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Abschluss der Fantasy Trilogie von Natalie Mae Zahru wollte den Krieg abwenden, doch jetzt steht sie vor der ultimativen Entscheidung: Ihr Königreich retten – oder sich selbst verlieren. Der Krieg hat Orkena erreicht. Zahru ist als Mestrah aufgestiegen, und sie ist entschlossen, die eskalierenden Spannungen mit Wyrim, dem langjährigen Feind ihres Landes, friedlich zu beenden. Doch die Diplomatie erweist sich als aussichtslos, und als Zahru die Verbündeten Orkenas um Hilfe bittet, muss sie feststellen, dass keiner bereit ist, ihr zu helfen - nicht ohne Kasta, der an ihrer Seite regiert. Während die Armeen Wyrims immer näher an die Hauptstadt heranrücken, will Zahru ihr Volk unbedingt schützen, selbst wenn sie dafür Kastas Hilfe annehmen muss. Doch ihr Feind ist erbarmungslos. Und als Hinterhalte und Verrat Zahru zu immer dunkleren Taktiken zwingen, fragt sie sich, ob Kasta vielleicht die ganze Zeit recht hatte: Vielleicht war Frieden nie eine Option ... und vielleicht war sie nie dazu bestimmt, allein zu herrschen. In diesem epischen Finale der Kinder Poison-Trilogie muss Zahru entscheiden, wie weit sie gehen will – und wer sie am Ende sein wird #PageTurner #EnemiestoLovers #PerfectVillain #WhoDidThisToYou #TouchHerAndI'llKillYou
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Seitenzahl: 564
Veröffentlichungsjahr: 2025
Natalie Mae
Bisher bei LEAF erschienen:
The Kinder Poison
The Cruelest Mercy
The Sweetest Betrayal
NATALIE MAE
THE SWEETESTBETRAYAL
BAND 3
Romantic Fantasy
Ins Deutsche übersetzt von Michaela Link
Ausführliche Informationen über unsere Autorinnen und Autoren und ihre Bücher
www.leaf-verlag.de
1. Auflage 2025
Originalausgabe:
Copyright © 2025 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG.
Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland
Copyright © 2023 by Natalie Mae
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Textredaktion: Yvonne Lübben
Übersetzung ins Deutsche: Michaela Link
Umschlaganpassungen: Kim Leopold mit Illustrationen von Kateryna Vitkovska @vitkovskaya_art
Innengestaltung mit Illustrationen von Chloe Quinn @_quinnasaurus
Nachsatzgestaltung (Karte): Map copyright © 2020 von Natalie Mae Map Illustration von Marisa Hopkins)
Farbschnittgestaltung: Francis Eden
Bezuggestaltung: Ariana Can / @solaires.stories
Innengestaltung: LEAF Verlag unter Verwendung von Motiven von © Kirill (Adobe Stock)
Gesetzt aus der der Adobe Caslon
Satz: LEAF Verlag
eISBN 978-3-911244-22-0
Druck und Bindung: CPI books GmbH
Birkstraße 10, D - 25917 Leck
Printed in Germany • ISBN 978-3-911244-07-7
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Epilog 1 – Jet
Epilog 2 – Zahru
Danksagung
Zusammenfassung
Am Ende des Buches findest du eine Zusammenfassung des vorherigen Bandes
Für meine Leserinnen und Leser.
Dieses Buch ist nur für euch.
Der Abend ist viel zu friedlich, um einen Krieg zu beginnen. Ich stehe im Dunkeln auf einer der zahlreichen kleinen Dünen in der Wüste und mein weißer Mestrah-Umhang flattert im Wind. Orangefarbener Sand wirbelt wie Klapperschlangen um meine Sandalen herum. Die Sterne glitzern wie Kristalle zwischen den Wolken. Grillen singen in den schattigen Schilfgräsern unten am Fluss. Und obwohl keine Kraniche das Ufer säumen, werden die einzigen Wellen im Wasser von Krokodilen erzeugt, als würden sie ein Festmahl erwarten.
Am Horizont nähern sich die Fackeln der feindlichen Kriegsschiffe und sehen aus wie der Beginn eines Lauffeuers.
Ich strecke die Finger und trotz der anhaltenden Wärme überzieht Gänsehaut meine Arme.
»Wie viel Zeit bleibt uns noch?«, frage ich.
Marcus lässt sein Messingteleskop sinken, während seine große Silhouette mir den Blick auf den Mond versperrt. »Vielleicht eine Viertelstunde. Sie fahren mit voller Geschwindigkeit.«
»Zahru …« Jet bewegt sich an meiner anderen Seite und der Wind zupft an den Enden seines blauen Nachtumhangs. »Ich sehe sie noch immer nicht.«
Trotz seiner Worte vermeide ich den Blick nach Norden in die Wüste, wo die Verstärkung aus Greka und Amian schon am Morgen hätte eintreffen sollen. Oder nach Osten, über die vielen hundert dunklen, sechseckigen Zelte meiner Armee hinweg, wo die Soldaten aus Nadessa zwischen den Ebenen auftauchen sollten. Ich kann nicht hinschauen und erneut nur leere Wüste sehen.
Wir werden diesen Krieg beenden, bevor er angefangen hat. Wochenlang haben wir jedes Detail geplant.
»Mestrah«, sagt Marcus ein wenig leiser. »Wir haben Halbmond. Okas Sichel befindet sich direkt darunter.« Er deutet auf das Sternbild. »Wir haben unseren Verbündeten den richtigen Zeitpunkt genannt. Wenn Hilfe unterwegs wäre …«
Ich will nicht, dass er diesen Satz beendet und drehe mich auf dem Absatz um. »Sie werden kommen. Die Blutverträge sind noch immer gültig, sie müssen in der Nähe sein.«
Damit schlüpfe ich durch die goldgesäumte Klappe in mein Zelt. Lichtspendende Tränke spannen sich zwischen den geräumigen, weißen Wänden und werfen einen silberblauen Schimmer auf die Federmatratze, den Schreibtisch aus poliertem Stein, auf dem die Blutverträge und lauschenden Schriftrollen liegen, sowie auf den klauenfüßigen Stuhl, auf dem Melia sitzt. Ein kleines Fläschchen mit einem Stärkungsmittel glüht sanft auf, als sie es mit ihrer heilenden Magie tränkt. Jade, die jetzt so groß wie ein Schakal ist und mittlerweile darauf trainiert wird, mich zu beschützen, hebt ihren gefleckten Kopf von einem gewebten Schlafkissen.
Besorgt?, denkt sie und ihre goldenen Leopardenaugen richten sich sanft auf mich. Zar? Mich brauchen?
Mein Magen krampft sich zusammen, als meine Flüstermagie ihre Gedanken übersetzt. Ich brauche ein Wunder. Eine Armee aus Tausenden Soldaten wird uns binnen weniger Minuten erreichen, ihre Rüstungen mit Forsvine verstärkt, das jede Magie in einem Radius von drei Schritten neutralisieren und all unsere Nahkämpfe nutzlos machen wird, genau wie unsere zahlreichen Beherrscher mit ihrer überlegenen Stärke sowie alle sechs Gestaltwandler der Armee. Mein siebter Gestaltwandler, dessen Identität ich noch immer vor der Welt geheim halte, würde mich nun daran erinnern, dass er ohne seine Magie genauso tödlich ist und jetzt hier sein sollte. Aber trotz des zaghaften neuen Waffenstillstandes zwischen uns versuche ich noch immer herauszufinden, inwieweit ich Kasta vertrauen kann, und deshalb ist er im Palast.
Meine Soldaten sind ohnehin nur Beiwerk. Wenn alles nach Plan läuft, wird es keine Schlacht geben, nur uns, die losmarschieren, um uns unseren Verbündeten anzuschließen, mit ihren Kriegsschiffen, ihren Kavallerien und ihren Legionen. Dann wird die Königin von Wyrim begreifen, dass sie hoffnungslos unterlegen ist, und endlich einer Verhandlung zustimmen. Sie braucht niemals zu erfahren, dass nur die Hälfte meiner Soldaten aus der Ferne angreifen könnte. Ebenso wenig muss sie wissen, dass wir hoffnungslos unterlegen wären, wenn unsere Verbündeten nicht erscheinen sollten.
»Noch immer niemand?«, fragt Melia, während ihre Überraschung das Leuchten des Stärkungsmittels verblassen lässt. Ihre einsetzende Furcht legt sich wie ein eisiger Hauch über meine Haut und ich wünsche mir nicht zum ersten Mal, ich könnte meine Beeinflussungsmagie ausschalten. Meine Nerven sind ohnehin schon zum Zerreißen gespannt, auch ohne dass die Gefühle aller anderen es noch verschlimmern.
Lächelnd umrunde ich den Schreibtisch. »Vielleicht hat es einen Sandsturm gegeben. Ich bin mir sicher, dass es sich nur um eine kurzfristige Verzögerung handelt.«
Melia erhebt sich, um sich zu mir zu gesellen. Ihre Platinrüstung erzeugt Dolche aus Licht auf ihrer ebenholzschwarzen Haut. Marcus und Jet bleiben auf der anderen Seite des Tisches stehen. Ersterer schnappt sich eine lauschende Schriftrolle nach der anderen, um nach Antworten zu suchen, aber Jet beobachtet mich, eine Hand auf dem Griff seines Schwertes.
Sein Blick ist forschend und ängstlich, wenn er mich jetzt ansieht, als wäre er immer drauf und dran, eine Frage zu stellen. Es sind drei Wochen vergangen, seit ich Kasta an einem sehr öffentlichen Ort geküsst und unmittelbar danach zum Abdanken gezwungen habe. Drei Wochen, in denen Jet und ich so getan haben, als hätte es diesen Kuss nie gegeben. Wir haben uns vom Krieg ablenken lassen und sind glücklich und stillschweigend übereingekommen, dass alles wieder normal werden wird, wenn wir ihn lange genug ignorieren. Dass ich mich daran erinnern werde, was wir füreinander aufgegeben haben, dass er derjenige ist, den ich brauchen sollte.
Wenn ich Kasta weiterhin aus dem Weg gehe, kann ich es bestimmt wahr werden lassen.
Jet streicht mit dem Daumen über das silberfarbene Ratgeberband an seinem Oberarm. »Wir müssen anfangen, die Soldaten zu versammeln. Hoffentlich wird Nadessa bald hier sein.«
»In Ordnung«, stimme ich zu. »Marcus?«
»Mestrah.« Er verbeugt sich und legt die Fingerspitzen auf seine blasse Stirn, obwohl ich ihm tausendmal gesagt habe, dass er das nicht zu tun braucht. Dann entfernt er sich, um die Kommandanten zu verständigen.
Melias Rüstung klirrt, als sie den Kopf schüttelt. »Ich verstehe es nicht. Vor einem Monat haben sie uns gedrängt, die Verträge zu unterzeichnen. Denkst du, Wyrim hat ihnen etwas Besseres versprochen?«
»Das ist unmöglich.« Ich streiche die Ecken des ersten Vertrages glatt; alle drei Dokumente liegen vor mir, die Unterschriften jedes Herrschers deutlich erkennbar und rot von ihrem Blut. »Wir würden es wissen. Die Verträge würden bluten. Sie verspäten sich nur«, verkünde ich, aber selbst ich höre die Unsicherheit in meiner Stimme.
Zwischen meinen Briefen und den Antworten unserer Verbündeten ist in den letzten Wochen immer mehr Zeit verstrichen, doch sie waren stets höflich und bescheiden. Und als ich ihnen geschrieben habe, dass Wyrim mit seinem Marsch gegen uns begonnen hat, haben sie versichert, dass sie hier sein würden.
Irgendetwas hat sich verändert.
Melia stößt einen beklommenen Atemzug aus. »Wir brauchen vielleicht eine neue Strategie.«
»Nein«, widerspreche ich, während draußen Rüstungen klirren, Hauptmänner durcheinanderrufen und Soldaten Schilde und Waffen heben, in deren Gebrauch sie sich nur wenige Monate haben üben können. »Ich stürze uns nicht in einen Krieg, wenn ich ihn mit einem Gespräch hätte verhindern können. Ich muss es wenigstens versuchen.«
»Aber Wyrim hat auf keinen einzigen deiner Briefe geantwortet.« Ihre Stimme wird weicher. »Sie haben deine Heimatstadt bombardiert. Sie haben versucht, dich ermorden zu lassen. Ich bin mir nicht sicher …«
»Ich werde da rausgehen«, zische ich, obwohl mein Ärger sich gegen die Königin richtet und nicht gegen Melia. »Ich werde die Königin um ein Gespräch bitten.« Ich sehe Jet an. »Du denkst doch auch noch immer, dass ich es versuchen sollte, richtig?«
Er zögert nicht einen Herzschlag lang. »Unbedingt. Was immer du für das Beste hältst, du hast unsere volle Unterstützung.«
Melia öffnet den Mund, ihre grünen Augen werden schmal und ihre Lippen formen Worte, die sie nicht ausspricht. Jet hat sich kein einziges Mal gegen mich gestellt, seit er mich während der Einführungsfeier im vergangenen Monat beschuldigt hat, genauso extreme Maßnahmen zu ergreifen wie Kasta. Seine Zurückhaltung war wirklich eine Erleichterung bei all der Belastung durch den Krieg. Vor allem, weil es ganz klar bedeutet, dass Jet diese Anschuldigung bereut und begriffen hat, dass ich nur getan habe, was getan werden musste. Aber trotzdem wird es immer schwerer zu erkennen, ob er mir tatsächlich recht gibt oder ob sein Verhalten einfach nur zu dem vorsichtigen Tanz gehört, in dem wir uns umeinander herum bewegen.
Bei Kasta müsste ich mir keine solchen Gedanken machen. Kasta würde es mir sagen, wenn das hier eine schreckliche Idee wäre, und zwar mit Nachdruck.
»Zahru, sieh mal!« Jets aufgeregte Worte reißen mich zurück an den Tisch. »Amian antwortet!«
Er hält mir die Schriftrolle so hastig hin, dass ich sie beinahe fallen lasse. Melia rückt näher und selbst Jet vergisst den Abstand, den er für gewöhnlich zwischen uns lässt. Jetzt drängen sich beide hinter mir zusammen.
Mein Puls schießt in die Höhe, als die winzige, kompakte Handschrift des amianischen Königs auf dem Pergament erscheint. Meine Lesefähigkeit hat sich nach drei weiteren Unterrichtswochen immens verbessert, aber ich brauche trotzdem eine Weile, um einen Absatz zu beenden, und ich erkenne noch nicht alle Wörter, erst recht nicht bei einer undeutlichen Handschrift wie dieser.
Ich bin nicht weitergekommen als bis »Geschätzte Mestrah, ich entschuldige mich für die verspätete …«, als ein Aufblitzen von Jets Zorn und Melias Schreck mir in die Glieder fährt.
»Nein«, sagt Jet und entfernt sich von mir, um die anderen lauschenden Schriftrollen zu durchsuchen.
Ich umfasse Melias Ellbogen. »Was steht da?«
Sie legt einen zitternden Finger auf den Brief. »›Geschätzte Mestrah, ich entschuldige mich für die verspätete Antwort. Aber nachdem mir eine beunruhigende neue Zeugenaussage zu Ohren gekommen ist, nach der Prinz Kasta nicht freiwillig abgedankt hat, was ich ausführlich mit Greka und Nadessa erörtert habe …‹«. Sie schluckt. »›… sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir bis zu einer angemessenen Untersuchung nicht länger an die Versprechen glauben werden, die man uns für dieses Bündnis gegeben hat. Oder an die Art von Führung, die wir vielleicht von Euch zu erwarten haben, wenn man die intime Natur Eurer Beziehung zu Prinz Kasta bedenkt. Deshalb muss ich Euch zu meinem tiefen Bedauern davon in Kenntnis setzen, dass wir beschlossen haben, neutral zu bleiben …‹«
»Oh, ihr Götter«, murmle ich und lasse die Schriftrolle fallen.
»Zeugenaussage?« Jet sieht Melia an. »Aber das ist nicht möglich. Niemand außer Marcus, Hen und uns weiß, dass wir Kasta zum Rücktritt gezwungen haben.«
Melia schnalzt zornig mit der Zunge. »Wyrim muss dahinterstecken. Irgendjemand verbreitet Lügen, um unsere Verbündeten gegen uns aufzuhetzen, und hatte Glück beim Raten. Aber wie immer die Beweise aussehen, sie können nicht echt sein …«
Weiter höre ich nicht mehr zu, denn ich weiß genau, wer dieser Zeuge ist. Plötzlich bin ich wieder in der Waffenkammer drei Wochen zuvor, in der mich ein hochrangiger Runenmeister des Palastes an diesen Tisch kettet und sagt, er wisse, was ich getan habe. Dass er nachgewiesen habe, dass die Pelze, die ich ihm gebracht hätte, gefälscht seien. Dass ich versuchen würde, Kasta als Gestaltwandler hinzustellen, damit ich allein regieren kann. Dabei war das keineswegs der Grund, warum ich es getan habe; nicht dass mir der Runenmeister das zu diesem Zeitpunkt geglaubt hätte.
Ich sehe ihn noch immer wie einen Helden hinausstolzieren und Kasta das beherrschende Halsband reichen, das er für mich anfertigen sollte.
Meine Ratgeber wissen nichts von diesem Teil der Geschichte. Und vor allem wissen sie nicht, was ich danach mit Kasta getan habe.
»Oh, ihr Götter«, stöhne ich abermals und lasse mich über den Brief gebeugt auf die Ellbogen hinabsinken.
»Nein, nein, vergiss es einfach.« Jets Berührung ist zart – und kurz –, als er mir eine Hand auf den Arm legt. »Wir werden das hinkriegen. Dieser Zeuge wird nichts haben, das wir nicht widerlegen können. Aber im Moment müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir tun können: den Befehl zum Rückzug geben.«
»Ja«, murmle ich benommen. »Ja, ich schätze, das sollten wir tun.«
Melia drückt meine Schulter unter der gepanzerten Platte. »Das ist trotzdem viel besser, als ihnen mit Kastas Kriegsdolchen entgegenzutreten. Du hast das Richtige getan, Mestrah.«
Ich kann ihr nur ein kleines, unbehagliches Lächeln schenken, bevor sie Jet nach draußen folgt und mich mit dem Geraschel der Soldaten, die ihre Sachen packen, allein lässt. Mich mit Jade allein lässt, die gegen meine Hand stupst. Mit den Verträgen, die ich nur mit einem wachsenden Gefühl des Grauens anstarren kann. Unzählige Stunden sind in ihre Ausarbeitung geflossen. Ganz zu schweigen von all den schlaflosen Nächten, die ich damit verbracht habe, mir Sorgen zu machen und zu verhandeln, aber immer in dem Wissen, dass wir den Krieg überleben werden, solange es diese Verträge gibt. Und ich hätte Kasta beweisen können, dass er im Unrecht war.
Der Wind zerrt an den Zeltlaschen.
Meine Kehle schnürt sich zusammen, als Amians Worte sich vor mir verdichten und die Schriftrollen zu bluten beginnen.
Die Wyri werden in drei Wochen hier sein.« Die tiefe Stimme eines Kommandanten hallt durch den Strategieraum und erreicht mich durch den dunklen Flur, in dem ich stehe, außer Sichtweite. »Wir können sie nicht ewig hinhalten. Irgendwann müssen wir kämpfen …«
Ich lehne den Kopf an die kalte, steinerne Mauer und bereite mich darauf vor hineinzugehen. Es ist vier Tage her, dass unsere Verbündeten uns im Stich gelassen haben. Vier Tage, die ich damit verbracht habe, auf einem Kriegsschiff hierher zurückzueilen, Anweisungen zu verschicken, jede orkenische Ortschaft südlich der Hauptstadt zu evakuieren, vergeblich an unsere Verbündeten zu appellieren und darauf zu pochen, dass das Ganze ein Gerücht ist, gestreut von den Wyri.
Vier Tage ohne eine Reaktion.
Und nun bin ich seit einer Stunde zurück und war noch nicht mal in meinen Gemächern. Ich rieche noch immer nach der Wüste, nach Flusssalbei und dem verzauberten Lack, der die Kriegsschiffe feuerfest macht. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, ob ich zu Abend gegessen habe, und die Vorstellung, in einem weiteren stickigen Raum zu sitzen und dieselben Vorschläge durchzugehen, über die wir seit Wochen nachdenken, und mich diesem neuen Kasta betreffenden Gerücht zu stellen, weckt in mir den Wunsch zu schreien.
Also ein weiterer ganz normaler Tag als Mestrah.
Und es wird auch wieder eine sehr lange Nacht werden.
An der Wand knackt eine Fackel und ich wünschte, ich könnte den Funken in die Dunkelheit folgen, weg von dieser Besprechung, hinaus aus diesem an ein Grab erinnernden Flur und seinen vielen Wandgemälden von Mestrahs aus längst vergangenen Zeiten, die über zerstörten Städten thronen.
»Die Unterwassermagneten werden länger halten«, behauptet nun eine andere Soldatin. Eine meiner Metallschmiedinnen, deren Stimme hell und sicher klingt. »Die Geistgarde hat bestätigt, dass die wyrimschen Stahlboote in der ersten Nacht versucht haben, die Magneten zu überqueren. Es könnte noch Wochen dauern, bis sie herausfinden, wie man jeden einzelnen Magneten entfernt. Und dann haben wir noch die zweite Barriere.«
»Ja, aber das war es dann auch«, sagt der erste Kommandant. »Und was dann?«
»Danach …« Die Metallschmiedin zögert. »Nun, danach – bin ich mir sicher, wird unsere Mestrah eine neue Lösung finden. Die Götter haben sie bisher gut geführt.«
Jets schöne Stimme erklingt als Nächstes. »Natürlich wird ihr etwas einfallen. Die Mestrah ist fest entschlossen, diesen Krieg friedlich zu beenden. Aber das erfordert Geduld.«
Der Kommandant schnaubt. »Ja, und wir sind alle übereingekommen, dass Geduld fürs Erste die beste Strategie ist. Aber sind wir uns überhaupt sicher, dass das der Wille der Götter ist? Sie haben zwei Menschen markiert. Zwei Herrscher, die Orkena durch einen Krieg führen sollen, wie es noch nie einen gegeben hat. Woher wissen wir, dass die beiden tun können, was sie tun müssen, wenn Prinz Kasta sich vor seiner Pflicht drückt und damit sogar in dieser Zeit zufrieden zu sein scheint? Ist er nicht auch einer der Ratgeber? Kann er sich nicht mal eine Stunde Zeit für ein einziges Treffen nehmen?«
»Mein Bruder hat seine Gründe und seine eigene Art, seinen Beitrag zu leisten«, kontert Jet scharf.
»Selbstverständlich. Ich will nicht respektlos erscheinen, Aera. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass es der Mestrah nicht bestimmt war, das hier allein zu tun.«
Meine Nägel bohren sich in die steinerne Mauer. Das ist nicht das erste Mal, dass meine Soldaten sich fragen, was die Götter mit Kastas Rücktritt beabsichtigen, und ich muss erneut den Splitter des Zweifels bekämpfen, der ein Kribbeln in mir aufsteigen lässt. Ich musste Kasta aufhalten. Die Götter hätten mir das nicht erlaubt, wenn sie es nicht so gewollt hätten. Alles ist so abgelaufen, wie es ablaufen sollte, und dieser Krieg und seine zunehmenden Fehlschläge sind definitiv keine Bestrafung für mich, weil ich den Göttern nicht gehorcht habe.
»Zumindest können wir uns in einem Punkt einigen«, sagt die Metallschmiedin. »Diese neuen Behauptungen sind absurd. Wie die Mestrah in diesem Konflikt bewiesen hat, ist sie gerecht und barmherzig. Sie würde sich niemals so gegen die Götter stellen. Schon gar nicht gegen jemanden, in den sie verliebt ist.«
Mein Magen sackt mir in die Kniekehlen. Ich kann mir genau vorstellen, wie Jet bei diesen Worten erstarrt, und ich wünschte, ich wäre dort drin, um ihm zum fünfzigsten Mal zu versichern, dass meine Verliebtheit in Kasta nur ein Gerücht ist.
»Aber was ist denn nun zwischen den beiden?«, fragt ein anderer Hauptmann. »Vergräbt er sich lediglich in seinen Nachforschungen? Ist sie nicht verärgert darüber, dass er die Krone abgelehnt hat?«
Der Kommandant seufzt. »Sie soll fuchsteufelswild sein, habe ich gehört. Aber andererseits, was kann sie sagen? Er trauert noch immer um seinen Vater und kann im Moment offensichtlich nicht die Konzentration aufbringen, um mit einem Krieg fertig zu werden. Ich frage mich, ob sie trotzdem heiraten werden …«
»Die beiden sind nicht verlobt«, blafft Jet.
Und das Aufkommen dieses unbehaglichen Themas ist mein Stichwort. Ich stoße mich von der Wand ab, betrachte die glänzenden roten Runen rund um den Torbogen, bevor ich in die magische Kühle des Strategieraumes trete.
Dreißig Stühle kratzen in hastigem Einklang über den Boden. Dreißig der hervorragendsten Kommandanten und Hauptleute Orkenas verbeugen sich tief und legen die Fingerspitzen an die Stirn, wie es bei der Begrüßung eines Mestrahs üblich ist. Einige von ihnen gehen sogar so weit, sich auf ein Knie sinken zu lassen. Kriegsauszeichnungen schmücken Oberarme in allen Hautfarben. Einige präsentieren kleine silberne Flügel an Lederschnüren, einen für jeden getöteten Gegner; bei anderen sehe ich Sabils Waagschalen der Weisheit. Verschiedene Männer und Frauen tragen als Schmuck winzige Laternen, die aus Knochen geschnitzt sind und das Licht darstellen, mit dem Rie, der Gott des Todes, die Seelen ins Jenseits geleitet. Es ist eine furchteinflößende Gruppe und vor meiner Krönung hat es mir vor solchen Treffen gegraut. Damals haben diese Soldaten in mir nur ein naives Bauernmädchen gesehen und hatten verständlicherweise Bedenken, ob meine Talente als Tierflüsterin für die Regierung eines Königreiches ausreichen würden.
Dann habe ich während Kastas und meiner Einführung einen ganzen Raum voller Attentäter mit einer einzigen Explosion meiner Einflussmagie ausgeschaltet: dank der göttlichen Macht, die mir am Ende der Durchquerung durch den Opferdolch zuteilwurde und die mir die Kontrolle über alles verleiht – angefangen bei den Gefühlen und Worten anderer Menschen bis hin zur Beherrschung ihres Bewusstseins. Und obwohl ich meine Einflusskraft seitdem nicht mehr auf diese Weise eingesetzt habe, wagt jetzt niemand mehr, sich mir gegenüber kritisch zu äußern. Keiner lacht spöttisch über Vorschläge von mir, die jemand, der das ganze Leben lang in Kriegskunst unterrichtet wurde, niemals machen würde. Und es sorgt sich auch niemand, dass ich scheitern könnte. Sie werfen nur einen Blick auf die Wandgemälde im Strategieraum, auf die letzten Mestrahs, die mit genau dieser Macht ganze Länder in die Selbstzerstörung getrieben haben.
An der Stirnseite des Tisches richtet Jet sich als Erster auf und lächelt schwach. Ich gehe vorbei an den grellen orangefarbenen Tuniken der Hauptleute und am Silber der Kommandanten. Die Generalin wartet ganz vorn in Grün, der ruhige Ausdruck in ihren Augen eine ernstere Version von Jets Miene. Dann fange ich Melias wachsamen, Marcus' sanften und Hens schuldbewussten Blick auf. Letzteres wäre vielleicht verstörend gewesen, wenn sie nicht immer so dreinschauen würde.
Endlich nehme ich meinen Platz vor dem gläsernen Thron ein und ignoriere mit Inbrunst den Umstand, dass der neue Tisch, in Auftrag gegeben vor meiner letzten Konfrontation mit Kasta, breit genug für einen zweiten Thron ist.
Die Soldaten lassen die Hände sinken und warten darauf, dass ich mich setze.
Das hier ist wie ein sich wiederholender Albtraum.
»Wie lange können wir sie hinhalten?«, frage ich, ohne Platz zu nehmen.
»Noch mindestens drei Wochen«, antwortet die Metallschmiedin, eine schlanke junge Frau, die zwei Jahre älter ist als ich, mit hellem beigefarbenen Teint und langen rotblonden Haaren. »Vielleicht länger, wenn wir eine weitere Tonne Stahlstein importieren können.«
Der Kommandant, der zuvor gesprochen hat, schüttelt sein kahles Haupt. »Wir sollten unser Gold für andere Ausgaben sparen. Unser Reichtum ist zehnmal so groß wie der Wyrims und wir können uns Verbündete kaufen.«
»Nein.« Die Generalin tritt vor. »Wir müssen jede Unze Gold für Waffen und Rüstungen sparen und sollten keine Unsicherheit heraufbeschwören.« Winzige, dekorative Schwerter blitzen in ihren braunen, krausen Locken, als sie mich ansieht. »Mit Eurer Erlaubnis, Mestrah. Wir haben Wyrim Entschädigungen und neue Bündnisverträge angeboten. Wir haben ihnen Gebiete im südlichen Orkena offeriert, großzügige Geschenke wie Nahrungsmittel, Edelsteine und Kristalle gemacht und wir haben vorgeschlagen, den Handel mit unseren begehrtesten Amuletten und Zaubern wieder zu öffnen. Und schlussendlich haben wir die kostenlose Nutzung unseres Flusses und Zugang zu unseren Schulen angeboten.« Sie umfasst ihren Gehstock fester. »Im Gegenzug schicken sie unsere Schiffe mit den Geschenken als Asche zurück. Sie haben uns sogar den Kopf unseres ersten und einzigen Boten in einer Kiste zurückgeschickt. Ihre Königin will keinen Frieden. Und da unsere Verbündeten sich jetzt neutral verhalten wollen, ist es an der Zeit, unsere Taktik zu ändern.«
Ein Raunen geht durch den Raum. Seit meinem ersten Tag als Königin habe ich klargemacht, dass ich nicht gegen Wyrim kämpfen will und wir diesen Krieg auf zivilisierte Weise beenden werden. Seither betrachten meine Offiziere mein Göttermal und stellen meine Entscheidungen nicht mehr infrage. Und auch wenn der Gedanke an eine Schlacht furchteinflößend ist, hat mir so lange niemand mehr widersprochen, dass meine erste Reaktion echte Erleichterung ist.
»Aber wir haben noch immer Zeit«, sage ich und sehe die Generalin an, während ich ängstlich auf mehr warte. »Es muss doch irgendetwas geben, das wir noch nicht ausprobiert haben?«
Die Generalin schüttelt den Kopf. »Ihr wisst so gut wie ich, wie tief der Zorn der Königin geht. Sie war zehn, als die Plünderungen während der Endenden Dürre stattfanden, und Kastas Großmutter hat niemanden verschont, der unserer Armee im Weg stand. Wir brauchten Nahrung, ansonsten wären wir gestorben. Wyrims damaliger König wusste das und lehnte unsere diplomatischen Bitten um Lebensmittel ab, in der Hoffnung, die hohe Zahl an Opfern in unserem Land würde uns so schwächen, dass die Machtübernahme für ihn ein Leichtes wäre. So begannen und beendeten wir den ungerechtesten Krieg seit Jahrhunderten. Fünfzig Jahre später und trotz des Wissens um die Rolle ihres Vaters in diesem Krieg, ist Andiras Durst nach Rache immer noch nicht gestillt. Sie wird sich nicht einfach geschlagen geben.«
»Aber dann wird es ewig so weitergehen.« Ich hoffe nach wie vor, dass die Generalin ein weiteres Gegenargument anbringt und wir einen goldenen Mittelweg finden. »Dann herrscht über Generationen hinweg der gleiche Krieg. Ich kann nicht erneut in einen solchen Krieg ziehen und ihnen noch mehr nehmen. Oder zulassen, dass es uns passiert, vor allem, da wir noch immer keine Lösung für das Forsvine haben.«
Die Generalin scheint widersprechen zu wollen. Ich kann ihre wachsende Frustration im Schmalerwerden ihres Mundes erkennen und weiß, was sie eigentlich sagen will. In meiner Brust wächst Hoffnung – bis Jet sich räuspert.
Die Generalin stößt einen langen Atemzug aus.
»Natürlich nicht, Gudina.«
Mir wird schwer ums Herz. Eine neue Art von Panik krampft mir die Kehle zusammen, aber was immer die Soldaten auf meinem Gesicht sehen, sie halten es irrtümlich für Verärgerung darüber, dass man mir widerspricht, denn sie überschlagen sich förmlich mit neuen Vorschlägen.
»Hier ist eine Idee, die Euch gefallen wird«, sagt die Metallschmiedin. »Wir wollen in diesen Zeiten keine fragwürdigen Abgesandten in unsere Heimat einladen, aber wir könnten unsere eigenen Diplomaten zu unseren Verbündeten schicken.«
»Wir könnten Kasta schicken«, schlägt der Kommandant vor. »Seine Aussage wäre eine sehr machtvolle.«
»Nein«, erwidere ich mit erstickter Stimme. Auf keinen Fall werde ich Kasta in fremde Länder schicken, damit er den Herrschern alles erzählen kann, was er will. »Er muss hierbleiben, um weiter das Forsvine zu erforschen.«
»Dann also geringere Steuern für unsere Verbündeten?«, meldet sich ein Hauptmann weiter hinten zu Wort. »Ein neuer Bündnisvertrag?«
»Die grekanische Königin hat Söhne«, überlegt ein anderer laut. »Eine königliche Heirat würde uns zumindest einen sicheren Verbündeten verschaffen.«
Das Ausmaß meiner Panik verdreifacht sich prompt. »Das ist nicht die Strategie, die ich als Erstes in Erwägung …«
»Vielleicht müssen wir nach weiter entfernteren Verbündeten suchen«, schlägt der nächste Hauptmann vor. »In Ländern jenseits der Grenzen unserer Nachbarn?«
»Oder wir könnten ein Fest auf neutralem Boden veranstalten! Etwas, das positive Gefühle weckt.«
»Oder eine öffentliche Gerichtsverhandlung?«
»Oder eine Veranstaltung, auf der um die Hand der Mestrah geworben werden kann!«
»Aufhören!« Schnell presse ich die Hände an meinen schmerzenden Kopf. Ich weiß nicht, was ich hören wollte, aber das sicher nicht. Dazu kommt, dass ich erschöpft bin und etwas zu essen brauche. Und gerade dringt erst wahrhaftig zu mir durch, dass wir unsere Verbündeten verloren haben – wir haben sie verloren, vielleicht für immer. Ich bin fest entschlossen, eine Lösung zu finden, aber im Moment kann ich nicht klar denken. Und Götter, ich will einfach einmal eine ganze Nacht durchschlafen, ich will, dass mich jemand schüttelt und mir genau sagt, was ich tun soll …
»Mestrah?«, fragt Melia, deren Sorge durch meinen Ellbogen schießt, als sie ihn umfasst.
Ich stoße den Atem aus, lasse langsam die Hände sinken und erinnere mich daran, was mein Fara mir geraten hat, wie man mit Stress umgeht: sich auf das unmittelbare Problem konzentrieren und sich nicht unnötig viele Sorgen auf einmal machen. Es ist in Ordnung. Ich wurde hierfür auserwählt und morgen wird es mir besser gehen. Alles in Ordnung.
»Entschuldigung.« Ich lächle. »Klingen irgendwelche von diesen Vorschlägen gut genug, um …«
Aber Melia deutet mit dem Kinn vielsagend in Richtung Tisch. Hinter ihr wippt Hen auf den Zehen und Jet und Marcus ziehen sich zurück, die gewohnte Beständigkeit ihrer Gefühle verschwunden.
Alle anderen Soldaten im Raum, auch die Generalin, sind erstarrt.
Die Augen geöffnet, aber leer. Ein unheimliches Grinsen breitet sich auf ihren Gesichtern aus, die wie unbeschriebenes Pergament wirken, das auf eine Schreibfeder wartet. Hauchzarte schwarze Bänder schlingen sich um meine Finger wie Rauch und spiegeln sich im Weiß ihrer Augen.
Genau wie auf den Wandgemälden.
»Oh, ihr Götter.« Ich ziehe meine Magie kraftvoll zurück. Binnen eines Herzschlages verschwindet die Dunkelheit und die Soldaten erwachen mit einem Blinzeln. Zuerst sind sie verwirrt, aber dann fangen sie wieder an, Vorschläge zu machen, als wäre nichts passiert.
Ich habe sie kontrolliert. Ich hatte die Kontrolle über sie alle und sie wissen es nicht einmal.
»Ich werde über diese Vorschläge nachdenken«, versichere ich schnell. »Wir werden uns im Morgengrauen erneut treffen. Nehmt euch die Nacht frei.«
Ein echtes, dankbares Lächeln gleitet über die meisten Gesichter, nur nicht über das der Generalin, die Jet einen langen Blick zuwirft. Die Soldaten murmeln »Mestrah« und tippen sich an die Stirn, bevor sie den Raum verlassen und gähnend über einfache, alltägliche Dinge sprechen. Denn sie vertrauen darauf, dass ich uns retten werde.
Ich schaue auf meine zitternden Hände hinab und erwarte fast, die Schatten erneut zu sehen. So gründlich habe ich die Kontrolle noch nie verloren. Im letzten Monat habe ich mehr mit meiner Einflussmagie trainiert, um nicht nur bei Einzelnen Stress und Sorgen zu reduzieren, sondern auch bei kleinen Gruppen – in der Hoffnung auf die winzige Chance, die wyrimsche Königin doch treffen zu können. Aber noch nie hat mein Wille derartig …
»Das war spannend«, sagt Hen und klingt viel zu beeindruckt. »Du hast diese Menschenführung wahrhaftig auf die nächste Ebene gehoben.«
»Das war keine Absicht«, antworte ich.
Jet wirkt eher zerrissen als erfreut. »Vielleicht … vielleicht brauchst du eine Pause und solltest dir ebenfalls die Nacht frei nehmen und das morgige Treffen auf den Mittag verschieben?«
»Ja«, stimme ich zu. Obwohl eine Pause das Letzte ist, woran ich denken kann. »Ja, lass uns das tun.«
»Mestrah?«, ruft Melia, denn ich bin bereits dabei, den Raum zu verlassen. »Willst du Gesellschaft? Es ist so lange her, dass wir uns alle zusammen einfach mal entspannt haben. Wir könnten ein paar Spiele in dein Zimmer mitbringen und für ein paar Stunden alles andere vergessen.«
Meine Brust schnürt sich zusammen. Oh, wie sehr ich diesen Vorschlag annehmen will. Ich wünschte, ich könnte es mir gestatten, denn Numet weiß, dass ich die meiste Zeit diesem Krieg gewidmet habe. Aber ich schmecke noch immer den bitteren Nachgeschmack von Magie im Mund und meine Schultern sacken herab.
Ich zwinge mich weiterzugehen. »Vielleicht nächstes Mal. Ich werde etwas frische Luft schnappen und mich dann zurückziehen.«
»Selbstverständlich.« Aber Melia seufzt und ihre Stimme wird leise. »Mehr ist im Moment nicht möglich.«
Marcus erwidert fast ebenso leise: »Wir haben gewusst, dass wir einen kleinen Teil von ihr verlieren würden. Es liegt nur an diesem Krieg …«
»Ich habe ohnehin zu tun«, platzt Hen heraus.
»In einer Stunde ist Mitternacht«, wendet Jet ein. »Was hast du jetzt noch vor?«
Eine Pause entsteht. »Wäsche waschen?«
»Das klingt wie eine Frage. Warum klingt es wie eine Frage?«
Im nächsten Moment trete ich über die Schwelle und die Stimmen meiner Freunde werden noch leiser.
»Das waren dreißig Leute«, murmelt Marcus ehrfürchtig.
»Das waren dreißig Leute«, wiederholt Jet, deutlich weniger ehrfürchtig.
Ich steige ganz nach oben auf die Palastmauer, ohne die Alabasterhallen wahrzunehmen oder den Angehörigen der Elite, die mich grüßen, einen Blick zuzuwerfen, denn in Gedanken beschäftigt mich die Frage, wie der Abend hätte werden können. Ich hätte Melia anlächeln und Ja sagen können. Wir hätten Spiele aus der umfangreichen Sammlung in den Gemächern des Mestrahs holen können. Hätten es uns an dem riesigen Badebecken in meinen Gemächern gemütlich machen können. Jade hätte an den Schnüren meiner Sandalen geknabbert, ich mit Spielkarten in der Hand und Kristallen für einen Wetteinsatz für jeden von uns. Der Gedanke an Krieg wäre tief unter Gläsern mit sprudelnden Säften und unserem Gelächter vergraben gewesen. Melia hätte mir von ihrem attraktiven neuen Lehrling erzählt, Marcus von seinen Hochzeitsplänen und Hen hätte den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem Palast zum Besten gegeben, bei dem es, so die Götter es gewollt hätten, nicht um mich gegangen wäre. Und Jet hätte endlich, endlich gesagt, er sei wirklich mit allem, was passiert ist, im Reinen und ich hätte gelacht und zugegeben, welche Sorgen ich mir gemacht habe. Wir hätten uns umarmt und er hätte aufgehört, mich auf diese zweifelnde Weise anzublicken, und zumindest dieser kleine Bereich meines Lebens wäre wieder in Ordnung gewesen.
Stattdessen stehe ich draußen auf der Palastmauer, allein in der Dunkelheit, eingehüllt in einen schwarzen Umhang, um mit den Schatten zu verschmelzen.
Cybils Turm ragt hoch hinter mir auf; die riesige Göttin des Krieges greift weit in den Nachthimmel hinein nach ihrem treuen Falken, während blassgoldene Seide ihre steinernen Glieder umschlingt. Ihr Arm wirft einen langen, schwertförmigen Schatten in die inneren Gärten und macht es einem schwer, irgendjemanden zu sehen, der unmittelbar unter ihr steht. Im Innenhof hängen silberfarbene Lichttränke in den Zweigen der Olivenbäume und marmorne Bänke säumen einen Pfad aus weißem Sand, der sich zwischen Büschen mit roten Blüten hindurchschlängelt.
Selbst so spät in der Nacht und am Anfang der Erntesaison, die die Luft abkühlt, ist es ein beliebter Ort. Pärchen schlendern Arm in Arm über die Pfade, Soldaten versammeln sich am Springbrunnen und andere Mitglieder der Elite liegen in cremefarbenen Umhängen im weichen Gras.
Ich trommle mit den Fingern auf das steinerne Geländer.
Das hier ist zugegebenermaßen eine meiner fragwürdigeren Ideen, aber im Vergleich zu dem, was ich stattdessen fast getan hätte, ist sie viel, viel besser.
Ein Mädchen steht lachend unter einem der Bäume. Ihr Partner küsst sie und sie erwidert seinen Kuss schamlos. Schnell unterdrücke ich vielleicht ein wenig mehr Verbitterung, als ich mir einzugestehen bereit bin, und beschließe loszulegen.
Die Einflussmagie antwortet mir sekundenschnell. Mittlerweile ist es so einfach wie Flüstermagie und während die schläfrigen Gedanken der Singvögel in der Nähe aus meinem Kopf verschwinden, nehmen die Gefühle im Innenhof schnell deren Platz ein: Freude, Erwartung, Zuneigung, Verlangen. Jedes Gefühl gleicht einer übernatürlichen Saite eines Instruments, an der ich ziehen kann, sichtbar um meine Finger geschlungen. Reinere Gefühle wie diese sehen aus wie dünne Bänder aus Gold. Nur ein schwarzer Faden der Eifersucht legt sich um mein Handgelenk. Er gehört zu einem Jungen, der das Paar auf der anderen Seite des Rasens beobachtet. Seine Freunde versetzen ihm kleine Stöße, damit er sich wieder ihrem Kartenspiel zuwendet, und das Schwarz wird zu einem Grau des Kummers.
Und jetzt muss ich mich konzentrieren. Ich habe bisher noch nie an ahnungslosen Zivilisten geübt und ich will nichts tun, das das Bewusstsein eines Menschen dauerhaft verändert. Ich muss lediglich meine Magie austesten. Feststellen, ob ich wiederholen – und verhindern – kann, was ich im Strategieraum getan habe. Und dass ich das lieber im Privaten tue, damit niemand denkt, ich würde die Kontrolle über die Magie verlieren, die mir die Loyalität meines Landes eingebracht hat? Nun, das ist vollkommen verständlich.
Ich beginne mit meinen gewohnten Übungen und lasse mich langsamer in meine Macht hineingleiten als üblich, weil ich die Gefühle nur zeitlich begrenzt verändern will. Aber es passiert nichts Ungewöhnliches. Ich halte die Gefühle aller Anwesenden fest und vergrößere nur ein ganz klein wenig ihre Intensität, bis die glücklicheren Menschen unter ihnen bei jeder Gelegenheit loslachen und der eifersüchtige Junge ein Schluchzen unterdrückt. Gleichzeitig dränge ich alle dazu, Freude zu empfinden. Dann nehme ich meine Einflusskraft komplett zurück. Ich versuche erneut zu schnell nach ihren Gefühlen zu greifen, und setze mich sogar selbst mehr unter Druck, indem ich an meinen Zorn auf die wyrimsche Königin denke. Ich drohe mir selbst damit, dass ich meinen Kommandanten erlauben werde, diesen Ball zur Auswahl eines Gemahls für mich zu veranstalten. Aber meine Magie schlägt noch immer nicht um sich. Die Menschen machen weiter wie zuvor, erstarren nicht und stieren auch nicht ins Leere.
Vielleicht habe ich nur deshalb die Kontrolle verloren, weil ich mich nicht konzentriert habe. Vielleicht hat Jet recht und ich brauche nur Schlaf.
Das Leuchten um meine Hände verschwindet.
Ich seufze und steige die Mauer wieder hinab. Die Hauptstadt dehnt sich neben mir aus und meine grausame Fantasie verwandelt sie in etwas anderes, während ich weitergehe: metallene Kriegsschiffe blockieren das Wasser, Rauch und Schreie verdrängen die ferne Musik und das Gelächter.
Wir werden unsere Verbündeten zurückgewinnen. Ich werde nicht zulassen, dass dieser Schlamassel mit dem Runenmeister zu Orkenas Sturz führt.
»Mestrah«, flüstert jemand hinter mir in der Dunkelheit.
Prompt stehen mir alle Haare zu Berge. Ich dachte, ich wäre allein. Ich halte inne und schaudere im kühlen Wind, während ich nach dem Sprecher Ausschau halte und mich frage, ob der Wachposten, der im Turm patrouilliert, mich sehen kann. Aber ich befinde mich noch immer in Cybils Schatten, die Schwärze so tief wie in einer Höhle. Ich bete, dass das Flüstern nur Einbildung war.
»Eure Scharade fängt an zu bröckeln.« Nun ist es etwas lauter, ein männlicher Bariton. »Nicht wahr?«
Jetzt bleibe ich stehen. Die Generalin hat die Sicherheitsmaßnahmen im Palast verdoppelt, seitdem Attentäter im vergangenen Monat bei Kastas und meiner Einführungsfeier zwanzig Personen getötet haben, mich selbst um ein Haar eingeschlossen. Niemand, der nicht hier arbeitet, darf in den Palast. Aber das würde ja eigentlich verhindern, dass sich jemand hierüber die Art und Weise ärgert, wie ich die Dinge regle.
Als ich noch immer niemanden erspähen kann, sende ich meine Magie aus, doch selbst in den Übungsstunden ist es mir nie gelungen, die Gefühle eines Menschen aufzufangen, den ich nicht sehen kann. Nur Leere antwortet mir.
»Zeig dich«, verlange ich.
»Dann ist es also wahr?« Die Stimme erklingt jetzt links von mir. Die Person muss ein Nachtwandler mit Kontrolle über die Schatten sein. »Selbst Götter haben ihre Grenzen?«
Und dann spüre ich einen Atemzug an meinem rechten Ohr.
»Wache!«, versuche ich zu rufen, aber eine Hand presst sich auf meinen Mund und ich werde in die Dunkelheit gerissen. Ich keuche auf, winde mich und dann lodert meine Einflussmagie auf, als der Zorn der Person die Stellen durchflutet, wo wir uns berühren. Ich verbeiße mich in diesen Zorn, bin bereit, ihn zu brechen und die Person in die Bewusstlosigkeit zu schicken, als sich etwas Kaltes um mein Handgelenk schließt. Der übelkeitserregende Biss von Forsvine sinkt in meine Knochen. Meine Magie entschlüpft mir und ich bohre die Nägel in den Arm der Person und stemme meine Füße in den Boden. Aber sie ist viel stärker als ich und zieht mich tiefer in die Schatten. Die metallene Maske, die die Gestalt trägt, drückt sich gegen meinen Kopf. Mein Angreifer legt einen Arm um meinen Hals und würgt mich …
Und dann sind wir im Turm.
Die Tür schlägt zu.
Panik überkommt mich, als ich nicht mehr atmen kann. Zumindest scheint der Mond herein und spendet gerade genug Licht, damit man etwas erkennen kann. Und so gelingt es mir nach einer Weile, mich aus dem Griff der Person zu befreien. Binnen einer Sekunde halte ich das Messer aus dem Gürtel meines Angreifers in der Hand. Die Person fängt mein Handgelenk ab, als ich die Klinge in ihre Seite rammen will, ächzt überrascht und stößt mich von sich. Ich umklammere den Dolch und wirble zur Tür herum, reiße sie auf, bin fast draußen, als die Person mich im Nacken packt und zurückzerrt. Als ich auf dem Boden aufpralle, sehe ich Sterne und mein Angreifer ist sofort über mir. Aber ich habe noch immer den Dolch. Ich ziele auf seinen Kopf, treffe jedoch nur Metall. Schmerz schießt meine Arme hinauf, als er meine Handgelenke zurück auf die Fliesen presst und seine Maske verrutscht.
Das Mondlicht fällt auf die vertrauten goldenen Leopardenflecke der Maske.
Ein Junge, der nur wenige Jahre älter ist als ich, schaut zornig auf mich herab. Blondes Haar klebt in seinem Nacken und seine Brust hebt und senkt sich heftig. Goldene orkenische Federn spannen sich über seine Brust. Ich schätze, das beantwortet die Frage, warum der Wachposten des Turmes mich nicht gehört hat.
Er ist die Turmwache.
»Warum?«, bringe ich heraus, während sein Griff fester wird.
»Das passiert mit Tyrannen«, flüstert er und dreht mir die Arme auf den Rücken.
Ich schreie auf und lasse panisch das Messer los, damit ich mich nicht selbst verletze. Dafür bekomme ich ein winziges Aufflammen meiner Einflusskraft zu fassen. Angefacht von meinen Schmerzen, versucht meine Macht gegen das Forsvine anzukämpfen.
Eine neue Idee nimmt in meinem Kopf Gestalt an. Während der Wachmann meine Handgelenke festhält und mit einer Hand an dem Beutel an seinem Gürtel zerrt, zapple ich und winde mich, sodass er meine Arme höher hinaufzieht. Diesmal heiße ich den Schmerz jedoch willkommen. Wenn ich genug Panik heraufbeschwören kann, so wie ich es in der Waffenkammer mit Kasta getan habe, kann ich die Fessel bestimmt schmelzen. Ich konzentriere mich auf sie und die Fessel wird heiß. Ich bin die größte Magierin der Welt. So werde ich nicht sterben. Doch dann holt der Wächter eine silberne Spritze aus dem Beutel.
Sie muss eine weitere Dosis Forsvine enthalten, denn selbst das kleinste bisschen meiner Macht löst sich auf.
Und plötzlich frage ich mich, ob ich den Tod dem, was er gleich tun wird, vorgezogen hätte.
»Warte …«, beginne ich.
Die Nadel nähert sich meinem Hals. Ich wappne mich schon gegen weiteren Schmerz, als ich ein Zischen wahrnehme, den übelkeitserregenden Laut von Metall, das in Fleisch eindringt. Dann spüre ich warme Blutspritzer auf meiner Wange.
Der Wachposten sackt langsam zur Seite, in seinem Auge ein Pfeil, der im Mondlicht bedrohlich aufschimmert.
Ich stoße den Jungen keuchend von mir weg und taste nach dem Dolch, denn ich werde kein Risiko eingehen. Aber der Wachposten bewegt sich nicht. Er kann nicht. Die Nadel rollt harmlos neben seine Hüfte, während ich zitternd zum Türrahmen zurückweiche und das Blut auf meinem Gesicht berühre.
Entweder hat Wyrim einen neuen Weg in den Palast gefunden oder sie sind nicht mehr die Einzigen, die Jagd auf mich machen.
Ich bin nirgendwo mehr sicher.
Langsam stehe ich auf, um der Person zu danken, die wundersamerweise aufmerksam genug war, um unseren Kampf zu hören …
Ich drehe mich um und stehe Kasta gegenüber, der seine Armbrust schultert und ins Fackellicht tritt.
Es ist ein Wunder, wie schnell ich wieder Haltung annehme und das Blut von meinen Fingern schüttle, als wäre dies einfach eine ganz gewöhnliche Nacht auf der Palastmauer.
»Danke«, sage ich und mache mich mit schnellen Schritten auf den Weg die Mauer hinab. »Ich sollte wieder reingehen.«
»Zahru …«
»Ich muss zu einer Besprechung«, lüge ich und schaue starr geradeaus. Wachen kommen nun auf uns zugerannt, alarmiert vom Erscheinen Kastas. Inzwischen haben sie auch mich gesehen. Ich wünschte, der Anblick der Wachen würde mir etwas Erleichterung verschaffen. Aber es fällt mir schwer, mich nicht zu fragen, ob einer von ihnen eingeweiht war oder enttäuscht über das Scheitern des Turmwächters ist.
Ich höre nicht, wie Kasta sich bewegt, aber als ich aus Cybils Schatten trete, ist er direkt neben mir.
»Soll ich gehen?«, fragt er angespannt, als könnte er meine Sorge hören.
Aber es ist schwer, einen Menschen wegzuschicken, der einem gerade das Leben gerettet hat, selbst wenn man noch immer sehr wütend auf ihn ist. Und leider ist er der Einzige, dem ich in genau diesem Moment, an genau diesem Ort vertrauen kann. Und das alles weiß er. Trotzdem bin ich weit davon entfernt, ihm die Befriedigung zu gönnen und einzugestehen, dass ich ihn in meiner Nähe haben will, deshalb sage ich nichts.
Seine Lippen zucken.
Er bleibt.
»Mestrah!«, ruft die Wächterin, die als Erstes bei uns ankommt. Sie schiebt ihre Leopardenmaske nach oben und verlangsamt ihre Schritte. Ihre grauen Augen sind groß. »Was ist passiert?«
»Ein Verräter«, sage ich und verfluche mich selbst, als ich näher an Kasta herantrete. »Ich werde es der Generalin melden. Sorg dafür, dass sofort jemand herausfindet, wie das passieren konnte.«
»Ja, Mestrah. Ich werde außerdem eine Patrouille rufen, die Euch begleitet.«
»Nein.« Ich hasse diesen Attentäter plötzlich nicht mehr nur, weil er mein Leben bedroht hat. »Kasta ist die einzige Wache, die ich im Moment bei mir haben will. Ich werde nicht riskieren, jemand anderen so nah an mich heranzulassen, bis wir wissen, wer alles an der Sache beteiligt ist.«
Sie drückt sich einen Arm quer über die Brust. »Selbstverständlich, Mestrah.«
Und dann eilt sie davon und ruft Befehle.
Kasta beobachtet mich. »Du«, sagt er, als wir uns wieder in Bewegung setzen, »wirst mich noch in den Wahnsinn treiben.«
Ich kann nicht anders. Ich lache. Als hätte er mich nicht über mehrere metaphorische Klippen gestürzt und würde damit auch jetzt noch weitermachen.
»Dafür ist es wohl schon zu spät«, kontere ich und beobachte ein weiteres Paar Wachen, das vorbeieilt. Zwei Geistwachen treten ein kleines Stück entfernt außer Sichtweite. Einige von ihnen werden ein Auge auf mich haben, ungeachtet meiner Befehle. »Und ich brauche dich nur, bis wir wieder im Palast sind, dann kannst du gehen. Kannst du mir das bitte abnehmen?«
Ich halte ihm mein Handgelenk mit der Fessel aus Forsvine hin. Er lächelt spöttisch, als er das Schloss mühelos entzweibricht, was die Hitze meiner Gefühle, die ich verzweifelt zu unterdrücken versuche, nur noch schürt.
»Also werden wir nicht darüber reden, wie tollkühn Wyrim inzwischen vorgeht?«, fragt er und studiert das verbogene Metall. »Oder dass eine weitere Woche vergangen ist, in der du mich ignoriert hast, während du den Wachen andererseits erzählst, ich sei der Einzige, dem du traust?«
»Nein, das will ich auf keinen Fall. Und du bist nicht der Einzige, dem ich traue, nur der Einzige, an den ich mich zu diesem speziellen Zeitpunkt wenden kann.«
Er wirft mir einen weiteren Blick zu. »Ich kann dir helfen. Du weißt, dass ich dir helfen kann.«
»Wir müssen uns nicht unterhalten, während wir gehen.«
Er seufzt. »Wie lange willst du noch sauer auf mich sein?«
Ich bleibe ungläubig stehen und es ist sehr befriedigend zu sehen, wie ihm dämmert, dass diese Frage ein Fehler war.
»Wie lange ich noch sauer auf dich sein werde, weil du hinter meinem Rücken eine Superwaffe entwickelt hast?«, gebe ich zurück. »Für immer, Kasta. Für immer, vor allem wenn du weiter Dinge tust, die alles noch schlimmer machen.«
Er steckt die Fessel in seine Tasche. »Letzte Woche warst du nicht so zornig.«
Ich erstarre. »Das war etwas anderes. Ich wollte dir zeigen, dass die Verlorenen nach Hause zurückgekehrt sind. Das war etwas Gutes, etwas Richtiges. Natürlich lasse ich dabei den Ärger auf dich außen vor.«
»Das war nicht alles, was du wolltest.«
In seinem Tonfall liegt eine Zweideutigkeit, die mir nicht gefällt, und erneut steigt Ärger in mir auf. Genau das ist das Problem. Denn obwohl ich ehrlich sagen kann, dass ich ihn seit unserem Streit im vergangenen Monat nur dieses eine Mal gesehen habe, hat es genau so angefangen: Ich habe ihm die Verlorenen gezeigt, als sie die ihnen zustehenden Rechte zurückbekommen haben. Damit er weiß, dass kein weiteres Kind in Angst vor Magielosigkeit leben muss, so wie er es musste. Und am Ende habe ich ihm von der Eskalation des Krieges erzählt und ihm meine Sorge zu scheitern gestanden. Und ich habe ihn gebeten, die Sache in Ordnung zu bringen und Wyrim Schaden zuzufügen, so wie sie uns Schaden zugefügt haben. Und dabei bin ich in seine Arme gesunken wie ein Schiff, das in den Hafen einläuft.
Nie wieder. Ich werde lernen, das hier ohne ihn zu tun. Ich darf ihn nicht länger als Rettungsleine betrachten und mir jedes Mal, wenn das Herrschen schwer wird, wünschen, er wäre an meiner Seite.
»Letzte Woche habe ich mich gnädig gefühlt«, sage ich. »Diese Woche nicht. Das ist so bei launischen Herrschern. Das kommt in allen Abenteuergeschichten vor. Aber ich werde dir niemals davon erzählen.«
Er kichert. »Die Sache mit dem Runenmeister war nicht meine Schuld.«
»Wir werden nicht über den Runenmeister sprechen.« Meine Worte sind scharf wie Dolche.
»Weißt du«, sagt er mit der Andeutung eines nachtragenden Lächelns, »ich bin im Moment auch nicht gerade begeistert von dir, aber ich weiß, wann ich das beiseiteschieben muss. Ich habe dir bereits erklärt, dass ich das, was du getan hast, um das Forsvine unschädlich zu machen, nicht mit irgendwelchen mir bekannten Zaubern oder Amuletten nachahmen kann, also gib mir etwas Richtiges zu tun. Lass mich einen Hinterhalt planen. Oder rausfinden, wer hinter dem Attentat steckt. Ich garantiere dir, dass nie wieder jemand so nah an dich herankommen wird.«
Und genau das ist es, was mich so auf die Palme bringt: Er beweist sich in kleinen Dingen, gibt in allen Kämpfen nach, in denen er das tun kann, und zieht mich immer mehr an, bis er mich buchstäblich an der Leine hat. Und noch schlimmer ist, dass alle guten Dinge, die er tut, real sind. Aber das gilt auch für die schlechten Dinge. Er hat mich mühelos auf sein Niveau heruntergezogen, bis ich Herrscher belogen und auf Kommando einen ganzen Raum voller Menschen in die Bewusstlosigkeit geschickt habe. Die Götter allein wissen, was er mich jetzt tun lassen würde, wenn ich ihn nicht aufgehalten hätte. In was ich mich verwandeln würde, wenn ich ihn zu nah an mich herankommen ließe.
Ich gehe die ersten Stufen der Treppen zu den Gärten hinunter. »Weißt du«, sage ich und ahme seinen Tonfall nach, »ich habe jetzt eine ganze Schar von Menschen, die ebenfalls Dinge für mich in Ordnung bringen können. Ich muss mich nicht mal fragen, ob sie mich am Ende verraten werden! Und wir haben wirklich produktive Besprechungen, alle sind so freundlich und charmant und bereit, mit mir zusammenzuarbeiten, und es war eine echte Erleichterung, dass Menschen mir immer zugestimmt haben …«
»Du wirst deinen Umhang zerreißen.«
Ich lasse den Stoff mit einem Lachen los. »Weil alles großartig läuft! So großartig, dass wir uns nicht einmal Sorgen darum machen, unsere Verbündeten zu verlieren, weil wir wissen, dass uns etwas einfallen wird. Also, danke, ich weiß dein rechtzeitiges Erscheinen heute Nacht zu schätzen, aber ich habe alles unter Kontrolle, das Königreich ist noch immer in einem Stück und ich brauche dich nicht länger. Warum bist du überhaupt hier draußen und verfolgst mich?«
Er duckt sich unter einem tiefhängenden Ast hindurch. »Ich habe gerade zu Abend gegessen, als ich dich an meiner Tür habe stehen bleiben hören. Ich dachte, du würdest vielleicht zurückkommen, dann habe ich dich auf der Mauer bemerkt und einen Wachposten gesehen, der zum falschen Zeitpunkt seine Position gewechselt hat.«
Standhaft ignoriere ich seinen ersten Satz. In meinem Kopf war die Palastmauer der erste Ort, an den ich gegangen bin, nachdem ich den Strategieraum verlassen hatte. »Du hattest noch keine Probleme mit deinen Mahlzeiten, oder?«
Mir ist bewusst, dass das ein sehr abrupter Themenwechsel ist, aber Kastas Essgewohnheiten sind tatsächlich etwas, das ich im Auge behalten muss. Seine Ernährungssituation war einer der heikleren Punkte unseres Waffenstillstandes. Denn was auch immer dieser verflixte Runenmeister denkt, Kasta ist tatsächlich ein Gestaltwandler, und ich habe ihm die gefälschten Pelze nur gebracht, um ihn hereinzulegen, weil es zum Verzweifeln war, wie gut Kasta seine echten versteckt hat. Zumindest habe ich jetzt etwas gegen ihn in der Hand. Kasta arbeitet klaglos für mich und ich hüte sein Geheimnis, damit er nicht für den Rest seines Lebens in der Armee dienen muss wie alle anderen Gestaltwandler in Orkena.
Während wir über all das diskutiert haben, hat Kasta nicht gezögert, mich darauf hinzuweisen, dass er wegen meiner neuen Maia-Klausel, die allen Gestaltwandlern eine gerechte Verhandlung gewährt, für unschuldig befunden werden würde, da er nicht um der Macht willen getötet hat. Ich hingegen habe ihm ins Gedächtnis gerufen, dass ich als Mestrah, wenn ich es will, sein Recht auf eine Verhandlung aufheben kann.
Und damit habe ich mich endgültig als Erpresserin etabliert.
Aber nichts von alledem ändert etwas an der Tatsache, dass er nach wie vor einmal die Woche Menschenfleisch essen muss oder dass der tiefgefrorene Vorrat der Armee – die Leichen verstorbener Verbrecher – nichts ist, was man einfach unbemerkt an sich bringen kann. Deshalb führt er seitdem die Aufsicht über diesen Vorrat. Und wenn etwas davon verschwindet, wird es niemand außer ihm je erfahren.
»Nein«, antwortet er, »niemand zweifelt an mir.«
»Gut.«
»Die bessere Frage ist, was du allein hier draußen machst?« Seine Augen werden schmal. »Normalerweise bist du immer mit jemandem zusammen. Mit deiner raffinierten Schwester-Freundin oder deinem Vater.«
»Sie sind genauso erschöpft wie ich. Ich habe ihnen die Nacht freigegeben.« Und sofort ärgere ich mich über mich selbst. Ich habe ihm gerade erzählt, es wäre alles bestens. »Hör auf, Fragen zu stellen. Ich muss überlegen, wie ich diese Sache handhaben will, und dann in meine Gemächer zurückkehren, um zu feiern, wie wunderbar alles läuft.«
Einen Augenblick später steht er vor mir und versperrt den Eingang zum Palast. Dunkles Haar lockt sich um seine Ohren. Seine blauen Augen sind schwarz umrahmt und stechend. Und seine schwarze Offizierstunika ist absichtlich so tief ausgeschnitten, damit die blutrot wirbelnde Sonne auf seiner Brust – der Zwilling meiner eigenen – mittig zu sehen ist.
Mein Blick verweilt eine Sekunde zu lange darauf.
»Bist du schon bereit zuzugeben, dass du dich geirrt hast?«
Ich knirsche mit den Zähnen. »Niemals …«
»Dann nehme ich an, dass es Zeitverschwendung ist, dir zu sagen, dass dieses kleine Problem, das du mit deiner Magie hast, nicht einfach weggehen wird. Und deine Schar von Leuten wird das irgendwann auch herausfinden. In einem Monat. Oder in sechs.«
Ich beschließe, dass ich es hasse, wie schlau er ist. Und dass er bereits erraten hat, warum ich so spät noch allein hier draußen, hoch über den öffentlichen Gärten, unterwegs bin. Mit wachsendem Grauen wird mir klar, dass ich es gleich wieder tun werde. Ich werde nachgeben, genau wie ich es im Fall der Verlorenen getan habe. Ich werde akzeptieren, dass ich ihn brauche, und inzwischen habe ich nicht einmal die Ausrede, dass ich es nicht besser weiß. Er ist der Drache, der seinen Kerker öffnet und mir das Gold darin zeigt. Und die Fesseln. Und jede Falle, die er gestellt hat. Und ich werde einfach hineinspazieren, die Tür hinter mir schließen und fragen, welche Fessel wohin soll. Und er wird mir antworten, dass ich mir die Mühe sparen kann, weil er weiß, dass ich so oder so wiederkommen werde.
Ich stoße einen langen Atemzug aus und Kasta lächelt.
»Götter, zeig es mir einfach«, sage ich.
Während des ganzen Fußmarsches erwarte ich, dass Kasta mir mitteilt, was er als Gegenleistung erwartet. Weniger Überprüfungen durch Marcus. Einen Tierpelz, damit er seine Gestalt wechseln kann. Aber er bewahrt Stillschweigen. Wir bleiben vor der Waffenschmiede stehen, um die Forsvine-Fessel abzugeben. Danach kann ich seine Gedanken wieder hören oder zumindest ein Summen, denn meine Flüstermagie fängt den animalischen Teil seiner Gestaltwandlermacht auf. Doch er weiß, dass ich ihn hören kann und lässt nichts Konkretes durchkommen.
Aber die Energie seiner Gedanken ist ungetrübt und fokussiert. Ganz anders als der heftige Aufruhr trügerischer Gedanken. Die Blicke, die er mir zuwirft, sind neutral, das gewohnt berechnende Glitzern in seinen Augen ist erloschen.
Was eigentlich noch verdächtiger ist.
Vielleicht ist er einfach zuversichtlich, dass seine Hilfe etwas verändern wird.
Wir suchen das Quartier der Generalin auf, um über den Angriff Bericht zu erstatten. Sie kennt bereits den Namen des Verräters und hat eine Liste von Personen, mit denen er in Kontakt stand, außerdem die Bestätigung, dass in der Spritze eine Mischung aus einem Beruhigungsmittel und Forsvine war. Das Ganze war wohl ein Entführungsversuch. Diese Erkenntnis ist eine kleine Erleichterung in Anbetracht der Tatsache, dass wir von einem Attentat ausgegangen sind, obwohl ich bezweifle, dass der Verräter mich an einen angenehmen Ort gebracht hätte.
Dann ordnet die Generalin an, dass ich nicht länger allein sein darf, nicht einmal in meinem Zimmer, bis sie dieser Sache auf den Grund gegangen ist. Sie versucht, mir eine Leibwache aufzudrängen. Ich erwidere – und verfluche mich einmal mehr dafür –, dass ich Kasta habe. Das trägt mir ein sehr abfälliges Stirnrunzeln ein, denn die Generalin ist abgesehen von meinen Ratgebern die einzige Person, die weiß, dass Kasta nicht freiwillig abgedankt hat. Jet hat es nicht gewagt, das vor seiner Mutter geheim zu halten. Aber sie lässt Kasta und mich mit einer missbilligenden Handbewegung ziehen.
Und dann stehe ich in dem Raum, den ich ihm zugewiesen habe.
Nach seiner erzwungenen Abdankung hatte ich für eine Weile unbegreiflicherweise die paranoide Befürchtung, Kasta könnte weglaufen. Bisher habe ich es vermieden, irgendjemandem zu erklären, warum mich dieser Gedanke so in Panik versetzt. Deshalb war dieser Raum anfangs mit Magie belegt, damit die Fenster sich nicht öffnen lassen. Und jedes Mal, wenn Kasta sein Zimmer verlassen hat, wurde ein Wachposten benachrichtigt. Dann ist mir klar geworden, dass diese Maßnahmen ungesund und besitzergreifend sind, und ich habe beides gestoppt. Das hatte jedoch nichts damit zu tun, dass ich ihm in der vergangenen Woche die Verlorenen gezeigt und begriffen habe, dass er nicht fliehen wird, weder mit noch ohne sie.
Davon abgesehen finde ich, dass ich angemessen großzügig war. Dies ist eins der Offiziersquartiere im Militärflügel, natürlich nicht so prachtvoll wie seine königlichen Gemächer, aber groß genug, um die Scharade aufrechtzuerhalten, dass er glücklich als einer meiner hochgeschätzten Ratgeber arbeitet. Zwei große Fenster, die sich öffnen lassen, zeigen dunkle Bereiche des inneren Palastes und den Trainingsbereich der Armee. Mondlicht schimmert auf einem Ebenholzschreibtisch auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes und die Tischbeine sind mit Schnitzereien in Form von Okas Skorpionen versehen. An einer Wand steht ein Bett mit schwarzen Laken und auf der anderen Seite führt eine geflieste Öffnung in den Waschraum.
Während sich verzauberte Fackeln entzünden und in einem kalten, schläfrigen Blauton leuchten, umrundet Kasta den Schreibtisch. »Ich gebe zu, dass ich schon viel länger daran forsche, als du weißt. Und bevor du mich anschreist, ja, Marcus weiß davon, und nein, er hat es dir nicht erzählt, weil ich ihn darum gebeten habe.«
Und da schwindet sie dahin, meine Hoffnung, dass er nichts vor mir verbergen würde.
»Wie bitte?«, frage ich. »Warum würde er damit einverstanden sein? Er schaut überhaupt nur deshalb jeden Tag vorbei, um sicherzustellen, dass du an nichts arbeitest, woran du nicht arbeiten solltest …«
»Weil ich mir nicht ganz sicher war, ob es ein Problem darstellt. Er fand ebenfalls, dass es besser wäre, mit irgendwelchen Erklärungen zu warten, in Anbetracht des Drucks, unter dem du stehst. Wenn du magst, kannst du ihn fragen.«
Meine Beeinflussungsmagie lodert auf. »Kasta …«
»Weißt du«, unterbricht er mich und das Licht der Fackeln beleuchtet sein Kinn, »für eine Frau, die alles bekommen hat, was sie wollte, benimmst du dich schrecklich paranoid. Du hast mich in Ordnung gebracht, oder nicht? Bin ich noch immer nicht alles, was du willst?«
Und da ist sie wieder, diese ärgerliche Hitze in meinen Adern, die Erinnerung an das, was immer wir nun füreinander sind. Denn er hat recht. Um unseren letzten Streit zu beenden, habe ich ihm tatsächlich einen Teil seiner selbst entrissen: sein unersättliches Verlangen nach Magie oder besser gesagt, die Furcht davor, keine Magie zu besitzen. Denn das hat ihn zu den schrecklichen Dingen während der Durchquerung getrieben und dazu, die Kriegsdolche zu entwerfen. Waffen, die unseren Soldaten grenzenlose neue Macht verliehen hätten. Was unseren Sieg vielleicht sichergestellt hätte, vielleicht, aber auf die denkbar blutigste Weise und ohne Rücksicht auf zukünftige Konsequenzen.
Jetzt ist dieser Keil zwischen uns verschwunden. Und obwohl ich weiß, dass mein Tun nichts an seiner unbarmherzigen Herangehensweise an den Krieg geändert hat, wirkt er doch geduldiger und konzentrierter. Und er scheint weniger erpicht darauf zu sein, sich zurückzuholen, was ich ihm gestohlen habe.
Ich habe Angst, dass ich ihn genau zu dem Mann gemacht habe, den ich wollte.
»Sag mir einfach, was los ist«, bitte ich ihn.
Seine Augen funkeln, während er einen schwarzen, handflächengroßen Stein aus einem mit Seide gefütterten Schmuckkasten nimmt. »Du weißt bereits, dass jede Magie ihren Preis hat.« Er dreht den Stein um. »Feuerwirbler verlieren irgendwann ihre Fähigkeit, warm zu bleiben. Flüsterer wie du und dein Vater werden taub für die Tiere in ihrer Obhut. Mein Vater musste seine Körperkraft für die Fähigkeit des Gedankenlesens eintauschen. Und Beeinflussungsmagie stellt keine Ausnahme dieser Regeln dar.« Der schwarze Stein blitzt auf und das Licht der Fackeln schimmert schwach durch ihn hindurch. Jetzt, da ich ihn aus der Nähe betrachte, sieht er eher wie ein Stück Glas aus.
