The Affiliate - K. A. Linde - E-Book

The Affiliate E-Book

K. A. Linde

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Beschreibung

Aus der Feder der New York Times-Bestsellerautorin entspringt ein mitreißendes romantisches Fantasy-Abenteuer über ein Mädchen, das Magie in einem Land entdeckt, in dem sie nicht existieren dürfte – und sich dabei zwischen der Liebe des Königs und des Prinzen verliert. "Perfekt für Fans von Sarah J. Maas", schwärmt die NYT-Bestsellerautorin Susan Dennard. Am Tag ihrer feierlichen Vorstellung vor dem gesamten Hof von Byern erfüllt sich für die siebzehnjährige Cyrene Strohm ein Lebenstraum: Sie wird in eine der angesehensten Positionen ihres Heimatlandes berufen – zur Gefährtin der Königin. Doch der Glanz ihres Erfolges beginnt zu bröckeln, als Cyrene ein geheimnisvolles Schreiben und ein unentzifferbares Buch erhält. Plötzlich gerät ihre Welt aus den Fugen, und sie findet sich in einem Netz aus gefährlicher Intrige und tödlicher Magie wieder. Ihre Lage wird umso brisanter, als sie Gefühle für den einzigen Mann entwickelt, den sie niemals lieben darf: König Edric selbst. Cyrene muss sich entscheiden, ob die Liebe den Preis der Freiheit wert ist.

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MOBI

Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2025

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The Affiliate
Impressum
AUSSPRACHEHILFE
Danksagung
Über die Autorin
AUCH VON K.A. LINDE

K.A. Linde

The Affiliate

Ascension-Reihe

(Band 1)

Übersetzt von Sandy Brandt

Impressum

The Affiliate

(Ascension Reihe)

Copyright © 2015. THE AFFILIATE by K.A. Linde

The moral rights of the author have been asserted

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

“The Affiliate (Ascension Book 1)”

Vermittelt durch: Brower Literary & Management, Inc.,

13720 Old St. Augustine Rd., Ste 8-512, Jacksonville, FL 32258, USA

Copyright der deutschen Ausgabe © 2025 The Affiliate

by VAJOSH Verlag GmbH

Druck und Verarbeitung:

FINIDR, s.r.o.

Lípová 1965  

737 01 Český Těšín

Czech republic

Übersetzung: Sandy Brandt

Korrektorat: Désirée Kläschen und Susann Chemnitzer

Umschlaggestaltung: Stefanie Saw

Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz

VAJOSH Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH

Für Brittany und Shea,

die sich von Anfang an für dieses Buch

eingesetzt haben.

AUSSPRACHEHILFE

Ahlvie Gunn: Al-vee Gun

Aralyn Strohm: Air-uh-lin Strahm

Basille Selby: Bah-seal Sel-bee

Braj: Brahj

Byern: By-urn

Caro Barca: Car-o Bars-uh

Cyrene Strohm: Sah-reen Strahm

Daufina Birket (Gefährtin): Daw-feen-uh Bur-ket

Edric Dremylon (König): Edge-rick Drem-lin

Elea Strohm: El-ya Strahm

Eleysia: El-a-see-uh

Emporia: Em-por-ee-uh

Eren: Air-en

Haille Mardas: Hayl Mar-dus

Indres: In-Dress

Jardana: Jar-don-uh

Jestre Farranay: Jest-ray Fair-uh-nay

Kael Dremylon (Prinz): Kayl Drem-lin

Kaliana Dremylon (Königin): Kal-ee-ah-nuh Drem-lin

Keylani-Fluss: Key-lahn-ee

Krisana (Schloss Albion): Kris-on-uh

Leif: leef

Maelia Dallmer: May-lee-uh Dal-Mer

Nit Decus (Schloss Byern): Nit Dake-us

Reeve Strohm: Reev Strahm

Rhea Gramm: Ray Gram

Serafina (Domna): Ser-uh-feen-uh

Viktor Dremylon: Vick-ter Drem-lin

»Lass sie rein.« König Maltrier holte zitternd Luft und hustete anschließend eine Minute lang rau.

»Seid Ihr Euch sicher, Eure Majestät?«, fragte sein langjähriger Diener. Er hatte die gleiche unnachgiebige Haltung wie immer, aber er klang ernster als je zuvor, als ob er den König so dazu bringen könnte, nicht zu sterben.

»Hol sie, Solmis. Sofort.«

Solmis schritt müde durch den abgedunkelten Raum. Er riss die verwitterte Tür zum Schlafgemach des Königs auf und sprach zu den beiden Männern, die dort Wache hielten: »Holt die Jungen. Der König möchte mit ihnen sprechen.«

Ein Wachmann schlug die rechte Faust zum förmlichen Byern-Gruß auf die linke Seite seiner Brust und ging dann in die Außenkammer. Einen Moment später kehrte er mit zwei Jungen mit demselben dunklen Haar und den blaugrauen Augen zurück, die sie als Dremylons Erben kennzeichneten.

»Hier entlang, Jungs«, sagte Solmis. Er war einer der wenigen, die es sich erlauben konnten, die Prinzen Jungs zu nennen.

»Vielen Dank, Solmis«, sagte Edric, der Kronprinz, mit einem Lächeln und der Zuversicht eines Menschen, dem es nie an etwas fehlte.

Der Zweitgeborene, Kael, drängte sich an den beiden vorbei und ahmte den Schritt seines Bruders nach. Sein Gesicht war von einem finsteren Blick gezeichnet. Ein Teil seines jugendlichen Überschwangs war bereits aus ihm gewichen und an seine Stelle war Zynismus getreten, weil er seine Mutter zu früh verloren und einen kranken Vater hatte, aber vor allem, weil er der Zweite war.

»Vater«, rief er.

»Komm her, Kael«, sagte der König. Er klopfte auf die Seite des Bettes. »Du auch, Edric.«

Edric ging zu ihm und setzte sich in einen Stuhl, während Kael sich auf das Bett hievte.

Edric war fünfzehn und Kael dreizehn Jahre alt, beide waren viel zu jung für diese Art von Verlust.

Der König hatte seine Jüngste, Jesalyn, früher an diesem Tag gesehen. Sie hatte die ganze Zeit geweint, weil sie wusste, was auf sie zukommen würde und dass sie nichts dagegen tun konnte. Unter Tränen war sie aus dem Zimmer und direkt in die Arme der Gefährtin Shamira gelaufen. Sie hatte das Kind nach dem plötzlichen Tod seiner Frau, Königin Adelaida, praktisch aufgezogen.

Aber daran konnte er jetzt nicht mehr denken. Es wurde von Minute zu Minute anstrengender. Die Jungs … sie mussten es wissen.

»Solmis«, sagte der König und nahm seine Kraft zusammen.

Sein Diener, sein alter Freund, verließ den Raum, um ihnen die Privatsphäre zu lassen, die sie brauchten.

»Vater«, wiederholte Kael ungeduldig.

»Ich sterbe«, sagte König Maltrier.

Auf diese Erklärung folgte Schweigen. Kael schaute fassungslos. Edric versuchte, den Schock über das, was nun kommen würde, zu verbergen.

»Edric wird mein Nachfolger.«

»Ich bin zu jung, um König zu sein«, flüsterte Edric.

»Fünfzehn ist nicht zu jung.« Der König hielt das zwar für fragwürdig, aber er würde es seinem Sohn nicht mitteilen. Edric musste stark sein. Er musste herrschen. »Du hast den Gefährten und meinen Hohen Orden, die dir helfen und dich leiten.«

Edric schluckte und nickte. »Ja, Vater.«

»Vertraue auf dich selbst und alles wird wie geplant verlaufen. Ich habe ein Bündnis mit Aurum geschlossen, um Jesalyn zur Königin zu machen, und ein weiteres mit Tiek, das dir seine junge Prinzessin Kaliana angeboten hat. Halte diese Bündnisse ein, damit unser Volk in Sicherheit ist. Ein starker König ist einer, der einen Erben hat.«

Der König beugte sich vor und hustete mehrere Minuten lang in ein Taschentuch. Seine Kehle war rau und seine Lungen schmerzten. Er wusste nicht, wie viel er noch aushalten konnte, aber er musste sein Erbe weitergeben.

Aber konnte er ihnen diese Last aufbürden? Er musste sich jetzt entscheiden.

Nein.

Er würde nur einem davon erzählen. Er würde es an den Jungen weitergeben, der ihm am ähnlichsten war – an denjenigen, der mit dem Wissen umgehen konnte, der dazu bestimmt war, zu herrschen.

Der König wandte sich an einen seiner Söhne und sagte: »Ich muss einen Moment mit deinem Bruder allein sprechen.«

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, Schmerz und Verwirrung trübten seine Züge. »Aber, Vater …«

»Geh«, befahl König Maltrier.

Er klappte den Kiefer zu, stand auf und ging ohne ein weiteres Wort. Es sollte das letzte Mal sein, dass der König seinen Sohn sah.

Die Tür schloss sich laut hinter ihm.

König Maltrier wandte sich an seinen anderen Sohn. »Du kennst die Geschichte von unserem Vorfahren Viktor Dremylon.«

Er nickte, aber der König fuhr trotzdem fort.

»Viktor stürzte den bösen Doma-Hof, der unser Volk unterjochte. Er beanspruchte den Thron für sich mit dem einzigen Ziel, fair und gerecht zu regieren.«

»Ja, Vater.«

» Geschichte wird stets von den Gewinnern erzählt.«

»Was meinst du?« Er legte den Kopf schief und sah besorgt aus. Vielleicht dachte er, der König hätte bereits den Verstand verloren.

»Viktor zerstörte den Doma-Hof und leitete eine neue Ära der dremylonischen Herrschaft ein, die zweitausend Jahre andauerte, bis heute. Aber was in den Geschichten nicht vorkommt, ist, dass der Doma-Hof regierte, weil er mächtige … Fähigkeiten hatte.«

Sein Sohn lachte, als ob sein Vater ihm ein Märchen erzählen würde.

»Hör zu!«, schnauzte der König. Er bekam einen weiteren Anfall und sein Sohn half ihm, sich aufzusetzen, damit er in sein Taschentuch husten konnte.

Als König Maltrier sich wieder zurücklehnte, sah er, dass die weiße Seide mit Blut bedeckt war.

»Vater, du solltest dich ausruhen.«

»Ich muss es dir sagen …« Er wurde von einem weiteren Husten unterbrochen. »… die Wahrheit sagen. Viktor besiegte den Hof der Doma und die mächtigste Anführerin, die sie je hatten, Domna Serafina, indem er Magie gestohlen hat – dunkle Magie, eine Magie, die Viktor und alle seine Vorfahren verflucht hat. Sie hat mich verflucht … und dich … die gesamte Dremylon-Linie.«

Sein Sohn blieb still und ruhig. Der König hatte seine Aufmerksamkeit gewonnen. »Jetzt muss ich dir das hier überlassen, mein Sohn.« Der König nahm einen schweren goldenen Schlüssel, der an einem Band um seinen Hals hing, und legte ihn in die Hände seines Sohnes. »In der Wand meines Schranks befindet sich ein Schließfach mit den Schriften von Viktor Dremylon. Nimm sie an dich und erzähle niemandem davon. Du musst unser Erbe fortführen. Jeder, der Doma-Blut hat und seine Magie entdeckt, muss eliminiert werden. Sie bedrohen unsere Macht, deine Macht. Sie bedrohen die Welt, in der wir leben.«

»Ein Sturm kommt auf.« Sie schob die Fensterscheibe aus strukturiertem Glas auf, um den immer dunkler werdenden Himmel besser sehen zu können.

»Es sieht schrecklich aus da draußen«, sagte ihre Schwester Elea.

Cyrene konnte die feuchte Luft riechen und die drückende Feuchtigkeit spüren, die sich auf ihre Poren legte. Sie strich sich ihr langes dunkelbraunes Haar von den Schultern und trat vom Fenster weg.

»Natürlich muss es am Tag meiner Präsentationszeremonie regnen. Es hat seit einem Monat nicht mehr geregnet.«

»Der Regen wird noch abwarten.«

»Ich hoffe es.« Heute war ihre Präsentationszeremonie und es würde der wichtigste Tag in ihrem ganzen Leben werden. Sie schluckte schwer, aber ihr Mund fühlte sich an, als wäre sie tagelang ohne Wasser durch die Gefallenen Wüste gewandert.

»Oh, Cyrene, du wirst es heute gut machen.« Elea ergriff Cyrenes Hand und verschränkte ihre Finger. »Aralyn wurde als Vertraute ausgewählt und ich bin sicher, das wirst du auch.«

Cyrene konzentrierte sich auf ihre Gedanken, kanalisierte die Selbstsicherheit, die sie so oft besaß, und machte vor Elea ein tapferes Gesicht. »Natürlich werde ich das. Ich hoffe, Rhea ist genauso zuversichtlich.«

»Mach dir keine Sorgen um Rhea. Es wird ihr gut gehen.« Elea holte ein hübsches Perlenband aus der Kommode und legte es Cyrene um den Hals. »So, fertig.«

»Ich danke dir, Elea«, sagte Cyrene. Sie zog ihre Schwester in eine heftige Umarmung.

»Ich werde dich vermissen, wenn ich ein Vertraute werde.«

»Ich werde dich auch vermissen«, sagte Elea lachend. »Du weißt nicht einmal, ob du in die Erste Klasse gewählt wirst, aber du glaubst praktisch, dass du bei Einbruch der Nacht die nächste Gefährtin sein wirst.«

»Das werde ich doch sein, oder?«, fragte Cyrene sarkastisch.

Der Gefährte war eines der angesehensten Ämter in ganz Byern. Er wurde vom König persönlich ausgewählt und fungierte als seine rechte Hand in allen Staatsangelegenheiten.

Elea schnaubte: »Man sollte die Küken nicht zählen, bevor sie geschlüpft sind.«

»Jetzt klingst du wie Mutter!«

»Irgendjemand muss das ja«, sagte Elea und schüttelte den Kopf über Cyrene. »Komm schon. Wir können nicht alle warten lassen.« Sie geleitete Cyrene aus dem Schlafgemach.

Cyrene und Elea stiegen die Wendeltreppe hinunter in das große, offene Foyer, wo ihre Mutter Herlana sie erwartete. Ihre Töchter waren ihr Spiegelbild, aber Herlana besaß eine Gelassenheit und Anmut, die man nur durch das Alter und den Dienst als Vertraute der vorherigen Königin erwerben konnte.

»Mädchen, ihr seht beide umwerfend aus. Obwohl ich schon sagen muss, Elea, ich bin froh, dass du noch ein Jahr hast. Du musst diese schlaksige Unbeholfenheit überwinden, die du immer noch besitzt, wenn du eine Chance haben willst, in die Erste Klasse berufen zu werden. Zum Glück hat Cyrene dieses Problem nie gehabt, sonst wäre ich noch nervöser«, murmelte Herlana ungeniert.

Eleas Wangen verfärbten sich vor Verlegenheit. Sie war in den letzten Jahren überraschend groß geworden und hatte Schwierigkeiten, sich an die Veränderungen zu gewöhnen, die ein solcher Wachstumsschub mit sich brachte.

»Danke, Mutter«, sagte Cyrene und lenkte die ganze Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich.

»Nun, du bist noch nicht ganz raus.« Sie musterte ihre Tochter von oben bis unten. »Ich habe keine Ahnung, warum dein Vater jemals dieses Hurenrot an dir gutgeheißen hat. Du wirst die Einzige sein, die etwas so Geschmackloses trägt.«

»Dann werde ich auffallen.«

»Als ob du das nicht ohnehin bei deiner eigenen Präsentation tun würdest«, ärgerte sich Herlana.

»Ich finde, sie ist ein Anblick in Rot«, verteidigte Elea ihre Schwester.

»Vielen Dank, Elea.«

»Ja, nun … in deinem Grün wäre sie besser aufgehoben«, sagte Herlana. »Weißt du noch alles?«

Cyrene schluckte ihren Schreckmoment hinunter. »Ja, Mutter. Die Worte, die ich sprechen muss, sind seit meiner Kindheit in mein Gehirn eingebrannt.«

»Du musst auf dein Mundwerk aufpassen. Der König mag es nicht, wenn seine Untertanen frech werden. Also, wo ist mein Mann?«

»Ich bin hier, Herlana«, rief Hamidon. Er betrat das Foyer und blätterte in einem kleinen Stapel von Briefen in seiner Hand.

Er war ein korpulenter Mann von mittlerer Größe mit einer strengen, selbstgefälligen Ausstrahlung. Trotz seines aristokratischen Aussehens liebte er seine vier Kinder sehr und kümmerte sich liebevoll um sie, auch wenn seine Frau deswegen mit ihm schimpfte.

»Guten Morgen, meine schönen Kinder.« Hamidon küsste Elea und dann Cyrene. »Die königliche Garde ist eingetroffen«, sagte er und wandte sich an seine Frau. »Sind die Gramms schon da?«

»Ja. Sie sind gerade angekommen«, sagte Herlana. Sie wies zur Tür hinaus, wo zwei Kutschen in die kreisrunde Einfahrt einfuhren.

»Perfekt«, sagte er mit einem pompösen Lächeln. »Sollen wir aufbrechen?«

Cyrenes Mutter und Vater verließen das Haus, und als sie ihnen folgen wollte, warf Elea ihre Arme um ihre ältere Schwester.

»Wer wird sich um den Garten kümmern?«, krächzte Elea.

»Was?«, fragte Cyrene. Sie versuchte, sich aus Eleas Griff zu befreien.

»Ich bin sicher, dass ich ohne dich alles töten werde.«

»Vergiss nur nicht, zu gießen, und dem Garten wird es gut gehen.« Sie konnte sich ein ungläubiges Kichern nicht verkneifen. »Wirklich, Elea, du wirst mich nur wegen des Gartens vermissen?«

Elea schaute ihre Schwester an und schüttelte den Kopf.

»Meine Damen«, schnauzte Herlana, als sie im Foyer stehen blieben.

Die Mädchen sprangen bei der Stimme ihrer Mutter auf und eilten aus dem Haus. Die königliche Garde geleitete sie zu drei prächtigen Kutschen, die von schwarzen Hengsten gezogen wurden. Ihre Familie saß in einer mit einem Muster aus sich abwechselnden blauen und silbernen Rauten, den Farben von Cyrenes Familienhaus. Die beiden Kutschen der Gramms waren orange-, braun- und goldgestreift.

Rhea saß sittsam im zweiten Wagen der Gramms. Sie winkte Cyrene zu, als sie sich näherte.

Cyrene und Rhea waren am selben Tag geboren worden und bildeten somit eine seltene Ausnahme für eine Präsentation der Ersten Klasse.

Die Mitglieder der Ersten Klasse stellten ihre Kinder einzeln an ihrem siebzehnten Geburtstag vor. Jedes Mitglied der Zweiten und Dritten Klasse, das in diesem Jahr siebzehn Jahre alt wurde, feierte seine Präsentation am Eos-Feiertag. Zu Ehren der Emanzipation von Byern wurde jedes Jahr ein großes Fest in der Hauptstadt veranstaltet, zu dem alle eingeladen waren.

Cyrene kletterte auf den Kutschensitz neben Rhea. »Rhea, kannst du glauben, dass es endlich so weit ist?« Sie streckte die Hand aus und ergriff Rheas Hand.

»Nein.« Die gewellten Strähnen von Rheas dunkelrotem Haar streiften ihren Rücken, als sie den Kopf schüttelte. Ihr waldgrünes Kleid war einfach und leicht, mit fließenden langen Ärmeln und Spitzenbesatz. Es brachte das Grün in ihren Augen besonders gut zur Geltung.

»Ich auch nicht«, flüsterte Cyrene. Ihr Blick wanderte hinaus in die Umgebung. Die Kutsche zog sie vorwärts durch die innere Stadt. Hoch aufragende steinerne Villen säumten die Straßen, als sie die Quartiere der Ersten Klasse passierten und auf das riesige Schloss Nit Decus zusteuerten, das in die Seite der Taken Mountains gebaut wurde.

Familien der Zweiten und der Dritten Klasse lebten in der Nähe ihrer Arbeitsstellen. Die Zweiten neigten zu kriegerischem Engagement sowie zu Berufen, die mit dem Wachdienst zusammenhingen und ihn unterstützten. Die Dritten waren eine Mischung aus Handwerkern, Händlern und Bauern, die wichtige Funktionen zur Unterstützung des Königreichs ausübten. Sowohl die Zweiten als auch die Dritten lebten entlang der zweiten Ebene der Stadtmauern, weiter unten in den felsigen Ausläufern der Hauptstadt. Darüber hinaus halfen die Zweiten beim Grenzschutz und viele Dritte zogen zu Handelszwecken durch das Land oder lebten in abgelegenen Dörfern und halfen bei den täglichen Aufgaben des Lebens.

Die Straßen durch die Innenstadt waren mit Kopfsteinpflaster gepflastert und die beiden Mädchen stießen leicht an, als sie immer höher auf das am Horizont auftauchende Schloss zurollten. Es war eine fast undurchdringliche Festung, geschmiedet aus grau-schwarzem Kalkstein, der dem Berg abgetrotzt worden war. Mehr als die Hälfte des kolossalen Bauwerks war im Herzen der Taken Mountains verborgen. Was sichtbar blieb, war ein prächtiges Bauwerk mit hohen spitzen Türmen, gewölbten Gitterbrücken und komplizierten Steinmetzarbeiten, die Tausende von Jahren der Abnutzung überstanden hatten.

Der Anblick der himmelhohen Türme war Cyrene schon ihr ganzes Leben lang vertraut, doch das grandiose Bauwerk entlockte ihr immer wieder ehrfürchtige Blicke. Als sie sich näherten, starrten die Mädchen zu den unfassbar hohen Gittertüren hinauf.

»Meinst du, wir schaffen es in die Erste Klasse?«, flüsterte Rhea.

Cyrene sah Rhea an, deren stets blasser Teint vor Angst nur noch aschfahler geworden war. Der Hauch von Rouge auf ihren Wangen konnte ihr wächsernes Aussehen nicht verbergen. Im schwachen Licht der Kutsche zitterten ihre Hände sichtlich, ein Problem, das sie seit ihrer Kindheit hatte.

»Wie könnten wir nicht?«, fragte Cyrene mit einem falschen Gefühl der Zuversicht.

»Und wenn nicht?«

»Denk nicht einmal daran, Rhea. Wir sind schon so lange zusammen …«

Sie konnte sich ein Leben ohne Rhea nicht vorstellen. Cyrene wusste, dass die Kinder der Ersten Klasse nur selten in eine niedrigere Klasse versetzt wurden, aber es war vorgekommen. Erst letztes Jahr war ein Mädchen aus Cyrenes eigener Nachbarschaft in die dritte Klasse aufgenommen worden.

Cyrene erschauderte bei dem Gedanken. Sie hatte zu hart gearbeitet und gelernt, um den Rest ihres Lebens für etwas zu schuften, das ihr bereits gehörte. Die drei Kutschen passierten zügig die Tore und fuhren in das üppige Gartenparadies ein. So weit das Auge reichte, war das königliche Gelände mit blühenden Bäumen, bunten Blumen, frischem grünen Gras und sogar einem langsam plätschernden Bach mit einer Steinbrücke bedeckt. Vögel zwitscherten über den Köpfen, während die Kutschen durch den weitläufigen Garten ratterten. In solch einem natürlichen Lebensraum war das Dröhnen des Stadtlebens fast nicht mehr zu hören.

Ein Lakai stieg die Schlosstreppe hinunter und öffnete die Kutschentür. Cyrene ließ Rheas Hand los und stieg als Erste aus. Sie neigte königlich den Kopf, als sie ihre teuren bienkanischen Goldpantoffeln auf königlichen Boden stellte. Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben und jahrelanges Benimmtraining machte sich bemerkbar.

Ein Gentleman führte sie hinein und Rhea folgte am Arm eines anderen Begleiters. Ihre Familien hatten das Schloss bereits betreten und wurden in den großen Saal geführt.

Cyrene ließ sich von ihrem Begleiter von Rhea wegführen und wünschte sich im Stillen, sie hätte ihrer Freundin viel Glück gewünscht. Jedem Mitglied wurde eine eigene Präsentationskammer zugewiesen, sodass Cyrene Rhea nicht sehen würde, bis alles vorbei war.

Cyrenes Begleiter führte sie durch mehrere gewundene Gänge zu einer breiten Steintür. Vor lauter Vorfreude pochte ihr Herz wie wild in ihrer Brust. Dies war der Eingang zu ihrer Präsentationskammer.

An den Wänden hingen farbenprächtige Vorhänge und Wandteppiche. Die Kosten für dicken aurumischen Teppich reichten aus, um ein ganzes Jahr lang Mahlzeiten auf dem Laelischen Markt zu kaufen. Ein verzierter Silberkrug und mehrere Kristallgläser standen auf einem kunstvoll gefertigten Mahagonitisch an der Rückwand.

Cyrene schenkte sich ein Glas Wasser ein und führte den Becher an ihre Lippen. Das Zimmer erinnerte sie an die alte Geschichte der Herrschaft des Doma-Hofs unter der gefürchteten Domna Serafina. Vor fast zweitausend Jahren war Byern von einer Aristokratie regiert worden, die alles für sich beanspruchte, das Land verwüstete und die Bevölkerung, die sie als minderwertig betrachtete, aushungerte. Dann hatte sich Viktor Dremylon gegen den Hof erhoben, Byern für das Volk eingenommen und das Reich von der unterdrückerischen Herrschaft befreit. Alle schrecklichen Praktiken der Doma waren rückgängig gemacht worden, und der Wohlstand der vergangenen zwei Jahrtausende hatte den Sieg der Dremylonier bestätigt. Jetzt waren nur noch seltene Artefakte, Geschichtsunterricht und Volksmärchen aus dieser Zeit übrig.

Ein Rascheln des Teppichs riss sie aus ihren Gedanken und sie drehte sich schnell um.

Sie kreischte vor Überraschung und hätte beinahe das Glas fallen lassen. Sie rannte durch den Raum und warf ihre Arme um ihre ältere Schwester. »Aralyn!«

Aralyn drückte sie fest an sich.

»Es ist so schön, dich zu sehen«, stieß Cyrene hervor.

»Ich habe dich vermisst.« Aralyn betrachtete Cyrene aus nächster Nähe. »Du bist ja wirklich wunderschön! Und in Rot! Hat Vater diese Farbe gebilligt?«

»Natürlich.«

»Es ist keine Farbe des Hofes.«

Cyrene ignorierte die Anspielung ihrer Schwester. »Vergiss die Farbe, Aralyn. Ich habe dich ein Jahr lang nicht gesehen. Wie ist es in Kell als begleitende Botschafterin? Erzähl mir alles!«

»Ich bin nicht gekommen, um mit dir über meine Reisen zu sprechen. Ich bin gekommen, um mich zu vergewissern, dass du vorbereitet bist. Ich habe deinen Einladungsbrief.«

Aralyn zog einen Brief aus der Schärpe ihres Gewandes. Cyrene nahm ihn ehrfürchtig in ihre Hand.

»Du hast nicht viel Zeit, bevor sie dich aufrufen. Ich bin gekommen, um dich zu beraten.« Ein kleines Lächeln umspielte ihre Züge: »Ich konnte doch die Präsentation meiner kleinen Schwester nicht verpassen.«

In Cyrene brodelte es vor Fragen, aber sie hielt den Mund.

»Was du in diesem Umschlag liest, darfst du niemandem erzählen, außer den anderen Bürgern sowie König Edric, Königin Kaliana und Gefährtin Daufina, aber sei dir bewusst, dass sie vielleicht keine Antworten haben oder dich sogar in die Irre führen könnten. Hast du verstanden?«

Nein. Wie sollte ich das verstehen, bevor ich den Brief gelesen habe? Sie betete zu der Schöpferin, dass sie eine Vertraute werden würde, damit sie Aralyn all diese dringenden Fragen stellen konnte.

»Cyrene, hast du verstanden?«, wiederholte Aralyn mit strengerer Stimme.

»Ja«, flüsterte sie.

»Nun gut. Nachdem du deinen Brief gelesen hast, gehst du zur hinteren Tür und wartest darauf, dass ein Offizieller sie öffnet. Wenn sie dich wieder entlassen, kehrst du in diesen Raum zurück und wartest auf deine Auswahl.«

»Wirst du hier sein?«, platzte Cyrene heraus.

»Nein. Du musst allein auf deine Auswahl warten.«

Cyrene blickte auf den Brief in ihren Händen und dann wieder zu Aralyn. »Glaubst du, dass ich es in die Erste Klasse schaffe?«

Aralyn zeigte ihr erstes richtiges Lächeln. »Ich habe keinen Zweifel daran, dass du an deinen Platz gewählt werden wirst«, sagte sie und zog Cyrene in eine Umarmung. »Du wirst es gut machen. Jetzt muss ich gehen. Ich sehe dich auf der anderen Seite.«

Aralyn drückte Cyrene jeweils einen Kuss auf die Wange und verließ den Raum. In Cyrenes Magengrube bildete sich ein Kloß. Es war der Tag des Jüngsten Gerichts.

Das kleine Stück Papier in ihren Händen fühlte sich wie eine schwere Last an.

Nachdem sie den cremefarbenen Umschlag umgedreht hatte, riss sie das königliche Siegel vom Pergament und zog den Brief heraus. Auf der Vorderseite der Karte war das königliche Wappen eingeprägt, ein grünes, von goldenen Flammen umgebenes Dremylon D.

Sie klappte die Karte auf.

Was du suchst, liegt dort, wo du nicht danach suchen kannst.

Was du findest, kann nicht gefunden werden.

Die Sache, nach der du dich mehr als nach allem anderen sehnst, wird alles andere in Gefahr bringen.

Der Kampf, den du kämpfst, kann nicht gewonnen werden.

Wenn alles verloren scheint, wird das, was verloren war, gefunden werden.

Wenn sich alles verbiegt, kannst du nicht mehr bleiben, wer du warst.

Das ist Kauderwelsch! Nur eine Reihe von Rätseln!

Was suche ich? Eine Position als Vertraute, neben meiner Schwester? Doch das ergibt keinen Sinn, denn diese Position ist für mich verfügbar. Ist es dasselbe, was ich finden muss? Wenn ja, wie kann ich etwas finden, das ich nicht suchen und das nicht gefunden werden kann?

Der zweite Teil war etwas unkomplizierter. Aber was will ich? Sie wusste nicht, inwiefern eine Vertraute zu werden alles andere in ihrem Leben gefährden würde. Außerdem kämpfte sie gegen niemanden. Byern hatte seit zweihundert Jahren keinen Krieg mehr geführt!

Die nächste Zeile ergab noch weniger Sinn. Sie fühlte sich im Moment ziemlich verloren, aber sie glaubte kaum, dass die Zeile darauf anspielte. Werde ich etwas verlieren … alles? Sie las die letzte Zeile noch einmal und versuchte, die versteckte Bedeutung zu entschlüsseln. Wer verbiegt sich? Wenn sich die Menschen auf irgendeine Weise verbiegen, wie kann ich mich dann verlieren? Dies schien ihr der beunruhigendste Teil zu sein. Sie wusste nicht, wie sie etwas sein konnte, was sie nicht war.

Sie hatte jetzt keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie musste ihre Präsentation beenden. Sie steckte die Karte zurück in den Umschlag, legte ihn auf den Tisch und ging zur gegenüberliegenden Wand. Kaum hatte sie den Eingang erreicht, öffneten sich die Türen knarrend.

Vor ihr stand der königliche Hof von Byern.

Der Hof von Byern erhob sich von seinen elegant gefertigten Stühlen, drehte sich zur Ecke des Ballsaals und starrte Cyrene in der offenen Tür an.

Cyrene hielt ihren Atem an. Der Ballsaal war exquisit ausgestattet mit Säulen aus Cerulean, Jade und Perlmutt und goldverzierten Zierleisten. Ihr Blick richtete sich auf die handbemalte Decke mit der großen Uhr, die in das Kunstwerk integriert war. Durch ein Dutzend raumhoher Fenster warfen die immer dunkler werdenden Wolken draußen einen trüben Schein auf den Raum.

Von den Saiten des Cembalos eines Musikers ertönte leise Musik. Das war ihr Stichwort.

Cyrene zog die Schultern zurück und trat mit einem goldenen Pantoffel nach dem anderen auf den Marmorboden des Ballsaals. Aus ihrem gepuderten Gesicht verschwanden alle Spuren ihrer früheren Angst und sie schenkte der erwartungsvollen Menge ein leichtes Lächeln. Sie schritt anmutig durch den hinteren Teil des Raumes zu einem langen Mittelgang. An dessen Ende saß König Edric auf einem hochlehnigen goldenen Thron. Zu seiner Linken saß Königin Kaliana, die ihr blondes Haar zu einem festen Dutt gebunden hatte, und zu seiner Rechten die dunkelhaarige Gefährtin Daufina.

Cyrenes Herzschlag pulsierte durch ihre Fingerspitzen und pochte gegen ihren Hals. Ihr Magen schien ihr aus dem Körper zu fallen, als sie Blickkontakt mit dem König aufnahm. Die Intensität seines Blicks ließ ihre Wangen erröten. Sie hoffte, dass ihr Rouge ihre Nervosität verbarg.

Mit hoch erhobenem Kinn ging Cyrene weiter. Sie ging an ihren Eltern vorbei, die neben Aralyn, Elea und ihrem älteren Bruder Reeve in der ersten Reihe saßen. Auf der anderen Seite des Ganges saß die Familie Gramm. Cyrene fragte sich, ob Rhea zuerst vorgestellt worden war. Anhand der Mimik der Gramms konnte Cyrene das nicht beurteilen.

Nachdem sie die verbleibenden Meter bis zum Podium zurückgelegt hatte, stieg sie die Treppe hinauf, um vor ihrem König zu stehen, und verbeugte sich dann so tief wie möglich.

Sie verharrte eine gefühlte Ewigkeit in ihrer Position, bevor die Stimme von König Edric durch den Ballsaal dröhnte: »Ihr dürft aufstehen.«

Ihre Knie zitterten, als sie sich vom Boden erhob.

König Edric hatte sich verändert, seit sie ihn das letzte Mal bei Aralyns Präsentation gesehen hatte. Sein Vater, König Maltrier, war aus unbekannter Ursache gestorben, als Edric erst fünfzehn Jahre alt war. Edric hatte die Verantwortung für das Königreich und das Wohlergehen seiner jüngeren Schwester Jesalyn – jetzt Königin von Aurum – und seines jüngeren Bruders, Prinz Kael, auf sich genommen. Fünf Jahre später war König Edric nun zwanzig Jahre alt und hatte sich zu Recht durchgesetzt. Seine bloße Anwesenheit strahlte ein Selbstvertrauen aus, das nur ein König haben konnte.

Langsam erhob sich König Edric von seinem Thron, um sich zu seiner vollen Größe aufzurichten. Vor ihrer Präsentation hatte sich Cyrene nicht sein ganzes Ausmaß vorstellen können. Er war unglaublich groß, hatte einen kräftigen, von Stoppeln bedeckten Kiefer und durchdringende blaugraue Augen, die die Menge hinter ihr musterten.

»Willkommen. Wir sind heute hier, um eine Tochter der Familie Strohm vorzustellen, die meinem Vater, König Maltrier, Sohn von König Herold, Sohn von König Viktor aus der königlichen Linie von Dremylon, edel gedient hat. Die Schöpferin bringe ihren Seelen Ruhe.«

Die Menge murmelte leise ihre eigenen Segenswünsche an die ehemaligen Könige. »Heute vor den Thron getreten, um vorgestellt zu werden, ist eine unseresgleichen«, sagte er. »Sie ist in unserem Land aufgewachsen, in unserem Land erzogen worden und wird für immer ein Teil unseres Landes sein. Ihr heutiges Erscheinen signalisiert, dass sie die Traditionen und Werte von Byern akzeptiert. Ein solcher Schritt steht für ihren Wunsch, an der täglichen Verbesserung unseres Landes mitzuwirken. Die Annahme ihrer Auswahl erfordert Verantwortung und das Festhalten an den Grundsätzen von Byern.«

Cyrenes Kopf schwirrte. Sie war damit einverstanden, dass man sie vorstellte und auswählte, und würde die Konsequenzen akzeptieren. Ganz gleich, ob sie in die Erste oder Dritte Klasse aufgenommen werden würde. Dies würde über ihre gesamte Zukunft entscheiden und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als die Möglichkeiten in ihr Bewusstsein drangen.

»Heute stelle ich Cyrene Sera Strohm vor, die Tochter von Hamidon und Herlana, die Schwester unseres treuen Mitglieds des Hohen Ordens, Reeve, und unserer Vertrauten Aralyn. Wir werden jetzt mit der Präsentation beginnen.«

König Edric machte einen Schritt auf sie zu und ihre blauen Augen trafen seine. Ein elektrischer Schock durchfuhr sie bei seiner Nähe. Einen Moment lang sah sie, während sie im Blick des Königs verharrte, nur das Hier und Jetzt. Es gab weder Zeit noch Entfernung zwischen ihnen. Es war nur ein Sog, als wären sie von nun an aneinandergefesselt.

König Edric wich einen Schritt zurück, schüttelte den Kopf und holte sie damit aus ihrer Starre, die über sie gekommen war. Was ist gerade passiert?

Sein Adamsapfel wippte, als er sich wieder zusammenriss. Dann sprach er leise, nur für ihre Ohren: »Cyrene.«

Sie fluchte leise und ließ ihren Blick auf den polierten Boden fallen. Was mache ich nur? Sie sollte ihn noch nicht einmal direkt ansehen.

»Du darfst mich ansehen.«

Überrascht tat Cyrene wie ihr befohlen. Sie verstand nicht, was zwischen ihnen vorgefallen war, aber als sie ihn ansah, wurde ihr klar, dass etwas in ihr vorging.

»Miss Strohm, ich stehe hier als dein König und bin bereit, dich in eine angemessene Position innerhalb der Gemeinschaft von Byern zu wählen. Bist du bereit, deine Pflicht zu erfüllen?«

Ihre Lippen verzogen sich zu einem hochmütigen Grinsen. »Ja, mein König.«

König Edric hielt inne und betrachtete ihren Mund: »Musst du immer so grinsen?«

Sie versuchte, den Ausdruck auf ihrem Gesicht zu unterdrücken, aber es schien ihr nicht zu gelingen. »Ja, mein König.«

Seine blaugrauen Augen verengten sich, und ihr Herz klopfte. Warum kann ich mein Verhalten ausgerechnet heute nicht unter Kontrolle halten?

»Jede Klasse erfüllt grundlegende Aufgaben für die Verbesserung von Byern. Kennst du die drei Aufgaben der Klassen?« Er setzte die Präsentation also fort.

»Die Wächter, Hilfskräfte und die Wesentlichen«, sagte sie und nannte die formellen Namen der drei Klassen. »Sie erfüllen wichtige Aufgaben für Byern. Wächter halten das System funktionsfähig. Hilfskräfte bieten Schutz. Die Wesentlichen sorgen sich um die täglichen Bedürfnisse der anderen.«

»Und warum sind die Klassen notwendig?«

Cyrene antwortete, als würde sie direkt aus einem Skript ablesen, aber mit mehr Überzeugung, als sie jemals zuvor empfunden hatte: »Um den Frieden und den Wohlstand zu sichern. Nachdem Viktor Dremylon unser Volk von der Doma-Herrschaft befreit hatte, gründete er das Klassensystem, um die Fähigkeiten aller seiner Bürger zu nutzen.«

»Hast du irgendwelche Fähigkeiten, die für die Aufnahme in eine dieser drei Klassen notwendig sind?«

Cyrene wusste, dass sie zugeben sollte, dass die Fähigkeiten, die sie erlernt hatte, für jede Klasse ausreichen würden, dass sie keine Talente hatte, die in einer bestimmten Klasse besonders von Nutzen wären, doch die Worte lagen ihr auf der Zunge wie eine Lüge. Sie hatte Talente, die für die Erste Klasse nützlicher waren, und sie konnte nicht vor ihrem eigenen König stehen und das Gegenteil behaupten, egal wie oft sie für genau diesen Moment trainiert hatte. Als sie in sein Gesicht blickte, fühlte sie sich gezwungen, ihm die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie wusste, dass sie es nicht sollte. »Ja, mein König.«

König Edric neigte den Kopf zur Seite. Die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus und fühlte sich durch ihre Indiskretion belastet an. Sie biss sich auf die Lippe und der Stress des Nachmittags drückte auf sie ein. Habe ich gerade meine Chance auf die Erste Klasse ruiniert?

»Nun, was sind deine Fähigkeiten?«, fragte König Edric.

»Meine Schwester sagt, ich kann das Wetter vorhersagen.«

»Das können die meisten Hexen auch.«

Cyrene blickte unter ihren vollen schwarzen Wimpern zu ihm auf: »Ich glaube nicht, dass mir Eure Anschuldigung gefällt«, murmelte sie fast flüsternd, »mein König.«

»Ich bitte um Entschuldigung.«

Der König von Byern hatte sich gerade bei ihr entschuldigt.

Die Atemzüge fielen ihr schwerer, als sie sich zwang, weiterzumachen. »Natürlich kann man das Wetter nicht vorhersagen, aber ich glaube, ich habe mehr Entschlossenheit und Willen, als man bei hundert Menschen finden kann. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug für mein Königreich kämpfen.« Ihre Stimme brach beinahe vor Leidenschaft.

»Eine treue Untertanin.«

»Byerns treueste Untertanin.«

»Und als Byerns treueste Untertanin würdest du diese Entschlossenheit und diesen Willen wie befohlen einsetzen?«

»Ja, natürlich, mein König.«

»Trägst du immer diesen Rotton? Nur wenige tragen eine so gewagte Farbe an meinem Hof.«

Viele in ihrer Familie hatten dasselbe gesagt. Sanfte Farben waren immer in Mode, aber Cyrene war nicht sanft. Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wie es aussehen würde, wenn sie Rot trug, bis zu dem Moment, als sie vor dem König stand.

»Gefällt er Euch?«, konnte sie nicht umhin zu fragen.

Nach einem Moment nickte er. »Ja, Mylady. Es scheint, dass nicht nur deine Kleidung gewagt ist.« Er schien nicht unzufrieden zu sein. »Sobald du ausgewählt bist, wirst du deinem Empfänger gemeldet und ihm oder ihr für eine angemessene Ausbildung anvertraut. Akzeptierst du die Umstände deiner Auswahl?«

»Sofern es passt und ich dazu in der Lage bin«, hauchte sie. Noch nie hatte sie diese Worte so ernst gemeint wie jetzt, als sie sie zu König Edric sprach. Sie spürte ein elektrisches Ziehen, als sie die Worte aussprach.

Er wich schnell zurück und sie fragte sich, ob er es gespürt hatte.

»Du kannst fortfahren, Miss Strohm.«

Cyrene stand vor ihrem Publikum, während ihr eine Million Gedanken durch den Kopf gingen. Wie konnte dieses Gespräch so weit vom Kurs abkommen? Und warum würde ich alles dafür geben, noch einmal mit dem König sprechen zu können?

Sie verdrängte ihre Gedanken an König Edric und fuhr mit ihrer Präsentationszeremonie fort.

»Der Königliche Hof von Byern, ich habe den Eid der Annahme geleistet und mich damit an meine Wahl, an meinen Empfänger und an das Land gebunden. Ich vertraue auf die Entscheidung des Hofes, meine Dienste nach besten Kräften für das Volk von Byern zu nutzen. Ich, Cyrene Sera Strohm, Tochter von Hamidon und Herlana, erkläre mich am Tag meines siebzehnten Geburtstags bereit, die Unreife meiner Jugend abzulegen und die Verantwortung meines Erwachsenseins zu übernehmen.«

Cyrene verbeugte sich noch einmal mit einem tiefen Knicks.

»Miss Strohm, du kannst in das Vorzimmer zurückkehren, bis du zur Auswahl empfangen wirst«, verkündete König Edric.

»Vielen Dank«, sagte sie, bevor sie den Weg zurückging, den sie gekommen war.

Leises Gemurmel ertönte um sie herum, aber sie konnte nicht hören, was gesagt wurde. In ihrem Kopf schwirrte das Gespräch mit dem König und die Anziehungskraft, die sie dazu bringen wollte, umzudrehen und zurückzugehen.

Ein Mitglied der königlichen Garde öffnete ihr die Tür zum Warteraum. Sie duckte sich hinein und atmete erleichtert auf. Sie war erfolgreich dem königlichen Hof vorgestellt worden.

Es war vorbei und doch hatte es gerade erst begonnen.

Cyrene stolperte zu einem Diwan, der mit einem Berg von Kissen bedeckt war, und brach auf dem Haufen zusammen. Ihr Körper sank in die plüschigen Polster, als sie vor Erschöpfung zusammensackte. Schon so lange hatte sie sich auf ihre Präsentation gefreut. Sie konnte kaum glauben, dass es vorbei war. Ihr Schicksal lag nun nicht mehr in ihrer Hand.

Sie vergrub ihr Gesicht in den Kissen. Ihr Körper zitterte vor Schreck. Ich habe gerade mit dem König von Byern gesprochen, als wäre er ein gewöhnlicher Freier!

Es war ihr egal, wie gut er aussah. Und er war sehr gut aussehend. Es gehörte sich nicht, mit ihm zu flirten, und es gehörte sich erst recht nicht, ihn für seinen Ton zu tadeln, doch sie hatte sich nicht zurückhalten können.

Sie fühlte sich auf eine unerklärliche Weise zu ihm hingezogen. Und sie war sich fast sicher, dass es auch auf ihn gewirkt hatte. Warum hätte er sonst auf mich so reagiert? Das passte kaum zu ihrer Vorstellung vom König von Byern.

Gerade als ihre Enttäuschung über die Präsentationszeremonie unerträglich zu werden drohte, wurde die hintere Tür aufgestoßen. Cyrene eilte zur Tür und erwartete, von einem Schlossbediensteten aus dem Raum geführt zu werden. Stattdessen trat eine hochgewachsene Gestalt ein.

»Reeve«, sagte sie entsetzt, »was machst du hier? Aralyn hat gesagt, dass ich keinen Besuch empfangen darf.«

»Ich weiß, Cyrene.« Ihr Bruder verschränkte die Arme vor der Brust.

»Was machst du denn hier?« Ihr Magen verknotete sich.

»Ich bin auf Bitten von König Edric gekommen, um dir mitzuteilen, dass er eine längere Bedenkzeit benötigt.«

»Was?«, kreischte sie fast. »Warum sollte er mehr Zeit brauchen?«

»Dein Ton, Cyrene.«

»Es bist doch nur du hier. Es ist ja nicht so, dass er mich hören kann«, brummte sie.

»Wenn König Edric mehr Zeit haben will, dann hat er ein Recht darauf, auch wenn es etwas unkonventionell ist.«

»Etwas unkonventionell? Hast du schon einmal von so etwas gehört?«

Reeve seufzte und ließ die Arme in die Seiten sinken. »Nein, das habe ich nicht. Ich weiß nicht, was der König in Erwägung ziehen könnte. Du etwa?«

»Nein.« Sie rutschte auf den Ballen ihrer Füße hin und her.

»Worüber hast du mit König Edric gesprochen, als du vor ihm standest?« Er kniff die Augen zusammen, als wüsste er bereits, dass sie etwas falschgemacht hatte.

»Nichts. Wir sind die Fragen und den Eid der Annahme durchgegangen. Das war’s«, log sie und verschränkte trotzig die Arme.

»Es hat länger gedauert als normal.«

»Was machst du noch hier, Reeve?« Sie wandte sich von ihm ab und schlenderte zu dem Mahagonitisch hinüber. »Du hast deine Nachricht überbracht.«

Reeve fluchte leise vor sich hin. »Was hast du getan, Cyrene? Weißt du nicht, wie ernst die Lage ist?« Er schritt auf sie zu. »Dein Leben steht auf dem Spiel.«

Sie wirbelte herum: »Ich werde nicht sterben, weil ich mit dem König gescherzt habe.«

Er zischte durch die Zähne. »Du hast mitten in deiner Präsentation mit ihm geflirtet?«

Sie rollte die Augen zur Decke: »Ja, er ist vom Drehbuch abgewichen und ich bin ihm gefolgt.«

»Vom Drehbuch abgewichen? Hältst du das bei etwas, auf das du dich dein ganzes Leben lang vorbereitet hast, für richtig? Vom Drehbuch abzuweichen? Ein Drehbuch, das jeder volljährige Mensch aufsagt?«

Das Letzte, was Cyrene tun wollte, war, auf diesen Streit einzugehen. Sonst könnte sie auf der Stelle einen Zusammenbruch erleiden. »Ja«, antwortete sie schließlich.

»Und du glaubst, das hat nichts mit seiner langen Überlegung zu tun?«

»Es … könnte sein.«

Reeve schritt einmal durch den Raum, bevor er sie wieder ansah. »Worüber habt ihr beide gesprochen?«

Cyrene zuckte mit den Schultern. »Ich sagte ihm, ich sei eine treue Untertanin von Byern, und er meinte, mein Kleid gefalle ihm, aber an seinem Hof trage niemand Rot.«

»Er hat sich zu deinem Kleid geäußert?« Er hob die Augenbrauen.

»Ja.«

Er rieb sich das Kinn. »Und das war alles?«

Sie nickte.

»Das klingt nicht allzu schädlich«, gab er zu.

»Bist du fertig?«

»Cyrene«, sagte er beschwichtigend, »du weißt, dass ich mir nur Sorgen um dich mache.«

»Tu das nicht. Du hast genauso viel Kontrolle über das, was passiert, wie ich.« So sehr sie sich auch wünschte, dass ihr Bruder sie tröstete, konnte sie sich nicht erlauben, Schwäche zu zeigen. Sie musste ihre Auswahl immer noch heil überstehen.

»Hoher Orden Strohm«, rief ein königlicher Bediensteter in den Raum. »Sie werden an Ihrem Platz gebraucht.«

Reeve wollte Cyrene umarmen, aber sie wich ihm aus. Reeves Gesicht verhärtete sich, bevor er den Raum verließ und sie wieder allein zurückließ. Ihr Körper verkrampfte sich. Sie hasste es, sich Reeve gegenüber so zu verhalten, aber sie wollte nicht, dass er wusste, wie sehr sie sich fürchtete.

Nach weiteren dreißig Minuten öffnete sich die Tür endlich wieder. »Miss Strohm, der König hat eine Entscheidung getroffen. Er ist bereit für Euch.«

Cyrene verließ zügig den Raum und schritt über den Marmorboden. Der König hatte sie fast dreimal so lange warten lassen wie alle anderen Anwesenden und sie war bereit, die Sache hinter sich zu bringen. Sie stakste die vorderen Stufen zum Podium hinauf und hätte fast vergessen, einen Knicks zu machen. In letzter Sekunde beugte sie sich höflich nach unten.

König Edric bedeutete ihr, sich zu erheben. »Cyrene Sera Strohm, Ihr wurdet dem königlichen Hof von Byern vorgestellt und habt den Eid abgelegt, Eure Pflichten gegenüber Eurem Land zu erfüllen. Nach Beratungen mit Königin Kaliana und Gefährtin Daufina bin ich zu einer Entscheidung bezüglich Eurer Auswahl gekommen.«

Cyrene schluckte und faltete nervös die Hände vor sich zusammen. Sie blickte nach links in die blassblauen Augen von Königin Kaliana, die nicht gerade erfreut aussah, und dann nach rechts in die mit schweren Lidern verhangenen von Gefährtin Daufina, die praktisch glühten. Cyrene verstand beide Reaktionen nicht.

»Es wurde beschlossen, dass du in die wachende Erste Klasse aufgenommen wirst.«

Cyrenes Herz hüpfte vor Freude. Erste Klasse!

Der König erhob sich von seinem Thron und ging zu Cyrene. »Eure Empfängerin wird Königin Kaliana sein.«

Cyrene blieb vor Schreck der Mund offen stehen.

»Und von diesem Tag an sollst du als die Vertraute der Königin bekannt sein.«

Der Beifall des Hofes war ohrenbetäubend, als die Menschen aufstanden und ihrem neuesten Mitglied zujubelten. Eine solche Ehre war so selten und die Position so begehrt, dass niemand am Hof damit gerechnet hatte. In den letzten zwei Jahren hatten nur drei Mädchen – einschließlich Cyrenes Schwester – dieses Amt erhalten.

Als ob die Schöpferin selbst darauf reagierte, zuckten Blitze hinter den Fenstern auf. Ein Donnerschlag ertönte über ihnen. Das Gewitter, das sie den ganzen Morgen über bedroht hatte, war im Begriff, sich über der Zeremonie zu entladen. Als die Blicke zum Fenster wanderten, setzte ein sintflutartiger Regen ein, der in Strömen auf das Schloss niederprasselte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann das letzte Mal ein Sturm Byern mit solcher Wucht getroffen hatte. Vielleicht war das nie vorgekommen.

Cyrene kehrte in die Realität des Geschehens zurück und blickte den König voller Ehrfurcht an. Ihr Herzschlag schoss in die Höhe.

Mit einer Geste forderte er die Gefährtin Daufina auf, vorzutreten. Er streckte seine Hand aus, und sie legte ihm leicht etwas in die Handfläche. Er richtete seinen Blick wieder auf Cyrene: »Gib mir deine Hand.«

Cyrene gehorchte und hielt ihm ihre Hand hin.

»In deine Handfläche lege ich das Symbol der Königin, eine kreisförmige Brosche aus Byern-Ranken. Solange du dies bei dir trägst, wirst du ein Stück deines Landes haben, unseres Landes, und du wirst in der ganzen Welt als eine der Unseren bekannt sein.«

Cyrene schloss ihre Finger um das kleine runde Amulett, auf das sie ihr ganzes Leben lang gewartet hatte: »Vielen Dank, mein König.«

Sie starrte auf das Symbol der Vertrauten und ihr Herz flatterte. Die Brosche war ein unglaubliches Stück Handwerkskunst. Der filigrane Anhänger war kunstvoll in einen Kreis aus goldenen Blättern eingewoben, als hätte der Künstler echte Kletterranken direkt aus dem Garten gepflückt, mit einer Schließe, die sie an jedem ihrer Kleidungsstücke befestigen konnte.

König Edric wandte sich an die wartende Menge, die sich endlich beruhigt hatte: »Ich danke euch allen, dass ihr der Präsentation der Vertrauten Cyrene beigewohnt habt. Heute Abend findet ihr zu Ehren ein Ball statt, um euer neuestes Mitglied willkommen zu heißen.«

Am Ende der Zeremonie jubelte die Menge noch einen Moment, und dann begannen die Höflinge, sich zu zerstreuen.

»Vertraute Cyrene«, sagte König Edric und lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem Tumult ab, »wir müssen mit dir sprechen, bevor du das Schloss verlassen kannst.«

Cyrene blickte zu ihren Eltern hinüber. Strahlend wandten sie sich an die Reihe der Adligen, die ihnen gratulierten. Zwei Vertraute und ein Mitglied des Hohen Ordens in einem Haushalt. Es war fast so, als würde man gut trainierte Pferde züchten.

»Ja, mein König, natürlich.« Sie folgte der königlichen Prozession und betrat einen kleinen Vorraum, der weit vom vorherigen entfernt war.

Ein wuchtiger verschnörkelter Schreibtisch nahm den größten Teil der hinteren Wand ein, und um ihn herum standen mehrere Stühle mit hoher Lehne.

»Setz dich.« König Edric deutete auf die Stühle, während er hinter dem Schreibtisch Platz nahm.

Cyrene ließ sich auf den nächstgelegenen Sitz sinken. Die Königin und ihre Gefährtin setzten sich fließend zu beiden Seiten des Schreibtisches, um sich gegenseitig anzusehen.

»Nach dem heutigen Tag werden deine Sachen in das Quartier der Königin gebracht«, informierte König Edric Cyrene. »Als deine Empfängerin wird Königin Kaliana dafür sorgen, dass alles für deine neue Position als Vertraute vorbereitet wird. Du wirst dich morgen früh bei der Königin melden, um Anweisungen zu erhalten, wie du mit deinem Programm fortfahren sollst. Natürlich bist du auch gegenüber der Gefährtin Daufina verantwortlich, die vielleicht zusätzliche Hinweise hat. Habt Ihr noch Fragen?«

Cyrenes Mund wurde trocken. Sie hatte eine Million Fragen, aber eine war dringlicher als die anderen. »Was ist mit Rhea passiert?«

»Du kannst mit deiner Familie über andere Präsentationen sprechen, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Hast du noch irgendwelche Fragen?«

Sie wollte mehr darüber wissen, was sie nach ihrer Präsentation besprochen hatten und wie sie zu dem Schluss gekommen waren, sie zur Vertrauten zu machen. Wenn sie so lange gebraucht haben, um sich zu entscheiden, weil ich vom Drehbuch abgewichen bin, warum haben sie dann beschlossen, mich zu einer Vetrrauten zu machen? Als sie zwischen Königin Kaliana und Gefährtin Daufina hin- und herblickte, war klar, dass sie nicht einer Meinung waren. Die Gefährtin musste sich für sie und die Königin gegen sie ausgesprochen haben. Das Letzte, was ich will, ist, mir mächtige Feinde zu machen.

Keiner dieser Gedanken war etwas, das sie in Worte fassen konnte. »Nein, mein König«, sagte sie schnell.

»Nun gut. Deine Familie hat Anweisungen für die Feierlichkeiten des Abends«, sagte er. Dann stand er auf. »Herzlichen Glückwunsch, Vertraute Cyrene.«

»Ich danke Euch, mein König.« Sie machte einen tiefen Knicks und verließ den Raum.

Der Ballsaal war nun fast leer, bis auf ihre Familie und ein paar Nachzügler. Sie stieg die Treppe hinunter und stürzte sich auf Reeve.

»Herzlichen Glückwunsch«, jubelten alle.

Reeve umarmte sie fest, er hatte ihren Streit offensichtlich vergessen. Sie wurde von Schwester zu Schwester weitergereicht, bevor sie ihre Eltern erreichte.

»Wir sind so stolz.« Herlana weinte, mit Tränenflecken auf den Wangen.

»Oh, Mutter«, sagte Cyrene.

»Und ein ganzer Ball dir zu Ehren«, murmelte ihre Mutter, als ob das nicht für jedes Mitglied des Hohen Ordens und jede Vertraute gelten würde. »Wir müssen etwas Passendes zum Anziehen für dich finden.«

Cyrenes Familie eilte um sie herum aus dem Ballsaal. Wenn man bedachte, wie verloren sie sich noch vor Kurzem gefühlt hatte, hätte sie nicht glücklicher sein können. Der König hatte sie zu einer Vertrauten gemacht!

Sie näherten sich den Schlosstüren, die sie zu ihren Kutschen führen würden, als Cyrene abrupt vor den regennassen Stufen stehen blieb. »Wo ist Rhea?«

Ihre Familie sah auf den Boden, an die Decke, nach draußen in den Regen – überallhin, nur nicht in ihr Gesicht.

Die Hände von Cyrene begannen zu zittern. »Mutter? Vater? Reeve, Aralyn, Elea … bitte.«

Sie schauten absichtlich weg.

»Sie … sie hat es in die erste Klasse geschafft, richtig?« Ihre Stimme zitterte. Elea trat schließlich vor und nahm Cyrenes Hand in ihre.

Die Tränen, die Cyrene den ganzen Tag zurückgehalten hatte, stiegen ihr in die Augen. »Nein, nein, nein, nein, nein.«

»Sie wurde in die zweite Klasse gewählt«, flüsterte Elea. »Ihr neuer Empfänger ist in Albion.«

»Albion?«, stieß Cyrene hervor. »Bei der Schöpferin, das ist hundert Meilen weit weg!«

Keiner sprach. Jeder wusste bereits, was dies für Cyrene bedeutete.

An einem einzigen Tag hatte sie alles bekommen und doch war ihr der wertvollste Mensch in ihrem Leben entrissen worden.

Als Cyrene nach Hause zurückkehrte, schickte ihre Mutter sie sofort nach oben, um ihr neues Ballkleid anzuprobieren. Sie fragte nicht nach, wie die Näherin, Lady Cauthorn, in der Stadt eine der gefragtesten in ihrem Handwerk, innerhalb eines Nachmittags zu dem Preis, den es ihre Eltern kostete, angeworben worden war.

Cyrene stand einfach steif da, während Lady Cauthorn an ihr herumstocherte, und hörte dem ständigen Geplapper ihrer Familie zu. Sie dachten sicher, dass ihre Worte sie über den Schmerz über den Verlust von Rhea hinwegtrösten würden. Sie redeten davon, wie sie endlich die Stelle bekommen hatte, die sie sich immer gewünscht hatte, wie wichtig ihre künftige Arbeit am Hof sein und wie sehr ihr Leben mit all ihren neuen Pflichten ausgefüllt sein würde.

Sie würde also keine Zeit haben, Rhea zu vermissen – obwohl sie das nie aussprachen.

Wenn sie dachten, dass sie nicht aufpasste, flüsterten ihre Eltern ihr zu, dass sie das überstehen und neue Freunde finden würde, der Schmerz vorübergehen würde, dass dies der Grund sei, warum jeder den Eid der Akzeptanz ablege, und dass die Auswahl der beste Prozess sei, auch wenn es sich jetzt nicht so anfühle. Auch diese Worte waren kein großer Trost.

Da sie ihr nicht viel Leben entlocken konnten, ließen sie sie mit der Näherin allein.

Nach mehreren Stunden intensiver Arbeit der Näherin und zweier ihrer Assistentinnen war ein Kleid entstanden, das der Königin selbst angemessen war.

»Alles erledigt«, sagte Lady Cauthorn. »Schaut mal.«

Cyrene trat steif auf die Kiste vor dem Dreifachspiegel und ihr blieb der Mund offen stehen. Zarteste rote Seide legte sich schmeichelnd über ihre helle Haut. Die dünnen Träger an ihren Schultern mündeten in einen scharfen V-Ausschnitt zwischen ihren Brüsten. Die Rückseite spiegelte die Vorderseite wider und enthüllte die weichen Konturen ihres Rückens. Das Kleid wurde an ihrer schlanken Taille mit einem dicken Band geschlossen, das am unteren Ende der Wirbelsäule gebunden wurde. Von dort aus ergoss sich der seidige Stoff wie ein Wasserfall über ihre schmalen Hüften, bevor er sich zu ihren Füßen auf dem Boden sammelte. Sie hatte noch nie ein so kühnes Design gesehen.

Eines wusste sie ganz sicher. Sie würde heute Abend auf dem Ball für Furore sorgen. »Ich liebe es, Lady Cauthorn.« Cyrene drehte sich langsam um. »Ich würde Euch gerne dafür bezahlen.«

Lady Cauthorn schüttelte den Kopf. Ihr Mund war zu einem strahlenden Lächeln verzogen und ihre Augen leuchteten angesichts ihrer Kreation. »Eure Eltern haben das Kleid in Auftrag gegeben. Sie werden es bezahlen.«

Cyrene rang mit ihrer neu gewonnenen Position: »Als Vertraute werde ich genug verdienen, um die Kosten zu decken.«

»Deine Eltern werden bezahlen«, sagte sie mit Nachdruck.

»Was ist, wenn ich es von meiner Aussteuer bezahle?«

Lady Cauthorn hob die Augenbrauen: »Warum besteht Ihr darauf, zu bezahlen?«

»Ich möchte, dass dies mir gehört und nur mir.«

Die Näherin schien sie direkt zu durchschauen. Sie legte den Kopf schief und musterte sie weiter. Ihre Augen wurden für einen Moment glänzend und wirkten weit weg, dann kehrte sie in die Realität zurück. »Ihr seid für große Dinge bestimmt, Kind.«

»Vielen Dank«, sagte sie automatisch. »Aber in der Sache mit dem Kleid …«

»Das Kleid«, Lady Cauthorn war damit beschäftigt, das Chaos zu beseitigen, das sie hinterlassen hatte, »ist ein Geschenk.«

»Was? Nein. Lady Cauthorn, ich habe das Geld!«

»Kein Problem, Mädchen.« Sie schnippte in Richtung ihrer verblüfften Assistentinnen mit den Fingern und diese setzten sich schnell in Bewegung.

»Das kann ich nicht akzeptieren«, versicherte Cyrene ihr. »Das ist zu viel.«

Lady Cauthorn blickte noch einmal zu ihr auf und lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. Es wirkte fast berechnend. »Ein Geschenk ist eine kostbare Sache. Vielleicht können wir den Preis für das Kleid gegen einen Gefallen tauschen.«

»Ein Gefallen? Das ist alles?«

»Ja. Nur einen Gefallen von dir zu einem Zeitpunkt meiner Wahl.«

»Ich verstehe nicht. Das Kleid muss ein Vermögen kosten. Was ist das für ein Gefallen?«

»Ob teuer oder nicht, du wirst heute nicht dafür bezahlen.« Sie schenkte Cyrene ein breites Grinsen. »Ein Kleid für einen Gefallen. Sind wir uns einig?«

Cyrene nickte ihr verblüfft zu. »Ja, ich stimme zu.«

»Perfekt.« Lady Cauthorn trat vor und befestigte Cyrenes Anstecknadel an ihrer Brust. »Ich werde deinen Eltern mitteilen, dass das Kleid bezahlt ist.«

»Wann werdet Ihr die Gunst einfordern?«

»Wahrscheinlich, wenn du es am wenigsten erwartest. Viel Glück in der Höhle des Löwen.« Lady Cauthorn verneigte sich und verließ dann den Raum.

Cyrene war sich nicht sicher, was sie von dem ganzen Gespräch halten sollte. Sie wusste nur, dass sie in der Schuld von Lady Cauthorn stand, und sie war sich nicht ganz sicher, ob das etwas Gutes war.

Cyrene verstaute ihren Präsentationsbrief in einer Falte des Kleides. Es war das Einzige, was sie heute Abend mitnehmen würde. Sie berührte ein letztes Mal die Wand des Schlafzimmers, bevor sie dessen Gemütlichkeit hinter sich ließ. Sie war kein kleines Mädchen mehr. An ihrer Stelle stand eine Frau, die ein neues Leben als Palastadlige beginnen würde.

Sie neigte das Kinn und stieg die Treppe hinunter in ein leeres Foyer. Ihre Finger fuhren an der Anstecknadel mit der Kletterranke entlang, die am Mieder des Kleides befestigt war, und ein Zittern der Aufregung durchlief sie. Sie konnte nicht glauben, dass sie zur Vertrauten ernannt worden war, zumal Rhea nicht die gleiche Ehre zuteilgeworden war.

Cyrene versuchte, die deprimierenden Gedanken zu verdrängen, öffnete die Haustür und blickte hinaus auf die Kopfsteinpflasterstraße hinter ihrem Haus. Ein leichtes Rinnsal von Regen fiel immer noch vom Himmel. Sie atmete die kühle, taufrische Luft ein.

Der beruhigende Geruch erinnerte sie sehr an die verregneten Jahreszeiten ihrer Kindheit, zum Beispiel an die Zeit, als sie einen Jungen auf dem Stallhof geküsst hatte, um Rhea zu beweisen, dass sie keine Angst hatte. Nachdem sie erwischt worden war, hatte sich Rhea in ihr Zimmer geschlichen und ihr das Abendessen gebracht. Sie hatten darüber gekichert, bis sie nach Hause gehen musste.

Cyrene lachte, aber in dem Glucksen lag auch ein Hauch von Traurigkeit und Verzweiflung. Sie würden nie wieder diese Kinder sein.

In diesem Moment trat Rhea aus dem Schatten. »Was ist so lustig?«

Cyrene erschrak über das plötzliche Auftauchen ihrer Freundin. »Rhea!« Sie eilte aus dem Türrahmen auf die überdachte Veranda.

Rhea wich vor ihr zurück. »Du wirst dein Kleid ruinieren!« Sie hatte ein viel einfacheres Kleid angezogen, mit ihren schweren Regenstiefeln und einem Umhang, der ihren Kopf bedeckte, aber sie war immer noch von Kopf bis Fuß nass.

»Warum bist du klatschnass?«, fragte Cyrene. »Du wirst dich bestimmt erkälten.«

»Ich habe mich rausgeschlichen.« Sie zog ihren durchnässten Mantel aus und hängte ihn an einen Nagel. Ihr langes rotes Haar hing ihr den Rücken hinunter. Die Spitzen waren feucht und die Strähnen um ihr Gesicht herum hatten sich zu Kräuseln geformt.

»Und was? Du bist hierher gelaufen?«

»So weit ist es nicht. Ich konnte nicht riskieren, erwischt zu werden, und ich konnte nicht gehen, ohne dich zu sehen.«

»Ich wäre ja zu dir gekommen, aber sie haben mich nicht aus den Augen gelassen.«

»Ich weiß.« Rheas Stiefel knirschten, als sie von einem Fuß auf den anderen trat. »Aber wir haben uns versprochen, dass wir uns unsere Briefe zeigen, und ich dachte, du hättest eine Ahnung, was meiner bedeutet.«

Cyrenes Lächeln wurde breiter. Sie hatte das Gleiche über Rhea gedacht.

Das einzige Problem war, dass Aralyn gesagt hatte, Cyrene dürfe niemandem von dem Brief erzählen – außer anderen Vertrauten, Mitgliedern des Hohen Ordens und dem Königshaus.

Cyrene biss sich erschrocken auf die Lippe. »Hat dir dein Berater gesagt, du sollst nicht darüber reden?«

Rhea sah sie mit einem Spiegelbild der Angst im Gesicht an und zuckte dann mit den Schultern. »Werden wir jetzt anfangen, auf andere Leute zu hören?«

»Natürlich nicht.« Cyrene holte ihr Papier aus dem Kleid und tauschte es gegen das von Rhea aus.

Als Cyrene den Brief von Rhea las, zog sie die Augenbrauen zusammen. Rheas Brief machte nicht mehr Sinn als Cyrenes eigener, in dem es darum ging, denen zu helfen, denen nicht geholfen werden kann, sich einer aussichtslosen Sache zu unterwerfen und angesichts ihrer größten Angst entschlossen zu bleiben.

Der ausdruckslose Blick von Rhea reichte aus, um Cyrene davon zu überzeugen, dass keiner von ihnen wusste, was er von diesen Karten halten sollte.

»Wie bringen wir Licht in dieses Kauderwelsch?« Rhea reichte Cyrene ihren Brief zurück, wahrscheinlich hatte sie die Zeilen bereits auswendig gelernt.

»Studium, Reisen …«

»Nein, Cyrene. Wie sollen wir das ohneeinander lösen?« Ihre Stimme zitterte. Sie ließ ihren Blick über den Rasen schweifen.

»Ich weiß es nicht, Rhea.« Cyrenes Herz hämmerte in ihrer Brust. »Wa-was ist passiert? Ich meine, bei deiner Präsentation?«

Die normalerweise weichen Linien von Rheas ovalem Gesicht verhärteten sich. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten an ihren Seiten. »Nichts Besonderes. Wir haben die Zeremonie wie geplant durchgeführt, als hätten wir stundenlang geprobt. Ich wüsste nicht, wie ich es hätte besser machen können. Wie war es bei dir?«

Cyrene seufzte auf die Frage hin. »Ich bin vom Drehbuch abgewichen und … habe mit dem König geflirtet.«

»Du hast was getan?«, fragte Rhea ungläubig.

»Ich weiß. Ich dachte, ich würde in die Dritte Klasse beordert werden, Rhea. Ich weiß nicht, warum er mich ausgewählt hat«, sagte sie und breitete ihre Hände flach vor sich aus.

»Nun, ich schon«, sagte Rhea. »Du bist brillant und schön und eine treue Freundin. Du hast es verdient, Cyrene.«

Sie errötete bei diesem Kompliment. »Hat der König dir gesagt, warum du Zweite … ähm, in die Zweite Klasse berufen wurdest?«

»Nein«, sagte sie mit belegter Stimme. »Das hat er ganz sicher nicht getan. Ich habe versucht, ihn zu fragen, aber er hielt sich mit zeremoniellem Gerede über den Aufnahmeschwur und das Verfahren auf. Wie auch immer, Ende der Woche bin ich auf dem Weg nach Albion, um für meinen neuen Empfänger Meister Caro Barca zu arbeiten.«

»Warum kommt mir der Name bekannt vor?«

»Er ist ein Erfinder, angeblich ein Genie.« Sie winkte abschätzig mit den Händen. »Er studiert militärische Entwicklung und Strategie und arbeitet an einigen neuen Waffenplänen. In der spärlichen Literatur, die ich über ihn finden konnte, klingt er wie ein Verrückter. Aber ich konnte nicht viel finden und König Edric hat sich kaum geäußert.« Sie ließ die Schultern sinken.

»Haben wir nicht von Meister Barca gelesen?«, fragte Cyrene.

»Ich erinnere mich nicht an den Namen.«

»Bist du sicher? Hat er nicht die Explosiven erfunden?« Cyrene war sich ziemlich sicher, dass sie sich da an ihn erinnerte. Einer ihrer Tutoren war fasziniert gewesen von etwas, das allein durch das Anzünden einer Lunte leuchtende Farben am Himmel erzeugen konnte. Der Erfinder hatte sein Geheimnis nie preisgegeben.

Rheas Augen leuchteten in dem schwindenden Licht. »Cyrene, du hast recht! Wie konnte ich das nur vergessen? Ich verstehe nichts von Explosiven, aber ich bin mir sicher, dass Meister Barca der Erfinder ist.« Sie warf spöttisch die Hände hoch und begann vor sich hin zu murmeln. Nach einem Moment drehte sie sich wieder zu Cyrene um und sah sie erschrocken an: »Bei der Schöpferin, ich werde mit Magie in Kontakt kommen!«

Cyrene brach in Gelächter über die unverschämte Aussage ihrer Freundin aus. »Nun fantasierst du, Rhea Analyse! Du wirst bei deiner Arbeit mit Meister Barca sicherlich viel Wissen erlangen, aber Magie? Magie existiert nicht! Ich bin sicher, für die Explosiven gibt es eine ganz logische Erklärung, die du mir verraten musst, sobald ich nach Albion reisen darf.«

»Sobald du darfst?«

»Ich werde nicht einen Tag warten. Du bist meine beste Freundin, Rhea.«

Nach einem Moment strich Rhea über die runde Anstecknadel an Cyrenes Kleid.

»Dann bist du also wirklich eine Vertraute? Du hast die glücklichste Familie der Stadt.«

Cyrene empfand die Erwiderung wie einen Schlag ins Gesicht. Sie wollte mehr als alles andere eine Vertraute sein, um zu reisen und Abenteuer zu erleben, aber sie hatte sich das immer mit ihrer besten Freundin an ihrer Seite vorgestellt.

»Du wirst sie alle in den Schatten stellen, Cyrene«, sagte Rhea. In ihrer Stimme war keine Bosheit zu hören.

Rhea lächelte schwach und begann dann, eine Vorgehensweise für die Lösung der Briefe zu diktieren. Cyrene hörte sich Rheas Plan an und wünschte sich verzweifelt, trotz aller Unwägbarkeiten daran zu glauben.

»Versprich mir, dass du Zeit für die Recherche findest«, sagte Rhea, als hätte sie Cyrenes pessimistische Gedanken gelesen.

»Ich verspreche es.«

»Gut. Ich verspreche es auch. Egal, was passiert.«

Jemand rief Cyrenes Namen aus dem Inneren des Hauses.

Rheas Blick wanderte nervös zur offenen Haustür und sie nahm ihren Mantel von dem Haken, an dem er zum Trocknen hing: »Ich muss gehen.«

»Ich hab dich lieb, Rhea.«

»Ich dich auch.«

»Wir sehen uns bald wieder«, versprach sie.