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Mord statt Hochzeit Die Bozner Ermittler Filippo Magnabosco und Carmela Pasqualina heiraten. Doch die Idylle im Bergkirchlein hält kaum ein Ja-Wort lang: In der nahen Burgruine ist ein junger Mann erhängt worden! Das Vorgehen erinnert an alte, hexerische Rituale. Der Ermordete war selbst der schwarzen Magie zugewandt. Wer ist der Täter? Verdächtige gibt es von der Neuzeit-Hexe Lotte S. bis hin zum Urahn des Sigmund Freud viele …
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Simone Dark
Teufel, tanz mit mir!
SIMONE DARK
EIN KRIMI AUS SÜDTIROL DER VIERTE FALL FÜRMAGNABOSCO UND PASQUALINA
Gedruckt mit Unterstützung der Südtiroler Landesregierung, Abteilung Deutsche Kultur
Sämtliche Figuren und Handlungen dieses Krimis sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen sind deshalb rein zufällig und nicht beabsichtigt.
1. Auflage
© Edition Raetia, Bozen 2025
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeglicher Art inklusive Text- und Data-Mining nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
ISBN: 978-88-7283-952-2
ISBN E-Book: 978-88-7283-968-3
Projektleitung: Felix Obermair
Lektorat: Verena Zankl
Korrektur: Gertrud Matzneller
Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it
Umschlagfotos: Vorderseite (Stoanerne Mandln): Manfred Kostner
Rückseite (Ruine Stein am Ritten): Joah Tomasi
Grafik und Druckvorstufe:
Printed in Europe
Informationen zur allgemeinen Produktsicherheit GPSR und Einsicht in die technische Dokumentation:
Edition Raetia, Zollstangenplatz 4, 39100 Bozen, Italien
Eindeutige Identifizierung des Produkts: ISBN 978-88-7283-952-2
Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.
Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected].
Vorwort
TEIL 1
Kapitel 1
Klobenstein am Ritten
Kapitel 2
Bozen
Kapitel 3
Klobenstein am Ritten
Kapitel 4
Siffian am Ritten
Kapitel 5
Klobenstein am Ritten
Kapitel 6
Lengstein am Ritten
Kapitel 7
Klobenstein am Ritten
Kapitel 8
Siffian am Ritten
Kapitel 9
Klobenstein am Ritten
Kapitel 10
Bozen
Kapitel 11
Siffian am Ritten
Kapitel 12
Lengstein am Ritten
Kapitel 13
Bozen
Kapitel 14
Brixen
Kapitel 15
Siffian am Ritten
TEIL 2
Kapitel 16
Klobenstein am Ritten
Kapitel 17
Sarnthein
Kapitel 18
Sarntal
Kapitel 19
Klobenstein am Ritten
Kapitel 20
Sarntal
Kapitel 21
Bozen
Kapitel 22
Bozen
Kapitel 23
Bozen
Kapitel 24
Klobenstein am Ritten
Kapitel 25
Lengstein am Ritten
Kapitel 26
Schloss Rodenegg
TEIL 3
Kapitel 27
Sarnthein
Kapitel 28
Klobenstein am Ritten
Kapitel 29
Bozen
Kapitel 30
Klobenstein am Ritten
Kapitel 31
Klobenstein am Ritten
Danksagung
Literatur
Die Zeit der Hexenverfolgung in Europa (1440–1750) war eine bewegte, von Umbrüchen geprägte Epoche, beeinflusst durch die Hexenbulle Summis desiderantes affectibus von Papst Innozenz VIII. und den Hexenhammer: Malleus Maleficarum des aus dem Elsass stammenden Inquisitors Heinrich Kramer, auch bekannt als Heinrich Institoris. Man geht davon aus, dass europaweit während der Hexenverfolgung circa 50.000 Personen hingerichtet wurden. In Süd-, Ost- und Nordtirol sprechen wir von etwa 240 Fällen, in denen Personen aufgrund des Verdachts der Hexerei oder Zauberei verurteilt wurden.
Die Gründe für die Hexenverfolgung sind genauso absurd wie mannigfaltig. In der frühen Neuzeit herrschte in Europa die Kleine Eiszeit. Schlechtwetterperioden führten auch in Tirol zu Missernten, diese wiederum zu einer Hungersnot und sinkenden Geburtenraten. Hinzu kamen Seuchen wie die Pest, die die Bevölkerung dahinrafften. Personen, die sozial unangepasst lebten und ohnehin bereits als störend empfunden wurden, gab man die Schuld am Elend des Landes, indem man ihnen, um nur einige Beispiele zu nennen, Wetter- und Schadenzauber nachsagte, behauptete, dass sie als Hebammen die Kinder bei der Geburt töteten oder die Männer impotent machten.
So erging es nicht nur vielen Frauen in Südtirol, sondern auch den drei berühmten Hexenmeistern Südtirols: Bartlmä Oberkofler, genannt Lebenfierer, weil er behauptete zu wissen, wie man das „Leben führen solle“; der Lebenfierer wurde in Mühlbach/Pustertal geboren und starb um das Jahr 1646 in Rodeneck. Urban Penn, genannt Hackprettler, nach seinem Instrument, dem Hackbrett, wurde in Saubach in Barbian geboren und starb um 1648 in Klausen. Matthäus Perger, genannt Lauterfresser, weil er bevorzugt Flüssiges, „Lauteres“, aß, wurde in Tschötsch geboren und starb um 1645 in Rodeneck. Die drei stehen in diesem Kriminalroman symbolisch für all diejenigen, die in der frühen Neuzeit als Hexen bzw. Zauberer angezeigt und in den meisten Fällen auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder mit der Urfehde, also der Verbannung aus dem eigenen Land, bestraft wurden.
Das Haus meiner Mutter Barbara liegt auf einer kleinen Anhöhe unweit des Dorfzentrums. Es ist von einem dichten Kiefernwald umgeben. Wie stramme Soldaten stehen sechsundsechzig schlanke Bäume mit hohen, grünen Kronen um das Haus herum und beschützen es. Die Einzige, die außer mir durch diesen Wald darf, ist Vulpecula, meine Gefährtin, eine alte Füchsin, die darin ihren Bau hat. Dringt ein anderer Mensch oder ein anderes Tier ein, facht der Wind die Fichten an und sie verscheuchen alles mit gefährlich knarzenden Geräuschen. Verlässt der Eindringling das Terrain nicht freiwillig, lassen die Bäume schwere, morsche Äste und dicke Fichtenzapfen auf ihn fallen. Täglich fahren immer wieder Dorfbewohner und Touristen an diesem Haus vorbei, ohne zu ahnen, was hinter seinen schlammgrauen Mauern passiert. Oder, sagen wir besser, passiert ist.
Meine Mutter sagt, sie habe es überwunden, sodass sie nicht mehr daran denken müsse und auch nicht mehr davon träume. Ich glaube ihr kein Wort. Niemand würde diese Dinge, die hier drin vor sich gegangen sind, einfach vergessen. Wenn ich sie danach frage, winkt sie ab. Dann wechselt sie das Thema, beginnt zu erzählen: von ihrer Kindheit und von dem Weißen Mann, von ihren kindlichen Fantasien. Sie erzählt Geschichten über die Schicksale der Männer, die im Jahr 1645 als Krämer umhergingen und als Hexer verraten, verfolgt, verurteilt und getötet wurden. Wenn sie von Bartlmä Oberkofler, dem Lebenfierer, von Urban Penn, dem Hackprettler, und von Matthäus Perger, dem Lauterfresser, erzählt, dann erhellt sich das Gesicht meiner Mutter. Dann ist sie nicht mehr vierhundert Jahre alt, sondern ein verliebtes junges Mädchen.
Der Frühling 2024 ist besonders kalt. Die Temperaturen in Klobenstein, diesem Örtchen am Ritten auf etwa 1.200 Meter Meereshöhe, schaffen es nicht über die zehn Grad hinaus. Ich lasse das Auto auf dem Parkplatz gegenüber dem großen, alten Haus stehen, überquere die Straße und drücke vorsichtig die Klinke des Gartentors hinunter. Das Scharnier des Tores quietscht, ich wollte es längst ölen, doch ich vergesse es immer wieder. Ein leises Rauschen geht durch den Fichtenwald, die Bäume begrüßen mich, die Füchsin huscht kurz in einiger Entfernung zwischen den Bäumen hindurch, ich kann ihren roten Schweif erkennen.
Ich trage die Einkäufe und den Suppentopf in die Küche, die gleich neben der Eingangstür liegt. Der Herd ist kalt, ich mache Feuer. Das Holz rußt, eine schwarze Schwade schlägt mir entgegen und brennt in den Augen. Bald kommt die knisternde Wärme.
Die Dielen verraten meine Schritte auf den hölzernen Stufen, die nach oben führen. Zwei leere Räume, dann kommt das Schlafzimmer meiner Mutter, in dem sie sich nun schon seit über einem Jahr die meiste Zeit aufhält. Ich betrete es leise, meine Augen müssen sich erst an die Finsternis gewöhnen. Ich erahne Mutter unter den Wolldecken, die sich auf ihrem schmalen Bett türmen. Ihr Körper bildet einen kleinen Hügel.
Ich decke sie vorsichtig auf, ihr langes weißes Haar ist sorgfältig zu einem Zopf gebunden. Der Zopf ist ihr sehr wichtig. Das Haar sei ihr letztes Kapital, sagt sie. Sie hat kein Geld mehr, und wenn sie eines Tages dann stirbt, soll ich den Zopf verkaufen und das Geld behalten. „Was für ein makabres Erbe“, sage ich dann immer. Ich werde ihr die Haare jedenfalls nicht abschneiden, sondern Mutter in ihrem Garten beerdigen, damit sie eins mit ihren Bäumen wird. Damit ist sie auch einverstanden, sagt sie, und ich bin froh, dass wir uns in diesem Punkt zumindest einig sind.
„Was hast du mir mitgebracht?“, fragt sie. Ihr Blick ist grau und schläfrig.
„Gemüsesuppe. Ich muss sie nur noch aufwärmen“, antworte ich.
„Du bist ein gutes Kind“, entgegnet sie. Ungeduld brennt in ihrer brüchigen Stimme, sie will mir unbedingt wieder eine Geschichte erzählen, das merke ich. „Wovon soll ich dir erzählen?“
„Vom Lebenfierer“, antworte ich und helfe ihr in den Rollstuhl, obwohl ich die Geschichte schon in- und auswendig kenne.
„Mein gutes Kind“, wiederholt sie und streichelt vorsichtig den weißen Zopf, zupft ein wenig an ihren Spitzen, so, als wolle sie nachsehen, ob ihr Haar vielleicht ein bisschen gewachsen ist.
„Aber erst, wenn du vorher einen Teller Suppe isst“, ergänze ich.
Sie antwortet nicht.
Ich schiebe sie bis an die Treppe, dann trage ich sie in die Küche, in der sich die Wärme des Herdes bereits ein wenig ausgebreitet hat. Ich schütte die Suppe in den gusseisernen Topf, stelle ihn aufs Feuer und rühre vorsichtig um.
*
Die Suppe ist warm, ich schenke ihr ein und sehe zu, wie sie Löffel um Löffel zu sich nimmt. Ich esse auch ein wenig davon, obwohl mir mein Mittagessen noch im Magen liegt. Ein kleines, anerkennendes Lächeln zeigt mir, dass es ihr schmeckt.
Sie isst ihre Suppe auf und legt zufrieden den Löffel neben den Teller.
Es war in Mühlbach im Pustertal, im Frühjahr 1646. Der Lebenfierer war dem Bauern Meinhard noch nie so ganz geheuer gewesen. Dennoch hatte ihn das Mitleid gepackt. Meinhard war aus der Tür herausgetreten, gegen den Rat seiner Frau Anne, um dem Vagabunden mit dem schwarzen Spitzbart einen Kanten Brot und einen Kelch Wein anzubieten.
„Hab Dank, Bauer, der Herrgott wird's dir vergelten, wenn es dann so weit ist“, sagte der Herumtreiber mit einem Grinsen und entblößte dabei seine letzten, schwarzen Zähne. „Hast nicht noch ein Gewand übrig? Oder ein gutes Holz? Ich bin Krämer, wie du weißt. Wenn du es mir schenkst, dann will ich dich in mein Nachtgebet einschließen und dich vor den Wettern verschonen. Es wird ja gleich schon wieder ein Unwetter kommen, ich spür es in den Knochen.“
„Ich biete dir meinen Wein und mein Brot, und du bettelst weiter? Dass du dich nicht schämst, Lebenfierer“, entgegnete der Bauer und wollte ihn schon wieder vom Hofe jagen.
„Was regst dich denn so auf, Bauer, du bist schließlich kein Armer. Ich muss mich da durchschlagen. Pfui, soll dich und dein Weib doch …“ Er beendete den Satz nicht, sondern nahm seinen Hut ab, der einst weiß gewesen sein musste. Sein dreckiges, spärlich von schwarzen Haaren bedecktes Haupt kam zum Vorschein. Dann lächelte er schief, ganz so, als wolle er dem Hausherrn plötzlich doch lieber schmeicheln. „Sag, Bauer, kann ich diese Nacht im Stadel bei deinem Vieh verbringen?“
„Solang du mich mit deinen Betteleien verschonst, mach's dir ruhig im Stroh bequem. Aber morgen in der Früh bist du weg, Lebenfierer, sonst komm ich mit dem Gewehr und zeig dir den Weg!“
Der Lebenfierer hob beschwichtigend die Hand, an seinen Armen klapperten allerlei selbst gemachte Schmuckstücke, die er den Menschen feilbot, sobald sie ihm über den Weg liefen. Dann verbeugte er sich vor dem Bauern und beschwichtigte: „Ist schon gut, im Morgengrauen will ich sowieso weiterziehen.“
„Dass du dich überhaupt noch hier herumtreibst“, meinte der Bauer dann, während er den Stadel öffnete. „Angezeigt hat man dich, das macht schon lang hier die Runde. Wär ich du, würde ich schnellstens das Weite suchen.“
„Ach“, winkte der Lebenfierer ab, „alles nur Gerüchte. Ich habe meinen Bruder geschickt, sich umzuhören und mir dann Bericht zu erstatten. Er hat mir gesagt, dass mein Name nicht bekannt sei. Und wo soll ich denn hin? Meine Heimat ist hier. Und nun dank ich dir, Bauer, ich werd mein Lager da hinten bei den Kälbern aufschlagen. Wenn es sie bläht, wird's fein warm drumherum.“ Der Lebenfierer lachte scheppernd und schlug dem Bauern zum Dank auf die rechte Schulter. Dann nahm er seinen löchrigen Sack, ging in den Stadel und legte sich ins Stroh.
Der Bauer verließ den Stadel, ohne ihm eine angenehme Ruhe zu wünschen. Kein Wort glaubte er ihm, was wusste dieser schon? Und was war ihm selbst überhaupt in den Sinn gekommen, den Hexenmeister auch noch bei sich aufzunehmen? Er sah sich selbst schon in der Zelle schmoren, auf den Schragen gebunden, die Fragen des Mühlbacher Gerichts mit gequältem Gesicht beantwortend. Er stellte sich vor, wie seine Frau, vom Lebenfierer der Hexerei denunziert, auf dem Scheiterhaufen lichterloh brannte.
Schon wollte er umkehren und den Lebenfierer doch noch aus dem Stadel treiben, da hörte er das leise Schnarchen. Nun, sollte er eben die Nacht hier verbringen, er würde ihn schon nicht verraten, schließlich hatte er, Meinhard, ihm ja auch Unterschlupf, Wein und Brot gegeben. Es würde schon alles gut gehen, dachte der Bauer und sah in den Himmel hinauf. Der Himmel war strahlend blau. Warum der Lebenfierer behauptet hatte, ein Unwetter zu spüren, verstand er nicht.
Später, die Nacht war schon hereingebrochen, beschloss Meinhards Frau Anne, im Stadel noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Ihr Mann war bereits schlafen gegangen, müde von der vielen Arbeit, die er tagsüber verrichtet hatte. Sie zündete die Kerze an, schlüpfte in die filzenen Schuhe und näherte sich langsam dem Stadl, wo das Vieh und der Lebenfierer die Nacht verbrachten.
Durch eine Ritze im Holztor erkannte sie das Flackern, der Lebenfierer hatte wohl eine Kerze angezündet. Er war wach, sie hörte drinnen Stimmen. Hatte dieser Lump etwa noch jemanden in den Stadel gelassen? Nein, da war nur die eine Stimme. Was brabbelte er da? Anne konnte es nicht verstehen. „Hagelschauer, alle Wetter … Himmeltore sollen sich öffnen … das Pustertal im Schlamm versenken … alles tot, Vieh und Ernte hinwegtragen …“
Anne hielt sich die Hand vor den Mund, in der Hoffnung, dass der Hexer, dem ihr Mann Unterschlupf geboten hatte, sie nicht bemerkte.
Dann rannte sie, so schnell sie konnte, ins Wohnhaus zurück und rüttelte ihren Mann. „Meinhard, wach auf! Der Lebenfierer beschwört den Teufel, auf dass unsere Ernte vom Wetter weggeschwemmt wird und all unsere Viecher sterben. Tu doch etwas!“
Meinhard rieb sich den Schlaf aus den Augen. Er stand auf, nahm wortlos sein Gewehr, und ging, gefolgt von Anne, hinaus zum Stadel. Als er das Holztor öffnete, war der Schlafplatz des Lebenfierers leer. Sie näherten sich langsam, ein Kalb sah sie angstvoll mit großen braunen Augen an und trat aus.
„Er ist weg, mach dir keine Sorgen, Anne. Der kommt nicht mehr wieder.“
„Da, was ist das?“, fragte seine Frau und hob etwas vom Boden auf. Im Schein ihrer Kerze erkannten sie ein Moosbüschel, in dem drei Nadeln steckten.
„Der will uns doch nur Angst einjagen“, entgegnete Meinhard.
„Hörst du das?“, fragte Anne nun und zog ihn am Schlafgewand in Richtung Stadeltor.
„Das war ein Donner“, rief er. „Aber heute war doch keine Wolke am Himmel zu sehen.“
Zufrieden und entkräftet legt meine Mutter ihren Kopf in den Nacken.
„Es ist so schön, darüber zu sprechen“, krächzt sie, senkt den Kopf wieder und schaut durch mich hindurch. „Und ich bin froh, dich nicht mit meinen Erzählungen zu langweilen.“
Dann schließt meine Mutter die Augen. Ihr Gesicht wird schmal, es ist fast so, als würde sie in sich zusammenfallen. Das Glühen auf ihren Wangen verschwindet, nun ist sie wieder die alte, graue Frau auf ihrem Küchenstuhl.
Ich bringe sie zurück in ihr Zimmer und lege sie ins Bett. Sie bekommt es wahrscheinlich nicht einmal mehr mit, dass ich sie zudecke. Ich setze mich noch einen Moment lang an den Rand des Bettes und lege meine Hand auf ihren weißen Kopf.
„Wenn du doch nur endlich Ruhe finden könntest“, flüstere ich leise.
„Bald, mein Kind. Bald will ich für immer schlafen“, murmelt sie.
Filippo Magnabosco wachte von seinem eigenen Stöhnen auf. Schwer atmend setzte er sich in seinem Bett auf.
Carmela Pasqualina lag neben ihm, erschrocken starrte sie ihn an.
„Filippo … amore … schon wieder ein Alpentraum?“, fragte sie und legte ihre Hand vorsichtig auf sein Herz.
„Albtraum, ja. Und immer wieder dieser verdammte Staffler. Immer wieder dieser verdammte Kopfschuss. Und so verdammt viel Blut. So sehr wie in meinen Träumen kann ein Mensch überhaupt nicht bluten.“ Magnabosco schüttelte sich. „Es ist einfach nur grausam.“
„Und der Psychologe? Was hat er gesagt?“
„Ach der … die Therapie bringt doch alles nichts. Ich brauche einfach nur Zeit.“
„Du brauchst Arbeit, Filippo. Komm zurück in die Questura, du bist jetzt schon seit einem halben Jahr weg. Wir vermissen dich dort alle. Und ich halte es nicht mehr lange aus mit Nothdurfter in einem Büro. Ich brauche dich dort.“
Magnaboscos Atem beruhigte sich langsam. Mit dem Zipfel seiner Bettdecke wischte er sich den Schweiß von der Stirn.
„Du solltest wirklich etwas tun“, beharrte Carmela. „Sonst wirst du eine zu gute Mutter für Edoardo.“
Magnabosco lächelte und küsste Carmela auf den Mund. „Ich wüsste da etwas, was ich jetzt tun könnte.“
In diesem Moment begann das leise morgendliche Geräusch seines Ziehsohns aus dem Wohnzimmer zu dringen.
„Ja“, sagte Carmela und stand auf, um nach Edoardo zu sehen. „Du solltest arbeiten“, rief sie ihm aus dem Nebenzimmer zu. „Und eine größere Wohnung suchen. Edoardo braucht ein neues Bettchen. Er wird bald zwei Jahre alt. Dein Sohn wächst, vergiss das nicht“, ergänzte sie und kam mit Edoardo auf dem Arm zurück. Dann setzte sie ihn neben Magnabosco.
„Ich meinte eigentlich etwas ganz anderes, mein Schatz“, entgegnete er und kramte in seiner Nachttischschublade.
Sein Herz pochte vor Aufregung, als er sogleich die graue Schatulle vor Carmelas Augen öffnete. Dann versuchte er etwas zu sagen, doch Carmela, die ihm seit dem ersten Fall vor einigen Jahren als Assistentin zur Seite gestellt worden war und inzwischen seine Lebensgefährtin war, kreischte spitz auf, lachte, weinte und küsste ihn gleichzeitig.
„Sì, sì und noch mal sì, Filippo. Ja, Capo, ich will unbedingt!“, rief sie überglücklich.
Auch Magnabosco schossen die Tränen in die Augen.
„Sag nicht immer Capo zu mir“, presste er heraus.
„Ist gut, Capo“, lachte Carmela und schloss ihn in die Arme, wobei sie nicht auf Edoardo achtete.
Edoardo, der die Aufregung seiner Ziehmutter nicht verstand und durch ihre überschwängliche Reaktion schier erdrückt wurde, versuchte, aus dem Bett zu krabbeln. Als es ihm nicht gelang, begann er zu weinen.
Magnabosco nahm ihn auf den Schoß und redete lachend auf ihn ein. „Nein, ist doch nicht schlimm, Edo, ist ja alles gut. Wir wollen doch nur heiraten. Heiraten und eine Familie sein. Du, du, du … alles gut, Edo. Sch, sch, sch …“
„Und wann?“, schniefte Carmela.
„Na ja, ich dachte, recht bald. Ich habe mit einem Pfarrer in Klobenstein am Ritten telefoniert, den kenne ich noch aus meiner Kindheit. Er hat am Samstag in drei Wochen Zeit.“
Wieder kreischte Carmela auf, dieses Mal allerdings etwas weniger freudig. „Am Samstag? Und was ist mit der famiglia? Wie sollen wir das schaffen, Filippo? Wir müssen alle einladen! So viele Hotels, wie ich cugini habe, gibt es in ganz Alto Adige nicht!“
„Carmela, Schatz … deine Cousinen und Cousins? Ich dachte, wir heiraten hier im kleinen Kreis. Du, ich, Edoardo und Nonna Maria. Und unsere Trauzeugen natürlich. Und dann besuchen wir deine Familie im Sommer und geben unten ein rauschendes Fest. Mit allem Drum und Dran, versprochen.“
„Also heiraten wir zweimal?“, fragte Carmela.
Magnabosco war erleichtert. Er hatte damit gerechnet, dass Carmela ihr Jawort sofort wieder zurücknehmen würde.
„Ja“, sagte er und nahm sie in den Arm. „Wir heiraten sozusagen zweimal. Doppelt hält besser.“
*
Magnabosco betrat noch am selben Nachmittag das Büro des Polizeipsychologen. Anstelle des Herrn, der ihn seit Monaten betreute, saß an dem Schreibtisch eine Frau. Magnabosco erkannte sie wieder, es war Frau Reinstadler, deren Bekanntschaft er vor über einem Jahr im Altersheim in Dorf Tirol gemacht hatte, als er den Altlehrer Peter Schlosser befragen musste und dieser ein falsches Geständnis ablegte.
„Frau Reinstadler? Sie hier? Was ist mit Herrn Mair?“, fragte er überrascht.
„Ich vertrete ihn bis auf Weiteres. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass wir uns noch einmal in diesem Fall über den Weg laufen?“
„Nein, überhaupt nicht“, antwortete Magnabosco und konnte eine gewisse Freude nicht unterdrücken. Schon beim ersten Treffen war ihm die hübsche Psychologin, die beim Lächeln ihre Nase leicht kräuselte, sympathisch gewesen.
„Gut, das freut mich. Setzen Sie sich doch bitte.“
Magnabosco nahm auf dem Stuhl Platz, auf den Frau Reinstadler gedeutet hatte. Nun wich die anfängliche Freude einer Verlegenheit; er war nicht darauf vorbereitet gewesen, sein Trauma erneut erzählen zu müssen.
Frau Reinstadler begann die Beratungsstunde behutsam. „Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, so eine Situation zu verarbeiten. Wie geht es Ihnen?“
Magnabosco zuckte mit den Schultern. „Mal besser, mal schlechter. Es gibt Tage, da denke ich nicht einmal mehr an das, was oben in Schenna passiert ist. Und dann – zack! – kommen nachts die Albträume.“
„Würden Sie mir vielleicht einfach noch einmal erzählen, was genau vorgefallen ist?“
Mit wenigen Worten schilderte Magnabosco, was ihm widerfahren war. Nun war es ihm doch fast peinlich, dieser Frau seine furchtbaren Erfahrungen schildern zu müssen.
„Was ist damals passiert?“
„An dem Tag, als ich Staffler erschossen habe?“
„An dem Tag, an dem Sie Staffler erschießen mussten.“
„Wir hatten beschlossen, unsere Kronzeugin in die Festnahme einzubinden. Stafflers Exfreundin, Natascha Delmonego. Wir sind im Hintergrund geblieben und mussten eingreifen. Er hatte dann sowohl sie als auch meine Assistentin in seiner Gewalt.“
„Ihre Assistentin ist Carmela Pasqualina, richtig? Und sie ist auch Ihre Lebensgefährtin“, sagte Reinstadler.
„Woher wissen Sie das?“
„Ihre Liebe ist schwer zu übersehen, Herr Magnabosco.“
„Wir werden in drei Wochen heiraten“, gab er sich nun offener. Dann bemerkte er, dass seine Augen feucht wurden.
„Das freut mich sehr. Sie sind ein schönes Paar und ein gutes Team, Sie und Frau Pasqualina. Sie haben auch einen Sohn, soweit ich weiß?“
„Ja, das ist eine eher komplizierte Geschichte. Eigentlich ist er weder ihr Sohn noch mein Sohn. Meine Exfreundin hat ihn mir eines Nachts vor die Tür gelegt, weil sie sich nicht in der Lage sah, sich um ihn zu kümmern. Jetzt ist sie immerhin seine Patentante.“
„Sind Sie mit Ihrer familiären Situation trotzdem zufrieden?“
„Carmela, Edoardo und ich sind sehr glücklich, ja. Auch wenn unsere Familie ein bisschen unkonventionell ist. Außerdem lebt Carmelas Oma seit einer Weile bei uns. Wenn Sie wüssten, wie gut die kochen kann!“
Frau Reinstadler lachte auf und kräuselte dabei wieder ihre Nase. „Egal, in welcher Konstellation man lebt, Herr Magnabosco, wichtig ist, dass sie funktioniert und es damit allen gut geht.“
„Das tut es.“
„Sagen Sie, als Staffler die Kronzeugin und Ihre Partnerin in seiner Gewalt hatte, was ist Ihnen da zuallererst in den Sinn gekommen?“
Magnabosco dachte nach. Er wusste es nicht mehr. „Ich habe überlegt, wie ich ihn von den beiden Frauen wegbekomme. So, wie man es eben in der Polizeischule lernt.“
„Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie an Ihre Bücher und Seminare gedacht haben, während der Mann Carmela eine Waffe an den Kopf hielt.“
„Nein“, brummte Magnabosco. „Wahrscheinlich eher nicht.“
Er vergrub den Kopf in seinen Händen.
„Carmela und Edoardo“, murmelte er.
„Sagen Sie es noch einmal, ich habe Sie nicht verstanden“, bat die Psychologin ihn freundlich.
„Carmela und Edoardo. Meine Familie. An sie habe ich zuerst gedacht.“
„Und damit haben Sie genau das Richtige getan. Sie dachten an die beiden Menschen, die Sie lieben.“
„Ich hätte Staffler dazu bringen müssen aufzugeben. Stattdessen habe ich ihm in den Kopf geschossen. Ich hätte wissen müssen, wie man mit ihm redet. Aber dazu war ich nicht fähig.“
„Welchen Verbrechens wurde Staffler beschuldigt?“
„Er hat eine Frau getötet. Er hat ihr mit der Axt den Schädel eingeschlagen und sie dann in Stücke gehackt. Und er hat einen alten Schulkameraden in seine Gewalt gebracht. Zum Schluss hat er ihn mit dem Kopf gegen eine Wand in der Burgruine Maultasch geschleudert, ihm den Schädel gebrochen und ihn dann dort erfrieren lassen.“
„Denken Sie, dass ein Mensch mit diesem Gewaltpotenzial noch lange gezögert hätte, Ihre Partnerin und die Kronzeugin zu erschießen?“
„Mit den richtigen Worten vielleicht schon.“ Magnabosco zweifelte. „Ich weiß es nicht.“
