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Nach dem Verlust ihrer Freundin und der Gefangenschaft in einem elysianischen Kerker ist Cyrene das Schicksal egal. Ihr Herz ist gebrochen, ihre Freunde sind verstreut und ihr Zuhause ist nichts weiter als eine schöne Illusion. Selbst ihre Magie will nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten. Verzweifelt wendet sie sich an die letzte Person, der sie vertrauen sollte: Prinz Kael. Seine Dunkelheit spiegelt die wachsende Kraft wider, die in ihr lauert. Ein Kampf, den sie sich nie hätte vorstellen können, droht sie zu verschlingen. Und als Freunde und Feinde beginnen, ihre wahren Gesichter zu zeigen, beginnt sie sich zu fragen, ob irgendjemand der ist, der er zu sein scheint. Sogar sie selbst.
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Seitenzahl: 720
Veröffentlichungsjahr: 2026
K. A. Linde
The Consort
Ascension-Reihe
(Band 3)
Übersetzt von Sandy Brandt
The Consort
(Ascension Reihe)
Copyright © 2017. THE CONSORT by K. A. Linde
The moral rights of the author have been asserted
Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel
»The Consort (Ascension Book 3)«
Vermittelt durch: Brower Literary & Management, Inc.,
13720 Old St. Augustine Rd., Ste 8-512, Jacksonville, FL 32258, USA
Copyright der deutschen Ausgabe © 2026 The Consort
by VAJOSH Verlag GmbH
Übersetzung: Sandy Brandt
Korrektorat: Désirée Kläschen und Sarah Neumann
Umschlaggestaltung: Stefanie Saw
Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJOSH Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Ahlvie Gunn: Al-vee Gun
Aralyn Strohm: Air-uh-lin Strahm
Aonia: A-own-yuh
Aubron: Ah-bruhn
Aurum: Are-um
Avoca: Ah-vok-uh
Barkeley Iolair: Bark-lee I-o-lar
Basille Selby: Bah-seal Sel-bee
Benetta: Ben-ee-tuh
Braj: Brahj
Byern: By-urn
Caldreva Anamarya: Cal-dray-vuh Ann-uh-muh-ree-uh
Caro Barca: Car-o Bars-uh
Ceis’f: See-es-ef
Creighton Iolair: Cray-tun I-o-lar
Cyrene Strohm: Sah-reen Strahm
Daufina Birket (Gefährtin): Daw-feen-uh Bur-ket
Edric Dremylon (König): Edge-rick Drem-lin
Elea Strohm: El-ya Strahm
Eleysia: El-a-see-uh
Emporia: Em-por-ee-uh
Eren: Air-en
Haenah de’Lorlah: Han-uh d-Lor-luh
Haille Mardas: Hayl Mar-dus
Huyek-Fluss: Hoo-yik
Indres: In-Dress
Jardana: Jar-don-uh
Jestre Farranay: Jest-ray Fair-uh-nay
Jesalyn Dremylon Iolair: Jess-uh-lin Drem-Lin I-o-lar
Kael Dremylon (Prinz): Kayl Drem-lin
Kaliana Dremylon (Königin): Kal-ee-ah-nuh Drem-lin
Keylani-Fluss: Key-lahn-ee
Krisana (Schloss Albion): Kris-on-uh
Leif: leef
Maelia Dallmer: May-lee-uh Dal-Mer
Matilde: Muh-tild
Merrick: Mer-ick
Nit Decus (Schloss Byern): Nit Dake-us
Reeve Strohm: Reev Strahm
Rhea Gramm: Ray Gram
Serafina (Domna): Ser-uh-feen-uh
Schira: Scher-uh
Vera: Veer-uh
Viktor Dremylon: Vick-ter Drem-lin
Nach ihrer Flucht aus dem Königreich Byern begann für Cyrene eine Reise in eine fremde Welt – voller Magie, Intrigen und unausweichlicher Prophezeiung. Sie hat alles hinter sich gelassen, vor allem ihre Liebe zu Edric. Zwischen ihnen bleibt eine unausgesprochene Spannung bestehen, eine Verbindung, die sie sich nicht erklären kann.
In dem neuen Reich Aurum, wo Magie nicht nur toleriert, sondern gefürchtet und gleichzeitig begehrt ist, begegnet Cyrene Matilde und Vera, die sie in ihrer Magie unterrichten. Dabei begegnet sie auch Dean, einem einfachen Jungen, und die beiden verlieben sich. Erst später stellt sich heraus, dass er der Prinz von Aurum ist. Da Aurum jedoch ein Königinnenreich ist, steht er in der Thronfolge ganz hinten, hinter all seinen Schwestern, die Cyrene misstrauisch begegnen.
Während Cyrene immer tiefer in die Welt der Magie hineingezogen wird, wachsen ihre Kräfte unaufhaltsam. Sie spürt, dass etwas Dunkles in ihr lebt. Eine Prophezeiung aus alten Zeiten spricht von einer, die die Welt verändern wird – zum Guten oder zum Verderben. Und alle Zeichen deuten auf Cyrene. Sie selbst aber weiß nicht, ob sie der Aufgabe gewachsen ist.
Bei einem Kampf rettet sie der Frau Avoca das Leben. Die beiden binden sich in einer Zeremonie aneinander, weil Avoca Cyrene nun einen Gefallen schuldig ist, und zwischen ihnen entsteht eine tiefe Freundschaft.
Cyrene denkt noch immer an Edric und seinen Bruder und spürt eine merkwürdige Verbindung, aber verliebt sich immer weiter in Dean. Dieser macht ihr einen Antrag und sie nimmt an.
Doch die politische Situation in Aurum ist angespannt. Cyrene gerät zwischen die Fronten und plötzlich wird ihre beste Freundin Maelia des Mordes an dem Königspaar aus Aurum bezichtigt. Cyrene wird als Mitwisserin verhaftet und Maelia hingerichtet.
»Lysa, nicht!«, rief Benetta und griff nach dem riesigen runden Diamanten in der Hand ihrer Schwester.
»Ich schaue ihn mir nur an«, sagte Malysa.
Benetta verdrehte ihre hellblauen Augen bis zur Decke. Malysa war nie völlig unschuldig, egal, was sie tat.
»Vater hat gesagt, dass wir das nicht anfassen sollen. Können wir nicht zurück in die Stube gehen und warten, bis Camilan kommt?«
Malysa rümpfte die Nase. »Ich will dieses Schwein nicht heiraten.«
»Ich weiß, dass du das nicht willst.«
»Dann hör auf, aus mir die perfekte Tochter machen zu wollen.« Malysa warf ihren langen Zopf über eine Schulter und blickte sie mit feuriger Entschlossenheit an. »Wenn du so versessen auf Camilan bist, dann heirate du ihn doch.«
»Nun, das geht nicht. Du bist älter«, erinnerte Benetta sie.
»Da hast du recht. Das bin ich.«
Benetta seufzte. Es hatte keinen Sinn, Malysa zu drängen, wenn sie sich so verhielt. Vater hatte ihnen den Zutritt zur Akademie verweigert und Malysa schmollte immer noch. Wozu war ihre Magie gut, wenn man sie nur für niedere Arbeiten wie das Aufräumen des Hauses und das Backen von frischem Brot verwenden konnte?
»Siebzehn Jahre Zauberschule waren für mich nicht genug und werden es auch nie sein. Wäre ich mit siebzehn auf die Akademie gegangen, wie es vorgesehen war, dann wüsste ich, wie man das macht«, sagte Malysa. Sie warf Benetta den unbezahlbaren Diamanten zu, die nach Luft schnappte und ihn in ihren Händen auffing.
»Wir alle haben einen Platz in dieser Welt.«
»Mein Platz ist die Herrschaft über alles«, knurrte sie. Ihre Magie flammte auf, schwarz und böse, bevor sie schnell wieder verschwand. »Ich bin so müde, Benny.«
Benetta holte tief Luft und hielt ihr dann den Diamanten wieder hin. »Komm schon. Wenn wir zusammen üben, solange wir können, finden wir vielleicht unseren eigenen Platz.« »Glaubst du das wirklich?«
»Alles ist möglich.«
Malysa sah aus, als wollte sie widersprechen, bevor sie ihre Hände sanft auf die von Benetta legte. Sie starrten sich in die Augen, Licht und Dunkelheit trafen aufeinander, und dann webten sie ihre Magie um den Diamanten. Benetta kicherte, als sie ihn hielten, eingehüllt in die schimmernde Goldmagie. Aber Malysa blieb ganz still und stumm. Ihre Augen wirkten unscharf, als ob sie sehr weit weg wäre.
»Lysa?«, fragte Benetta.
»Hörst du das?«
»Was?«
Benetta versuchte, ihre Magie freizusetzen, aber Lysa hielt sie fest.
»Das Summen.«
Dann schoss eine Schockwelle durch sie hindurch und zerstörte das Arbeitszimmer ihres Vaters. Benetta schrie und versuchte, sich zu ducken, aber sie konnte nicht. Sie konnte sich überhaupt nicht bewegen. Sie und ihre Schwester waren durch den Diamanten verbunden, der sich im Kreis drehte und an Geschwindigkeit gewann. Sie schrie, aber der Wind trug es fort.
Sie waren verloren. Sie hatten etwas wirklich Schreckliches getan. Ihr Vater hatte nicht umsonst gesagt, dass sie seine Sachen nicht anfassen sollten. Der Diamant war offensichtlich mehr als ein schöner neuer Schmuck für Lysas Hochzeit.
Dann landeten sie unsanft. Benettas Knie knickten unter ihr ein. Sie umklammerte den Diamanten, als ihre Knie auf dem harten Stein aufschlugen. Malysa war einen halben Meter von ihr entfernt umgekippt. Ihr Mund stand offen, ihre dunklen Augen waren weit aufgerissen.
»Was ist gerade passiert?«, fragte Benetta. Sie rückte ihr Kleid zurecht, strich losen Schmutz von ihren Knien und zog ihr dunkelbraunes Haar zur Seite.
»Ich … ich weiß es nicht«, gab Malysa zu.
Sie befanden sich am Fuß eines großen Berges mit einem wirbelnden Fluss, der den Pass hinunterfloss. Er sah aus wie ein Ellbogen, der sich L-förmig von den Bergen wegbewegte. Die Erde war grün und üppig, so weit das Auge reichte. Weiter unten am Fluss wehte Rauch herein. Benetta konnte gerade noch die Dächer der Häuser ausmachen. Eine Art kleines Dorf.
»Wo sind wir, Lysa?«
Malysa schüttelte den Kopf: »Ich habe keine Ahnung. Wir sollten gehen und es herausfinden.«
»Ich habe diesen Fluss und die Berge noch nie gesehen. Wir haben alle Karten in Vaters Arbeitszimmer studiert. Das fühlt sich nicht wie zu Hause an.«
»Ich weiß.«
Malysa stapfte bereits den Berghang hinunter, in Richtung Dorf. Benetta hatte keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Aber ihre Angst wurde nur noch größer, als sie das seltsame, kleine Dorf betraten. Die Häuser waren aus hartem Holz gebaut und mit Stroh gedeckt. Die Kinder spielten mit einem Ball im Dreck und starrten mit untertassengroßen Augen zu ihnen hinauf, als sie vorbeigingen.
Eine Gruppe von Männern näherte sich ihnen aus dem Zentrum eines schlecht gebauten Platzes.
Viele von ihnen trugen hölzerne Waffen, nur einige wenige hatten Stahlwaffen.
An was für einem Ort sind wir nur gelandet?
»Seid gegrüßt«, sagte Malysa.
»Kommt nicht näher!«, rief der Mann an der Spitze.
»Wir wollen euch nichts tun.«
»Du fällst wie ein Tornado vom Himmel, kommst mit deinem strahlenden Licht auf uns zu und erwartest von uns zu glauben, dass du nichts Böses im Sinn hast?«
»Strahlendes Licht?«, fragte Benetta neugierig.
»Eure Körper glühen!«, rief ein anderer Mann.
Benetta und Malysa sahen sich an und lachten dann. Die Menschen hier besaßen wohl keine Magie. Wie seltsam. Das natürliche Glühen kam von der Magieanwendung. Sie konnte es notfalls abschwächen, aber das hatten sie noch nie tun müssen.
In diesem Moment stürmten zwei Frauen an den Männern vorbei und streckten ihre Hände aus. Sie verbeugte sich tief.
»Wir bitten um Entschuldigung«, sagte eine von ihnen. »Diese Narren erkennen nicht, wenn sie in der Gegenwart von Göttern sind.« Die Frau knurrte die Männer an. »Kniet nieder vor den Göttinnen.«
Die Männer schauten verblüfft und begannen dann tatsächlich, vor ihnen zu knien. »O nein«, begann Benetta.
Doch Malysa unterbrach sie. »Alles ist vergeben«, sagte sie zu den Bürgern. Sie hob den Kopf und entließ leuchtend das ganze Gewicht ihrer magischen Kräfte. »Ihr dürft aufstehen.«
»Willkommen in der großartigen Stadt Byern«, sagte die zweite Frau.
Benettas Augen weiteten sich. Sie nennen das eine Stadt?
»Wir fühlen uns geehrt, dass Ihr unter uns weilt«, sagte die erste Frau.
»Wir sind erfreut, hier zu sein«, sagte Malysa mit einem breiten Lächeln.
»Kommt. Wir haben eine Unterkunft für Euch und sind wirklich dankbar, solch Großartigkeit zu beherbergen«, sagte eine andere Frau.
Benetta warf Malysa einen bösen Blick zu, folgte ihr aber in das nahe gelegene Gasthaus, wo sie sofort in das schönste Zimmer geführt wurden. Es dauerte ganze zwanzig Minuten, bis die Frauen sie in Ruhe ließen. Erst, nachdem Malysa zugestimmt hatte, dass sie zum Abendessen herunterkommen würden, ließ man sie in Ruhe.
Sobald sich die Tür schloss, stürzte Benetta auf ihre Schwester zu: »Was machst du da? Wir sind keine Götter, Lysa!«
»Natürlich nicht, Benny«, sagte Malysa lachend, »aber wie sollten wir diesen Einfaltspinseln sonst erklären, was passiert ist? Sollen sie doch denken, was sie denken wollen. Wir essen etwas zu Abend, dann nehmen wir den Diamanten und kommen nach Hause, bevor Vater etwas merkt. Du hast doch noch den Diamanten, oder?«
»Natürlich habe ich den Diamanten noch, aber das ist absurd. Wir wissen nicht einmal, wo wir sind. Was für ein Ort ist Byern, und wie können sie das eine Stadt nennen?«
»Keine Ahnung, aber das ist auch egal. Wir werden weg sein, bevor wir es herausfinden müssen.«
»Wir wissen nicht einmal, wie man den Diamanten benutzt.«
»Details«, sagte Malysa wegwischend. »Wir sind die mächtigsten Magieanwenderinnen unserer Zeit. Wir werden es herausfinden.«
Benetta schaute finster drein. »Hast du sonst noch etwas mitgebracht?«
Malysa tastete ihr Kleid ab und zog dann eine Handvoll Goldmünzen heraus. Sie waren etwa halb so groß wie ihre Handfläche und zeigten das Profil ihrer Mutter, der Königin. An den Rändern schimmerte das Motto ihres Volkes. »Nur etwas Geld, das ich Vater abgeknöpft habe. Ich wollte diese Klinge auf dem Markt kaufen.«
»Du bist unverbesserlich. Die werden uns überhaupt nicht helfen.«
Malysa steckte sie zurück in ihre Tasche. »Mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut.«
»Können wir nicht einfach gehen?«, flehte Benetta.
»Benny, komm schon. Wie toll wäre es, Göttinnen zu sein? In diesem Land könnten wir alles sein. Wir könnten die Welt regieren, so wie wir es immer wollten.«
»Wie du es immer wolltest.«
»Hier gibt es keine Zwangsheiraten. Hier gibt es keine Verpflichtungen und Einschränkungen. Wir können wählen, wie wir unser Leben leben. Wir können wählen, ob wir in diesem Land Götter sein wollen. Wir können diese Menschen über die Magie aufklären. Denk nur an all das Gute, das wir tun könnten«, sagte Malysa mit einem eifrigen Leuchten in ihren dunklen Augen.
»Aber was ist mit unseren Familien? Was ist mit unserem Leben?« Malysa seufzte. »Siehst du nicht, was das bedeuten könnte?«
»Ich sehe nur alles, was wir verloren haben.«
»Gut«, sagte Malysa kopfschüttelnd, »dann lass uns zurückgehen.«
Benetta holte den Diamanten aus ihrer Tasche und hielt ihn Malysa hin.
Wie zuvor verschränkten sie ihre Kräfte und griffen nach dem Diamanten. Benetta starrte, bis ihre Augen trocken waren und schmerzten, aber nichts geschah.
»Warum funktioniert es nicht?«, stöhnte sie.
»Ich weiß es nicht. Wir machen genau das Gleiche wie vorher.«
Benetta versuchte, sich wie beim letzten Mal von dem Diamanten fesseln zu lassen.
Sie wollte, dass er sie in ihre Welt zurückbrachte, zu ihren Freunden und ihrer Familie, zu dem Leben, das sie liebte.
Aber es passierte nichts.
»Was werden wir tun?«, flüsterte Benetta.
»Wir werden es weiter versuchen«, sagte Malysa und ergriff die Hand ihrer Schwester, »aber in der Zwischenzeit werden wir unsere Rolle spielen.«
»Du willst, dass wir Göttinnen sind?«
»Ist das nicht offensichtlich, Benny?«
Benetta hob eine Augenbraue.
»Wir sind Doma, die ersten in diesem Land, und Doma waren schon immer Götter. Jetzt sind wir an der Reihe, zu regieren.«
Dunkelheit.
Verschwommen. Unscharf. Grau.
»… tu, was ich sage!«
Cyrene hatte diese Stimme schon einmal gehört. Irgendwo. Aus der Ferne.
Doch als sie versuchte, das kostbare Wissen festzuhalten, flatterte es davon wie ein Schmetterling.
»Sie braucht mehr. Hörst du mich?«
Mehr.
Nein, sie brauchte nicht mehr. Sie hatte genug.
Sie versuchte, ihre Augen zu öffnen, aber nichts geschah. Sie fühlte nichts. Keinen Schmerz. Keine Kontrolle. Keine Kräfte. Eine totale Abwesenheit von irgendetwas. Sie bestand nur aus Schatten und dem Nichts ihres Körpers. Falls sie überhaupt noch einen Körper hatte.
Eine Tür knarrte auf. Eisen schlug gegen harten Schmutz. Das Geräusch kratzte an ihr, aber sie konnte es nicht einordnen. Ihr Geist war einst ein bodenloser Ort gewesen. Jetzt enthielt er nur noch Schwärze, Rauchfahnen und einen abgrundtiefen Strudel des Nichts.
»Dreh sie um«, raunte die unbekannte Stimme.
»Schöpferin, sie sieht krank aus.«
»Nun, es ist schwer, sie zu füttern, wenn du sie so festhältst.«
»Das müssen wir. Du weißt nicht, was sie alles tun könnte.«
»Was wirst du tun? Wie willst du sie vor Gericht zwingen?«
»Halt dich zurück«, knurrte die Stimme.
Es schnitt und brach, als würde man mit einem Hammer auf Glas einschlagen.
»Ja, Kapitän.«
Cyrenes Verstand schüttelte sich bei diesem Wort. Kapitän. Ja, sie kannte einen Kapitän. Sie hatte einmal einen gekannt. Ein Bild fügte sich zusammen. Das erste Bild, das sie heraufbeschwören konnte. Ein Gesicht. Ein wunderschönes Gesicht. Gebräunt, starker Kiefer, helles Haar, das in dunkle Augen fiel, perfekte Lippen, dieses Lächeln.
Dean.
Ihr Herz brach bei der Erinnerung. An den perfekten Mann, den sie liebte. An seinen Ring an ihrem Finger. An seine Hände auf ihrer Haut. An all die verschwendeten Versprechen.
Prinz Dean Ellison von Eleysia. Der verwaiste Prinz. Jetzt allein, aber mit elf Schwestern. Seine Eltern … tot.
Tot durch die Hand eines Attentäters. Ihr Verstand versuchte, sich davor zu schützen. Kein Attentäter. Sondern ihre Freundin. Maelia Dallmer. Ihre erste Freundin am Hof, zu Hause in Byern. Ein Ort, den sie nie wiedersehen würde. Denn Maelia hatte sie getötet. Den König und die Königin von Eleysia im Schlaf abgeschlachtet.
Cyrene keuchte, die Gefühle überkamen sie auf einmal. Schmerz. Zerreißender Schmerz.
Nicht körperlich. Nur emotional. Alles Herzschmerz und Schuld und Reue und Trauer.
»Sie wacht auf. Beeil dich!«
»Sie kann nicht mehr aufwachen. Die letzte Dosis hätte einen erwachsenen Mann für eine Woche außer Gefecht gesetzt!«
»Sie ist keine normale Person.«
»Dean«, räusperte sich Cyrene, brachte das Wort nur mühsam durch ihre Kehle.
Schwere Hände drückten ihre Schultern fest auf den Boden. Sie konnte sich nicht bewegen. Ihr Verstand funktionierte, und sie hatte ein Wort zustande gebracht, aber darüber hinaus fühlte sie sich wie erstarrt, gelähmt. Die Schmerzen begannen an der Schädelbasis und direkt hinter ihren Augen, als würde ihr Kopf gleich aufbrechen.
Jemand drückte ihr die Finger auf die Nase. »Trink das«, sagte die andere Stimme.
Nicht Dean.
Er hatte kein Wort mehr gesagt, seit sie ihn gerufen hatte. Wie konnte ich denken, dass er das tun würde? Sie war in den Mord an seinem Vater und seiner Mutter verwickelt. Er hatte ihr vertraut, und dann war seine Welt zusammengebrochen. Auch wenn sie nichts von Maelias Taten gewusst hatte … Sie hatte Maelia in die Inselhauptstadt Eleysia gebracht. Sie hatte die Vertrauten zum ersten Mal seit Jahren wieder in ihre Heimat gebracht, als sie aus der Stadt verbannt worden waren, und damit hatte sie den Tod gebracht.
Flüssigkeit wurde ihr in den Mund geflößt, und sie schluckte, um nicht an dem Trank zu ersticken. Sie würgte und stotterte, aber er hörte nicht auf, bis sie fertig war. Dann ließ er sie endlich los.
Sie versuchte, sich zu bewegen. Versuchte, zu denken. Sie versuchte, sich an die flüchtigen Erinnerungen zu klammern, die vor ihrem inneren Auge schwebten. Aber was auch immer sie vorher gedacht hatte, was auch immer für ein Kummer sie in der Brust getroffen hatte, löste sich jetzt auf.
Einen Moment lang beklagte sie den Verlust ihres Verstandes. Im nächsten war sie dankbar für das Beruhigungsmittel, um den Schmerz zu betäuben … um sie von der Welt abzuschotten. Denn ein Teil von ihr wollte nicht mehr darin leben.
Sonnenlicht.
Nur ein kleines bisschen.
Cyrene spürte es auf ihrer Haut, hell wie ein Leuchtfeuer auf dem Meer. Es wärmte ihr Gesicht, verdrängte die Dunkelheit und rief nach ihr.
Licht.
Nicht die Abwesenheit der Dunkelheit, sondern ihr Spielkamerad. Er streckt die Hand aus, um den anderen zu ergreifen, um ihn jeden Tag ein paar Sekunden länger zu halten. Ein ständiges Jagen. Ein endloses Spiel des Tauziehens. Denn wie könnte es das eine ohne Wertschätzung für das andere geben?
Cyrene schüttelte die Dunkelheit ab wie eine schwere Decke. Sie schälte sie von ihrem Kopf, wo sie auf ihren Augen gelegen hatte, über ihren Körper bis hinunter zu ihren Füßen, bis sie spürte, wie das Gewicht sie befreite. Obwohl ihr Herz schwer blieb, war das, was sie unter Wasser gehalten hatte, nicht mehr da. Sie musste es mit Fieber weggebrannt haben, denn ihre Haut war klamm. Ihr Hals war noch immer glitschig vor Schweiß.
Langsam öffnete sie ihre müden Augen und hob ein dunkelblaues Auge zu dem Lichtstrahl, der in ihre Gefängniszelle drang. Ihre Pupille verengte sich zu einem bloßen Nadelstich. Wärme durchströmte sie, und sie trank sie aus, ließ sich von ihr bis zum Rand ausfüllen.
Nicht mehr.
Sie hatte die Nase voll.
Sie weigerte sich, sich jemals wieder so schwach zu fühlen. Sie wollte nicht zulassen, dass jemand sie dazu zwang. Dass sie sich jemals wieder den Weg zurück zur Vernunft erkämpfen musste.
Auch wenn sie nicht mehr wusste, wo oben oder unten war, wo ihr Herz lag oder wie düster der Weg war, der vor ihr lag, wusste sie, dass sie nicht schwach war. Sie war nie schwach gewesen. Sie würde nie schwach sein.
Und Dean hatte einen schweren Fehler begangen, als er sie dafür hielt. Sie auf diese Weise in die Knie gezwungen hatte.
Mit einer Angst, die sie hasste, stützte sie sich auf einen Ellbogen und atmete zitternd ein. Und dann noch einmal. Sie war am Leben. Das war das, was im Moment zählte. Sie hatten sie nicht ohne ein ordentliches Verfahren getötet, wie Maelia. Obwohl … Maelias Verbrechen waren offensichtlich gewesen. Es klebte Blut an ihren Händen.
Cyrene kniff die Augen zu und rollte sich wieder zusammen. Blut. Schöpferin. Blut.
Wie konnte ich zulassen, dass das passiert? Wie konnte ich nicht sehen, was meine Freundin vorhatte? Sie hatte die Leichtigkeit gesehen, mit der Maelia das Schwert hielt, aber sie nahm an, dass dies von ihren Eltern herrührte, die beide Hauptleute der Garde waren. Maelia hatte das nie bestätigt oder geleugnet. Sie hatte gesehen, wie Maelia sich so nahtlos in die Menschenmenge einfügte, dass sich niemand daran erinnerte, sie gesehen zu haben, aber Cyrene hatte nur gedacht, die Leute hätten ein schlechtes Gedächtnis. Sie hätte die Wildheit erkennen müssen, die sich hinter dem sanftmütigen Mädchen verbarg, das sie als ihre Freundin bezeichnet hatte. Sie hätte die Täuschung erkennen müssen, die folgen würde. Eine Attentäterin, die darauf wartete, in ihrer Mitte zuzuschlagen.
Sie erschauderte noch einmal bei dem Gedanken und ließ ihn dann in den Hintergrund gleiten. Sie konnte das alles noch nicht verarbeiten. Langsam bewegte sie sich in eine sitzende Position mit dem Rücken zur Felswand und sah sich um.
Sie befand sich in einer dunklen Gefängniszelle. Allein. Man hatte sie betäubt und ihr Drogen verabreicht, damit sie keinen Zugang zu ihrer Magie fand. Sie hätte nicht wach sein sollen. So viel wusste sie.
Verträumt erinnerte sie sich daran, dass die andere Person gesagt hatte, sie hätten ihr eine stärkere Dosis gegeben. Ein Beruhigungsmittel, nahm sie an. Aber was konnte mich so vollständig betäuben? Was konnte mich von meinen Kräften abschneiden … von mir selbst?
Eine Frage für ein anderes Mal. Als Erstes musste sie herausfinden, wie lange sie schon hier unten war und wie sie wieder herauskommen konnte. So lange konnte es nicht sein, sonst stünde sie bereits vor Gericht … oder wäre getötet worden. Sicherlich würde der eleysianische Hof ihren Kopf fordern.
Die Verlobte des Prinzen war im Laufe eines Nachmittags zur Verräterin geworden. Aufruhr und Aufregung und Feuer und Schwefel. Sie war nicht mehr die geschätzte und geliebte künftige Prinzessin, wie sie es an diesem einen glorreichen Nachmittag gewesen war.
Also, warum bin ich immer noch hier?
Dean.
Sie verdrängte den Gedanken. Nein. Dean würde sie nicht retten. Nicht so, wie er sie angeschaut hatte. Nein, sie bezweifelte sehr, dass es Dean interessierte, ob sie ihren hübschen Kopf verlor oder nicht.
Aber das Gewicht an ihrem Finger hielt sie fest.
Warum hat man mir meinen Verlobungsring gelassen? Der exquisite Stein glitzerte in dem spärlichen Licht zu ihr hinauf. Wenn ihm ihr Leben wirklich egal wäre, dann müsste der Ring weg sein. Aber sie kannte die Antwort auf diese Frage nicht. Auf keine ihrer Fragen.
Cyrene fuhr sich mit zitternden Fingern durch ihr verfilztes Haar und versuchte, einen Anschein ihres alten Ichs zu finden. Das stolze, ehrbare Mädchen, das einen Wirbelsturm heraufbeschwören würde, um bei dem Mann zu bleiben, den sie liebte, das einen Orkan aufhalten würde, um sein Leben zu retten. Ein Stück dieses Mädchens war abgebrochen, seit sie auf dem Boden der Gefängniszelle lag.
Liebe war töricht und schwach. Liebe war Zerstörung.
Liebe war der totale Ruin.
Stolz, Ehre, Macht, Kontrolle. Diese Dinge waren es wert, gerettet zu werden. Sie waren es wert, dafür zu leben und zu sterben.
Das wusste sie jetzt, da sie es vorher nicht gewusst hatte. Dieses Mal würde es anders sein.
Cyrene hörte das Stampfen von Stiefeln, als sie den staubigen Gang hinunter zu ihrer Zelle kamen. Schlüssel klapperten gegen das Bein eines Mannes. Aber ein frischer Geruch wehte ihr entgegen – Holz und Seife und Sandelholz.
Ein Duft, an den sie sich überall erinnern würde. Dean.
Aber kommt er, um mich wieder zu betäuben oder um mich zu holen?
Sie beeilte sich aufzustehen und lehnte sich lässig gegen die gegenüberliegende Wand. Sie versuchte Sand und Dreck, die sich unter ihren Fingernägeln festgesetzt hatten, herauszukratzen, und bemühte sich um Lässigkeit.
Als Dean endlich ihre Zellentür erreichte, erschrak er, als er sie stehend und bei klarem Verstand vorfand. Sie blickte nicht auf, konnte aber am Rande ihres Blickfeldes sein Aussehen erkennen. Er sah abgehärmt und erschöpft aus. Obwohl er sauber war, war seine Kleidung zerknittert. Schlamm bedeckte seine Stiefel. Dies war kein Mann, der sich seit dem tragischen Tod seiner Eltern beruhigt hatte. Wäre sie nicht so wütend gewesen, hätte sie Mitleid empfunden.
Stattdessen fühlte sie nichts.
»Du bist wach«, sagte er heiser.
»Wie klug von dir«, stieß sie hervor.
»Du … du bist nicht …«
»Offensichtlich sollte ich nicht wach sein, aber ich bin es.«
Sein Blick bohrte sich so heftig in ihre, dass es fast unmöglich war, ihm auszuweichen, aber sie sah nicht auf. Sie würde ihm diese Genugtuung nicht geben.
»Cyrene, ich …«
»Wann ist meine Verhandlung?«, schnauzte sie.
»Deine Verhandlung?«
Sie seufzte und gab nach, sah in seine stechenden Augen und wünschte sich sofort, sie hätte es nicht getan. Er war hinreißend. Ihr Magen flatterte, und sie verfluchte ihr Herz für die Sehnsucht nach ihm.
»Ja. Ihr habt mich eines Verbrechens beschuldigt. Ich muss mich vor Gericht verantworten«, sagte sie langsam, als wäre er schwachsinnig.
»Du wirst nicht vor Gericht stehen.«
»Wie bitte?« Sie richtete sich auf und wirkte dabei wie eine Königin.
Dean schreckte natürlich nicht davor zurück. Er war tatsächlich königlich und auch so erzogen worden. Er war der jüngste und einzige Sohn des Königs und der Königin von Eleysia. Da er jedoch elf ältere Schwestern hatte, würde er nie in der Thronfolge des Königtums sein.
»Du bist zu gefährlich, um vor Gericht zu stehen. Wir halten dich gefangen, bis wir entscheiden, was wir mit dir machen«, sagte er schlicht.
Cyrene drehte sich der Magen um. Wie konnte er es wagen! »Und wie lange war ich bisher gefangen?«
Er sah verlegen aus. »Zwei Wochen.«
Zwei Wochen. Sie hatte zwei Wochen durch den Schlaftrunk verloren. Zwei Wochen ohne Maelia. Zwei Wochen, in denen sie nicht gewusst hatte, was als Nächstes kommen würde und wo ihre Freunde waren. Ohne ihre Kräfte, auf die sie immer noch keinen Zugriff hatte, konnte Avoca sie nicht durch ihr magisches Band erreichen. Als sie und Avoca aneinander gebunden waren, gab ihnen das die Macht, ihre Magie zu verflechten, und verschaffte ihnen eine Verbindung zu der anderen Person. Aber das Band war stumm, ebenso wie ihre Fähigkeiten. Und sie hatte ihre Freunde Ahlvie und Orden zurück nach Byern geschickt, um König Edric, der bereit war, eine Armee nach Eleysia zu schicken, um Cyrene zurückzuholen, einen Brief zu überbringen. Sie hatte gedacht, Edric davon abhalten zu können, etwas Unüberlegtes zu tun, aber wenn nicht, so glaubte sie, würden die Stürme ihn aufhalten. Jetzt, in ihrer jetzigen Lage, war sie sich nicht sicher, was schlimmer wäre – wenn Edric sie holen oder sie im Stich lassen würde.
»Zwei Wochen«, sagte sie schließlich mit flacher Stimme. »Ihr habt mich zwei Wochen lang gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt, ohne dass ich verurteilt wurde.«
Sein Gesicht schien sich zu verhärten, als er sich daran erinnerte: »Ja, und wir werden dich so lange hierbehalten, bis wir wissen, was wir mit dir machen sollen.«
»Was ihr mit mir machen sollt«, wiederholte sie.
»Du warst Komplizin bei einem Mord!«
Cyrene zog ein langsames, katzenhaftes Lächeln auf ihr Gesicht. Sie war schon seit Monaten mit Dean zusammen. Sie hatten sich in den Wäldern von Aurum kennengelernt, ohne dass sie wussten, wer der andere war. Er war in diesem Moment kein Prinz gewesen, und sie keine Vertraute Byerns, die er sonst verachtet hätte. Er hatte sie völlig akzeptiert, ihr vertraut, an sie geglaubt … sie geliebt. Und jetzt, mit diesem einen schrecklichen Satz, brach alles zusammen.
»Und jetzt lächelst du«, spuckte er aus, während ihn die Wut übermannte.
»Glaubst du das wirklich?«, fragte sie ruhig.
»Was soll ich denn sonst glauben? Ihr seid in mein Land eingedrungen, habt gewartet, bis ihr unser volles Vertrauen hattet, und dann einen Attentäter geschickt, um eure Drecksarbeit zu erledigen. Vertraute waren in Eleysia nie willkommen. Jetzt verstehe ich auch, warum.«
»Du bist ein Narr.«
»Sie behauptet, ich sei der Narr!«, rief er, warf frustriert die Hände hoch und wandte sich von ihr ab. Er fuhr sich mit einer zittrigen Hand durch die Haare und sah sie dann ernst an. »Ja, vielleicht bin ich ein Narr … weil ich dich liebe.«
Cyrene schluckte und weigerte sich, bei dem Vorwurf zusammenzuzucken, auch wenn ihr Herz schmerzte. Mit beträchtlicher Anstrengung richtete sie sich auf und ging so ruhig wie möglich auf Dean zu.
»Cyrene … komm keinen Schritt näher«, warnte er.
»Oder was?«
Wenn sie ihre Magie hatte, konnte er ihr nichts antun. Er war nicht schnell genug, um sie wieder zu überwältigen. Beim ersten Mal war er nur erfolgreich gewesen, weil sie so schockiert gewesen war, als sie von den Morden und Maelias Verwicklung gehört hatte. Aber sie wollte nicht, dass er erfuhr, dass sie keinen Zugang zu ihren Kräften hatte. Was auch immer in dem Trank war, hatte definitiv ihre angeborenen Fähigkeiten geschwächt … oder aber …
Nein. Sie wollte nicht an die andere Möglichkeit denken. Dass sie vielleicht ihre Kräfte völlig verbrannt hatte.
»Cyrene«, knurrte er erneut.
Sie trat direkt an das Eisentor heran, das sie voneinander trennte. Sein Duft war dort noch stärker. Am liebsten hätte sie ihr Gesicht in seiner Schulter vergraben und ihn umarmt. Die Anspannung, der Schmerz und die Trauer zeichneten sich in seinen jugendlichen Zügen ab. Etwas Ursprüngliches in ihr erwachte durch seine Nähe. Sie musste sich unter Kontrolle halten. Immerhin hatte er sie hinter diese Gitterstäbe gebracht.
Cyrene streckte langsam die Hand aus und berührte zärtlich seine Wange. Er zuckte zurück, ließ sie aber an sich heran. Sie fuhr mit den Fingerkuppen über seine Wange. Ihr Daumen strich über seine Unterlippe, und er holte scharf Luft, bevor er einen Schritt zurückwich.
»Denk nach«, flüsterte sie, die Hand immer noch nach ihm ausgestreckt. »Denk einfach nach, Dean. Du weißt, wozu ich fähig bin. Warum sollte ich eine Mörderin schicken, um meine Drecksarbeit zu erledigen? Warum hätte ich mir überhaupt die Mühe machen sollen? Warum sollte ich in Eleysia warten, wenn ich den Auftrag bis zum Eos-Feiertag hätte erledigen und nach Hause zurückkehren können, wenn das mein Plan gewesen wäre? Warum hätte ich zustimmen sollen, dich zu heiraten, nach der Verlobung mit dir zu schlafen und dich dann vor dem sicheren Tod auf dem Wasser zu retten? Warum hätte ich überhaupt zugelassen, dass du mich kampfunfähig machst, wenn ich gewusst hätte, wohin ich an diesem Tag zurückkehren würde?«
Dean reagierte nicht. Er stand einfach nur da, gebannt von ihren ozeanblauen Augen, und sie ließ ihre Hand fallen.
Sie seufzte schwer: »Wenn du wirklich glaubst, dass ich etwas damit zu tun habe, dann stell mich sofort vor Gericht. Beweise meine Schuld.«
»Das kann ich nicht tun.«
»Und warum nicht?«, knurrte sie, unfähig, den bitteren Zorn aus ihrer Stimme zu halten.
Seine Augen fixierten die ihren, und sie sah, wie etwas weich wurde und sich dann wieder verhärtete, bevor er sagte: »Weil du da drinnen sicherer bist.«
Cyrene lachte heiser. »Sicherer? In einer Gefängniszelle?«
»Meine Schwester … Königin Brigette braucht keinen Beweis für deine Schuld. Sie wird dich, ohne mit der Wimper zu zucken, zum Tode verurteilen.«
»Du willst mich also hier drin verrotten lassen?«
»Ich will dich hier drin am Leben lassen.«
Cyrene schüttelte den Kopf. »Das ist kein Leben.«
Schwungvoll holte Dean ein kleines grünes Fläschchen aus der Innentasche seines Jacketts. Cyrene schreckte zurück. Sie gab nur ungern zu, dass der Gedanke an einen weiteren Trank ihr Angst machte. Sie wusste, dass ihre Fähigkeiten Krankheiten und Verletzungen erschreckend schnell bekämpften, und so war sie wahrscheinlich auch in der Lage gewesen, ihren Körper von dem Trank zu befreien, der sie betäubt hatte. Aber das bedeutete nicht, dass es sie nicht erschreckte, dass so etwas überhaupt möglich war.
»Trink das«, befahl er und schob es ihr zu.
»Das werde ich nicht.«
»Cyrene, mach es nicht so kompliziert.«
»Ich werde nichts mehr trinken, was du mir gibst, es sei denn, ich sehe, wie du es zuerst trinkst«, sagte sie.
»Trink es einfach!«
»Lass mich ein Gerichtsverfahren haben«, schoss sie zurück.
»Wenn du vor Gericht stehst, wirst du sterben.«
»Würde dich das nicht glücklich machen?«
Seine Angst war in diesem Moment deutlich zu spüren, aber er reagierte nicht. Langsam bückte er sich und stellte die grüne Phiole auf den Boden der Gefängniszelle. »Trink die Phiole. Trinke die Phiole nicht. Es liegt an dir, Cyrene. Aber entscheide dich, bevor heute Nacht der Vollmond aufsteigt.«
Dean machte einen Schritt zurück und dann noch einen, bevor er sich umdrehte und davonlief.
»Oder was?«, rief sie ihm zu.
Aber er reagierte nicht. Er ging einfach weiter.
Der Anschein von Kontrolle, den sie bis dahin gehabt hatte, verließ sie, als seine Schritte leise durch den Flur hallten und dann ganz verschwanden. Sie schlug mit den Händen gegen das Eisengitter und riss an der Tür. Sie zog und zerrte, stieß und trat dagegen, hoffte verzweifelt, dass etwas geschah, irgendetwas.
Verschwindet einfach.
Das letzte Mal, als sie in der Falle saß, hatte sie ihre Magie eingesetzt, um die Tür zu durchbrechen und mehrere Steinmauern hinter der Tür niederzureißen. Heute hatte sie kein solches Glück. Damals hatte Deans Schwester Alise sie allein in einem verschlossenen Raum zurückgelassen. Alise hatte Cyrene für ihr Glück mit Dean gehasst, denn Alise war in einen Mann verliebt, den sie nicht heiraten durfte. Einen Bürgerlichen, der zu Deans militärischem Rivalen wurde. Robard. Bei der Erinnerung an Robard verließ Cyrene die Kraft.
Denn nicht nur der König, die Königin und Maelia hatten an jenem Tag vor zwei Wochen ihr Leben gelassen, auch Robard war gestorben. Nein, nicht gestorben. Getötet worden. Dean hatte ihn getötet.
Robard hatte sich an Bord des Schiffes geschlichen, auf dem sie und Dean ihre Verlobung feierten. Robard hatte vorgehabt, sie an diesem Tag zu töten, aus Eifersucht oder aus Bosheit. Sie würde nie wirklich erfahren, was seine verrückten Beweggründe gewesen waren. Sie wusste nur, dass Dean, als er angegriffen hatte, nicht gezögert hatte, seinen Freund zu töten.
Und schlimmer noch … Cyrene hatte gespürt, wie die Magie in Robards Blut nach ihr rief. Sie erschauderte bei dem Gedanken. Selbst in ihrem verwahrlosten Zustand, ohne ihre eigene Magie, konnte sie sich deutlich an den dunklen Ruf erinnern. Sie wusste nicht, was es bedeutete, dass die dunkle Magie zu ihr sang.
War ich so schwach gewesen, nachdem ich versucht hatte, den Sturm in Griff zu bekommen? Oder habe ich mich wirklich nach so etwas gesehnt?
Sie dachte an das, was sie in ihrem Fiebertraum gesehen hatte, nachdem sie den Wirbelsturm gestoppt hatte und ohnmächtig geworden war. Vor zweitausend Jahren hatte Viktor Dremylon den bösen Doma-Hof und seine Anführerin, Domna Serafina, gestürzt. Zumindest war das die Geschichte, die Cyrene ihr ganzes Leben lang erzählt worden war. Jetzt wusste sie, dass Viktor und Serafina sich nicht nur sehr geliebt hatten und getrennt wurden, weil Serafina Magie besaß und Viktor nicht, sondern dass sie auch eine von der Schöpferin verfluchte Tat vollbracht hatten. Gemeinsam hatten sie die Kehle von Viktors erstgeborenem Kind aufgeschlitzt und die starke Blutmagie benutzt, um sich für alle Ewigkeit aneinander zu binden.
Gleich und gleich gesellt sich gern. Eine magische und eine nicht magische Person konnten niemals offiziell verbunden werden, wie es bei Cyrene und Avoca der Fall war. Aber die Zeremonie mit dunkler Magie durchzuführen und die reine, unverfälschte Doma-Magie mit Blutmagie zu vermengen, war undenkbar.
Hatte das Viktor dazu gebracht, Serafina zu töten? Hatte ihn das dazu bemächtigt, die mächtigste Herrscherin aller Zeiten zu besiegen?
Cyrenes Kopf drehte sich, und sie ließ sich langsam auf den harten Steinboden sinken.
Sie hatte sich noch nicht ganz erholt und überforderte sich.
Ihr Blick wanderte zu dem grünen Fläschchen. Sie schien so unbedeutend zu sein. Es könnte sie töten. Gift.
Es schien unter der Würde von Dean zu sein. Er hatte die Möglichkeit gehabt, sie zu töten, und er hatte es nicht getan. Zwei Wochen lang hatte er sie am Leben und in Sicherheit gehalten … wenn auch gefangen und außer Gefecht gesetzt.
Sie grübelte über seine Worte nach. In einem Atemzug hatte er sie beschuldigt, Komplizin eines Mordes zu sein, und im nächsten hatte er behauptet, sie sei sicherer, wo sie war. Also, was ist es? Bin ich eine Gefahr für den Thron – eine Verräterin und eine Mörderin? Oder bin ich jemand, den man am Leben erhalten und gesund machen muss?
Cyrene nahm das Fläschchen in die Hand. Sie betrachtete sie wie einen Feind. Bin ich ein Feind, den man beseitigen muss?
Nein. Wenn sie ein Feind wäre, würden sie es öffentlich machen. Die Phiole war ein Ausweg. So wäre es zu einfach. Sie würden ein Spektakel aus ihr machen wollen. Wie sie es mit Maelia getan hatten. So viel wusste sie.
Aber sie wusste nicht, warum Dean ihr das gegeben hatte. Hatte er vorgehabt, es mir selbst zu verabreichen, es aber nicht geschafft, weil ich wach war?
Cyrene fluchte leise vor sich hin. Sie hatte keine Antworten parat. Sie musste nur entscheiden, ob sie Dean vertraute oder nicht. Sie biss die Zähne zusammen und erinnerte sich an den Schlag seiner Klinge gegen ihre Schläfe.
Die Art, wie er sie betäubt hatte. Wie er sie gefangen gehalten hatte.
Nein, sie konnte … ihm nicht vertrauen.
Doch als der Mond sich seinem Zenit näherte, wurde ihr klar, dass sie niemanden hatte, dem sie ihr Vertrauen schenken konnte. Niemanden, der ihr helfen konnte. Niemanden, nicht einmal sich selbst. Nur diese kleine grüne Phiole. Und Dean.
Cyrene entkorkte das Fläschchen und nahm einen kräftigen Schluck. Sie hustete, als der süßliche Geruch ihre Sinne einhüllte.
Schöpferin! Führe meine Hand.
Sie blickte noch einmal zum Mond und kippte dann den Rest.
Cyrene schwankte.
Hin und her. Hin und her.
Das war alles, was sie fühlte, als sie wachgerüttelt wurde. Alles wurde ihr in Windeseile bewusst. Das Fläschchen.
Sie richtete sich auf und schrie aus Leibeskräften. Aber der Schrei wurde durch ihren Knebel gedämpft. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie ihre missliche Lage erkannte. Ihre Hände und Beine waren verknotet, gefesselt wie ein kostbarer Truthahn. Eine Decke war hastig über ihren Körper geworfen worden. Sie versperrte ihr die Sicht darauf, wo sie sich befand oder hinwollte, aber sie konnte schon an dem Schwanken erkennen, dass sie sich auf einem Boot befand.
Ein Boot? Wie bin ich auf ein Boot gekommen? Warum bin ich nicht mehr im Gefängnis?
Wie aus dem Nichts schob sie eine Hand nach hinten, und sie rang mit dem Angreifer. Sie versuchte erneut zu schreien, hatte aber durch den Knebel kein Glück.
»Sei still!«, zischte eine körperlose Stimme von oben. »Wie zum Teufel kann sie wach sein?«
»Ich habe keine Ahnung.« Deans klare Stimme drang durch die feuchte Nacht.
»Sie sollte eigentlich tot sein!«, sagte der Mann. »Du sagtest doch gerade, du würdest den Körper loswerden wollen.«
»Und das tun wir«, sagte er gleichmäßig.
Cyrene kochte. Den Körper loswerden! Er hat gedacht, dieses Fläschchen mit Flüssigkeit würde mich töten! Was habe ich mir nur dabei gedacht? Wie konnte ich ihm nur vertrauen? Sie war so doof gewesen, und jetzt hatte sie keine Ahnung, wo sie war oder wohin sie gingen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um ihre Magie wiederzuerlangen.
Die Decke wurde ihr über den Kopf gezogen, und ein Mann blickte auf sie herab. Sie erkannte ihn sofort als Deans Leibwächter und Maelias ehemaligen Liebhaber Darmian. Er war derjenige, der Maelia mit Blut an den Händen erwischt hatte … buchstäblich.
»Halt die Klappe, oder man wird uns bemerken. Dann bekommst du richtig Ärger«, knurrte er. Seine Stimme war rauer, als sie sie in Erinnerung hatte. Sein Gesicht härter. Er muss Maelias Tod schwer verkraftet haben … oder er hasste Cyrene jetzt einfach.
Aber sie hörte nicht auf, sich zu winden oder um Hilfe zu rufen. Sie bezweifelte, dass sie ohne ihre Kräfte so einfach entkommen konnte, aber sie wollte nicht kampflos aufgeben.
»Hör zu, soll ich dich wieder k.o. schlagen? Wir haben keine Kugelfischflüssigkeit mehr, weil du sie schneller verbrauchst, als es Menschen möglich ist. Also, halt die Klappe, oder ich zwinge dich!«
Dann warf er ihr die Decke zurück ins Gesicht, und sie verstummte.
Kugelfischflüssigkeit? Wovon im Namen der Schöpferin redet er? War es das, was Dean mir gegeben hat?
Sie wusste, dass Kugelfische extrem giftig waren. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Magie dem Gift widerstand, aber offenbar wirkte sie so. Auch wenn sie sie nicht erreichen konnte.
Der Gedanke, wieder bewusstlos zu werden, gefiel ihr nicht. Sie wäre lieber wachsam, um zu sehen, was sie vorhatten, ob sie sie heimlich befreien oder ihre Leiche mitten in der Nacht entsorgen würden.
Cyrene atmete einmal leise durch den Knebel, schloss die Augen und griff wieder nach ihren Kräften. Was auch immer Dean ihr gegeben hatte, mochte erloschen sein, aber ihre Magie wurde nach wie vor in Schach gehalten.
Dann … wie der sanfte Flügelschlag eines Schmetterlings öffnete sich eine winzige Quelle im Inneren. Nicht viel. Nichts, womit sie wirklich viel anfangen konnte. Nicht so wie früher, als sie mit ihren Tutorinnen Matilde und Vera gearbeitet hatte. Aber immerhin hatte sie genug, um an ihrem Band mit Avoca zu zerren.
Das Gefühl der Verbundenheit löste eine Welle der Erleichterung aus. Sie hatte befürchtet, dass ihre Magie ausgebrannt war und sie ein Leben ohne sie führen musste. Sie konnte sich dieses Leben jetzt nicht mehr vorstellen. Aber die Kraft war noch da, nur betäubt von der Menge an Energie, die sie verbraucht hatte, und von dem, was Dean ihr gegeben hatte.
Fast sofort ertönte ein Ruf, wie ein Leuchtfeuer in der Nacht, und Cyrene wusste, dass sie nicht allein war. Avoca würde sie finden. Dessen war sie sich sicher. Nachdem Cyrene Avocas Leben vor den Indres – bösen, wolfsähnlichen Bestien – gerettet hatte, schuldete Avoca ihr nun ein Leben lang etwas. Auch ohne ihre Bindung würde Avoca für sie bis ans Ende der Welt gehen. Und Cyrene empfand dasselbe für ihre Schwester Leif.
Sobald der Schlepper zu ihr kam, schaukelte das Boot heftig, und Cyrene steuerte auf den Rand zu. Ohne die Hände frei zu haben, wäre sie fast über die Bordwand gekippt. Arme packten sie grob in der Mitte und zogen sie zurück in Sicherheit.
Die Decke fiel von ihrem Gesicht und gab ihr den ersten richtigen Blick darauf frei, wo sie waren.
Ihr Mund klappte auf, und ihre Augen weiteten sich. »Nein«, versuchte sie in ihren Knebel zu schreien.
Darmian trat ihr in die Seite, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie stöhnte, begann sich zu winden und versuchte, sich aufzusetzen, während sie entsetzt auf das starrte, was vor ihr lag. So weit das Auge reichte, waren Kriegsschiffe von Byern zu sehen. Cyrenes Herz sank. Sie hatte nicht gewusst, ob sie sich besser oder schlechter fühlen würde, wenn Edric sie holen käme … und jetzt wusste sie es mit Sicherheit. Schlechter. Viel schlechter. Sie hatte Byern verlassen und ihren Platz aufgegeben. Sie hatte zugestimmt, Dean zu heiraten und eine eleysianische Prinzessin zu werden. Das Letzte, was sie wollte, war, nach Hause zurückzukehren.
Und doch rief es nach ihr. Sie konnte auf dem Schiff einen Puls spüren, der fast so stark war wie der, den sie mit Avoca hatte. Ein Puls, der zu ihr sang.
Sie wollte es ignorieren. Sie wusste, dass es mit der illegalen Bindung der Vertrauten und des Hohen Ordens an den Thron und die Ländereien von Byern zu tun hatte. Aber das hier fühlte sich irgendwie anders an, präziser. Es waren nicht ihre Ländereien oder der dremylonische Thron, die sie riefen. Es war ein ganz bestimmter Dremylon.
Ohne zu wissen, warum, lehnte sich Cyrene in die Verbindung, als würde sie ihr Gesicht im Sonnenlicht baden. Der König. Das muss Edric sein.
Sie hatte Dean gesagt, dass sie Edric nicht liebte, aber die Wahrheit war, dass das, was zwischen ihnen war, mehr war. Nicht Liebe, sondern Verbundenheit. Eine Verbindung, die sie vom ersten Tag an gespürt hatte, als sie bei ihrer Präsentation in sein Gesicht geschaut hatte. Damals hatte sie nicht gewusst, was der elektrische Impuls war, der zwischen ihnen herrschte. Jetzt wusste sie es. Und es rief nach ihr.
Mit ihm so nah wusste sie nicht, wie sie jemals geglaubt hatte, dass ihre Verbindung schwächer wurde.
Wenn überhaupt, dann fühlte es sich stärker an.
Sie ruderten direkt an die Seite des ersten Schiffes heran. Es war riesig, zehnmal so groß wie der Kahn, mit dem sie auf der Prozessionsfahrt den Keylani-Fluss hinuntergefahren waren, und wesentlich größer als das Schiff, mit dem sie mit Dean nach Eleysia gekommen war. Natürlich waren die eleysianischen Schiffe eher zur Tarnung gedacht. Ihre Flotte war über jeden Zweifel erhaben.
Im Mondlicht schien das Schiff auf übernatürliche Weise zu leuchten. Die dunklen Holzplanken stammten aus dem Verborgenen Wald an den Ufern der Taken Mountains in der Nähe ihrer Heimat. Die Segel waren weiß und klar. Eine dremylonische Flagge in den traditionellen Farben Grün und Gold wehte hoch über dem Schiff mit dem D in Flammen. Es war prächtig.
Aber dieses Ausmaß an Kraft von Byern verblüffte sie. Edric schickte Dutzende von Kriegsschiffen nur für mich?
»Binde ihr Hände und Füße los«, sagte Dean grob. »Aber pass auf. Sie ist gerissen.«
»Aye«, murmelte Darmian.
Mit einem leichten Ruck an den Seilen an ihren Handgelenken zog er Cyrene auf die Beine. Er zog ein gefährlich aussehendes Messer hervor und schnitt die Seile durch, als wären sie aus Butter. Während er sich um ihre Knöchel kümmerte, löste sie die Fesseln und rieb sich die Handgelenke.
Ihr Blick schweifte zum Wasser hinaus. Wie weit draußen sind wir? Könnte ich von hier aus zurück zu Avoca schwimmen?
»Denk nicht einmal daran«, sagte Dean.
Sie starrte ihn an. Ihr Mund war immer noch geknebelt, also konnte sie nichts erwidern, aber wenn Blicke töten könnten …
Eine Strickleiter führte vom Dach des Schiffes hinunter, und Dean griff danach.
»Prinz Dean«, sagte Darmian sofort, »lasst mich.«
»Du bleibst hinter Cyrene. Lass sie nichts … Dummes tun«, sagte er, während er Cyrene im Auge behielt.
Als ob sie dazu neigen würde, dumme Dinge zu tun. Nun, sie nahm an, dass das nicht ganz unzutreffend war.
Dean kletterte die Strickleiter hinauf, als wäre er dazu geboren worden. Darmian, der immer noch das beängstigende Messer in der Hand hielt, drängte sie damit nach vorne. Sie wollte nach oben greifen und ihr den blöden Knebel aus dem Mund reißen, aber so wie Darmian sie anstarrte, konnte jede kleine Bewegung dazu führen, dass sie ausgeweidet wurde. Und es war ihr egal, wie schnell sie sich heilen konnte; davon würde sie sich nicht mehr erholen.
Cyrene griff nach der Leiter und rang sie in Position. Das dumme Ding wackelte und bewegte sich mit Dean über ihr.
»Mach weiter«, knurrte Darmian.
Sie warf ihm noch einen vernichtenden Blick zu, hob ihr Kleid hoch und stieg dann auf die Leiter.
Es war die Hölle.
Sie hatte keine Ahnung, wie Dean das so einfach machen konnte. Kein Wunder, dass weibliche Matrosen Hosen trugen. Wie konnten sie das in feinen Kleidern schaffen? Nicht, dass sie ein schönes Kleid trug. Und sie hätte nichts dagegen, es jetzt mit Darmians Klinge zu kürzen. Es verhedderte sich zwischen ihren Beinen und versuchte, sie bei jedem Schritt zu Fall zu bringen. Sie mochte vielleicht gerne segeln, aber eine bewegliche Strickleiter zu erklimmen war nicht ihre Stärke.
Als sie es endlich nach oben geschafft hatte, packten zwei Männer sie unter den Achseln und zogen sie kurzerhand auf das Deck. Sie stolperte einen Schritt und richtete sich dann auf. Ihre Hände wanderten zu ihrem Knebel und sie riss ihn aus ihrem Mund. Sie musste selbstbewusst bleiben, trotz ihrer Wut und … Angst.
Wenn du meinen Körper loswerden wolltest, weshalb befinde ich mich dann auf einem Kriegsschiff?
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte sie sogleich.
Dean warf ihr einen Blick zu, der ihr sagte, sie solle ihre Zunge hüten, aber auch darin war sie noch nie besonders gut gewesen.
Sie betrachtete das Deck. Selbst im Mondlicht konnte sie ein halbes Dutzend Matrosen ausmachen, die ihr gegenüber in einem Halbkreis standen. Alle trugen die dremylonischen grünen Militäruniformen. Keiner antwortete auf ihre Frage.
»Wo ist er?«, knurrte Dean ungeduldig.
»Er ist wach, wenn er wach ist«, erwiderte eine Frau in wütendem Ton.
Sie hatte einen Arm an der Seite und den anderen auf ein breites Schwert gestützt. Cyrene war sich sicher, dass die Frau genau wusste, wie sie es zu benutzen hatte.
»Er?«, fragte Cyrene.
Sie wusste natürlich schon, von wem sie sprachen. Dean wollte sie verraten. Er lieferte sie wieder an Byern aus, anstatt ihr einen ordentlichen Prozess zu machen und ihre Unschuld zu beweisen. Und jetzt sah er sie nicht einmal mehr an.
»Wer ist er?« Cyrene stakste über das Deck auf Dean zu. Es waren nur wenige Zentimeter zwischen ihnen, bevor eine Hand ihr Handgelenk umschloss.
»Bleib stehen«, sagte Darmian.
Sie war so sehr auf Dean fixiert, ihre Wut brannte so stark, dass sie nicht einmal gehört hatte, wie Darmian hinter ihr auf das Deck geklettert war. Sie hatte auch nicht bemerkt, dass sie ihre Magie ergriffen hatte. Ihre Haut kribbelte von der rohen Energie, die durch ihr System floss. Es war mehr als die Bindung, aber immer noch schwach und verdünnt. Es knisterte und spuckte, als würde sie in einen einstmals bodenlosen Brunnen hinabgreifen und feststellen, dass er leer war.
»Lass sie in Ruhe«, sagte Dean ruhig und gelassen.
Darmian ließ sie los, und Cyrene löschte gleichzeitig ihre Magie.
»Wie konntest du das tun?«, fragte sie.
»Wir hatten keine andere Wahl«, sagte er ihr rundheraus.
»Es gibt immer eine Wahl.«
»Steh nicht da und belehre mich darüber, was ich mit dir machen soll, Cyrene. Sei froh, dass du nicht tot bist.«
»Und warum hast du mich nicht einfach getötet? Warum hast du mich vergiftet und diesem Schicksal überlassen?« Sie schlug mit der Hand nach den Byern-Matrosen, die sich bei diesem Anblick unbehaglich bewegten.
Seine Augen fanden die ihren über die kurze Distanz hinweg, und sie sah dort nichts.
Nicht ein Schimmer des Mannes, den sie liebte.
War er so betrübt, dass er nicht mehr klar denken konnte? War er so wütend, dass er keine Gewissensbisse hatte, weil er mich an die Leute ausgeliefert hatte, vor denen ich die ganze Zeit geflohen war? Byern lehnte Magie ab. In ihrem Haus gab es keine Magie. Und was noch schlimmer war: König Edrics Vorfahre, Viktor Dremylon selbst, hatte sie ausgelöscht und sich vorgenommen, sie im Rest von Emporia auszurotten. Wenn sie auch nur einen Fuß auf Byerns Boden setzte, würde sie gejagt und gezwungen werden, um ihr Leben zu kämpfen.
Was Dean tat, bedeutete, sie zu Tode zu verurteilen.
»Wenn du mich weiterhin fragst, warum ich dich nicht getötet habe, werde ich es noch bereuen«, sagte Dean barsch.
Cyrene wich schockiert einen Schritt zurück. Ihr Herz war bereits gebrochen und in Millionen Stücke zersplittert. Eine Dunkelheit breitete sich in ihrem Herzen aus und erinnerte sie daran, warum sie sich keine Sorgen oder Hoffnungen machen sollte. Maelia war fort. Und jetzt war auch Dean weg.
Sie weigerte sich, um ihn zu weinen. Sie zog einfach an dem Ring an ihrem Finger, den er ihr geschenkt hatte, und nahm ihn ab. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und streckte ihre Hand aus. »Na schön. Wenn ich dir nichts bedeute, dann wirst du ihn zurückhaben wollen.« Dean starrte auf den glitzernden Ring hinunter, der das Mondlicht in ihrer offenen Handfläche reflektierte.
Dann streckte er die Hand aus und umfasste ihre. Sie dachte, er würde den Ring nehmen und für immer mit ihr fertig sein, aber er schloss ihre Hand um den Ring und schüttelte den Kopf.
»Behalt ihn«, sagte er hohl.
Sie wollte gerade widersprechen, als ein Tumult sie von Dean weglockte. Alle Matrosen schreckten auf, und Cyrenes Herz stotterte. Sie stand kurz davor, Edric zum ersten Mal seit neun Monaten von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie zugestimmt, in sein Schlafgemach zu kommen … und dann hatte sie Byern verlassen, um nach Eleysia zu gehen und ihre Magie zu entdecken. Sie war nicht einmal dazu gekommen, sich zu verabschieden.
Sie machte sich auf das gefasst, was gleich passieren würde, und spürte, wie Dean neben ihr erstarrte.
Eine Gestalt erschien am oberen Ende der Treppe, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet war. Hinter ihm wogte ein tiefer Samtmantel, dessen Kapuze sein Gesicht verbarg. Er wirkte undurchdringlich und erhaben. Die Dunkelheit schien tatsächlich an den Ärmeln seiner schwarzen Tunika zu lecken, als würde die Nacht ihn als ihr Eigentum akzeptieren.
Cyrene atmete nicht mehr, als er in ihr Blickfeld kam und die Kapuze abnahm, um sein wunderschönes Gesicht, das zerzauste dunkle Haar und die stechenden blaugrauen Augen zu enthüllen.
Sie keuchte. »Du!«, rief sie und fuhr sich mit der Hand zum Mund.
»Oh, wie ich dich vermisst habe«, sagte Kronprinz Kael Dremylon mit einem scharfen, wissenden Grinsen.
Cyrene stürzte sich auf Dean. »Wie konntest du das tun?«
Sie bemerkte, dass er sich nicht gerade wohlfühlte. Und wie sollte er auch? Kael Dremylon war ihr Todfeind. Und Dean war dabei, sie an Kael auszuliefern, obwohl es viele Gründe gab, die dagegensprachen. Der Hauptgrund war, dass Kael über eine Art mächtige dunkle Magie verfügte und versucht hatte, Dean zu töten, als sie sich das letzte Mal nur wenige Meter voneinander entfernt hatten.
»Cyrene«, flüsterte Dean.
»Genug davon«, sagte Kael mit einem wahrhaft gefährlichen Lächeln. Er richtete seinen Blick auf Dean. »Ich habe das, wofür ich gekommen bin, und du hast das, wofür du gekommen bist. Es ist besser, wenn du gehst.«
»Du solltest besser dein Wort halten«, sagte Dean.
»Natürlich wird er sich nicht an sein Wort halten!«, rief Cyrene. »Weißt du nicht, mit wem du es zu tun hast? Weißt du, was du da gerade tust?«
»Ich habe versprochen, dich gehen zu lassen«, sagte Kael leichthin zu Cyrene. »Und daran habe ich mich gehalten, bis es an der Zeit war, dich nach Hause zu bringen.«
Cyrene grinste ihn an. »Mich nach Hause bringen? Wie einen Preis?«
Die letzten Worte, die Kael zu ihr gesagt hatte, schlichen sich unaufgefordert in ihr Bewusstsein.
»Du wirst dich erinnern und wissen, dass du an allem schuld bist. An allem, was geschieht. Du wirst dich erinnern und du wirst zu mir zurückkommen.«
Sie schüttelte den Kopf, weil sie nicht darüber nachdenken wollte, was das bedeutete. Sie erinnerte sich nur allzu deutlich an die Nacht auf den Docks, als er ihren Geist bezwungen hatte. Die schwarzen Ranken, die sie zu ihm zu ziehen schienen, der Nebel, der ihre Sinne vernebelt hatte, als er sie berührte, und das verzweifelte Bedürfnis, das er ausgelöst hatte.
Schwarze Magie. Dunkle Magie.
Blutmagie.
Das war das Einzige, was Sinn ergab.
Doch so sehr es sie auch erschreckte, der Funke zwischen ihnen war immer noch stark. Und je länger sie dort stand, desto mehr spürte sie, wie ihre Abwehrkräfte schwächer wurden.
»Ah, aber du entscheidest, ob du ein Preis bist, den man gewinnen kann. Oder hat sich das geändert?«, fragte Kael. Sein Blick fiel auf den Ring, den sie immer noch in der Hand hielt.
Sie wollte ihn hinter ihrem Rücken verstecken, aber sie wollte ihm diese Genugtuung nicht geben. Sie schob das Schmuckstück wieder an seinen Platz. Wenn es Kael verärgerte, umso besser. Es hatte nichts zu bedeuten. Mit ihr und Dean war es vorbei. Und zwar seit er befohlen hatte, sie k.o. zu schlagen.
Dean knirschte mit den Zähnen. »Erinnere dich einfach an unsere Abmachung. Ich habe die Bedingungen schriftlich festgehalten. Halte dich daran.«
Kael streckte seine Hand aus. Dean betrachtete sie mit Besorgnis, bevor er sie in seine eigene nahm. Kaels Lächeln wurde breiter und ein Schauer lief Cyrene über den Rücken.
»Du hast mein Wort«, sagte Kael.
Dean zog seine Hand zurück, und es sah aus, als würde es viel Kraft kosten, sie nicht zu schütteln. »Wenn das so ist.«
Sein Blick wanderte zu Cyrene, und er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, aber sie wandte ihm den Rücken zu. Verrat war der Name des Spiels. Sie musste sich nicht zurücklehnen und anhören, was er zu sagen hatte.
»Cyrene, ich …«, sagte Dean leise. Stiefelschritte klangen gegen die Holzplanken, und sie dachte, das wäre alles, aber dann sagte er laut genug, dass sie es hören konnte: »Es tut mir leid.«
Sie schloss die Augen gegen den Stich. Es tat ihm leid. Es tat ihm leid? Schöpferin. Was bringt mir das? Sie war immer noch an Bord eines Byern-Schiffes mit Kael Dremylon gefangen, gezwungen, an einen Ort zurückzukehren, dem sie abgeschworen hatte.
Eine Entschuldigung war nicht genug. Es war nicht einmal annähernd genug.
Sie wartete, bis sie hörte, wie Dean und Darmian die Strickleiter hinunter und in ihr kleines Boot hinabstiegen, bevor sie sich den Tatsachen stellte. Sie war auf dem Heimweg mit Kael Dremylon als Begleiter. Sie sah keinen plausiblen Weg, dem zu entkommen.
Schließlich hob Cyrene ihren Blick zu Kael. Seine blaugrauen Augen tanzten hell im Mondlicht. Er schien amüsiert zu sein. Aber so sehr ihre Magie sie in der Zeit, in der sie getrennt waren, verändert hatte, war es klar, dass er sich ebenfalls verändert hatte. Er mochte ihr sarkastischer, koketter Prinz sein, aber jetzt umgab ihn auch eine gewisse Dunkelheit. Und mit dem Anwachsen seiner Kräfte wurde auch der Ruf nach ihr stärker.
»Ich nehme an, du hattest eine schwierige Zeit. Soll ich dich zu deinen Zimmern bringen?«, fragte Kael.
»Ich habe meine Lektion gelernt, als ich dir einmal erlaubte, mich zu meinen Zimmern zu begleiten«, sagte sie und erinnerte sie beide daran, wie er versucht hatte, sie in der Nacht ihres Präsentationsballs auszunutzen.
Kael ärgerte sich über ihren Tonfall und trat auf sie zu. Sie hielt inne und atmete kurz durch, da seine Nähe sie dazu brachte, sich ihm zu nähern.
»Wir müssen uns auf den Weg machen.« Sein Blick kroch über ihren Körper. »Und du musst dich etwas frisch machen.«
Cyrene stand kerzengerade und starrte ihn an. Natürlich sah sie wie ein Wrack aus. Wirbelstürme und Kerker hatten die Tendenz, so etwas zu bewirken. Sie machte einen Buckel und schritt dann an ihm vorbei, in die Richtung, aus der er ursprünglich gekommen war. Kael gluckste leise und folgte ihr dann. Kaum hatte sie die Treppe unter Deck erreicht, erwachte das Schiff über ihr zum Leben. Es war, als hätten alle Matrosen darauf gewartet, dass es losging.
Das einzige Problem war, dass das Schiff innen genauso massiv war, wie es von außen aussah. Die erste Treppe führte sie in einen langen Korridor, und es schien noch viele weitere Treppen zu geben, die zu Kojen, Vorräten, Munition und mehr führten. Bei diesem Tempo würde sie ihr Zimmer nie finden. Und sie brauchte dringend einen Ort, an dem sie mit ihren Gedanken allein sein konnte.
»Erlaubst du mir zu helfen, oder willst du einfach so gekleidet herumlaufen, während dir ein Schiff voller militärisch ausgebildeter Matrosen nachschaut?«, fragte Kael direkt hinter ihr.
Sie konnte ihn spüren, noch bevor sie seine Stimme gehört hatte. Wenn sie einen Schritt zurücktreten würde, könnte sie sich gegen ihn drücken und die elektrische Anziehungskraft spüren, die von ihm ausging.
Seine Hand an ihrer Taille.
Er schien sie einzuatmen. Und alles, was sie tun konnte, war, dazustehen und zu zittern. Denn diese eine Berührung rüttelte ihr System durch, aber gleichzeitig ließ sie völlig vergessen, wohin ihr Verstand sich gedreht hatte. Und das Vergessen fühlte sich so gut an. So wundervoll schön.
»Und?«, hauchte er.
»Mein Quartier«, sagte sie leise.
Er drehte sie zu sich um und nahm ihre Hand in die seine. »Ah, ja. So ist es schon viel besser.«
Ihre Augen waren verschwommen, als sie in sein schönes Gesicht starrte. Tödlich, aber schön. »Was ist?«
»Ich liebe es, wie angriffslustig du bist, Cyrene«, sagte er und strich ihr eine verfilzte Haarsträhne aus dem Gesicht. »Aber ich hätte nie gedacht, wie sehr ich dich bewundern würde, wenn du … nachgibst.«
Eine Stimme in ihrem Kopf befahl ihr zu sagen: ›Gewöhn dich nicht daran‹, aber das tat sie nicht.
Sie sagte nichts. Ihr Geist erlag leicht dem Nichts.
Sie folgte Kael einfach den langen Flur hinunter und bis zum Ende der Reihe. Er öffnete eine Tür für sie, und sie ging einfach hinein.
Ihr Zimmer war so makellos wie jedes andere, in dem sie auf ihren Reisen mit Edric gewohnt hatte. Üppig und übertrieben, so wie der Stil der Byern. Sie hatte sich an die Schlichtheit der eleysianischen Kleidung und Dekoration gewöhnt … die Schlichtheit von allem.
Sie versuchte, die Gedanken zu verdrängen. An Eleysia zu denken, war ein gefährliches Unterfangen.
Und der Schmerz riss sie aus der Erstarrung, die sie bis dahin empfunden hatte. Sie wirbelte herum und sah ihn an. Was hatte Kael mit mir gemacht?
»Ist es das, was du willst?«, fragte sie. »Nachgiebigkeit? Du warst noch nie der Typ dafür.«
»Ich würde es vorziehen, dich nackt auf meinem Bett zu haben.«
Cyrene rollte mit den Augen. »Na, dann hat sich ja nichts geändert.«
Er reckte sich. »Nicht?«
Seine Magie erfüllte den Raum und erstickte sie praktisch. Sie konnte sie überall um sich herum spüren, sie berührte ihre Haut, drang durch ihr Haar und behinderte ihre Sicht. Fast augenblicklich verschwand sie wieder.
»Ach ja, du hast ja jetzt diese neue dunkle Magie«, sagte sie. Kalt, emotionslos.
