Tee mit dem Teufel - Reinhard Erös - E-Book

Tee mit dem Teufel E-Book

Reinhard Erös

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Beschreibung

Bundeswehrarzt Reinhard Erös brach nach Afghanistan auf, um den Kriegsopfern zu helfen. Er, der das Land seit Jahren kennt, gründete Bildungseinrichtungen für Mädchen und Frauen und sorgt bis heute für das Überleben der Flüchtlinge. Es sind keine verklärenden Erzählungen aus 1001 Nacht, wenn der Bayer mit dem dunklen Schnurrbart von seinen Erlebnissen in Afghanistan berichtet. Erfahrung mit Land und Leuten besitzt er wie kaum ein anderer: Bereits 1987 ließ er sich vom Dienst freistellen, um mit seiner Frau und vier Kindern im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet zu leben. Ein Kind starb dabei. Unter permanenter Bedrohung und in der Illegalität betreute er über 10 000 Menschen. Selbst den Taliban rang er Respekt ab, weil er im Krieg gegen die Sowjetunion unter Lebensgefahr die Zivilbevölkerung ärztlich versorgte. Er gründete Schulen für 1000 Flüchtlingsmädchen, in denen ausschließlich Frauen unterrichten. Er schildert die Entwicklung von der Emanzipation der Afghaninnen in den siebziger Jahren bis zu den schrecklichen Szenen heute.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Reinhard Erös

Tee mit dem Teufel

Als deutscher Militärarzt in Afghanistan

Hoffmann und Campe Verlag

Für Trutz

und seine großen und kleinen afghanischen Freunde,

die alle das Leben so liebten.

Zu Haus in Afghanistan

Neujahrsmorgen 2002. Ein strahlend blauer Himmel begrüßt uns am Grenzübergang Torkham am Khyber-Pass. Es ist dieses kräftige dunkle und doch strahlende Blau, wie ich es nur aus Afghanistan kenne. Als der Herrgott die Welt erschuf und sich entscheiden musste, wo er den Lapislazuli, diesen schönsten aller Halbedelsteine, vergraben sollte, hatte er keine andere Wahl: Afghanistan, das Land mit dem blauesten aller Himmel.

Zwei nagelneue japanische Pick-ups rasen auf uns zu, eine staubige Wolke zieht hinter ihnen her. Ein Dutzend schwer bewaffneter junger Männer mit langen Haaren und bartlosen, grimmigen Gesichtern springt von der Ladefläche und kommt näher. Ich zähle zehn Kalaschnikow-Maschinenpistolen und zwei Panzerfäuste in ihren Händen. Für einen unbeteiligten Zuschauer hätte die Szene einen bedrohlichen Charakter, doch nicht für mich und schon gar nicht für meinen Freund und Begleiter Alem. Es sind nämlich seine Männer – unsere bewaffnete Begleitung für die weitere Reise. Jetzt haben sie uns erkannt; ihr grimmiger Gesichtsausdruck schlägt plötzlich in Freude und Lachen um.

»Wie geht es euch, wie war die Fahrt?« Minutenlanges Umarmen statt Händeschütteln, offener Blick, ehrliche Freude. Ich bin wieder zu Hause – in meinem Afghanistan. Diesmal ist es aber ein ganz anderes Gefühl, das mich befällt, denn es ist ein anderes Afghanistan, in das ich heute, zu Beginn eines neuen Jahres, einreise. Ein Afghanistan ohne sowjetische Besatzungstruppen, ohne Bürgerkrieg und ohne Taliban-Regime. Ich habe heute ein Land betreten, welches erstmals seit über zwanzig Jahren wieder berechtigte Hoffnung schöpft, Frieden zu finden. Die auch körperlich spürbare freudige Hoffnung in den Gesichtern der jungen Männer und aller Menschen um uns herum springt wie ein Funke auf mich über. Ein unbeschreibliches Gefühl von Glück und Vorfreude. Denn ich komme ja nicht als Besucher, Tourist oder Journalist zu diesen wunderbaren Menschen, sondern als einer, der am Aufbau dieses kaum vorstellbar zerstörten und geschundenen Landes mithelfen will.

Einige Meter hinter dem stählernen Grenztor erkenne ich die Zollstation und – ich traue meinen Augen nicht – auch den Zöllner wieder. Vor mir steht derselbe kleinwüchsige, verschmitzt, aber durchaus freundlich grinsende afghanische »Beamte«, der mir noch vor wenigen Wochen, damals mit langem Bart und Turban auf dem geschorenen Kopf, als Taliban-Zöllner ein Taliban-Visum ausgestellt hatte. Jetzt ist der Bart ab, die Kopfhaare sind gewachsen, und der Turban ist durch ein Pakoll, die unter den Taliban verpönte typisch afghanische filzige Rundmütze, ersetzt. Voller Stolz erkennt auch er mich wieder. Er bietet mir, wie schon bei meinem letzten Besuch noch zu Talibans Zeiten, eine Tasse mit Kardamom gewürzten Tschin Tschai (grüner Tee), das afghanische Nationalgetränk, an.

Ahmed, der Zöllner, sprudelt geradezu über vor Freude, als er mir erklärt, wie glücklich er jetzt, nach der Niederlage der Taliban, sei, als »Chef« der Grenzabteilung eines freien Afghanistans ausländische Gäste in seiner Heimat begrüßen zu dürfen. Und ganz besonders stolz sei er, heute erstmals einem »Alman«, einem Deutschen, ein Visum ausstellen zu dürfen. Welcher Zollbeamte in der so genannten zivilisierten Welt begrüßt so gastlich einen ausländischen Besucher? Afghanistan, jetzt spätestens erkenne ich dich wieder.

Wir fahren los. Eine abenteuerliche Fahrt auf einer abenteuerlich schlechten Straße nach Jalalabad, der Hauptstadt der ostafghanischen Provinz Nangahar, beginnt. Schon wenige Kilometer hinter der Grenze ragen graubraune Ruinen aus dem Gelb der Steinwüste. Menschenleere Dörfer säumen unseren Weg. Zerstörte Lehmhäuser so weit das Auge reicht. Ich bilde mir ein, noch den Geruch verbrannter Erde in der Nase zu spüren und Rauch aus den bizarren Gebilden aufsteigen zu sehen. Verbrannte Erde zu hinterlassen – das war das Ziel jahrelanger Luftschläge der sowjetischen Besatzungstruppen.

Zerstörte Dörfer und Städte

Die G.T. Road, die Great-Trunk-Straße aus dem 19. Jahrhundert, durchzieht Afghanistan von Ost nach West. Sie verbindet das ehemals britisch-indische Kolonialreich mit Europa und reicht bis nach Istanbul. Während der zehnjährigen Sowjetherrschaft in Afghanistan von 1979 bis 1989 hatte die Straße eine Schlüsselfunktion bei den militärischen Landoperationen im Osten des Landes. Damit die sowjetischen Militärkonvois ungestört die Strecke Kabul-Jalalabad-pakistanische Grenze passieren konnten, mussten die Dörfer längs der Straße zerstört und unbewohnbar gemacht werden. Zu oft waren die sowjetischen Truppen aus den Dörfern beschossen worden oder in Hinterhalte geraten.

Auch heute kann man diese Ruinen und ehemaligen Dörfer nicht gefahrlos betreten. Tausende von sowjetischen Landminen und Blindgängern warten unter Steinen und Sand auf Opfer. Dreizehn Jahre nach dem Abzug der Besatzungstruppen. – »The war is not over when the shooting stops«, ein grauenvoll wahrer Satz. So genannte moderne Kriege sind eben noch lange nicht vorbei, wenn das Schießen zu Ende ist.

Da tauchen plötzlich abseits der Straße Zelte auf. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass es keine richtigen Zelte sind, sondern Hunderte blauer Plastikhütten mit der Aufschrift »UNHCR«. Ein Flüchtlingslager für so genannte IDP – internal displaced persons –, wie der UN-Jargon Flüchtlinge im eigenen Land benennt. Und zwischen den Zelten herrscht reges menschliches Treiben. Ich bitte unseren Fahrer anzuhalten. Kaum habe ich den Pick-up verlassen, rennen Kinder auf uns zu. Barfüßig und in zerlumpten Hemdchen und Hosen, viel zu dünn der Stoff für den Winter, umringen uns im Nu zwei, drei Dutzend dieser erbärmlich anzuschauenden Gestalten. In jedem anderen Land der Dritten Welt würde man jetzt bettelnde Arme und flehende Blicke erwarten. Nicht so in Afghanistan.

Durch die verschmutzten, schmalen Gesichter strahlt mir ein Lachen entgegen, das zunächst unwirklich und fehl am Platz erscheint. Armut ist nicht überall auf der Welt die zwingende Voraussetzung für »Asozialität und Kriminalität«. Mir kommt ein Buch des französischen Schriftstellers Dominique Lapierre in den Sinn. In »Stadt der Freude« beschreibt er seinen Aufenthalt im ärmsten und am dichtesten bevölkerten Viertel Kalkuttas. »In dieser Hölle«, so Lapierre, »habe ich mehr Liebe, mehr Anteilnahme und letztendlich mehr Glück gefunden als in den Nobelgegenden der reichen Städte des Okzidents.«

Armut, Hunger und Elend haben aus diesen afghanischen Flüchtlingskindern weder Bettler noch gar kleine Gauner oder Diebe gemacht. Sie freuen sich einfach über den Besuch eines »Farangi«, eines Fremden und Ausländers, in ihrem Zuhause und zeigen mir stolz ein altes, schrottreifes Fahrrad. Zu dritt setzen sie sich auf das klapprige Gestell und umkreisen mich unter dem Beifall ihrer Spielkameraden. Dann gesellen sich Erwachsene zu uns, natürlich ausschließlich Männer. Auch ihnen sieht man die Armut sofort an. Ihr Shalwar Kamiz, das knielange Hemd mit den weiten Pluderhosen darunter, ist zerschlissen und verschmutzt. Man ahnt die dünnen Beine und Arme darunter. Aus den hageren, ausgemergelten Gesichtern grüßt uns ein offenes, freundliches »Salam aleikum«. Sie laden uns auf einen Tee ein. Ich frage Alem, meinen Begleiter, ob wir denn die Einladung dieser armen Menschen annehmen können. Wir setzen uns zu ihnen, trinken Tee und hören zu.

Es sind Bauern aus dem Norden. Wie viele sie sind, wissen sie nicht genau, etwa zweitausend Familien. Auch das ist typisch für die Welt der Afghanen: Nicht die Kopfstärke eines Dorfes ist wichtig oder entscheidend, sondern die Zahl der Familien. Vor anderthalb Jahren haben sie ihre Dörfer verlassen – nicht der Taliban wegen, diese haben sie in ihren Dörfern nur selten zu Gesicht bekommen. Und wenn einmal Taliban auftauchten, dann haben der Malik (der Bürgermeister) und der Mullah (der von den Dorfbewohnern gewählte und bezahlte Islamlehrer) die Dinge schon geregelt. Und die »Araber«, wie sie die Al Qaida nennen, haben sie vor mehr als zehn Jahren zum letzten Mal während des »Jihad«, des heiligen Krieges gegen die »Shurawi«, die gottlosen kommunistischen Sowjets, in den Bergen gesehen. Nein, weder die Taliban noch die Araber haben sie vertrieben; es war der Hunger.

Die jahrelange Dürre hat ihre Felder ausgetrocknet, die Ernten bleiben seit drei Jahren aus. Um nicht zu verhungern, mussten sie ihre Heimat verlassen und wollten nach Pakistan fliehen; doch die Grenzen waren geschlossen. Seither haben sie immer wieder versucht, nach Pakistan zu gelangen – vergeblich. Die Grenzübergänge sind noch immer geschlossen, und seit dem »Krieg der Amerikaner«, wie sie den Kampf der Antiterror-Allianz gegen Al Qaida und gegen die Taliban nennen, versperren pakistanische Truppen auch die beschwerlichen und gefährlichen Fluchtwege über die Berge. Dreimal die Woche kommt ein Tankwagen ins Lager und versorgt sie mit Trinkwasser, denn Wasser ist Mangelware in dieser Steinwüste. Und regelmäßig erhalten sie von einer UN-Organisation Bohnen, Brot, Speiseöl, Tee, Zucker und Kerosin für ihre Öfchen. Verhungern müssen sie nicht. Die Saudis haben vor einem Jahr auch eine Moschee und eine »Madrassa« (Koranschule für Jungen) im Lager gebaut. Der Mullah wird von den Saudis bezahlt und unterrichtet ausschließlich den Koran. Eine Schule für Mädchen gibt es nicht. Aber auch in ihren Dörfern zu Hause im Norden haben nur wenige Mädchen eine Schule besucht.

Wenn jemand krank wird, müssen sie ihn nach Jalalabad ins Krankenhaus transportieren. Das kostet Geld, und Afghanis (die afghanische Währung) oder pakistanische Rupies besitzen sie kaum. Bezahlte Arbeit gibt es im Lager natürlich auch nicht. So verkaufen sie auf den Basaren der nahe gelegenen Dörfer Teppiche sowie den Schmuck ihrer Frauen, den sie aus ihren Dörfern mitgebracht haben. Nur unregelmäßig kommt ein Arzt ins Lager, und auch diesen Arzt müssen sie bezahlen. Medizin gibt es nur in Jalalabad, die Medikamente auf den Basaren sind aber schlecht und teuer. In Pakistan – das wissen sie – gibt es in den Flüchtlingslagern kostenlose ärztliche Versorgung und sehr gute Medizin durch ausländische Hilfsorganisationen.

Wegen des Winters, der hier im tief gelegenen Nangahar allerdings milder ist als bei ihnen zu Hause im Norden, und wegen der kalten, nicht beheizbaren Zelte leiden jetzt viele Kinder und Frauen an Lungenentzündungen und auch Erfrierungen. Gott sei Dank liegt in dieser Gegend kein Schnee, denn keines der Kinder um uns herum trägt Schuhe oder Winterbekleidung. Und auch die Männerfüße stecken lediglich in offenen Plastiksandalen.

Ich könnte den Menschen hier noch stundenlang zuhören, wie sie klaglos ihr Schicksal schildern, ohne zu fordern oder mit Gott und der Welt zu hadern. Aber die Zeit drängt, wir müssen weiter. Es wäre ein unentschuldbarer Verstoß gegen die afghanische Gastfreundschaft und fast frevelhaft, unseren Gastgebern jetzt Geld oder ein Geschenk zu hinterlassen. »Malmestia«, die Gastfreundschaft, zeichnet die Afghanen unter allen Völkern in ganz besonderer Weise aus. Hier, unter Paschtunen, ist sie auch wesentlicher Bestandteil ihres Werte- und Ehrenkodex, des »Paschtunwali«. Und dieser Kodex fordert, dass Gastfreundschaft nie bezahlt oder auf andere Weise vergolten werden darf.

Wir steigen in die Fahrzeuge. Unsere »Bodyguards« fordern mich lachend auf, doch zu ihnen auf die Ladefläche zu kommen. Ich schaue meinen Freund Alem fragend an, er grinst und zuckt mit den Schultern. Ich schließe meinen wattegefütterten Anorak, ziehe die Pakoll über beide Ohren und schwinge mich auf die Rückfläche des Autos. Trotz – oder vielleicht gar wegen – der tausend Schlaglöcher rast Jannan, ein Freund aus alten Zeiten und sicherer Fahrer, als wären wir auf der Flucht. Die Landschaft wird grüner, Shesham-Bäume säumen den Straßenrand – ähnlich unserer Pappelalleen. Auf den Feldern arbeiten Frauen. Sie tragen natürlich den Kopfschleier, aber keine Burka, und wenden uns den Rücken zu, sobald sich unser Fahrzeug ihnen nähert.

Die Burka oder »Tschadri«, wie die Afghanen dieses die Frau vom »Scheitel bis zur Sohle« bedeckende und verhüllende Kleidungsstück auch nennen, ist für emanzipierte Frauen in den so genannten zivilisierten Ländern geradezu der Inbegriff für die Unterdrückung der Frau im Islam geworden. In Afghanistan sehen dies nicht alle Frauen so. Natürlich war der strafbewehrte Zwang unter dem Taliban-Regime, die Burka tragen zu müssen, für viele Frauen, insbesondere die gebildeten, eigenständigen und selbstbewussten Städterinnen, eine grausame Beleidigung ihrer Freiheit und Würde, ein fundamentaler Verstoß gegen ihre Menschenwürde schlechthin. (Das staatliche Verbot des Burkazwanges galt in Afghanistan übrigens schon seit den zwanziger Jahren und wurde seit den fünfziger Jahren bis zum Erscheinen der Taliban in den großen Städten auch eingehalten.)

Aber Afghanistan ist ein vorwiegend dörflich strukturiertes Land. Über achtzig Prozent der Menschen sind Bauern und Analphabeten. Ihr Denken und gesellschaftliches Handeln sind mittelalterlich – im Guten wie im Schlechten. Und in den Dörfern, insbesondere in den von Paschtunen dominierten Provinzen, war und ist der Tschadri seit Jahrhunderten ein durch Sitten und Gebräuche, das heißt ein durch die Kultur und nicht durch die Religion vorgeschriebenes »Kleid«, das die Frau vor den Blicken fremder, nicht zur Familie gehörender Männer schützen und ihre Ehre bewahren soll. Der gesellschaftliche Druck, den Tschadri in der Öffentlichkeit zu tragen, geht in den Familien vor allem von den Müttern und Großmüttern und weniger von den Ehemännern und Vätern aus. Als Ende der siebziger Jahre unter einer sozialistisch-kommunistischen Regierung Taraki, Mitglieder der regierenden Parcham-Partei, in die Dörfer strömten, um die Frauen mit »sanftem sozialistisch-aufgeklärten Druck« vom Tschadri zu befreien, wurden sie nicht selten auch von Frauen mit Steinwürfen und Beschimpfungen aus den Dörfern gejagt.

Auf meine Frage, wie oft sie denn ihren Tschadri tragen würde, antwortete mir eine Paschtunenfrau aus einem Dorf in der Provinz Loghar vor Jahren: »Zwei-, dreimal im Jahr, immer dann, wenn wir in die Stadt gehen. In unserem Dorf kennen wir uns ja alle, dort tragen wir Frauen natürlich keinen Tschadri.« Mich erinnert – bei aller Schräge des Vergleichs – die Burka an meine Großmutter und ihre Bekleidungsriten. Sie verließ nie – auch im Sommer nicht – ohne Kopftuch und langen Mantel das Haus. Das gehörte sich in den fünfziger Jahren für eine anständige Frau in nordbayerischen Dörfern so. Meinem Großvater war das Kopftuch im Übrigen egal. Im Gegenteil: Er freute sich über das auch noch im Alter pechschwarze kräftige Haar unserer Großmutter.

Der Verkehr wird jetzt dichter. Schwer beladene Lkws, fast alle vom Typ Mercedes und linksgesteuert, kommen uns entgegen. Jalalabad ist nicht mehr weit. In Afghanistan herrscht Rechtsverkehr – ein anschaulicher Beleg dafür, dass Afghanistan nie englische Kolonie war –, im Unterschied zum Nachbarland Pakistan mit rechtsgesteuerten, vorwiegend britischen Lkws und Linksverkehr. Phantastische Gemälde zieren die Karosserien der Lastautos und Busse: grellbunte Blumen, Tiger, Adler, Gebirgslandschaften, Frauen- und Männerköpfe. Karosseriemaler ist ein hoch angesehener und gut bezahlter Beruf. Und immer wieder fühle ich mich ins Deutschland vor vierzig Jahren zurückversetzt: Wir überholen Reisebusse und Kleinlaster aus den fünfziger und sechziger Jahren mit Aufschriften wie »Meiers Komfortreisen – Stuttgart«, »Heinzmann-Wäscherei – die Saubermacher aus Celle«. Sie wurden damals als gebrauchte Fahrzeuge nach Afghanistan gefahren, immer wieder frisch bepinselt und hergerichtet und fahren heute noch.

Ohne ersichtlichen Grund hält Jannan, unser Fahrer, plötzlich an. Die Männer springen von der Ladefläche, und auch Alem und Jannan verlassen das Fahrzeug. Sie falten auf der Wiese nebenan ihren Patou, einen wollenen wärmenden Umhang, zu einem kleinen Teppich zusammen, knien vor dem Teppich nieder, legen ihre Maschinenpistolen und Panzerfäuste zur Seite und verrichten ihr Mittagsgebet. »Allahu Akbar – Gott ist groß.« Jannan, der älteste unter ihnen, übernimmt mit seiner tiefen, schönen Stimme die Rolle des Vorbeters. In jedem der fünf Gebete wird die erste Sure aus dem Koran mehrmals gesprochen. Diese Sure, oft verglichen mit dem »Vaterunser« der Christen, enthält nur eine Bitte: »Führe uns den rechten Weg.« Das fünfmalige tägliche Gebet ist bei ihnen selbstverständlicher als für so manchen »Zivilisierten« das tägliche Zähneputzen. Ich stehe etwas abseits und bete diese Bitte mit.

Es ist ein archaisches, fast skurril anmutendes Bild, wie aus diesen »wilden Kriegern«, die ohne jegliche Schminke und Verkleidung in jedem Hollywood-Streifen als böse Schurken durchgehen könnten, urplötzlich tieffromme Wesen werden, die sich vor Gott niederwerfen. Wie sich tapfere Krieger, die sich auch einem überlegenen Feind nie ergeben würden, einem unsichtbaren Gott auch physisch unterwerfen. Afghanen, alle Afghanen, die ich kenne, sind tiefgläubige Moslems.

Wir passieren das Ortsschild von Jalalabad. Schon nach wenigen Metern empfängt uns laute Musik. Verschleierte Frauen, die meisten aber ohne männliche Begleitung, feilschen mit den Bazaris (den Basarhändlern). Jungen rennen hinter einem Lederfetzen her, der wohl einmal ein Fußball gewesen ist. Überall an den Holzwänden der Basarstände und den Windschutzscheiben der dreirädrigen motorisierten Rikschas kleben lebensgroße Devotionalienbilder von Abdul Haq und Ahmad Sha Massoud. Der Paschtunenführer Haq und der Tadschikengeneral Massoud sind vor wenigen Wochen von Al Qaida und den Taliban ermordet worden. Im Jihad gegen die Sowjets als Helden verehrt, haben sie bis zu ihrem Tod gegen die Taliban gekämpft und galten in großen Teilen des Landes als Garanten für eine gute Zukunft. Musik, Frauen ohne männliche Begleitung und die öffentliche Verehrung von Abdul Haq und Sha Massoud sind der lebende Beweis dafür, dass die Taliban auch aus Jalalabad verschwunden sind.

Das Provinzkrankenhaus der Universitätsstadt, früher auch Ausbildungsstätte für Medizinstudenten und -studentinnen (!), befindet sich in einem erbärmlichen baulichen Zustand: zerbrochene Fenster, fehlende Türen, hinter den Gitterzäunen häuft sich der Müll, darunter auch medizinische Geräte und Krankenbetten. Am Klinikeingang warten Hunderte von Menschen – die meisten sind Frauen und Mädchen – auf Einlass. Ich habe jetzt noch keine Zeit, anzuhalten, mit dem Leiter des Hauses zu sprechen und mir ein genaueres Bild vom Zustand dieser einstigen Vorzeigeklinik zu machen, nehme mir aber fest vor, dies alsbald nachzuholen.

Nach wenigen Minuten erreichen wir unser eigentliches Ziel. Meterhohe Lehmmauern umgeben das riesige Anwesen. Am Eingangstor erwarten uns schwer bewaffnete Paschtunen. Alem ruft

ihnen durch das Autofenster knappe Anweisungen zu, und sofort öffnen die Männer das schwere Eisentor. Am Ende der sicher hundert Meter langen steinigen Auffahrt zu einer burgartigen Festung breitet ein schlanker, hochgewachsener Mitvierziger seine Arme aus. Nach über zwölf Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, erkenne ich ihn sofort wieder: die venezianische Hakennase, der inzwischen angegraute, elegant geschnittene Backenbart und die Pakoll schräg hinten auf dem schmalen Kopf – Commander Zamon Gamsharikh, mein bester Freund aus alten, schlimmen und schönen gemeinsamen Tagen im Afghanistan der achtziger Jahre.

Wie alles anfing

Manchmal im Leben trifft man Entscheidungen, deren Kausalitäten man später nicht mehr ganz nachvollziehen kann. Als ich mit meiner Frau Annette im Frühjahr 1987 nach nächtelangen Gesprächen zu dem Entschluss kam, meinen Job als Bundeswehrarzt für einige Jahre an den Nagel zu hängen und mit der gesamten Familie nach Peschawar/Pakistan umzuziehen, um dort als Leiter der größten deutschen ärztlichen Hilfsorganisation zu arbeiten, war uns beiden schon klar, dass diese Entscheidung für unsere damals sechsköpfige Familie nicht ohne Risiko sein würde. Ich gab einen sicheren Beruf auf, der mir viel Freude machte und der eine Familie mit vier Kleinkindern gut ernährte. Wir zogen in ein Land, das zu den ärmsten der Welt zählte, in dem Hitze, Dreck, Tropenkrankheiten, desolate Hygiene und mangelhafte medizinische Versorgung Ursachen für die geringe Lebenserwartung der Menschen waren. Und wir entschieden uns für eine Stadt, die damals zu den gefährlichsten Städten weltweit zählte. Jeden Tag gingen in Peschawar – das wussten wir aus den Medien – durchschnittlich zwei Bomben hoch. Attentate und Anschläge waren gerade im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan an der Tagesordnung. Die Grenzstadt am Fuße des Khyber-Passes war die Hochburg des afghanischen Widerstands gegen die sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan.

Unsere Eltern und Geschwister, alle Fachleute, die wir in unsere Entscheidung mit einbezogen hatten, rieten dringend davon ab, uns diesem Risiko auszusetzen. Ich hielt mich selbst und meine Familie aber für gut vorbereitet, denn es war nicht mein erster ärztlicher Einsatz in einem Entwicklungsland, und es war auch nicht der erste Auslandsaufenthalt für unsere Familie. Anfang der achtziger Jahre lebten wir mit unseren damals drei Söhnen für ein Jahr in Kanada. Die Prärie und die Seen von Manitoba, Indianerfeste mit Lagerfeuer und Stammestänzen, Kanufahrten auf den wilden Flüssen und die ersten Kontakte mit anderssprachigen Altersgenossen im Kindergarten hatten unsere Buben noch in bester Erinnerung. Sie drängten wieder ins Ausland. Und als die Jungs dann Bilder aus Pakistan sahen, die Kamelkarawanen, Wüsten und Männer mit Turbanen zeigten, war ihre Entscheidung gefallen.

Während meines Medizinstudiums hatte ich 1975 für mehrere Wochen in einer christlichen Buschklinik in Tansania famuliert. Begeistert und geradezu infiziert von Land und Leuten und der Erkenntnis, mit zwar hohem körperlichen und mentalen Einsatz, aber mit geringem technischen Aufwand und wenig Geld vielen Menschen helfen zu können, hat mich diese Welt der Armut und des Elends nie wieder losgelassen.

Sechs Jahre später, ich hatte mein Studium erfolgreich beendet und mich entschlossen, als Arzt bei der Bundeswehr zu arbeiten, erfuhr ich erstmals vom Komitee »Ärzte für die Dritte Welt«. Ein Frankfurter Jesuitenpater hatte diese Organisation gerade gegründet und suchte Ärzte, die unentgeltlich in ihrem Urlaub in den Slums von Kalkutta arbeiten wollten. Wenige Monate später saß ich in einem Billigflieger der Biman Airlines auf dem Weg in die Welthauptstadt von Armut und Elend. Die folgenden sechs Wochen haben mein späteres Leben geprägt, und ohne die Kalkutta-Erfahrung hätte ich Afghanistan sicher nicht gewagt und wohl auch nicht bestanden.

Mein »Lehrjahr« bei Mutter Teresa

Oh Kalkutta! Bereits der Name erweckt Bilder von Hunger, Krankheit, Elend und Tod. Kalkutta kann den zweifelhaften Ruf für sich in Anspruch nehmen, die Stadt mit dem weltweit schlechtesten Image zu sein. Die Anfang des 20. Jahrhunderts noch modernste Stadt Indiens ist zum Elendsviertel des ganzen indischen Subkontinents verkommen. Einst von den Briten für eine Million Menschen geplant und gebaut, platzt der Alptraum Indiens aus allen Nähten. Von etwa 2,5 Millionen Einwohnern 1947, dem Jahr der Unabhängigkeit des Landes, wuchs die Bevölkerung mittlerweile auf über dreizehn Millionen. Kalkutta gehört zu den fünf Städten mit der schlimmsten Luftverschmutzung weltweit. Der Nichtraucher atmet in Kalkutta täglich die Giftstoffe von circa fünfundzwanzig Zigaretten ein.

Das gerade im Sommer mörderisch schwüle Klima, gepaart mit der abgasgeschwängerten Luft, hat dazu geführt, dass fast die Hälfte der Bürger an Bronchitis, offener Tuberkulose und anderen Atemwegserkrankungen leidet. Bleihaltig wie die Luft ist auch das Trinkwasser, da die Rohre des städtischen Wassernetzes noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Allerdings sind weniger als dreißig Prozent der Bevölkerung an dieses öffentliche Netz angeschlossen. Kanalisation gibt es nur im Stadtzentrum, so dass jedes Jahr zur Monsunzeit im Juli und August – und auch zur Zeit meines Einsatzes – die Straßen mit von Exkrementen durchsetztem Hochwasser überspült werden. Über das fast täglich zusammenbrechende Stromnetz regt man sich da schon gar nicht mehr auf. »Man«, das sind nicht die Touristen. Die gibt es in Kalkutta nämlich nicht.

»Man«, das waren 1981 zwei deutsche Ärzte, die für das Komitee »Ärzte für die Dritte Welt« in einem von den Schwestern des Ordens »Sisters of Charity« geführten Waisenhaus in Howrah, der Slumstadt von Kalkutta, ihren Jahresurlaub verbrachten und arbeiteten. Unsere Unterkunft war spartanisch. Es gehört zur Philosophie des Ärztekomitees, die deutschen Ärzte hautnah bei den Patienten und unter ähnlichen Lebensbedingungen wie die der einheimischen Mitarbeiter unterzubringen. Kein Trinkwasser im Haus, tagelang kein fließendes Wasser zum Waschen, regelmäßiger Stromausfall, keine Klimaanlage, harte Holzbetten ohne Matratzen, einfaches Essen. Zusammen mit unseren indischen Mitarbeitern versorgten wir in einer Bambushütten-Ambulanz täglich bis zu fünfhundert Patienten. Unsere medizinische Ausrüstung bestand aus Stethoskop, Ohrenspiegel, Blutdruckmessgerät, Mundspatel, einem Mikroskop und etwa einhundert Basismedikamenten. Zwei Drittel unserer Patienten waren fehl-, mangel- oder unterernährte Säuglinge und Kleinkinder. Fast alle litten unter eitrigen Hauterkrankungen und Wurmbefall; die Würmer krochen den Kindern nicht selten aus Mund und Nase.

Bei weißen Europäern relativ einfach zu diagnostizierende Hauterkrankungen wie Masern oder Windpocken bereiteten uns Anfängern auf der dunklen Haut der Bengalen nicht nur am Anfang erhebliche Probleme. Klassische Tropenkrankheiten wie Malaria, Lepra, Amöbenruhr und Elephantiasis waren in Kalkutta – besser als in jedem Lehrbuch – täglich »live« zu sehen.

Eines der Hauptprobleme unserer Ambulanz war die große Zahl von Tuberkulose- und Polio-Patienten. Von circa zwanzig Millionen Tbc-Erkrankungen weltweit fanden sich zehn Millionen in Indien. Ursache war neben den desolaten Hygieneverhältnissen die Unfähigkeit des Staates, ein landesweites Impfprogramm durchzuführen. Über die Hälfte aller Todesfälle in Indien betrafen Kinder unter fünf Jahren als Folge von Unterernährung und Infektionen. Der »Durchschnitts-Inder« im Slum musste, sofern er überhaupt Arbeit hatte, mit einem Tageslohn von umgerechnet etwa drei D-Mark seine siebenköpfige Familie ernähren – zum Beispiel als Rikschafahrer. Die Ehefrau trug wie in allen Entwicklungsländern die Hauptlast in der Familie. Neben ihrer Arbeit zu Hause musste sie mit Steineklopfen beim Straßenbau oder beim Sammeln von Kuhdung als Brennmaterial das Überleben der Familie sichern.

Wir deutschen Ärzte hatten nicht nur diagnostische Probleme; unterschiedliche Sprachen wie Hindi, Bengali, Nepali und Dialekte, kulturelle Eigenarten, die uns allzu oft das aus Deutschland vertraute medizinische Arbeiten erschwerten, brachten meinen Kollegen und mich insbesondere zu Beginn unserer Arbeit des Öfteren zur Verzweiflung. Hier mussten wir uns blind auf unsere indischen Mitarbeiter – ausschließlich Frauen – verlassen. Sie sprachen alle Englisch, indisches Englisch allerdings, das anfangs recht gewöhnungsbedürftig war, und mussten uns dann oft unter Zuhilfenahme eines weiteren Dolmetschers die Krankengeschichte übersetzen. Deutsch (denken) – Englisch – Hindi – Bengali und zurück: Das raubte in den ersten Wochen viel Zeit und oft auch den letzten Nerv.

Neben der rein medikamentösen Therapie mit einem Basissatz von nur hundert Arzneien (in Deutschland verfügen wir über vierzigtausend verschiedene Medikamente) führten wir kleinere chirurgische Eingriffe selbst durch, da die öffentlichen Krankenhäuser Kalkuttas hoffnungslos überlastet waren. Das städtische Krankenhaus in Howrah zum Beispiel verkraftete täglich circa tausend ambulante Patienten. Aber mehr als fünftausend standen dort Schlange. Die Polizei musste den Klinikeingang sichern, damit das Haus nicht gestürmt wurde. Der Hygienestatus erinnerte an den von Feldlazaretten Mitte des 19. Jahrhunderts.

An den freien Wochenenden arbeiteten wir beide im Sterbehaus von Mutter Teresa am Kaligat. Dieses Sterbehaus hatte Teresa vor über vierzig Jahren sinnigerweise direkt neben dem Tempel der Göttin Kali, der Namensgeberin und »Ortsheiligen« Kalkuttas, eingerichtet. Brahmanen, die Hohen Priester der Göttin Kali, hatten damals heftig gegen diese »Verunreinigung« ihres Heiligtums beim Provinzgouverneur protestiert. Mit salomonischer Weisheit reagierte und entschied der Gouverneur: »Wenn ihr Brahmanen bereit seid, Mutter Teresas Arbeit zu übernehmen, werde ich Teresa noch am selben Tag des Landes verweisen.« Teresa konnte bleiben.

Jeden Morgen brachten die Nonnen auf Schubkarren ausgemergelte, von Eiter übersäte Wesen ins Sterbehaus. Wir sahen diesen Gestalten oft gar nicht mehr an, dass es sich um menschliche Wesen handelte. Die Schwestern zogen den Armen behutsam und liebevoll die zerlumpten Kleider vom Leib, wuschen ihnen vorsichtig den Schmutz und Eiter vom Körper und fütterten sie wie kleine Kinder. Sie setzen sich neben die Holzpritschen, hielten den Sterbenden die Hand und sprachen mit ihnen, ohne die billigen Trostworte, wie ich sie allzu oft in unseren »zivilisierten« Krankenhäusern erlebt habe. Die meisten starben noch am selben Tag. Fast alle schienen glücklich zu sterben. Glücklich zum ersten Mal in ihrem Leben.

Unserer ärztlichen Kunst an den zunächst Überlebenden im Kaligat waren durch die Unterernährung, die fehlenden Abwehrkräfte und die Schwere der Erkrankungen häufig Grenzen gesetzt. Trotz unserer guten ärztlichen Ausbildung und des Einsatzes auch moderner Medikamente starben Menschen in unseren Händen, die wir zu Hause in Deutschland hätten retten können. Das zehrte an unserem europäischen Selbstbewusstsein und unserer ärztlichen Motivation.

Dann sahen wir die indischen Schwestern neben uns. Der aufopfernde Mut dieser jungen Frauen, die häufig aus reichen, so genannten guten indischen Familien stammten und eine hervorragende Schulausbildung genossen hatten, ihre tiefe Gläubigkeit in all dem Elend, ihre Fürsorge und vor allem ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit beim Waschen und Füttern der Todgeweihten haben mich damals ziemlich ratlos gemacht. Aufgewachsen, erzogen und akademisch ausgebildet in einer Kultur, in der ökonomisches, ressourcensparendes, Aufwand und Nutzen stets berücksichtigendes Denken und Handeln die Arbeit und unser gesamtes Leben bestimmen, fiel es mir zunächst schwer, den Sinn dieser »sinnlosen«, weil »ineffizienten und unprofessionellen« Arbeit der Schwestern zu verstehen. Diese jungen Frauen hatten keine »richtige« medizinische Ausbildung, keine von ihnen war akademisch gebildete »Sozialarbeiterin«. Eines Tages verstand ich es dann.

An einem Sonntag besuchen Willi, mein Kollege aus Berlin, und ich die heilige Messe in der Kapelle des Mutterhauses der Schwestern. Wir sind die einzigen ausländischen Gottesdienstbesucher, und so werden wir von Mutter Teresa nach der Messe zum Frühstück eingeladen. »Would you like to have breakfast with us? Please come in.«

Da steht eine kleine, winzig kleine Person vor uns, den Rücken nach vorn gekrümmt, so, als trüge sie eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern, und winkt uns in ihr Zimmer. Wenn nicht das Bild des Papstes auf ihrem Schreibtisch und eine Madonnenfigur auf dem kleinen Schränkchen gestanden hätten, hätte der Besucher den Eindruck gehabt, in der typisch indischen Schreibstube eines mittleren Verwaltungsbeamten zu stehen. Ein winziger Schreibtisch, voller Papiere, aber wohl geordnet, im offenen Schrank ein Dutzend zerschlissener Leitz-Ordner, drei einfache Holzstühle, ein runder Bambustisch mit einem Strauß Feldblumen in der Vase und – als einzig sichtbares Zugeständnis an die »moderne« Technik – ein schwarzer Uralt-Telefonapparat mit Drehscheibe an der Wand. Aus diesem bescheidenen Zimmer – selbst das Wort »Büro« scheint mir hier unpassend – führt also eine der ganz Großen des 20. Jahrhunderts einen »Weltkonzern« mit Zehntausenden von Mitarbeitern in mehr als dreißig Ländern. In diesem Zimmer saß sie schon mit so genannten Spitzenpolitikern vieler Länder, mit Größen der Wirtschaft und Wissenschaft. Und heute lädt sie zwei einfache deutsche Ärzte zum Frühstück ein.

Ich fühle mich zunächst ziemlich unwohl, dieser Persönlichkeit gegenüberzusitzen und ihr die »Zeit zu stehlen«. Es drängt mich geradezu, mich nach der ersten Tasse Tee wieder zu verabschieden. Aber dieses Unwohlsein weicht schon nach wenigen Minuten einer Faszination. »Mutter«, wie sie von ihren Mitschwestern genannt wird, strahlt eine wohltuende, geradezu betäubende Ruhe und Gelassenheit aus. Sie erweckt in mir das Gefühl jahrelangen Kennens. Sie redet mit uns wie mit alten Bekannten und erkundigt sich nach unserer Arbeit und unserem Befinden. Ihre Fragen erwecken nie den Eindruck eines oberflächlichen Smalltalks. Im Gegenteil: Teresa scheint für oberflächliche Gespräche der denkbar ungeeignetste Gesprächspartner zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Erstgespräch mit einem Unbekannten so vertraut und ehrlich erlebt zu haben. Es ist Willi, mein Kollege, der ihr dann die Frage stellt, die ich mir einfach nicht zu stellen getraue: »Mutter, warum machen Sie das alles? Die Menschen, die Sie und ihre Schwestern jeden Morgen von den Müllplätzen Kalkuttas aufladen und ins Kaligat bringen, dort waschen, kleiden und füttern, sterben doch sowieso, meist sogar noch am selben Tag!«

Teresa legt den Kopf etwas zur Seite, lächelt uns an und sagt: »Ich habe als kleines Kind im Religionsunterricht gelernt, dass jeder Mensch ein Kind und Ebenbild Gottes ist. Und diese unschuldigen Armen am Straßenrand und unter den Brücken Kalkuttas sind alle Kinder Gottes. Sie sehen ihm aber nicht ähnlich. Und deshalb waschen, kleiden und füttern wir sie. Danach sehen sie ihm ähnlich und sterben – wenn Gott es will – als Kinder und Ebenbild Gottes.«

Zum Abschied schenkt uns Teresa ein kleines Bild mit einem Mariengebet: »Mary, Mother of Jesus, give me your heart so full of love and humility that I may be able to serve Jesus in the distressing disguise of the Poorest of the Poor.« Auf die Rückseite des Bildes schreibt mir Teresa eine persönliche Widmung: »God bless you, Reinhard«. Das Bildchen trage ich stets bei mir. Es hat mich bei all meinen Einsätzen begleitet: in Bangladesch, Pakistan, Ruanda, Ost-Timor und auch in den Kriegsjahren in Afghanistan. Und bislang hat sich der Segenswunsch Teresas erfüllt.

Fünfzehn Jahre später sah ich Teresa wieder, zum letzten Mal. Sie liegt auf der Intensivstation einer kleinen Klinik unmittelbar neben dem Mutterhaus – im Sterben –, wie die indischen Zeitungen schreiben. Hohes Fieber – Teresa, inzwischen achtzig Jahre alt, leidet unter chronischer Malaria und einer schweren Lungenentzündung – und Schüttelfrost quälen diesen kleinen Körper. Ranghohe Politiker, Botschafter aus vielen Ländern und ein gutes Dutzend Journalisten stehen ziemlich hilflos vor dem Krankenzimmer Schlange. Teresa kann mit ihren Besuchern nicht sprechen; auf eine kleine Schreibtafel kritzelt sie daher: »Danke für euren Besuch. Hinterlasst eure Geschenke bei meinen Mitschwestern, und betet in der Kapelle nebenan für mich.«

Gehorsam wie kleine Schuljungen begeben sich die würdigen Männer in die nahe gelegene Kirche, nicht ohne vorher bei den Schwestern ihre Geschenke abgegeben zu haben. Christen, Moslems, Hindus und wohl auch etliche Atheisten knien und stehen minutenlang in dieser katholischen Kapelle und beten. Noch im Sterben, fährt es mir durch den Sinn, geht von dieser kleinen Frau eine ungeheure Macht aus; die Macht, fremde, mächtige Männer zum Gebet zu zwingen. Und dieses gemeinsame Gebet von Moslems, Hindus und Christen zeigt Wirkung: Mutter Teresa wird wenige Tage später aus dem Krankenhaus entlassen. Als »Wunder von Kalkutta« bezeichnen nicht nur indische Zeitungen dieses wundersame Ereignis. Teresa stirbt erst ein Jahr später.

Reinhard Erös im Sterbehaus von Mutter Teresa in Kalkutta

Der »Fall Erös« und die »Feuertaufe« im Kriegsgebiet

1986. Ich habe fünf Wochen Urlaub und fliege mit dem Billigflieger PIA – der Pakistan International Airlines – »Holzklasse« nach Peschawar, um von dort aus mit Unterstützung der Organisation »Deutsches Afghanistan Komitee« (DAK) in Afghanistan zu arbeiten. Seit 1979 tobt hier ein grausamer Krieg der sowjetischen Besatzungstruppen gegen die afghanische Bevölkerung. Die Ärztedichte in den Dörfern liegt in diesen Jahren bei 1:240000, die wenigen im Land verbliebenen Ärzte haben jeweils eine viertel Million Menschen zu versorgen. Ein Minusweltrekord! Kinder- und Müttersterblichkeit in Afghanistan sind zwangsläufig die höchsten weltweit.