The Bound - K. A. Linde - E-Book

The Bound E-Book

K. A. Linde

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Beschreibung

Cyrene Strohm ist eine Vertraute der Königin, eine hochrangige Beamtin am Hof von Byern, mit Macht und Privilegien im Überfluss. Aber sie ist auch die Hüterin gefährlicher Geheimnisse: Sie besitzt das Herz des Königs und Magie in einer Welt, in der es keine Magie mehr geben dürfte. Entschlossen, herauszufinden, was dies bedeutet und wie sie ihre neu entdeckten Fähigkeiten einsetzen kann, macht sich Cyrene auf den Weg in das ferne Land Eleysia. Eine Inselnation, deren Betreten den Vertrauten strengstens untersagt ist. Doch die Reise ist gefährlich und das Ziel könnte den völligen Ruin bedeuten, als Cyrene erfährt, dass alles, was ihr ihr ganzes Leben lang erzählt wurde – über ihren Hof, ihre Heimat und sogar über sie selbst –, Teil einer wunderschönen Lüge ist.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 604

Veröffentlichungsjahr: 2025

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The Bound
Impressum
AUSSPRACHEHILFE
WAS BISHER GESCHAH ...
Danksagung
Über die Autorin

K.A. Linde

The Bound

Ascension-Reihe

(Band 2)

Übersetzt von Sandy Brandt

Impressum

The Bound

(Ascension Reihe)

Copyright © 2016. THE BOUND by K.A. Linde

The moral rights of the author have been asserted

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel

“The Bound (Ascension Book 2)”

Vermittelt durch: Brower Literary & Management, Inc.,

13720 Old St. Augustine Rd., Ste 8-512, Jacksonville, FL 32258, USA

Copyright der deutschen Ausgabe © 2025 The Bound

by VAJOSH Verlag GmbH

Druck und Verarbeitung:

FINIDR, s.r.o.

Lípová 1965  

737 01 Český Těšín

Czech republic

Übersetzung: Sandy Brandt

Korrektorat: Désirée Kläschen und Susann Chemnitzer

Umschlaggestaltung: Stefanie Saw

Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz

VAJOSH Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH

Für Meera und Kiran,

dafür, dass ich euch fiktionalisieren durfte.

AUSSPRACHEHILFE

Ahlvie Gunn: Al-vee Gun

Aralyn Strohm: Air-uh-lin Strahm

Aonia: A-own-yuh

Aurum: Are-um

Avoca: Ah-vok-uh

Barkeley Iolair: Bark-lee I-o-lar

Basille Selby: Bah-seal Sel-bee

Braj: Brahj

Byern: By-urn

Caro Barca: Car-o Bars-uh

Ceis’f: See-es-ef

Creighton Iolair: Cray-tun I-o-lar

Cyrene Strohm: Sah-reen Strahm

Daufina Birket (Gefährtin): Daw-feen-uh Bur-ket

Edric Dremylon (König): Edge-rick Drem-lin

Elea Strohm: El-ya Strahm

Eleysia: El-a-see-uh

Emporia: Em-por-ee-uh

Eren: Air-en

Haenah de’Lorlah: Han-uh d-Lor-luh

Haille Mardas: Hayl Mar-dus

Huyek-Fluss: Hoo-yik

Indres: In-Dress

Jardana: Jar-don-uh

Jestre Farranay: Jest-ray Fair-uh-nay

Jesalyn Dremylon Iolair: Jess-uh-lin Drem-Lin I-o-lar

Kael Dremylon (Prinz): Kayl Drem-lin

Kaliana Dremylon (Königin): Kal-ee-ah-nuh Drem-lin

Keylani-Fluss: Key-lahn-ee

Krisana (Schloss Albion): Kris-on-uh

Leif: leef

Maelia Dallmer: May-lee-uh Dal-Mer

Mathilde: Muh-tild

Nit Decus (Schloss Byern): Nit Dake-us

Reeve Strohm: Reev Strahm

Rhea Gramm: Ray Gram

Serafina (Domna): Ser-uh-feen-uh

Shira: Scher-uh

Vera: Veer-uh

Viktor Dremylon: Vick-ter Drem-lin

WAS BISHER GESCHAH ...

Cyrene Strohm wird am Tag ihrer Präsentation zur Vertrauten der Königin gewählt – eine der höchsten Ehren im Königreich Byern. Damit ist sie ein Teil der Ersten Klasse, die hohes Ansehen genießt. Doch bald schon wird ihr klar, dass hinter dem höfischen Glanz ein Netz aus Geheimnissen und Intrigen lauert. Noch in den ersten Tagen am Palast wird ihr ein rätselhafter Brief zugespielt, begleitet von einem geheimnisvollen Buch, das offenbar nur sie entziffern kann. Während sie versucht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, verdichten sich dunkle Zeichen: Mord, Verschwörung und ein wachsender Verdacht, dass verbotene Magie im Spiel ist.

Cyrene gerät zunehmend zwischen die Fronten politischer Machtspiele – und in die Nähe von König Edric, der nicht nur durch seine Position, sondern auch durch seine Ausstrahlung anziehend auf sie wirkt. Zwischen ihnen entsteht eine Verbindung, die ebenso gefährlich wie tief ist, denn der König ist an die Königin gebunden, und jedes Gefühl, das über Loyalität hinausgeht, könnte alles zerstören. Doch auch Prinz Kael erregt ihre Aufmerksamkeit, aber Cyrene ahnt, dass er eine dunkle Seite besitzt.

Ihre beste Freundin Rheawurde in die Dritte Klasse versetzt und arbeitet mit ihrem Meister an gefährlichen Explosiven. Ahlvie, ein Mitglied des hohen Ordens, ist zunächst ein Verdächtiger in den Mordfällen, wird aber entlastet und erweist sich als treuer Freund, ebenso wie Maelia, die ebenfalls eine Vertraute ist. Gemeinsam mit ihnen beginnt Cyrene zu verstehen, dass das Buch, das sie erhalten hat, Teil eines größeren, magischen Erbes ist – ein Erbe, das sie mit der unterdrückten magischen Vergangenheit ihres Landes verbindet. Sie erkennt ihre eigenen magischen Kräfte und ihre Verbindung zu der Domna Seraphina, die einstige gestürzte Herrscherin des Landes.

Als Cyrene erkennt, dass ihre magischen Kräfte sie in Gefahr bringen, flieht sie aus Byern. Sie muss Edric hinter sich lassen, um die Meister Doma Matild und Vera aufzuspüren. Sie verschleiert ihre Flucht als Entführung, aber hat die Rechnung ohne Kael gemacht, der ganz genau weiß, was wirklich geschehen ist …

Jardanas Körper brummte vor Siegessicherheit.

Seit sie in ihre Zimmer zurückgekehrt war und einen an sie gerichteten Brief von Prinz Kael in ihrem Geheimcode vorgefunden hatte, wusste sie, dass heute die Nacht der Nächte war. Alles würde sich zwischen ihnen ändern. Ihre kleine Tändelei hinter den Kulissen hatte lange genug gedauert. Es war an der Zeit, es offiziell zu machen.

Sie war eine Vertraute von Byern und wurde zu einer der angesehensten Frauen im ganzen Land erzogen. Und nicht nur das, sie war auch in der Lage, zu regieren. Sie war bereits stellvertretende Direktorin für innere Angelegenheiten Ihrer Majestät, Königin Kaliana. Bald würde sie von der Assistentin zur eigentlichen DIA der Königin selbst aufsteigen. Die rechte Hand der Königin. Ihre engste Vertraute.

Und wenn die Dinge so liefen, wie sie es heute Abend vermutete, würde sie das sogar noch übertreffen und eine Herzogin werden, die über ganz Albion herrschen würde, während ihr Mann in der Thronfolge an zweiter Stelle stünde. Daran könnte sich eine Frau gewöhnen.

Sie zog die Kapuze des schwarzen Mantels tief in ihre Stirn. Die Nachricht war eindeutig gewesen: Sie durfte nicht gesehen werden. Schon vor langer Zeit hatte sie mehr als einen Weg gefunden, um das Schlossgelände zu betreten und zu verlassen, bei dem sie niemand aufhalten würde. Selbst in schlimmen Zeiten wie jetzt, nachdem Mitglieder der Vertrauten und des Hohen Ordens ermordet worden und diese lästige Cyrene verschwunden war.

Jardana glaubte, dass Cyrene nur versuchte, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, als ob das vorgetäuschte Interesse des Königs nicht genug wäre. Sie rümpfte die Nase bei diesem Gedanken. Nein, König Edric interessierte sich nicht wirklich für dieses Mädchen. Das war der Grund, warum Cyrene überhaupt verschwunden war.

Jardana rollte mit den Augen. Der Gedanke an Cyrene brachte sie zur Weißglut. Wenigstens würde sie nach heute Abend nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Der Weg zu ihrem Treffpunkt war nicht weit, aber sie hielt sich im Schatten auf und mied Menschen. Wenn Kael einen privaten Antrag wollte, würde sie ihm gerne entgegenkommen.

Sie ging an einer Frau in einer schmutzigen Kutte vorbei, die beim Anblick von Jardana einen Sprung nach hinten machte.

»Geh aus dem Weg«, schnauzte Jardana gereizt.

Die Frau machte einen hastigen, ungeschickten Knicks. »Verzeiht mir, Miss.«

»Kennst du deine Bessergestellten nicht? Ich bin eine Vertraute, keine einfache Bürgerin.«

Ihre Augen weiteten sich. »Verzeiht mir. Ich wollte Euch nicht beleidigen, Vertraute.«

Jardana funkelte die Frau an: »Ihre Majestät wird davon erfahren.«

Und dann schritt sie davon, hörte sich das Flehen der Frau an und lachte dunkel vor sich hin.

Sie erreichte das abgelegene Gebäude, das Kael in seinem Brief erwähnt hatte.

Sie hatte ihn auswendig gelernt, bevor sie ging, und anschließend prompt im Kamin verbrannt. Keiner sollte erfahren, was geschehen würde.

Als sie sich der Tür näherte, tippte sie den Geheimcode ein – dreimal tippen, Pause, einmal tippen, Pause, einmal tippen, warten.

Die Tür öffnete sich knarrend, Jardana eilte ins Haus und schloss sie hinter sich. Sie schlug die Kapuze ihres Umhangs zurück und betrachtete den Raum. Er war völlig leer, kein einziges Kunstwerk an den Wänden, kein einziger Stuhl im Raum, nicht einmal ein Fetzen Teppich, der den Steinboden auflockerte. Es war trostlos.

Warum sollte er ihr hier einen Antrag machen wollen?

»Jardana, bist du das?«, rief Kael.

Sie drehte sich in Richtung eines schmalen Ganges und folgte seiner Stimme: »Ja, ich bin es.«

»Gut. Du bist gekommen.«

»Natürlich.«

Sie ging den Korridor hinunter, betrat den offenen, von Kerzenlicht durchfluteten Raum und blieb stehen. Ein Holztisch stand in der Mitte, darauf lag ein kleines Buch. Als Kael sich umdrehte und auf die Seiten starrte, schien sich die Luft im Raum mit ihm zu verändern. Sie hatte ein unheimliches Gefühl, das sie nicht genau zuordnen konnte.

»Du wolltest mich sehen?«, fragte sie und verlor etwas von ihrem Übermut.

»Ja. Mach die Tür hinter dir zu.«

Jardana schluckte, schloss die Tür und trat an seine Seite. »Was liest du da?«

»Ein Buch, das mir mein Vater hinterlassen hat.«

»Ich wusste nicht, dass König Maltrier dir etwas vermacht hat«, sagte Jardana. »Was steht darin?«

»Eine Menge Dinge, die für das Land sehr wichtig sind.«

»Hat König Edric es gesehen?«

Das war die falsche Frage. Kael hob den Kopf und sah sie an, seine Augen waren wie Gewitterwolken. Seine Pupillen weiteten sich, und er sah wütend aus. Sie hätte es besser wissen müssen. Sie wusste, wie sehr Kael seinen Bruder verachtete. Er war der Auserwählte, zur Größe geboren, dem alles auf dem Silbertablett serviert wurde, während Kael im Hintergrund warten musste, von seinen Altersgenossen verachtet wurde und sich abmühte, in die Fußstapfen seines Bruders zu treten.

»Edric war nicht immer der goldene Sohn«, knurrte Kael. »Einst hat mein Vater mich über alle anderen gestellt … über Edric. Er hinterließ mir das Wertvollste, was er besaß, und heute werden wir sehen, wie seine Pläne in Erfüllung gehen.«

Jardana lächelte boshaft. Sie liebte es, wenn er auf diese Art sprach. »Ja«, sagte sie ihm, »zusammen werden wir die Welt erobern.«

»Das werden wir ganz sicher«, sagte er mit diesem charmanten Lächeln, das sie nur zu gut kannte.

Er streckte die Hand aus und zog sie an sich heran. »Du vertraust mir?«

»Ohne Frage«, sagte sie.

Gemeinsam würden sie die Welt regieren. Sie würde seine Königin sein, an seiner Seite sitzen, gleich nach der richtigen Königin. Ihr Ehrgeiz war noch nie so groß gewesen wie in diesem Moment. Sie konnte es praktisch schmecken. Sie würde auf dem goldenen Thron sitzen und auf all die wertlosen Bürger herabblicken. Sie würde das volle Kommando über die Vertrauten haben und diese würden ihr Gebot und nur ihr Gebot ausführen. Dafür war sie geboren worden. Ihre Mutter hatte immer gesagt, dass sie die Erhabenste sein würde.

»Dann müssen wir eins werden«, hauchte er an ihrem Hals.

Sie konnte das Keuchen nicht unterdrücken. Endlich. »Ja. Oh, Kael, ja.«

Das Messer stieß so schnell in ihren Rücken, dass sie es nicht kommen sah. Es traf sie so präzise, dass sie nicht einmal die Chance hatte, zu schreien, genau wie er es geplant hatte. Blut strömte aus der Wunde, durchtränkte Kaels Hände und tropfte auf den Steinboden.

»Für dich, Vater«, sagte er. Dann sang er die Worte, die seine Vorväter vor ihm gesungen hatten, was in der alten Sprache bedeutete: »Ein Leben, freiwillig gegeben. Macht, freiwillig angenommen. Entnommen aus dir. Gib dich mir hin. Wirf das Licht ab und stürze dich in die Dunkelheit. Ich ergebe mich.«

Als das Leben Jardanas einst pulsierendem Körper entwich, nahm Kael die Lebenskraft für sich in Anspruch. Es gab keine größere Kraft auf der Erde als die Macht, die er aus Fleisch und Blut beanspruchte. Die über die Jahre so tief verwurzelte Verbindung zu ihr verstärkte die weißglühende Kraft nur noch, die ihm nun zur Verfügung stand.

In diesem Moment, als die Kraft seinen Körper durchflutete, verstand er endlich, warum sein Vater seine Mutter ermordet hatte.

Cyrene Strohms Körper schmerzte an jeder einzelnen Stelle.

Sie stieg von ihrer stolzen gescheckten Stute, Ceffy, ab und kam auf die Füße. Ihre Knie knickten fast unter ihr ein und sie versuchte den steifen Muskelkater abzuschütteln, den das tägliche Reiten verursacht hatte. Sogar ihre Finger waren verkrampft, weil sie die Zügel so fest umklammert hatte.

Sie zog ihre Tasche von Ceffys Sattel und bereitete ihr Pferd auf einen weiteren langen Tag vor. Ihre Hand griff in die Tasche, bevor sie zu ihren Füßen auf den Boden fiel. Sie nahm die goldene Anstecknadel von Byern aus der Tasche und fuhr liebevoll mit den Fingern über ihre Ranken. Es war das Zeichen einer Vertrauten, der höchsten Position im Lande, abgesehen vom Königtum. Es schmerzte sie, die Anstecknadel nicht mehr zu tragen, aber sie und ihre Gefährten waren sich einig, dass sie zu leicht zu erkennen wäre. Also lag sie versteckt in ihren Sachen.

Cyrene unterdrückte ein Gähnen und hielt sich den Mund zu, um die Erschöpfung zu überspielen. Das Letzte, was sie wollte, war, dass jemand ihre Müdigkeit sah. Sie war es gewesen, die ihre Freunde – Maelia Dallmer, Ahlvie Gunn und Orden Dain – davon überzeugt hatte, aus ihrer Heimat Byern zu fliehen. Sie war also diejenige, die auf dieser Reise stark bleiben musste, egal, welche Schwierigkeiten ihr in den Weg gelegt wurden.

Schon als Kind hatte sie davon geträumt, Abenteuer zu erleben und die Welt zu bereisen. Sie hatte nur nicht erwartet, dass das Abenteuer so anstrengend sein würde.

Maelia zog das Packpferd über die offene Lichtung und begann sofort mit dem Aufbau des Lagers. Orden kundschaftete die hügeligen Straßen weit voraus aus. Ahlvie hatte sein Pferd Belgar bereits angebunden und sammelte Feuerholz. Sie waren nun schon seit ein paar Wochen auf der Flucht und hatten sich eine Routine angewöhnt.

»Cyrene«, sagte Maelia und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich, »sollte Ahlvie nicht schon zurück sein?«

»Schon? So lange ist er noch nicht weg«, sagte sie.

Doch dann fiel ihr Blick auf den Stand der Sonne und sie runzelte die Stirn.

»Ich möchte nicht, dass er zu weit draußen ist, wenn Orden weg ist und die Wachen hinter uns her sind.«

»Ich werde ihn finden. Mach dir keine Sorgen.«

»Nimm das mit.« Maelia zeigte auf ein schweres Breitschwert, das an Ceffys Seite hing.

Cyrene sah das Schwert verächtlich an: »Ich bin nur eine Minute weg.«

»Ich würde mich besser fühlen, wenn du es bei dir hättest«, sagte Maelia.

Das Schwert war eine unglückliche Notwendigkeit. Die Gruppe hatte Albion, zweitgrößte Stadt ihres Heimatlandes Byern, problemlos verlassen. Bis irgendjemand bemerkt hatte, dass sie weg waren, hatte Cyrene gedacht, es würde so bleiben.

Oh, wie falsch ich doch lag.

Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass König Edric Dremylon von Byern glaubte, Cyrene sei entführt worden, und für ihre Rückkehr war eine hohe Belohnung ausgesetzt. Selbst wenn sie Edric sagen könnte, dass sie nicht entführt worden, sondern geflohen war, um ihre Mission zu erfüllen, nach Eleysia zu gelangen und herauszufinden, wie sie ihre magischen Kräfte einsetzen konnte, würde niemand ihre Geschichte glauben. Ganz zu schweigen davon, dass alle, auch sie selbst, noch vor ein paar Monaten gedacht hatten, Magie sei nichts weiter als ein Mythos.

Aber Magie war mehr als ein Mythos. Nach einer Nahtoderfahrung, bei der sie einem tödlichen Braj gegenübergestanden hatte, hatten sich ihre Kräfte manifestiert, und obwohl sie in den König verliebt war, war es eine Notwendigkeit gewesen, Byern zu verlassen. Edric hätte sie niemals gehen lassen, wenn er die Wahrheit gekannt hätte … über irgendetwas davon. Es war also zum Teil ihre Schuld, dass er glaubte, sie sei entführt worden, und nun war ihre Abreise aus Byern zu einem Versteckspiel mit den Gardisten geworden.

Cyrene musste bei Maelias Vorschlag das Gesicht verzogen haben, denn diese warf ihr einen strengen Blick zu.

»Die Sonne geht unter und der Verborgene Wald ist bekanntlich gefährlich. Du hast die nächtlichen Geräusche gehört. Seltsames, unmenschliches Heulen und unheimliche, schlurfende Geräusche.« Maelia schauderte bei dem Gedanken. »Nimm es einfach.«

Maelia hatte die Angewohnheit, Cyrenes Proteste zu ignorieren. Auch wenn das Schwert unhandlich war, hatte sich Maelia an eine Welt gewöhnt, in der ein Schwert die beste Verteidigung war. Also band Cyrene das Schwert von Ceffys Seite los und schnürte es an ihr schlichtes blaues Kleid. Es zog an ihrer Taille und sie beugte sich leicht nach rechts, um es zurechtzurücken.

»Na, also.«

»Danke«, sagte Maelia. »Pass auf dich auf.«

Cyrene knirschte mit den Zähnen und machte sich auf den Weg.

Nach der ersten Woche, in der sie ziellos durch die Wälder gewandert war, hatte sie ihre Eltern dafür verflucht, dass sie ihr keine richtige Ausbildung in Sachen Fährtenlesen, Positionsbestimmung und anderen so wichtigen Dingen gegeben hatten. Sie hatte gedacht, dass alles, was sie wissen musste, in Büchern zu finden sei. Aber das einzige Buch, das sie mitgebracht hatte, enthielt einen Text, den nur sie sehen und lesen konnte. Es war ein Rätsel, eingewickelt in ein Mysterium.

Während sie dem offensichtlichsten Weg durch die Bäume folgte, suchten ihre Augen den immer dunkler werdenden Himmel ab. Sie musste ein Feuer machen, bevor sie alles Licht verloren. Ihr Magen knurrte lauter als diese seltsamen Geräusche.

Ein Stimmengewirr ertönte in den Bäumen in der Nähe und Cyrene versteckte sich eilig hinter einem großen Busch. Mit zitterndem, tiefem Atem spähte sie um die Ecke.

Sechs Byern-Wachen waren in voller Rüstung. Jeder hatte einen Helm unter den Arm geklemmt. Der Mann, der gerade sprach, trug die königlichen Farben seines Heimatlandes mit einem Federbusch aus grünen und goldenen Federn, die von der Spitze seines Helms abstanden, das verräterische Zeichen eines Hauptmanns der königlichen Garde.

»Du bist sicher, dass du jemanden aus dieser Richtung kommen sahst?«, fragte der Hauptmann.

»Sicher, Hauptmann«, antwortete die Wache sofort.

»Also, wo sind sie?«

»Sir, wir haben Rorick und Naelan losgeschickt, um das Gebiet abzusuchen. Sie können nicht weit gekommen sein«, sagte ein anderer Mann.

Nicht sechs Wachen.

Acht.

Acht gegen vier, wobei zwei meiner Freunde fehlen, und ich bin nicht in der Lage, eine Waffe richtig zu benutzen. Jetzt wäre es an der Zeit, dass ich meine Magie einsetzen kann.

»Ich mag diese Wälder nicht. Wenn wir bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht wissen, wohin wir wollen, schlagen wir unser Lager auf«, sagte der Hauptmann. »Nicht weit von hier, auf der anderen Seite der Wiese, gibt es einen kleinen Bach. Wir treffen uns dort. Und jetzt los.«

Cyrenes Herz hämmerte in ihrer Brust. Orden hatte gesagt, dass die Wachen, die sie verfolgten, dichter kamen, aber sie hatte nicht gedacht, dass es so dicht sein würde. Sie musste zurückkehren und Maelia warnen. Sie wusste nicht, wo Ahlvie und Orden waren, aber sie musste tun, was sie tun musste.

Als der Hauptmann sein Pferd von ihr weglenkte, atmete sie schwer aus. Sobald er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, rannte sie zurück zu Maelia. Das Adrenalin pumpte durch ihren Körper und beschleunigte ihre Schritte.

Sie schlich auf Zehenspitzen um den nächsten Baum herum und achtete darauf, nicht in die Lichtung zu stürmen, falls die Gardisten Maelia bereits gefunden hatten. Aber Maelia stand dort mit ihrem Schwert in der Hand und schwang es mühelos hin und her, während sie über den Rasen schritt.

Cyrene betrat ihr Lager, als Ahlvie auf die Lichtung stürmte. Er ließ das wenige Feuerholz, das er noch in seinen Armen hielt, fallen.

»Wachen«, würgte er hervor. »Überall.«

»Was?« Maelia quiekte und packte ihr Schwert fester.

»Es wimmelt nur so von ihnen im Wald. Ich weiß nicht, wie viele es sind, aber ich bin zwei von ihnen knapp entkommen.«

»Ich habe sie auch gesehen«, sagte Cyrene. »Ich habe sechs gesehen und sie sagten, die beiden, die du gesehen hast, seien auf Patrouille. Also acht von ihnen und einer ist ein Hauptmann.«

Maelias Gesicht erblasste. »Ein Hauptmann?«

»Schöpferin!«, sagte Ahlvie. Er spuckte auf den Boden.

»Hast du Orden gefunden?«, fragte Cyrene Ahlvie.

»Nein. Er war noch am Auskundschaften. Ich weiß nicht, wie er die Wachen übersehen konnte. Sie sind direkt an uns dran.«

»Wir werden ohne ihn auskommen müssen.«

Der Blick, den Ahlvie und Maelia tauschten, war ihr nicht entgangen. Sie wusste genauso gut wie sie, dass Orden der einzige Grund dafür war, dass noch keiner von ihnen gefasst worden war. Er war ein ausgezeichneter Fährtenleser und schien diese Wälder wie seine Westentasche zu kennen.

»Ob mit oder ohne ihn, es ist klar, dass wir hier nicht bleiben können«, sagte Ahlvie.

»Einverstanden«, sagte Maelia.

»Ich habe gehört, wie sie sagten, dass sie ihr Lager auf der anderen Seite des Baches, westlich von hier, aufschlagen würden, wenn sie bis zum Einbruch der Nacht nichts gefunden hätten.«

Sie schaute auf die Sonne, die über dem Horizont schwebte. Die Nacht würde früh genug kommen.

»Ahlvie, du weißt besser als ich, ob es möglich ist, uns unbemerkt von hier wegzubringen«, sagte Cyrene.

Er kannte sich in den Wäldern besser aus als jeder von ihnen. Seine Familie stammte aus einem kleinen Dorf der Dritten Klasse, Fen, ein paar Meilen nördlich der nördlichsten Stadt des Landes, Levin. Die Taken Mountains gingen in ein Vorgebirge über und sein Dorf war von einem Wald umgeben. Er hatte gesagt, dass es nicht mit der Größe des Verborgenen Waldes zu vergleichen war, aber es war ganz sicher besser als Cyrenes Herkunft aus der Ersten Klasse mit angegliederten und hochrangigen Eltern oder Maelias Leben in der Zweiten Klasse, deren Eltern zwei Hauptmänner der Garde waren.

»Wir wären leichte Beute«, sagte er ihnen. »Wir hätten mehr Glück, wenn wir uns verstecken und vor Tagesanbruch verschwinden würden. Das sollte Orden genug Zeit geben, um zurückzukehren. Ich will ihn nicht zurücklassen.«

»Dann werden wir das tun. Maelia, fang an zu packen, falls wir fliehen müssen. Ahlvie, such dir etwas, das du als Deckung benutzen kannst. Ich würde die Pferde lieber nicht bewegen. Das würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Wir stellen eine Wache auf und ich übernehme die erste Schicht. Ihr zwei seid besser mit dem Schwert, falls es zu einem Kampf kommt, also solltet ihr euch ausruhen.«

Ohne sich zu beschweren, traten sie sofort in Aktion.

Ahlvie kehrte mit etwas Laub und Zweigen zur Tarnung zurück. Die Pferde waren durch einen großen Baum und ein Gebüsch verdeckt, das musste erst mal reichen. Ahlvie wählte einen Platz in der Nähe der Lichtung, um dort bis zum Sonnenuntergang zu warten.

Keiner sagte ein Wort. Sie kauerten sich zusammen und hofften auf das Beste. Es war schon eine lange Reise gewesen und sie hatten noch zu viel vor sich, um jetzt aufzugeben.

Ein Geräusch im Wald rechts von ihnen machte sie darauf aufmerksam, dass sich jemand näherte. Sie atmeten scharf ein. Durch eine kleine Öffnung im Geäst konnte Cyrene den schweren schwarzen Stiefel sehen, der auf die Lichtung trat. Ihr Herz blieb stehen, als der Hauptmann in Sichtweite kam. Maelia und Ahlvie spannten sich neben ihr an.

Er ging vorwärts, seine Augen suchten den Boden nach Spuren ab, die er verfolgen konnte. Ahlvie hatte ihre Fußabdrücke so gut wie möglich verwischt, bevor er frische Blätter auf den Boden geworfen hatte, aber wenn der Hauptmann das falsche Blatt wegwischte …

Sie wollte nicht darüber nachdenken und sie alle bemühten sich, keinen einzigen Laut von sich zu geben. Der Kopf des Hauptmanns neigte sich zur Seite in Richtung der Pferde. Sie betete zur Schöpferin, dass sie so gut versteckt waren, wie sie dachte. Als sie an den Pferden vorbeigegangen war, hatte sie sie nicht sehen können. Aber ein Geräusch würde sie alle verraten.

Der Hauptmann machte einen Schritt auf die Pferde zu und dann zögernd einen weiteren, als wäre er sich nicht sicher, was er dort finden würde. Cyrene geriet in Panik, je näher er kam. Ahlvie streckte die Hand aus und ergriff ihren Arm, als wüsste er, dass sie etwas Dummes tun wollte.

Als der Hauptmann praktisch auf den Pferden saß, stürmte eine der anderen Wachen in rasantem Tempo auf die Lichtung.

»Sir! Hauptmann!«, rief die Frau. Sie blieb stehen und salutierte vor dem Hauptmann.

»Was ist los, Naelan?«, fragte er ungeduldig. »Es würde mich wundern, wenn sich etwas hier vor dir verstecken könnte, so wie du auf dem Gelände herumtrampelst.«

»Wir haben etwas auf dem westlichen Pfad gefunden. Jaela hat mich angewiesen, Sie sofort zu informieren.«

»Danke, Naelan«, sagte er abschätzig.

»Sir«, sagte sie und salutierte, bevor sie sich zurückzog.

Er folgte Naelan aus der Lichtung und blickte einmal zurück, bevor er ganz verschwand. Als er die Baumgrenze durchbrach, seufzte Cyrene erleichtert auf. Sie konnte nicht glauben, wie nahe sie dran gewesen waren, erwischt zu werden.

Leider wurde ihre Freude durch die Nachricht, die Naelan überbracht hatte, getrübt. Sie hatte etwas auf dem westlichen Pfad gefunden.

Ist es Orden?

Keiner wollte seine Besorgnis äußern.

Sie warteten, bis die Dämmerung einsetzte, bevor sie ihre Tarnung ablegten. Bald würde die Nacht hereinbrechen und Orden war noch immer nicht zurückgekehrt.

»Was sollen wir tun?«, fragte Maelia.

»Wir können ihn nicht verfolgen.« Cyrene hasste diese Antwort.

»Wir können ihn auch nicht zurücklassen«, sagte Ahlvie.

»Nein«, stimmte sie zu, »das können wir nicht. Wenn sie ihn festgenommen haben, müssen wir ihn befreien. Aber es ist zu dunkel, um jetzt durch die Wälder zu marschieren und ihn zu suchen. Sie werden mich ohnehin brauchen, bevor sie zurückkehren können. Orden wird ihnen nicht reichen, also sollten wir etwas Zeit gewinnen.«

»Das ist nicht die Art von Zeit, die mir gefällt«, grunzte Ahlvie und kratzte sich am Hinterkopf.

»Mir auch nicht«, sagte Maelia.

»Hat jemand von euch eine bessere Lösung?«

Maelia und Ahlvie schüttelten langsam den Kopf.

Cyrene nickte. »Also gut, lasst uns schlafen gehen. Sattelt die Pferde nicht ab. Suchen wir uns einfach ein verstecktes Plätzchen, wo wir uns ein paar Stunden ausruhen können.«

»Ein verstecktes Plätzchen im Verborgenen Wald?«, fragte Ahlvie und lächelte halbwegs.

»Wie kannst du noch Witze machen?«, fragte Maelia. Sie blickte Ahlvie an und sein Lächeln verschwand.

»Ich übernehme die erste Wache«, warf Cyrene ein.

»Lass mich«, beharrte Ahlvie.

»Du brauchst Ruhe. Ich kann ohnehin nicht einschlafen«, sagte sie. »Und jetzt geh!«

Ihre Freunde packten ihre Schlafsäcke auf und Cyrene fand einen perfekten Platz, um Wache zu halten. Ihr Schwert hing an ihrem Gürtel, ihre Hand hielt den übergroßen Knauf, während sie nach vorne in die Dunkelheit starrte.

Cyrene erwachte mit einem Schreck, den Rücken fest gegen einen Baum gepresst, und verfluchte sich für ihre Müdigkeit. Ihre Umgebung war stockdunkel und sie wusste, dass sie schon zu lange geschlafen hatte und eigentlich Wache halten sollte.

Gerade als sie sich umdrehte, um Ahlvie zu wecken, damit er übernahm, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie blieb stehen und ließ ihren Blick über den dunklen Wald vor ihr schweifen. Sie spürte, dass da draußen jemand war, aber es fiel ihr schwer zu glauben, dass die Wachen sich nachts in den Wald zurückziehen würden.

Ein tiefes, gutturales Knurren verriet ihr, dass etwas, nicht jemand, durch diesen Wald schlich.

Wölfe?

Sie stemmte sich gegen die aufkommende Panik. Sie konnte nichts tun, wenn sie vor Angst erstarrte. Sie musste zu ihren Freunden gehen und sie vor der Gefahr warnen.

Sie verinnerlichte jedes Quäntchen Vorbereitung, das Orden ihr einzuflößen versucht hatte, und schlich wie ein Gespenst durch die Baumgrenze, um einen ersten Blick auf die Bestie zu erhaschen, als sie sich ihr näherte. Da der Wald das Sternenlicht verdunkelte, konnte sie nur versuchen, das Ausmaß dessen, was vor ihr saß, zu erfassen. Es war größer als sie, selbst wenn es auf vier Beinen kauerte.

Zum Glück hatte es sie nicht gesehen, und so sollte es auch bleiben. Selbst wenn dies die einzige Kreatur ihrer Art im Wald war, wollte sie sich nicht mit ihr anlegen.

Atemlos wartete sie, bis die Bestie aus ihrem Blickfeld verschwunden war, und eilte dann zum Rand der Lichtung. Als sie sah, was sie erwartete, griff sie reflexartig nach dem Schwert an ihrer Seite … nicht, dass es ihr viel nützen würde.

Fünf weitere dieser Kreaturen füllten den Wald. Ihr Fell war schwarz wie die Nacht und ihre Augen leuchteten gelb im spärlichen Mondlicht. Aus ihren massiven Pfoten ragten ihre scharfen Krallen und die Reißzähne von der Größe ihres Unterarms schimmerten böse. Sie waren nicht ganz Wolf oder Bär oder Leopard, sondern etwas Tödlicheres, etwas … Falsches.

Cyrene war dankbar für die stille Nacht. Kein Windhauch, der ihre Witterung zu den Bestien getragen und sie in den Tod geschickt hätte.

Nach einer quälend langsamen Minute erreichte sie ihre Freunde, die noch immer in ihre Decken eingewickelt waren. Maelia schlummerte leicht, eine Hand auf ihrer Klinge, die sie festhielt. Ahlvie war von Kopf bis Fuß zugedeckt. Cyrene konnte nur erkennen, dass er da war, weil sie es schon vorher gewusst hatte.

Sie beugte sich hinunter, um sie zu wecken, aber die Bewegungen auf der Lichtung hielt sie auf. Die Bestien. Ein leises Knurren deutete darauf hin, dass eine gefährlich nahe war.

Sie beobachtete, wie die Tiere ihr Lager einkreisten. Cyrene hatte so etwas noch nie gesehen und dieses Verhalten bereitete ihr eine Gänsehaut.

Als sie sich umdrehte, um nach Maelia und Ahlvie zu sehen, stand ein riesiges Ungeheuer über ihnen. Spucke tropfte von den bösartigen Reißzähnen, als sei es darauf aus, seine Mahlzeit zu verschlingen. Es öffnete seinen mächtigen Kiefer, bereit zum Angriff.

»Maelia!«, schrie Cyrene warnend.

Ihre Freundin erwachte augenblicklich, löste ihre Klinge aus der Scheide und wehrte das Ungeheuer mit einer solchen Eleganz ab, dass niemand hätte vermuten können, dass sie gerade aufgewacht war. Ahlvie krabbelte aus seinem Schlafsack und griff nach seiner Waffe.

Aber das Monster war bereits mit Maelia beschäftigt und knurrte wütend, als es von seiner Mahlzeit getrennt wurde. Ahlvie versuchte, seine Aufmerksamkeit abzulenken, aber das Ungeheuer stürzte sich auf Maelia. Sie parierte seine Schläge. Ihre Bewegungen waren anmutig und präzise, aber tödlich. Sie duckte und rollte sich, schlug nach dem zähen Fell und wehrte den Kiefer ab, der sie zerquetschen wollte. Sie keuchte vor Erschöpfung, als sie schließlich einen beeindruckenden tödlichen Schlag landete. Das Monster fiel in einer Lache aus schwarzem, fauligem Blut zu Boden.

Ahlvie würgte beim Anblick des toten Tieres. »Was zum Teufel war das?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Maelia. »So etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Da sind noch mindestens fünf andere«, sagte Cyrene.

»Fünf?« Maelia schnappte nach Luft.

Ahlvie schüttelte ungläubig den Kopf und begutachtete dann die Leiche. Er rümpfte die Nase, als er das Tier anstupste. »Es sieht fast aus wie –«

»Ein Wolf«, beendete Maelia.

Cyrene schüttelte den Kopf. »Schlimmer. Sie fühlen sich falsch an.«

»Ganz falsch«, stimmte Ahlvie zu. »Wir müssen hier weg.«

»Jetzt«, sagte Cyrene.

Maelia schätzte die Lage ein und nickte dann: »Holen wir die Pferde und machen uns aus dem Staub. Ohne Verstärkung können wir keine fünf mehr töten.«

»Die einzige Unterstützung in diesen Wäldern sind die verfluchten Wachen«, spuckte Ahlvie.

Maelia warf ihm einen scharfen Blick zu. Sie schien in ihrem Element zu sein: »Das ist vielleicht unsere einzige Wahl.«

Von Byerns Wachen erwischt oder von Monstern im Wald getötet werden?

Sie musste diese Entscheidung nicht treffen, denn in diesem Moment tauchte eine andere Kreatur auf. Sie kam auf Cyrene zu und stürzte sich auf sie. Sie schrie vor Schreck auf und hob instinktiv ihr Schwert, um die Kreatur zu treffen. Wie durch ein Wunder biss die Klinge in das Fleisch der Bestie. Mit aller Kraft gab sie dem Schwert einen Stoß und es durchbohrte die Kreatur bis zum Heft. Schwarzes Blut strömte aus dem toten Tier. Es roch scheußlich, als es ihre Arme und ihr Kleid bedeckte. Die Bestie landete schwer, fast auf ihr, und Ahlvie stieß sie zur Seite, um sie aus ihrem Griff zu befreien. Sie kämpfte sich auf die Beine. Ihre Hände zitterten, als sie versuchte, die Klinge aus der Bestie zu ziehen. Da sie kein Glück hatte, setzte Ahlvie seinen Fuß auf die Seite des Tieres, riss die Klinge heraus und reichte sie Cyrene zurück.

Zwei weitere Bestien tauchten auf. Maelia und Ahlvie waren ein mörderischer Haufen und wehrten sich gegen die beiden, die auf sie zugekommen waren, aber nichts, was sie taten, schien die Monster abzuschrecken. Sie konnten so nicht gewinnen und die Monster wussten das. Cyrene erhob sich und holte tief Luft.

Okay, ich schaffe das. Sie musste ihre Kräfte ihrem Willen beugen. Egal, wie viel Zeit sie damit verbrachte, das unerträgliche Buch zu lesen oder zu versuchen, ihre Kräfte hervorzubringen, wie sie es getan hatte, als sie den Braj getötet hatte, sie hatte es nie wieder geschafft. Aber jetzt ging es um Leben oder Tod. Es musste dieses Mal funktionieren.

Cyrene schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, was in dem Buch gestanden hatte. Sie griff tief in ihr Inneres, zum Kern ihrer Magie. Dort lag sie angeblich schlafend und unberührt, bereit, ihren Willen zu erfüllen. Leiseste Rinnsale, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, berührten sie. Sie versuchte, sich daran festzuhalten, irgendetwas zu tun, um ihren Freunden zu helfen, aber es war, als ob sie nach dünner Luft greifen würde. Sie stieß ihren Atem in einem lauten Keuchen aus.

Sie hätte den Feind mit ihrer Wut über ihre eigene Unfähigkeit zerreißen können.

Gerade als sie wieder in sich gehen wollte, grub sich ein Reißzahn in ihren Arm.

Sie fiel hart auf die Knie. Ihr Schwert klapperte auf den Boden zu ihren Füßen und Feuer versengte ihr Fleisch. Sie konnte ihren durchdringenden Schrei nicht unterdrücken. Maelia löste sich von Ahlvies Seite und tötete die Bestie, die Cyrene angegriffen hatte. Das Ding ließ sich mit einem markerschütternden Schrei neben Maelia fallen.

Cyrenes Arm stand in Flammen. Es fühlte sich an, als würde sich Gift durch ihr weiches Fleisch brennen, und sie befürchtete, dass die Zähne des Monsters Gift enthielten, wie die Spitze der Klinge eines Braj. Sie schauderte bei dem Gedanken, aber im Moment konnte sie nichts tun. Erst mal fliehen. Um meine Wunden kann ich mich später kümmern.

Maelia und Ahlvie zogen sie auf die Beine, Ahlvie hob ihr Schwert auf und steckte es in die Scheide und die beiden trieben sie zu den Pferden. Cyrene fand ihren Rhythmus und lief zügig vorwärts, wobei sie die tote Bestie hinter sich ließen. Sie hatten es fast bis zu den Pferden geschafft, als fast ein Dutzend Kreaturen angriff.

Bei der Schöpferin! Was können wir gegen ein Dutzend von ihnen tun, wenn wir eben schon kaum überlebt haben?

»Auf die Pferde«, bellte Ahlvie, als er und Maelia das erste zäumten.

»Ich lasse euch nicht allein!«, brüllte Cyrene.

»Los!«, schrie er.

»Ahlvie!«

»Los!«

Er drängte sie und sie wollte ihn nicht kränken, indem sie ihn abwies.

Und so rannte sie im Sprint los. Sie hatte wenig Hoffnung, dass sie es bis zu Ceffy schaffen würde oder dass die Pferde schneller waren als diese Kreaturen. Aber sie musste es versuchen.

Gerade als sie sich ihrem näherte, lief sie direkt in ein anderes Rudel von Bestien und erstarrte.

Sie war keine Kriegerin.

Sie hatte nicht einmal die Kontrolle über ihre Magie. Sie war nur ein Mädchen.

Aber sie würde nicht untergehen, ohne gegen diese Bastarde zu kämpfen. Ihre Hand zitterte, als sie ihr Schwert noch einmal herauszog. Obwohl ihre Muskeln vor Schmerz schrien, fühlte sich das Schwert leichter und stabiler an als je zuvor. Das musste ihr Adrenalin sein. Sie war sich sicher. Ihr Körper summte im Rhythmus des Kampfes und sie atmete tief durch. Unter den gelben Augen des Tieres sah sie ein Aufflackern von Verständnis für ihre Bewegungen.

Sie war bereit.

»Komm, Bestie«, knurrte sie.

Die erste stürzte sich auf sie, wurde aber vor ihren Füßen von einem Pfeil durch sein bedrohliches gelbes Auge niedergestreckt.

Ein Kampfschrei ertönte hinter ihr und eine Frau schwebte durch die Luft. Sie landete leicht auf den Füßen und hielt eine eisweiße Klinge in der Hand, die eine Verlängerung ihres Körpers zu sein schien. Sie war groß und hatte blasses, fast weißes, blondes Haar. Sie trug Tarnhosen und ein Hemd, das ihre Gestalt umschloss. Ihre Klinge surrte durch die Luft, schnitt und schnitt.

Cyrene war sich der Tatsache bewusst, dass sich andere dem Kampf angeschlossen hatten, aber ihre Augen waren auf die unglaublichen Bewegungen dieser Frau gerichtet, die anders war als alle Frauen, die sie je gesehen hatte. Sie hatte eine ätherische Schönheit und war doch eine wilde Kriegerin.

Nach einiger Zeit, Cyrene hätte nicht sagen können, ob es sich um Minuten oder Stunden handelte, lag ein Haufen toter Kreaturen zu den Füßen der Fremden.

Cyrene wirbelte herum und fand ein noch grausameres Schauspiel vor. Weitere Menschen, wie sie sie noch nie gesehen hatte, kämpften gegen die Bestien. Ihr Stil war ausgefeilt und präzise. Sie sahen eher wie Tänzer als wie Kämpfer aus, doch sie töteten effizient.

Cyrene konnte ihren Rettern jedoch nicht allzu viel Zeit widmen. Sie musste zu den Pferden gelangen und ihre Freunde retten. Sie machte einen unsicheren Schritt und sprintete dann los. Zu ihrer Erleichterung waren die Pferde unversehrt, obwohl sie durch den Angriff in Aufregung geraten waren. Sie ging sofort an Ceffys Seite, doch ein Schrei ließ sie erstarren.

Mit angehaltenem Atem löste sie die Zügel und hievte ihren müden Körper auf Ceffys Rücken. Sie lenkte das Pferd in Richtung des Schreis, ihre Stahlklinge vor sich gezogen.

Gerade als sie die Lichtung betrat, bohrte ein Tier seine Zähne in die Seite der schönen Fremden.

»Nein!« Cyrene schrie.

Die Bestie zuckte zurück und überließ die Frau dem Tod. Sie stürmte auf Cyrene zu, mit zehn weiteren Bestien auf den Fersen. Ceffy bäumte sich entsetzt über die unnatürlichen Kreaturen vor ihnen auf.

Cyrene klammerte sich fest, als hinge ihr Leben davon ab. Sie war sicher, dass es hier zu Ende ging. Sie waren gekommen, um zu töten, und sie wollten es bis zum Ende durchziehen. Sie würde mehr als eine Klinge brauchen, um aus diesem Schlamassel herauszukommen.

Cyrene stählte sich und glitt dann an Ceffys Seite hinunter. Sie wusste, dass sie so weit und so schnell hätte rennen sollen, wie sie konnte. Aber sie wäre nicht schnell genug. Ihr Schwert sank besiegt in den Schmutz. Als sie ihre Waffe losließ, glaubte sie, ein Grinsen auf dem Gesicht des Monsters zu sehen.

Aber sie wusste nicht, dass sich in diesem Moment die Dinge zum Besseren wenden würden.

Als Cyrene sich all das ins Gedächtnis rief, was sie aus ihrem Zauberbuch gelernt hatte, tanzten goldene Buchstaben vor ihr.

Sie würde nicht aufgeben.

Das Tor zu ihrer Kraft öffnete sich ohne jede Anstrengung. Ein dumpfer Schmerz traf ihren Kern, als die Energiequelle in ihrem Körper immer stärker wurde. Der Schmerz wuchs, als mehr und mehr Kraft ihren Körper durchflutete, und sie hustete und umklammerte ihre Brust, als sie bis zum Rand gefüllt war. Sie krümmte sich und grub ihre Hände in die frische Erde. Es war zu viel. Der Schmerz war roh. Sie konnte ihn nicht unter Kontrolle bringen.

Schöpferin!

Es war, als ob sie an der Intensität der Kraft ersticken würde. Sie konnte das nicht überleben – nicht die Kreaturen und nicht den magischen Strom, der ihren Körper überflutete. Ihre Ohren klingelten und sie knirschte mit den Zähnen gegen den unerbittlichen Schmerz, der sich auf ihre Knochen stürzte und sie von innen heraus aufschürfte und zerriss.

»Nicht«, rief die mächtige Frau, die zu Cyrenes Füßen lag.

Cyrene wusste nicht, was die Frau meinte. Alles, was sie wahrnahm, war der Schmerz und dass sie versagt hatte.

Ihr Kopf neigte sich zum Himmel und mit einem Atemzug brach der Damm. Mit einem ohrenbetäubenden Knall schoss ihre Kraft aus ihr heraus und überrollte die Monster wie eine Flutwelle. Sie hörte ein Krachen und sah, dass eine Bestie zu Boden gefallen war. Eine weitere fiel. Und noch eine. Dann fielen sie alle.

Cyrene krallte sich mit Zähnen und Klauen über den Boden in Richtung der Frau. Sie hatte keine Energie mehr und die Dunkelheit winkte ihr zu, aber das konnte doch nicht alles gewesen sein.

»Geht es dir gut?«, krächzte Cyrene. Sie streckte die Hand aus, um die Frau zu berühren und sie zu trösten.

»Was bist du?«, hauchte die Frau.

Cyrene wurde ohnmächtig, bevor sie antworten konnte.

Cyrene hatte den deutlichen Eindruck, dass sie schon einmal hier gewesen war. Aber es war kein Wo, sondern ein Wann.

Der Schmerz war weg, ersetzt durch das Nichts. Sie war gegenwärtig, aber weit entfernt.

Was passiert hier? Was ist in den Wäldern geschehen? Und warum bin ich jetzt hier?

Wo bin ich genau?

Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass Magie ihren Körper von innen heraus verbrannte. Ist das der Tod? Habe ich eine unnatürliche Grenze überschritten?

Sie begann, durch die Dunkelheit zu laufen. Ihre Füße stampften auf dem unbefestigten Weg. Sie trug robuste Stiefel, die eigentlich viel zu viel Lärm machen sollten, aber da war ein Kitzeln in ihrem Hinterkopf, das die Stille aufrechterhielt.

Bevor Cyrene versuchen konnte, herauszufinden, was passiert war, hörte sie abrupt auf zu laufen. Sie drückte sich mit dem Rücken gegen eine schattige Steinmauer und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Zwei Männer gingen mit Bierkrügen in der Hand vorbei und trugen eine junge Frau fast zwischen sich her, die ihnen eine laszive Geschichte erzählte.

Cyrene versuchte, sich vorwärtszubewegen, aber nichts geschah. Sie konnte sich nicht einmal einen Zentimeter bewegen. Sie zwang ihren kleinen Finger, sich zu beugen, aber es passierte immer noch nichts.

Dann wurde Cyrene klar, warum ihr das alles bekannt vorkam. Sie hatte dieses Gefühl schon einmal gehabt. Das Grauen erfüllte sie von Kopf bis Fuß, aber sie war sich nicht sicher, ob es ihre eigenen Gefühle waren … oder die Person, in der sie gefangen war.

Beim letzten Mal war es Serafina gewesen, die Domna, von der Cyrene schon als Kind gehört hatte.

Vor zweitausend Jahren war Serafina eine Tyrannin gewesen, und Viktor Dremylon, der große Vorfahr von König Edric, hatte ihre tyrannische Herrschaft zerstört, um eine gerechte Gesellschaft aufzubauen. Daraus war das Klassensystem geschaffen worden, um die Menschen in Anführer, Soldaten und Handelsarbeiter zu unterteilen.

Aber als Cyrene Serafina zum ersten Mal in einem Traum begegnet war, war diese erst siebzehn gewesen – wie Cyrene selbst – und in Viktor verliebt. Aber sie hatte entdeckt, dass sie Magie besaß und eine Doma werden sollte.

Die meiste Zeit ihres Lebens hatte Cyrene geglaubt, dass Doma nur ein Name für den alten Hohen Hof mit der Doma als Königin sei. Nachdem sie das Doma-Aufstiegsritual in Serafinas eigenem Traum durchlaufen hatte, wusste Cyrene nun, dass Doma Magie ausübten. Tatsächlich war Cyrene selbst eine Doma.

Aber das erklärte nicht, warum sie sich in einer schattigen Nische versteckte oder was sie dort erwartete.

Die Frau wartete noch eine Minute, bevor sie um die Ecke bog und eine hohe Hecke erreichte. Cyrene spürte das Kribbeln des Busches, als sie ihren Arm hindurchsteckte, drückte sich gegen eine harte Wand, die sich bei ihrer Berührung öffnete, und schob sich dann durch beide hindurch. Cyrene fand sich in einer stickigen kleinen Speisekammer wieder und fragte sich, was sie hier tat.

»Sera«, sagte ein Mann unwirsch, packte sie an der Taille und drückte sie an sich.

Tränen stiegen der Frau in die Augen. »Ich habe dich vermisst.«

Cyrene hatte das Gefühl, sich einzumischen, aber zumindest wusste sie jetzt, dass sie sich im selben Körper befand. Serafina hatte ihr noch einmal Zugang gewährt.

Der Mann zog ihr Gesicht in seine Hände und Cyrene erkannte ihn als Viktor Dremylon. Er hatte dieselben blaugrauen Augen wie die königlichen Dremylonier, die sie zu Hause kannte – König Edric und Prinz Kael.

»Du bist gekommen«, flüsterte Viktor.

»Ich sagte, ich würde es tun.« Sie klang ein wenig abwehrend.

»Natürlich hast du das. Ich dachte, du hättest es vergessen.«

»Ich habe es noch nie vergessen.«

Viktor strich ihr das Haar aus dem Gesicht und sie schloss bei seiner sanften Berührung die Augen.

»Lauf mit mir weg«, sagte er.

Sie seufzte und Cyrene konnte Serafinas inneren Aufruhr spüren. Sie wollte es ebenso sehr, wie sie die Unmöglichkeit des Ganzen spüren konnte.

»Stell dir vor«, fuhr er fort, »wir könnten unser eigenes Haus versteckt im Süden haben. Ich würde dir das Meer und die schönen Sandstrände von Albion zeigen. Wir würden Kinder haben, die schönsten Kinder, Sera. So schön wie ihre Mutter. Kannst du es dir vorstellen?«

»Ja.« Und sie konnte es. Und diese Vorstellung tat mehr weh als alles andere auf der Welt.

»Teile dieses Leben mit mir.«

Serafina drehte ihren Kopf und seufzte erneut. »Du weißt, dass ich das nicht kann.«

»Du bist zu den Doma gegangen, um deine Magie zu kontrollieren, und das hast du jetzt. Komm zurück zu mir, meine Liebe. Komm zurück zu mir.«

»Ich war schon immer hier. Ich war nie weg.« Ihre Hände zitterten. »Siehst du nicht, dass ich nicht besser bin, als ich war?«

Er nahm ihre Hände in seine und sie erstarrten. »Ich kann helfen. Ich werde dich erden. Es wird verschwinden. Du brauchst es nicht.«

Der Gedanke, ohne ihre Kräfte zu sein, ließ ihr die Galle im Hals aufsteigen. Ihre Magie war so tief in ihr verwurzelt wie das Atmen. Sie konnte genauso wenig ohne sie auskommen wie ohne Luft.

»Du verstehst nicht«, rief sie und riss ihre Hände aus seinem Griff. »Ich brauche es. Das tue ich, Viktor.«

Seine Augen wurden steinern. »Warum musst du dich darauf einlassen, wenn du hier alles hast, was du dir wünschen kannst? Mit mir würde es dir nie an etwas fehlen!«

»Ich würde das wollen«, sagte sie.

Ein Schauer der Magie durchfuhr sie. Cyrene erkannte das sofort, aber es durchdrang sie nicht. Es fühlte sich eher wie ein Rinnsal an, das aus dem Fluss aufstieg. Mehr eine Lebenskraft als ein alles verzehrendes Inferno. Es war Glückseligkeit.

Eine Zeit lang geschah nichts.

Viktor warf ihr einen missbilligenden Blick zu. Dann, plötzlich, waren sie beide in der Luft, nur ein paar Zentimeter, aber genug, um Viktor zu erschrecken und ihn nach ihr greifen zu lassen. Als er sie berührte, fielen sie kurzerhand zurück auf den Boden.

»Sera! Du hast gesagt, du würdest es nicht tun!«, rief er.

»Du musst verstehen. Es gibt keine andere Möglichkeit für dich, es zu erfahren, Viktor. Wenn du nur die Energie spüren könntest, die durch mich fließt. Sie ist Leben.«

»Sie ist Gift«, spuckte er.

Serafina trat zögernd einen Schritt zurück. Cyrene spürte die Worte wie einen Schlag in die Magengrube.

»Es hat unsere Beziehung vergiftet. Ich will meine Liebe zurück.«

»Ich bin hier.«

Er schüttelte den Kopf: »Das Mädchen, das ich kannte, hätte nie so sehr an Magie geglaubt. Die Magie befleckt dich, Sera. Bitte, denk an unser Häuschen am Strand.« Er nahm ihr Handgelenk. »So sollte dein Leben sein.«

»Dies ist mein Leben, Viktor.« Sie versuchte, ihre Hand von seiner zurückzuziehen, aber er ließ sie nicht los.

»Dann sind wir also fertig?«

»Nein!«, rief sie.

»Weil sie niemals zulassen würden, dass deinesgleichen einen so niedrigen Bürger heiratet. Es spielt keine Rolle, dass ich aus einer aristokratischen Familie stamme. Ich werde nie mit deiner Magie mithalten können. Ist es das?«

»Viktor, nein. Ich bitte dich! Du missverstehst es.«

Sie zerrte an ihrem Arm und Panik stieg in ihrer Brust auf.

Cyrene wollte ihm ein paarmal auf den Kopf schlagen, bis er begriff, was sie ihm sagte.

»Willst du mich heiraten, Sera?«, fragte er und schob sie vorwärts. Serafina zuckte zusammen. Er machte ihr einen Antrag?

Tränen liefen ihr über das Gesicht, ob vor Glück oder aus Verzweiflung, konnte sie nicht sagen. Aber sie wusste, wie sie nichts anderes wusste, dass sie mit Viktor zusammen sein wollte, und ebenso sicher würde sie ihre Magie niemals für ihn aufgeben.

»Viktor«, krächzte sie.

»Nun, ja oder nein?«

»Gib mir Zeit zum Nachdenken.«

»Nachdenken? Du brauchst Zeit zum Nachdenken?«, rief er. Er ließ ihr Handgelenk los, als hätte er sich verbrannt. »Wir waren unser ganzes Leben lang zusammen und du musst darüber nachdenken, ob du mich heiraten willst oder nicht.«

»Ich will! Ich will, Viktor! Ich will dich heiraten, aber …«

»Aber?«, brüllte er. »Die verdammte Magie?«

»Ich kann es nicht für dich aufgeben!«, schrie sie und brach zu seinen Füßen zusammen. »Ich kann dich nicht heiraten. Ich kann es nicht. Ich möchte es, aber ich kann es nicht.«

Angewidert trat er einen Schritt zurück und Serafina schluchzte bebend. Ihre zitternden Hände sanken auf den Kellerboden. Sie versuchte, ihre Atmung zu kontrollieren, aber es war zu viel auf einmal in ihr los.

Cyrene spürte den Ansturm, bevor Serafina ihn überhaupt wahrnahm. Wo es sich vorher wie ein Fluss angefühlt hatte, war es jetzt, als ob ein Damm gebrochen und eine Flutwelle im Begriff wäre, die gesamte Stadt zu überschwemmen.

»Ich dachte, du liebst mich«, rief er.

»Ich liebe dich doch!«

»Vielleicht hast du es nie getan.«

»Sag das nicht. Bitte sag das nicht.«

Viktor schwieg eine Sekunde lang und hörte sich ihr Schluchzen an. Er reichte ihr nicht einmal die Hand.

Aber Serafina begann zu begreifen, was da vor sich ging. Was auch immer sie versucht hatte, um den Brunnen zu stopfen, es half nicht mehr. Es war, als versuche man einen Kieselstein in die Barriere zu werfen. Sie verzweifelte.

Ein paar Minuten später kniete Viktor vor ihr nieder. Er legte seine Finger unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. »Du willst mich nicht heiraten?«

Sie schüttelte den Kopf, unfähig, die Worte zu wiederholen.

»Nun gut.«

»Viktor …«

»Nein, es ist zu spät.«

»Ich liebe dich«, hauchte sie.

»Mein Vater will mich bis Ende des Jahres verheiraten«, gab er zu.

Serafina blieb der Mund offen stehen: »W-was?«

»Ich wollte, dass du es bist, aber es muss trotzdem geschehen. Du zwingst mich, eine andere zu heiraten, Sera. Das ist dein Werk.«

»Nein. Bitte nicht.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine andere Wahl. Wen soll ich denn wählen? Tremlyn? Sauriel? Oder soll es Margana sein?«

»Wie kannst du es wagen, mich das zu fragen! Ich werde sterben, wenn du eine andere heiratest.«

»Und ich bin schon tot ohne dich!«

Seine Worte überrollten sie und alles, was sie bisher zurückgehalten hatte, entlud sich in einer unkontrollierbaren Welle. Sie schleuderte beide in entgegengesetzte Richtungen gegen die Wände. Viktor schlug mit dem Kopf an den Stein. Serafina fiel gegen das Regal in der Speisekammer. Die Wände bebten, alle Lebensmittel und Vorräte stürzten zu Boden. Ihr sicherer Hafen war zerstört.

»Viktor!«, rief sie, kroch aus den Trümmern und eilte zu ihm. »Geht es dir gut?«

Er stöhnte und versuchte, sich aufzurappeln. Sie half ihm, aber als ihre Hand klebrig wurde, merkte sie, dass er blutete. Wenn sie irgendeine Fähigkeit zum Heilen gehabt hätte, hätte sie ihm geholfen. Aber sie war sich ihrer Fähigkeiten noch nicht sicher genug, außerdem hatte sie sehr viel Energie ausgestoßen. Sie fühlte sich ausgelaugt. So eine Explosion hatte sie nicht mehr erlebt, seit sie dem Doma-Hof vorgestellt worden war.

»Was hast du getan?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte sie.

Sie konnte Schritte hören, die auf sie zukamen.

Cyrene wusste, dass etwas falschlief. Dies war ein Geheimnis und Serafina durfte auf keinen Fall erwischt werden.

»Du musst hier verschwinden, Sera«, befahl er. Er stieß sie weg und versuchte, sich wieder hinzulegen.

»Ich kann dich nicht hier lassen.«

»Was würden sie tun, wenn sie dich finden?«

»Nichts. Ich bin eine Doma«, erinnerte sie ihn.

Dem stählernen Funkeln in seinen Augen nach zu urteilen, war das das Letzte, was er hören wollte. »Hier wirst du vielleicht nicht für den Gebrauch deiner Kräfte bestraft, aber oben im Schloss schon.«

Serafina versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber Cyrene war klar, dass es eine schwere Strafe geben würde. Sie sollte besser sein als das Gesetz, um es aufrechterhalten zu können. Sich hinauszuschleichen, um einen Mann zu sehen, würde schon reichen, um sie in Schwierigkeiten zu bringen, aber der Ausbruch würde noch schlimmere Konsequenzen haben.

»Es ist okay«, sagte sie ihm.

Sie musste für ihn da sein. Er verlor Blut. Er brauchte eine Heilerin.

»Sera, geh! Ich will dich nicht mehr sehen.«

»Viktor, bitte.«

Er wandte den Kopf ab. »In ein paar Monaten werde ich verheiratet sein, und was machen wir dann?«

Darauf hatte sie keine Antwort und Cyrene gefiel die Art und Weise nicht, wie sie sich fühlte. Sie hatte schon genug mit einem verheirateten Mann – einem verheirateten König – gemacht, um nicht an die Folgen denken zu wollen.

»Keine Antwort«, sagte er seufzend. »Du hast dich für dein Leben entschieden. Jetzt wähle ich meines. Auf Wiedersehen, Sera.«

Sie schluckte schwer. Erneut liefen ihr Tränen über das Gesicht. »Egal, was ich bin, ich bin immer dein.«

»Was bist du?«, fragte er verzweifelt.

»Was bist du?«

Cyrene stöhnte unzusammenhängend.

»Sie wacht auf!«

»Was …«

»Kind, das im Licht wandelt«, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr, »sag uns, was bist du?«

»Ich gehöre dir.«

»Mir?«

»Egal, was ich bin, ich bin immer dein.«

»Aber was bist du, dass du so hell leuchten kannst?«

»Doma. Ich bin eine Doma.«

»Wach auf, Kind. Wach auf.«

Cyrenes Augenlider öffneten sich flatternd. Das Gesicht eines Engels – herzförmig, mit großen, mandelförmigen goldenen Augen und rosa Schmollmund – schwebte über ihr. Ihr dunkles Haar war lang und reichte ihr bis zur Taille. Sie war in ein bodenlanges weißes Kleid gekleidet, das schimmerte und mühelos floss. Sie sah alterslos weise aus.

»Leb wohl, Kind«, flüsterte sie, als sie aufstand. »Avoca!«

Eine weitere Frau betrat den Raum und Cyrene erschrak. Es war die Frau aus dem Wald. Sie war so schön, wie Cyrene sie zuletzt gesehen hatte, mit golddurchwirktem Haar und strahlend blauen Augen. Sie hatte eine unverwechselbare Unschuld an sich, obwohl Cyrene wusste, dass sie eine wilde Kriegerin war.

»Ja, Heilerin«, sagte Avoca. Sie berührte ihre Lippen mit der Hand, um ihre Ehrerbietung zu zeigen. Sie trug Leggings, ein lockeres Hemd und eine Jacke, die sich ihrer Form anpasste, in einem zum Wald passenden Tarngrün, dazu weiche braune Stiefel. Ihre Kleidung sah schon etwas abgenutzt aus.

Die Heilerin nickte und verließ den Raum. Sie sah aus, als würde sie mehr schweben als gehen.

Cyrene schaute sich in ihrer Umgebung um. Ihr Zimmer war eine unscheinbare Holzkonstruktion mit glatten, abgerundeten Wänden und einem grünen Tuch, das den Eingang bedeckte. Sie lag auf einem kleinen Bett mit zarten weißen Laken. In ihrem Zimmer gab es außer einer Reihe bunter, leuchtender Gläser, die von der Decke hingen, nur wenig andere Dekoration. Alles roch erdig und frisch.

»Was ist hier los?«, fragte Cyrene. »Wo bin ich?«

Sie versuchte, sich aufzusetzen, zuckte aber zusammen, als der Schmerz sie überflutete.

Avoca eilte ihr zur Seite. »Geh es langsam an. Du hast eine ziemliche Tortur hinter dir. Du hattest Glück, dass wir dich rechtzeitig hierhergebracht haben.«

»Wo bin ich? Wo sind meine Freunde? Warst du dort mit diesen … diesen Dingern?«

»Deine Fragen werden rechtzeitig beantwortet werden. Du hast eine Audienz bei der Königin.«

»Königin?« Cyrene schnappte nach Luft.

»Ja. Und jetzt hoch.«

Avoca legte einen Arm hinter ihren Rücken und half Cyrene langsam in eine sitzende Position. Der Schmerz war noch da, aber es schien, als ob ihr Körper sich wieder erinnerte, wie er funktionierte, und so die Auswirkungen verringerte. Sie drehte ihren Körper zur Seite, ließ ihre Füße auf den Boden gleiten und stand auf. Sie war barfuß und der Boden fühlte sich kühl an.

Zum ersten Mal wurde Cyrene bewusst, dass sie nicht mehr das Blau Byerns trug, sondern ein locker sitzendes weißes Kleid, ähnlich dem der Heilerin. Es war eher eine Art Unterkleid und sie errötete angesichts der Form, die ihre Figur unter dem dünnen Stoff annahm.

»Wo sind meine Kleider?«

»Zerstört«, sagte Avoca emotionslos. »Jetzt lass uns gehen.«

Ohne weitere Vorrede verschwand sie durch die Tür und Cyrene eilte ihr nach. Sobald sie aus dem Zimmer trat, blieb ihr der Mund offen stehen. Das war anders als alles, was sie je gesehen hatte. Sie befand sich in einem Walddorf. In die riesigen Bäume, die sie umgaben, waren Häuser gemeißelt, zwischen den Ästen waren Brücken gespannt und Ranken hingen bis zum Boden herab, von wo Musik zu ihr hinaufwehte. Von ihrem Aussichtspunkt aus konnte sie Menschen sehen, die um ein Lagerfeuer herum tanzten und aßen. Sie war direkt in ein seltsames Waldfest hineingelaufen.

»Komm schon«, rief Avoca. Sie packte Cyrenes Handgelenk und zog sie zu einer Brücke.

»Wo bin ich?«

»Die Königin wird entscheiden, ob du Antworten erhältst.«

»Du hast mich den ganzen Weg hierhergebracht und willst mir nicht sagen, wo ich bin?«

»Nein.«

»Meine Gefährten …«

»Mach dir keine Sorgen.«

Als sie die andere Seite der Brücke erreichten, hielt Cyrene kurz inne. »Beantworte meine Frage! Ich muss wissen, wo ich bin, wie es meinen Freunden geht, was hier los ist.«

Avoca zuckte kaum mit der Wimper: »Du bist das in Licht gehüllte Geheimnis. Wenn die Königin dich für würdig erachtet, Antworten zu erhalten, wirst du sie bekommen.«

Cyrene schnaubte. »Du warst dort … bei den Kreaturen. Warst du diejenige, die mich gerettet hat?«

Ihre niedergeschlagenen Augen verrieten die Wahrheit.

»Wie viele sind gestorben?«, fragte Cyrene.

Avoca holte tief Luft und sah ihr dann in die Augen. »Alle.«

Cyrene führte ihre Hand zum Mund. Doch bevor sie eine genauere Erklärung abgeben konnte, war Avoca schon wieder in Bewegung.

Cyrene war sich nicht sicher, ob sie auf weitere Antworten vorbereitet war. Sie schluckte schwer und hielt ihren Kopf hoch, während sie sich durch die Kurven schlängelten.

Sie gingen durch einen üppigen Überhang von Ranken und in die äußere Kammer eines riesigen Baumes. Der Raum war voller wunderschöner farbiger Gegenstände, deren Zweck sie nicht kannte. In einem Kaleidoskop von Farben hingen die gleichen leuchtenden Gläser von der Decke und erzeugten ein wunderschönes, weiches Licht.

Mit dem Rücken zu ihnen stand ein Mann vor einer großen goldenen Tür, die mit Ranken verziert war, die denen in den Gemächern von Königin Kaliana in dem Schloss Nit Decus in Byern glichen.

»Was machst du hier?«, fragte Avoca.

Auf ihre Frage hin drehte sich der Mann langsam um. Er war genauso attraktiv wie Avoca und die Heilerin. Sein Gesicht war schalkhaft schön, mit unglaublich hohen Wangenknochen, hellem Haar und Augen in einem leuchtenden Goldton. Er trug die gleiche grüne Tarnkleidung wie Avoca, aber seine sah brandneu aus.

»Hallo, Ava«, sagte er mit einem breiten Grinsen.

Ihre Augen wurden stahlhart. »Ceis’f.«

»Ich bin natürlich hier, um das zu bezeugen.«

Avoca biss die Zähne zusammen und neigte den Kopf zur Seite. Sie sah aus, als würde sie lieber mit diesen Monstern zurück in den Wald geworfen werden, als vor ihm zu stehen.

»Um was zu bezeugen?«, flüsterte Cyrene.

Avoca seufzte. »Mein eindeutiges Versagen.«

Sie bekam zwar Antworten, aber die nützten ihr genauso wenig wie Avocas Schweigen.

Ceis’fs Blick ging an Cyrene vorbei, als ob sie nicht existierte, bevor er sich wieder der Tür zuwandte. Eine Sekunde später öffnete sie sich und ein weiterer Mann winkte sie in die innere Kammer. Der Raum war doppelt so groß wie der, in dem sie eben noch gewesen waren.

Eine kleine Frau saß auf einem hölzernen Thron im vorderen Teil des Raumes. Zu ihrer Linken saßen zwei weitere Personen an einem Tisch und sprachen leise miteinander.

Die Königin war schön und alterslos, mit langem, blondem Haar, das fast weiß war, und hellblauen Augen. Sie trug ein einfaches, schmuckloses Kleid, aber mehr hatte sie auch nicht nötig. Die einzige Verzierung war eine Blumenkrone auf ihrem Kopf.

Als Cyrene ihr in die Augen sah, erblickte sie nichts als Weisheit und scharfe Intelligenz.

»Avoca«, sagte die Königin.

Avoca trat vor und führte ihre Hand an ihre Lippen. Die Königin wiederholte die Geste und Cyrene wertete sie als eine Art Gruß ihres Volkes.

»Königin Shira«, murmelte Avoca.

»Berichte.«

»Sie soll davor berichten?«, sagte Ceis’f.

»Stellst du mich infrage, Ceis’f?«

»Nein. Ich wusste nur nicht, dass wir unsere Tore so freizügig für ihre Art öffnen würden«, spuckte er aus.

»Nun, jetzt weißt du es«, sagte sie.

Ihr Ton blieb neutral, aber Cyrene konnte spüren, wie die Spannung von Ceis’f abfiel. Sie war froh, dass die Königin ihn in seine Schranken verwiesen hatte. Auch wenn Cyrene keine Ahnung hatte, wo sie sich befand, so hatte wenigstens niemand sonst so abfällig über sie gesprochen.

»Ich habe mit meinem Team auf die Präsenz der Indres in der Gegend reagiert. Wir wussten sofort, dass es zu viele für ein sechsköpfiges Team waren. Ceis’f kam mit Verstärkung. Wir griffen gleichzeitig an. Sie umzingelten drei Menschen – zwei Frauen und einen Mann. Unsere Teams haben fast vierzig Indres abgeschlachtet«, erzählte Avoca ihr.

Cyrene schnappte nach Luft. Indres! Weitere Fabelwesen hatten sich vor ihren Augen bewahrheitet. Todeswölfe, so wurden sie manchmal genannt. Selbst die Geschichten darüber waren für Kinder zu furchterregend.

Die Augenbrauen der Königin hoben sich bei dieser Zahl. Ihre Augen flackerten zu Ceis’f, um eine Bestätigung zu erhalten, und er nickte ernsthaft.

»Einer entkam, also folgte ich ihm, um den Job zu beenden. Ich geriet in einen Hinterhalt und wäre fast gestorben. Ein Mensch trieb die Indres zurück, verbrannte fast und brach dann zusammen. Alle Indres in der Gegend waren tot.«

Wäre ich fast verbrannt? Ist das geschehen? Und woher weiß Avoca das?

»Wie viele sind gestorben?«, fragte die Königin.

Avoca zuckte zusammen: »Vier von meinen und zwei von Ceis’fs.«

»Ein ganzes Team.« Die Königin schien eine Minute lang darüber nachzudenken, dann richtete sie ihren Blick auf Cyrene. »Kind.«

Cyrene schluckte und trat dann vor. Sie hatte so viele Fragen. Aber ausnahmsweise hielt sie ihren Mund. Sie wollte diese Leute, die es mit über vierzig Indres aufnehmen konnten, nicht verärgern.

»Wer bist du?«, fragte die Königin.

»Mein Name ist Cyrene Strohm.«

Die Königin legte nachdenklich den Kopf schief. »Meine Heilerin sagte, du hättest das Wort Doma benutzt.«

Cyrenes Hände schwitzten bei dieser Aussage. Die Königin wusste es. Ohne Zweifel. Cyrene hatte auf dieser Lichtung Magie eingesetzt. Sie war sich sogar sicher, dass es sie fast umgebracht hätte. Zum Teil war das der Grund, warum sie eine Heilerin gebraucht hatte. Aber wie konnte jemand sie auf diese Weise heilen? Woher konnten sie von den Indres wissen?

Und wie konnten sie von der Magie wissen?

»Ja«, antwortete Cyrene schließlich.