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Ein Charakteristikum von Temeswar (rum. Timis'oara, ung. Temesvár), 2023 Kulturhauptstadt Europas, war und ist das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Sprachen und Religionen, v. a. von Deutschen, Ungarn, Rumänen, Serben und Juden, während der 150-jährigen osmanischen Herrschaft auch muslimischer Türken und anderer Völker. Im Mittelalter, als es zeitweilig als königliche Residenz diente, entstanden die Festung, die im 18. Jahrhundert ausgebaut wurde, und mehrere Vorstädte, die später zusammenwuchsen. Von 1552 bis 1718 gehörte die Stadt zum Osmanischen Reich, bis sie Prinz Eugen dem Habsburgerreich eingliederte. Temeswar wurde zum wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt des Banats. Im Dezember 1989 begann hier das Aufbegehren der Bevölkerung gegen das kommunistische Regime in Rumänien.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Konrad Gündisch / Tobias Weger
Kleine Stadtgeschichte
Temesvár
Темишвар
Temišvar
Temeşvar
UMSCHLAGMOTIVE
Vorderseite: Dächerlandschaft von Temeswar (Răzvan Viţionescu): links der Dom zum Heiligen Georg, rechts die Christi-Himmelfahrts-Kathedrale, dahinter die Millenniumskirche; Rückseite: Blick auf den Opernplatz/Siegesplatz Richtung Rumänisch-orthodoxer Kathedrale (Adobe, dudlajzov).
Eine Publikation in Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
BIBLIOGRAFISCHE INFORMATION DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg
Tel. 0941/920220 | [email protected]
ISBN 978-3-7917-3225-1
Reihen-/Umschlaggestaltung: www.martinveicht.de
Satz: Martin Vollnhals, Neustadt a. d. Donau
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany 2023
eISBN 978-3-7917-6197-8 (epub)
Unser gesamtes Programm finden Sie unter www.verlag-pustet.de
Eine multikulturelle Stadt im südöstlichen Zentraleuropa
Vor- und Frühgeschichte
Castrum Temes – Temeswar im mittelalterlichen Königreich Ungarn
Darstellung des Stammesvaters Botho/Póth in der »Wiener Bilderchronik« / Doppelte Jubiläumsfeierlichkeiten in Temeswar / Königliche Residenz / Stadtwerdung: von der »villa« zur »civitas« / Das mittelalterliche Wappen von Temeswar / Rolle in der Abwehr der Osmanen / Burg der Corvinen / Bildung und Kultur im Mittelalter / Pelbart von Temeswar (ca. 1435–1504), ein europaweit bekannter Prediger / Bauernkrieg und blutige Vergeltung / Die letzten Jahrzehnte unter Ungarns Stephanskrone / Überregionales Echo des Bauernkriegs von 1514 / Die Eroberung Temeswars durch die Osmanen (1552)
Das osmanische Temeşvar (1552–1716)
Verwaltung und Jurisdiktion / Temeswar im »Großen Türkenkrieg« (1683–1699) / Temeswar auf einer Federzeichnung von Franz Wathay, 1603 / Bilanz der osmanischen Herrschaft über Temeswar / Vedute von Temeswar von Heinrich Ottendorf, 1665 / Bauliche Veränderungen / Befestigungen, Straßen und Häuser / Wirtschaft / Temeswars Befestigung im 17. Jahrundert / Ethnische und konfessionelle Vielfalt / Bildung und Kultur
Temeswar unter Habsburgischer Herrschaft
Prinz Eugen und die Einnahme Temeswars 1716 / Neuordnung der Stadt, Neubau der Festung / Die jüdische Bevölkerung zwischen Toleranz und Verfolgung / Das Temescher Banat unter den Habsburgern / Kriege, Katastrophen und Konflikte / Regulierung der Bega, neue Kommunikationswege und Handel / Die Vorstädte / Die Innere Stadt / Drei kuriose Hauszeichen / Schulen, Orden und Bistumskirchen / Kulturleben, Konsum und Freizeitgestaltung
Königliche Freistadt
Schulwesen und Komitatshauptstadt / Erwachen des serbischen und des rumänischen Nationalbewusstseins / Die rational angelegte Stadt / Napoleonische Zeit / Kultur und Wissenschaft im Vormärz / Beethovens Jugendliebe / Cholera / Eine Stadt zwischen West und Ost? / Wirtschaftsleben / Die Entsetzung von Temeswar / Die Revolution von 1848/49 und ihre Folgen
Kronland Serbische Wojewodschaft und Temescher Banat
Politische Restauration / Eine Zeit der Innovationen
Eine Bezirkshauptstadt im Königreich Ungarn
Wieder unter Ungarns Krone / Eine der ersten elektrischen Straßenbeleuchtungen in Europa / Eine differenzierte, plurikulturelle Presselandschaft / Theater und Musik / Eine großzügige Stadtplanung / Juden im neuzeitlichen Temeswar / Von Temeswar nach Übersee / Temeswar im Ersten Weltkrieg / Die Banater Republik
In Großrumänien
Die Eingliederung in das Königreich Rumänien / Eine Großstadt im Westen Rumäniens / Kulturleben in der Zwischenkriegszeit / Politik und Wirtschaft / Spannungen innerhalb der jüdischen Gemeinde / Temeswar im Zweiten Weltkrieg
Im kommunistischen Rumänien
Neuanfang, Umsturz, Terror, Stadtplanung und Protest / Stadtentwicklung und zweite Industrialisierung / Kulturelles Leben / Wissenschaftliche Erfolge / André Spitzer – Opfer des Münchner Olympia-Massakers 1972 / Krise des kommunistischen Systems / Stefan H. Well – vom Temeswarer Gymnasiasten zum Nobelpreisträger / Die revolutionäre Stadt
Freiheit und Demokratisierung
Ein demokratisches Manifest / Seit dem politischen Umbruch / Vom Schwarzwald ins Rathaus von Temeswar / Europäische Kulturhauptstadt / Eine Stadt vieler Sprachen
Anhang
Stadtplan / Verwendete Literatur (Auswahl) / Personenregister / Ortsregister / Bildnachweis
Temeswar, die bevölkerungsreichste Stadt des Banats, ist 2023 Europäische Kulturhauptstadt. Diesen Ehrentitel trägt ein Jahr lang eine Stadt, deren Alltag bis heute vom Mit- und Nebeneinander von Nationalitäten, Sprachen, Religionen und Konfessionen geprägt wird: Rumänen, Ungarn, Deutsche, Serben, Juden, Roma, Bulgaren, Italiener, Spanier und Armenier, für einige Jahrhunderte auch Osmanen.
Diese Kleine Stadtgeschichte richtet sich in erster Linie an ein deutschsprachiges Lesepublikum, und aus pragmatischen Gründen wird im Titel und im Text der deutsche Stadtname »Temeswar« gebraucht. Auch sonst werden, wenn vorhanden, im Text die deutschen Ortsnamen verwendet, die anderen Formen werden im Ortsregister aufgeführt. Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Text zudem das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind jedoch immer alle Geschlechter.
Es steht außer Frage, dass der offizielle rumänische Stadtname »Timișoara«, die ungarischen und serbischen Varianten »Temesvár« bzw. »Темишвар/Temišvar«, die lateinische »castrum Temes« und auch die türkisch-osmanische Fassung »Temeşvar« gleichermaßen ihre historische und kulturelle Berechtigung besitzen. Unterhielten sich Temeswarer Juden untereinander, nannten sie ihre Heimatstadt »Temshvar/טעמשוואר«, und manche ältere deutsche Stadtbewohner verwenden auch heute noch die seit dem Mittelalter bekannte und in den 1930er-Jahren wiederentdeckte Form »Temeschburg«.
Mit dem Attribut »Klein-Wien« hat man Temeswar im 19. Jahrhundert gerne versehen, wie übrigens manch anderen Ort der Donaumonarchie. Ein weiterer Beiname, »Stadt der Rosen« (»orașul rozelor«), bezieht sich auf die Vielfalt der hier gezüchteten Rosenarten. Die blutigen Ereignisse vom Dezember 1989 brachten Temeswar den traurigen Ehrentitel »Märtyrerstadt« (»oraș-martir«) ein. Die Organisatoren der Europäischen Kulturhauptstadt 2023 nehmen auf einen erfreulicheren Aspekt der Stadtgeschichte Bezug – die dort bereits 1884 eingeführte elektrische Straßenbeleuchtung. Unter dem Motto »Luminează orașul prin tine!« – »Erleuchte die Stadt durch dich!« – werden die Bürger Temeswars dazu animiert, zum Gelingen dieses großen Kulturprojekts aktiv beizutragen.
Ausschnitt aus der Karte Temeswarer District, die gegend bey der Stadt und VorStädte Temeswar, und daselbigen Geheege (Sectio 54) der im Österreichischen Staatsarchiv Wien/Kriegsarchiv aufbewahrten Josephinischen Landaufnahme aus den Jahren 1769–1772. Deutlich erkennbar ist die große Distanz zwischen der Festung (Inneren Stadt) und den Vorstädten.
Über die Geschichte Temeswars sind bereits umfangreiche Werke, insbesondere in rumänischer, ungarischer und deutscher Sprache, geschrieben worden, auf deren Erkenntnisse wir zurückgreifen konnten. Die meisten deutschsprachigen Stadtgeschichten setzen jedoch erst im frühen 18. Jahrhundert ein, als nach der Eroberung des bis dahin osmanischen Banats eine starke Besiedelung mit Menschen vor allem deutscher Muttersprache aus unterschiedlichen Herkunftsregionen begann. Diese Kleine Stadtgeschichte trägt auch der mittelalterlichen und der frühneuzeitlichen Vergangenheit und damit der Bedeutung der Stadt vor 1718 Rechnung.
Temeswar, das seit den Grenzreglements nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu Rumänien gehört, ist mit über 300.000 Einwohnern eine der wichtigsten Großstädte des Landes. Sie liegt auf einer durchschnittlichen Höhe von 90 Metern ü. NN im südöstlichen Banat, einem Ausläufer der Pannonischen Ebene bzw. des Donaubeckens. Die städtische Topografie bestimmte die namensgebende Kleine Temesch. Zusammen mit der Großen Temesch bildete sie in der Umgebung eine Sumpflandschaft aus und verursachte häufig Überschwemmungen. Erst deren Regulierung im 18. Jahrhundert durch den heute durch die Stadt führenden Bega-Kanal machte das Umland von Temeswar für Menschen bewohnbar.
Temeswar und seine Region weisen im Jahresmittel ein gemäßigtes Klima auf, wobei die relativ hohe Luftfeuchtigkeit im Sommer ein häufig schwülwarmes Wetter bewirkt. Die Stadt liegt in der seismisch aktiven Zone des Donau-Karpaten-Raums – Erdbeben hinterließen in den Jahren 1443, 1665, 1738, 1838, 1869 und 1977 jeweils schwere Schäden.
Eine Kleine Stadtgeschichte kann keine umfangreiche stadthistorische Monografie ersetzen und dementsprechend auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Auf begrenztem Raum mehrere Jahrhunderte zu rekonstruieren, dabei gleichermaßen die Stadtentwicklung und unterschiedliche politische, kulturelle, soziale und ökonomische Aspekte zu berücksichtigen sowie auch das Gleichgewicht zwischen lokalen Ereignissen und ihrer Einbettung in regionale, nationale und globale Entwicklungen zu finden, darin bestand eine große Herausforderung. Sie zwang uns zu zahlreichen Reduktionen. Die vorliegende Publikation versteht sich als handlicher Begleiter und praktische Informationsquelle für all jene, die Interesse an der Kulturhauptstadt Europas 2023 haben oder ihr einen zweifellos lohnenden Besuch abstatten wollen.
Das offizielle Logo der Stadt Temeswar – Europäische Kulturhauptstadt 2023.
Diese Kleine Stadtgeschichte ist das Ergebnis eines Projekts des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Autoren haben sich am Temeswarer Epochenjahr 1716 – der Eroberung durch die Habsburger – orientiert: Den ersten Teil hat Konrad Gündisch verfasst, den zweiten Tobias Weger.
Wir danken dem Verlag Friedrich Pustet in Regensburg für die Aufnahme in seine Reihe der Kleinen Stadtgeschichten und die bewährte redaktionelle Betreuung, Halrun Reinholz und Jonas Schwiertz für hilfreiche Anregungen sowie Arch. Amalia Gyémánt für die Erstellung des aktuellen Stadtplans.
Viel Freude beim Lesen und Entdecken!
Konrad Gündisch
Tobias Weger
München, im Januar 2023
Die 80–100 m über dem Meeresspiegel gelegenen Terrassensporne in der verwilderten Flusslandschaft der Großen und der Kleinen Temesch eigneten sich früh für von der Natur durch Sümpfe, Mäander, tote oder durchströmte Flussarme und Seen geschützte Niederlassungen von Menschen. Soweit man das archäologisch noch nachvollziehen kann – trotz der zahlreichen Erdbewegungen, insbesondere durch die aufeinanderfolgenden Festungsbauten im 16., 17. und vor allem im 18. Jahrhundert sowie durch die Kanalisierung der Kleinen Temesch (Bega-Kanal) in habsburgischer Zeit (siehe dazu S. 58 f.) –, ist eine Bewohnung auf dem Gebiet des heutigen Temeswar seit der Jungsteinzeit anhand ausgegrabener Kultgefäße im Jagdwald und mehrerer Funde aus der Bronzezeit, etwa im Botanischen Garten, nachweisbar.
Im Zuge von zwei aufeinanderfolgenden Dakerkriegen (101–103, 105–106 n. Chr.) Kaiser Trajans – die auf der berühmten Trajanssäule in Rom dargestellt sind – wurde auch das Gebiet um Temeswar, das später die Provinz Dacia Ripensis bildete, dem Römischen Reich einverleibt. Der Geograph Claudius Ptolemäus erwähnt eine Siedlung namens Zambara, die sich hier befunden haben könnte. Sehr unwahrscheinlich ist es, dass hier die römische Stadt Tibiscum stand, die in anderen Schriftquellen erwähnt wird. Die mit einem Limes vergleichbaren Römerschanzen – Trajanswall genannt – durchquerten nachweislich auch die heutige Stadt – noch erkennbar u. a. neben dem Fußballstadion »C.F.R.«.
In der Völkerwanderungszeit ließen sich hier ab 271, als Rom die Provinz aufgab, Goten, dann Hunnen, Gepiden, und Langobarden für kürzere oder längere Zeit nieder. Gepidenschädel und gepidischer Schmuck aus dem 5. Jahrhundert, die im heutigen Stadtbezirk Temeswar-Freidorf gefunden wurden, werden im Banater Museum ausgestellt. Das Gepidenreich, dessen Machtzentrum sich in Siebenbürgen befand, wurde 567 von den Awaren vernichtet, deren Reich im Pannonischen Becken rund 200 Jahre lang bestand. Eine awarische Rundsiedlung namens Beguey soll an der Kleinen Temesch errichtet worden sein.
Nachdem das Awarenreich von Karl dem Großen Ende des 8. Jahrhunderts zerschlagen wurde, ließen sich Petschenegen, Kumanen, Bulgaren und Slawen im Pannonischen Becken nieder. Die fränkische Herrschaft dehnte sich allerdings nicht jenseits der Theiß, also auch nicht bis an die Temesch aus.
Ein von einem gewissen Glad geführtes frühstaatliches Gebilde, vermutlich eine Grenzmark des Ersten Großbulgarischen Reiches bis zum Tod des Zaren Simeon I. (927), soll gemäß einer späteren ungarischen Chronik, der Gesta Hungarorum, um 934 von magyarischen Stämmen zerschlagen worden sein. Doch erst der um 1030 erfochtene Sieg Stefans I. des Heiligen über den dem griechischen Ritus anhängenden Ahtum/Ajtony sicherte die Herrschaft des jungen ungarischen Königreichs über dieses Gebiet, nicht zuletzt mit der Gründung des katholischen Bistums Tschanad durch den heiligen Gerhard/Gellért von Sagrado. Das Bistum war in Erzdiakonate unterteilt, unter ihnen jenes von Temesch, das in etwa die Ausdehnung des gleichnamigen Komitats hatte.
Stefan der Heilige und seine Nachfolger organisierten ihr Reich, die römisch-deutsche Grafschaftsverfassung an eigene Erfordernisse anpassend, in Komitate, auch Grafschaften oder Gespanschaften genannt (ungarisch »megye«, geleitet von einem Gespan/»ispán«). Ein solcher wurde in einem Gebiet mit dem Zentrum »castrum Temes« gegründet, das von vielen Historikern mit dem späteren Temeswar gleichgesetzt und erstmals ca. 1177 in den erhalten gebliebenen Quellen erwähnt wird. Seine Leitung hatte damals Graf Pankratius (»Pancracius, comes Temissiensis«) inne, wohl der erste namentlich bekannte Bewohner der späteren Stadt.
Ein weiterer Graf von Temesch, Botho/Póth von Altenburg, wird 1203 als »Thymisiensi comes« in einer Urkunde erwähnt, die im österreichischen Zisterzienserkloster Heiligenkreuz aufbewahrt wird. Dieser Temescher Graf entstammt einer deutschen Ritterfamilie, die – wie in der Wiener Bilderchronik überliefert – zur Zeit des Königs Salomon nach Ungarn gekommen ist und in der ungarischen Geschichtsschreibung als Geschlecht von Raab (»Győr nemzetiség«) bekannt ist.
Das um 1360 auf Pergament geschriebene und reichlich illuminierte Werk mit dem Titel Chronicon pictum, Marci de Kalt, Chronica de gestis Hungarorum schildert unter anderem die Herkunft großer Adelsgeschlechter Ungarns. Botho wird als Sohn Konrads von Altenburg beschrieben, der zur Zeit König Salomons (ung. König 1063–1074) nach Pannonien gekommen sei und unter anderem als Vermittler zwischen den römisch-deutschen Königen und Kaisern sowie den ungarischen Königen gedient hat, da er sowohl Latein als auch Deutsch beherrschte.
Botho/Póth, Sohn Konrads von Altenburg. Miniatur aus der »Wiener Bilderchronik«, um 1360.
Die unklare Quellenlage zur Gründungsgeschichte von Temeswar hat zur Folge, dass im Laufe der Jahre – einem nicht nur in Rumänien grassierenden Bedürfnis nach Jubiläumsfeiern folgend – gleich zweimal der angeblich ersten urkundlichen Nennung der Stadt gedacht wurde: 1969, mit dreijähriger Verspätung, an die Schenkung von 1266, unter anderem mit dem Band Timișoara 700; im Jahr 2012 mit einer Briefmarke zum Gedenken an die vor 800 Jahren ausgestellte Urkunde von 1212.
Bothos Bruder Saul war in den Jahren 1188–1191 Bischof von Tschanad, dem Bistum, zu dem das Erzdiakonat Temesch gehörte, dann 1192–1202 Erzbischof von Kalocsa. Zusammen mit einem weiteren Bruder haben die beiden Altenburger das Benediktinerkloster von Leiden/Lébény gestiftet, dessen Kirche heute eines der besterhaltenen und schönsten romanischen Baudenkmäler Ungarns ist, außerdem die Burg Altenburg/Magyaróvár errichtet. Botho stieg 1209 unter Andreas II. zum Palatin Ungarns auf, dem höchsten Würdenträger des Landes und obersten Richter und Stellvertreter des Königs, und führte 1211 einen siegreichen Feldzug gegen das Fürstentum Galizien-Wolhynien an. 1212 wurde er im Zuge der Erhebung ungarischer Adliger gegen den deutschen Einfluss in Ungarn, die zur Ermordung der Königin Gertrud von Andechs-Meranien geführt hat, durch Bánk Bán ersetzt, dem der Komponist Franz Erkel mit einer gleichnamigen, 1861 uraufgeführten Oper ein musikalisches Denkmal gesetzt hat.
1212 wird ein »castrum Temesiensi« in einer Urkunde genannt, die sich aber insgesamt auf Territorien in Komitaten bezieht, die sich in der heutigen Slowakei befinden und nicht in die Urkundensammlung Documente privind istoria Romîniei [Dokumente zur Geschichte Rumäniens] aufgenommen wurde. Schließlich kommt in einer Schenkungsurkunde von 1266 ein »castrum de Thymes« vor, das mit der Burg an der Temesch identifiziert wird.
Die ungarische Bezeichnung für Burg (castrum) ist »vár«; in Verbindung mit dem Flussnamen Temesch (ung. Temes) ergibt sich der Ortsname Temesvár, der sich auch im Deutschen durchgesetzt hat. Die rumänische Bezeichnung Timișoara und der türkische Name Temişvar lassen sich etymologisch ebenfalls auf Temesvár zurückführen. Der Name Temeschburg, der bereits in Quellen aus der Zeit Kaiser Sigismunds von Luxemburg vorzufinden ist, wird heute kaum noch verwendet.
Neben der Burg entstand eine Siedlung; beide wurden wohl während des Mongolensturms von 1241/42 zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte unter Beteiligung westlicher Siedler, die König Béla IV. ins Land gerufen hat, worauf die Bezeichnung »hospites« (Gäste) in späteren Temeswarer Urkunden, etwa in einer von 1341, hindeutet. König Ladislaus IV. weilte in der Ortschaft zusammen mit dem Tschanader Bischof Gregor anlässlich eines Feldzugs gegen den walachischen Wojwoden Litowoj.
Zweifaches Stadtjubiläum: 1969 (s. oben) und 2012 wurde jeweils der angeblich ersten urkundlichen Nennung Temeswars gedacht.
Unter König Karl I. Robert aus dem italienischen Zweig des Hauses Anjou, das nach dem Aussterben der Árpáden-Dynastie in Ungarn herrschte und einen Aufschwung der Wirtschaft, des Städtewesens, der Verwaltung und der Kultur ermöglichte, erlebte Temeswar eine erste Blütezeit: Er bestimmte die Burg zu seiner zeitweiligen Residenz und ließ sie zwischen 1307 und 1315, den Verteidigungsansprüchen der Zeit entsprechend, befestigen. König, Königin und Hofstaat übersiedelten 1315 in die von allen Seiten durch Wasser und Befestigungen aus Holz und Backstein gesicherte Burg, was einige Autoren bewogen hat, sie als »Wasserschloss« zu definieren. Bodenstabilisierende Eichenholzpfähle sowie die Fundamente eines gemauerten Bergfrieds wurden 2007–2013 bei archäologischen Grabungen neben dem heutigen Banater Museum freigelegt, das an der Stelle der alten Burg steht.
Auch erste kirchliche Bauten sind aus dieser Zeit bekannt: 1323 werden die dem heiligen Georg geweihte Kirche und ein Dominikanerkloster mit einer Ladislauskirche urkundlich erwähnt, 1394 die Eligiuskirche mit zwei Kapellen, etwas später die Martinskirche. Den Übergang zwischen Burg und Siedlung über einen Flussarm der Kleinen Temesch (oder einen eigens angelegten Graben) sicherte der so genannte Wasserturm.
Wann sich die Ortschaft zur Stadt entwickelte, ist unsicher. 1342 jedenfalls klagt der Oberzöllner des Komitats, dass die Bürger (»cives«) von Temeswar die Instandhaltung der Brücken vernachlässigten und ihm deshalb erhebliche Zolleinnahmen entgingen. Die Urkunde belegt die Existenz einer Stadt, in der ein reger Handelsverkehr herrschte, wovon auch die »mercatores de civitate Temeswar« (Kaufleute der Stadt), ein Zollstreit mit Hermannstadt und eine vom König den Genuesen gewährte Zollfreiheit in Temeswar zeugen. Der erste namentlich genannte Handwerker ist der Kürschner Johannes. In den 1370er-Jahren soll es eine Zunft der Zimmerleute gegeben haben, auch Gerber, Kürschner, Sattler und Tuchmacher.
Ab 1338 sind Münzen mit dem Zeichen »T« überliefert, die in der Münzstätte Temeswar zur Zeit Karl Roberts geprägt wurden. Weitere T-Münzen wurden unter Ludwig dem Großen und Sigismund von Luxemburg geprägt. Ihr seltenes Vorkommen deutet auf einen geringen Ausstoß hin, Temeswarer Münzen genießen Seltenheitswert.
Vermutlich 1365 erhielt Temeswar sein erstes Wappen, wohl das älteste vom König verliehene Wappen Ungarns, das erhalten geblieben ist. Bald wurde auch die städtische Führung, der Richter und die Geschworenen (»judex et jurati cives«), erwähnt. Erster namentlich bekannter Stadtrichter war der 1390 erwähnte Michael, genannt Poztos (»posztos« ist im Ungarischen ein Tuchhändler), dessen Haus samt Besitzurkunden 1385 abgebrannt ist; der edle Herr (»nobilis vir«) bat deshalb um Bestätigung seiner Rechte als Eigentümer von Grundstücken auf Adelsboden. Die Rolle Temeswars als militärisches und administratives Zentrum der Region behinderte allerdings die wirtschaftliche Entwicklung und auch die Entfaltung der städtischen Freiheiten.
Die Stadt wurde durch die umgebenden Wasseradern, zunächst durch Holz- und Lehmpalisaden, nur stellenweise durch Mauern und Basteien geschützt. Dem Bevölkerungswachstum war die Ausdehnung auf die benachbarten Inseln geschuldet, die später »Große« (im Osten) bzw. »Kleine Palanka« (im Süden) genannt wurden. Auf der südlichen Insel ließen sich die Handwerker und Kaufleute nieder, die vor allem die Schlossbewohner versorgten; einige Fachleute vermuten, dass hier westliche Gastsiedler gewohnt haben. Auf der östlichen Insel entstand um 1350 eine planmäßig angelegte Siedlung mit einem größeren Bau (wohl einem Franziskanerkloster), der auf alten Stichen der Stadt zu erkennen ist und auch während der osmanischen Herrschaft fortbestand. Wichtigste Baumaterialien waren in dieser Zeit Holz, Flechtwerk und Lehm. Beide Inseln wurden vor allem von Flussarmen und Sümpfen geschützt, eigene Holzbefestigungen (Palisaden) kamen im 15. Jahrhundert dazu. Eine ungefähre Vorstellung von dem im 15. Jahrhundert bebauten Gebiet vermittelt ein Gemälde, das Franz Ferch für das Banater Museum aufgrund der verfügbaren historisch-topographischen Informationen angefertigt hat (s. Abb. S. 22).
Von Richter und Rat der Stadt Temeswar im Mittelalter ausgestellte Urkunden sind wegen der wiederholten Zerstörungen und Brände nicht erhalten geblieben. Nur ein ungarischsprachiges Schreiben des Oberrichters Stefan Hertzeg, einiger Geschworener und Katholiken aus Temeswar an den Papst vom 8. März 1582 ist mit dem alten Wappen der Stadt gesiegelt, mit der Umschrift: S. CIVITATIS TEMESVAR. Darin bitten die Unterzeichner, die sich bereits seit 1552 unter osmanischer Herrschaft befinden, um Entsendung eines Pfarrers und um Unterstützung einer katholischen Schule. Als Siegelbild dient ein stehender hl. Georg, der mit einem Pfeil auf den Hals eines angreifenden Drachens zielt. Die ungewöhnliche Georg-Darstellung – meistens wird er hoch zu Ross, eine Lanze in den Schlund des Ungeheuers stoßend, präsentiert – gibt ebenso Rätsel auf wie die genauere Datierung. Diese Drachenform ist auf Reliefs auf Gräbern von Bogomilen aus dem 14. Jahrhundert überliefert. Daraus folgert Szabolcs de Vajay, dass die Wappenverleihung mit dem Kampf Ludwigs I. des Großen gegen die in Bulgarien, Serbien und Bosnien verbreiteten Bogomilen in Verbindung steht, die Kontakte zu den Patarenern und den Katharern pflegten und von der römischkatholischen Amtskirche als Ketzer verfolgt worden sind. Vajay vermutet, dass das Wappen im Juni 1365 verliehen wurde, als Ludwig der Große von Temeswar aus seinen erfolgreichen Feldzug gegen das bulgarische Königreich Widin begonnen hat. Es sei damit das älteste vom König verliehene Stadtwappen, noch vor Kaschau, das sein Wappen 1369 ebenfalls von Ludwig dem Großen erhalten hat. Dem hl. Georg ist auch die 1323 erstmals erwähnte Stadtkirche von Temeswar geweiht.
Abbildung und Rekonstruktion des mittelalterlichen Wappens von Temeswar.
Nach der Verlegung der ungarischen Königsresidenz auf die Plintenburg/Visegrad verlor Temeswar an Bedeutung, bis die zunehmende osmanische Bedrohung an der Unteren Donau ab der Mitte der 1350er-Jahre dafür sorgte, dass die Befestigungsanlagen ausgebaut und dem jeweils aktuellen Stand der Kriegstechnik angepasst wurden. König Ludwig der Große startete von hier aus Feldzüge gegen das Königreich Widin (1365), gegen den serbischen Herrscher Stefan Uroš V. (1358) und gegen Vlaicu, den Woiwoden der Walachei (1368). Auch Sigismund von Luxemburg, seit 1387 ungarischer König, später böhmischer sowie römisch-deutscher König und Kaiser, nutzte die strategische Bedeutung von Temeswar als Ausgangspunkt für seine Heerzüge gegen die Osmanen; zu wiederholten Malen weilte er hier für längere Zeit, so zwischen 1389 und 1391. Nach der Niederlage Sigismunds bei Nikopolis (1396) fielen die Osmanen erstmals im Banat ein und bedrohten auch Temeswar. 1397 berief der König den ersten ungarischen Ständetag hierher ein, um über die Türkenabwehr zu beraten und eine Militärreform voranzubringen.
Temeswar im 15. Jh., Rekonstruktion von Franz Ferch (v. r. n. l.): Kleine und Große Palanka (mit dem Franziskanerkloster), Burg Temeswar und befestigte Siedlung Temeswar (mit dem Wasserturm, der Georgskirche und dem Dominikanerkloster).
