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Terror E-Book

Charlotte Klonk

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Beschreibung

Die Propagandavideos der IS-Kämpfer sind nichts Neues. Im Gegenteil, Terroristen haben sich schon immer der Bilder bedient, um ihre Anliegen medial zu verbreiten – und ebenso ihr Feind, der Staat. Charlotte Klonk zeigt in ihrer Studie ›Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden‹, welche Rolle die Bilder des Terrors seit dem 19. Jahrhundert bis in unsere unmittelbare Gegenwart spielen. In konkreten Falluntersuchungen und mit kunsthistorisch geschultem Blick arbeitet sie die Bildstrategien heraus, ordnet diese in ihre geschichtliche Entwicklung ein und beantwortet am Ende die dringende Frage nach dem ethischen Umgang mit Terrorbildern. Ein unverzichtbares Buch, um die Hintergründe des allgegenwärtigen Terrorismus zu verstehen.

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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Charlotte Klonk

Terror

Wenn Bilder zu Waffen werden

 

 

Über dieses Buch

 

 

Die Propagandavideos der IS-Kämpfer sind nichts Neues. Im Gegenteil, Terroristen haben sich schon immer der Bilder bedient, um ihre Anliegen medial zu verbreiten – und ebenso ihr Feind, der Staat. Charlotte Klonk zeigt in ihrer Studie, welche Rolle die Bilder des Terrors seit dem 19. Jahrhundert bis in unsere unmittelbare Gegenwart spielen. In konkreten Falluntersuchungen und mit kunsthistorisch geschultem Blick arbeitet sie die Bildstrategien heraus, ordnet diese in ihre geschichtliche Entwicklung ein und beantwortet am Ende die dringende Frage nach dem ethischen Umgang mit Terrorbildern. Ein unverzichtbares Buch, um die Hintergründe des allgegenwärtigen Terrorismus zu verstehen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hißmann, Hamburg

Coverabbildung: Getty Images

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490229-6

 

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Inhalt

Nun handelt es sich [...]

I. Einleitung

Bildmuster

Terror als Begriff

Bild und Beweis

II. Nahe Bilder. Bombenattentate und Anschläge im späten 19. und frühen 21. Jahrhundert

Selbsternannte Terroristen der ersten Stunde. Das Attentat auf Zar Alexander II.

Die ersten seriellen Anschläge in der Geschichte. Irischer Terror in London

Die bürgerliche Gesellschaft als Angriffsziel. Anarchistische Täter in Paris

Modi Operandi am Ende des 19. Jahrhunderts

Die westliche Welt als Feind. Der Einsturz des World Trade Centers in New York

Ein Anschlag ohne Ikonen und der Triumph der Caritas. Bombenexplosionen in Madrid und London

Ein Bildmuster und seine Grenzen

III. Ferne Bilder. Geiselnahmen und Flugzeugentführungen seit den 1960er Jahren

Strategiewechsel in den 1970er Jahren. Von den Tupamaros in Uruguay zur RAF in Deutschland

Lebenszeichen in den 1980er Jahren. Geiselnahmen im Libanon

Unfreiwillige Komplizenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Enthauptungsvideos von Al Qaida und IS

Medienereignis. Die Flugzeugentführungen der palästinensischen Volksbefreiungsfront in den 1970er Jahren

Zwischen Fakt und Fiktion

IV. Täterbilder. Vom Fahndungsfoto zum Propagandavideo

Ambivalente Bilder. Vom Fahndungsfoto zu Überwachungskameraaufnahmen

Erniedrigende Bilder. »Ein nackter Terrorist flößt keinen Schrecken mehr ein.«

Selbstinszenierungen. Vom Gerichtssaal zum Propagandavideo

Die Migration der Bilder. Vom Feind- zum Märtyrerbild

V. Bildethik. Zum Umgang mit Terrorbildern

Bildwirklichkeit. Realitätsbezug und Muster

Bildwirkung. Empirie und Hermeneutik

Bildkontrolle. Staat, Medien und Menschenrechtsorganisationen

Bildverantwortung. Augenzeugen und Medienprosumer

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Dank

Nun handelt es sich um einen Gegenstand, der so zentral für mich ist, daß ich noch nicht weiß, ob ich ihn, im jetzigen Stadium meines Denkens, mit der ausreichenden Freiheit entwickeln kann, vorausgesetzt, daß mir seine Aufklärung überhaupt gelingt.

 

Walter Benjamin an Gershom Scholem, 26. März 1921

I.Einleitung

Am Abend des 13. Juni 2016 wurde auf einer Straße im Pariser Vorort Magnanville ein französischer Polizist erstochen. Der Attentäter verschaffte sich anschließend Zutritt zur Wohnung des Opfers und ermordete dort dessen Lebensgefährtin vor den Augen des dreijährigen Sohnes. Noch während der Mörder mit Spezialeinheiten verhandelte, postete er Live-Aufnahmen von sich und seinen Opfern auf der Internetplattform von Facebook. Der Täter von Magnanville, der im Namen des sogenannten Islamischen Staats (IS) handelte und später erschossen wurde, übernahm hier erstmals in kompletter Eigenregie, was für den modernen Terror grundsätzlich gilt: Nicht der Gewaltakt an sich zählt, sondern die Bilder, die davon in Umlauf gebracht werden.

Wie soll man, wie kann man mit diesen Aufnahmen umgehen? Die Frage stellt sich nicht erst, seit es das Internet gibt. Selbst bei Veröffentlichungen in den herkömmlichen Medien ging es schon immer um mehr als nur Information. Wo eine militärisch unterlegene Gruppe die Übermacht eines Staates herausfordert, ist nicht die tatsächliche Anzahl der Toten bei einem Anschlag entscheidend, sondern die massenwirksame Verbreitung von Angst und Schrecken und potentieller Ruhm unter Gleichgesinnten. Je intensiver also die mediale Bildproduktion betrieben wird, desto größer ist auch zunächst der Erfolg der Täter.

Das Dilemma, das sich daraus für die Betrachter ergibt, ist kaum zu lösen. Da man beim Anblick der Bilder physisch unversehrt bleibt, stellt sich schnell das sublime Gefühl der Angstlust ein. »Wen der Terror der Bilder nicht zum Terroristen macht«, schreibt Hans Magnus Enzensberger, »den macht er zum Voyeur.«[1] Aus Angstabwehr wird Schaulust und umgekehrt. Der Weg vom Opfer zum Täter ist somit vorprogrammiert: Schaulust treibt die Bildermaschinerie des Terrors an, und Angstabwehr generiert Gegenbilder. Um nach einem Terroranschlag das Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft wiederherzustellen, wird vor allem die Feindbildproduktion schnell in Gang gesetzt. Noch bevor die Täter gefasst sind, bekommt das Grauen ein Gesicht und die diffuse Angst eine Form, mit der man symbolisch bereits erniedrigen und erledigen kann, wen man in Wirklichkeit vielleicht noch gar nicht dingfest gemacht hat. Die Bilder potenzieren das Ereignis und produzieren weitere Bild-Ereignisse, die wiederum Taten und Fakten schaffen, bei denen unter Umständen Menschen ums Leben kommen können.[2] »In diesem Sinne«, so fasst der Politologe Herfried Münkler zusammen, »stellt der Terrorismus eine Form der Kriegführung dar, in welcher der Kampf mit Waffen als Antriebsrad für den eigentlichen Kampf mit Bildern fungiert.«[3]

Gibt es, so muss man sich angesichts dieses Dilemmas fragen, eine richtige, eine angemessene Haltung als Medienproduzent, gar als Nutzer? Gibt es eine Eigenverantwortung im Umgang mit Terrorbildern? Das vorliegende Buch ist ein Versuch, auf diese Fragen eine Antwort zu finden. Es geht nicht darum, Ursachen und Abwehrmöglichkeiten der Gewalt als solche zu bestimmen. Diesem Unterfangen haben sich in den letzten Jahrzehnten bereits andere, besser qualifizierte Autoren gewidmet.[4] Vielmehr sollen hier zunächst die Dynamiken von Bild und Gegenbild untersucht werden, die in den westlichen Medien zum Tragen kommen, sobald ein Anschlag verübt wird. Ob und wie wir nämlich zu einer moralischen Einschätzung gelangen, hängt ganz entscheidend, so hat unter anderem Judith Butler betont, »von einem bestimmten bereits existierenden Feld wahrnehmbarer Realität ab«.[5] Insofern wird es hier zunächst darum gehen, exemplarisch anhand einschlägiger Beispiele die Muster und Modi Operandi zu untersuchen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts die Terrorbildberichterstattungen bestimmt haben. Erst wenn die historischen und medialen Umrisse des Feldes selbst Teil der Wahrnehmung geworden sind, kann, so wird zu zeigen sein, über ethische Grundlagen im Umgang mit den Bildern nachgedacht werden.

Bildmuster

Butler spricht in diesem Zusammenhang auch von »Rahmen […], die über das Wahrnehmbare bestimmen, die abgrenzen und Bilder in den Mittelpunkt rücken, wobei immer bestimmte Teile des visuellen Feldes zugleich ausgeschlossen werden«.[1] Der Begriff ›Rahmung‹ – oder auf Englisch ›framing‹ – ist auch in den Medien- und Kommunikationswissenschaften geläufig.[2] Er beschreibt die immer gleichen vorstrukturierenden Elemente der Nachrichtenberichterstattung, mit denen Ereignisse in den Medien aufbereitet werden. Wenn hier jedoch nicht von Rahmen oder Rahmung, sondern von Mustern die Rede ist, so deshalb, weil der Begriff zwei Bedeutungen transportiert, die genauer bezeichnen, worum es in diesem Buch geht. Muster sind nicht nur Vorlagen, die festlegen, was immer wieder neu zu realisieren ist, sondern auch regelmäßig sich wiederholende Darstellungen innerhalb eines bestimmten Feldes. Über Bombenanschläge, Geiselnahmen und Tätervisualisierungen wird mit jeweils unterschiedlichen Bildmustern berichtet, auch wenn sie häufig nicht isoliert erscheinen und in der Wahrnehmung eines Tathergangs gelegentlich miteinander verschmelzen.

Für alle Bilder im Kontext des Terrors aber gilt, was der Bildhistoriker Aby Warburg mit dem Begriff der Pathosformel zu beschreiben versucht hat: Es sind ganz archaische Gefühle wie Angst, Schrecken, Rache und Ruhm, die mit ihnen wachgerufen und bewältigt werden. Warburg fand in Bildern der Renaissance ungelöste Spannungen und Affekte, die im Rückgriff auf ein antikes Formen- und Figurenrepertoire verarbeitet wurden.[3] Ähnlich verhält es sich mit Bildern von Terrortaten. Im Moment der größten Gefahr wird die emotionale Spannung im Rückgriff auf eingespielte Muster gelöst. Warburg selbst suchte und fand die Pathosformel vor allem in Einzelbildern. Aktuelle psychische Erregungen artikulierten sich, so hat er versucht zu zeigen, in der Form von signifikanten, seit der Antike tradierten Figurenkonstellationen. Im Kontext von Nachrichtenbildern jedoch ist ein bewusster oder unbewusster Bezug auf einzelne Vorbilder eher selten und schwer nachzuweisen. Psychische Spannungen und Affekte werden nicht in Einzelbildern, sondern über bereits zuvor etablierte Bildmuster reguliert. Die beruhigende zivilisatorische Wirkung entsteht hier vor allem in der Wiederholung, dem immer gleichen Ablauf von Bildern und Gegenbildern im bekannten Gut-Böse- und Freund-Feind-Schema.

Selbstverständlich kann die Auswahl der hier diskutierten Bilder und Ereignisse keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Dazu ist das Phänomen des modernen Terrors seit seinem Aufkommen am Ende des 19. Jahrhunderts zu heterogen, zu global und zu unübersichtlich geworden.[4] Im Zentrum der Diskussion stehen deshalb vor allem westliche Medienereignisse und Medienbilder,[5] darunter auch kanonisch gewordene Aufnahmen, die, wie der Historiker Gerhard Paul schreibt, selbst »Geschichte mach[t]en und dabei zugleich noch die Erinnerung an diese Geschichte mit präg[t]en«.[6] Mit dieser durchaus starken Einschränkung des Untersuchungsgegenstandes ist jedoch nicht zugleich die Behauptung verbunden, dass nur solche terroristischen Gewalttaten von Belang sind, die sich innerhalb des Aufmerksamkeitshorizonts westlicher Gesellschaften abspielen. Im Gegenteil, viele Angriffe ereignen sich für westliche Betrachter geradezu bilderlos und außerhalb ihrer Mediensphäre. Für die Gräueltaten der radikal-islamischen Gruppe Boko Haram im Nordosten von Nigeria etwa haben wir fast keine Bilder, obwohl die Mitglieder selbst Videos auf auch in der westlichen Welt zugänglichen Internetplattformen wie YouTube hochladen und Aktivisten in regelmäßigen Abständen die Erinnerung unter anderem an die rund 200 Schülerinnen wachzuhalten versuchen, die am 14. April 2014 aus einem Wohnheim im Bundesstaat Borno entführt wurden.[7]

Die Konzentration auf eine Auswahl von westlichen Medienereignissen und -bildern hat aber nicht nur mit der sprachlichen und kulturellen Zugänglichkeit der diskutierten Quellen zu tun, sondern ist auch eine Konsequenz der ethischen Überlegungen, die am Schluss des Buches thematisiert werden sollen. Da es hier vor allem um die eigene Verantwortung angesichts der Ambivalenz von Terrorbildern geht, stehen Ereignisse im Vordergrund, die in hohem Maße die Aufmerksamkeitsschwelle in den industrialisierten Ländern der westlichen Welt passiert haben.

Terror als Begriff

Doch was ist überhaupt unter ›Terror‹ zu verstehen? Und kann man gar von ›Terrorismus‹ und ›Terroristen‹ sprechen? Die Worte sind heute so selbstverständlich, dass die Frage unnötig erscheinen mag. Ein Blick in die mittlerweile recht umfangreiche Terrorismusforschung zeigt aber schnell, dass man sich bei der Verwendung der Begriffe im Grunde nur über eines einig ist, nämlich dass es keine allgemeinverbindliche Begriffsbestimmung und keine umfassenden Deutungsansätze für die so gefassten Phänomene gibt.[1] Schon die Geschichte der Begriffe verdeutlicht das Problem. Zunächst bezeichnete das Wort ›Terrorismus‹ den Staatsterror, der die zweite Phase der französischen Revolution charakterisierte, als die Erzeugung von Schrecken und Angst in der Gesellschaft für notwendig erachtet wurde, um die neue Demokratie, die die Französische Revolution etablieren sollte, zu stabilisieren. Die Jakobiner selbst gebrauchten daher das Wort ›terreur‹ im positiven Sinn.[2] Für den englischen Philosophen und Politiker Edmund Burke dagegen war genau aus diesem Grund das Wort bereits früh negativ besetzt. In seinen Reflections on the Revolution in France von 1790 verwendete er den Begriff ausschließlich zur Diskreditierung des französischen Terror-Regimes.[3] Seitdem ist das Wort geradezu flächendeckend zum Inbegriff des schlechthin Bösen geworden. Seine »Ursachen und Ziele«, so schreibt der Politikwissenschaftler Henner Hess, verdienen, so möchte man meinen, »eigentlich keine Diskussion […]. Der Terrorist wird, wie einst der Pirat, zum hostis humani generis, zum Feind des Menschengeschlechts.«[4] Es verwundert daher kaum, dass Mitglieder von gewalttätigen Organisationen die Bezeichnung ›Terrorist‹ in der Regel vehement abgelehnt haben. Noch komplexer wird die Angelegenheit, wenn man sich vor Augen führt, dass mancher von ihnen schließlich zum Oberhaupt jenes Staates wurde, der ihn einst als Terroristen verfolgte. Die berühmtesten Beispiele dafür sind Fidel Castro in Kuba und Nelson Mandela in Südafrika. In der Regel bezeichnen sich deshalb die Akteure selbst zumeist als Widerstands-, Freiheits- oder Guerillakämpfer.

Als Terrorregime werden üblicherweise die totalitären Staaten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet.[5] Doch genauso wenig wie nichtstaatliche Gruppen die Etikettierung akzeptieren konnten, genauso vehement haben sie betroffene Regierungen von sich gewiesen. Obwohl bekannt ist, dass viele Staaten in der Vergangenheit Terroraktivitäten durch ihre Geheimdienste in die Wege geleitet oder unterstützt haben – Libyen, Syrien, Südjemen, Irak oder Iran, aber auch die DDR sind häufig genannte Beispiele –, hat sich selbstverständlich nie einer von ihnen öffentlich dazu bekannt.[6] Mehr noch: Selten ist das Terrorismus-Etikett mit nachvollziehbarer Systematik verwendet worden. Die Beispiele, die der Soziologe Henner Hess nennt, mögen ausreichen, um das Problem vor Augen zu führen:

Terroristisch waren für die deutschen Politiker und Gerichte zwar die in Jugoslawien festgenommenen RAF-Mitglieder, nicht aber die Mitglieder der kroatischen Ustascha, deren Auslieferung Jugoslawien verlangte. Terroristisch waren die Flugzeugentführungen der Palästinenser und deren Angriffe auf Kibbuzim, aber nicht Massaker, die die israelische Luftwaffe in den palästinensischen Flüchtlingslagern anrichtete.[7]

Aufgrund dessen wird der Begriff ›Terrorismus‹ hier weitgehend vermieden. Das Wort ›Terror‹ dagegen hat den großen Vorteil, nur den Effekt der Taten zu markieren, nicht aber zugleich auch eine irgendwie geartete Bewegung von fanatisch Gleichgesinnten. ›Terror‹ bezeichnet lediglich den Akt und seine Wirkung, den Schrecken und die Angst, die in der Bevölkerung vor allem durch die Verbreitung von dramatischen Bildern erzielt werden sollen. Es ist insofern das hier passendere, weniger problematische Wort. Für die Täter selbst dagegen steht eine Vielzahl von Begriffen zur Verfügung wie politisch motivierte Attentäter, Geiselnehmer oder Mörder, die im Unterschied zu ›Terrorist‹ den Vorzug haben, dass sie viel genauer bezeichnen, was unter bestimmten Umständen Einzelne und Gruppen zum Erreichen ihrer Ziele zu tun bereit sind. Durch die Vermeidung der Begriffe ›Terrorismus‹ und ›Terrorist‹ bei gleichzeitiger Verwendung des Wortes ›Terror‹ wird es außerdem möglich, die furcht- und schreckenerregenden Gegenreaktionen von Staaten ebenfalls in den Blick zu nehmen. In der Tat haben sich nämlich in der Geschichte der Terrorbekämpfung sowohl Staaten im Osten als auch im Westen nicht gescheut, zur Abwehr von Anschlägen Geheimdienst- und Militäraktionen einzusetzen, die zumindest in die Nähe von Terrorhandlungen kamen. Als Beispiel aus jüngerer Zeit wäre hier an die völkerrechtlich durchaus umstrittene Ermordung von Osama Bin Laden am 2. Mai 2011 durch eine Spezialeinheit der US Navy in Pakistan zu erinnern.[8]

Ebenso umstritten ist die Verortung des Terrors im Spannungsfeld der »neuen Kriege«, wie sie unter anderem Herfried Münkler vorgenommen hat.[9] Obwohl ohne Zweifel derzeit deutliche Auflösungsprozesse zu beobachten sind, ist zunächst einmal festzustellen, dass Kriege erklärt werden müssen und dass das Kriegsvölkerrecht eine Verwicklung der Zivilbevölkerung in die Kampfhandlung verbietet. Terroranschläge zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass sie diesen Regeln nur bedingt folgen. Häufig wurde und wird die Verwundung und Tötung von Nicht-Kombattanten zumindest billigend in Kauf genommen. Mehr noch: Die Akteure gewinnen ihre Operationsfähigkeit vor allem dadurch, dass sie sich unvorhersehbarer und unberechenbarer Kampfweisen bedienen. Nicht immer beantworten Staaten oder Staatengemeinschaften die Taten mit militärischer Gewalt. Nicht immer gibt es eine Kriegserklärung (wie von Osama Bin Laden nach den Botschaftsattentaten in Ostafrika 1998), und nie geht es um den militärischen Sieg über den Feind. Von den Tätern selbst, wie zum Beispiel den Mitgliedern der Roten Armee Fraktion (RAF) in Deutschland in den siebziger Jahren, ist wiederum häufig eine Verortung ihrer Handlung im Kontext des Krieges vorangetrieben worden, um damit den Status der völkerrechtlich anerkannten und geregelten Guerillakrieger zu erlangen und die herausgeforderten Staaten zu militärischer Mobilisierung zu zwingen, wie sie im Fall des »war on terror« der US-Regierung von George W. Bush in Reaktion auf die Flugzeugattentate vom 11. September 2001 auch erfolgte. Genau das aber hat die Bundesrepublik zu Zeiten der RAF vermieden. Konsequent verweigerte man damals die Anerkennung der Rebellen als Krieger und Kriegsgefangene und bekämpfte sie nicht militärisch, sondern polizeilich und geheimdienstlich. Eine logische Folge der Deutung von Terror als Krieg wäre darüber hinaus, so schreibt der Historiker Matthias Dahlke, dass man unter Umständen Terroristen als Kriegsverbrecher behandeln müsste und umgekehrt Kriegsverbrecher als Terroristen.[10] Es bietet sich daher auch hier an, vorsichtiger von Terrortaten zu sprechen und sie nicht allzu vorschnell in die Nähe von Kriegsaktivitäten zu rücken.[11]

Seit dem 11. September 2001 ist die Flut der Publikationen zum Thema ›Terrorismus‹ enorm angewachsen. Gab es in den 1970er Jahren vor allem sozialwissenschaftlich orientierte Studien zum linksradikalen Terror,[12] verlagerte sich der Schwerpunkt in den 1980er Jahren auf Untersuchungen international operierender Terrornetzwerke und ihre Verbindung zu Staaten im Osten wie im Westen.[13] Seit den 1990er Jahren und vor allem nach dem 11. September 2001 kam zunehmend auch der religiös motivierte Terror in den Blick.[14] Mit jedem neuen Ansatz waren immer auch neue Schwerpunktsetzungen verbunden, die bestimmte Phänomene in den Vordergrund rückten und andere vernachlässigten.

Die Diskussion hier stützt sich auf das Wellen-Modell, mit dem der US-amerikanische Politikwissenschaftler David C. Rapoport erstmals im Jahr 2001 einen Versuch vorgelegt hat, die sehr unterschiedlichen Ausprägungen und sozialen Grundlagen des modernen Terrors nichtstaatlicher Gruppen zu systematisieren. Rapoport unterscheidet eine erste anarchistische Welle, die in den 1880er Jahren einsetzte, von einer nationalistisch-separatistischen, die sich in den 1920er Jahren formierte. Darauf folgte eine linksradikale Welle am Ende der 1960er Jahre, die der religiös motivierte Terror beerbte, der in den 1970er Jahren begann und bis heute anhält. Jede dieser Wellen hat, so Rapoport, sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Erscheinungsformen, die schwer unter einem Oberbegriff zu fassen sind. Auch gibt es eine Reihe von Aktivitäten, die mit diesem Schema nicht in den Blick geraten, wie zum Beispiel die andauernden blutigen Konflikte in Indien. Für diese Studie entscheidend ist aber, dass jede der von Rapoport identifizierten, sich teilweise überlappenden Phasen von charakteristischen technischen und politischen Voraussetzungen geprägt wurde und dass jede der in ihr aktiven Gruppen in hohem Maße auf grenzüberschreitende, internationale Zusammenarbeit mit anderen Organisationen angewiesen war.[15] Maßgebend für die erste Welle des anarchistischen Terrors war zum Beispiel die Transformation des modernen Kommunikationswesens:

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts florierten das Telegramm, die Tagespresse und die Eisenbahn. Von Ereignissen in fernen Ländern erfuhr man bereits nach etwa einem Tag. Berühmte russische Anarchisten reisten weit, um Sympathisanten und Gruppen in anderen Ländern zu inspirieren; gelegentlich hatten sie dort sogar größeren Erfolg, wie die Reisen von Peter Prodhoun zeigen. Massentransportmittel ermöglichten Emigrationen und schufen Diasporagemeinschaften, die entscheidend die Politik in den neuen und alten Heimaten beeinflussten.[16]

Auch für die dritte Welle spielte die Transformation des Kommunikationswesens eine wichtige Rolle: Die rasante Entwicklung der Luftfahrt hatte zum Beispiel zur Folge, dass in den 1970er Jahren Flugzeugentführungen zur Tagesordnung gehörten und Akteure operationsfähig blieben, weil ihnen ein internationales Netzwerk und damit auch entlegenes Hinterland gut erreichbar zur Verfügung stand. Im Gegensatz jedoch zur ersten Welle war die Strategie nun eine andere. Geiselnahmen gewannen an Bedeutung, und Attentate verfolgten ein neues Ziel:

Die Opfer der ersten Welle wurden ermordet, weil sie Staatsträger waren. Die Attentate der neuen linksradikalen Welle waren meistens »Bestrafungen«. Der König von Jordanien hatte die PLO in blutigen Kämpfen aus dem Land vertrieben. Der versuchte Anschlag auf die Premierministerin von Großbritannien Margaret Thatcher erfolgte, weil sie für den Tod von neun hungerstreikenden IRA-Häftlingen verantwortlich gemacht wurde, die es abgelehnt hatten, wie gewöhnliche Kriminelle behandelt zu werden. [Der Politiker] Aldo Moro wurde ermordet, weil die italienische Regierung sich weigerte, mit den Geiselnehmern zu verhandeln.[17]

Rapoports Betonung der sich wandelnden technischen Voraussetzungen für Terroranschläge liefert einen wichtigen Ausgangspunkt für diese Studie, denn politisch motivierte Gewalttaten von Einzeltätern oder Kleingruppen innerhalb eines Staates gab es seit der Antike.[18] Erst die anarchistische Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts setzte bewusst auf die verstärkende Wirkung der gerade neu entstandenen illustrierten Massenmedien, um mit ihren Taten eine weitaus größere Öffentlichkeit zu erreichen, als es mit traditionellen Agitationsmitteln möglich war. Schon früh ist deshalb in der Forschung betont worden, dass Gewaltanwendung im modernen Terror vor allem ein Ziel habe: die Verbreitung von Angst und Schrecken durch maximale Resonanz in den Massenmedien. Bereits 1974 schrieb Brian Jenkins, einer der Ahnherren der Terrorforschung: »Terrorismus setzt Betrachter voraus […]. Terrorismus ist Theater.«[19] Mittlerweile besteht mehr oder weniger Einigkeit darüber, dass die Attentate, die anarchistische Gruppen am Ende des 19. Jahrhunderts verübten, in diesem Sinn den Beginn des modernen Terrors markieren.

Bild und Beweis

Indem es hier um Bilder geht, die im Zuge von Terrortaten in den Medien generiert werden, versteht sich die Studie als ein Beitrag zum mittlerweile dominanten kommunikationstheoretischen Ansatz in der Forschung.[1] Damit werden jedoch unweigerlich auch deren blinde Flecke importiert. »Kommunikationstheoretische Terrorismusforscher werden häufig von der eigenen Perzeption getäuscht«, kritisiert der Historiker Matthias Dahlke mit gutem Recht:

Sie sind in der Regel auf medial vermittelte Bilder angewiesen. Daher liegt der Punkt nahe, dass Anschläge, von denen sie nicht erfahren, keine Breitenwirkung und somit keinen Effekt im Sinne der Terroristen haben. […] Im Umkehrschluss heißt dies, dass, wenn man nur medial vermittelte Anschläge untersucht, ein guter Teil terroristischer Aktivität ausgeblendet wird. Was ist mit Geheimaktionen, in denen Terroristen staatliche Akteure zur Freilassung von Gesinnungsgenossen erpressen, in denen das Ziel eben nicht die Öffentlichkeit ist, wie in Den Haag 1974? Was ist, wenn das Ziel eines Anschlags wirklich die Zerstörung einer Rüstungsfabrik oder einer Pipeline ist, nicht die Schlagzeile darüber, wie in den Niederlanden und Österreich 1972? Was ist, wenn, wie im Fall des Anschlags auf die OPEC-Konferenz 1975 in Wien, die Forderung der Verlesung eines Textes in den österreichischen Medien nur ein vorgeschobenes Motiv ist?[2]

Indem hier die Bildberichterstattung von Attentaten in den westlichen Medien untersucht wird, kommen viele Ereignisse nur einseitig oder gar nicht zur Sprache. Im Zentrum stehen jene international agierenden oder transnational vernetzten Gruppen, wie die Anarchisten und die Vorläufer der IRA in Großbritannien am Ende des 19. Jahrhunderts, die linksradikale RAF in der Bundesrepublik Deutschland, die marxistisch-leninistische palästinensische PFLP in den 1970er Jahren und die militanten schiitischen Organisationen im Libanon in den 1980er Jahren sowie Al Qaida und IS nach der Jahrtausendwende. Thematisiert werden damit Akteure von drei der vier Wellen, die Rapoport beschrieben hat. Vollständig ausgeblendet werden hingegen die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht minder wirkkräftigen Bildproduktionen national-separatistischer Gruppen, zum Beispiel in Algerien, Südafrika und Zypern, aber auch in Spanien, in Kolumbien und in Sri Lanka. In der Regel ging und geht es in diesen Kämpfen darum, Territorien zu kontrollieren. Visuell spielen deshalb häufig die jüngst auch von der Forschung verstärkt untersuchten Plakataktionen und Hauswandgraffiti eine wichtigere Rolle als die Bildberichterstattung in den internationalen Medien.[3] Bei den Anarchisten in Sankt Petersburg, London und Paris, der IRA, wenn sie in England Anschläge verübte, palästinensischen Organisationen, wenn sie international agierten, der linksradikalen sogenannten Stadtguerilla der 1970er Jahre und den sunnitischen Jihadisten im Westen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die allesamt militärische Konfrontationen vermieden und aus dem Untergrund agierten, ging es dagegen nicht um Landnahme, sondern um die einschüchternde psychologische Wirkung der Taten.[4] Die Terrorhandlungen des IS nehmen in dieser Hinsicht eine Zwitterstellung ein. Ihr Ziel ist sowohl Landnahme im Irak und Syrien als auch Bedrohung und Einschüchterung in der internationalen westlichen Welt.

Wer hier also eine umfassende und lückenlose Rekonstruktion des modernen Terrors seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Bildberichterstattung erwartet, wird enttäuscht werden. Selbst aufsehenerregende Attentate wie der Anschlag auf die OPEC-Konferenz in Wien 1975 und die Serie der IRA-Bombenattentate in England in den 1970er und 1980er Jahren kommen ebenso wenig zur Sprache wie der jüngst wieder verstärkt beachtete Rechtsterror, der aus Gründen, die bisher noch nicht hinreichend geklärt sind, ein weit weniger starkes Medienecho hervorgerufen hat als sein linksradikales Pendant.[5] In dieser Studie kann es nur um wenige, aber beispielhafte Terrortaten gehen, deren Bildberichterstattung umso genauer untersucht werden soll. Damit gelangen Muster und Strategien in den Blick, die bisher, trotz des allgemeinen Konsenses über die »symbiotische Beziehung« von Medien und Terror, keine Beachtung gefunden haben.[6] Längst überfällig ist auch eine historische Perspektive, die in der medialen Bildberichterstattung mehr als nur eine von Gewalttätern provozierte Reaktion sieht. Es ist nämlich durchaus nicht der Fall, wie Herfried Münkler und andere annehmen, dass die Medien ausschließlich die Botschaft der waffentechnisch unterlegenen Aufständischen transportieren, deren Taten schließlich rein polizeilich oder militärisch von den herausgeforderten Staaten beantwortet werden.[7] Noch hat keine Regierung dem durch Terrorhandlungen ausgelösten Kampf mit Bildern widerstanden. Meist wurde Gleiches mit Gleichem vergolten. Am Ende einer jeden Bildberichterstattung über das Ausmaß der Anschläge stand in der Presse immer schon die Darstellung der Exekution oder Gefangennahme der Täter, mit der der Staat die Rückeroberung seiner Gewalthoheit demonstrieren konnte. Auch die jüngste Geschichte liefert zahlreiche Belege für den in dieser Weise beidseitig geführten Kampf.[8]

Auf einer Pressekonferenz im Juni 2006 in Bagdad zum Beispiel präsentierte ein US-amerikanisches Militärkommando eine gerahmte großformatige Fotografie. Sie zeigte das blutüberströmte Gesicht des kurz zuvor getöteten, mutmaßlichen Anführers von Al Qaida im Irak, Abu Musab Al Zarqawi. Das Bild diente als Trophäe für die US-Regierung, die damit, nach fünf erfolglosen Jahren und ohne Aussicht auf Osama Bin Ladens Festnahme, einen ersten Erfolg im von Präsident George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erklärten »Krieg gegen den Terror« verzeichnete. Entsprechend triumphal wurde das Totenbild zur Schau gestellt. Doch genau dieses Foto erschien kurze Zeit später auf Internetseiten radikaler Jihadisten, nun allerdings als Beleg für Al Zarqawis glorreichen Märtyrertod.[9]

Ein Kampf mit Bildern ist vor allem ein psychologischer Kampf und damit noch weniger beherrschbar als sein physisches Pendant. Unbeabsichtigte Folgen sind hier die Regel und nicht die Ausnahme. Die mit klaren Intentionen lancierten Bilder erreichen ihr Ziel zumeist nur temporär und wenden sich häufig mit katastrophalen Konsequenzen gegen ihre Urheber, deren Absichten konterkarierend. Auch Al Zarqawis eigene äußerst gewalttätige Strategie, Videos von Enthauptungen amerikanischer, koreanischer und britischer Geiseln im Internet zu verbreiten, verkehrte sich schließlich gegen ihn: Statt mit der Gewaltdemonstration, wie beabsichtigt, die irakische Bevölkerung für die aufständische Bewegung zu gewinnen, lösten die Videos weitgehend Befremden aus und führten sogar dazu, dass sich selbst die Führung von Al Qaida anschließend distanzierte.[10]

Wie an diesem Beispiel bereits deutlich wird, geht es im Terrorkampf vor allem, in den Worten der Politologin Louise Richardson, um »Rache, Ruhm und Reaktion«.[11] Entgegen landläufigen Vorstellungen ist der tatsächliche Informationsgehalt von Bildern entsprechend gering und die affektive, appellative Wirkung groß. Vielleicht weil wir, wie schon der Kunsthistoriker Ernst Gombrich betont hat, Bilder auf Grundlage der gleichen Kompetenzen wahrnehmen, wie sie bei realen Gegenständen zum Tragen kommen (als Farb-, Objekt- und Raumphänomene), sind wir geneigt, Bildern einen größeren Evidenzcharakter zuzusprechen als sprachlichen Vermittlungen.[12] Und doch sind die in ihnen wirksamen Codes, so soll im Schlusskapitel noch einmal ausführlicher diskutiert werden, erheblich. Zwei Beispiele mögen hier genügen, um zu verdeutlichen, dass selbst Beweisfotos nicht einfach etwas sichtbar machen, was in der Welt gegeben ist.[13] Was auf ihnen zu sehen ist, hängt entscheidend von den konkreten Zusammenhängen ab, in denen sie gezeigt, angeschaut und instrumentalisiert werden. Erst dadurch können sie ihre Evidenz stiftende Kraft entfalten – oder eben auch nicht, wie gleich der erste Fall zeigt.

Auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. November 2009 erschien ein Foto (Abb. 1), das Auskunft geben sollte über einen kontrovers diskutierten, 23 Tage zuvor geführten Luftangriff in Nordafghanistan, der über hundert Todesopfer zur Folge hatte.[14] Am 3. September hatten Talibankämpfer zwei NATO-Tankfahrzeuge südlich der Stadt Kunduz entführt. Der Konvoi wurde von zwei US-amerikanischen Bombenflugzeugen ausgespäht, die das Videomaterial an die in dieser Region zuständigen deutschen Truppen weiterleiteten. Der befehlshabende Offizier, Oberst Georg Klein, erklärte später während einer von der Generalbundesanwaltschaft eingeleiteten Gerichtsverhandlung, ein Informant am Boden habe ihm mitgeteilt, dass die Personen, die im Video bei den Fahrzeugen zu sehen waren, ausnahmslos Aufständische seien. Es stellte sich allerdings heraus, dass dies nicht der Fall war. Die Taliban hatten die Tankfahrzeuge zivilen Plünderern aus der Umgebung überlassen, nachdem sie bei einer Flussüberquerung im Schlamm stecken geblieben waren.

Abb. 1: Standbild aus einem Videofilm, von einem US-Kampfflugzeug an das deutsche Militärkommando in Mazar-i-Sharif in der Nacht zum 4. September 2009 gesendet.

Das Bild auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war ein Standbild aus dem schließlich auf YouTube veröffentlichten Video, das der deutsche Kommandeur sah, bevor er seine Anordnung zum Abwurf einer satellitengesteuerten 500-Pfund-Bombe gab. Aufgrund welcher Information, welchen Wissens, welcher Annahme, so schien die Abbildung zu fragen, befahl der Oberst den Angriff? Man sah weder Tanklastfahrzeuge noch Talibankämpfer oder Zivilisten. Nur ein schwarzes Fadenkreuz ist klar und deutlich in einem ansonsten unscharfen Schwarz-Weiß-Schnappschuss zu erkennen. Das von einem in der Luft kreisenden, US-amerikanischen F-15E-Kampfjet aufgenommene körnige Live-Video wurde auf einen Bildschirm in die sieben Kilometer entfernte deutsche Militärbasis übertragen. Es zeigte, wie auch auf dem Standbild zu sehen ist, zahlreiche schwarze Punkte um größere Strukturen herum – ein Wärmebild, das aber nicht deutlich genug war, um verifizieren zu können, ob es sich um bewaffnete oder unbewaffnete Personen handelte. Das Bild allein bot daher keinerlei Anhaltspunkte zu einer Beurteilung der Entscheidung. Eindeutige Merkmale sind nicht zu identifizieren, und es ist nicht ersichtlich, welche Schlüsse die Öffentlichkeit, der die Medien das Bild präsentierten, im Zuge der Kontroverse und im Vorfeld des Prozesses daraus ziehen sollte.

Auch am Tag nach der Ermordung des Al Qaida-Anführers Osama Bin Laden am 2. Mai 2011 mussten Zeitungsleser zweimal hinsehen: Auf den Titelseiten vieler internationaler Zeitungen erschien ein unscharfes orange-braun getöntes Foto (Abb. 2). Außer der Überschrift »ABC News Exclusive« war darauf kaum etwas zu erkennen. Das Bild entstammte dem Filmmaterial, das die Elitesoldaten aufgenommen hatten, als sie Bin Ladens Versteck in Abbotabad stürmten. In den Nachrichten informierte lediglich der Kommentar und in den Zeitungen die Bildunterschrift über das, was man vor Augen hatte. Das Bild zeige, so die Erläuterung, das Zimmer, in dem der Al Qaida-Anführer von den Spezialeinheiten der amerikanischen Streitkräfte aufgespürt und erschossen worden war. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde auch auf das klaffende Loch in der hinteren Wand verwiesen.[15] Aber wer oder was dieses verursacht hatte, ist bis heute ungeklärt.

Abb. 2: Standbild aus einem Videofilm, aufgenommen von US-Elitetruppen bei der Erstürmung von Osama Bin Ladens Haus in Abbottabad.

Auch diese Aufnahme belegte oder bewies nichts. Vor allem zeigte sie nicht, worum es in der Nacht vom 2. Mai in Abbotabad eigentlich ging: den Tod von Osama Bin Laden. Obwohl gemeinhin bekannt ist, dass Fotografien im Zeitalter der digitalen Bearbeitung schnell, einfach und fast spurlos zu manipulieren sind, und schon kurze Zeit nach der Stürmung des Anwesens in Pakistan gefälschte Bilder vom erschossenen Al Qaida-Anführer im Internet kursierten, wurden in den Tagen nach der Ermordung Rufe laut, die genau diese Aufnahme als Beweis von der US-Regierung einforderten.[16] Sowohl an den Grenzen als auch im Gerichtssaal gelten mittlerweile andere Techniken als zuverlässigere Belege für die Identität einer Person – die Entnahme von DNA-Proben zum Beispiel oder das Speichern und Abgleichen von biometrischen Informationen. Entsprechend verwies auch die US-Regierung auf einen DNA-Test, der bezeugen sollte, dass die Elitetruppe Navy SEALs tatsächlich Osama Bin Laden und keinen anderen erschossen hatte. So wurde schnell deutlich, dass es bei der Forderung nach dem Bild im Grunde um etwas anderes ging. Die Regierung müsse endlich, so war zum Beispiel im Online-Blog der Washington Post zu lesen, das Totenbild freigeben, denn nur so könne man zeigen, dass der Verbrecher seine wohlverdiente Strafe bekommen habe.[17] Nicht der Tod des Erzfeindes sollte also bewiesen werden, sondern ein lang angestautes Rachegefühl freien Lauf bekommen.

Im Kontext des Terrors – das wird hier bereits deutlich – geht es selten um visuelle Beweise oder Informationen. Auch wenn nach einer Tat zunächst immer die Wiederherstellung der zivilen Ordnung im Zentrum steht, so sind es doch vor allem Ruhm- und Rachebedürfnisse auf beiden Seiten, die die Bildmaschinerie antreiben. Es ist ein schwer zu kontrollierender Prozess. Nichts und niemand kann einmal in Umlauf gebrachte Bilder wieder aus der Welt schaffen. Wer wie im Krieg auf Sieg und Niederlage setzt, muss notgedrungen scheitern, denn keine Aufnahme kann eine zuvor lancierte vernichten. Wie Untote erscheinen die Bilder noch lange nach den Ereignissen, so dass es in einem Kampf, der keine Gewinner kennt, im Grunde auch keine Waffenruhe geben kann.

II.Nahe Bilder. Bombenattentate und Anschläge im späten 19. und frühen 21. Jahrhundert

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem Einsturz des World Trade Centers in New York sprach der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika George W. Bush von einem Ereignis, das »unsere Welt veränderte«.[1] Zum Zeitpunkt der Tat teilten viele Menschen diesen Eindruck. Nie zuvor wurde so breit und intensiv über den Terror in den Medien berichtet und nie zuvor anschließend so ausgiebig darüber in der Wissenschaft diskutiert.[2] Mit der Zeit jedoch relativierte sich die Bedeutung.

Die Größenordnung der Taten war ohne Zweifel beispiellos. Die Anzahl der Toten – knapp 3000 – war fast zehnmal so hoch wie bei früheren Anschlägen. Dass man Flugzeuge als Bomben einsetzte, die zur besten Sendezeit und bei strahlend blauem Himmel in die höchsten Häuser Manhattans flogen, war ebenfalls ohnegleichen und schien wie ein Ereignis aus einem Katastrophenfilm. Die Bilder, die anschließend um die Welt gingen, ließen den Komponisten Karlheinz Stockhausen von einem mit luziferischer Perfektion ausgeführten »Kunstwerk« sprechen und den Kunsthistoriker Karl Otto Werckmeister von einer neuen »Ästhetik der Apokalypse«.[3] Diese Einschätzungen, die zum Teil noch dem Schock der Stunde geschuldet waren, verkannten jedoch, dass die Zahl der Toten und die Größenordnung der Zerstörung nicht das Maß der Grausamkeit sind, mit denen sich Schrecken und Horror messen lassen. Für jede Familie, die auch nur einen einzigen Menschen in einem Attentat verliert, ist das zugefügte Leid unermesslich.

Neu war weder, dass die Täter modernste Technologien benutzten und ein höchst symbolisches Ziel wählten, noch dass es sich um religiös motivierte Selbstmordattentate handelte. Neu war lediglich, dass sich der Anschlag in den USA ereignete. Nie zuvor war das Land auf eigenem Grund und Boden in diesem Ausmaß angegriffen worden. Entsprechend radikal fiel auch die Reaktion aus. Sie führte zu einem irregeleiteten Krieg im Irak und einer traumatischen militärischen Intervention in Afghanistan. »Die von den Anschlägen hervorgerufenen Ängste standen in keinem Verhältnis zu der tatsächlichen Bedrohung«, schreibt die Politologin Louise Richardson:

Zuhause waren die Amerikaner davon überzeugt, dass Fliegen gefährlich sei, obwohl die Fakten eindeutig dagegen sprachen. (Wirtschaftswissenschaftler haben berechnet, dass zu den ungezählten Opfern des 11. September noch weitere 1200 Todesfälle auf den Straßen hinzukamen, weil nach dem 11. September mehr Auto gefahren und weniger geflogen wurde.) […] Im Glauben, dass sich die Welt verändert hat, waren wir bereit, im Gegenzug Veränderungen unserer altbewährten nationalen Sicherheitsdoktrin und -infrastruktur hinzunehmen. Das enorme Ausmaß der Gräueltat schien eine machtvolle Reaktion zu rechtfertigen, und die Vereinigten Staaten antworteten mit der potentesten Waffe in ihrem Arsenal, einer Kriegserklärung.[4]

Es gehört zu den charakteristischen Merkmalen von Terrorattentaten, dass sie ihr Ziel kaum je verfehlen. Immer aufs Neue werden die betroffenen Gesellschaften in extreme Angst und Schrecken versetzt, und die Regierungen der Staaten sehen sich zu drastischen Reaktionen herausgefordert. Es spielt dabei keine Rolle, wie perfekt die Anschläge organisiert sind. Ob nun 19 gut koordinierte junge Männer ein von langer Hand geplantes, technisch höchst anspruchsvolles Vorhaben umsetzen (wie am 11. September 2001) oder zwei Einzeltäter (wie am 15. April 2013) einen mehr oder weniger improvisierten Anschlag auf den Boston Marathon verüben, bei denen die selbstgebastelten Bomben einen angesichts der Menge der Menschen sowie der schieren Größe des Sportereignisses verhältnismäßig geringen Schaden bewirkten, ist unerheblich. Jeder Anschlag beschäftigt die Medienöffentlichkeit über Tage, und immer wieder entsteht der Eindruck, dass etwas Außergewöhnliches passiert sei. Doch gerade die Bildberichterstattung zu den Ereignissen, so soll im Folgenden deutlich werden, verläuft regelmäßig nach den gleichen Mustern, nach vorhersehbaren Sequenzen der Darstellung, die sich bereits am Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben.[5] In dieser Hinsicht stellt auch der 11. September 2001, trotz der spektakulären Bilder, keine Ausnahme dar.

Selbsternannte Terroristen der ersten Stunde. Das Attentat auf Zar Alexander II.

Im Jahr 1881 verbreitete sich eine schockierende Nachricht wie ein Lauffeuer in den Tageszeitungen der westlichen Welt: Der russische Zar Alexander II