Terrorismus-Lügen - Regine Igel - E-Book

Terrorismus-Lügen E-Book

Regine Igel

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Beschreibung

Die Stasi ist mit der DDR untergegangen, aber ihre Offiziere, Agenten und IMs sind noch unter uns. Ihre früheren Aktivitäten im Terrorismus sind bis heute nicht aufgeklärt. So bleibt es schwierig, ein lückenloses Bild von den Umtrieben der Geheimdienste im Kalten Krieg zu zeichnen. Regine Igel enthüllt anhand bislang unbeachteter Stasi-Akten, auf welch perfide Weise die Destabilisierung des Feindes im Westen betrieben wurde. Sie zeigt, wie eng der Ostberliner Geheimdienst nicht nur mit Linksterroristen und internationalen Terrorgruppen, sondern auch mit Rechtsterroristen kooperierte und welche Terror-Legenden man erfand, um die wirkliche Motivation der Täter zu verschleiern. Faktenreich, aufklärerisch, brisant.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bildnachweis:

BStU, MfS, HA XXII: 1 Akte 17489/64, Bl. 31; 2 Akte 19681; 3 Akte 83/16, Bl. 12; 4 Akte 3506/91, OV Bert, Bl. 241; 5 Akte 3506/91, OV Bert, Bl. 244; 7 Akte 18230; 8 Akte 18931; 9 18227; 10 Akte 1600/1; 12 Akte 815

BStU, MfS, HA XV: 6 ZVV, 1992/81, Bl. 42

BStU, MfS, AIM: 11 Akte 264/91

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.herbig-verlag.de

Copyright © 2012 Regine Igel

© für die Originalausgabe und das eBook:

2012 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

eBook-Produktion: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7766-8143-7

»Nicht Ruhe und Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit.«

(Otto Brenner, 1968)

Inhalt

Einleitung

Zum Inhalt des Buches

Die Schwierigkeiten, aufzuklären

1. Vorboten des deutschen Terrorismus

Ein dramatischer Kaufhausbrand in Brüssel

Die Schlacht am Tegeler Weg

Organisieren, Spalten, Neugründen: Horst Mahler und Dieter Kunzelmann

Dieter Kunzelmann

Horst Mahler

Das MfS genehmigt eine längere Reise in die ČSSR

Stasi-Interesse am Anwalt für Wirtschaftsrecht

Mahlers Rolle in der APO

Geheimdienstliche Einflussnahme über Peter Urbach

Die Geheimnisse um Ulrike Meinhof

Ulrike Meinhof und die SED

Die Baader-Befreiungsaktion

2. Das internationale Netz unter dem Dach von Stasi und KGB

Die große Tagung in Havanna 1966

Feltrinelli – Organisator des revolutionären Kampfes

Die Rolle Feltrinellis für die deutsche 68er-Militanz

Feltrinellis enge Bindung an Moskau

Die Roten Brigaden und die Rolle der Tschechoslowakei

Die Zusammenarbeit mit den Palästinensern

Verborgene frühe Kontakte zwischen Stasi-Offizieren, Palästinensern und Terroristen

Beginn der paramilitärischen Ausbildung

Woher die Waffen kamen

Internationaler Terrorismus

Die Treffen

Der Beginn der Anschläge

Die Legenden um Carlos und seine deutschen Mitarbeiter

Legende Nr. 1: Carlos war ein Terrorsöldner und vom Osten lediglich »geduldet«

Legende Nr. 2: Die Zusammenarbeit mit Deutschen war nur punktuell

Legende Nr. 3: Das Mitglied der Carlos-Gruppe Thomas Kram war nur ein kleines Rad im Getriebe

Fast unbekannt: Die Japanische Rote Armee

Die ersten Anschläge in den 1970er-Jahren

Spuren deutsch-japanischer Terrorismuskooperationen

Die Stasi-Akte »Operativer Vorgang Bert«

Die JRA-Führer in den operativen Finanzakten

Die Terrorismuszentren Paris und Zürich

Das Schweizer Netzwerk um Petra Krause

Paris – westeuropäisches Zentrum des internationalen Terrorismus

Die Hyperion-Schule

Die führenden Palästinenser und ihre Nähe zur Stasi

Ali Hassan Salameh – Feind der USA und Freund der CIA

Abu Daud – ständiger Ehrengast in Ostberlin

Abu Iyad – Geheimdienstchef der PLO

Abu Nidal – der Gefährlichste von allen

Der unbekannte Zaki Helou und Monika Haas

3. Die Terrorismus-»Aussteiger« und die sogenannte Dritte RAF-Generation

Die Legenden der Inge Viett

Der Erstkontakt mit der Stasi

Nebulöse Gründung der Bewegung 2. Juni

Entführungen und Gefängnisausbrüche

Neues zur Palmers-Entführung in Wien

Die Befreiung von Till Meyer

Die Legende vom Ausstieg aus dem Terrorismus

Operative Kassenbücher lügen nicht

Spuren zu Vietts Aufenthalten in der BRD

Zugriff der Stasi auf bundesdeutsche INPOL-Fahndungsdaten

Die Legenden um die anderen RAF-»Aussteiger«

Silke Maier-Witt, immer auf Achse

Susanne Albrecht

Henning Beer

Christine Dümlein und Werner Lotze

Sigrid Sternebeck und Ralf Baptist Friedrich

Monika Helbing und Ekkehard Frhr. von Seckendorff-Gudent

Die Nähe auch der Dritten RAF-Generation zur Stasi

Wolfgang Grams

Annelie Becker, Schwester der berühmteren Verena

Andere beachtenswerte Terroristen mit Legenden

Friederike Krabbe, Ehefrau von Abu Nidal

Ingeborg Barz, doch nicht umgekommen

Angela Luther, im Westen unauffindbar

Karin und Siegfried Mahn, Logistik im Hintergrund

Regina Nicolai, näher an der Stasi dran als angenommen

Till Meyer, mehr als ein Spitzel bei der TAZ

Susanne Mordhorst, eine unbekannte Größe

Gerhard Müller, Falschspieler

Ingrid (Ina) Siepmann, im Libanon tot, bei der Stasi lebendig

Hinter allem: Die AGM/S – Gladio auch im Osten

4. Rechtsterroristen an der Seite der Stasi

Die Legenden um Odfried Hepp

Terroristische Anschläge der Hepp-Kexel-Gruppe

Die neue Linie

In der DDR

Hepp und die Palästinenser

Hepp und der Anschlag auf das Oktoberfest 1980

Das Verhältnis Stasi–Hepp in den Finanzakten

Hepp, Kexel und die Kooperation mit der RAF

Hepp und die westdeutschen Geheimdienste

Rechtsextremist Peter Weinmann: als Dreifachagent in Südtirol

Die Südtirol-Frage

Die Verbindung Weinmanns zur Stasi und nach Südtirol

Weinmann und die Stasi-Finanzbücher

Nachtrag: Manipulation in den Akten

Udo Albrecht, Aribert Freder und Andreas Jost – Weitere Variationen der Zusammenarbeit

Einer der meistgesuchten Rechtsterroristen: Udo Albrecht

Aribert Freder gesteht Mord im Auftrag der Stasi

Journalist Andreas Jost – Unter Rechtsterroristen zu Hause

5. Warum Aufklärung nur bedingt erwünscht ist

Ein im Jahr 2010 deklassifiziertes Geheimdokument

Anhang

Ausgewählte Literatur

Bücher

Aufsätze, Artikel und Parlaments-/Justizakten

Lesetipp

Einleitung

Geheimdienstchef Markus Wolf sprach in der englischen Ausgabe seiner Biografie über die Kooperationen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, Stasi) in der DDR mit Terroristen sehr viel offener, als es heute vielen lieb zu sein scheint.[1]Er räumte dort unbekannt gebliebene Allianzen ein.

»Ende der 70er Jahre waren das Ministerium und meine Abteilung in eine Reihe von Allianzen mit Kräften verwickelt, die Terror als eine Taktik benutzten: die PLO, der frei tätige Venezolaner Ilich Ramirez Sanchez, (…), der als Carlos, der Schakal, bekannt war und die westdeutsche Terroristengruppe, die sich selbst Rote Armee Fraktion (RAF) nannte, aber auch als Baader-Meinhof-Bande bekannt war, nach ihren Führern Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Unser Enthusiasmus für solche Partnerschaften variierte von Fall zu Fall, weit mehr als ich je fähig gewesen wäre, dies damals zuzugeben.«[2]

Nicht, dass Wolf hier wirklich Klartext zur Rolle der Stasi im Terrorismus redet. Was er sagt, bleibt nebulös und gespickt mit Halbwahrheiten. Doch eine »Verwicklung« wird eingeräumt, allerdings erst ab »Ende der 70er Jahre«.

Die Rolle der Stasi im deutschen und internationalen Terrorismus ist bis heute nicht aufgeklärt. Das Wissen darum ist bruchstückhaft und es ist nicht damit zu rechnen, dass je vollkommene Klarheit hergestellt wird. Doch dokumentieren die hier vorliegenden Ergebnisse, insbesondere der erstmals gründlicheren Aktenrecherche zur Abteilung XXII (»Terrorabwehr«) des MfS,[3] dass es entgegen der Legende einer nur »gelegentlichen Hilfestellung« eine massive und dauerhafte Unterstützung und Steuerung des deutschen und internationalen Terrorismus und dies von Anfang an durch die Stasi gegeben haben muss.

Die Recherche hierzu ist nicht einfach. Schwierig ist sie vor allem, weil mit der Auflösung des MfS 1989/90 aus diesem Bereich viele und sicherlich die operativ entscheidenden Akten vernichtet wurden. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, das sich schon Mitte der 1960er-Jahre offenbarende Interesse am Terrorismus vonseiten des Ostblocks zu rekonstruieren. Trotz aller offiziellen propagandistischen Verurteilung des Terrorismus und trotz der von beiden Seiten Deutschlands ab Ende der 1960er-Jahre verfolgten »Entspannungspolitik« blieb es für den KGB und seine befreundeten Geheimdienste, vorneweg die Stasi, das Ziel, das Operationsgebiet BRD und den kapitalistischen Westen mithilfe des Terrorismus zu destabilisieren.

Das bestätigten schon die ersten, ungefilterten Aufdeckungen nach dem Ende der DDR: Die Stasi bildete Terroristen an Waffen aus, gab logistische Hilfestellungen und »duldete« vieles. Man entdeckte zehn Terroristen, die in der DDR für zehn bzw. acht Jahre untergebracht gewesen waren. Sie erklärten nach ihrer Verhaftung, mit ihrer Übersiedelung in die DDR dem Terrorismus abgeschworen zu haben und vor der Justiz »umfassend« als Kronzeugen aussagen zu wollen. Anreiz dafür war allerdings nicht, endlich reinen Tisch zu machen und aufzuklären. Anreiz bot allein die zugesagte Strafminderung.

Tatsache ist, die »umfassenden Geständnisse« haben zur Aufklärung so gut wie nichts beigetragen. Stutzig machte zudem, dass sich diese »Aussteiger« bei ihrer Entdeckung gegenüber ihren Führungsoffizieren äußerst beunruhigt über den Verbleib ihrer MfS-Akten zeigten. Erst als ihnen deren Vernichtung bestätigt und versichert worden war, dass mehr nicht getan werden könne, atmete man – so »Aussteigerin« Sigrid Sternebeck in einem Dokumentarfilm[4] – erleichtert auf. Nie hat jemand laut danach gefragt, was es denn eigentlich bei einem angeblich braven Leben in der DDR Beunruhigendes in den Akten hätte geben können. Dabei waren auch die verantwortlichen Stasi-Offiziere besorgt und fürchteten ihrerseits Inhaftierungen. Doch auch ihre Verurteilungen waren gering. Und alles verlief schließlich im Sande.

Politik, Justiz und Medien nehmen MfS-Akten aus der Abteilung XXII (Terrorabwehr) kaum zur Kenntnis. Erstaunlicherweise hat so gut wie keiner der Autoren, die umfangreiche Bücher zur Roten Armee Fraktion (RAF) veröffentlicht haben, MfS-Akten konsultiert, so als ob es sich nicht gezieme oder lohne, der ungeheuerlichen Involvierung von Geheimdiensten im Terrorismus nachzugehen.[5] Selbst die hierzu mit den wenigsten Vorbehalten belastete einschlägige Untersuchung, Das RAF-Phantom aus dem Jahr 1992, geht zwar von einem Mitmischen von Geheimdiensten aus, schaut aber selbst noch in seiner 2008 überarbeiteten Neuauflage lediglich in Richtung westlicher Geheimdienste.[6] Der Blick auf die andere Seite des Kalten Krieges bleibt hier unkritisch getrübt und der Glaube an SED-Propaganda ungebrochen. Dazu besteht unter der Mehrheit der orthodoxen Linken stillschweigende Einigkeit. Hinzu kommt, dass es in Deutschland an einem Politikverständnis mangelt, das offene und verdeckte Politik (»deep politics«) voneinander unterscheidet.

Vonseiten der Bundesregierung konnte man Mitte der 1990er-Jahre hören, dass es in den unaufgeklärten Anschlägen seit 1977 keinerlei Hinweise für andere Täter neben der RAF gäbe. Und die Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) gab die Linie aus: »Große Funde sind nicht mehr zu erwarten«. Es bleibt ein Rätsel, wie man sich dessen so sicher sein kann, ungeachtet der noch über 15 000 Säcke mit unbekannten, zerrissenen oder sogar geschredderten und deshalb sicher brisanten Akten, die seit 20 Jahren im Archiv auf ihr Zusammensetzen warten.[7] Die Botschaft ist klar: Weitere Aufklärung unerwünscht!

Das vorliegende Buch sucht dementgegen Aufklärung und hat sehr wohl »große Funde« aus den Akten zu bieten. Es versucht eine erste zusammenfassende Bilanz der seit den frühen 1990er-Jahren erfolgten punktuellen Aufdeckungen zur unheilvollen Allianz zwischen Stasi, KGB und Terroristen.[8] Dabei ordnet es die Geschehnisse vor allem in Deutschland in die Spannungswelt der Zeit des Kalten Krieges ein. Nicht zu vergessen ist, dass der Kalte Krieg aus zwei Seiten bestand: Allianzen mit Terroristen pflegten auch die CIA und ihre verbündeten Geheimdienste. Dem ist die Autorin ausführlich in ihrem Buch Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien nachgegangen. Da ist nichts überholt, aber die massive Rolle des Ostens im Terrorismus hinzuzufügen.

Zum Inhalt des Buches

Teil 1: Vorboten des deutschen Terrorismus

Ein neuer Blick auf einige frühe Ereignisse und die vier Großen der beginnenden Militanz des deutschen Terrorismus, Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Horst Mahler und Dieter Kunzelmann, legt Merkwürdigkeiten und Geheimnisse offen. Bei dem intensiven Interesse, das die Stasi an der Studentenbewegung und ihrer Militanz hatte, ist die Tatsache, dass kaum Akten zu ihnen herausgegeben werden, ein Indiz für ihre Bedeutung bei der Stasi bzw. den Geheimdiensten beider Seiten.

Teil 2: Das internationale Netz unter dem Dach von Stasi und KGB

Untersuchungen zu den Anfängen der Militanz und der Herausbildung des Terrorismus stellten bisher eher das nationale, kaum das internationale Geschehen dar, obwohl die Bomben ab 1969 in vielen Ländern der Welt hochgingen.

West und Ost reagierten auf Veränderungen in der internationalen Lage des Kalten Krieges bereits Mitte der 1960er-Jahre. KGB-Chef Andropov rüstete sich angesichts der neu ausgebrochenen Unruhen in der Welt für eine antikapitalistische Offensive und kurbelte paramilitärische Guerilla-Ausbildungen für geheime Kampfeinsätze an. Die ČSSR wurde das Hinterland für den italienischen Terrorismus, die DDR für den deutschen und internationalen.

Zentren der Militanz formierten sich mit dem Segen des KGB und der aktiven Förderung durch die Stasi und ihrer führenden Aktivisten: Giangiacomo Feltrinelli, Wadi Haddad, Carlos, Abu Daud, Abu Nidal und die Japaner Masao Adachi und Fusako Shigenobu.

Hier stößt man in Akten des MfS und anderer östlicher Geheimdienste auf erstaunlich viele Neuigkeiten. Zürich, Paris, Prag, Ostberlin und Mailand wurden in Europa zu den entscheidenden logistischen Orten.

Teil 3: Die Terrorismus-»Aussteiger« und die sogenannte Dritte RAF-Generation

Bei genauem Studium von Stasi-Akten finden sich gegen bestehende Legenden klare Spuren zu Destabilisierungstouren der zehn »Aussteiger« und Stasi-Verbindungen der Kämpfer der sogenannten Dritten RAF-Generation mit ihren strafrechtlich unaufgeklärten Anschlägen. Die einschlägig stets gut informierte CDU-nahe Welt wusste schon 1986: Inge Viett hält sich zu 95 Prozent im Ausland auf. MfS-Akten bestätigen ihr lebendiges Reiseleben.

Mag die Moral der Terroristen Ende der 1970er-Jahre durchaus, wie es heißt, darnieder gelegen haben, der Stasi gelang es, ihren Kampfgeist wieder neu zu beleben. Die vermeintlichen Sehnsüchte der zehn Terrorismus-»Aussteiger« nach einem ruhigen Kleinbürgerleben entlarven sich als zweckgerichtete Legenden. Der verdeckte Kalte Krieg vor allem gegen die feindliche Bundesrepublik und die USA trat Anfang der 1980er-Jahre mit regenerierten Kräften in eine neue Phase. Operative Finanzakten sprechen hier eine klare Sprache.

Teil 4: Rechtsterroristen an der Seite der Stasi

Der bekannteste rechtsterroristische Stasi-Agent Odfried Hepp war wie zahlreiche andere seiner Mitstreiter weder nur ein abzuschöpfender Informant oder kleiner Spitzel, der seine Leute aushorchte, noch brachte ihn die Stasi – wie es die Legende will – auf den guten Weg. Vielmehr reihte auch er sich nachweislich als Stasi-Agent aktiv in die operative Destabilisierungsfront ein.

Diese seinerzeit hochgeheime Nutzung von Rechtsterroristen durch die Stasi zeigt das doppelte Agieren des Ostens besonders deutlich: das offene, von der internationalen Diplomatie bestimmte, und das verdeckte, das aus dem Bedürfnis nach Macht und Stärke die Schwächung des Gegners trotz »Wandel durch Annäherung« im Visier behielt.

Die Schwierigkeiten, aufzuklären

Erstmals zeigte der 2010 begonnene Prozess gegen Verena Becker zur Feststellung ihrer Täterschaft beim Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback, dass neben Italien auch in Deutschland Geheimdienste im Terrorismus eine massive Rolle gespielt hatten. Doch Aufklärung und Wahrheitsfindung sehen sich in diesem Bereich besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt. Wir haben es bei dem Thema mit geheimen Aktionen im Staatsauftrag zu tun und es gehört zu deren Natur, sie nicht oder nur sehr lückenhaft aufdecken zu können. Aktionen von Geheimdiensten sind geheim und sollen geheim bleiben. Warum der West-Staat allerdings auch die Aufdeckung der Geheimnisse des nicht mehr existierenden Ost-Staates abblockt, dürfte eine Herausforderung für weitere aufklärende Recherchen sein. Der Frage kann hier nur am Rande nachgegangen werden.

Geheimdienstlich gedeckte Terroristen, oft agierten sie als Doppelagenten, schweigen. Sie folgen der Geheimhaltungslinie und stehen als Quelle nicht zur Verfügung. Auch Staatsanwaltschaften haben in Deutschland zur Wahrheitsfindung nur punktuell beigetragen. Sie sind gegenüber ihren Vorgesetzten bis hin zum Justizminister weisungsgebunden und gehalten, nicht aufzuklären, wo es der Politik nicht gefällt.

Die umfangreichen Aufdeckungen von Justiz und parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Italien bieten für den, der auch bei uns mehr Aufklärung sucht, hilfreiche Impulse. Für den, der an Aufklärung nicht interessiert ist, sind sie eher bedrohlich. In Italien sind Ermittlungen von Staatsanwaltschaften und Parlamentsausschüssen nicht weisungsgebunden und können mithin eine stärkere Kontrollfunktion gegenüber der Politik wahrnehmen und deren Schattenseiten beleuchten.[9]

Die Antwort auf die Frage, warum gerade Italien und die Bundesrepublik besonders heftig von terroristischen Anschlägen heimgesucht waren, ist in ihrer Rolle als Frontstaaten innerhalb der beiden Blöcke im Kalten Krieg zu suchen. Der eine hatte den Feind, die DDR, geostrategisch gleich nebenan, der andere mit der in der westlichen Hemisphäre einmalig starken kommunistischen Partei mitten im Land selbst.

Vor dem Mailänder Gericht bestätigte der Vize-Chef des italienischen militärischen Geheimdienstes SISMI, Gianadelio Maletti, im Jahr 2001 auf Befragen des Staatsanwaltes, dass die Geheimdienste in der »Strategie der Spannung« sich des Mittels der Agents provocateurs bedienten, um über sie Terrorakte verüben zu lassen. Er räumte sogar ein, dass Deutschland – speziell für die amerikanische Sicherheitspolitik – noch bedeutender gewesen war als Italien.

Wer die historisch seltene Möglichkeit nutzt, Akten eines Geheimdienstes als Primärquelle zur Verfügung zu haben, muss sich einiger Besonderheiten dieses Materials bewusst sein. Das Archiv weist zweierlei Grundarten von Akten auf: Zum einen ist es das »Aufklärung« genannte Beschaffen von Informationen über die außen-, innen- und sicherheitspolitische Lage. Ein Geheimdienst will genau Bescheid wissen, bevor er bzw. die Politik handelt, weshalb in der Regel von einer korrekten, unverblendeten Informationssammlung auszugehen ist. Die ausgegebenen Akten zur Stasi-Abteilung Terrorismus stammen vorrangig aus diesem Bereich.

Seltener finden sich in dem, was vorgelegt wird, Akten zu operativen Einsätzen und direkter, geheimpolizeilicher Einflussnahme, im Stasijargon »aktive Maßnahmen«. Handlungsziel ist es, dem Gegner zu schaden, zum Beispiel auf dem Gebiet von Wirtschaft und Politik. Finden wir heute wenig bis nichts, darf nicht geschlossen werden, vermutete operative Einsätze hätten nicht stattgefunden, »die Stasi« hätte davon nichts gewusst oder wäre nicht aktiv dabei gewesen. Bekanntermaßen wurden 1989/90 sehr viele Akten vernichtet. Schon deshalb können einige Fragen mit den Akten nicht beantwortet werden.

Doch die Stasi-Offiziere haben die Aktenflut nur begrenzt vernichten können. Die heutige reduzierte Aktenlage sehen kundige, speziell amerikanische Stasi-Forscher auch darin begründet, dass vieles in »Giftschränken« dauerhaft unter Verschluss gestellt wurde, darunter zehn Prozent des HVA-Bestandes.[10] Im Fachjargon heißt das »Geheimschutzunterlagen in gesonderter Verwahrung«. Der Amerikaner John C. Schmeidel spricht von rund 450 Metern solcher Akten.[11]

Der Aufklärung suchende Forscher – und die Öffentlichkeit – weiß in der Regel nichts von diesen verschlossenen Aktenmengen. Darüber hinaus werden aber auch die von der Behörde durchnummerierten Akten zum Terrorismus im Lesesaal reduziert herausgegeben. Wohl müssen Opfer der Stasi, im Fachjargon »Betroffene«, durch das Persönlichkeitsrecht geschützt und Daten über sie durch Schwärzung anonymisiert werden. Doch ohne dass uns das mitgeteilt wird, schützen Seitenlücken und unkenntlich gemachte Textteile auch die geheimen Dinge des Westens.

Die Stasi hatte natürlich auf ihren Spionagewegen Aktenberge zu Geheimnissen der BRD und zu ihren Geheimdiensten gesammelt. Der Politik heute kann es kaum recht sein, wenn diese auf dem Umweg der MfS-Akten publik würden. Das konnten wir schon vor Jahren im Fall von Altbundeskanzler Helmut Kohl begreifen.

Aufklärung Suchende erfahren schließlich noch weitere Schwierigkeiten: Wo Geheimdienste wirken, wirkt Konspiration und Desinformation. Dafür wird die Stasi allerorts gerühmt. Nicht nur die Öffentlichkeit wurde irregeführt, auch vor eingeschleusten, unerkannten Spionen des Gegners musste man auf der Hut sein und Klartext gegebenenfalls vermeiden.

In den gesichteten Akten stößt man jedoch deutlich auch auf nach 1989 eingearbeitete Desinformationen und Manipulationen. Ihr Ziel war ganz offensichtlich, in Gerichtsprozessen der 1990er-Jahre die Rolle der angeklagten Agenten für die Stasi zu minimieren und damit Strafminderung zu erwirken. Schon 2007 wurde in dem »Gutachten über die Beschäftigung ehemaliger MfS-Angehöriger bei der BStU« über derartige Akteneingriffe gemutmaßt.[12] Wenn die Behörde mit Manipulationen oder einem Zurückhalten von Akten über Schuld und Unschuld von Stasitätern vorentscheidet, so werden damit sicherlich nicht gerade rechtsstaatliche Prinzipien verfolgt.[13]

All diese Beschränkungen bewirken, dass Schlussfolgerungen oft relativ bleiben müssen. Zum Beispiel ist Inge Viett nachweislich nur für die 1980er-Jahre Stasi-Agentin gewesen. Für die Zeit davor ist es wahrscheinlich, aber mit den (gesäuberten) Akten nicht zu belegen.

Doch wer wittert, kann fündig werden. Wie es ein Ermittler der Justiz mit seinen Indizien zu aufzuklärenden Delikten und in Verdacht geratenen Delinquenten zu tun pflegt, so muss auch der Forscher, der sich mit illegalen Begebenheiten in der Zeitgeschichte beschäftigt, Thesen zu möglichen Bedeutungszusammenhängen seiner Indizien aufstellen. Es gilt, diejenigen Möglichkeiten für die Lösung eines ungeklärten Falles zu sondieren, die wahrscheinlicher sind als andere, um sich darüber der Wahrheit zu nähern. Doch was Juristen als eine seriöse und wissenschaftliche Methode der logischen Ableitung praktizieren, wird bei Journalisten in diesem Bereich gesellschaftlicher Grauzonen gerne diskreditiert. Wer Aufklärung verhindern will, versucht Mutmaßungen, Thesenbildungen und Wahrscheinlichkeitsaufstellungen gerne als »unseriös«, »spekulativ« oder »verschwörungstheoretisch« herabzusetzen.

Die vorliegenden Recherchen stützen sich vor allem auf Akten aus der Stasi-Unterlagen-Behörde, aber auch auf Prozessakten von Staatsarchiven, auf Ergebnisse nationaler und internationaler Forschung zum Thema Geheimdienste, Kalter Krieg und Terrorismus, auf Ermittlungen von Untersuchungsrichtern und Staatsanwälten und ergiebige italienische parlamentarische Untersuchungsausschüsse wie auf schriftliche oder mündliche Zeugnisse von Zeitzeugen. Selbst die Autobiografien der vormals terroristischen Täter mit ihren weniger aufklärenden als verklärenden und zweckgerichteten Legendenbildungen sind eine nicht unergiebige Quelle, wenn man auf das achtet, worüber geschwiegen wird.

Rund 60 000 Aktenblätter zur Arbeit der MfS-Abteilung XXII (zur »Terrorabwehr«) wurden für die vorliegende Arbeit durchgesehen. Das ist ein Anfang. Es gibt noch viel zu tun.

Anmerkung aus rechtlichen Gründen

Es ist vorgekommen, dass beim MfS als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) geführte Personen vor Gericht erfolgreich – z. B. mit einer eidesstattlichen Erklärung – darlegen konnten, von einer derartigen Vereinnahmung nichts gewusst zu haben. Fortan durften sie öffentlich nicht mehr als IM bezeichnet werden. Aus diesem Grunde wird ausdrücklich betont, dass in diesem Buch genannte IM-Registrierungen nur mit Bezug auf die Aktenlage festgehalten werden. Es kann also juristisch gesehen ohne eine auffindbare, unterschriebene Verpflichtungserklärung offensichtlich nichts darüber gesagt werden, ob diese Personen tatsächlich IM waren. Bei Personen, zu denen nur sehr eingeschränkt Akten herausgegeben werden, stützen Indizien eine vermutete Nähe zum Geheimdienst der DDR. Daraus darf nicht eindeutig gefolgert werden, dass sie IM waren. Eine Mitarbeit mit dem Geheimdienst der DDR war – auch dies konnten Verdächtigte vor Gericht darlegen – auf vielfältige Weise möglich.

Danksagung

Für wertvolle Ratschläge und Hilfe danke ich den Wissenschaftlern Michael Ploetz, Jochen Staadt und Roberto Bartali, den Zeitgenossen des Terror-Geschehens Bommi Baumann und Bernd Rabehl, den Freunden Ulrike Besel, Uwe Kulgemeyer, Wilhelm Girardet und meinem Sohn Tommy. Der Redaktion der 3Sat-Kulturzeit danke ich dafür, die gründliche Akteneinsicht bei der Behörde für Stasiunterlagen unterstützt zu haben. Auch möchte ich meinem Sachbearbeiter in der Stasi-Unterlagen-Behörde danken, ist er meiner tendenziellen Überforderung bei der Aktenfülle doch überwiegend mit Nachsicht begegnet.

Anmerkungen

Alle bei der Behörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) gelagerten Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aus der Hauptabteilung XXII (Terrorabwehr) sind in den Anmerkungen immer nur als »Akte« gekennzeichnet.

[1]S. Regine Igel, Von heimlichen und unheimlichen Kooperationen, Telepolis 01.02.2010. Auf die Unterschiede der Versionen stieß die Autorin über die italienische Ausgabe der Wolf-Autobiografie. Im Verlag der dt. Ausgabe vermag man das Warum der unterschiedlichen Versionen nicht mehr zu rekonstruieren.

[2]Markus Wolf, Man without a face, New York 1997, S. 268 (wie bei anderen hier zitierten italienisch- oder englischsprachigen Texten: eigene Übersetzung)

[3]Noch gründlicher war sicher der BStU-Haushistoriker T. Wunschik, dessen Ergebnisse allerdings nur selektiv veröffentlicht werden. Auch der Auslandsgeheimdienst HVA beschäftigte sich mit dem Terrorismus. Da wurde 1989/90 offensichtlich noch mehr vernichtet als bei der XXII.

[4]Deutschland und die RAF 4/5 – Fluchtpunkt DDR 3/3, s. youtube

[5]Aust, Koenen, Peters, Winkler, Wunschik u. a. Auch die zwei Bände mit über 1400 Seiten: »Die RAF und der linke Terrorismus« (Hrsg. W. Kraushaar) nutzten kaum MfS-Akten. Anders Wolfgang Kraushaar seit 2007

[6]G. Wisnewski, W. Landgraeber, E. Sieker, Das RAF-Phantom, München 1992, überarbeitet 2008. Dies war lange das wichtigste Buch, das die Ungereimtheiten der offiziellen Darstellungen des Terrorismus herausstellte. Doch es bleibt in seiner Sicht zu einseitig auf den Westen fixiert.

[7]Der Meinung waren auch die beiden ehemaligen Mitarbeiter des DDR-Auslandsgeheimdienstes HVA Peter Richter und Klaus Rösler, Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report, Berlin 1992, S. 155.

[8]Ein guter Anfang, aber ohne Bezug auf die Akten war: Andreas Kanonenberg/Michael Müller, Die RAF-Stasi-Connection, Berlin 1991

[9]Regine Igel, Kein Maulkorb für den Staatsanwalt. Vom Nutzen italienischer Verhältnisse in der Justiz, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/2003

[10]S. Christian Booß/BStU, Akten zur MfS-Westarbeit; Überblick über die Bestände zur Westarbeit des MfS in den Archiven der BStU, 20. Mai 2010

[11]John C. Schmeidel, Stasi. Shield and Sword of the Party, Abingdon 2008, S. 152

[12]Die Professoren Dr. Hans H. Klein und Dr. Klaus Schroeder warfen der BStU »mehr als nur nachlässigen Umgang mit der Wahrheit« vor. S. dazu auch Toralf Staudt, Selbstherrlich und autoritär, in: ZEIT 21.06.2007

[13]Joachim Lampe, Die strafrechtliche Aufarbeitung der MfS-Westarbeit, in: G. Herbstritt, H. Müller-Enbergs (Hrsg.), Das Gesicht dem Westen zu. DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003

1. Vorboten des deutschen Terrorismus

Die entscheidende Legende zum bundesdeutschen Terrorismus ist seine ausschließliche Entstehung und Entwicklung aus der Studentenbewegung. Ein Einwirken von äußeren Kräften, die nicht aus den Entstehungszusammenhängen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) oder der »68er-Bewegung« stammen, wird beharrlich geleugnet. Doch immer wieder sind Agents provocateurs, ähnlich wie Peter Urbach, Klaus Steinmetz und Siegfried Nonne aufgeflogen.

Da die gelungensten Geheimaktionen mit Agents provocateurs jedoch die sind, über die man nichts erfährt, die also wie beabsichtigt verdeckt bleiben, ist das Identifizieren dieser Agenten schwierig. Schweigen die in Verdacht Geratenen und deckt die Justiz wenig auf, ist das Anheizen von Gewalt über Agents provocateurs kaum zu erkennen und die Täuschung perfekt.

Doch es gibt Erkennungsmerkmale dieser in die (Studenten-)Bewegung infiltrierten Agenten.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass diejenigen Terroristen Infiltrierte waren, die Waffen, Drogen und Sprengstoff beschafften, die Bewegung damit anheizten und Mitstreiter anregten, Hemmschwellen zu überschreiten; die als besonders gewaltbereit, aktionistisch und vorantreibend auffielen; die Organisationen gründeten, spalteten, auflösten und andere wieder neu gründeten; die in die Lage versetzt wurden, entscheidende Logistik für die Illegalität aufzubauen (Passfälschung, Deckwohnungen, illegale Beschaffung von Autos, Geld und Spezialausrüstungen z. B. aus dem Funkbereich).

Auch fallen »gute Beziehungen« im Dunkel bleibender Hintergründe oder Hintermänner auf. Auffällig ist auch, dass sie oft älter waren als ihre Mitstreiter.

Der Blick auf die schon geschriebene Geschichte, gegen den Strich gebürstet, offenbart Neues über die Rolle einiger Führer.

Ein dramatischer Kaufhausbrand in Brüssel

Knapp ein Jahr bevor in Deutschland Frankfurter Kaufhäuser in Brand gesetzt wurden, ereignete sich in Brüssel ein so gut wie vergessener Anschlag. Am 21./22. Mai 1967 brannte das Kaufhaus Innovation durch Brandstiftung, aber auch wegen völlig unzureichenden Brandschutzes bis auf seine Grundmauern nieder. Eine Sonderausstellung mit US-amerikanischen Waren hatte gerade an diesen Tagen Menschenmassen angezogen. Die Brandkatastrophe forderte 322 Tote und wurde zum Fanal der Militanz der westeuropäischen Radikalen. Es hieß, die Täter seien Gegner des Vietnam-Krieges gewesen.

»Mitglieder« der Kommune 1 in Berlin reagierten umgehend und nahmen diesen Anschlag tatsächlich als Anregung auf, um in ihrem »Flugblatt Nr. 8« die provokante Frage zu stellen: »Wann brennen Berliner Kaufhäuser?« und zu einem »Burn, warehouse, burn!« aufzurufen. Auch stand da tatsächlich geschrieben, dass ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt »jenes knisternde Vietnamgefühl, dabei zu sein und mit zu brennen« vermittele. Da stellt jemand eine derartig perfide Verknüpfung eines Kaufhausbrandes in der Hauptstadt der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) mit dem Vietnam-Krieg her, um die Menschen aufzurütteln?[14]

Der ehemalige Studentenführer und antiautoritäre Zeitgenosse Bernd Rabehl erinnert sich an Dieter Kunzelmann als den Verfasser des Flugblattes. Angesichts der 322 Toten empfand der Sozialistische Deutsche Studentenverband (SDS) diese Flugblatt-Reaktion als derart unpassend und empörend unverhältnismäßig, dass das Mitglied Dieter Kunzelmann ausgeschlossen wurde.

Der Anschlag wurde nie aufgeklärt. Die italienische Erfahrung zeigt, dass unaufgeklärte Terroranschläge mit perfekter Spurenvernichtung auf die Beteiligung von Geheimdiensten weisen. Auch hier stellt sich die Frage nach einem verdeckt tätigen Geheimdienst, der beabsichtigte, Emotionen zu provozieren, die geeignet waren, Schübe für eine Radikalisierung gegen den Vietnam-Krieg und gegen die Amerikaner als Aggressoren in Gang zu setzen.

Zehn Tage nach dem Brand wurde die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 durch den Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras zum Fanal der deutschen Militanz. Erst mehr als 40 Jahre später konnte der Waffenfanatiker Kurras als Stasi-Agent (Deckname »Otto Bohl«) enttarnt werden.[15] War am 2. Juni 1967 die Stasi am Werk, so konnte sie mit diesem Toten Emotionen der Wut gegen »das Schweinesystem« auslösen, Militanz anheizen, Gegengewalt provozieren, die Bewegung spalten und Kämpfer für die Destabilisierungsfront rekrutieren.

Knapp ein Jahr später, am 2. April 1968, entzündeten Militante Brände in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden. Neun Tage danach schoss der vermeintliche Einzeltäter Josef Bachmann auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Erst Jahrzehnte später wurden die rechtsterroristischen Anbindungen Bachmanns, die die Ermittler seinerzeit wohl entdeckt, aber der Öffentlichkeit verschwiegen hatten, publik. Rudi Dutschke selbst verdächtigte die Stasi hinter dem Anschlag auf ihn. Und tatsächlich finden sich in der rechtsterroristischen Gruppe des Bachmann auch Spuren zur Stasi.

Die Frankfurter Brandstifter wurden ein halbes Jahr nach der Tat in einem zum Happening verwandelten Gerichtsverfahren zu je drei Jahren Haft verurteilt. Der Antrag auf Revision erreichte ihre vorläufige Freilassung, die sie nutzten, um unterzutauchen. Die Militanz war in Gang gekommen.

Die Schlacht am Tegeler Weg

Bevor die Geschichte mit dem Frankfurter Kaufhausbrand ihren Höhepunkt bei Andreas Baaders Befreiung im Jahr 1970 fand, ereigneten sich weitere Gewaltschübe. Bis hinein in kleine Details ähneln sich merkwürdigerweise sogar die Schlachten, die die 68er in Italien und Deutschland mit der Polizei geschlagen haben. Hier wie da wurde eine ungewohnt militante Straßenschlacht mit Pflastersteinen inszeniert, mit zahlreichen Verletzten auf beiden Seiten, Polizei wie Demonstranten. In Rom war es die Battagliadi Valle Giulia am 1. März 1968, in Berlin die Schlacht am Tegeler Weg am 4. November 1968.

Anlass für letztere war ein Ehrengerichtsverfahren gegen Rechtsanwalt und APO-Führer Horst Mahler am Landgericht in Berlin-Charlottenburg. Mahler drohte wegen von ihm geäußerter Gewaltpropaganda der Ausschluss aus der Anwaltschaft und Berufsverbot. Tausend Demonstranten waren bereit, für ihren APO-Anwalt gut gerüstet ins Feld zu ziehen. Man trug Helme, Stöcke und mit Zitronensäure getränkte Tücher über den Nasen, sie schützten vor Tränengasgranaten seitens der Staatsgewalt. Ein Teach-in am Vorabend hatte alle auf Militanz eingestimmt. Das Aufgebot der Polizei war groß, die Stimmung geladen. Ein alter Mitstreiter erinnert sich:

»Ein Jubelschrei, bevor alles anfing: Zufällig parkte gerade ein Lkw, der Pflastersteine geladen hatte. Die Polizei, von Angriffswut und Steinhageln überrascht, wurde in die Flucht getrieben. (…) Am Ende fiel die Bilanz für die Straßenkämpfer positiv aus. 120 verletzte Polizisten, 22 verletzte Demonstranten, die ›Bild‹-Zeitung hetzte nicht mehr, sondern berichtete sachlich über die Hilflosigkeit der Ordnungshüter. Kurz: Es war der erste Sieg der ›Bewegung‹ im Straßenkampf.«[16]

Selbst der Sieg in der Sache war groß: Der Antrag des Staatsanwaltes wurde zugunsten Mahlers abgelehnt. Doch woher kam dieser Lastwagen, angefüllt mit Pflastersteinen als Wurfgeschossen? Als einer der ganz wenigen hinterfragte der Zeitzeuge und Musiker Gert Möbius: »Tegeler Weg war irgendwie komisch, da hat irgendwas nicht gestimmt, ich weiß nicht was. Tegeler Weg, daß da plötzlich so viele Steine da waren. Da kam ein Lastwagen mit Steinen angefahren, ich weiß ja nicht warum.«[17]

Bis heute wird der wie vom Himmel gefallene Lastwagen unweit vom Gericht stehend wenig überzeugend meist als Zufall angesehen. Wer aber hat dann den Lastwagen an diesen Ort geordert?

Und mehr noch. Ralf Reinders, vier Jahre später Mitbegründer der terroristischen Bewegung 2. Juni und Intimus der – für die Jahre nach 1980 erwiesenen – Stasi-Agentin Inge Viett, erzählte, dass ein stattlicher Trupp Rocker aus dem Märkischen Viertel zur Schlacht angefordert worden war.[18] Da scheint eine geradezu generalstabsmäßige Vorbereitung durch.

Und Eingeweihte von einst wissen, dass Christian Semler, altes KPD-Mitglied, Organisator des Ganzen im Hintergrund war. 1938 geboren und damit ein älteres Semester, soll Semler, laut einem damaligen Mitstreiter, für einige Zeit an der DDR-Uni Greifswald studiert haben. Dem SDS soll er sich schon perfekt marxistisch-leninistisch geschult angenähert haben. Wie Horst Mahler und Dieter Kunzelmann war auch er ein unermüdlicher Organisator. Ein Jahr lang – so erinnert Chronist Gerd Koenen – versuchte er, eine Sozialistische Massen-Organisation (SoMaO) für die Zusammenfassung aller Basisgruppen aufzubauen. Als das scheiterte, wurde er 1970 Vorsitzender der neu gegründeten maoistischen KPD/AO. Als leninistische Kaderorganisation eher das Gegenteil einer räteähnlichen Vereinigung von Basisgruppen.

»Juhu, es lebe die Revolution!«, habe er »noch am Mittag dieses 4. Novembers 1968« gejubelt und »eine neue Ebene der Militanz« habe er nun gesehen.[19] Doch 2009 nahm Semler alles zurück, das sei keine Schlacht, sondern nur »eine Demo«, »eine existenzialistische Geschichte« gewesen, es hätte keinerlei geplante Militanz gegeben.[20] Heute ist TAZ-Autor Semler merkwürdigerweise immer vorneweg, wenn es gilt, die Rolle der Staatssicherheit zu relativieren und z. B. die Aufdeckung des Ohnesorg-Mörders Kurras als Stasi-Agent herunterzuspielen. Aufklärung scheint sein Interesse nicht zu sein.[21]

Alle Beteiligten erachteten im Nachhinein diese Schlacht als außergewöhnlich gewalttätig. Tatsächlich äußerten einige Mitkämpfer bei der Nachbereitung in den Räumen des Republikanischen Clubs »den Verdacht«, hier hätte »die Polizei« ihre Finger trickreich mit im Spiel gehabt, um die Militanz zu fördern. Ein Indiz dafür, dass unmittelbar nach dem Kampf dem »Zufall« in Sachen Pflastersteine nicht ganz getraut wurde. Bernd Rabehl erinnert sich: »Am 4. November bestand von Anfang an die Absicht, die Absperrriegel der Polizei zu durchbrechen. Es sollte deutlich gemacht werden, dass auf die Eskalation von staatlicher Gewalt nicht die Resignation folgte, sondern im Gegenteil die Gegengewalt als Produktivkraft der neuen Opposition verstanden wurde.«[22]

Bei der am Abend folgenden großen Versammlung im Audimax der Technischen Universität zeigten sich die Teilnehmer – so die festgehaltenen Berichte – gleichsam offen stolz wie auch verhalten verunsichert über diese Schlacht. Wie sollte das mit der Gewalt nun weitergehen? Vonseiten der Leitung wurde eine Diskussion über den zukünftigen Umgang mit Gewalt abgeblockt. Zeitzeuge Klaus Hartung schrieb dazu:

»Eine solche ›Schlacht‹ ließ sich nicht wiederholen. Für wirkliche Machtproben waren die 68er weder geschaffen noch gerüstet. (…) Der Autor, der an diesen Ereignissen beteiligt war, erinnert sich deutlich, wie sehr die Fetischisierung der Straßengewalt auf einmal Zukunftsangst erzeugte. (…) Die SDS-Vertreter Jürgen Horlemann (auch er altes KPD-Mitglied – R.I.) und Christian Semler sprachen von der ›spontanen Erhebung‹ der dort Beteiligten. Das war nicht nur gelogen, es war auch der Anfang eines neuen Selbstverständnisses. (…) Die Bewegung begann zu zerfallen.«[23]

Mit diesem »Sieg der Gewalt« waren bei den militanten Antiautoritären offensichtlich Gewissheiten auseinandergefallen. 1969 war »erfüllt vom Kleinkrieg an den Universitäten« und »die ersten marxistisch-leninistischen Gruppen verlangten Kurzhaarschnitt, Legalisierung der Liebesverhältnisse und den Verzicht auf alles Antiautoritäre.« Gleichzeitig gab es bereits die, die sich auf die Illegalität und den Einsatz weiterer Gewalt vorbereiteten. Die Schlacht am Tegeler Weg war ein kraftvolles, aber spaltendes und letztes Aufbäumen. Für die einen war mit ihr das Ende der Antiautoritären eingeläutet, für die anderen der Anfang einer militanten Bewegung. Und genau so war es in Rom mit der Schlacht Battaglia di Valle Giulia gewesen – als ob bei beiden eine unsichtbare Regie im Hintergrund das militante Potenzial zu sondieren hatte.[24] Bald darauf begannen die Reisen zur paramilitärischen Ausbildung in die palästinensischen Lager im Nahen Osten.

Organisieren, Spalten, Neugründen: Horst Mahler und Dieter Kunzelmann

Die Stasi-Unterlagen-Behörde gibt der Antragstellerin auf Akteneinsicht zu den beiden wichtigsten Führern der 68er-Militanz so gut wie nichts heraus. Zu Dieter Kunzelmann 20 Blatt, zu Horst Mahler ein kleines Bündel bis 1964, darunter trotz aller Beschränkung sogar hoch aufschlussreiche Seiten, wie gleich zu zeigen sein wird.

Die beiden APO-Führer in die Nähe der Stasi zu stellen, war bis zum August 2011 ein Tabu. Die Vernichtung ihrer Akten kann als geheimdienstlich gelungen angesehen werden. Doch plötzlich stand der Verdacht im sommerlichen Raum, bei der Berliner Staatsanwaltschaft wüsste man, Horst Mahler sei von der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter geführt worden. Zeitungsartikel trugen vor, was sich in der Behörde für die Stasi-Unterlagen finden ließ, dann wurde alles wieder verworfen. Horst Mahler erklärte aus dem Gefängnis heraus, nie mit der Stasi zu tun gehabt zu haben. So plötzlich sie begann, so schnell war diese tastende öffentliche Diskussion wieder beendet.[25]

Bei dem clownesken Dieter Kunzelmann wird gemeinhin kategorisch festgestellt, dass er »mit Sicherheit« untauglich für jedweden Geheimdienst sei. So wie er einem erscheint oder erschien, mag das wohl sein. Doch die Frage ist, war Kunzelmann so, wie er erschien?

Dieter Kunzelmann

Dieter Kunzelmann (*14.7.1939 in Bamberg) war ein unermüdlicher Motor des rebellisch-antiautoritären Geschehens. Er wurde zum Sinnbild des Kommunarden, der aufmüpfig, provokativ, antiautoritär und nicht unbedingt politisch die bürgerliche Gesellschaft anprangerte. Heute ist vergessen, dass er keineswegs aus dem harmlos-unpolitischen Nichts kam. Innerhalb von nur acht Jahren wurde Kunzelmann fünfmal aus seinen jeweiligen Organisationen ausgeschlossen: 1961 aus der Situationistischen Internationale, 1965 sowohl aus dem Münchner SDS als auch aus der von ihm selbst gegründeten Organisation Subversive Aktion. Als er 1966 – wieder aufgenommen – in den Münchner SDS Vokabeln wie »Proletarier«, »Kaderbildung«, »Räteprinzip« hereinbrachte,[26] wurde er mit dem Vorwurf des Schematismus, Aktionismus und von überzogenem »autoritären Gehabe« erneut ausgeschlossen.

Danach begegnete man dem unermüdlichen Kunzelmann unverhofft als Theoretiker. Er wurde militanter und trat als Verfasser der Notizen zur Gründung revolutionärer Kommunen in den Metropolen auf. Man solle Widerstand leisten und »außergesetzliche Mittel anwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben«, man solle »nicht auf Gegengewalt verzichten«, bis zum Umsturz solle es gehen. Womit er sich, so sein Biograf Aribert Reimann, als »Pionier des bewaffneten Kampfes« zeigte.[27] Eine Zeit lang stand Dieter Kunzelmann den APO-Führern Bernd Rabehl und Rudi Dutschke nah. Doch Rabehl erinnert, dass sich Kunzelmann im Gegensatz zu ihm und Dutschke nie an der Erarbeitung einer kritischen Position gegenüber der Sowjetunion interessiert zeigte.

1967 gründete Kunzelmann führend die Kommune 1, die als ein Ort erschien, in dem das Subjekt sich mit Hasch, Sex und endlosen Psychodiskussionen im Hier und Jetzt verwirklichen sollte. Doch der reale Kommunarde Kunzelmann war politischer. Neben der Veränderung und Revolutionierung des Subjekts sollte die subversiv-anarchistische politische Aktion einen gleichrangigen Stellenwert haben. Das Leben in der Kommune sollte geradezu auf die praktische Aktion ausgerichtet sein.

Heute genauer in die Dokumente von einst geschaut, mutet einen das Kommunenleben, vor allem das der späteren »umherschweifenden Haschrebellen« der Wieland-Kommune um die Zentralfigur Kunzelmann schon sehr als die Vorstufe eines Zusammenschlusses für terroristisch-militante Aktionen an, aber alles immer noch unverdächtig und verführerisch lustvoll von Haschisch-Wolken umnebelt. Der Biograf Kunzelmanns: »Fest steht, dass kein anderer Aktivist der bundesdeutschen Protestgeschichte so ausdauernd und radikal an subversiven Projekten und Strömungen teilgenommen und so konsequent die Grenzen und Abgründe des Radikalismus vermessen hatte.«[28]

Doch was war dieser Kunzelmann eigentlich für eine Figur? Wie sahen, sehen ihn seine Mitstreiter von einst? Viele, die Kunzelmann als Kommunarden kannten, sagten schon damals oder im Nachhinein, »Irgendetwas stimmte mit dem Kunzelmann nicht« oder »Er hatte so was Zwanghaftes«, auch sei er »extrem patriarchalisch und autoritär« gewesen. Und Bernd Rabehl beschreibt ihn weiter als einen, mit dem man kaum ernsthaft reden konnte. Neben seinen Aktionsideen habe er permanent Witze gemacht und ironisiert, immer sei er unverbindlich geblieben. Freundschaft mit ihm zu schließen, gar sich normal mit ihm zu unterhalten, sei ein unmögliches Bemühen gewesen. Er sei als dadaistischer und aktionistischer Clown aufgetreten, immer zu provokativen Streichen oder Übergriffen aufgelegt und damit voll identifiziert. Sollte er aber mal vor einer größeren Gruppe reden, habe er herumgestottert und keine zusammenhängenden Sätze herausbekommen. Sein Biograf Reimann sieht die Person Kunzelmann, jenseits des Berufsprovokateurs mit seinen »performativen Talenten«, als »seltsam durchsichtig und eigenschaftslos«. Seine provokative Praxis habe dazu beigetragen, seine eigene Persönlichkeit zu verbergen.[29] Reimann nennt ihn auch einen »fortwährend nicht-identischen Rebell«, einen »Rollen-Spieler«, der »überall zur Stelle war«.

Dem Ausschluss Kunzelmanns 1969 auch aus dem Berliner SDS folgte der Ausschluss aus der Kommune 1. Gleich danach gründete er die militanten Tupamaros, Vorläufer der terroristischen Bewegung 2. Juni.

Auch Mahler war »immer zur Stelle« an Schnittpunkten, an denen es eines Schubs für ein Vorwärts der Bewegung bedurfte. Es waren diese beiden, die die Militanz in der Bewegung voranbrachten, die sich für den bewaffneten Kampf einsetzten.

Als Kunzelmann und seine Mitstreiter nach ihrem Besuch aus einem palästinensischen Guerilla-Camp im Spätsommer 1969 zurückkamen, jagte bald ein Brandsatz-Anschlag den anderen. Die Ziele: amerikanische, jüdische und israelische Einrichtungen, Kaufhäuser, die Polizei, Staatsanwälte und Richter. Ende des Jahres 1969 erschienen in Berlin die ersten Plakate mit Steckbriefen. Zwei Mitglieder der Tupamaros, Annekatrin Bruhn und Hella Maher, packten nach ihrer Festnahme 1970 vor den Ermittlern über 22 Anschläge aus.

Und wie von einer gemeinsamen Strategie umgesetzt, tauchten, wieder ähnlich wie in Italien, plötzlich jede Menge Organisationsnamen auf: die Palästina Fraktion, Schwarze Ratten/Tupamaros West-Berlin, Panthertanten, Onkel Tuca, Blues, Amnestie International, Viva Maria, Kommando Rote Weihnacht, Schwarze Bräute u. a. Auch wenn diese Gruppen oft nur aus wenigen oder denselben Leuten bestanden, die Namensfülle suggerierte machtvollen Zuwachs einerseits, irritierende Zersplitterung andererseits. Anschläge und Zusammenhalt gegen das »Schweine-System« galten als ein großes Abenteuer. So lange, bis ein beträchtlicher Teil von den Genossen nach und nach in den Fängen der Justiz, in der Illegalität, im Gefängnis landete – oder tot unter der Erde.

Aufsehen erregte der versuchte Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus 1968 in Berlin, genau am Jahrestag der Reichskristallnacht von 1938. Auch dieser Brandsatz kam aus den Quellen des Peter Urbach. Wegen ihres ideologischen Sprengstoffs hatte die Aktion auch ohne Explosion ihre Wirkung. Damals war es ein Tabu, die Außenpolitik Israels gegenüber den Palästinensern zu kritisieren, Antizionismus wurde mitunter nicht von Antisemitismus unterschieden. Aber Kommunarde Kunzelmann zeigte in seiner clownesk-provokativen Art hier keinerlei Hemmungen und kündigte unter dem Kommando Rote Weihnacht Anschläge nach den Frankfurter auch in Berliner Kaufhäusern an.[30] Er zog sogar den Zorn der Genossen auf sich, worauf er erklärte, mit dem »Sauhaufen APO« nichts mehr zu tun haben zu wollen.

Führend trieb er die Bewegung voran, wurde zum Spalter, der in Sachen Militanz die Spreu vom Weizen trennte. Terror fand erst verbal und dann wie nebenbei in Aktionen Eingang, wie es das Tupamaros-nahe Szeneblatt Agit 883 am 20. November 1969 deutlich ausdrückte: »Wir sind Energiebündel, wir erlangen Befriedigung durch Entladung. Denn Spannung in unserem Körper können wir über Sex, Sprachen, Musik, Bewegung, Terror Entladungsmöglichkeiten geben.«

Bei der Agit 883 war die Stasi wie auch bei anderen APO-Medien subversiv massiv dabei gewesen, wie man heute weiß. Gründer Dirk Schneider, später Bundestagsabgeordneter der Grünen, wurde 1991 als Stasi-Agent enttarnt.

Kurz vor Weihnachten 1969 explodierte – ohne großen Schaden anzurichten – im Berliner Kaufhaus des Westens die angekündigte Brandbombe. Am 10. Februar 1970 unternahmen drei palästinensische Terroristen auf dem Münchener Flughafen den Versuch, eine Maschine der israelischen El Al Airlines zu entführen. Zwei Personen wurden dabei erschossen, eine weitere lebensgefährlich verletzt. Drei Tage später wurde ein in der Zeitgeschichtsschreibung in Vergessenheit geratener Brandanschlag auf ein israelisches Altersheim in München unternommen: Sieben Bewohner starben, neun wurden verletzt. Der Verdacht richtete sich zunächst gegen den ebenfalls vom clownesken Kommunarden zum Terroristen mutierten Fritz Teufel und dessen Münchner Tupamaros. Als die Ermittlungen ins Leere liefen, kam die rechtsterroristische Wehrsportgruppe Hoffmann als Täter ins Gespräch. Eine Klärung ist nie bekannt geworden.

Als Kunzelmann, inzwischen im Untergrund lebend, am 19. Juli 1970 wegen versuchter Brandstiftung an der Villa des damaligen Chefredakteurs der Bild-Zeitung, einem der vielen Anschläge vom Winter 1969/70, verhaftet wurde, stieß man bei der Durchsuchung seiner Wohnung auf hoch bemerkenswerte Dinge eines bis dahin unbekannten Kunzelmann. Ein Leitzordner mit der Aufschrift »Stadtguerilla Neue Strategie« wies auf strategisches Denken in größeren Zusammenhängen eines führenden politischen Kopfes. In einem Tagebuch fand sich eine Auflistung aller im Jahr 1969 verübten Anschläge in Berlin und Notizen zu Treffen mit in Berlin und Frankfurt lebenden Palästinensern kurz vor dem versuchten Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus. Auch 28 Passfotos mit jeweils sehr unterschiedlichem Outfit Kunzelmanns waren dabei. Besonders beunruhigend der Fund von 36 Seiten handschriftlicher Aufzeichnungen des führenden »Hasch-Rebellen« Georg von Rauchs, aus denen zu entnehmen ist, dass der 1972 von Palästinensern ausgeführte Anschlag auf die Olympischen Spiele schon 1970 angedacht war.[31]

Nach Untersuchungshaft und Absitzen seiner Strafen kam Kunzelmann 1975 frei. Noch während seiner Zeit als Freigänger kandidierte er für die maoistische KPD, vormals KPD/AO. Er ließ sich zum Drucker ausbilden, erhielt in dem neuen politischen Umfeld damit die Würde des Proleten, und blieb bis zur Parteiauflösung 1980 an der Seite der KPD.

Horst Mahler

Horst Mahler behauptete, »zu keinem Zeitpunkt«[32] mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Nachweislich entspricht diese Aussage nicht der Wahrheit, wie wir gleich sehen werden. Natürlich streitet er ab. Er wird sicher sein können, dass eindeutige Akten in der BStU nicht zur Verfügung stehen.

Die zu Mahler (*23.1.1936 in Haynau, Niederschlesien) vorgelegte Akte im Stasi-Unterlagen-Archiv ist schmal und ausgedünnt. Sie steht in keinerlei Verhältnis zu seiner Rolle in der APO. Wie bei Kunzelmann lässt schon allein dies auf seine Bedeutung für die Stasi schließen. Aus der nach 1989 angelegten Seitennummerierung fehlen, wie in allen der Antragstellerin herausgegebenen MfS-Akten zum Terrorismus, nicht nur zahlreiche Blätter, es sind auch Sätze und Abschnitte geschwärzt. Doch selbst in dem, was der öffentlichen Einsicht bleibt, offenbart sich unerwartet Wichtiges zur frühen Zeit vor 1964. Für die Zeit danach, der Hochzeit Mahlers in der Studentenbewegung bis 1970, findet sich für ihn nicht ein Blatt.[33]

Drei Jahre nach Mahlers Eintritt in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund 1956 begann er, sich dort offen als SED-naher Linker zu exponieren. Ein IM-Bericht von IM »Erich« aus dem Jahr 1962: »Horst Mahler ist seit geraumer Zeit, seit ca. 6 Jahren, Mitglied des SDS und hier eigentlich immer sehr inaktiv gewesen. Erst im Jahre 1959 begann er, sich aktiver für die SDS-Arbeit zu interessieren, und zwar in einem Maße, das ihn der Verdächtigung aussetzte, ein Provocateur irgendwelcher Stellen zu sein.«[34]

An anderer Stelle heißt es, Mahler habe den Standpunkt vertreten, »dass früher oder später die SED die führende Rolle in West-Berlin ausüben wird.«[35] Mahler würde »in aller Offenheit politische Ansichten« vertreten, »die sich kaum von denen der SED unterscheiden«. Mahler sei auch ein Jahr zuvor schon bei den Falken, der SPD-Jugendorganisation, mit einem ähnlichen Auftreten aufgefallen.

Also eigentlich ein Topmann für die DDR, aber Mahler würde übertreiben, könnte gar zur Propaganda beauftragt sein, heißt es weiter. IM »Erich« teilte auch mit, dass ihm nichts zu Mahlers finanziellen Verhältnissen bekannt sei. »Es besteht aber immerhin der Verdacht, dass .« Da hat die Stasi-Unterlagen-Behörde geschwärzt, der Aktenleser soll über den »Verdacht« nichts erfahren.

Die Stasi-Quelle IM »Erich« wurde 1994 als Dietrich Staritz enttarnt. Er war gleichzeitig als Doppelagent für den Verfassungsschutz tätig.[36] Bevor die RAF 1972 mit Bombenanschlägen auf Stützpunkte des US-Militärs begann, hatte Staritz unter dem Vorwand einer Recherche für den Spiegel, für den er seit 1968 als Redakteur arbeitete, für die Stasi die Anschlagslage ausgepeilt. Später wurde er Professor für DDR-Geschichte an der Universität Mannheim.

Am 13. November 1962 war es so weit. Bei der Stasi legte man für Mahler eine IM-Vorlaufakte mit der IM-Registriernummer XV 5199/62 und dem Vermerk »Vorbereitung zur Werbung« an. Das heißt, er wurde damit als IM-Kandidat überprüft. Das wurde erstaunlicherweise erstmals im Sommer 2011 bekannt. Und das will Mahler nicht gewusst haben?

Das MfS genehmigt eine längere Reise in die ČSSR

Am 3. Januar 1964 verzeichnet die »Abteilung XII/4 Auslandsreisen« etwas Bedeutendes. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten erteilte Horst Mahler die Erlaubnis für ein Transitvisum, um »über den Kontrollpassierpunkt KPP Drewitz und Zinnwald m. PKW nach der ČSSR zu reisen«, und zwar vom 28. Dezember 1963 bis zum 23. Januar 1964.

1 Zeugnis der merkwürdigen Reise Horst Mahlers in die ČSSR

Auch dieses Blatt der Mahler-Stasi-Akte ist bisher nicht zur Kenntnis genommen worden. Verständlich, da in Deutschland kaum bekannt ist, dass die ČSSR Hinterland für die Herausbildung vorrangig des italienischen Terrorismus war (siehe → Seite).

Was trieb Mahler dazu, mit Billigung des MfS und des Außenministeriums, einen Wintermonat lang in der ČSSR zu verbringen? Für einen Skiurlaub im Riesengebirge hätte er keine Bewilligung von ganz oben gebraucht und den direkten Grenzübergang von Bayern zur ČSSR nehmen können. Es muss eher ein gezielter, geheimer Auftrag gewesen sein.

Klärung könnte sich hier bei Jan Sejna auftun, dem 1968 zur CIA übergelaufenen General aus dem ZK der tschechischen kommunistischen Partei. Er hatte delikate Geheimnisse aus dem Ostblock preisgegeben, unter anderem auch zur paramilitärischen Ausbildung von Westeuropäern in der ČSSR. Er sprach »von ersten zwölf Ausgebildeten« bereits im Jahr 1964, davon »acht Italiener und vier Westdeutsche«. Wurde Mahler also zur paramilitärischen Ausbildung in die ČSSR geschickt?

Dem geheimdienstlichen, vom Kalten Krieg geprägten Zeitgeist würde das entsprechen. Italienische Zeithistoriker und Ermittler sind heute der Meinung, dass die von Sejna geschilderten geheimen Militärformationen, die in den 1960er-Jahren im Ostblock und auf Kuba in Spezialcamps ausgebildet wurden, verdeckt im Terrorismus zum Einsatz kamen (siehe → Seite). Mit dem Beginn der »Entspannungspolitik« Ende der 1960er-Jahre wurde diese militärische Ausbildung dann aus Sicherheitsgründen in den Nahen Osten verlagert.

Erich Mielke, Chef des Ministeriums für Staatssicherheit, erteilte 1964 einen »Befehl«, mit dem ab dem 1. Februar 1964 die Ausbildung von paramilitärisch ausgebildeten Geheimdienstmitarbeitern, Tschekisten genannt, begonnen werden sollte.[37] Dieser »Befehl« war fast zeitgleich mit Mahlers Aufenthalt in der ČSSR und beinhaltet das Gleiche, was General Sejna enthüllt hatte.

Stasi-Interesse am Anwalt für Wirtschaftsrecht

Dass Horst Mahler sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert hatte, interessierte die Stasi. Sie führte deshalb mit ihm am 9. Oktober 1963 über die HA XVIII (Abteilung für Sicherung der Volkswirtschaft der DDR) ein Gespräch. Das konnte nicht das erste gewesen sein, denn seine Akten waren schon seit 1962 mit der IM-Nummer XV 5199/62 versehen. Mahler wurde – so die Akte – die Rechtsvertretung bei Gerichtsprozessen in Sachen »Außen- und Innerdeutscher Handel« übergeben. Auch das will Mahler nicht gewusst haben.

Mit der Eröffnung seiner eigenen Kanzlei 1964 war er als SED-naher Rechtsanwalt bis 1968 für Berliner Unternehmen aktiv und machte »gut Kohle«, wie sich alte Mitstreiter erinnern. Danach gründete er mit den Rechtsanwälten Klaus Eschen und Hans-Christian Stroebele das sozialistische Anwaltskollektiv. Die Kanzlei wurde, wie die von IM Klaus Croissant in Stuttgart, eines der Zentren der Militanz, seine Klientel waren strafverfolgte radikale Studenten.

Geheim gehalten wurde seine Verteidigung der antikommunistischen Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit (KgU), deren militante Mitglieder Sabotageanschläge gegen die DDR oder Sprengstoffanschläge zum Beispiel gegen das russische Reisebüro Intourist durchführten und von den USA finanziert wurden.[38]

Prozessvertretung für eine derartige antikommunistische Kalte-Kriegs-Organisation zu sein, bot neben anwaltlicher Vertretung natürlich wie nebenbei auch Einblicke in deren Treiben, mit Sicherheit ein Interesse der Stasi. Mahler war auch mit Südtiroler Bombenwerfern und Tunnelbauern für DDR-Flüchtlinge persönlich bekannt. Beides Bereiche, wie wir noch sehen werden, in denen die Stasi subversiv aktiv war.

Am 20. November 1964 wurde in der Diensteinheit HA XX/6[39] der Beschluss gefasst, die IM-Vorlaufakte einzustellen. Doch schauen wir genau auf die dortige Formulierung: »Mit dem Kandidaten wurde von der HA XVIII (Volkswirtschaft – R.I.) mit unserer Zustimmung ein Kontaktgespräch unter Legende geführt. (…) Im Interesse der daraufhin eingeleiteten Maßnahmen durch die HA XVIII wird von einer Werbung unsererseits Abstand genommen.«[40]

»Unsererseits« bezieht sich auf die bis dato für ihn zuständige Abteilung HA XX/6. Mahler war zwar von der Wirtschaftsabteilung kontaktiert worden. Wegen eingeleiteter »Maßnahmen« der sich für ihn neu interessierenden Abteilung XVIII wurde die Vorlaufakte aber nicht insgesamt eingestellt, sondern bei der alten Abteilung eingestellt. »Unter Legende«, das heißt, man gab sich ihm gegenüber nicht offen als Vertreter der Abteilung des MfS aus. Nicht ausgeschlossen ist, dass damit eine IM-Werbung mit dem Ziel der IM-Verpflichtung nun von der neuen Abteilung anstand. So ein Abteilungswechsel eines bereits verpflichteten oder angehenden MfS-Agenten war nichts Ungewöhnliches. Wer ohne Kenntnis weiterer Akten meint, hier ableiten zu können, dass sich »die Sache zerschlagen« hätte (s. SZ vom 2.8.11), verdreht die Aktenlage und unterschlägt das genannte »unsererseits«.

Mahlers Rolle in der APO

Deutlich ist in Horst Mahlers Karriere, dass er schon früh und oft, typisch für Agents provcateurs, radikale und auf Gewalteinsätze gerichtete Vorschläge in die Studentenbewegung brachte. Er sammelte zur Militanz bereite Kräfte, die wiederum geeignet waren, die Bewegung nach außen zu diskreditieren, und dem Staatsapparat Gelegenheit boten, schärfer durchzugreifen.

Ein paar Jahre lang wechselte und gründete Mahler – nicht anders als Kunzelmann – immer wieder neue Organisationen. Dabei umgaben ihn stets Mitglieder der verbotenen KPD oder später enttarnte Stasi-IM. Schon 1962 initiierte er zusammen mit dem Molekularbiologen und späteren FU-Professor und Mitbegründer der Grünen Ernst-Randolf Lochmann die kurzlebige Gruppe Neue Linke.[41] 2001 wurde Lochmann vom Spiegel als IM »Zeitz« enttarnt, was er allerdings bestritt.

Zusammen mit den anderen führenden Köpfen des APO-Zentrums Republikanischer Club zeigte Mahler zu Ende der 1960er-Jahre erneut unverhohlen politische Nähe zur DDR: Der Bauarbeiter Klaus Feske wurde Mahlers Assistent. Er war Vizevorsitzender im SED-Kreis Reinickendorf, begleitete Jahre später Honecker ins Exil und wurde schließlich 2011 als IM enttarnt.[42] Dem Stern offenbarte Mahler 1972, dass er 1949 in Dessau, wo er mit der Familie lebte, Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ) geworden war.[43] Nie hat das ein RAF-Chronist vermerkt. Bommi Baumann ist sich sicher, dass Mahler auch nie ausgetreten ist.

Ein Bericht des Berliner Innensenators Kurt Neubauer vom Sommer 1968 benennt ausdrücklich Horst Mahler als denjenigen, der den Einfluss der SED-West-Berlin in der APO verstärkte. Als in den 1990er-Jahren die MfS-Agententätigkeit des gut in der APO platzierten Trios Walter Barthel, Dietrich Staritz und Carl Guggomos aufflog, erinnerten sich Alt-68er, dass Mahler gerade mit diesen immer eng »zusammenhing«. Den Mahler-Freunden Walter Barthel und Carl Guggomos kamen in der West-Berliner Studentenbewegung Schlüsselrollen für die Verbreitung von SED-Propaganda zu. Der 1931 geborene Walter Barthel stammte aus der DDR, war Agent für Stasi und Verfassungsschutz, wurde Geschäftsführer des einflussreichen Extradienst.[44] Chefredakteur Carl Guggomos (IM »Gustav«) versorgte das Blatt regelmäßig mit Artikeln und Geld aus Ost-Berlin. Mahler war Mitherausgeber.

Und, wen wundert es eigentlich noch, nach dem Schuss des Polizisten Karl-Heinz Kurras auf den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war es Mahler, der den Untersuchungsausschuss der Studentenausschüsse aller West-Berliner Universitäten zur Aufklärung des Anschlages initiierte und koordinierte. Doch wirkliche Aufklärung erfuhr dieser Fall erst in allerjüngster Zeit. Ironie der Geschichte, dass Kurras und Mahler sich heute von demselben Anwalt vertreten lassen.

1968 war Mahler zur buntschillernden und wie Dutschke zur nationalen Symbolfigur der 68er geworden. Annekatrin Bruhn, Randfigur bei den Tupamaros, war hin und wieder Nachrichtenbotin zwischen Kunzelmann und Mahler.[45] Sie erinnert sich, dass beide im Winter 1969/70 einander wichtige Kontaktpersonen gewesen seien, obwohl sie organisatorisch eigentlich nicht direkt miteinander zu tun hatten. Dennoch hätten sie sich regelmäßig nur unter vier Augen und selbst in Genossenkreisen unter höchsten Geheimhaltungsvorkehrungen getroffen. Kunzelmann war bei den flippigeren Tupamaros und dem Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen, beide waren – laut Ralf Reinders – seine Erfindungen. Mahler war engagiert im studentischen Milieu, dem Republikanischen Club und zunehmend in zielgerichteten militanten Aktionen.

Genau diese clandestine Zusammenarbeit zwischen Mahler und Kunzelmann bestätigte auch Bommi Baumann im persönlichen Gespräch mit der Autorin. Derartige Details verdichten den Eindruck, dass sich hier zwei führende Kader, wieder aus größeren Zusammenhängen heraus, miteinander strategisch absprachen, obwohl sie im Bewegungsalltag unterschiedlichen Fraktionen der APO angehörten. Die beiden waren sich offensichtlich irgendwie einig, der eine ging nur einen geordneteren, der andere einen ungeordneteren Weg, im Stasi Jargon »anarchistisch«, in die Militanz und den Terrorismus. Man bediente unter den Linken lediglich jeweils andere Dispositionen. Beide APO-Führer waren parallel ähnlich tonangebend im Gründen, Auflösen und Neugründen wechselnder Organisationen, mal offen, mal verdeckter.

Mahler reiste nach dem Abtauchen in die Illegalität, gegen ihn lag wegen der Baader-Befreiung ein Haftbefehl vor, am 8. Juni 1970 mit einem Trupp Gleichgesinnter für eine paramilitärische Ausbildung über Ostberlin nach Beirut und von dort nach Amman. Widersprüchlich bleibt in den Akten das Datum seiner Rückreise. Einerseits heißt es, es sei nach dem 5. August gewesen, anderseits wird der 23. Juli genannt. Fest steht, er musste die Grenzkontrolle der BRD beim Grenzübertritt meiden. Laut offiziellen Anweisungen des MfS durfte niemand die Grenze der DDR passieren, der in der BRD krimineller Delikte verdächtigt wurde, also zur Fahndung ausgeschrieben war.

Wenn Mahler seinerzeit nicht das Wohlwollen der Stasi-Oberen genossen hätte, wäre er nicht hereingekommen und abgewiesen worden. Wenn er aber willkommen war, weil man am gleichen Strang zog, dann konnte er natürlich ohne Probleme über eine Schleusung an der Friedrichstraße zum Flughafen Schönefeld gelangen.

Mahler kam bekanntlich nicht nur ungehindert in Schönefeld an. Den Akten ist Mielkes ganz persönliche Zustimmung zur Durchreise bei der Rückkehr zu entnehmen, dass nämlich »Meinhof und Mahler im August 1970 nach Absprache zwischen Genosse Minister und Oberst Heinitz«[46] aus dem Nahen Osten eingereist waren. Man wusste ganz oben also nicht nur bestens über die delikaten Grenzübertritte Bescheid, man war auch so vertraut, dass man »Absprachen« traf.

Schließlich ließ man Horst Mahler – wie sich Zeitgenossen der Szene erinnern – in Schönefeld sogar mit Klarnamen über Lautsprecher ausrufen, damit er sich am Schalter melden möge. Auch dieses Detail drückt zweifelsohne Vertrautheit aus. Ebenso, dass Mahler sich von Jordanien aus telefonisch bei einer Stelle in der DDR meldete, um die Schwierigkeiten wegen des Passes des vorzeitig zurückkehrenden Hans-Jürgen Bäcker (siehe → Seite) bei dessen Rückkehr nach Berlin auszuräumen.

Zurück in heimatlichen Gefilden, jagte nach dieser palästinensischen Militanz-Spritze – wie bei Kunzelmanns Rückkehr vom Camp ein Jahr zuvor – eine Aktion die andere. Am 29. September 1970 wurden gleichzeitig um 9.45 Uhr von 19 beteiligten Militanten drei Berliner Banken überfallen und 217 000 DM erbeutet. Nach der Aussage Ralf Reinders’,