TEUFELSJÄGER 036: Böse Geister spuken besser - W. A. Hary - E-Book
Beschreibung

TEUFELSJÄGER 036: Böse Geister spuken besser - A. Hary: "…vor allem in der Sphäre des Bösen!"  Mark Tate ist ein tausendfach Wiedergebo­rener. Also gibt es hier und heute mehr als nur einen direkten Nachfahr von ihm. Einen ganz besonders: Dr. Toy Fong! Weil Mark Ta­te zur Zeit in der jenseitigen Sphäre ORAN verschollen ist, erfuhr er von seiner beson­deren Bestimmung, Mark Tate vorüberge­hend auf Erden zu vertreten. Das tut er im vorliegenden Roman erneut. Macht euch auf einiges gefasst!   Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate und seine Freunde. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt! Auch jede Druckausgabe ist jederzeit nachbestellbar.   eBooks – sozusagen direkt von der Quelle, nämlich vom Erfinder des eBooks!   HARY-PRODUCTION.de brachte nämlich bereits im August 1986 die ersten eBooks auf den Markt – auf Diskette. Damals hat alles begonnen – ausgerechnet mit STAR GATE, der ursprünglichen Originalserie, wie es sie inzwischen auch als Hörbuchserie gibt.   Nähere Angaben zum Autor siehe Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._Hary

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:127


W. A. Hary

TEUFELSJÄGER 036: Böse Geister spuken besser

"…vor allem in der Sphäre des Bösen!"

Nähere Angaben zum Autor siehe Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_A._HaryBookRix GmbH & Co. KG80331 München

Wichtiger Hinweis

Diese Serie erschien bei Kelter im Jahr 2002 in 20 Bänden und dreht sich rund um Teufelsjäger Mark Tate. Seit Band 21 wird sie hier nahtlos fortgesetzt! Jeder Band (siehe Druckausgaben hier: http://www.hary.li/mtliste001.htm ) ist jederzeit nachbestellbar.

 

TEUFELSJÄGER 036

Böse Geister spuken besser

von W. A. Hary

Mark Tate ist ein tausendfach Wiedergebo­rener. Also gibt es hier und heute mehr als nur einen direkten Nachfahr von ihm. Einen ganz besonders: Dr. Toy Fong! Weil Mark Ta­te zur Zeit in der jenseitigen Sphäre ORAN verschollen ist, erfuhr er von seiner beson­deren Bestimmung, Mark Tate vorüberge­hend auf Erden zu vertreten. Das tut er im vorliegenden Roman erneut. Macht euch auf einiges gefasst!

Euer W. A. Hary

Impressum

Alleinige Urheberrechte an der Serie: Wilfried A. Hary

Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by www.hary-production.de

ISSN 1614-3329

Copyright dieser Fassung 2015 by www.HARY-PRODUCTION.de

Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken

Telefon: 06332-481150

www.HaryPro.de

eMail: wah@HaryPro.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.

Coverhintergrund: Anistasius

Lektorat: David Geiger

1

»Guten Tag!« sagte der freund­liche Herr und lüftete seinen Hut.

Toy Fong blinzelte verwirrt. Unter dem Hut zeigte sich kein Haarschopf, sondern ein großes, dunkel gähnendes Loch!

Ehe Toy Fong den Anblick ver­arbeiten konnte, wurde das Loch wieder bedeckt.

»Sie sind doch Dr. Fong, nicht wahr?«

Toy Fong vermochte nur zu ni­cken.

Er blickte in das Gesicht des freundlichen Herrn. Es kam ihm unbekannt vor und doch er­schienen ihm die Züge vertraut. Als würde er jemandem ähneln, den er sehr gut kannte.

Im nächsten Moment verschwand dieser Eindruck.

Alles in Toy Fong begehrte auf.

»Wer sind Sie denn?« fragte er grob.

Der Herr verlor nicht seine Freundlichkeit.

»Nur ein Bote. Ich soll Sie zu einem Mann begleiten, der gern Ihre Bekanntschaft machen möchte.«

»Und wer soll das sein?«

Toy Fong kam die eigene Frage albern vor.

Der Fremde lächelte unver­bindlich.

»Ihre Schwarze Eminenz!«

Toy Fong gewann seine Selbst­beherrschung zurück.

»Keinen Namen?«

»Nein, Ihre Schwarze Eminenz hat keinen.« Der Fremde lachte leise.

In Toy Fongs Ohren klang es hämisch.

»Dann richten Sie ihm aus, ich sei bereit. Ich warte hier im Hotel auf ihn.«

Der Fremde schüttelte den Kopf. »Das geht leider nicht. Er besteht darauf, Sie sofort zu se­hen. Und Sie müssen sich zu ihm bemühen. Er selbst ist leider verhindert.«

Toy Fong überlegte kurz. Er blickte zum Fenster der Hotel­halle. Strahlender Sonnen­schein. Mittagszeit. Die ganze Sache kam ihm reichlich merkwürdig vor.

»Also gut!« entschied er.

Der Fremde wandte sich ab. Gemeinsam traten sie auf die hitzeflimmernde Straße hinaus.

Für diese Jahreszeit war es wirklich ungewöhnlich warm. Am Abend zuvor war er erst in Pensing eingetroffen. Viel hatte er von dem kleinen Ort noch nicht gesehen, doch das wenige hatte genügt, in ihm eine eigenartige Atmosphäre zu erzeugen.

Er war fremd hier, hatte Pensing noch nie zuvor besucht. Außer ihm gab es keine Touristen hier. Trotzdem achtete niemand auf das fremde Gesicht. Man ignorierte ihn und die Leute im Hotel befleißigten sich einer Un­verbindlichkeit, die schon fast an Unhöflichkeit grenzte.

Ich bin gespannt auf die Schwarze Eminenz, dachte Toy Fong. Dabei war ihm einen Moment lang, als besäße sein Führer statt Hände Fischflossen.

*

Auf der Straße herrschte kaum Betrieb. Die alten Häuser waren mit roten Ziegelsteinen erbaut. Ein klappriges Auto passierte Toy Fong. Er wandte den Kopf.

Kein Fahrer!

Aber dann musste er sich be­richtigen. Das vom Seitenfenster reflektierte Sonnen­licht hatte ihn wohl geblendet.

Das Hotel blieb hinter ihnen zurück.

Kein einziges Mal blickte sich der Fremde um. Er vergewisserte sich nicht, ob ihm Toy folgte. Of­fenbar war er seiner Sache sicher.

Toy musste seine Schritte beschleunigen, damit sich der Abstand nicht vergrößerte.

Ärger stieg in ihm empor, Ärger über den Fremden, über die seltsame Kleinstadt mit ihren noch seltsameren Bürgern, über sich selbst... Was war nur mit ihm los?

Die Straße vollführte eine Bie­gung nach rechts. Die Häuser wi­chen noch weiter von der Fahr­bahn zurück. Die Vorgärten ge­wannen an Raum, wurden schmucker, bunter.

In der Kurve verließ der Fremde den Bürgersteig. Toy Fong blieb nichts anderes übrig, als ihm nachzulaufen. So sehr er sich bemühte, es gelang ihm nicht, an die Seite des Fremden zu kommen.

Sie traten auf die Fahrbahn­mitte.

Die Hitze wurde unerträglich, schnürte Toy Fong die Luft ab. Er griff sich an den Kragen, hakte die Finger ein. Es nutzte nichts. Sein Schritt wurde taumelnd. Er öffnete den obersten Kragenknopf und zerrte den Schlips auf.

Der Rücken des Fremden war ein dunkles Viereck, das rhyth­misch auf und ab ging.

Für nichts anderes hatte Toy Fong mehr Augen.

Motorgeräusch, das sich rasch näherte. Ein durchdringendes Hupen.

Toy Fong reagierte in keiner Weise. Er stierte mit brennenden Augen auf diesen Rücken, der immer größer zu werden schien.

Gellendes Lachen peinigte sei­ne Ohren, quietschende Reifen. Ein Schatten raste auf ihn zu.

Toy Fong taumelte weiter. Sein Atem ging keuchend. Schweiß perlte heiß auf seiner Stirn.

Staub geriet in seine Kehle. Er hustete, fasste sich an den Hals, verhielt den Schritt.

Der Rücken tanzte immer noch auf und ab, ohne sich je­doch von ihm zu entfernen.

Abermals das gellende Lachen, das Toy durch und durch ging. Wie eine Sturmflut überrollte es ihn.

Toy Fong verlor den Halt. Er schaffte es einfach nicht mehr, aufrecht stehen zu bleiben.

Erst sank er auf die Knie. Dumpfer Schmerz.

Rufende Stimmen erreichten ihn. Er achtete nicht darauf.

Ohne sich mit den Händen abzufangen, kippte er vornüber. Etwas schnürte ihm die Kehle zu.

Staub wirbelte auf, vernebelte ihm die Sicht.

Sein Verstand wurde wieder etwas klarer, befreite sich ein wenig von dem Druck, der auf ihm lastete.

Da war keine Straße mehr. Glühender Wind strich über ihn hinweg, trieb nadelfeine Staub­körner vor sich her, die ihm in Augen, Mund und Nase drangen, ihn erneut husten ließen.

Der Rücken war noch da. Keine Beine.

Kein Kopf, nur ein dunkles Viereck, das sich nun hin und her bog, dabei anscheinend jenes furchtbare Lachen produzierend.

Plötzlich das Gesicht des Fremden, vor ihm. Jetzt wusste Toy Fong, warum es ihm so be­kannt vorgekommen war.

Es war eine Karikatur seiner selbst!

Der Fremde lüftete freundlich seinen Hut und das dadurch ent­stehende pechschwarze Loch verschlang Toy Fong wie ein hungriges Monster.

Toy Fong wollte schreien. Doch es war zu spät. Die Sinne schwanden ihm. Er wurde eins mit dem Nichts.

2

Ein Flüstern. Ganz leise ein Name.

Etwas lauter wurde die Stimme, deutlicher: »Toy Fong!«

Er wollte antworten, merkte jetzt erst, dass er über keinen Körper mehr verfügte!

Panik nahm von ihm Besitz, doch vermochte er nicht einmal mehr zu schreien.

»Toy Fong!«

Es war jetzt genau hinter ihm, schwebte um ihn herum.

Eine diffuse Gestalt. Die Kon­turen schälten sich langsam aus der Schwärze.

»Habe keine Furcht, Toy, es ist alles gut!«

Alles gut? Er wollte auf begeh­ren.

»Gib dir keine Mühe, Toy, ich verstehe dich, auch wenn du die Worte nur denkst.«

»Was ist geschehen?« fragte Toy Fong.

»Ich weiß es nicht, aber der Kontakt kam zustande. Was hast du erlebt? Wo befindest du dich?«

»Ich - ich weiß es nicht!« Vergeblich marterte Toy sein Ge­hirn.

»Bist du nach Pensing ge­reist?«

»Ja - ich glaube, ja!«

»Du weißt nicht, warum ich dieses Ansinnen hatte?«

»Nein, du erschienst mir nur ganz kurz.«

Aufatmen.

»Es ist gut, dass du mich er­kennst!«

»Ja, du bist mein Urvorfahr, den man damals schon Toy Fong nannte. Er heiratete. Seine Frau wurde schwanger und starb spä­ter..., um inzwischen viele Male wiedergeboren zu werden. Ihr Geist wanderte von Körper zu Körper - weibliche und männliche -, was er vorher auch schon getan hatte, Jahrtausende lang. Und hier und heute ist es... der Geist von TEUFELSJÄGER MARK TA­TE! Aber auch du: Ein ruheloser Geist, der nur mit mir Kontakt aufzunehmen vermag und auch das nicht immer, weil es Gesetzen unterworfen ist, die ein Mensch nie begreift. Was willst du von mir?«

»Mark Tate ist nach wie vor verschollen im jenseitigen Land ORAN und ich... spüre die Anwesenheit einer bösen Macht. Im Augenblick kommt sie nicht an dich heran, doch vermag ich sie nicht sehr lange zurück zu drängen. Du musst dich selber dagegen wehren. Setze deine ma­gischen Kräfte ein, die ich dir vererbte - und handele als wahrer Erbe von Mark Tate in seinem Namen und während seiner Abwesenheit!«

»Ich will es versuchen. Aber warum hast du mich nach Pensing gehen lassen?«

»Ein Verdacht. Dort, wo ich mich befinde, gelingt mir oftmals der einseitige Kontakt mit dem Diesseits. Das weißt du. Ich emp­fing Bilder, Stimmen, Geräusche. Szenen des Grauens. Es gelang mir nicht, sie zeitlich und räum­lich einzuordnen. Aber von Pensing geht etwas aus. Es könnte damit zu tun haben.«

»Sage mir mehr!« forderte Toy Fong.

»Dann sehe, was ich sah!«

Toy Fong befand sich plötzlich an einem anderen Ort. Die Nach­mittagssonne strahlte hell, aber nicht so heiß. Eine junge Frau mit einem Kind, einem kleinen Mädchen. Sie gingen Hand in Hand spazieren, kamen an ein weites Blumenfeld...

*

»Sieh mal, Tante Martha, die herrlichen Blumen!« rief Katy Reynolds mit ihrer hellen Stimme.

Martha Hendrix nickte lä­chelnd. »Ja, Katy, sie sind herr­lich.«

»Sollen wir einen schönen Strauß pflücken für Onkel Tom?«

Martha Hendrix betrachtete die achtjährige Tochter ihrer Schwester. Dann blickte sie stirn­runzelnd zum Himmel. Am Hori­zont ballten sich Wolken zu­sammen. Zog ein Unwetter auf? Laut Wetterbericht müsste es eigentlich schön bleiben. Aber konnte man sich darauf immer verlassen?

Sie zuckte die Achseln. »In Ordnung, warum nicht? Aber wir beeilen uns lieber.«

Ein Blick zum nahen Wald­rand. Die Bäume standen dicht und dunkel, bedeckten eine weite Fläche, bis über den Hügel hin­aus, dessen relativ steilen Hänge zu einer Höhe von dreihundert Yards stiegen. »Und bleibe stets in meiner Nähe, hörst du?« fügte Martha Hendrix hinzu.

Katy folgte der Richtung ihres Blicks und fragte ungezwungen: »Was ist mit dem Hügel?«

Martha schüttelte heftig den Kopf. »Nichts, Kleines, überhaupt nichts!«

Katy beobachtete sie misstraui­sch. Sie war mit der aus­weichenden Antwort nicht zu­frieden, sagte aber nichts mehr.

»Hey!« rief sie aus und sprang mit zwei Füßen auf die Wiese.

»Vorsicht!« rief Martha la­chend. »Du zertrampelst mehr als du pflücken kannst.«

Sie ging ebenfalls auf das bun­te Feld und bückte sich.

Nur die schönsten Blumen pflückte sie.

Anfangs behielt sie Katy stän­dig im Auge. Dann wurde sie sorgloser. Katy wich nicht von ih­rer Seite.

Und dann kam der Zeitpunkt, an dem Martha Hendrix einen schönen Strauß gepflückt hatte.

Sie richtete sich ächzend auf. Ihr Rücken schmerzte leicht.

Martha blickte zur Seite.

Ein paar abgepflückte Blumen lagen verstreut umher. Niederge­tretene Pflanzen deuteten eine Spur an, die schnurstracks zum Waldrand führte.

Und Katy Reynolds war nicht mehr da!

Gleichzeitig mit dieser Er­kenntnis zuckte ein Blitz nieder.

Martha warf den Kopf in den Nacken. Eine dunkle Wolke hatte sich über den Hügel geschoben. Ja, sie hing genau über dem Hügel. Ringsum war der Himmel strahlend blau.

»Katy!« schrie Martha entsetzt.

Wie hatte sie übersehen können, dass sich die Kleine von ihr entfernte? Wie viel Zeit war eigentlich inzwischen vergangen?

Sie schaute auf die Uhr. Aber die stand schon seit zwei Stunden.

»Katy!« schrie Martha Hendrix erneut. Ihr Herz pochte wie ra­send.

Sie war ganz sicher, dass der Kleinen etwas Furchtbares zuge­stoßen war.

Sie ballte ihre zierlichen Hände zu Fäusten, drückte sie gegen ihren bebenden Busen.

»Katy!« Diesmal war es nur noch ein ohnmächtiges Stöhnen.

Ein paar Tränen schwammen in ihren Augen, lösten sich, kullerten über die schreckensblei­chen Wangen.

Sie hatte Angst vor dem Wald­rand. Und dennoch folgte sie der Spur des Kindes.

»Katy!« Noch immer blieb die Antwort aus.

Martha erreichte den Wald, zögerte einen Moment. Die Bäu­me wirkten irgendwie drohend.

Eine Windböe erfasste ihre Wipfel, schüttelte sie.

Ein verdorrtes Blatt schwebte zur Erde - langsam, fast zögernd, als würde es von Geisterhand ge­tragen.

Martha schluchzte verzweifelt und warf sich der Mauer aus Bäumen entgegen. Sie kämpfte sich durch zähes Dickicht, das an ihren Kleidern zerrte, sie zu zer­reißen drohte.

Düsterheit umgab sie. Nur wenige verirrte Sonnenstrahlen fanden ihren Weg durch das dichte Blätterdach.

Ein zweiter Blitz, dem ein ur­weltliches Donnergrollen folgte.

Erschrocken zuckte Martha Hendrix zusammen. Die Erde erbebte.

Martha lief weiter.

Eine Waldlichtung. Brenn­nesseln, Ginsterbüsche, bi­zarre Hecken, mit dünnen Ver­ästelungen wie ein Gespinst aus mageren Fingerknochen.

Hier wäre das Licht stärker, aber die drohende Wolke verhinderte es.

Im Irrlichtern weiterer Blitze erkannte Martha eine schmale Gestalt inmitten der Lichtung, ein kleines, weißes Gesicht mit großen, runden Augen.

»Katy!« Martha stand stock­steif, wagte es gar nicht, sich zu nähern.

»Katy!«

Noch immer keine Reaktion. Die Augen schauten sie bewe­gungslos an.

Langsam taumelte Martha Hendrix näher.

»Mein Gott, was ist mit dir?«

Der Himmel verdunkelte sich noch mehr. Die Schatten der Bäume verschlangen die schmale Gestalt.

Martha Hendrix war heran. Ih­re Hände griffen vor.

Dornen drangen in ihr Fleisch. Sie schrie auf, zog die Hände zu­rück.

Blau zuckte das Licht des Himmelsfeuers auf sie herab.

Nur ein Dornenbusch und kein achtjähriges Mädchen!

Martha Hendrix heulte. Sie fühlte sich wie in einem schreckli­chen, nicht mehr enden wollenden Alptraum.

»Tante Martha!«

Eine helle Stimme in ihrem Rücken.

Sie wirbelte herum.

Jemand lief auf sie zu.

»Katy!«

Und diesmal wurde der Ruf er­widert!

»Oh, Tante Martha, wie ist es hier so unheimlich!«

Die Kleine flog in ihre Arme. Martha drückte sie ganz fest. Der Körper des Mädchens fühlte sich eiskalt an.

»Frierst du denn nicht?«

»Doch!«

»Aber warum hast du dich von mir entfernt? Ich habe es gar nicht bemerkt.«

»Ach, ich musste mal, Tante Martha.«

»Ich rief die ganze Zeit nach dir!« sagte Martha Hendrix vor­wurfsvoll.

Die Kleine drückte sie von sich. Ihre Wangen waren vor Eifer gerötet.

»Ich - ich habe nichts gehört. Wirklich, Tante Martha.« Sie schöpfte tief Atem. »Tante Martha, ich habe etwas entdeckt. Es ist nicht weit von hier.«

Mit dem ausgestreckten Arm deutete sie in eine Richtung. »Das muss ich dir zeigen!«

Und schon riss sie sich los und rannte davon.

»Bleib hier!« Martha erschrak zutiefst. »Sofort kommst du zu­rück!«

Die Achtjährige hörte nicht, verließ die Lichtung.

Martha Hendrix blieb nichts anderes übrig, als hinterher zu ei­len, wollte sie die Kleine nicht ganz aus den Augen verlieren.

Deutlich hörte sie das Knacken im Unterholz. Die Acht­jährige selber war bald nicht mehr zu sehen, so sehr sich Mar­tha Hendrix auch bemühte.

Immer wieder rief sie den Namen des Mädchens. Aber Katy Reynolds ließ sich nicht beirren.

Und dann stellte Martha fest, dass es hügelan ging.

Wohin wollte sie Katy Reynolds führen?

Etwas schimmerte durch Äste und Blätter hindurch. Es war rund, ballgroß.

Martha Hendrix verhielt im Schritt. Ein eigenartiges Gefühl beschlich sie.

Plötzlich zuckten Blitze nieder. Mehrere gleichzeitig, alles taghell erleuchtend.

Wind packte die Bäume, rüttelte sie.

Ein ballartiges Ding fiel vom Ast.

Ein gellender Schrei entrang sich der Kehle der jungen Frau. Der Wind blies ihr kalt ins Gesicht, wie der Atem eines To­ten, spielte mit den langen, dun­kelblonden Haaren, ließ sie flattern.

Das ballartige Ding entpuppte sich als Gesicht, ein wahres Voll­mondgesicht.

Schrecklich daran war, dass der Körper fehlte. Als hätte je­mand eine Maske an den Baum gehängt.

Doch die Augen lebten. Sie blickten hin und her, blieben schließlich an Martha Hendrix hängen. Der Mund öffnete sich, aus dem glucksendes Lachen drang.

Das Gesicht hing nicht an dem Baum. Es schwebte frei in der Luft, sank jetzt langsam tiefer, als wollte es Martha Hendrix näher betrachten.

Der Schrei von ihren Lippen hallte schaurig wider, riss ab.

Martha war unfähig, sich von der Stelle zu rühren.

Wie aus weiter Ferne hörte sie das Knacken im Unterholz: Katy Reynolds, die sich immer weiter von ihr entfernte.

Zu keinem Laut war Martha mehr in der Lage.

Das Gesicht blieb in der Luft hängen, rührte sich nicht.

Dann begann es zu wackeln, flatterte davon wie ein Geistervo­gel, gewann an Höhe, bahnte sich geschickt einen Weg durch Äste und Zweige hindurch, folgte dem Knacken im Unterholz.

Martha überwand ihre Erstar­rung. »Katy!« brüllte sie aus Leibeskräften. Sie hatte schreckli­che Angst vor dem unheimlichen Gesicht. Aber noch mehr sorgte sie sich um die Achtjährige.

Das Gesicht zeigte ihr als heller Fleck im dunklen Dickicht den Weg.

Martha Hendrix achtete nicht darauf, dass sie sich an Dornen Gesicht und Hände zerkratzte. Sie hetzte weiter vorwärts, immer höher den Hügel hinauf, nur von dem einen Gedanken beseelt, Ka­ty aus dieser entsetzlichen Umge­bung zu befreien.

Plötzlich war das Knacken im Unterholz wie abgeschnitten. Nichts war mehr zu hören.

Keuchend blieb Martha Hendrix stehen, um sich neu zu orientieren.

Etwas Großes, Nasses klatsch­te ihr ins Antlitz und zersprang.

Abermals schrie Martha Hendrix.

Schon wieder fiel ein Etwas vom Himmel, verfehlte sie diesmal allerdings.

Das war Wasser. Unglaublich dicke Tropfen, wie Tennisbälle, die am Boden mit einem Ton zer­platzen, das wie Lachen klang.

Donnergrollen erschütterte die Erde. Ein Unwetter bahnte sich an, wie es Martha Hendrix noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.

Und sie steckte mittendrin!

»Katy!« schluchzte sie.

Auf einmal wurde ihr bewusst, wie unsinnig sie sich verhielt. Was war mit der Achtjährigen los? Hatte sie eine unheimliche Macht bereits in den Klauen und wollte jetzt auch sie, Martha, in die Falle locken?

Sie versuchte, sich zu orientieren.