The Cruelest Mercy - Natalie Mae - E-Book

The Cruelest Mercy E-Book

Natalie Mae

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Beschreibung

Band 2 der Kinder Poison Trilogie von Natalie Mae Zahru wird alles tun, um zu verhindern, dass Kasta den Thron besteigt ... Aber ist sie bereit, selbst zur Schurkin zu werden, um ihn aufzuhalten? Nachdem sie die Querung überlebt hat, hat Zahru den Abenteuern ab geschworen. Während Kronprinz Jet sich mit der drohenden Gefahr eines Krieges auseinandersetzt, begnügt sie sich damit, herauszufinden, was die Zukunft für sie bereithält. Doch als Prinz Kasta mit einer schockieren den Behauptung zurückkehrt, trifft sie das aus heiterem Himmel: Er ist der wahre Sieger der Kreuzung, der rechtmäßige Erbe, und er trägt das Zeichen der Götter als Beweis. Und noch verwunderlicher: Er ist nicht der Einzige. Auch Zahru trägt das Zeichen und hat damit Anspruch auf den Thron. Das Letzte, was sie will, ist an der Seite ihres Möchtegern-Henkers zu regieren, aber sie kann nicht zulassen, dass Orkena in seine gnadenlosen Hände fällt. In einem Wettlauf gegen die Zeit müssen Zahru, Jet und ihre Verbündeten einen Weg finden, Kasta aufzuhalten, denn wenn er erst einmal gekrönt ist, weiß niemand, welche Schrecken er entfesseln wird, um den Krieg zu gewinnen #LoveTriangle #PageTurner #WüstenSetting #EnemiestoLovers

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 572

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Natalie Mae

THE CRUELEST MERCY

Ausführliche Informationen über unsere Autorinnen und Autoren und ihre Bücher

www.leaf-verlag.de

1. Auflage 2025

Originalausgabe:

Copyright © 2025 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland

Copyright © 2021 by Natalie Mae

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Textredaktion: Yvonne Lübben

Übersetzung ins Deutsche: Michaela Link

Coveranpassungen: Kim Leopold mit Illustrationen von Kateryna Vitkovska @vitkovskaya_art

Innengestaltung: LEAF Verlag unter Verwendung von Motiven von © Kirill (Adobe Stock)

Karte: Map copyright ©2020 Natalie Mae

Map Illustration von Marisa Hopkins

Gesetzt aus der der Adobe Caslon

Satz: LEAF Verlag

ISBN 978-3-911244-21-3

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Epilog

Zusammenfassung

Am Ende des Buches befindet sich eine Zusammenfassung vom ersten Band.

Für Lori E.

Danke, dass du immer da bist.

Kapitel 1

Wie so viele Dinge im Palast ist auch die Landkarte von trügerischer Schönheit.

Der goldene Rand des cremefarbenen Pergaments schimmert auf, als Jet es auf seinem Schreibtisch glatt streicht und die Ecken mit Steinen beschwert. Es ist ein Kunstwerk mit vergoldeten Details und juwelengespickten Bauten, bei deren Anblick sich mir der Magen umdreht. So hat meine Heimatstadt nicht mehr ausgesehen, als ich das letzte Mal dort war. Erinnerungen wirbeln in mir hoch, während ich die kleinen Gebäude nachzeichne und das Grauen wieder lebendig wird, das uns nach der Durchquerung dort erwartet hat. Der Rauch, der aus Moras Zuhause quoll, und der verlassene Stall meines Vaters auf dem Hügel.

Ich berühre die Stelle, an der ich beinahe in ein Gewässer gesprungen wäre, das vor Krokodilen nur so wimmelt. Fahre über die Dächer der mit Kratern übersäten Anwesen, an denen ich mit Marcus, Melia und Jet im Schlepptau vorbeigerannt bin, bis ich einen Soldaten gefunden habe, der wusste, wo die Überlebenden geblieben sind. Und schließlich finde ich die dem Erdboden gleichgemachte Bäckerei, wo ich vor Erleichterung auf die Knie gefallen bin, nachdem ich erfahren hatte, dass meine Familie es sicher in die nächste Stadt geschafft hat.

All diese Linien auf dem Pergament sollten zerklüftet und rissig sein.

»Es waren insgesamt drei Bomben«, berichtet Jet. Der Sonnenschein, der durch die Palastfenster fällt, zeichnet Muster auf seinen Arm. »Sechzig Tote. Die meisten gestorben auf dem Marktplatz und hier in der Nähe dieser Anwesen. Wir glauben, dass Wyrim deine Heimatstadt ins Visier genommen hat, weil es in der Nähe genügend größere Städte gibt, sodass sich ein Angriff schnell herumspricht. Gleichzeitig ist die Stadt selbst zu klein, um starke Verteidigungsmaßnahmen bieten zu können. Doch du hast mein Wort, dass sich unsere besten Soldaten damit befassen. Wir konnten den Angriff noch nicht auf Wyrims Königin zurückführen, aber das werden wir noch.« Jet schließt die Finger um den Griff des Schwerts an seiner Hüfte. »Sie werden dafür bezahlen.«

Die Härte in seiner Stimme hinterlässt ein Kribbeln in meinem Nacken. Nach dem einen Mond, den wir getrennt waren, bin ich mir nicht sicher, ob ich sie vorher schon einmal wahrgenommen habe. Er klingt jetzt mehr wie der andere Prinz, den ich gekannt habe – und über den ich nicht weiter nachdenken werde. Denn der quält mich schon genug, auch ohne, dass ich ihn noch in anderen Personen wiederzuerkennen glaube.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort auf meine nächste Frage hören will, aber ich muss sie stellen. »Wirst du ihnen den Krieg erklären?«

Er zieht die Brauen zusammen und angesichts der Frage graben sich Falten in seine Züge. Jet sieht so viel älter aus als an dem Tag, an dem wir uns voneinander verabschiedet haben – so, als hätten wir Jahre voneinander getrennt verbracht und nicht nur einen Mond. Ich frage mich, was er sonst noch in dieser Zeit erfahren hat, das ihn so hat altern lassen. Eine feine, blaue Tunika hüllt seine von vielen Schwertkämpfen geformte Gestalt ein; eine Krone aus silbernen Blättern sitzt auf dem kurz geschnittenen Haar. Von Weitem sieht er immer noch aus wie der zu Scherzen aufgelegte junge Mann von dem Bankett, der mir die Namen der Speisen erklärt hat, mit Elfenbeinscheide und allem. Aber aus der Nähe wird dieses Bild von ihm immer weniger fassbar. Zudem wirkt er heute nervös, obwohl das wohl zu erwarten war, da in einer Stunde seine Krönung stattfindet.

Ich gebe zu, dass ich dem Ganzen ebenfalls mit Bedenken entgegensehe. Aber auch mit Aufregung; als würde ich mich wieder in den Sattel des Pferdes schwingen, das mir einst einen atemberaubenden Ritt in den Sonnenuntergang beschert hat, nur um mich dann über einer Klippe abzuwerfen. Ja, meine Gefühle für diesen luxuriösen Ort, der mich in ein Menschenopfer verwandelt hat, sind eindeutig komplex und verwirrend. Aber obwohl ich für den Rest meines Lebens allen Abenteuern abgeschworen habe, war das gläserne Boot, das Jet an diesem Morgen geschickt hat, um meine Familie und mich als seine Ehrengäste abzuholen, ein willkommener Anblick.

Hinter uns liegt ein zermürbender Mond. Zusammen mit den meisten Nachbarn sind wir in der nahegelegenen Stadt Kystlin untergekommen, während in Atera die Renovierungsarbeiten begonnen haben. Außerdem habe ich den Flüsterern aus Kystlin gemeinsam mit meinem Vater beigestanden, da sie sich auch noch um die Schoßtiere und das Vieh der Flüchtlinge kümmern müssen. Mora und Hen haben ebenfalls Arbeit gefunden und obwohl mir die langen Tage nichts ausmachten, da sie mich zumindest davon abhielten, an gewisse tote Prinzen zu denken, haben wir uns alle auf den Tag gefreut, an dem wir nach Hause zurückkehren können.

Zurück in unser durchschnittliches, langweiliges, wunderbar normales Leben.

»Krieg«, wiederholt Jet bekümmert und fährt sich mit einer Hand übers Kinn. »Nein, ich denke nicht, dass wir diesen Punkt schon erreicht haben. Ich hoffe, dass wir sie auch mit anderen Mitteln entmutigen können. Handelssperren, Erinnerungen an unsere überlegene militärische Stärke, ohne dass es Menschenleben kostet. Es gibt Mittel und Wege, dafür zu sorgen, dass sie das Ganze bedauern, auch ohne Menschen zu töten.«

Das klingt schon mehr nach dem barmherzigen jungen Mann, den ich als König gesehen habe. Ich stoße den Atem aus und tadle mich dafür, auch nur gedacht zu haben, er könnte wie Kasta klingen. Denn natürlich hat er einen Plan und wird einen Weg finden, das Nötige mit so wenig Schmerz wie möglich zu tun – er will keinen Krieg. Er braucht nichts zu beweisen, abgesehen davon, dass er sein Volk beschützen will.

»Gut«, antworte ich.

»Nun, in diesem Sinne …« Er rollt die Landkarte zusammen und erstarrt. »Nein, nicht in diesem Sinne. Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Das hier ergibt keinen Sinn, das ist Terrorismus und was ich dich fragen wollte, ist nicht – möchtest du etwas zu trinken?«

Ich lehne mich an den Schreibtisch. »Es ist wirklich seltsam, dich so nervös zu sehen.«

»Nervös?« Er lacht wie nur jemand lachen kann, der schon zur Hälfte Opfer seiner Panik ist. »Ich bin nicht nervös. Ich habe mit Orkenas mächtigsten Soldaten Diskussionen geführt, in denen sie mich zum Krieg drängen wollten. Das hier macht mich nicht nervös, denn ich wurde dazu erzogen, mich Riesen zu stellen.« Er zeigt auf mich, als würde ich anderer Meinung sein. »Ich bin der Stahl Orkenas …«

»Jet! Was willst du mich fragen?«

Er hebt seine Hand, ballt sie vor seinem Mund zur Faust und zieht eine Grimasse. »Ich … habe ein Geschenk für dich? Komm mit.«

Ich würde ihn gern darauf hinweisen, dass das ein weiterer Themenwechsel ist, aber er marschiert bereits durch die Tür und mir bleibt keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Und das meine ich ernst, denn der Aufenthalt in Jets »Zimmer« ist, wie sich herausgestellt hat, um ein Vielfaches komplizierter als in jedem anderen normalen Schlafgemach. Denn seine Räume bestehen aus zahlreichen Zimmern, Korridoren, Geheimgängen und falschen Türen, sodass ich befürchte, mich ohne ihn hier sofort zu verirren. Und so lasse ich die Landkarte und die beunruhigenden Gedanken an Bomben liebend gern zurück, ducke mich durch die verborgene Tür eines Gewächshauses, in dem Schmetterlinge mit juwelenbesetzten Flügeln herumflattern, durchquere einen Raum, der groß genug für ein Badebecken ist, und betrete den Bereich, in dem wir den Rundgang begonnen haben – das Schlafgemach.

Einmal mehr benutze ich auch diesen Ausdruck eher im weiten Sinne. Kein Schlafzimmer, in dem ich je gewesen bin, bestand zur Gänze aus silbernem marmorierten Eisstein, um die Hitze des Tages abzuwehren. Keines besaß eine Decke, die mehrere Stockwerke hoch war, und erst recht keine, in deren Kuppel Städte geschnitzt waren, die von hinten mit magischem Feuer beleuchtet wurden. Die sieben riesigen Fenster wären auch für einen Ballsaal passend und der Balkon bietet genug Platz für eine ganze Abendgesellschaft. Mit Blick auf die inneren Palastgärten, in denen die dürren, mit Leuchtmitteln geschmückten Bäume wie Sterne funkeln.

»Das ist kein Ballsaal«, erklärt Jet laut, weil ich ihm gesagt habe, dass es mich an einen erinnert, als wir das erste Mal hier waren. »Betrachte es als die ›Höhle des Kriegers‹ oder das ›Nest des Schwertkämpfers‹. Dort drüben an der Wand hängen sechzig Waffen.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesmal nichts gesagt habe.«

»Ich kann spüren, wie du es findest.«

Ich grinse. Langsam fühlen sich die Dinge wieder leichter an, mehr so, wie wir nach der Durchquerung miteinander umgegangen sind. Und ich räume ein, dass vieles heute etwas gezwungen gewirkt hat, weil auch ich bei der Aussicht auf ein Wiedersehen mit ihm nervös war. Schließlich ist ein ganzer Mond verstrichen, während dem ich mich abwechselnd gefragt habe, wie es wäre, ihn richtig zu küssen, und mir Sorgen gemacht habe, dass ich nur Gefühle für ihn entwickelt habe, weil ich in einer enorm belastenden Situation war und deshalb jeden, der mich nicht töten wollte, attraktiv fand. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wo ich jetzt stehe, aber die Erinnerung an diese Ungezwungenheit, diese Sicherheit zwischen uns ist ein guter Anfang.

Jet führt mich zu einer Vertiefung im Boden – die eine perfekte Tanzfläche abgäbe, wenn die Sofas daraus entfernt würden – und dreht sich mit einem Grinsen zu mir um. »Schließ die Augen.«

Jahre der Freundschaft mit Hen haben mich gelehrt, solchen Bemerkungen besser nicht zu trauen, aber wenn Jet und ich das Stadium der Unbeholfenheit überwinden wollen, ist Vertrauen wahrscheinlich ein entscheidender Punkt. Außerdem mag ich Geschenke und hoffe, es ist Schokolade. Also schließe ich die Augen.

Ich höre schnelle Schritte wie von Sandalen. Etwas Hölzernes scharrt über Fliesen und dann nehme ich überhaupt keinen Laut mehr wahr, nicht mal das Vogelgezwitscher draußen – Jet muss seine Klangfängermagie eingesetzt haben, damit alles still ist. Das katapultiert meine Neugier in unerträgliche Höhen, aber gerade, als ich ein Auge einen Spaltbreit öffne, tritt er vor mich.

»In Ordnung«, sagt er. »Du kannst die Augen aufmachen.«

Als Erstes sehe ich seine warmen Augen und dieses Grinsen, das ihm so gut steht – und dann bemerke ich das gesprenkelte, zappelnde Fellbündel in seinen Händen.

»Oh. Ihr. Götter.« Ich strecke die Hände nach dem federweichen, schnurrenden Tier aus. »Du schenkst mir ein Kätzchen?«

»Ich glaube, das war Punkt vier auf deiner Liste der Dinge, die ich dir wegen deines Beinahe-Todes schuldig bin.« Seine Mundwinkel zucken. »Gefällt sie dir?«

»Und ob!« Das Kätzchen schaut mit leuchtend grünen Augen zu mir auf, kleinen, schillernden Universen, die alle anderen Gedanken aus meinem Kopf vertreiben. Daumengroße Tupfen bedecken ihr goldenes Fell vom Kopf bis zum Schwanz. An dieser Stelle sollte wohl erwähnt werden, dass meine Wahrnehmung von der schieren Größe aller Dinge im Palast bereits beeinträchtigt ist, denn sie als »Kätzchen« zu bezeichnen, ist so, wie Jets Räume »Schlafzimmer« zu nennen. Sie ist zwar wirklich noch jung, aber sie hat schon die Größe einer Hauskatze. »Ich liebe sie! Ist sie ein Leopard?«

»Ja, sie wird eine loyale Gefährtin sein und eine grimmige Beschützerin, wenn sie ausgewachsen ist.«

»Vielen Dank. Wirklich.« Ich kraule das Junge hinter den Ohren und mein Herz schwillt an. »Ich werde dich Jade nennen. Denkst du, du bist eine Jade?«

Sie maunzt und beschnüffelt mich, während meine Magie mir ihre süßen, kindlichen Worte übersetzt. Jade, stimmt sie zu. Du, meins!

Jet klopft auf einen Stapel Kisten. »Ebenfalls von deiner Liste an Forderungen: Salben für euren Stall. Drei Kisten für den Anfang und wenn du mehr brauchst, gib einfach Bescheid. Die unterste Kiste enthält Pralinen für vier Wochen, mit einer Entschuldigung für die Verspätung, da ich glaube, dass du ausdrücklich ›wöchentliche Lieferung‹ gesagt hast. Keine Sorge, die anderen werden pünktlich kommen.«

»Oh, ihr Götter, Jet …«

»Punkt fünf: eine Anstellung für Hen.« Er nimmt eine Schriftrolle aus der Kiste. »Wie sich herausgestellt hat, sucht die Königliche Materialistin Unterstützung und sie verfolgt die Arbeit deiner Freundin schon seit einiger Zeit. Das ist ein Angebot für eine Anstellung als ihre Assistentin hier im Palast.«

Ich kriege keinen Ton heraus und starre nur zwischen Jade und den aufgetürmten Kisten hin und her, die locker Vorräte für ein halbes Jahr enthalten, und richte den Blick dann wieder auf Jet.

»Zu guter Letzt …« Er hält einen silbernen Schlüssel hoch, in den eine zarte weiße Rune eingearbeitet ist. »Komm nach der Krönung mit mir in die Ställe. Der Schlüssel wird leuchten, wenn du vor der Box deines neuen Pferdes stehst.«

»Ich habe ein Pferd?«, quieke ich, dann stoße ich einen spitzen Schrei aus, als mir scharfe Zähne in den Arm beißen.

Au, denkt Jade. Quetschen!

»Entschuldige.« Ich setze sie auf den Boden und sie flitzt durch den Raum. »Das ist einfach … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

»Wenn dir noch irgendetwas anderes einfällt, sag es mir bitte auf jeden Fall. Ohne dich wäre ich überhaupt nicht hier.«

Tränen steigen mir in die Augen und ich schüttle fassungslos den Kopf. »Das ist wirklich genug. Aber dir ist schon klar, dass ich nur Spaß gemacht habe?« Ich drücke mir eine Hand an den Kopf und lache. »Ich habe die Liste erstellt, während wir über und über voller Blut waren und nachdem wir beide um ein Haar gestorben wären … du hättest das nicht machen müssen.«

»Ich hatte das Gefühl, dir etwas schuldig zu sein.« Er kommt näher und mein Puls schnellt in die Höhe. »Außerdem neige ich dazu, Geschenke zu kaufen, wenn ich jemanden vermisse, und ich …« Er nestelt an einem seiner silbernen Armbänder und ich schwöre, dass ich das Aufblitzen von Nervosität spüre, so deutlich, als käme es von Jade. »Nun, das bringt mich zu meinem nächsten Punkt. Ich habe mich gefragt, ob … das heißt, wenn du willst, und du brauchst es natürlich nicht zu tun, aber ich dachte, du wärst vielleicht daran interessiert oder vielleicht würdest du lieber nach Hause fahren, aber falls das nicht so ist …«

Meine eigene Nervosität wächst und fast hätte ich ihn geschüttelt. »Jet, was?«

Er atmet ein und greift in die Tasche seiner Tunika. Mich durchzuckt Panik, weil mich das stark an Brautwerbung erinnert, durch die zwei Menschen ihre Beziehung offiziell und sehr öffentlich machen. Zwar ist das, was Jet und mich verbindet und worüber ich gerade erst nachgedacht habe, eine Art Beziehung, aber eine freundschaftliche. Wir sind zwei Menschen, die zusammen etwas Schreckliches überlebt haben und dachten, es wäre schön, die andere Person irgendwann einmal zu küssen und zu sehen, was daraus entsteht, aber ich weiß, dass Edelleute gern lächerlich schnell vorgehen …

Er nimmt die Hand aus seiner Tasche. Mir graut davor, es könnte eine Halskette für Paare sein, aber stattdessen schimmert in seiner Handfläche ein breites, silbernes Armband. »Willst du meine Ratgeberin sein?«

»Oh, den Göttern sei Dank«, sage ich erleichtert darüber, dass wir vielleicht doch der gleichen Meinung sind. Jet scheint meine Reaktion leicht zu beunruhigen und ich räuspere mich. »Ich meine, ja. Vielleicht? Was genau müsste ich tun … und warum braucht es dafür Schmuck?«

Jet schnaubt. »Was hast du denn gedacht, das ich frage?«

»Nichts! Rein gar nichts, ich mag es einfach, Situationen unangenehm zu machen … also, was müsste ich tun?«

Jet kichert, reimt sich vermutlich zusammen, was ich geschlussfolgert habe, und hält das Armband hoch. »Diese Armbänder tragen alle Ratgeber, um ihre Position sichtbar zu machen. Es verleiht dir Zutritt zu fast jedem Ort im Palast, zu dem ich Zugang habe. Hier ist ein Symbol, siehst du?« Er zeigt mir eine goldene Laterne auf einer Seite. »Du wärst Mitglied einer Gruppe, die mir hilft, Entscheidungen bezüglich Steuern und Gesetzen zu treffen und herauszufinden, wie sich diese auf unser Volk auswirken.«

Ich blinzle. »Du überträgst mir die Verantwortung für Gesetze?«

Er wirft mir einen Blick zu. »Unterschätze nicht, wozu du fähig bist. Du bist meine Augen und Ohren, wenn es darum geht, die einfachen Leute zu unterstützen. Ich habe außerdem Melia und Marcus gefragt, die – den Göttern sei Dank – zugestimmt haben zu bleiben. Außerdem werde ich wahrscheinlich einen hochkarätigen Wissenschaftler und einen der Ratgeber meines Vaters hinzuziehen. Deine Hilfe wäre in so vielerlei Hinsicht unverzichtbar.« Sein Lächeln wird zu einem Grinsen und er stupst mich gegen den Arm. »Außerdem habe ich dich gern um mich, weißt du, so ganz allgemein. Melia gibt sich zwar Mühe, aber niemand kann so mit geringschätzigen Komplimenten um sich werfen wie du.«

Ich nickte. »Du machst es mir aber auch wirklich manchmal leicht.«

»Ist das ein Ja?«

Ich nehme ihm das Armband ab und wiege meine potenziellen Verpflichtungen in meinen Händen ab. Es würde definitiv keine Rückkehr in ein gewöhnliches Leben bedeuten, in Anbetracht der Probleme mit Wyrim, die gerade erst anfangen, und der Belastungen, die diese Aufgabe mit sich bringt. Schon bis zu diesem Zeitpunkt musste Jet Entscheidungen treffen, die zu keinem glücklichen Ausgang geführt haben, wie die Wahl zwischen seinem Leben und dem seines Bruders. Ich hätte viel zu lernen – über Politik und den königlichen Hof, über Handel und Steuern, und ich weiß, dass es Tage geben würde, an denen ich mich nach einfacheren Zeiten im Stall sehne. Nicht dass all meine Arbeit dort einfach wäre, aber zumindest bestimmen meine Entscheidungen nicht über das Schicksal von Königreichen.

Allerdings wäre es nicht nur herausfordernd. Ich könnte Jet, Marcus und Melia sehen, wann immer ich will. Ich müsste mir nie wieder Sorgen darum machen, was aus mir wird, wenn meine Magie verblasst. Auch die Vorstellung, dass ich irgendwo im Land unterschiedlichen Aufgaben zugewiesen werde, fernab von meiner Familie, bis ich Orkena volle sechzig Sommer gedient habe, bliebe mir erspart Und statt mir zu wünschen, dass die Gesetze sich ändern … könnte ich diejenige sein, die Änderungen veranlasst. Ich könnte anderen Flüsterern auf eine Weise helfen, die tatsächlich etwas bewirken würde.

Was sich wie das perfekte Ende meiner Geschichte anfühlt … und vielleicht wie der Anfang von etwas Größerem.

Ich drehe das breite Armband in meinen Fingern und fühle mich seltsam schüchtern. »Darf mein Vater hier leben?«

»Unbedingt. Und auch Hen und ihre Mutter, wenn sie wollen. Was denkst du, warum ich sichergestellt habe, dass Hen im Palast Arbeit bekommt?«

Immer der Stratege und das auf die denkbar beste Weise. »Dann ja. Auf jeden Fall.«

Seine Augen leuchten hell wie Bronze. »Ja?«

»Jemand muss dich ja im Zaum halten.« Ich lege das Armband an und klopfe mit einem Finger darauf. »Ich werde außerdem eine Liste all der Orte benötigen, an die ich mit dem hier gelangen kann.«

Er nimmt eine kleine Schriftrolle und eine winzige Schreibfeder aus seiner Tasche. »Ich werde mich darum kümmern.«

Ich kichere. »Du brauchst es nicht sofort zu tun. Müsstest du dich nicht bald mit den Priestern treffen?«

»Es sind nur ungefähr hundert Orte, die aufgelistet werden müssen. Und es ist ja nicht so, als wäre ich nicht schon mal zu spät zu offiziellen Treffen aufgetaucht.«

Ich höre auf, das Armband hin und her zu schieben. »Moment mal, ist das dein Ernst? Und was meinst du mit ›schon mal zu spät aufgetaucht‹? Wann sollst du dich denn mit den Priestern treffen?«

Jet schaut auf die Wasseruhr auf einem goldenen Beistelltisch. »Vor zehn Minuten.«

Ich packe sein Handgelenk. »Willst du mir einen Herzinfarkt bescheren? Weißt du, wem man in den Geschichten die Schuld an solchen Sachen zuweist? Der neuen Ratgeberin! Wir gehen und zwar sofort. Ich will nicht hinter einem Pferd hergeschleift oder an den Zehen aufgehängt werden oder was auch immer ihr sonst mit enttäuschenden Dienern macht.«

Er lacht leise vor sich hin. »Diese Strafen sind archaisch und du bist ganz bestimmt keine Dienerin …«

Es klopft. »Dōmmel«, sagt ein Mann vor der Tür. »Dürfen wir eintreten?«

Jet grinst und löst sich langsam aus meinem Griff. »Ah. Siehst du? Wenn du lange genug wartest, kommen die Priester zu dir.« Er schaut zu der Tür. »Herein.«

Und dann werde ich zu einem der schlimmsten Momente meines Lebens zurückkatapultiert: Denn hereinspaziert kommt der mürrische Priester, der die Schnittwunde an meinem Handgelenk, mit der Kasta mich markiert hat, als göttlich befunden hat. Ihm folgt sein hochmütiges, junges Lehrmädchen, das wie eine bleichere und noch gemeinere Version von ihm aussieht. Nur dass es mich diesmal nicht von oben herab betrachtet, sondern ihren Blick auf meine Brust sinken lässt. Ihre Augen weiten sich, als sie die leuchtend rote Narbe erkennt, die der Opferdolch über meinem Herzen hinterlassen hat.

Erneut hinterfrage ich die Entscheidungen, die ich bisher in meinem Leben getroffen habe. Als Hen und ich uns heute Morgen fertig gemacht haben, kam es mir wie eine gute Idee vor, eine Jole mit einem besonders tiefen Ausschnitt zu wählen – in diesem Fall fast bis zum Bauchnabel –, da ich weiß, dass die Edelleute so oder so nach der Narbe fragen werden, ob sie sie nun sehen können oder nicht. Und ich bin fest entschlossen, ihnen zu zeigen, dass die Narbe zu mir gehört und nicht zu dem Prinzen, der sie mir zugefügt hat. Das ist noch immer mein Plan, aber ich muss zugeben, dass die Musterung unangenehm wird.

Das Lehrmädchen fällt auf ein Knie … und hebt die Fingerspitzen an ihre Stirn, so wie sie einen Mestrah grüßen würde.

»Gudina«, sagt sie, während ihr blondes Haar im Licht schimmert. »Es ist mir eine Ehre, in Eurer Anwesenheit weilen zu dürfen.«

Gudina: Heilige. Ich sehe Jet unbehaglich an, dann den mürrischen Priester, der mich – unglaublicherweise – nicht einmal mit einem Hauch von Hohn betrachtet. Nun ja, vielleicht verzieht er ein klitzekleines bisschen sein Gesicht. Aber er sieht aus, als würde er sich größte Mühe geben, sich nichts anmerken zu lassen, was auf jeden Fall eine Verbesserung ist.

»Lebendes Opfer.« Der Priester senkt den Kopf. »Auch mir ist es eine Ehre.«

Sein Lehrmädchen erhebt sich, hält ihren Blick aber weiterhin gesenkt. Erst nachdem der Priester sich Jet zugewandt hat, wird mir bewusst, dass sie das Wort erst an mich und danach an den Kronprinzen gerichtet haben. Jet hat mir heute Morgen gesagt, dass das bis zu seiner Krönung geschehen würde, denn die Priester haben sich eine Erklärung ausgedacht, um mein Überleben am Ende der Durchquerung zu rechtfertigen: göttliche Intervention. Anscheinend haben sie sogar behauptet, dass das Mädchen, das ich war, tatsächlich durch das Opfermesser getötet wurde, und dass an meiner Stelle eine Göttin zurückgekehrt ist.

In Kystlin war es leicht, meine Identität als Lebendes Opfer geheim zu halten, denn dort war ich nur eine von vielen namenlosen Geflüchteten. Aber ab heute Abend wird sich das ändern.

»Vielleicht habt Ihr unsere Aufforderung überhört, Dōmmel.« Der Priester wirft Jet einen Blick zu, als wüsste er, dass das nicht der Fall ist. »Aber es wird Zeit, sich anzukleiden und dann möchte der Mestrah einige letzte Details der Zeremonie mit Euch durchgehen. Gudina, seid Ihr sicher, dass Ihr die Krönung nicht vom königlichen Podest aus verfolgen wollt?«

Ich lache beinahe. »Götter, nein.« Ich mag hier sein, um die Narbe zu der meinen zu machen, aber auf keinen Fall will ich fast eine Stunde lang wie ein Kunstwerk studiert werden. Ich begreife jedoch zu spät, dass das eine sehr unhöfische Reaktion war, und korrigiere mich hastig. »Ich meine, nein. Vielen Dank.«

Jet steckt die Schriftrolle und die Feder wieder in die Tasche. »Ist die Materialistin mit ihren Änderungen an meiner Tunika fertig geworden?«

»Ah.« Der Priester reibt sich seinen kahlen Kopf. »An das Loch habe ich nicht gedacht. Alise, würdest du das bitte sofort überprüfen?«

»Selbstverständlich, Adel.« Sie verneigt sich und verlässt den Raum.

»Es war ein Loch in deiner Krönungstunika?«, frage ich. Kein Wunder, dass Jet will, dass die Königliche Materialistin Hen einstellt.

»Das war Absicht, aber aus einem veralteten Grund heraus.« Jet tippt sich an die Brust. »In einem normalen Wettbewerb hätte der Opferdolch bei dem siegreichen Erben an dieser Stelle ein Mal hinterlassen. Ein Kreis Numets, der beweist, dass der Sieger das Opfer vollendet hat. Galena hat sich für den Entwurf des Krönungsgewandes an alten Gemälden orientiert, auf denen sich die Tuniken in der Mitte öffnen, um das Mal zur Schau zu stellen. Wir haben sie daran erinnert, dass es kein Opfer gegeben hat. Und deswegen auch kein Mal." Jet lächelt. »Den Göttern sei Dank.«

»Oh.« Grauen kribbelt meine Arme empor und ich berühre die breite Halskette um meine Kehle. »Richtig.«

»Ich muss sie auch noch nach der Banketttunika fragen«, sagt Jet, diesmal an den Priester gewandt, als die beiden Männer auf die Tür zugehen. »Aber ich nehme an, wir könnten, wenn nötig, einfach ein Mal zeichnen, um der Tradition willen … Zahru, kommst du?«

In der Tür drehen sie sich um. Ich habe mich jedoch keinen Fingerbreit bewegt. Das Grauen steigt mir jetzt die Kehle hinauf, dick wie Rauch.

»Ja!«, piepse ich. »Ich muss nur … noch mal in den Spiegel schauen.«

»In Ordnung. Wir warten draußen.«

Ich flitze am Bett vorbei und bin plötzlich dankbar dafür, dass der Raum so viel mehr ist als nur ein Raum. In einem üppigem, zum Schlafzimmer gehörenden Bad wartet ein Waschbecken, an dessen kaltem Marmorrand ich mein Gleichgewicht wiedererlange, während es in meinem Schädel vor Panik dröhnt.

Ich wappne mich und blicke in den vergoldeten Spiegel.

»Das ist es nicht, das ist es nicht, das ist es nicht«, murmle ich und hebe mit zitternden Händen die Bronzekette an. Hen und ich haben dieses Schmuckstück nicht nur deshalb ausgewählt, weil seine mit Edelsteinen besetzten Blumen dem schlichten Gold meines Kleides ein wenig Farbe hinzufügen, sondern auch, weil ich noch immer einen hässlichen blauen Fleck vom Opferdolch auf der Brust habe und das die beste Methode ist, ihn zu verdecken. Aber jetzt, da ich darüber nachdenke, ist es vielleicht ein wenig seltsam, dass ausgerechnet dieser blaue Fleck nie grün oder gelb geworden ist, so wie der Rest meiner Blutergüsse. Und dass er näher an meinem Hals liegt als die Narbe. Oder dass Hen und ich gerade erst darüber gescherzt haben, dass er eine bestimmte Form annimmt und wir anfangen könnten, Geld von Leuten zu verlangen, die ihn sehen wollen – so, wie jemand es vielleicht für eine Scheibe Käse tun würde, die Sabils Gesicht ähnelt. Zufall. Niemand auf der Welt kann so viel Pech haben.

Ich hebe die schweren Edelsteine an und mir stockt der Atem.

Das tiefe Scharlachrot von Numets wirbelndem Kreis lächelt mir entgegen.

»O nein«, flüstere ich.

Kapitel 2

Wie jeder vernünftige Mensch beschließe ich, das Problem zu ignorieren.

Ich komme zu der Erkenntnis, dass das Mal unerheb- lich ist, denn erstens bin ich keine Prinzessin und zweitens habe ich kein Opfer vollzogen. Drittens … will ich nicht wissen, was es bedeutet. Eine solche Bombe lässt man viel besser in einem beiläufigen Gespräch platzen. Zum Beispiel in einigen Monden, wenn Jet und ich uns wegen irgendeiner kritischen Bürgerangelegenheit beraten und ich zwischen der Präsentation des Problems und meinen möglichen Lösungen einstreue, dass ich da diesen nervigen, beharrlichen Bluterguss auf der Brust habe. Und dann frage, ob es nicht witzig sei, dass er irgendwie so aussieht wie das Mal, das der Gewinner der Durchquerung empfangen sollte? Wir werden lachen und wichtiger noch, Jet wird sich daran erinnern, dass er bereits gekrönt ist und der Sache nicht weiter nachzugehen braucht.

Ich steigere mich immer mehr in die Panik hinein. Es ist kein Mal der Götter, es ist ein etwas hartnäckiger blauer Fleck. Er wird verblassen.

Bestimmt.

Ich rede mir das so gründlich ein, dass ich lächle, als ich mich zu Jet und meiner Familie unter die himmelhohe Decke aus Stein und Glas in der königlichen Halle begebe. Vielleicht übertreibe ich auch ein wenig, denn Jet sieht mich ziemlich besorgt an, als er geht, um zu tun, was immer er tun muss, bevor er ein Gott wird. Aber er stellt keine Fragen, daher betrachte ich das als Sieg.

Nur dass in der Sekunde, in der er verschwunden ist, Hen wie ein Riesenhabicht auf mich herabstößt. »Also gut. Spuck’s aus.«

Ihre Finger bohren sich wie Krallen in meine Schultern. Komplett geschminkt sieht sie wirklich sehr furchteinflößend aus; mit Goldstaub, der auf ihrer beigefarbenen Haut schimmert, und winzigen Metallschädeln in ihrem schwarzen Haar. Die mit Kohlestift gezeichneten Linien um ihre Augen herum sind so scharf, dass sie wirken, als könnte man sich daran schneiden.

»Es ausspucken?« Mein Lachen ist ein wenig zu gezwungen. »Was ausspucken?« Ein ähnliches Entsetzen müssen Mäuse verspüren, bevor sie gefressen werden.

»Das ist nicht das Lächeln einer Frau, die gerade das Bett mit einem Prinzen geteilt hat.« Diese Bemerkung lässt mich fast ersticken und ich halte Ausschau nach Fara, aber er ist glücklicherweise weit genug entfernt, um uns keine Beachtung zu schenken. »Dafür sitzt auch deine Frisur zu perfekt. Das ist ein panisches Lächeln. Ein ›Ichhabe-gerade-einen-Toten-gesehen-Lächeln‹.«

»Ähm, nein«, antworte ich und denke schnell nach. »Das ist das Lächeln einer frisch ernannten Ratgeberin der Krone!«

Das sage ich laut genug, um die Aufmerksamkeit meines Vaters auf mich zu ziehen. Er und Mora drehen sich zu uns um. Ihre feinen Kleider schimmern im Strahl der Sonne über uns. Orange für meinen Fara, das zu seiner tief gebräunten Haut passt, und Rosa für Mora, um ihrem beigefarbenen Teint einen leicht rötlichen Glanz zu verleihen. Auch ihrer beider Augen sind mit Gold umrahmt – zweifellos Moras Werk – und speziell mein Vater sieht viele Jahre jünger aus, als ich es von ihm gewohnt bin.

Ich laufe zu ihm hinüber, weg von Hens immer noch argwöhnischem, funkelndem Blick, und schlinge ihm die Arme um den Bauch.

»Ratgeberin?«, fragt Fara und klingt angemessen beeindruckt.

Ich strahle. »Ja! Wir ziehen in den Palast und Hen kann mit der Königlichen Materialistin arbeiten, wenn sie will, und du bist auch eingeladen, Mora!«

»Wirklich?« Mora klatscht in die Hände. »Das ist ja wunderbar! Wir sollten dich öfter mit diesem Jungen allein lassen.« Fara wirft ihr einen vielsagenden Blick zu, aber sie winkt ihn nur beiseite, um mich zu umarmen. »Herzlichen Glückwusch, Kar-a. Sei nicht so prüde, Aron, es sei denn, du möchtest, dass ich ein paar Geschichten über dich und ihre Mutter erzähle.«

»Bitte nicht«, wimmere ich.

»Wir waren älter«, brummt Fara.

»Ein Jahr.« Mora grinst und arrangiert ein paar lose braune Locken über meinen Schultern. »Also, wenn er anfängt, über mögliche Partner zu sprechen, gib mir einfach Bescheid. Wir wollen nach wie vor, dass du sicher …«

Ich stöhne. »Mora …«

»Denkst du, ich sehe nicht, wie tief dieser Ausschnitt ist?«

Ich tippe auf meine Narbe. »Das ist der Grund dafür! Ich zeige den Menschen, dass ich mich nicht dafür schäme. Ich ermächtige mich ihrer, mache sie mir quasi zu eigen.«

Sie wirft mir einen vielsagenden Blick zu.

»Ich meine es ernst! Und wir brauchen dieses Gespräch wirklich nicht zu führen. Es gibt immer noch viele Dinge, die Jet und ich herausfinden müssen.«

»Was noch ein Grund mehr ist, dich daran zu erinnern …« Langsam richtet sie mein Kleid und zupft meinen Umhang zurecht. »… dass manche Dinge lebenslange Konsequenzen haben.«

Gott des Todes, hol mich hier raus. Ich werfe Hen einen verzweifelten Blick zu, woraufhin diese so laut in die Hände klatscht, dass die Wachen an den Wänden nach ihren Stöcken greifen.

»Für so etwas haben wir jetzt keine Zeit!« Hens Stimme hallt durch den marmornen Gang. »Ihre Heiligkeit hat verfügt, dass es keine weiteren Gespräche der Peinlichkeit geben wird oder unerwünschte Beziehungsratschläge. Außerdem würde sie gern vor dem Rest des Pöbels an die Pralinen gelangen. Also los, heilige Familie.«

Sie streckt mir ihren Arm entgegen, den ich schnell ergreife. Moras Gekicher ignoriere ich, als wir uns auf den Weg in die große Halle machen, wo sich der Rest der Gäste versammeln wird. Aber was immer ich an momentaner Erleichterung dank des Rettungsmanövers verspürt habe, erstirbt in der Sekunde, in der Hen mich näher an sich zieht.

»Denk nicht, ich hätte dich schon vom Haken gelassen«, flüstert sie mir zu. »Ich weiß, dass da noch etwas ist, das du uns nicht erzählst.«

»Ich glaube, du bist übertrieben argwöhnisch.«

»Ich glaube, du hast vergessen, mit wem du es zu tun hast.« Ihre braunen Augen werden schmal. »Niemand hält Dinge vor mir geheim. Wenn die Königin Geheimnisse hat, habe ich Leute, die sie mir bringen.«

»Ja. Ich habe mir schon oft Sorgen gemacht, ob du deswegen mal verhaftet wirst.«

»Denk einfach darüber nach, ob du möchtest, dass ich es allein herausfinde oder ob du es mir lieber erzählen willst.« Sie tätschelt meinen Arm auf die gleiche beunruhigende Art, wie ich es Mora habe tun sehen, bevor sie der Bestellung von Heiltränken lästiger Kunden Juckpulver hinzugefügt hat. »Die Entscheidung liegt bei dir.«

Ein bezwingendes Argument, aber ich halte den Mund. Ich liebe Hen und normalerweise habe ich keine Geheimnisse vor ihr, aber das hier ist ein Fall, in dem das absolut notwendig ist. Es war schwer genug, ihren schluchzenden Körper an meinem zu spüren, als wir in Kystlin wiedervereint worden sind, nachdem sie befürchtet hatte, mich für immer verloren zu haben und schuld daran zu sein, weil sie mich überhaupt erst in den Palast hineingeschmuggelt hat. Also kommt es für mich nicht infrage, ihr jetzt zu erzählen, dass der Bluterguss auf meinem Oberkörper tatsächlich ein seltsames göttliches Symbol ist und ich vielleicht noch nicht aus dem Schneider bin. Außerdem befinden wir uns mitten in einer öffentlichen Halle und ich werde nicht riskieren, dass die Nachricht sich bis zu den Priestern herumspricht. Wer weiß, vielleicht bedeutet das Mal, wenn man kein Erbe ist, dass man wirklich hätte sterben sollen.

Nein, danke. Ich werde das mit ins Grab nehmen und ich möchte erst mal sehen, wie Hen versucht, es vorher aus mir herauszubekommen.

Das ist ein viel kühnerer Gedanke, als ich bereit bin, mit ihr zu teilen und daher zeige ich einfach geradeaus und wechsle das Thema. »Bei den Göttern, werden wirklich so viele Menschen zuschauen?«

Wir haben das Ende des Ganges erreicht, an dem der milchfarbene Alabasterboden einer breiten, extravaganten Treppe mit Blick auf eine turmhohe Empfangshalle weicht. Als wir an den Ruhezaubern vorbeikommen, die den königlichen Flügel von dem Aufruhr in der Haupthalle abschirmen, prasseln Hunderte Gespräche auf uns ein. Es muss sich um die gesamte Obrigkeit Orkenas handeln, die in einem Regenbogen aus Jolen und feinen, dunklen Tuniken umherwandert. Ihre Köpfe sind mit extravaganten, blattreichen Kronen und metallenen Reifen geschmückt, von denen viele vor kleinen Amuletten nur so glitzern: kleine Klapperschlangen und goldene Schakale, schimmernde Schwerter und winzige Flügel.

»Eigentlich sind das gar nicht so viele«, korrigiert Hen mich. »Vielleicht ein paar Hundert? Der Thronsaal bietet zweitausend Personen Platz. Ich bin mir ziemlich sicher, dass zehnmal so viele Menschen eingeladen worden sind, draußen zuzuhören.«

»Gute Götter«, schnaufe ich, während die mit Leopardenmasken unkenntlich gemachten Soldaten, die die Treppen bewachen, beiseitetreten. »Fängt die Zeremonie nicht bald an? Warum gehen sie nicht in den Thronsaal?«

Hen schaut zu mir herüber, ein seltsames Lächeln auf den Lippen. »Weil sie darauf warten, dich zu sehen.«

Die ganze dreistöckige Empfangshalle verstummt. Niemand kündigt uns an, aber anscheinend ist es genauso effektiv, einfach oben an der königlichen Treppe zu stehen. Fast alle Augen ruhen auf mir, ich werde gemustert wie eine Trophäe und behandschuhte Hände kaschieren das Getuschel. Das Selbstbewusstsein, das ich bei dem Gedanken empfunden habe, mir die Narbe zu eigen zu machen, verebbt schlagartig. Sie werden dich fragen, was passiert ist, hat Hen mich auf der Schiffsreise hierher gewarnt. Sie werden fragen, wie es sich angefühlt hat.

Lass sie, habe ich geantwortet, aber unter dem Druck von so viel Aufmerksamkeit trübt sich meine Sicht. Vor mir blitzen blaue Augen und ein zitternder Dolch auf und weiß glühender Schmerz schießt unter meine Haut. Fieberheiße Angst kriecht mir den Hals empor. Ich zwinge sie zurück. Hen und ich haben geübt, wie ich meine Geschichte erzählen kann, haben jede unangenehme Frage und jede Stichelei vorausgeahnt, bis ich auf alles mit einem Lächeln antworten konnte. Ich atme aus und versichere mir selbst, dass dies nur wenige Stunden in Anspruch nehmen wird. Ich werde die Neugier aller befriedigen, die Feier genießen und mich schließlich auf mysteriöse Weise in die Nacht davonstehlen - ganz so, wie es richtige Edelleute tun. Danach werde ich ein durch und durch wunderbares, vermutlich anonymes Leben als Ratgeberin eines Mestrahs beginnen.

Hinter uns drückt Fara meine Schulter und ich schaue ihn mit einem dankbaren Lächeln an. Dann gehen wir die Treppe hinunter. Jet hat gesagt, die Wachen würden uns beobachten, für den Fall, dass uns jemand Probleme bereiten will, aber ich kann nicht umhin zu bemerken, dass sie sehr viele Leute gleichzeitig überwachen müssen. Das Stimmengewirr wird mit jedem Schritt lauter. Am Fuß der Treppe teilt sich Orkenas Obrigkeit wie Wasser; ein Mann in Grün hält auf intensive Weise meinen Blick fest, als wir vorbeigehen, und eine Frau in Blau senkt den Kopf und murmelt Gebete.

Die Panik unter meiner Haut verwandelt sich in Unbehagen. Offensichtlich gibt es hier verschieden Meinungen zu der Frage, ob ich tatsächlich eine Göttin bin. Ein Trio älterer Mädchen wirft uns nur einen flüchtigen Blick zu, aber viele andere beobachten mich wie Schakale und fordern mich heraus zu beweisen, was ich bin.

Auf halbem Weg zu den offenen Türen des Thronsaals wage ich zu hoffen, dass mein Ruf als das Lebende Opfer bedeutet, dass niemand es wagen wird, mich anzusprechen. Doch dann versperrt uns eine hochgewachsene Frau in einer leuchtend gelben Jole den Weg.

»Gudina.« Sie verbeugt sich tief und hält die Fingerspitzen an ihre bleiche Stirn. Tränen füllen ihre Augen, als sie sich erhebt. »Ein Segen für mein Haus, wenn Ihr so freundlich sein wollt? Meine Tochter ist seit der Pflanzsaison sehr krank.«

Ich erstarre in Hens Griff. Alle in Hörweite drehen sich zu uns um. Sie sehen verschlagen aus; ihr Lächeln wirkt aufgesetzt, ihre Augen funkeln. Werde ich eine Gotteslästerung riskieren und sie segnen? Werde ich sie grausam wegschicken? Die angespannten, flehenden Linien im Gesicht der Frau machen es noch schlimmer. Sie ist keine von den Schakalen. Sie leidet, sie ist verzweifelt und ich kann die zerbrechliche Hoffnung in ihr praktisch sehen, ein Faden aus Glas, den meine Worte stärken oder zersplittern werden.

Ich fühle mich auf seltsame Weise genauso wie mit einem verletzten Tier im Stall, die Intensität der Emotionen so stark, dass ich selbst aus der Ferne die Angst spüren kann. Aber obwohl ich voller Verwirrung die mit Juwelen bedeckte Handtasche der Frau nach einem Schoßtier absuche, bin ich mir sicher, dass bei der Krönung keine Tiere erlaubt sind. Wunderbar. Jetzt dreht selbst meine Magie wegen der Anspannung durch. Ich ringe mit einer Antwort, als Mora mir eine Hand auf die Schulter legt und die Spannung, unter der ich stehe, sich blitzartig auflöst.

Brauchst du mich?, formt sie mit den Lippen.

Ich schüttle den Kopf und drehe mich langsam wieder zu der Frau um. Ich habe das Gefühl, dass das hier eine sehr lange Nacht wird.

»I-ich werde für Sie beten«, bringe ich heraus. Eine sichere zweideutige Antwort, die jeder hier geben könnte, aber die Frau schluchzt, als hätte ich ihr viel mehr versprochen.

»Vielen Dank, Adel«, sagt sie und verbeugt sich wieder und wieder. »Ich werde Eure Freundlichkeit niemals vergessen. Möget Ihr ein langes Leben haben!«

Ihr Rückzug öffnet die Schleusentore. Um uns herum bricht Geschnatter aus und ein Mann in einer dunkelroten Tunika mit winzigen Gazellenköpfen, die von seiner Efeukrone herabhängen, drängt sich vor.

»Wenn Ihr so freundlich sein wollt, Adel, würdet Ihr dieses Amulett segnen? Mir steht ein sehr wichtiges Ereignis bevor und ich könnte Euer Glück gebrauchen …«

»Würdet Ihr dieses Kleid für mich signieren?«, ruft eine relativ kleine Frau und ich zucke zusammen, als sie nach meinem Ellbogen greift. »Ich habe eine Schreibfeder …«

»Unfassbar, woran die Schafe heutzutage zu glauben bereit sind«, brummt ein runzliger, alter Mann. »Sie ist eine elende Bäuerin, die gebadet und ein Kleid angezogen hat!«

»Hen«, sage ich, als jemand an meinem Umhang zieht. »Ich weiß nicht, ob ich das schaffe …«

»Die erlauchte Zahru wird jetzt keine Ersuche entgegennehmen!», ruft Hen so laut, dass die Gruppe verblüfft verstummt. »Ihre Heiligkeit ist hier, um unseren neuen Mestrah zu unterstützen. Wenn ihre Zeit es zulässt, wird sie nach der Zeremonie vielleicht mit einigen von euch sprechen, aber bis dahin werdet ihr sie in Ruhe lassen. Beachtet diese Warnung oder eure dunkelsten Geheimnisse werden ans Licht gebracht.«

Ungläubiges Gekicher wogt durch die Menge. Die beiden Frauen, die mir am nächsten stehen, zucken die Achseln und der Lärm schwillt wieder an, während sie mir die Amulette ihrer Götter hinhalten.

»Würdet Ihr darauf pusten?«, fragt die Kleinere der beiden. »Wir wollen auch Euer Glück!«

»Ihr Götter, seht euch die Narbe an!« Ihre Freundin sticht mit einem Finger gegen meine Brust und ich weiche zurück.

Hen schlägt ihr die Hand weg.»Lady Penna, weiß Eure Freundin, dass Ihr das Glück wollt, um die Verlobte ihres Sohnes für Euren zu stehlen?«

Schrecken zuckt über Lady Pennas Gesicht, aber nicht annähernd so stark wie bei ihrer Freundin. Die Menge kichert erneut – diesmal nicht wegen mir.

»Das …«, stammelt Lady Penna, »… ist absolut nicht wahr …«

»Du Schlange«, zischt ihre Freundin. »Deshalb wart ihr beide in den letzten Wochen so hilfsbereit?«

Hen kneift ihre Augen zusammen. »Tut bloß nicht so unschuldig, Lady Mira. Ihr seid schon so lange neidisch auf Pennas Aussehen, dass Ihr angefangen habt, ihr Alterungspulver in den Tee zu mischen!«

Die größere Frau schnappt nach Luft. »Du bist schuld an meinen Falten? Ich habe ein Vermögen ausgegeben, um sie entfernen zu lassen.«

»Gut!«, sagt ihre Freundin schnippisch. »Ich hätte die ganze Dose hineinschütten sollen, du diebisches Weib.«

Lady Penna schlägt Lady Mira ins Gesicht und diese schreit und wirft sie zu Boden. Edelsteinketten fliegen durch die Luft, ehe endlich zwei Wachen auftauchen und die Frauen voneinander trennen.

Mit ausgebreiteten Armen blickt Hen die Edelleute um uns herum grimmig an. »Will noch jemand die Götter in Versuchung führen?«, fragt sie.

Ich verkneife mir ein Lächeln, als die Leute, die uns am nächsten stehen, schnell ihre Köpfe schütteln. Offensichtlich wurden sie noch nie mit der Macht von Kleinstadt-Tratsch konfrontiert. Sie treten zurück und blicken abwechselnd zwischen meiner zierlichen Freundin und den zerzausten Frauen hin und her, die gerade wieder auf die Füße gekommen sind.

»Na bitte, geht doch.« Hen strahlt, als sie meinen Arm ergreift.

»Götter, ich liebe dich«, sage ich. »Und du bist jetzt offiziell meine Leibwächterin.«

»Ich bin so stolz auf dich, Hen«, sagt Mora und wischt mit einem Finger unter ihrem Auge herum.

Fara schnaubt. »Und sie hat sich dabei nur ein ganz wenig frevelhaft verhalten.«

»Mein lieber Aron.« Mora tätschelt den Arm meines Vaters. »Manchmal scheint es, als würdest du uns überhaupt nicht kennen.«

Da sich die Menge entfernt hat, kann ich wieder atmen und seufze erleichtert auf, als mein Vater und Mora sich darüber streiten, wann es eine Situation erlaubt, sich als Götter auszugeben. Ich kann nicht sagen, dass ich mich darauf freue, das wieder und wieder zu tun, aber wenn das das Schlimmste war, werde ich damit zurechtkommen. Wer weiß, vielleicht fühle ich mich am Ende des Abends so wohl mit der Aufmerksamkeit, dass ich meine Geschichte auf einem Tisch nachspielen werde.

Ich gebe zu, dass dieses Szenario auch Wein erfordern würde, aber ich glaube, ich bin bereit, so oder so.

Und dann verdrängt der Thronsaal meine ganze Nervosität.

Als ich das letzte Mal hier stand, war ich auf Gedeih und Verderb einem Mestrah mit versteinerten Augen und seinem skrupellosen Sohn ausgeliefert, aber der Geist von Kastas Griff um meinen Arm verblasst, als ich die Pracht der Dekoration bemerke. Die riesigen Säulen erstrahlen in einem dunklen Mitternachtsblau. Hauchzarte Bänder und mit Gold bestäubte Lilien hüllen sie ein. Riesige Wandteppiche, von denen jeder einen anderen Gott zeigt, der einem gewebten Prinz Jet Geschenke darbietet, zieren die Wände zwischen blau brennenden Fackeln. Und die sich weit nach oben erstreckende Decke ist so bemalt, dass sie aussieht wie der Himmel. Sie ist schwarz und am Eingang mit Sternen übersät, unter denen wir hindurchgehen; am gegenüberliegenden Ende leuchten silberne Streifen und Lichter, als würde gleich die Sonne aufgehen.

Eine Menschenansammlung wartet zu beiden Seiten eines Ganges, der mit Palmenblättern bedeckt ist, aber bevor eine neue Gruppe von Edelleuten über uns herfallen kann, kommen zwei Wachen herbeimarschiert.

»Gudina«, sagt die erste Wachfrau und kreuzt einen Arm vor ihrer Brust. »Ich entschuldige mich für die unerfreuliche Szene draußen. Von hier an werden wir in Eurer unmittelbaren Nähe bleiben. Wenn Ihr bitte hier entlangkommen wollt.«

Fackellicht blitzt auf ihrer gefiederten Rüstung auf, als wir ihr folgen. Sie führt uns nach Osten, um die Zuschauer in der Halle herum und in einen rechteckigen Bereich neben den Thronen. Ein plüschiger scharlachroter Teppich, in den unsere Füße einsinken, markiert den abgetrennten Bereich. Sechs Wachen stehen an den Seiten und ich habe gerade angefangen zu begreifen, dass wir uns in erlesener Gesellschaft befinden, als Hen an meinem Arm zupft und auf einen jungen Mann mit hellbrauner Haut und einer feinen roten Tunika zeigt.

»Das ist der Herzog von Constanta«, erklärt Hen, nicht annähernd leise genug.»Ein Luftweber von Weltklasse, verdächtig gut im Kartenspiel und wahrscheinlich unehelicher Herkunft.« Sie wirkt plötzlich ernüchtert. »Und umwerfend. Ich hatte ihn als Ersatz eingeplant, falls die Sache mit Jet nicht funktioniert hätte, aber er hat sich gerade mit dem amianischen König verlobt.«

»Du planst bereits Ersatz?«, frage ich. »Jet und ich sind gerade mal im ›Lass-es-uns-herausfinden‹-Stadium!«

»Scht, seine Mutter ist gleich dort drüben.«

»Wessen Mutter?«

»Jets!«

Mein Herz rutscht mir in den Magen. Ich folge Hens Blick zu einer kräftigen, atemberaubenden Frau mit dunkelbrauner Haut und bronzefarbener Rüstung, die ihr x-förmig über Rücken und Brust liegt. Winzige goldene Schwerter umgeben ihren kurzen Afro und sie stützt sich auf einen Stock, an dessen Ende ein Jaguarkopf sitzt. Ihre Generalsehrenabzeichen glitzern an Lederbändern, die sie um ihren Oberarm gebunden trägt: Cybils winziger Metallhelm, für die Gunst der Göttin des Krieges; eine Ansammlung kleiner silberner Flügel, einer für jeden im Kampf Getöteten; eine Waage für Weisheit.

Es ist seltsam, sie hier zu sehen und nicht auf dem Podest, obwohl es ihr Sohn ist, der gekrönt wird. Aber vielleicht ist das normal, da sie und der Mestrah seit Jets Geburt keine romantische Beziehung mehr pflegen. Das war offensichtlich der Moment, in dem der Königin klar geworden ist, dass ihr Ehemann gelogen hat, als er behauptete, er wäre nicht länger in seine Kindheitsfreundin verliebt, woraufhin die Dinge zwischen ihm und der Generalin ein schnelles Ende fanden. Es ist tatsächlich ein wenig herzzerreißend, wenn man bedenkt, dass die Ehe des Mestrahs von seiner Mutter arrangiert worden ist – trotz seiner klaren Missbilligung. Allerdings glaube ich, dass er und die Königin einander jetzt doch lieben.

Ich nehme mir vor, mich später vorzustellen und ziehe Hen näher heran. »Wir stehen neben der Generalin«, flüstere ich. Ich meine, ja, wahrscheinlich sollte ich inzwischen an den Umgang mit berühmten Personen gewöhnt sein, da ich erstens selbst eine bin und zweitens ihrem Sohn schon viel näher als jetzt war. Aber anscheinend sorgt ein Wettrennen mit dem Tod quer durch die Wüste eher dafür, dass ich von der Eleganz des Hofes noch mehr eingeschüchtert werde. Außerdem habe ich während des vergangenen Mondes in einer Scheune gelebt.

»Ich weiß«, sagt Hen und stupst mich an. »Und sie steht neben dem Lebenden Opfer.«

Ich verdrehe die Augen. »Bitte. Ich habe schon genug Probleme, ohne dass du sie noch vermehrst.«

»Mädchen.« Mora legt uns beiden eine Hand auf die Schulter. »Sie fangen an.« Sie deutet mit dem Kopf auf einen hellhäutigen Mann in einem roten Tergus am Fuß der Throne. Der Mann legt gerade ein Ochsenhorn mit silbernem Mundstück an die Lippen und holt tief Luft, um hineinzublasen.

Der Marmorboden vibriert unter dem summenden Befehl des Horns. Die Gespräche verstummen und die letzten Männer und Frauen treten ein und füllen die dafür vorgesehenen Bereiche. Hen und ich gehen zum Rand des Ganges, eine Armeslänge entfernt von dem Herzog aus Constanta und zwei von Jets Mutter. Nervosität kriecht unangenehm über meinen Rücken. Dafür habe ich der Wüste getrotzt. Dafür wäre ich fast gestorben.

Das Horn tönt erneut und elf Priester treten ein.

Die Masken der Götter verdecken ihre Züge: das weibliche Gesicht Talqos, Göttin der Heilung; das geflügelte Antlitz Ries, Gott des Todes und so weiter und so weiter. Der letzte Priester trägt eine goldene Maske, die von Numets aufgehender Sonne gekrönt wird. Weihrauch wabert über den Holzschalen in ihren Händen und Schleppen aus hauchzartem Stoff gleiten hinter ihnen her, alle in identischen Grauschattierungen. Nur anhand ihrer Arme lassen sie sich unterscheiden, durch ihre eingeölte Haut in verschiedenen Schattierungen von Eichenbraun über silbriges Umbra bis hin zu hellem Pfirsich.

Hinter ihnen marschieren die drei Hohepriester, alle ohne Maske und mit Tätowierungen. Einmal mehr erspähe ich meinen Quasi-Erzfeind, den mürrischen Mann, der mich mit lebensverändernden Neuigkeiten bedenkt, wann immer ich ihn sehe. Und neben ihm geht eine Frau mit kurzen lila Haaren und tätowierten Sternen an den Seiten ihres Gesichts. Die Letzte der Gruppe ist eine hochgewachsene Frau mit rasiertem Kopf und gütigen Augen, die ihren Platz auf der vierten Stufe einnimmt und lächelnd durch den Raum blickt.

Der Mestrah und die Königin kommen als Nächste. Jets Vater wirkt gelassen und stark. Der dunkle Olivton seiner nackten Brust glänzt unter einem Schulterkragen aus ineinander verschlungenen Geweihen und einem Umhang aus wallender weißer Seide. Silberstreifen schmücken seinen zeremoniellen Tergus und seine Krone, deren Zacken aus Skorpionen bestehen, sitzt gerade auf seiner Stirn. Aber mein Herz schmerzt, als ich bemerke, dass der Schimmer auf seinen Armen Schweiß ist, nicht Öl, und dass sein Stab mit den Falkenflügeln ihm mehr dazu dient, sich abzustützen, als ihn für zeremonielle Zwecke zu präsentieren. Die Königin an seiner Seite ist stumm und schmallippig. Sie sieht liebreizend aus mit ihrer gepuderten Haut, die glänzt wie Porzellan, und ihrem zu einem eleganten kupferfarbenen Knoten frisierten Haar, aber sie lächelt ihre Untertanen nicht an. Ihre Hände sind verkrampft und obwohl ihre Augen grün sind und nicht blau wie Kastas, zupft ein vertrauter Schauder an meinen Armen, als deren Feuer auf die Generalin fällt.

Jets Mutter schenkt der Königin keine Beachtung. Weder mit einem herausfordernden Nicken noch mit einem furchtsamen Zusammenzucken. Obwohl ein flüchtiger Schatten des Mitleids ihr Lächeln schwächt und mich an das erinnert, was die Königin wahrhaft verloren hat. Die Späher des Mestrahs durchkämmen die Wüste zwar noch immer nach Sakira. Doch inzwischen geht es nicht mehr darum, dass die Kinder der Königin niemals den Thron besteigen werden, sondern nur noch um die Frage, ob überhaupt eines von ihnen jemals wieder heimkommen wird.

Bei dem Gedanken flammt Zorn in mir auf und ich drehe mich noch einmal zum Eingang. Das Horn wird angehoben und tönt ein drittes Mal.

Jet tritt durch die Tür.

Stolz erfüllt mich, als die Menge in Jubel ausbricht. Mit geraden Schultern und dem hellen Fackellicht, das sein Gesicht leuchten lässt, ist Jet ein Anblick, der selbst meine Erinnerung an ihn von vor wenigen Minuten in den Schatten stellt. Er hat die kunstvollste Tunika angezogen, die ich je gesehen habe. Ihr Stoff besteht aus flüssigem Blau und ich vermute, dass er buchstäblich aus Wasser gewoben wurde. Die Säume sind mit silbernen Gebeten und Numets Laternen verziert. Göttersymbole glühen weiß auf seiner dunkelbraunen Haut und Lederbänder schlingen sich um seine Schienbeine. Nur seine Schultern und sein kurzes Haar sind ohne Schmuck – die Stellen, auf die der Mestrah seinen Schulterkragen mit den Geweihen und die Skorpionskrone setzen wird.

Wenn Jet wegen der ganzen Prozedur nervös ist, kann ich es nicht erkennen. Er geht mit festen Schritten und nickt, während die Edelleute seinen Namen rufen. Sein Anblick treibt mir nach allem, was wir durchgemacht haben, kribbelnde Hitze ins Gesicht.

Er erspäht mich in der Menge und grinst.

Die Menschen verneigen sich, als er vorbeigeht, und ich folge ihrem Beispiel, bis er am Fuß der Treppe stehen bleibt. Hinter ihm nehmen vier Wachen mit Jaguarmasken ihre Plätze ein. Ein einzelner Aufprall ihrer Speere lässt die letzten Jubelrufe verstummen. Rauch aus den Schalen der Priester schwebt über das Podest, der Mestrah hebt die Arme und die gesamte Versammlung lässt sich gleichzeitig auf ein Knie nieder. Auch die Königin, aber ihr Kiefer ist angespannt und sie senkt nicht den Kopf.

Allerdings ist es das erste Mal, dass ich den Mestrah lächeln sehe.

»Wie Numet bei Tag über den Himmel reitet«, beginnt er und sieht dabei nur Jet an, »und sich des nachts ins Paradies zurückzieht, so beginnt und endet auch die Herrschaft eines Mestrahs. Dies hat Numet selbst, Göttliche Erste Königin, für ihre Kinder verfügt: dass nur die Ehrenhaftesten, die Verdienstvollsten und die Weisesten von uns dazu bestimmt sein sollen zu führen, nicht durch die Reihenfolge ihrer Geburt, sondern durch …«

Er bricht ab und das Echo seiner Worte hinterlässt ein Frösteln in der plötzlichen Stille. Die Menge wird unruhig, die Menschen tauschen Blicke aus und gerade als ich mir Sorgen mache, dass das Schweigen des Mestrahs an seiner Krankheit liegen könnte, bemerke ich, dass sein Blick nicht länger auf Jet ruht. Stattdessen ist er starr auf den hinteren Teil des Raumes gerichtet, nahe der jetzt verschlossenen Türen.

Wo noch immer jemand steht.

Jemand, der eine weiße Kaufmannstunika trägt statt eines feinen Tergus’. Jemand, dessen bronzefarbene, muskulöse Arme von Sand und Schatten überzogen sind. Jemand, dessen Oberarm von einer starren, wie eine Sichel geformten Narbe gezeichnet ist … eine der zahlreichen Verletzungen, an denen er hätte verbluten müssen.

Meine eigene Narbe brennt wie ein grausames neues Brandmal.

»Oh, ihr Götter«, flüstere ich.

Kasta.

Kapitel 3

Ich kann nicht atmen.

Ein Raunen brodelt um mich herum wie das Zirpen von Heuschrecken, wird aber bald von dem Klingeln in meinem Kopf übertönt. Das kann nicht wahr sein. Es ist einer meiner Albträume, die mit Hen und Jet beginnen und allem, was wunderbar ist in meinem Leben, und mit Kasta und seinem Dolch enden. Er kann unmöglich noch leben. Ich habe gesehen, wie stark er in den Höhlen geblutet hat. Ich habe gesehen, wie Maia ihn in die Enge getrieben hat, zwei tödliche Schwerter in ihren Händen.

Ich habe seinen Aufschrei gehört, als er starb, ein Klang, der noch immer wie Stahl auf Stein in meiner Erinnerung dröhnt.

Aber ich begreife … dass ich seinen Schrei nur gehört habe. Ich habe nie gesehen, wie Maia ihn erstochen hat. Ich bin einfach davon ausgegangen …

»Zahru.« Hen greift nach meinem Arm. »Du hast gesagt, Prinz Messerstecher sei tot.«

Jetzt kommt Bewegung in die Edelleute und die Gespräche werden lauter. Kastas Name steigt an die Oberfläche des Geflüsters wie ein quälendes Summen in meinen Ohren. Als er vortritt, bricht die Stille wie ein Fluss einen Wasserfall hinunter.

Entsetzen erfasst mich. Ich weiß, dass hier Wachen sind. Ich weiß, dass Kasta sich auf seinen Vater konzentriert, aber eine Frage nach der anderen rast mir durch den Kopf und eine nach der anderen verursacht noch größeren Schwindel. Wie hat er überlebt? Warum ist er hier? Hat er den Dolch noch?

Wenn er ihn noch hat, kann er dann immer noch das Opfer vollziehen?

Kastas Gesicht ist hart wie Stahl, als er vortritt. Ich ducke mich zwischen Fara und Mora, die auf dem Boden knien, bis die breite Gestalt meines Vaters mich verbirgt und meine Augen keine Chance haben, Kastas Blick zu begegnen. Aber je näher Kasta kommt, desto mehr frage ich mich, ob er überhaupt an mich denkt. Er wendet den Blick kein einziges Mal von seinem Vater ab, außer als Jet und die Wachen sich erheben.

Das träge Lächeln, das seine Lippen umspielt, schickt eine Warnung durch meine Adern. Jet starrt ihn nur ungläubig an, mit dem gleichen Ausdruck im Gesicht, der sich wahrscheinlich in meinem widerspiegelt: dass wir einen Geist sehen.

»Zahru.« Hen dreht sich auf ihrem Knie zu mir und ihr Gesichtsausdruck ist seltsam ernst. »Möchtest du mir jetzt von diesem Geheimnis erzählen?«

»Ich schwöre, ich wusste nicht, dass er noch lebt«, sage ich, obwohl Schuldgefühle in meinem Bauch rumoren, denn mir wird klar, dass es Geheimnisse gibt – vor allem in Bezug auf Kasta und die Frage, wie ich ihm entkommen bin –, die ich noch nicht erzählt habe.

Fara erstarrt. »Das ist der Junge, der dich geopfert hat?«

»Nicht, Fara«, flüstere ich, obwohl ich weiß, dass mein Vater diszipliniert genug ist, bei einem solchen Ereignis nichts zu tun.

Fara stößt nur den Atem aus und zieht mich enger an sich.

Die Königin, die zuvor reglos auf dem Boden gekniet hat, unterdrückt ein Schluchzen und erhebt sich.

Der Mestrah hebt eine Hand, um sie aufzuhalten. »Kasta«, beginnt er und obwohl er nicht brüllt, bringt seine Stimme die Menge zum Schweigen. Sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen Verwirrung und Zorn. »Das ist nicht der richtige Zeitpunkt.«

Kein Den Göttern sei Dank, dass du noch lebst oder Ich habe für diesen Moment gebetet. Keine Anstalten, seinen Sohn zu umarmen oder willkommen zu heißen. Nur die Königin sieht aus, als würde sie gleich zusammenbrechen, während sie sich Mund und Nase zuhält und Tränen ihre Schminke verwischen.

»Doch, das ist es«, widerspricht Kasta und ballt die Fäuste. »Denn Ihr seid im Begriff, den falschen König zu krönen.«

Ein Aufkeuchen ertönt aus der Menge. Jet hat sich noch immer nicht bewegt. Die Wachen gehen unsicher auf Kasta zu, aber der Mestrah schüttelt den Kopf und sie bleiben stehen.

»Der falsche König ist der, der jetzt vor mir steht.« Mitleid tritt in die Züge des Mestrahs. »Es tut mir leid, mein Sohn. Aber ohne das Blut des Opfers, das vergossen wurde …«

»Es wurde vergossen«, zischt Kasta und in meiner Brust flammt angesichts der Unverblümtheit dieser Worte Zorn auf. »Und dann verschont. Aber nicht, bevor die Götter ihren Sieger gekennzeichnet haben.«

Er zieht den Kragen seiner Tunika herunter – und Blitze zucken durch meine Adern. Auf seiner Brust prangt blutrot und hervorstechend Numets aufgehende Sonne, die mir auf schreckliche Weise bekannt ist.

Hen dreht sich mit großen Augen zu mir, aber ich schüttle grimmig den Kopf und forme Er lügt mit den Lippen. Er muss lügen. Genau wie damals, als er den Priestern weisgemacht hat, ich wäre das Opfer der Durchquerung; genau wie damals, als er einem ganzen Land vorgespielt hat, er würde Magie besitzen, die er gar nicht hatte.

Doch offensichtlich ist das nicht Hens größte Sorge, denn ich glaube, sie hat ebenfalls bemerkt, dass dieses Mal furchtbar vertraut wirkt. Aber ich ignoriere den drängenden Stich, den sie meinem Knie versetzt. Der Mestrah runzelt die Stirn und deutet auf die ihm am nächsten stehende Hohepriesterin – die lächelnde Frau –, die den Kopf senkt und an seine Seite eilt.

»Teste ihn«, befiehlt der Mestrah.

Das Publikum erhebt sich langsam und wir mit ihm, aber alle sind zu gefesselt, um zu sprechen. Die Hohepriesterin geht leise auf Kasta zu. Sie misst das Mal mit den Fingerspitzen und ich kann erkennen, dass es die gleiche Größe hat wie meins. Mein Blut brummt in meinem Schädel. Die Bestätigung, dass mein eigenes Mal viel mehr ist, als ich wahrhaben will, überwältigt mich, aber das ist noch immer nicht das größte meiner Probleme. Mein Mal könnte den Tod bedeuten. Seins würde Mestrah bedeuten.

Es ist eine Fälschung, versichere ich mir. Er hat das hier eingefädelt, aber er wird scheitern. Das ist zu wichtig, als dass es nicht …

»Zahru!«, flüstert Hen und deutet mit dem Kinn ruckartig auf die hinteren Reihen der Menge.