The Belles 1: Schönheit regiert - Dhonielle Clayton - E-Book + Hörbuch

The Belles 1: Schönheit regiert Hörbuch

Dhonielle Clayton

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Beschreibung

Glitzernd, glanzvoll, grausam – willkommen in der Welt der Belles!

Die Welt von Orléans wird von Hässlichkeit bestimmt, und nur die Belles können den Menschen Schönheit verleihen. Camelia ist eine Belle – schön, begehrt, mit magischen Fähigkeiten. Am Königshof will sie allen zeigen, dass sie die Beste ist. Doch hinter den schillernden Palastmauern lauern dunkle Geheimnisse. Camelia erkennt, dass ihre Fähigkeiten viel stärker und gefährlicher sind, als sie es je für möglich gehalten hätte. Sie sind eine Waffe, die sich andere zunutze machen wollen. Daher muss sie sich entscheiden: Soll sie die Tradition der Belles bewahren oder ihr eigenes Leben riskieren, um ihre Welt für immer zu verändern? Das Schicksal der Belles und von Orléans liegt mit einem Mal in ihren Händen …

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Zeit:13 Std. 27 min

Sprecher:Uta Dänekamp

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Das Buch

Glitzernd, glanzvoll, grausam – willkommen in der Welt der Belles!

Die Welt von Orléans wird von Hässlichkeit bestimmt, und nur die Belles können den Menschen Schönheit verleihen. Camelia ist eine Belle – schön, begehrt, mit magischen Fähigkeiten. Am Königshof will sie allen zeigen, dass sie die Beste ist. Doch hinter den schillernden Palastmauern lauern dunkle Geheimnisse. Camelia erkennt, dass ihre Fähigkeiten viel stärker und gefährlicher sind, als sie es je für möglich gehalten hätte. Sie sind eine Waffe, die sich andere zunutze machen wollen. Daher muss sie sich entscheiden: Soll sie die Tradition der Belles bewahren oder ihr eigenes Leben riskieren, um ihre Welt für immer zu verändern? Das Schicksal der Belles und von Orléans liegt mit einem Mal in ihren Händen …

Die Autorin

© Navdeep Singh

Dhonielle Clayton wuchs in Washington, D.C. auf und verbrachte die meiste Zeit mit einem Stapel Bücher unter dem Tisch ihrer Großmutter. Bevor sie vom Lesen zum Schreiben wechselte, arbeitete sie als Lehrerin und Bibliothekarin. Neben der Leidenschaft für Bücher liebt sie das Reisen, vor allem außerhalb der USA. Wenn sie nicht unterwegs ist, lebt sie in New York City, wo sie immer auf der Suche nach dem besten Stück Pizza ist.

Mehr über Dhonielle Clayton: www.dhonielleclayton.com/

Der Verlag

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Viel Spaß beim Lesen!

Für Onkel Kenny, Onkel Charles und Nannoo – die Welt ist grau ohne euch.

»Schönheit ist eine sterbende Blume.«

Orléanisches Sprichwort

Nach dem Beginn der Welt verliebte sich der Gott des Himmels in die Göttin der Schönheit. Himmel umwarb Schönheit, indem er ihr das Schönste schenkte, was er besaß – die Sonne, den Mond, die Wolken, die Sterne. Sie nahm seinen Antrag an, und gemeinsam zeugten sie die Kinder von Orléans. Doch Schönheit liebte ihre neuen Kinder so sehr, dass sie ihre gesamte Zeit mit ihnen verbrachte. Nachdem sie sich geweigert hatte, nach Hause zu kommen, schickte Himmel Regen und Blitze und Wind, um die ersten Menschen zu töten. Als Schönheit die Menschen vor Schaden bewahrte, verfluchte Himmel die Menschen zu Haut von der Farbe eines sonnenlosen Himmels, Augen in der Farbe von Blut, Haaren wie verrottendem Stroh und einer allumfassenden Traurigkeit, die leicht in Wahnsinn umschlug. Als Erwiderung schickte Schönheit die Belles, um Rosen zu sein, die aus der dunklen, verwüsteten Erde wuchsen, dazu bestimmt, erneut Schönheit in diese verdammte Welt zu bringen, wie die Sonne Licht bringt.

Aus der Geschichte von Orléans

1

Wir alle sind heute sechzehn geworden. Für jedes normale Mädchen hätte das Erdbeer- und Zitronen-Makronen bedeutet, kleine pastellfarbene Zeppeline, pinkfarbenen Champagner und Kartenspiele. Vielleicht sogar einen Miniatur-Elefanten.

Aber nicht für uns. Heute ist unser Debüt. Dieses Jahr gibt es nur sechs von uns.

Meine Fingerspitzen hinterlassen Kondenswasserflecken an den papierdünnen Glaswänden. Die Kutsche ist wunderschön und durchsichtig und hat die Form eines Balls. Ich bin eine zerbrechliche Puppe in einer Schneekugel. Eine bewundernde Menge umgibt meine Kutsche, eifrig darauf bedacht zu erkennen, wie ich aussehe und was ich leisten kann.

Ein Netz aus rosafarbenen Blumen liegt über dem gebogenen Glas, um allen meinen Namen zu verraten – Camelia – und um mich zu verbergen, bis ich dem königlichen Hof präsentiert werde.

Ich komme als Letztes an die Reihe.

Mein Herz rast vor Nervosität und Aufregung, als wir uns für den Beauté-Carnaval durch die Menge auf dem Königlichen Platz schieben. Das Festival wird alle drei Jahre veranstaltet. Ich spähe mithilfe eines kleinen Fernstechers durch die winzigen Lücken zwischen den Blütenblättern, um meine ersten Eindrücke der Welt aufzunehmen. Am liebsten hätte ich jeden Anblick wie ein Bild zusammengefaltet und in den kirschroten Falten meines Kleides verstaut.

Ich erkenne ein verzaubertes Land aus Palastgebäuden, mit goldenen Türmchen und glitzernden Torbögen sowie Brunnen, in denen scharlachrote und elfenbeinfarbene Fische schwimmen. Heckenlabyrinthe und beschnittene Bäume und Büsche in allen nur vorstellbaren geometrischen Formen. Königliche Kanäle umschließen den Platz, gefüllt mit juwelenbesetzten Booten, die hell leuchten wie Edelsteine und auf dem mitternachtsblauen Wasser aussehen wie lächelnde Monde. Sie sind prall gefüllt mit Leuten, die begierig sind, einen Blick auf uns zu erhaschen. Der königliche Sablier – das säulenhohe Stundenglas, das die Länge von Tag und Nacht misst –, ist mit Sand in der Farbe von Diamantstaub gefüllt.

Der Himmel und die Wolken scheinen aus schmelzenden Kirschen und brennenden Orangen und verbrannter Grapefruit zu bestehen, als die Sonne im Meer versinkt. Das ersterbende Sonnenlicht lässt mein eigenes Spiegelbild im Glas aufblitzen. Mit der gepuderten Haut sehe ich aus wie ein Stück Karamellkuchen mit zu viel Zuckerguss.

Ich habe so etwas noch nie gesehen. Dies ist das erste Mal, dass ich die Reichsinsel besuche; das erste Mal überhaupt, dass ich mein Zuhause verlasse.

Der Orléans-Archipel besteht aus einer Reihe von Inseln, die sich wie eine Rose mit gebogenem Stängel in die warme See erstrecken. Die meisten Inseln sind durch goldene Brücken verbunden oder können mithilfe von luxuriösen Flusskutschen erreicht werden. Wir kommen von der allerobersten – von der Blüte – und haben die lange Reise ins Herz des Stängels angetreten, um unsere Talente zur Schau zu stellen.

Eine sanfte Brise dringt durch die winzigen Atemlöcher in der Glaskutsche und trägt den Geruch des Himmels mit sich. Salziger Regen, würzige Wolken und ein Hauch von Süße von den Sternen. Alles fühlt sich an wie ein Traum, der über den Sonnenaufgang hinaus verweilt. Ich will nicht, dass er jemals endet. Ich will niemals nach Hause zurückkehren. Eine Minute hier ist aufregender als tausend Momente dort.

Das Ende des warmen Monats bringt Veränderung, hat Maman immer gesagt. Und mein Leben wird sich heute vollkommen verwandeln.

Die Pferde ziehen uns vorwärts; ihre Hufe klappern über den gepflasterten Platz. Straßenverkäufer bieten zu unseren Ehren besondere Süßigkeiten an: Häufchen aus gezuckerten Eissplittern, gekrönt von Erdbeeren in der Farbe unserer Lippen; winzig kleine Rosinenbrötchen in der Form unserer jeweiligen Blumen; Blätterteig-Törtchen in der Form unserer Belle-Dutts; farbenfrohe Zuckerbänder, die sich um Stöcke winden, um unsere traditionellen Taillenschärpen und Kleider zu imitieren.

Eine Hand trifft meine Kutsche, und für einen Moment erkenne ich den Teil eines Gesichts. Der Platz quillt förmlich über von Menschen. Es sind so viele. Hunderte, Tausende, vielleicht sogar Millionen. Königliche Wachen drängen die Menge zurück, um unserer Prozession Raum zu verschaffen. Alle Leute erscheinen wunderschön, mit Haut in verschiedenen Teints, von frischer Sahne über Honig bis zu Schokolade; ihr Haar liegt in blonden Wellen oder brünetten Locken oder rabenschwarzen Spiralen; ihre Körperformen sind schmal, breit und alles dazwischen. Sie alle haben dafür gezahlt, so auszusehen.

Die Männer tragen Jackett und Zylinder und Krawatten in allen Regenbogenfarben, manche auch Bärte in verschiedensten Formen. Sie stehen neben Frauen, die mit Juwelen verziert sind und luxuriöse pastellfarbene Kleider tragen, mit Reifröcken und jeder Menge Tüll. Raffinierte Hüte bedecken das Haar der Damen; manche umklammern zierliche Sonnen- oder Regenschirme aus Ölpapier oder kühlen sich mit gemusterten Fächern. Für die Zeppeline am Himmel sehen sie wahrscheinlich aus wie Pralinen in einer Schachtel.

Ich erkenne die beliebtesten Stile aus den Stapeln von Klatschblättern, die einen Tag zu lang in der Postkiste verblieben sind, oder aus den wöchentlichen Schönheitsblättchen, die Du Barrys Tochter Elisabeth manchmal zwischen die Samtkissen der Wohnzimmercouch gerutscht sind. Laut der Orléans-Zeitung sind rotblondes Haar und jadegrüne Augen der neue Trend der windigen Jahreszeit. Die Schlagzeilen lauteten:

ERWECKT LIEBE … UNWIDERSTEHLICH MIT ROTBLOND UND JADE

ERGÄNZEN SIE IHRE SCHMINKSCHATULLE MIT BELLE-GENEHMIGTEM RHABARBER-HAARPUDER

LILIENWEIßER TEINT UND BELLE-ROSIGE LIPPEN –

DIE SCHÖNHEITSFARBEN DER SAISON

Die Reporter behaupten, das wäre es, was sich in den nächsten Monaten alle wünschen werden.

Münzen klirren. Hände strecken Samttäschchen in die Luft. Die Spintria darin klimpern melodisch. Wie viel Münzen enthält jeder Beutel? Wie viele Behandlungen können sie sich leisten? Wie viel sind sie bereit zu zahlen?

Ich stelle meinen Fernstecher scharf, um die aufgeregten Zuschauer genauer zu betrachten. Mir fällt auf, dass mancher Teint schon ein wenig verblasst ist, wie Bilder, die zu lange der Sonne ausgesetzt waren; sehe, dass die Haare am Ansatz grau werden, und erkenne auf diversen Stirnen Altersfalten.

Das erinnert mich daran, warum ich hier bin.

Ich bin eine Belle.

Ich bin Herrin über die Schönheit.

2

Die Kutschen stoppen vor dem königlichen Pavillon, dessen Zeltspitzen kunstvoll mit Chrysanthemen bestickt sind. Trompeten tönen. Glocken bimmeln. Ich stelle meinen Fernstecher scharf und kneife die Augen zusammen, um den König, die Königin und ihre Tochter zu sehen. Sie erinnern mich an die Porzellanpuppen, mit denen meine Schwestern und ich als Kinder gespielt haben. Und lassen mich an das angestoßene Gesicht des kleinen Königs in seiner purpurnen Robe und an die Königin mit der schief im dunklen Haar befestigten Krone denken, die beide im Spielzimmer in einem kleinen Palast aus Zedernholz saßen.

Hier sehen sie genauso aus, nur natürlich nicht so abgegriffen. Die Königin leuchtet wie ein weit entfernter Stern, da ihre tintenschwarze Haut die letzten Sonnenstrahlen einfängt; der kupferfarbene Bart des Königs fällt bis auf seinen Gürtel; ihre Tochter trägt ihr goldenes Haar hoch nach oben toupiert. Ich habe die Arme und Beine der Prinzessinnen-Puppe jedes Mal neu angemalt, wenn die echte Prinzessin ihre Hautfarbe geändert hat. Die Informationen hatte ich aus den Skandalblättchen, die Maman immer an Du Barry vorbeigeschmuggelt hat.

Auf den Zeppelin-Monitoren glänzt das Bild der Prinzessin. Heute Abend ist ihre Haut schneeweiß wie die ihres Vaters, wenn auch mit einem exquisiten Schleier aus pinkfarbenen Sommersprossen um die Nase. Ich will diejenige sein, die ihnen allen Schönheit schenkt. Ich will diejenige sein, die von der Königin erwählt wird. Ich will die Macht, die damit einhergeht, Ihrer Majestät als Favoritin zu dienen. Und wenn ich besser sein kann als Ambra, dann werde ich erwählt werden. Der Rest meiner Schwestern ist gut, aber tief im Herzen weiß ich, dass die letztendliche Entscheidung zwischen ihr und mir fallen wird.

Madame Du Barry spricht in ein Sprachrohr. »Eure Majestäten, Eure Hoheit, Minister, Comtes und Comtessen, Barone und Baronessen, Damen und Herren des Hofes, Bewohner von Orléans. Willkommen zur bemerkenswertesten Tradition unseres Königreichs, dem Beauté-Carnaval.« Autorität erfüllt ihre Stimme. Der Lärm lässt meine Kutsche klirren. Obwohl ich ihren Kopf nicht sehen kann, weiß ich, dass sie einen Hut mit Pfauenfedern trägt und ihre kurvige Gestalt in eines ihrer schwarzen Kleider gezwängt hat. Maman hat mir erklärt, dass Madame Du Barry gerne als große, beeindruckende Gestalt auftritt.

»Ich bin Ana Maria Lange Du Barry, Königliche Gardien de la Bellerose.« Stolz verkündet sie ihren offiziellen Titel. Die Menschen von Orléans würden wahrscheinlich entsetzt aufkeuchen, würden sie erfahren, dass wir sie zu Hause einfach nur Du Barry nennen.

Applaus erhebt sich. Es ertönen schrille Pfiffe. Der Lärm hallt in meiner Brust wider. Mein gesamtes Leben habe ich mir nichts mehr gewünscht, als hier zu sein, im Blickfeld des Königreichs.

»Diese Tradition geht zurück auf den Anbeginn unserer Inseln, den Anbeginn unserer Zivilisation. Seit Generationen hatten meine Vorfahren das große Privileg, die Hüter unserer kostbarsten Schätze zu sein.« Sie wendet sich nach links und deutet mit der Hand auf die ehemalige Generation von Belles. Alle acht sitzen in Stühlen mit hohen Lehnen und halten Bellerosen-Knospen in den Händen. Schwarze Spitzenschleier verbergen ihre Gesichter. Die Favoritin – Eveu – trägt eine glänzende Krone auf dem Kopf. Hiermit endet ihre Zeit am Hof. Sie werden nach Hause zurückkehren, sobald sie uns eingelernt haben.

Ich erinnere mich daran, wie sie alle zwischen den Stunden bei Du Barry mit uns gespielt haben. Doch eines Tages haben die Diener die Sachen der älteren Mädchen eingepackt.

Ich wollte mich in einer der großen Taschen oder Koffer verstecken, mich zwischen ihren Seidenkleidern und weichen Pelzen und dem luftigen Tüll verkriechen, um durch das Schlüsselloch kurze Blicke auf die wahre Welt zu erhaschen. Ich erinnere mich daran, wie ich nach dem Aufbruch der älteren Belles in den Zeitungen von ihnen gelesen habe. Ihre offiziellen Belle-Karten hängen an der Innenseite meiner Zimmertür.

Ich wollte Eveu sein. Ich wollte immer so sein wie sie.

Du musst Favoritin werden – genau wie ich, hat Maman mir gesagt, bevor sie gestorben ist. Die Leute von Orléans hassen sich selbst. Du musst das ändern. Die Erinnerung an ihre Worte wärmt mich, doch gleichzeitig spüre ich auch einen Stich im Herzen, weil ich sie vermisse. Die Favoritin zeigt der Welt, was schön ist. Sie erinnert sie daran, was wichtig und unerlässlich ist. Ich wünschte, sie hätte lang genug gelebt, um hier zu sein und mir von der Bühne aus zuzusehen.

Ich stelle mir vor, wie ich im Palast wohne als persönliche Belle der königlichen Familie; als linke Hand der Schönheitsministerin beim Aufsetzen der Schönheitsgesetze zu helfen; alle Wunder der imperialen Stadt Trianon und all ihrer Viertel ausnutze; im Mer du Roi schwimme, auf königlichen Schiffen segle, alle Inseln und jede Stadt besuche, um alles auszukosten, was die Welt zu bieten hat.

Meine Schwestern werden jeweils einem der fünf imperialen Teehäuser zugeteilt werden oder zu Hause bleiben, um sich um die neugeborenen Bürger von Orléans zu kümmern.

Ich werde eine Botin der Göttin der Schönheit sein.

Dieser Traum brennt in meiner Brust wie ein Atemzug, den ich niemals freigeben will.

»Und jetzt ist es mir ein Vergnügen, die neueste Generation von Belles zu präsentieren«, verkündet Du Barry.

Vorfreude droht mein Herz zu sprengen. Meine Hände zittern, und ich lasse das Fernglas sinken. Die Menge jubelt. Der Fahrer zieht das Netz voller Blumen von meiner Kutsche.

Ich werde dem Publikum offenbart und greife nach den Fächern auf meinem Schoß. Die Stäbe öffnen sich und geben den Blick frei auf das Muster aus pinken Schlüsselblumen. Ich bedecke mein Gesicht, dann lasse ich die Fächer tanzen, bis sie flattern wie die Flügel eines Schmetterlings. Ich werfe sie über meinen Kopf und fange sie mühelos wieder auf. In diesem Moment machen sich die stundenlangen Lektionen bezahlt. Pfiffe und Jubel erklingen aus der Menge.

Ich schaue nach links zu den Kutschen meiner Schwestern. Wir stehen in einer Reihe wie Eier in einem Karton, bewegen uns im Einklang. Wir lächeln uns an. Dasselbe Blut fließt in unseren Adern: das Blut der Sterne, das Blut der Göttin der Schönheit.

Scharlachrote Laternen erheben sich in die Luft. Vor dem dunkler werdenden Himmel leuchten unsere offiziellen Namen groß und hell auf dem dünnen Papier: Edelweiß, Ambrosia, Padma, Valeria, Hana und Camelia. Fische springen aus nahe gelegenen Brunnen, wechseln mitten in der Luft ihre Farbe von Rubinrot zu Aquamarin und faszinieren die Zuschauer. Ihre Sprünge sind ein Vorgeschmack auf unsere Kräfte. Die Menge auf dem Platz jubelt. Kleine Mädchen recken winkend ihre Belle-Puppen in die Luft.

Viele Männer und Frauen tragen Monokel, um uns genauer zu mustern. Ich lächele und winke, weil ich sie beeindrucken will – gut genug sein will, damit sie sich an mich erinnern.

Als Erstes präsentiert Du Barry Valerie. Ihre Kutsche rollt nach vorne.

Ich schließe die Augen.

Beobachte sie nicht, hat Maman gesagt. Begehre nie ihre Verwendung des Arcana. Neid kann in dir wachsen wie Unkraut. Sei die Beste, ohne je zu versuchen, besser zu sein als die anderen.

Wir durften unsere Anweisungen in der Woche vor dem Carnaval nicht besprechen, aber Ambra und ich haben unsere Unterlagen ausgetauscht. Ihre Freiwillige soll eine Haut in der Farbe von gerösteten Walnüssen bekommen, Haare mit breiten, voluminösen Locken und ein rundes, engelsgleiches Gesicht; die Haut meiner Freiwilligen soll die Färbung des Alabastersteins von den Feuerinseln zeigen, Haare so dunkel, dass sie mit der Nacht verschwimmen, und einen Mund so perfekt und rot, dass man ihn kaum von einer Rose unterscheiden kann. Wir haben die Optik an den Hausdienern geübt, unter der Aufsicht von Du Barry in Einzelsitzungen perfektioniert. Übung erzeugt Perfektion, hat sie stundenlang geschrien.

Ich rutsche in meiner Kutsche herum, als die Demonstrationen fortschreiten und Hana auf Valerie folgt. Meine Beine schlafen ein, weil ich sie schon so lange überkreuzt halte, und meine Lider flattern, als wollten sie gegen meinen Versuch protestieren, sie geschlossen zu halten. Schmerzerfülltes Stöhnen durchschneidet den Lärm des Platzes wie silberne Messer, während die kleinen Mädchen ihre Transformationen ertragen. Ich verziehe das Gesicht, als Schreie lauter und leiser werden und die Zuschauer alles mit Jubel unterstreichen.

Einige meiner Schwestern erhalten lautere Reaktionen als andere. Manche höre ich Oohs und Aahs rufen. Hin und wieder werde ich fast taub vor Lärm.

Ich liebe meine Schwestern, besonders Ambra. Sie war immer diejenige, die ich am meisten liebte. Wir alle haben es verdient, Favoritin zu werden. Wir haben so hart gearbeitet, um die Kunst der Schönheit zu erlernen. Aber ich wünsche es mir so sehr, dass in mir kein Platz mehr für etwas anderes ist.

Meine Augen fühlen sich an, als wären sie schon eine Ewigkeit geschlossen, bis meine Kutsche sich schließlich wieder vorwärts bewegt. Königliche Lakaien nähern sich, und die goldenen Knöpfe ihrer Uniformen fangen das Laternenlicht ein. Sie postieren sich an allen vier Ecken meiner Kutsche, packen die Stangen, die aus den Seiten meines Glasballs herausstehen, und heben mich von dem Gestell mit den Rädern, als wäre ich eine Seifenblase. Dünn und ohne Gewicht.

Ich konzentriere mich darauf, das Gleichgewicht zu halten. Die Männer marschieren zur zentralen Plattform. Ich bemühe mich, meine Nervosität zu unterdrücken. Du Barry hat diese ganze Konstruktion in unserem Zuhause nachgebaut, komplett mit dem goldenen Zylinder, auf dem meine Plattform schließlich ruhen wird. Ich habe mich seit meinem dreizehnten Geburtstag auf diesen Tag vorbereitet; all der Unterricht, die Vorträge, die Übung. Ich weiß genau, was ich tun muss. Ich habe alles geprobt, und doch kann ich meine Finger nicht davon abhalten zu zittern und meinen Körper davon zu beben, als würde ein winziges Erdbeben meinen Glasball erschüttern.

Ich flüstere mir selbst zu: »Ich werde die beste Vorführung liefern. Ich werde den lautesten Applaus erhalten. Ich werde zur Favoritin ernannt werden, genau wie Maman. Ich werde am Hof leben. Ich werde die Welt sehen. Mir werden keine Fehler unterlaufen. Ich werde die Leute wunderschön machen.« Das wiederhole ich wieder und wieder wie ein Gebet, bis der Rhythmus der Worte meine Angst besänftigt.

Die Männer drücken einen Hebel. Ein Mechanismus knirscht und klappert und pfeift. Die Plattform unter mir steigt auf, bis sie knapp über der Menge schwebt. Die königlichen Plattformen erheben sich auf Stelzen hoch über mir. Aus ihnen lehnen Leute mit Fernstechern und Ferngläsern an die Augen gepresst. Hörtrichter stehen aus der Menge heraus wie die Rüssel von Elefanten. Gesichter sehen staunend und vorfreudig zu mir auf, als wäre ich ein Stern in einem Behälter, der jederzeit explodieren kann.

Die Plattform stoppt ihren Aufstieg. Ich drücke einen kleinen Knopf am Boden der Kutsche. Die Glasdecke über mir öffnet sich wie eine Blüte. Die warme Nachtluft streicht über meine Haut wie weiche Finger. Hier oben riecht sie noch süßer. Könnte ich diese winzigen Luftströmungen in Flaschen einfangen, würden sie sich wahrscheinlich in Zuckerstaub verwandeln.

Die Sterne glitzern. Ich habe das Gefühl, ich wäre ihnen nah genug, um mir einen davon zu greifen und in meiner Caisse zu verstauen.

Auf dem Platz wird es unendlich still, und ich höre das Rauschen des Meeres im Hintergrund. Die Menschen von Orléans sehen zu mir auf – zur letzten Belle, die ihre Talente zur Schau stellt. Du Barry hat mich nicht darauf vorbereitet, wie es ist, so angestarrt zu werden. So viele Augenpaare, alle in verschiedenen Formen und Farben. Mein Herz macht einen Sprung.

Du Barry zwinkert mir zu, dann tippt sie sich auf die vollen Lippen – eine Erinnerung daran, dass ich lächeln soll. Die Menge glaubt, ich wäre mit dem Wissen geboren worden, sie schön zu machen. Sie wissen nicht, wie hart ich gearbeitet habe, um die Traditionen zu perfektionieren und die Arcana zu meistern. Sie wissen nicht, wie sehr ich mich anstrengen musste, um alle Regeln zu lernen.

»Und nun ist es mir ein Vergnügen, unsere letzte Belle zu präsentieren: Camelia Beauregard!«

Sie erfüllt die Silben meines Namens mit Stolz, Triumph und Magie. Ich versuche, mich daran festzuklammern und so meine Sorgen zu bekämpfen.

Von überall strahlt Licht: von den Laternen und den Zeppelin-Monitoren und den Himmelskerzen und einem hellen, aufgehenden Mond. Ich kann es förmlich schmecken, weich und süß und perlend, wie pinkfarbener Champagner auf meiner Zungenspitze.

Mir gegenüber erhebt sich ein Halbkreis aus kleineren Pattformen. Drei zur Linken und zwei zur Rechten. Siebenjährige Mädchen stehen auf ihnen aufgereiht wie Juwelen auf Samtkissen. Sie unterscheiden sich wie Perlen und Rubine und Smaragde und zeigen so, auf welch einzigartige Art wir unser Arcana einsetzen können, um zu verschönern.

Ich erkenne die Arbeit meiner Schwestern: Padmas Mädchen hat Glieder in der leuchtenden Farbe von Honigbrot; Edel hat ihrem Mädchen die kurzen Haare eng um den Kopf gelegt; die Augen von Valeries Testperson funkeln wie amethystblaue Sterne; Hanas Mädchen zeigt den Körperbau einer Tänzerin, mit langen Beinen und Armen und einem schlanken Hals; Ambras Subjekt hat ein fröhliches, rundes Gesicht wie sie selbst.

Die anderen Belles haben kleine Meisterwerke geschaffen.

Und nun bin ich an der Reihe, ein Mädchen zu verwandeln.

Der König und die Königin nicken Du Barry zu. Sie winkt, bedeutet mir damit, mich bereit zu machen.

Ich sehe kurz auf der Suche nach Stärke und Mut zum Himmel. Belles sind die Nachkommen der Göttin der Schönheit, gesegnet mit dem Arcana, um die Welt zu verbessern und die Leute von Orléans zu retten. Zeppeline kreuzen über mir und verdecken mit ihren runden Körpern und ihren Bannern die Sterne.

Die letzte Plattform erhebt sich direkt mir gegenüber. Sie komplettiert die Sechsergruppe, sodass mit ihr eine perfekte Halbmondkurve entsteht. Das Mädchen trägt ein langes Hemd, ein jämmerlicher Ersatz für ein Kleid; der ausgefranste Saum berührt sanft ihre Fußrücken. Ihr Haar und ihre Haut sind so grau wie der Himmel vor einem Sturm und runzelig wie eine Rosine. Rote Augen starren mich an wie Kohlen, die in der Dunkelheit glühen.

Ich sollte daran gewöhnt sein, wie sie in ihrer natürlichen Form aussehen. Doch das Licht betont alles noch zusätzlich. Das Mädchen erinnert mich an ein Monster aus dem Märchenbuch, aus dem unsere Kindermädchen uns immer vorgelesen haben.

Sie ist eine Gris. Alle Menschen von Orléans werden so geboren – fahle, graue, verrunzelte Haut, kirschrote Augen, Haare wie Stroh … als wäre ihnen alle Farbe ausgesaugt worden, sodass nur die Schattierungen von frischen Knochen und Asche zurückblieben. Doch wenn sie genug Spintria verdienen, können wir die Dunkelheit heben, die Schönheit unter dem Grau finden und ihre Transformation aufrechterhalten. Wir können sie vor einem Leben unerträglicher Eintönigkeit retten.

Sie bitten uns, ihre milchig weißen Knochen neu zu formen. Sie bitten uns, unsere vergoldeten Werkzeuge einzusetzen, um ihre Gesichter neu zu schaffen. Sie bitten uns, jede Wölbung ihrer Körper zu glätten und zu formen wie warmes, frisches Wachs. Sie bitten uns, die Zeichen des Alters zu tilgen. Sie bitten uns, ihnen Talente zu schenken. Selbst wenn der Schmerz sie mit solcher Macht erschüttert, dass Schreie aus ihren Kehlen aufsteigen oder die Kosten sie in den Ruin treiben, wollen die Männer und Frauen von Orléans immer mehr. Und ich liefere gerne. Ich mag es, gebraucht zu werden.

Das Mädchen spielt mit der Kamelienblüte in ihren Händen. Die pinkfarbenen Blütenblätter zittern darin. Ich lächele sie an. Sie erwidert das Lächeln nicht. Stattdessen schlurft sie zum Rand der Plattform und sieht nach unten, als wollte sie springen. Die anderen Mädchen winken abwehrend, und die Menge brüllt. Ich halte den Atem an. Sollte sie fallen, würde sie mindestens vierzig Schritt tief in den Abgrund stürzen. Eilig tritt sie wieder in die Mitte.

Ich atme auf und spüre Schweißtropfen auf meiner Stirn. Ich hoffe, sie bekommt ein paar Leas als Ausgleich für den Stress, an dieser Vorstellung teilzunehmen. Genug, um sich einen Brotlaib und ein wenig Käse für diesen Monat zu kaufen. Ich hoffe, dass ich sie schön genug mache, um von den Leuten angelächelt zu werden, statt verängstigtes Flüstern und hektische Blicke auszulösen. Ich kann mich nicht daran erinnern, je so klein, so verletzlich, so verängstigt gewesen zu sein.

Ich öffne meine Caisse – meine Kosmetikkiste –, die neben mir steht. Du Barry hat jeder von uns eine eigene Kiste gegeben, in die unsere Initialen und die Blume eingraviert sind, nach der wir benannt wurden. Ich lasse meine Fingerspitzen über die goldene Prägung gleiten, bevor ich den Deckel hebe und den Blick freigebe auf die Instrumente, die in den unzähligen Schubladen und Fächern verstaut sind. Diese Gegenstände kaschieren meine Gabe. Erneut höre ich Du Barrys morgendliche Worte in meinem Kopf: Präsentiert nur das zweite Arcana und handelt nach den Anweisungen. Sorgt dafür, dass sie mehr wollen. Zeigt ihnen, was ihr wirklich seid – göttliche Künstlerinnen.

Drei scharlachrote Postballons, an denen jeweils ein Tablett befestigt ist, schweben zu dem kleinen Mädchen. Einer der Ballons lässt winzige weiße Flocken – Bei-Puder – auf sie niederrieseln. Sie duckt sich, als wäre es Schnee. Ein weiterer Ballon bringt ihr eine Tasse mit Bellerosen-Tee, einem schmerzdämpfenden Getränk aus den Rosen, die auf unserer Insel wachsen. Die Tasse schwankt und tanzt vor dem Mund des Mädchens. Sie weigert sich, davon zu trinken. Stattdessen schlägt sie danach, als wäre die Tasse eine lästige Fliege.

Die Menge stöhnt, als sie sich erneut dem Rand der Plattform nähert. Der letzte Postballon jagt sie mit einem Pinsel, auf dem eine Paste in der Farbe von Karamellcreme haftet. Links und rechts von ihr schreien die anderen Mädchen, sagen ihr, sie soll keine Angst haben. Die Menge brüllt. Die Zuschauer versuchen, sie davon zu überzeugen, ihren Tee zu trinken und den Pinsel über ihre Wangen zu ziehen.

Mein Magen verkrampft sich. Ihre Widerspenstigkeit könnte meine Vorführung stören. Panik erfüllt mich. Sooft ich mir diese Nacht auch vorgestellt habe, ich hätte nie vermutet, dass meine Testperson sich verweigert.

»Bitte, hör auf, dich zu bewegen.«

Du Barrys Keuchen hallt durch ihr Sprachrohr.

Die Menge verstummt. Das Mädchen erstarrt. Ich atme tief durch.

»Willst du nicht schön sein?«

Ihr brennender Blick trifft mich.

»Es ist mir egal«, ruft sie, dann wird ihre Stimme vom Wind verweht.

Das Publikum schreit entsetzt auf.

»Aber natürlich willst du das. Jeder will das«, sage ich so ruhig wie möglich. Vielleicht verfällt sie schon dem Wahnsinn, weil sie so lange grau war.

»Vielleicht sollten sie das nicht.« Sie ballt die Hände zu Fäusten. Ihre Worte jagen mir einen Schauder über den Rücken.

Ich kleistere mir ein Lächeln ins Gesicht.

»Was, wenn ich dir verspreche, dass alles gut wird?« Sie blinzelt. »Besser wird, als du es erwartest? Wenn ich dir verspreche, dass ich dafür sorge, dass es all das hier« – ich mache eine Geste, die unsere gesamte Umgebung einschließt – »wert ist?«

Sie beißt sich auf die Unterlippe. Erneut nähert sich der Postballon mit ihrem Tee. Sie weigert sich weiterhin, davon zu trinken.

»Hab keine Angst.« Erneut sucht sie meinen Blick. »Trink deinen Tee.«

Der Postballon kehrt zurück.

»Mach schon. Ich verspreche dir, dass du lieben wirst, was ich tue. Du wirst dich danach besser fühlen.«

Sie greift nach dem Ballon, nur um die Hand zurückzureißen, als könnte sie sich daran verbrennen. Sie sieht mich an. Ich lächele und fordere sie mit einer Geste auf, den Ballon zu sich zu ziehen. Sie packt das goldene Band, dann hebt sie die Tasse vom Tablett und nippt daran.

Ich mustere die Kleine, bemerke die Details ihrer mageren, unterernährten Gestalt. Angst brennt in ihren roten Augen. Ihr Körper zittert heftig.

»Jetzt nimm den Pinsel«, fordere ich sie sanft auf.

Sie streicht sich damit über die Wangen, sodass ein milchig weißer Streifen Farbe zurückbleibt, an dem ich mich orientieren kann.

Ein Zeppelin richtet eine Himmelskerze auf die Kutschen, und erneut erhasche ich einen Blick auf mein Spiegelbild. Ein Lächeln verzieht meine Lippen, als ich mich selbst erblicke. Ich löse mich von Du Barrys Anweisungen: der weißen Haut, dem schwarzen Haar, den Lippen wie Rosenknospen. Die Idee, die in mir aufsteigt, erfüllt mich mit aufgeregter Wärme.

Das Risiko einzugehen, könnte mich einiges kosten – könnte Du Barry noch wütender machen –, doch wenn ich mich dadurch von meinen Schwestern abheben kann, sollte ich es wagen.

Es wird unvergesslich werden. Das muss es sein.

Ich schließe die Lider und stelle mir vor meinem inneren Auge das Mädchen als kleine Statue vor. Als wir klein waren, haben wir unser zweites Arcana trainiert, indem wir Farbe auf einer Leinwand verändert haben, Ton auf einem Töpferrad und frisch gezogene Kerzen geformt haben, bis wir fähig waren, sie in Kostbarkeiten zu verwandeln. Nach unserem dreizehnten Geburtstag sind wir von den Hunden des Hauses und streunenden Katzen dazu übergegangen, unsere Diener als Testpersonen für unsere Schönheitsarbeit einzusetzen. Ich habe meiner Dienerin Madeleine leuchtend seegrüne Augen verpasst, als das Rot sich wieder bemerkbar machte. Mit vierzehn haben wir die Babys in unseren Säuglingssälen verändert, haben kleinen, dicken Beinen und dünnem Haar Farbe geschenkt. Und kurz vor unserem sechzehnten Geburtstag hat die Königin Schönheitsmarken an die Armen verteilt, um uns dabei zu helfen, weiter zu üben und unsere Fähigkeiten zu perfektionieren.

Ich bin bereit. Ich rufe das Arcana. Mein Blutdruck steigt. Meine Haut erwärmt sich. Ich beginne zu brennen wie ein neu entzündetes Feuer im Kamin. Die Adern in meinen Armen und Händen heben sich unter meiner Haut wie winzige grüne Schlangen.

Ich manipuliere die Kamelienblüte in den Händen des kleinen Mädchens. Ich verändere sie, so wie ich die Kleine verändern werde, passe die Fasern und Venen und Blütenblätter der Blume an.

Die Menge keucht auf. Der Stängel wird länger, bis die Spitze die Plattform berührt wie der Schwanz eines Drachen. Das Mädchen wirft die Blüte von sich und zieht sich langsam zurück. Die Blüte vervierfacht ihre Größe, und die Blütenblätter strecken sich, um sie einzufangen. Sie schlingen sich um ihren kleinen, sich windenden Körper, bis das Mädchen in einem pinkfarbenen Kokon gefangen ist wie ein sich krümmender Wurm.

Die Menge explodiert in Applaus, Pfiffe und Stampfen. Der Lärm nimmt immer weiter zu, während sie darauf warten, dass ich das Mädchen enthülle.

Ich werde die Beste sein.

Es wird perfekt.

Ich liebe es, eine Belle zu sein.

Ich höre, wie das Blut des kleinen Mädchens durch ihre Adern rauscht, höre ihren Pulsschlag in meinen Ohren. Und ich spreche das Mantra der Belles:

Die Schönheit liegt im Blut.

3

Meine Kindheit ist eine wirbelnde Abfolge vorbeihuschender Bilder, wie das Drehen eines Kaleidoskops. Ich besitze keine klaren Erinnerungen. Nicht an mein erstes Wort, an ein erstes Bild oder einen Geruch. Ich erinnere mich nur an das erste Ding, das ich je verändert habe. Die Erinnerung erscheint hell wie im Strahl eines gleißenden Lichts. Du Barry führte uns für eine Lektion in den Wintergarten im Nordflügel des Hauses. Meine Schwestern und ich wurden umhüllt von Blumenduft und setzten uns um einen Tisch.

Gartendiener eilten um uns herum, um zu gießen, zu beschneiden und Blüten für das Parfüm zu sammeln, das in den Belle-Produkten verwendet wurde. Die Sonne strahlte durch das gebogene Glas über mir, wärmte mein Kleid und erhitzte meine Haut. Du Barry gab jeder von uns eine Blume, die in einen Vogelkäfig aus Metall gepflanzt war, und wies uns an, ihre Form und Farbe zu ändern. Ich war so aufgeregt, dass meine Blume explodierte. Die Blütenblätter drängten durch das Gitter wie dicke Tentakel, um die Käfige meiner Schwestern zu Boden zu stoßen und sich zwischen uns auszubreiten wie eine Art Oktopus.

Inzwischen besitze ich mehr Kontrolle und mache weniger Fehler, aber ich fühle immer noch dieses Kribbeln auf der Haut. Wenn das passiert, weiß ich, dass die Arcana genau das getan haben, was ich wollte.

Ich öffne die Augen. Die Kamelienblüte löst sich vom Körper des Gris-Mädchens wie Wachs und enthüllt sie der Menge. Stimmen keuchen und rufen aufgeregt.

»Bravo!«

»Großartig!«

»Unglaublich!«

Die Rufe bringen das Glas zum Vibrieren. Mein Blutdruck sinkt. Mein Herz verlangsamt seinen Schlag auf normale Geschwindigkeit. Der Schweiß auf meiner Stirn trocknet, und die Röte in meinen Wangen verklingt.

Das Mädchen trägt eine kleine Kopie meines pinkfarbenen Kleides, geschaffen aus den Blütenblättern der Kamelie. Ihre Haut zeigt genau denselben Farbton wie meine – ein gezuckerter Krapfen frisch aus dem Öl, goldbraun und glänzend im Laternenlicht. Ich habe ihre linke Wange mit einem kleinen Grübchen geziert, spiegelbildlich zu meinem. Dunkle Locken sind hoch auf ihrem Kopf zu einem Belle-Dutt gebunden – der Frisur, die nur wir tragen.

Sie ist mein Zwilling. Der einzige Unterschied: Ihre Augen leuchten kristallblau wie das Wasser im königlichen Hafen, während meine bernsteinbraun sind wie die meiner Schwestern.

Die anderen Mädchen starren und deuten ehrfürchtig mit dem Finger auf sie. Ich taufe meine kleine Testperson Hollie, nach der Blume, die sogar den kältesten Orléans-Schnee überlebt und immer schön bleibt. Die Menge schenkt mir tosenden Applaus. Das aufgeregte Rauschen geht mir durch und durch.

Das Mädchen mustert die Bilder von sich selbst, und ihr bleibt der Mund offen stehen. Sie wirbelt um die eigene Achse wie ein Kreisel, begutachtet ihre Arme, Beine und Füße. Sie berührt Gesicht und Haar. Die Zeppeline senken neue Monitore, die ihr Bild einfangen. Ihr Aussehen wird nur einen Monat halten, bevor sie wieder zu Grau verblasst. Doch in diesem Moment denkt niemand daran.

Ich hoffe, dass eine kinderlose Dame Hollie adoptieren wird, nachdem ihr Bild in den Zeitungen und den Nachrichten gezeigt wurde. Ich will, dass ihr Leben sich so sehr verändert, dass sie es nicht mehr wiedererkennt. Die Menschen von Orléans lieben schöne Dinge. Und Hollie gehört jetzt zu ihnen, bereit, gesammelt zu werden.

Erneut sucht die Kleine meinen Blick. Tränen des ungläubigen Glücks funkeln in ihren Augen, und sie sinkt in einen Knicks.

Ich sehe zu meinen Schwestern hinunter. Der Mond lässt seine Strahlen über die Kutschen gleiten. Sie starren mit schweren Lidern und müden Mienen zu mir auf, doch gleichzeitig klatschen und winken sie. Jede von uns sieht anders aus als die anderen: Edel ist so bleich wie die weißen Blüten, die sie umgeben; Padmas schwarzer Belle-Dutt fängt das Licht ein; Hanas Augen strahlen anmutig schräg; Ambras kupferfarbene Haare wirken wie züngelnde Flammen; Valeries Figur erinnert an die wunderschönen Stundengläser aus Messing, die Du Barry umdreht, um die Zeit zu messen, in der wir unsere Arcana trainieren. Wir sind die Einzigen in Orléans, die einzigartig und voller Farbe geboren werden.

Die Menge brüllt einen Belle-Segen: »La beauté est la vie.«

Die Königin hebt ihr goldenes Fernglas und starrt mich und Hollie an, als wären wir Käfer, die in Gläsern gefangen sind.

Die Welt verstummt.

Mein Atem stockt. Ich verschränke die Hände.

Die Königin legt das Fernglas auf ihren Schoß und applaudiert. Ihre juwelenbesetzten Ringe funkeln, als hätte sie winzige Sterne zwischen ihren Fingern gefangen.

Mein Herz pocht im Takt ihres Applauses. Ich fürchte, es könnte vor Aufregung zerspringen.

Sie beugt sich nach rechts und flüstert der Königlichen Schönheitsministerin etwas ins Ohr. Höflinge heben ihre Hörtrichter, begierig, einzelne Worte aufzufangen. Ich wünsche mir, ich könnte dasselbe tun.

Die Schönheitsministerin tritt neben Du Barry, und die beiden unterhalten sich. Ich stehe zu weit entfernt, um ihre Lippen zu lesen. Der Fächer der Prinzessin stoppt vor ihr. Sie starrt mich so unverwandt an, dass ich die Hitze ihres Blickes in meiner Brust spüre.

Du Barry bedeutet mir, mich zu verbeugen. Ich verneige mich fast bis auf den Boden meiner Kutsche, um der Königin, der Schönheitsministerin und der Menge dafür zu danken, dass sie meine Vorstellung beobachtet haben. Meine Brust hebt und senkt sich, während ich die traditionelle Minute abwarte, um ein Höchstmaß an Respekt zu zeigen. Die Königin muss gute Dinge über mich geflüstert haben. Das erkläre ich mir zumindest selbst.

»Eine weitere Runde Applaus für Camelia Beauregard«, verkündet Du Barry. »Und für alle neuen Belles. Morgen vor dem Aufgang des Abendsterns werden alle den Namen der Favoritin erfahren, wie es die Tradition verlangt. Bis dahin: gutes Raten und Wetten. Möge die Schönheit euch ewiglich finden.«

Männer und Frauen winken mit ihren Marken. Die Lotterien des Königreichs versuchen, davon zu profitieren, dass sie den Namen der Favoritin als Erste kennen. Sie ermuntern Frauen, sämtliche königlichen Schönheitsmarken, die sie von der Königin erhalten haben, gegen die Chance einzutauschen, mit der Belle-Favoritin zu essen, zu konversieren oder sogar eine Schönheitsbehandlung von ihr im Palast zu erhalten.

Die Zeppeline geben kleine Belle-Karten mit unseren Porträts frei. Sie fallen vom Himmel wie Regen. Ein Lächeln erwärmt meinen gesamten Körper. Ich halte Ausschau nach meiner eigenen Karte, kann jedoch in dem Gewirbel keinerlei Details ausmachen.

Meine Plattform senkt sich. Die kleinen Mädchen beobachten meinen Abstieg. Sie hüpfen und winken. Die königlichen Lakaien heben mich zusammen mit dem Kutschenkorpus zurück auf das Fahrwerk. Die Menge pfeift noch lauter. Feuerwerk schießt über den Nachthimmel und formt das Emblem der Belles – eine goldene Lilie, um deren Zentrum sich eine rote Rose windet wie ein blutiges Band.

Neue Silhouetten-Banner erscheinen auf den Zeppelinen, um unsere zukünftigen Kunden an unsere Namen und Gesichter zu erinnern. Für einen kurzen Moment entdecke ich mich selbst hoch am Himmel, mein Gesicht riesig und leuchtend. Meine Augen wirken clever. Mein Lächeln schlau. Gut gemacht, Füchslein, würde Maman sagen, wenn sie mich jetzt sehen könnte. Ich fühle mich wie eine der berühmten Hofdamen, die in den Glorioskopen oder auf den Tafeln an Trianons Promenaden und Straßen abgebildet sind.

Die vorherige Generation von Belles auf der Bühne steht auf. Sie werfen ihre Bellerosen auf unsere Kutschen. Die Rosen erblühen in voller Pracht, ihre Blütenblätter so groß wie Teller. Ich winke der Menge.

Ich will ewig hierbleiben.

4

Früher habe ich geglaubt, meine Schwestern und ich wären Prinzessinnen, die in der Maison Rouge de la Beauté in einem Palast lebten. Ich liebte das spitze Dach des Hauses, die vier Flügel, die unzähligen Balkone mit den verzierten Geländern, die hohen Decken voller Hauslaternen, die korallenrosa Salons, die weinroten Gemächer und champagnerfarbenen Zimmer, die zahlreichen Diener und Kindermädchen.

Doch nichts davon lässt sich mit dem königlichen Palast von Orléans vergleichen.

Die Kutschen stehen vor dem südlichen Tor wie in Honig getauchte Granatäpfel, die auf einem Tablett aufgereiht sind. Rote Samthüllen bedecken das Glas. Messinggriffe und Radnaben glänzen im Licht der Nachtlaternen. Ich presse mein Gesicht gegen das Tor. In der Ferne erkenne ich die Umrisse des Palasts, der sich in so viele Richtungen erstreckt, dass ich weder Anfang noch Ende erkennen kann.

Ich schließe mich meinen Schwestern noch nicht an. Du Barry ist mit Edel beschäftigt. Ich bleibe in der Nähe meiner Kutsche am Ende der Prozession, weil ich einen Moment für mich brauche. Die Aufregung des Beauté-Carnavals umgibt mich noch wie ein Paar warme Arme. Mamans Arme.

Eine imperiale Wache patrouilliert nur ein paar Schritte entfernt. Der Mann marschiert in Kreisbewegungen hin und her, wie einer der Aufziehsoldaten im Spielzimmer meiner Kindheit. Meine Beine zittern, und meine Arme beben. Ich könnte erschöpft sein oder immer noch aufgeregt. Vielleicht beides.

Das Brüllen der Menge vom Königlichen Platz nimmt ab, als würde ein Sturm aufs Meer hinausziehen. Die Zeppeline und Festival-Laternen hinterlassen Lichtstreifen am Himmel, wie das Versprechen auf etwas Neues.

Wir werden hier schlafen. Morgen Nachmittag wird die Königin den Namen der Favoritin verkünden. Alles wird sich verändern.

»Du warst besser als erwartet«, sagt eine Stimme.

Ein Junge lehnt auf der anderen Seite am Tor. Sein Jackett und die Hose verschmelzen mit der Dunkelheit, doch seine strahlend quittenfarbene Krawatte leuchtet in der Nacht wie ein Feuer. Er trägt kein Hausemblem, um sich auszuweisen. Er kratzt sich am Kopf und löst damit sein Haar aus dem kleinen Knoten, in dem er es trägt. Sein Lächeln strahlt im Mondlicht, und das weiche Licht der Nachtlaternen glättet die harten Kanten seines fahlen Gesichts.

Ich sehe mich nach dem Wachmann um. Er ist verschwunden.

»Keine Sorge, er wird in einer Minute zurück sein. Ich bin nicht hier, um dich zu verletzen.«

»Du solltest Angst haben, nicht ich«, antworte ich. Er könnte verhaftet werden und Jahre im Palastverlies verbringen, weil er mit mir allein war. Vor zwei Monaten hat die Königin einen Mann in den Hungerkäfig auf dem Königlichen Platz gesperrt, weil er versucht hat, Tausendschön zu küssen, die Belle vom Feuer-Teehaus. Sein Porträt füllte die Zeitungen und Telé-trope-Nachrichten. Nachdem er gestorben war, haben die Wachen seinen Körper einfach im Käfig gelassen, bis die Bussarde alle Stücke weggetragen hatten.

»Ich habe nie Angst«, sagt er.

Es ist seltsam, eine fremde Stimme zu hören. Die Stimme eines Jungen. Ein eigenartiges Kribbeln streift über meine Haut. Der einzige andere Junge, mit dem ich außerhalb eines Behandlungsraums je gesprochen habe, war der Sohn von Madame Alain, aus dem Haus Glaston. Im Belle-Lagerraum habe ich ihn dabei erwischt, wie er sich das Gesicht puderte und seine Lippen mit Rougestäben anmalte, während er darauf wartete, dass die Behandlung seiner Mutter endete. Er wollte eine Belle sein. Wir waren elf und haben mehr gelacht als geredet.

Dieser Junge ist eher ein junger Mann. Du Barry hat uns beigebracht, Männer und Jungs außerhalb des Behandlungssalons zu fürchten. Aber ich habe keine Angst. »Wer bist du? Du trägst kein Emblem.«

»Ich bin niemand.« Seine Mundwinkel heben sich. Er tritt vor und schließt so den Abstand zwischen uns. Mit ihm kommt der Duft des Meeres. Er beobachtet mich so interessiert, dass es sich fast anfühlt, als würde er mich berühren. »Aber wenn du es unbedingt wissen willst, darfst du meinen Namen gerne erfahren. Ich werde sogar mein Hemd öffnen, damit du die Tinte besser sehen kannst.«

Meine Wangen brennen vor Verlegenheit. Bei der Geburt werden die Bürger von Orléans mit dauerhafter imperialer Tinte markiert, die nicht einmal Belles verdecken oder löschen können. Selbst wenn man das Stück Haut herausschneidet, erhebt sich die Tinte wieder aus dem Blut. Die meisten Leute tragen ihr Emblem auf ihrer Kleidung, in der Nähe dieser Hautmarkierung.

Ich mustere ihn mit erwachter Neugier: die Art, wie er eine lose Strähne hinter sein Ohr schiebt, die paar Sommersprossen auf seiner Nase, wie er sein Jackett zurechtrückt. »Wo kommst du her?«

»Von der Lynx.«

»Ich habe noch nie von einem solchen Ort gehört.«

»Anscheinend bringt man euch nicht viel bei.«

Ich schnaube. »Ich wurde herausragend ausgebildet. Liegt das im Süden?«

»Sie liegt im Hafen.« Er grinst. »Mein Schiff.«

Also hatte er es darauf abgesehen, dass ich mich dumm fühle.

»Du bist unhöflich.« Ich mache Anstalten zu gehen. Die Diskussion zwischen Edel und Du Barry in der Ferne scheint langsam zu enden.

»Warte! Ich wollte nur sehen, ob die Reporter recht haben.« Seine Augen sind zedernbraun, die Farbe der Bäume, die sich zu Hause aus dem Wasser des Rose Bayou erheben. Marineembleme glitzern auf seinem Jackett wie frisch geprägte Leas-Münzen aus der königlichen Bank.

»Womit recht?«

»Sie sagen, ihr könntet mit euren Arcana eine Person aus Ton erschaffen, wie Magie.«

Ich lache. »Wie der Hofzauberer, der dafür bezahlt wird, die königlichen Kinder mit Feuerwerk und Tricks zu unterhalten?« Die Reporter nennen das, was wir tun, immer Magie, aber Maman hat erklärt, das wäre eine viel zu einfache Erklärung für die Arcana.

»Also, könnt ihr das?« Er spielt am Knoten seiner Krawatte herum, bis er sich löst und die Seide über seine Brust gleitet, als hätte jemand orangefarbenen Champagner verschüttet.

»So funktioniert das nicht.«

»Wie funktioniert es dann?« Seine Augen brennen vor Interesse, als er einen weiteren Schritt nach vorne macht.

Mein Herz setzt einen Schlag lang aus. »Komm nicht näher.«

Er zieht eine Augenbraue hoch. »Bringst du mich dann um?«

»Es gibt Gesetze«, erinnere ich ihn. »Und vielleicht sollte ich das tun.«

»Du befolgst die Regeln?«

»Manchmal.« Ich spiele an den Rüschen meines Kleides herum. »Es ist Männern verboten, außerhalb der Schönheitstermine mit Belles allein zu sein oder mit ihnen zu sprechen, wenn es nicht um Schönheitsarbeit geht.«

»Und was ist mit Frauen? Sie können genauso gefährlich sein, wenn nicht sogar noch gefährlicher.«

»Da gilt dasselbe. Wir dürfen uns nicht mit Nicht-Belles abgeben.«

»Wieso all dieser Wirbel? Wenn du mich fragst, ist das albern.« Er lächelt, als wüsste er die Antwort bereits.

»In der Vergangenheit sind schlimme Dinge geschehen.«

»Aber so muss es nicht immer sein.« Er reibt sich das Kinn und mustert mich. »Du kommst mir nicht wie eine Regelversessene vor.«

Rot schleicht sich in meine Wangen. »Du hast einen scharfen Blick.«

»Ich bin Matrose. Ich muss …«

»Camelia!«, ruft Du Barry. »Was tust du da hinten?«

Ich zucke zusammen, als ich meinen Namen höre. »Ich komme!«

Der Wachmann kehrt zurück.

Ich drehe mich wieder um. »Wer bist du?«

Doch der Junge ist verschwunden. Der Wachmann blickt mich auffordernd an, doch ich eile trotzdem zum Palasttor und sehe nach rechts und links.

Nichts.

»Camelia!«, ruft Du Barry wieder.

Ich wandere um meine Kutsche herum.

Nichts.

Schon jetzt erscheint mir die Erinnerung an den Jungen wie ein Traum, den man nach dem Aufwachen festhalten will. Verschwommen, irreal und außer Reichweite.

5

Die Schönheitsministerin öffnet das südliche Tor und tänzelt in einem Nerzmantel heran, der bis auf ihre Knöchel reicht. Sie tätschelt den Pelz mit Händen, die von roten Fingernägeln gekrönt werden; Pfauenfedern sind in ihr langes Haar eingeflochten. Sie deutet nach oben. Ein gold-weißer Postballon tanzt über ihrem Kopf. Auf seiner Seite prangt das Emblem des Hauses von Orléans. Persönliche Korrespondenz der Königin.

»Willkommen, meine Lieben; ich bin Rose Bertain aus dem Haus Orléans und Königliche Schönheitsministerin unseres wunderbaren Reiches. Ich habe eine Nachricht von Ihrer Majestät.« Mit einem gezackten Brieföffner schlitzt sie die Hinterseite des Ballons auf. Glühende Funken schießen heraus, dann zieht die Ministerin eine winzige Schriftrolle hervor, auf der sich das Wachssiegel der Königin befindet.

Sie bricht das Siegel, öffnet den Brief und liest:

»Meine liebsten Belles,

willkommen in meinem Zuhause und der Hauptstadt unseres geliebten Königsreichs. Jede von euch war heute Abend atemberaubend. Ich glaube, die Göttin der Schönheit hat stolz aus dem Himmel über uns zugesehen. Ich freue mich darauf, den besten Platz für euch zu finden. Ich danke euch für eure göttlichen Dienste an diesem Land.Möge die Schönheit euch ewiglich finden.

IKH Königin Celeste Elisabeth die Dritte, von Gnaden der Götter des Königsreichs von Orléans und Ihren anderen Königreichen und Territorien, Verteidigerin von Schönheit und Grenzen.«

Ich halte den Atem an, bis die Schönheitsministerin die Titel der Königin fertig verlesen hat.

»Sollen wir reingehen?«, fragt sie.

»Ja«, stößt Valerie ein wenig zu laut hervor. Alle lachen. Ihre hellbraune Haut verfärbt sich pink.

Du Barry und die Schönheitsministerin führen uns in die königlichen Anlagen. Wachen flankieren uns. Auf dem Weg zum Palast wandern wir eine leicht ansteigende Promenade und gewundene Wege entlang.

Nachtlaternen schweben vor uns und hinterlassen Spuren aus Licht vor unseren Füßen. Ich passiere leuchtend grüne Rasenflächen und Bäume, die in Formen geschnitten sind, die den Göttern gefallen; Blumenbeete, die fast überquellen von scharlachroten Bellerosen und schneeweißen Lilien, schimmern vor meinen Augen wie Decken aus rotem und weißem Sternenstaub. Königliche Tiere stolzieren über das Gras – himmelblaue Pfaue, rosige Miniatur-Flamingos und feuerrote Phönixe.

Ambra sieht zu mir zurück. Ich strecke ihr die Zunge raus und beeile mich, zu ihr aufzuholen. »Du hast dich so gut geschlagen«, flüstert sie.

Ich versuche, ein fliegendes Insekt von der breiten Taillenschärpe ihres Kleides zu ziehen, das in der Farbe des Sonnenuntergangs erstrahlt. Ambra fängt das Tier ein und lässt es frei.

»Genau wie du.«

Sie rümpft die helle Nase. Ihr Gesicht verzieht sich zu einer perfekten Herzform. Ambras Haut ist so glatt wie das feine Porzellan zu Hause im feierlichen Speisesaal. Das Belle-Make-up, das sie trägt, lässt ihre Haut noch weißer wirken. Eine leichte Brise bewegt ihr kupferrotes Haar. Ihr hoher Dutt wirkt aufgrund der Farbe wie ein aufgeplatzter Pfirsich. »Mir ist ein Fehler bei der Haut unterlaufen. Sie hat zu sehr geglänzt.« Tränen glitzern in ihren Augen.

»Es war in Ordnung.« Ich stolpere über den Rock meines Kleides, doch Ambra fängt mich auf. Ich fühle mich ganz schwummrig und unendlich müde vom Einsatz der Arcana.

»Ich war so nervös. Ich habe alles getan, was Maman …« Ihre Stimme bricht.

Ich verschränke meine Finger mit ihren. Unsere Hände sehen aus wie eine Mischung aus Karamell und Vanille. Ambras Traurigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ich vergrabe meine eigene tief in mir. Wir beide haben getan, was unsere Mütter uns gesagt haben.

»Du warst toll. Die Haare deines Mädchens lagen in perfekten Ringellocken. Maman Iris wäre so stolz gewesen.« Zu Hause lebte Ambra Tür an Tür mit mir im siebten Stock. Ihre Maman veranstaltete nur für uns Teepartys mit Zuckerkuchen und Marzipan-Rosensahne. Trotz der Tatsache, dass wir schon dreizehn und damit eigentlich ein wenig zu alt dafür waren, liebte ich diese Partys. Ich werde mich immer daran erinnern, wie Maman Iris uns beigebracht hat, die Bei-Puderquasten zu verwenden, und wie die kreideweißen Flocken dafür gesorgt haben, dass ihre Haut aussah wie ausgetrocknete Erde.

In unseren Belle-Koffern liegen kleine Todestafeln unter unseren Kleidern, als Erinnerung an unsere Mütter.

»Ambra, du warst ganz wunderbar.«

»Lügnerin«, sagt Ambra. »Du hast nicht mal hingeschaut. Ich konnte dich sehen. Du hattest die Augen geschlossen.« Sie rammt mir den Ellbogen in die Seite.

Sie durchschaut mich immer.

»Ich habe dein Mädchen gesehen, nachdem du fertig warst.« Ich werde mir später eine Telé-trope-Spule stehlen und alles noch mal ansehen.

»Schau dir den Himmel an.« Ich wedele mit der Hand über dem Kopf. »Er sieht hier ganz anders aus als daheim.« Die Sterne werden nicht von Zypressen verdeckt. Es zirpen keine Bayou-Grillen, und es quaken keine Frösche. Es gibt keine dünnen gewundenen Gitter an den Hausfenstern. Keine dicken nördlichen Wolken; nur klarer Himmel bis ans Ende der Welt.

»Die Königin sollte nach meiner Vorstellung aufstehen, Camille. Damit ich es weiß. Damit jeder es weiß. Maman hat mir gesagt, ich müsste Favoritin werden. Weil es keinen Sinn macht, etwas anderes zu sein.«

Meine Brust wird eng. Uns wurde allen dasselbe gesagt. Ich fühle mich selbstsüchtig, weil ich besser sein will als sie und all meine Schwestern.

»Sie ist auch für mich nicht aufgestanden«, erinnere ich sie. Und mich selbst. »Ich weiß, dass du es gut gemacht hast, selbst wenn ich es nicht gesehen habe.«

»Sicher, aber du warst spektakulär.« Sie reißt die Hände in die Luft. »Ich habe dich noch nie in so guter Form gesehen.«

»Du warst doch genauso gut, also hör auf damit.«

»Wir haben alle getan, was uns gesagt wurde. Was in unseren Dossiers stand. Bis auf dich. Das kleine Mädchen in dein Spiegelbild zu verwandeln – so clever. Und ich bin nicht mal auf die Idee gekommen, meine Ambrosiablüte als Kokon einzusetzen. Das hat das Interesse noch gesteigert. Hat das Ergebnis perfekt in Szene gesetzt. Nichts davon wäre mir eingefallen. Genau das ist mein Problem. Ich tue nichts Unerwartetes. Du deutest die Regeln nur als Anregungen und überschreitest die Grenzen, die dir gesteckt wurden.« Sie ballt die Finger zu Fäusten. »Verändert nur ihre Haar- und Hautfarbe.« Sie ahmt Du Barrys nasale Stimme nach. »Mehr nicht. Alles andere ist Verschwendung …« Ambra schlägt die Hände vors Gesicht. »Es war ein Spektakel, und du hast das verstanden.«

»Ich habe den Kokon geschaffen, damit sie aufhört herumzuzappeln«, erkläre ich. Ich will nicht, dass Ambra erfährt, wie viel Zeit ich damit verbracht habe, darüber nachzudenken, wie ich besser sein kann als sie – besser als meine Schwestern. Ich will ihre Hand drücken, doch sie macht sich an einer Blume zu schaffen, die aus ihrem Dutt zu fallen droht. Ich erinnere sie daran, dass sie nie mit den Arcana kämpft. Immer Bestnoten bei jeder Herausforderung einstreicht, die Du Barry uns stellt. Rein nach Noten ist Ambra die Beste unserer Generation, weil sie immer perfekte Punktzahlen von Du Barry bekommt. Würde die Entscheidung darauf beruhen, würde sie auf jeden Fall erwählt.

»Wenn wir das erste Arcana hätten zeigen können, hätten sie mehr von deinen Fähigkeiten sehen können«, sage ich. Ambra beherrscht das Auftreten-Arcana perfekt. Sie ist fähig, selbst die Stimme eines Miniatur-Affen sanft klingen zu lassen, die trampeligste Person charmant zu machen und Leuten jedes Talent zu schenken, das sie sich wünschen – Kochen, Tanzen, das Spielen der Laute oder der Schamisen – so mühelos, als würde sie ihnen ein anderes Kleid anziehen.

»Ich sollte die Beste sein. Ich sollte zur Favoritin ernannt werden.«

»Wir wollen alle die Favoritin sein«, sage ich.

Ihre Augen werden schmal. »Glaubst du, das weiß ich nicht?«

Ihr Tonfall trifft mich wie eine Ohrfeige. So hat sie noch nie mit mir gesprochen.

»Ambrosia! Camelia! Ihr kennt die Regeln.« Du Barry zieht eine Augenbraue hoch. »Ihr seid zu alt, um daran erinnert werden zu müssen.«

Ambra entfernt sich zwei Schritte von mir. Dieser winzige Abstand vermittelt mir das Gefühl, als würde ein ganzer Ozean zwischen uns liegen. Wir sollen keine besonderen Freundschaften pflegen. Wir sind alle Schwestern. Wir sollen uns gleich nahestehen. Aber ich habe Ambra immer ein wenig mehr geliebt als die anderen. Und sie mich.

Ambra wirft mir einen irritierten Blick zu. Ich verstehe ihre Wut nicht. Jede von uns befindet sich gerade in genau derselben Position. Sollten wir uns nicht gegenseitig unterstützen?

Sobald Du Barry uns den Rücken zuwendet, trete ich wieder an sie heran und berühre ihre Hand, weil ich kitten will, was zwischen uns zerbrochen ist. Ambra beschleunigt ihre Schritte und setzt sich an die Spitze der Gruppe, in der Nähe von Du Barry. Ich falle in mich zusammen wie ein Postballon, der Luft verliert, doch ich folge ihr nicht.

Wir überqueren eine Reihe von kleinen goldenen Brücken, die den Fluss des Goldenen Palasts kreuzen. Reporter lehnen mit Lichtkästen aus kohleschwarzen Nachrichtenbooten, um möglichst gute Porträts von uns einzufangen. Ihre Stifte huschen blitzschnell über Pergamentblöcke. Sie rufen unsere Namen und fragen uns, wen wir für die wahrscheinlichste Favoritin halten.

»Sie sind ein wenig spät dran mit Ihren Wetten, meine Herren. Hier werden Sie keine Hinweise bekommen«, ruft die Schönheitsministerin.

Wir überqueren die letzte Brücke und erreichen den königlichen Palast. Pinkfarbene Marmorwände ragen vor uns auf, mit Türmen, die so hoch sind, dass man an deren Spitze wahrscheinlich mit dem Gott des Himmels flüstern kann. Jedes Stockwerk ist mit Weiß und Gold verziert. Meine Schwestern und ich sehen nach oben. Es fühlt sich an, als würden wir alle gleichzeitig den Atem anhalten.

Ich raffe meine Röcke und folge der Gruppe langsam eine breite Treppe hinauf. Nach ungefähr hundert Stufen verzähle ich mich und verliere den Überblick. Das Klacken unserer Absätze lässt mein Herz schneller schlagen. Am oberen Absatz öffnet sich der Eingang wie ein riesiges Maul, dann verschlingt uns die große Eingangshalle. Juwelenbesetzte Lüsterlaternen sinken von der hohen Decke wie Spinnen mit Bäuchen voller Kerzenlicht. Die Wände sind mit wunderschönen Marmorreliefs der Sterne verziert. Ich will meine Finger darübergleiten lassen, die Konturen spüren, doch ich kann sie durch die Reihen der Wachen, die uns flankieren, nicht erreichen.

Wir betreten einen weiteren Flur. Die Deckengemälde verändern sich nach und nach. Animierte Fresken arrangieren und reorganisieren sich zu verschiedenen himmlischen Szenen: die Götter und Göttinnen, die Könige und Königinnen der Vergangenheit, die Inseln von Orléans, der Himmel. Ich falle fast um, als ich den Kopf weit in den Nacken lege, um alles aufzusaugen.

»Die Belle-Appartements befinden sich im Nordflügel«, informiert uns Du Barry.

»Der Göttin der Schönheit zugewandt«, fügt die Schönheitsministerin hinzu.

Wir betreten den Palastflügel auf vergoldeten Laufstegen, die mir wie Brücken vorkommen. Ich werfe einen Blick über das Geländer nach unten. Königliche Chrysanthemenbäume wachsen nach oben, doch selbst ihre Äste können uns nicht erreichen. Eine Reihe von kleinen Wagen schwebt an einem Gewirr von Kabeln, um gut gekleidete Menschen von einem Balkon zum nächsten zu befördern.

Wir passieren mehrere Kontrollpunkte der königlichen Wachen. Die Männer salutieren. Irgendwann stoppen wir vor einer großen Doppeltür, die mit Bellerosen verziert ist.

Ich beiße mir auf die Unterlippe.

Königliche Dienerinnen stehen rechts und links neben dem Eingang aufgereiht, die Köpfe gesenkt, die Hände vor dem Körper verschränkt. Ihre Gesichter sind kantig, mit Lippen in der Farbe von Pfirsichen, rosigen Wangen, braunen Augen und milchweißer Haut. Auf Anweisung der Schönheitsministerin müssen sie alle so aussehen. Die Ministerin hat sie in farbenfrohe Arbeitskleider gesteckt, die eng um die Taille anliegen. Stolz präsentieren sie ihre Embleme an Ketten um ihren Hals.

Die Schönheitsministerin öffnet die Türen.

6

Zu Hause habe ich mir mein Zimmer mit Maman geteilt. Ihr Himmelbett und mein kleineres Bett standen in einer Ecke unserer Wohnung im siebten Stock der Maison Rouge de la Beauté. Aus der Postkiste entwendete Klatschmagazine bildeten geheime Stapel unter meinem Bett, und aus Du Barrys Büro stibitzte Belle-Karten dekorierten den Paravent aus Elfenbein, der meine Seite des Raums von Mamans trennte. Schnickschnack verzierte die Regale: Getrocknete Blütenblätter, winzige Bayou-Kiesel und Regenbogenperlen erinnerten wie Schreine an unsere gemeinsamen Abenteuer, zusammen mit dicken Bänden voller Sagen und Märchen über den Phönix des Glücksgottes oder den kleinen silbernen Fuchs der Göttin der Täuschung. Auf dem Schminktisch stand eine Waschschüssel, und ein Kamin verbreitete Licht. Mein Herz verkrampft sich bei der Erinnerung daran.

Doch ich verstehe nicht, wie Maman jemals diese Belle-Gemächer hier verlassen konnte, um in die Maison zurückzukehren.

Ich drehe mich hin und her. Die Wand erhebt sich in goldlackierten Streifen zu einer Decke, die mit rankenden Bellerosen überzogen ist. Ihre Blütenblätter flattern und strecken sich, als ich mich darunter bewege. Der Raum ist gefüllt mit löwenfüßigen Sofas und farbenfrohen Kissen darauf; eine ganze Wand wird von einem aus Goldfäden gestickten Wandteppich eingenommen, der das Königreich von Orléans zeigt; ein großer weißer Schreibtisch schmiegt sich in eine weit entfernte Ecke. Darauf ruhen ein Abakus mit perlweißen Kugeln und mehrere gusseiserne Spintria-Safes.

Königliche Dienerinnen entzünden Nachtlaternen und lassen sie schweben. Ihr fahles Leuchten enthüllt weitere Wunder im Raum. In Glasvitrinen stehen Glorioskope – kleine Messing-Kaleidoskope, angeordnet nach Saison und Jahr –, welche die Bilder der besten, farbenfrohsten Höflinge präsentieren, aufgenommen vom Königlichen Pressekorps. Padma richtet das dünne Ende eines Glorioskops auf eine der schwebenden Nachtlaternen. Der Zylinder fängt das Licht ein und projiziert eine Gruppe eleganter Männer und Frauen an die Wand, wie eine Ansammlung glitzernder, bunter Perlen. Kein Geld der Welt kann einem die Aufnahme in diese Sammlung kaufen. Nicht einmal die Prinzessin wird automatisch aufgenommen. Aber jeder Mann, jede Frau und jedes Kind will darin abgebildet werden.

Du Barry hat uns nie erlaubt, Glorioskope anzusehen oder Pamphlete, Klatschmagazine oder Zeitungen zu lesen. Wir sollten nicht von der Außenwelt verdorben werden.

»Schaut euch nur alles an, Mädchen«, flötet die Schönheitsministerin.

»Ja, genießt es«, fügt Du Barry hinzu.

Stapel von Schönheitsmagazinen, unter anderem Dulce, Mignon, Beauté, Sucré und das Journal de la Mode des femmes, liegen auf hübschen Beistelltischen. Edel und Valerie blättern durch die Seiten und halten uns die Hefte entgegen. Die Pamphlete zeigen Belle-erschaffene Stile, stellen Vermutungen darüber an, welche Belle jemandem einen Platz in den Glorioskopen sichern kann, und präsentieren jede Belle unserer Generation und die vermutete Tiefe unserer Arcana, um uns mit der älteren Generation zu vergleichen, die jetzt den Hof verlässt.

Auf weiteren Tischen liegen Zeitungen ausgebreitet. Ich lasse meine Fingerspitzen darübergleiten. Schlagzeilen leuchten auf dem Pergament auf, verkünden Prinzessin Sophias nahende Verlobung und die neuesten imperialen Schönheitsgesetze, die von der Königin und der Schönheitsministerin verabschiedet werden.