem Bewusstsein und leider auch in der Wissenschaft lange Zeit tradierten Denkstrukturen hinterfragen. Unser gesellschaftliches Bewusstsein wurde durch einige Pseudo-Wahrheiten geprägt:
Männer sind nur schwer in der Lage, Ablehnung zu erkennen oder zu verstehen. Das hat biologische Ursachen, die Weibchen wollen erobert werden. Deshalb ist die männliche Sexualität aggressiver als die weibliche.
Männer haben einen viel stärkeren Sexualtrieb als die Frauen. Wird der gereizt, dann ist er nicht mehr zu kontrollieren und drängt nach sofortiger Befriedigung.
Wenn Männer ihren Sexualtrieb nicht befriedigen können, dann fühlen sie sich gezwungen, sich das Verweigerte mit Gewalt zu holen. Oder sich an Schwächeren abzureagieren. All das ist nicht unbedingt eine Frage des Charakters, sondern die Biologie fordert den Tribut.
Frauen und Mädchen provozieren durch ihr Verhalten und ihre Kleidung den Sexualtrieb der Männer und sind somit die eigentlich Schuldigen.
Viele der oben angeführten Gedankengänge zählen seit langer Zeit und immer noch zum »Allgemeinwissen« unserer Gesellschaft, und sie werden nicht selten zur Erklärung (und Rechtfertigung?) von Straftaten eingesetzt. Diese Sichtweise ist falsch, denn sie entlastet das Verhalten der Täter. Jeder erwachsene Mensch muss lernen, die Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen. Jeder steht in der Pflicht, muss sein Leben so einrichten, dass es sozial verträglich und nicht kriminell verläuft. Das wird vielleicht nicht jedem gelingen; die Verantwortung dafür trägt er jedoch selbst. Therapien können vielleicht Täter verhindern. Oder sie irgendwann wieder zu sozial integrierten Menschen werden lassen. Voraussetzung für jede Therapiemaßnahme ist jedoch, dass die Menschen die Schwere ihrer Tat anerkennen. Umstände können Verbrechen begünstigen; doch gezwungen wird nur das Opfer, nie der Täter.
