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Auftakt der Fantasy Trilogie von Natalie Mae Überlasse die Monster den Monstern. Eine Fantasy-Abenteuergeschichte über ein Mädchen, das als menschliches Opfer auserwählt wurde und in einem tödlichen Spiel zwischen drei Thronerben landet, die alles für die Krone tun würden. Zahru hat lange davon geträumt, das Königreich Orkena zu verlassen und die Abenteuer zu erleben, von denen sie bisher nur in Geschichten gehört hat. Aber als einfache Flüsterin, die mit Tieren sprechen kann, ist ihr Platz in den königlichen Ställen, bis ihre Magie eines Tages versiegen wird. Alles ändert sich, als der kränkelnde Herrscher die Querung einberuft: ein todesmutiges Rennen zwischen seinen Erben, bei dem der Sieger den Thron besteigen und beispiellose Fähigkeiten erhalten wird. Dafür müssen sie nur das Ziel in der Wüste erreichen - und am Ende der Reise einem menschlichen Opfer das Leben nehmen. Während das ganze Königreich in Aufruhr ist, ergreift Zahru die Chance, ihr Schicksal für nur eine Nacht zu ändern und schleicht sich in den Palast, um einen Vorgeschmack auf das Fest zu bekommen. Doch der Plan entpuppt sich als tödlicher Fehler, als sie in eine Fehde zwischen den Thronerben verwickelt und zum menschlichen Opfer der Querung ernannt wird. Zahru bleibt nur eine Chance auf Überleben: Sie muss irgendwie herausfinden, wie man die gefährlichsten Menschen der Welt bezwingen kann. #LoveTriangle #PageTurner #WüstenSetting #EnemiestoLovers
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Seitenzahl: 604
Veröffentlichungsjahr: 2024
Natalie Mae
Ausführliche Informationen über unsere Autorinnen und Autoren und ihre Bücher
www.leaf-verlag.de
1. Auflage 2024
Originalausgabe:
Copyright © 2024 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland
Copyright © 2024 by Natalie Mae
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Textredaktion: Yvonne Lübben
Übersetzung ins Deutsche: Michaela Link
Coveranpassungen: Kim Leopold unter Verwendung von Motiven von © Anat Chant, © Ozgun Evren Erturk (Adobe Stock), © deer boy (Shutterstock)
Innengestaltung: LEAF Verlag unter Verwendung von Motiven von © Kirill (Adobe Stock)
Gesetzt aus der der Adobe Caslon
Satz: LEAF Verlag
ISBN 978-3-911244-20-6
Für Eve.
Damit du weißt, dass du dir selbst die kühnsten Träume erfüllen kannst.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Epilog
Danksagung
Alle guten Geschichten fangen mit schlechten Entscheidungen an.
Dieses fragwürdige Mantra wiederhole ich in Gedanken, während wir beobachten, wie das Schiff einläuft. Es ist wunderschön, ganz anders als die schlichten Holzkanus, von denen es in den Flusshäfen Ateras nur so wimmelt. Der Rumpf ist aus Glas. Durch ihn hindurch kann ich die Morgendämmerung und den orangefarbenen Sand der Wüste sehen, das Wasser und das von Schilf bewachsene Ufer. Als das Schiff näher kommt, lässt die Sonne seine Umrisse wie Feuer erstrahlen und der dunkelblaue Baldachin darüber flimmert in der Hitze. Wachen mit goldenen Leopardenmasken und Sichelschwertern patrouillieren an der Reling entlang und die Magie, die es antreibt, hinterlässt einen Schweif aus verblassenden Sternen.
Es ist ein Schiff, auf dem Legenden entstehen.
Und eins, auf dem wir schlechte Entscheidungen treffen werden. Aber Hen hat gesagt, ich soll aufhören, daran zu denken.
Schließlich habe ich tausendmal morgens auf diesem Dach gelegen und mir vorgestellt, an all die unglaublichen Orte zu segeln, von denen die Wüstenreisenden erzählen. Und auf Nummer sicher zu gehen, hat mir kein einziges Mal dazu verholfen, in ihre Fußstapfen zu treten. Denn beginnen ihre Abenteuer jemals mit den Worten »Nun, ich saß geduldig zu Hause und wartete darauf, dass etwas passiert, und dann passierte es!«? Nein – richtige Geschichten fangen an mit Risiken – jemand nimmt eine falsche Identität an, schluckt einen Trank ungewisser Herkunft, vertraut einem geheimnisvollen Fremden.
Ich bin mir zwar nicht sicher, ob jemals eine Geschichte damit losging, einen Priester zu belügen, aber wie schon gesagt, darüber denke ich jetzt lieber nicht nach.
»Da ist er«, stellt Hen fest und zeigt auf besagten Priester, einen kahlköpfigen Mann ohne Hemd, der vorn auf dem Schiff steht.
Wir liegen auf dem Dach ihres Hauses, eines der vielen Flachdachhäuser, die das Flussufer säumen. Über dem Obergeschoss bietet sich ein perfekter Blick auf das Schiff, ohne dass wir selbst Aufmerksamkeit auf uns ziehen.
Der Priester hält den Blick gesenkt und sieht den Kindern zu, die in ihren bunten, flatternden Tuniken jubelnd das schlammige Ufer entlangtoben.
Die Gebetstätowierungen rund um seine bleichen Arme und das reine Weiß seines Tergus-Kilts hätten den Priester verraten, selbst wenn Hen mich nicht auf ihn aufmerksam gemacht hätte.
Er ist derjenige, der das Passagierbuch bei sich führt, das wir brauchen. Niemand geht an Bord, wenn sein Name nicht darin aufgeführt ist. Aber wenn ich jetzt nicht zum Palast gelange …
Eine zweite Gelegenheit wird sich mir nicht bieten. Es ist das erste Mal seit sechshundert Jahren, dass ein königliches Schiff im Hafen von Atera anlegt.
»Die da müssen wir wirklich im Auge behalten«, erklärt Hen und zeigt auf eine Frau in einer atemberaubenden blauen Jole, einem formellen Wickelkleid, wie der Adel es bevorzugt. Ihres ist geschmückt mit Perlen und echten Lilien und ich versuche blinzelnd, die Warnung meiner Freundin zu verstehen. Diese Frau hat absolut nichts Einschüchterndes an sich. Verglichen mit den bewaffneten Wachen und der finsteren Miene des Priesters bietet sie einen weiteren erfreulichen Anblick.
»Wer ist das?«, flüstere ich.
»Galena von Juvel«, brummt Hen. »Königliche Materialistin und meine Erzfeindin. Sie hat die Lotusstiefel bekannt gemacht.«
Ich betrachte die Füße der Frau. Ihre Sandalen sehen nicht anders aus als die, die Hen oft trägt, aber statt am Knöchel zu enden, schlängeln sich bis zu den Knien schwarze Lotusblüten an ihren braunen Beinen empor.
»Ich finde die Sandalen süß«, gestehe ich.
»Natürlich sind sie das! Sie waren meine Idee!«
Eine der Wachen schaut zu unserem Dach und wir ducken uns.
»Wir haben das doch besprochen«, flüstere ich. »Nur weil du jede Woche einen Bericht über das Leben berühmter Personen bekommst, heißt das nicht, dass sie auch nur die geringste Ahnung haben, wer du bist. Ich bin mir sicher, dass das nur ein Zufall war.«
»Ach ja?«, erwidert Hen und funkelt die Frau an, die auf dem Schiff an uns vorbeigleitet. »Oder war es eine Verschwörung?«
»Nun, wenn du die Königliche Materialistin bist, kannst du sie fragen.«
»Oh, das werde ich.« Sie beißt die Zähne zusammen. »Darauf kannst du Gift nehmen.«
Ich kichere. Was ich an Hen mit am liebsten mag, ist ihr absolutes Selbstvertrauen. Als wäre es nur eine Frage der Zeit, dass aus der einfachen – wenn auch anerkannten – jungen Materialistin in Atera die Person wird, die die neueste Mode für die Königin anfertigt. Obwohl sie in Wirklichkeit bereits auf dem Weg dorthin ist. Wir sind beide sechzehn und dieser Sommer wird der letzte unserer Lehrzeit sein. Hen hat bereits Dutzende Anfragen von Adeligen aus Orkena erhalten, die gern ihre Dienste in Anspruch nehmen wollen, sobald sie Meisterin geworden ist. Schon bald wird sie das Land bereisen und ihr seltenes Talent nutzen, die ungewöhnlichsten Materialien miteinander zu kombinieren. Feuer, Licht oder einen Streifen Wasser (von Sternen beleuchtet) für die Kleidung der Auserwählten. Sie kann aus Mondschein Kleider fertigen und Umhänge mit Tau durchtränken, sodass sie selbst an den heißesten Nachmittagen kühl bleiben.
Den Beginn meines Weges als Meisterin dagegen kann hier nur eine Person kaum erwarten: Das bedeutet mir zwar auch viel, aber es ist eben nicht das Gleiche.
Hens Name steht bereits auf der Passagierliste. Ich versuche, nicht allzu genau darüber nachzudenken, warum meiner es nicht tut und dass das einer der vielen Gründe ist, warum sich unsere Wege trennen werden.
»Bitte sprich sie nicht heute auf die Stiefel an«, sage ich, denn ich kenne das Glitzern in Hens Augen.
Ihr schwarzes Haar schwingt um ihre Schultern, als sie mich ansieht. »Ich verspreche nichts, wenn es um Krieg geht.«
»Und ich werde dir später mit Freuden helfen, ein Komplott zu schmieden. Aber können wir uns jetzt auf die größere Sache konzentrieren, die ich wahrscheinlich bereuen werde? Sie haben die Anlegestelle fast erreicht.«
Hens braune Augen werden schmal, während sie dem Schiff nachschaut. Sie klopft sich mit einem Finger auf die Lippen und steht auf. »Komm mit.«
Sie verschwindet die Leiter durchs Dach hinunter. Ich folge ihr hastig und fange mir einen Splitter ein, als ich zu schnell am Holz hinuntergleite und auf den gefliesten Boden des Flurs im Obergeschoss falle. Kühle Luft dringt aus den verzauberten Lehmziegelmauern. Der Kältezauber ist unter einer Schicht cremeweißen Stucks versteckt. In Kürze wird es im Haus sehr viel kühler sein als draußen in der Hitze. Ich versuche, so viel wie möglich davon durch mein dünnes Arbeitskleid in mich aufzunehmen. Im Stall ist es zwar nie unerträglich heiß, aber es ist definitiv kein Vergleich zu der Kälte in Hens Haus.
Während wir über Matten in Regenbogenfarben laufen, kommen wir an Räumen vorbei, die ich genauso gut kenne wie meine eigenen.In Hens Schlafzimmer türmen sich Stapel aus dunklem, schimmerndem Stoff; das Zimmer ihrer Mutter ist fast genauso vollgestopft, die Wände und Kommoden mit seltenen Gegenständen bedeckt, die sie gegen ihre Tränke eintauscht. Ein leuchtender bunt gewebter Teppich aus dem Flussland strahlt mit dem Licht um die Wette und auf dem Nachttisch steht eine geschnitzte Giraffe aus Sandel- und Ebenholz.
Bevor meine Mutter krank wurde, ist sie mit Hens Mutter durch alle Länder der Erde gereist, hat Tränke verkauft und die Eindrücke der ganzen Welt in sich aufgesogen. Ich habe ihr oft erzählt, dass Hen und ich es eines Tages genauso machen werden, bevor ich verstanden habe, dass die Magie, mit der ich geboren wurde, mir nicht dabei helfen wird, Atera zu verlassen. Anscheinend beeindruckt die Fähigkeit, mit Tieren sprechen zu können, tatsächlich niemanden – auch die meisten Tiere nicht. Und so fehlt mein Name leider im Passagierbuch des Schiffes.
Aber nicht einmal unsere Mütter waren je im Palast.
Und das Fest heute Abend, das eine einzige herrliche, von Wundern erfüllte Nacht sein wird, ist meine einzige Chance, einen Blick auf das Leben zu erhaschen, das Hen und ich niemals werden führen können.
Ich darf dieses Schiff nicht verpassen.
»Wir halten uns an den Plan: ablenken und beherrschen«, sagt Hen, während sich der Saum ihres grünen Wickelkleids aufbauscht, als sie die Rosenholztreppe hinabsteigt. »Du wirst für die Ablenkung sorgen, damit ich dem Priester das Buch aus der Tasche klauen kann. Ich mache mich aus dem Staub, füge deinen falschen Namen hinzu und bringe es zurück. Wenn sie später die Passagiere überprüfen – tada –, stehst du mit drauf.«
»Und du trägst mich als Trankmacherin ein, richtig?«, frage ich.
Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es das Sicherste ist, eine falsche Identität anzunehmen, um auf das Schiff zu gelangen, damit niemand mich als Flüsterin erkennt, die absolut nicht dorthin gehört. Es schien mir nur natürlich, den Namen und die magische Fähigkeit meiner verstorbenen Mutter zu benutzen (und die von Hens Mutter). Deshalb weiß ich einige grundlegende Dinge darüber, falls jemand fragt. Ganz zu schweigen davon, dass es an Bord durch und durch unpraktisch wäre, die Herstellung von Tränken zu demonstrieren. Anders als die Kräfte der Elementarmagie, die sich aus der Luft heraufbeschwören lassen.
»Ja«, bestätigt Hen.
»Und du bist dir sicher, dass sie mich nicht zwingen werden, es zu beweisen?«
Sie tut meine Frage mit einem Achselzucken ab. »Überlass die Sorge um die Details mir. Denk lieber an das fantastische Fest, das uns erwartet. Juwelengeschmückte Gärten, in denen Pfauen umherstolzieren, eine Tanzfläche von der Größe einer Stadt …«
»Hen, wenn ich als das Menschenopfer ende, weil du an Tanzflächen gedacht hast statt an die Vorschriften des Wettbewerbs …«
Hen hält inne und lehnt sich mit ernster Miene an die Wand. »Das ist nicht mein erstes Mal, Zahru.«
Soll heißen, dass sie nicht zum ersten Mal das Gesetz bricht. Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Es mag den Anschein erwecken, als würde ich das alles gelassen aufnehmen, aber ich bin auch das Mädchen, das in eine moralische Krise gestürzt ist, nachdem ein Kaufmann ihr zu viel Wechselgeld herausgegeben hat, und ich erwähne gar nicht erst, dass mich diese Lüge vermutlich mein ganzes Leben lang verfolgen wird.
»Der Sache ist jemand für mich nachgegangen«, fährt sie fort. »Die Beamten dort haben so viel zu tun, dass sie uns, falls wir erwischt werden, nur vom Palastgelände entfernen werden. Und das Opfer zu erbringen, ist eine heilige Ehre, wie du weißt.«
»Richtig«, sage ich und zapple aufgeregt herum, während Hen die Treppe weiter hinabsteigt. Aber die Erinnerung daran, was heute Nacht wirklich passiert, dämpft meine Aufregung ein wenig. Seit Seine Majestät, der Mestrah, die Durchquerung angekündigt hat, ist die Stimmung in Atera so aufgeladen, dass man leicht vergessen kann, dass nach den ganzen Festen und Feierlichkeiten Menschen ihr Leben für die Zukunft Orkenas aufs Spiel setzen werden. Die königlichen Schiffe bringen heute jeweils eine Person aus jedem vornehmen Haushalt des Landes in den Palast, darunter eine ausgewählte Gruppe von Meistermagiern, die an dem Wettbewerb teilnehmen werden. Während diese Kandidaten um einen Platz im Team der Prinzen oder der Prinzessin konkurrieren, werden die anderen wie Hen (und hoffentlich ich) durch den Palast in einen Zuschauerbereich geführt, wo wir die Auswahlprozedur verfolgen können.
Wenn die königlichen Erben morgen ihre Teams gewählt haben, treten sie ein wochenlanges Rennen durch die Wüste an, während dem sie gegen die Elemente, gegeneinander und nur die Götter wissen wogegen sonst noch kämpfen werden, um die heiligen Glashöhlen zu erreichen. Wo der Gewinner, dem es bestimmt ist, unser neuer Mestrah zu werden, seinen Sieg sichern muss, indem er ein menschliches Leben opfert.
Die Götter haben seit Jahrhunderten keine Durchquerung der Wüste mehr verlangt. Ich weiß, dass ich dem Mestrah vertrauen und nichts als Stolz wegen der Wiedereinführung des Wettbewerbs empfinden sollte, aber ich kann nicht vergessen, dass ein früherer Mestrah das Rennen als zu brutal erachtet und es deshalb abgeschafft hat. Ich frage mich, was die Meinung der Götter geändert hat.
»Wo geht ihr hin?«, ruft Hens Mutter, als wir die unterste Treppenstufe erreichen.
Wie meist am Vormittag sitzt Hens Mora auf einem fröhlichen gelben Teppich im Hauptraum, die rundlichen Beine im Schneidersitz verschränkt, während sie ihre Waren für den Markt ordnet. Kleine Flügel, mit Kohlestift gezeichnet, schmücken ihre Augen. Die Zutaten für die Tränke liegen in allen Farben des Regenbogens um sie herum: gelbe Phiolen mit Palmöl, blaue Skorpionsscheren, orangefarbene Käferflügel, rosafarbene Lotusblüten und grüner Wüstensalbei. Tropfen aus flüssigem Gold, die Fokuspunkte, umringen ihre beigefarbenen Handgelenke, halten ihre Hände ruhig und zentrieren die Magie, die sie für die Tränke einsetzen wird.
»Ach, ich ziehe nur los, um einen Priester zu belügen und mich auf das Fest im Palast zu schmuggeln«, antworte ich und bemühe mich, raffiniert zu klingen.
Ich will versuchen, mich wirklich auf diesen tollkühnen neuen Lebensstil einzulassen, und Hens Mutter bietet mir eine gute Gelegenheit, das zu zeigen, denn sie wird mich nicht ernst nehmen.
»Oh, gut«, antwortet sie – und nimmt mich ernst. »Ich schmiede auch schon Pläne, seit dieser säuerliche Bote mir mitgeteilt hat, dass nur eine von uns hingehen darf.«
»Sie hat behauptet, zwei Töchter zu haben«, berichtet Hen und streift mich mit einem Blick.
Ihre Mutter verzieht grimmig das Gesicht. »Und weißt du, was er geantwortet hat? ›Schick die Hübschere hin. Du bist zu alt.‹ Dieser Stockfisch. Ich hoffe für ihn, dass er in nächster Zeit nicht meine Dienste benötigt.« Sie lächelt, während sie eine grüne Flüssigkeit in eine bauchige Phiole gießt und damit die getrocknete Tarantel auf deren Boden bedeckt.
Ich muss zugeben, dass sie die einzige Person auf der Welt ist, die mir mehr Angst einjagt als Hen. Deshalb bin ich sehr froh darüber, dass sich nach dem Tod meiner Mutter und nachdem Hens Vater beschlossen hat, »sich zu eingeengt« zu fühlen und das Land zu verlassen, die zerfransten Enden unserer Familien miteinander verwoben haben. Ich nenne sie ebenfalls Mora, um ihr zu zeigen, was sie mir bedeutet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Frau jemanden für mich vergiften würde.
»Passt auf euch auf, meine Herzen«, sagt Mora und zerbröselt ein Flöckchen Gold über dem jetzt schäumenden Trank. »Und lasst mich wissen, wenn ihr Hilfe braucht.«
Wir versprechen es und küssen sie zum Abschied auf die Wangen. Dann geht es durch den Vorhang aus Saphiren, der die Tür in Schatten hüllt, hinaus in die Morgensonne – und hinein in eine riesige Menschenmenge.
»Tschuldigung«, sagt Hen und drängt sich an zwei kleineren Jungen vorbei.
Ich folge ihr durch das Gewimmel aus reich gefärbten Wickelkleidern und den mit edelsteinbesetztem Haar der Architekten und Traumwandler durch eine Handvoll sandfarbener Kilts oder dreckverkrusteter Arbeitsgewänder der Gärtner und Weber – niedere Magier, wie ich eine bin. Anscheinend ist die ganze Stadt am Ufer zusammengekommen, um sich den Anblick des Priesters und seiner magischen Barke nicht entgehen zu lassen.
Ich spüre das Pflaster von polierten Ziegelsteinen unter den nackten Füßen, als Hen uns in eine Nebenstraße führt. Nicht dass es dort ruhiger zugehen würde. Auch hier drängen sich die Menschen dicht an dicht, beugen sich über eiserne Balkone, um zu fragen, ob das Schiff schon angelegt hat, und geben Wetten ab, welche aterischen Kandidaten in welchem Team landen werden.
In unserer Stadt kommen sechs Kandidaten infrage, denke ich. Der Mestrah hat verkünden lassen, dass jeder höherrangige Meister im Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren antreten kann. Dann befinden sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Magie und sind somit die besten Optionen für die Thronerben. Mit nur noch zwei Monden Ausbildung vor sich hat Hen den Stichtag knapp verpasst.
Gesprächsfetzen dringen mir ans Ohr und ich versuche, sie zu verstehen.
»… dachte, der Mestrah würde Prinz Kasta zu seinem Erben erklären«, überlegt ein Mann laut. Er hat sattbraune Haut und trägt glitzernde Ringe an den Fingern. »Seltsam, dass die Götter nach so langer Zeit eine Wüstendurchquerung fordern. Denkst du, es steckt mehr dahinter?«
»… ein Menschenopfer! Ich dachte, das hätten wir hinter uns gelassen …«
»… sollten die Straßen von diesen dreckigen Bauern befreien«, jammert eine Frau mit Porzellanhaut und auffälligem goldenen Kopfschmuck. »Warum sind sie überhaupt hier? Nichts von alledem ist für sie bestimmt.«
»Mach dir nichts draus«, flüstert Hen, als die Frau mich mit geschürzten Lippen geringschätzig mustert. »Ich habe eine Menge gegen sie in der Hand. Soll ich ihrem Mann von ihrem Liebhaber erzählen? Oder ihren Kunden, dass sie ihnen nur die Hälfte ihrer Falten glättet, damit sie die Woche drauf wiederkommen müssen?«
Ich starre Hen an. »Woher weißt du solche Dinge?«
»Es ist meine Aufgabe, das zu wissen.«
»Deine Aufgabe ist es, Kleider zu entwerfen.«
Ein Achselzucken. »Reiche reden gern. Ich höre gern zu.« Sie grinst. »Beeil dich, wir müssen ihn abfangen, bevor er Numets Tempel erreicht. Danach wird die Liste viel besser bewacht werden.«
Numets Tempel ist die prächtigste der drei Gebetsstätten Ateras. Ich würde ja argwöhnisch werden, weil Hen den Plan des Priesters kennt, aber es ist nur logisch, dass ein Priester Zeit damit verbringen will, unsere Himmelsgöttin zu ehren – die Gottheit, von der unsere Mestrah abstammen –, bevor er die Fahrt zurück nach Juvel antritt.
Wir weichen der Tochter des Bäckers aus, die ihren Karren mit frischen Broten hinter sich herzieht, und gehen an der Werkstatt der Edelsteinschmiedin vorbei, die aber nicht selbst da ist. Stattdessen steht ihre Ehefrau hinter den Auslagen mit goldenen Ketten und juwelenbesetzten Libellen und nickt uns zu. Wir laufen weiter durch eine Gasse voller Fässer ‚durch die uns verlockende Gerüche von gewürzten Zwiebeln und gebratenem Fisch entgegenwehen. Schließlich stolpern wir hinaus auf eine fast menschenleere Straße an der Grenze vom oberen Bezirk zum unteren. Hier sind die Wege nicht mehr gepflastert, sondern bestehen aus festgestampftem Lehm. An einer Ecke, wo ein paar Häuser stehen, spielen einige Kinder, aber alle anderen befinden sich wohl am Ufer.
Wir eilen zum anderen Ende, damit wir beobachten können, wie die Prozession die Straße heraufkommt. Der Priester und die Königliche Materialistin an der Spitze, flankiert von den Wachen mit ihren Leopardenmasken, und hinter ihnen die halbe Stadt. Vielleicht müssen wir diese Frau doch im Auge behalten. Während die Wachen starr nach vorn schauen (aber wer weiß schon, worauf sich ihre Augen unter diesen Masken wirklich richten), wendet sie ihren rastlosen Blick von der Straße ab und richtet ihn auf den Blumenschmuck, der zur Feier des Tages zwischen den Häusern angebracht worden ist. Und als könnte sie Hens Ärger spüren, sieht sie plötzlich zu uns.
»Sie weiß Bescheid«, sagt Hen und verschränkt die Arme vor der Brust. »Präg dir dieses Gesicht gut ein, Galena. Es wird das letzte sein, das du siehst, wenn die Königin herausfindet, dass du eine Betrügerin bist.«
»Nicht so laut«, ermahne ich sie. »Und vergiss mal kurz deine Rachefeldzüge. Was machen wir jetzt?«
»Woher soll ich das wissen? Ich bin nur hier, um mir das Buch zu schnappen.«
»Na fein, aber für mich sind diese kriminellen Aktivitäten neu. Soll ich auf sie zustürzen wie eine religiöse Fanatikerin oder so tun, als hätte ich mir den Knöchel gebrochen, und vor Schmerzen schreien?«
»Beides gut. Wir sehen uns in ein paar Minuten.« Sie verschwindet in die Richtung, aus der wir gekommen sind.
»Warte!«, flüstere ich. »Wo gehst du hin?«
Aber sie ist schon weg und ich bekomme keine Antwort mehr. Der Ausgang meines Vorhabens hängt nun an mir.
Na schön, Zahru, konzentrier dich.
Wenn sie reiten würden, hätte ich mich mühelos als die Flüsterin der Stadt vorstellen und extrem viel Zeit damit verbringen können, mich um ihre Pferde zu kümmern.
Ich könnte den Segen des Priesters erbitten, aber ich denke, die Wachen würden mich aufhalten, bevor ich in seine Nähe gelange. Sie sind fast da. Götter, vielleicht sollte ich doch den gebrochenen Knöchel vortäuschen und losheulen.
Ich trete an die Straße heran und stelle mir den Ausdruck auf dem Gesicht meines Vaters vor, wenn die Wachen des Priesters mich nach Hause zerren würden. Was habe ich dir immer gesagt, Zahru?, wird er fragen, während die Wachen meine Hände losbinden würden. Du bist ohne einen Plan losgezogen, nicht wahr?
Ja, Fara. Ich bin ohne einen Plan losgezogen.
»Sind das Lotusstiefel?«, kreische ich und bete, dass die Königliche Materialistin nur halb so besessen davon ist, über die Details ihrer Arbeit zu sprechen wie eine gewisse örtliche Materialistin. »Wartet, Ihr …« Ich greife mir ans Herz. »Ihr müsst Galena aus Juvel sein.«
Die Frau lächelt. »Ja, die bin ich.«
»Geh weiter«, blafft mich ein Wachposten an und stößt einen Speer in meine Richtung.
»Oh, lass das Mädchen in Ruhe«, sagt die Frau strahlend und geht um ihn herum. »Wie heißt du?«
Ihr Ton ist ein wenig herablassend, aber ich muss sagen, dass ihre Freundlichkeit mich beeindruckt. »Zahru. Ich bin eine große Bewunderin Eurer Arbeit.«
»Zahru, wie schön, dich kennenzulernen. Ich …«
»Galena«, brummt der Priester.
»Eine Minute, Mai. Sie ist nur ein Mädchen.« Sie dreht sich wieder zu mir um und ihre hübschen violetten Augen – mit Goldpuder und schwarzen Kohlestiftwirbeln verziert – erfassen schnell das schlichte Leinen meines Kleides und meine nackten Füße. »Magst du Mode, Zahru?«
»Ja, Adel. Ich weiß alles über Bronzeösen und Glücksschals.« Keine Lüge, ich weiß zu viel darüber, falls sie mich wirklich etwas fragen sollte.
»Eine weitere meiner erlesenen Erfindungen. Der Glücksschal hat mir diese Stellung verschafft.« Sie zwinkert mir zu und hinter ihr sehe ich etwas Grünes aufblitzen.
»Was hat Euch auf die Idee zu den Lotusschuhen gebracht?« Ich will erst gar nicht so tun, als würde ich nicht für Hen nach einer Antwort suchen, und ich glaube, den grünen Blitz innehalten zu sehen.
»Bei einem sommerlichen Spaziergang unter den Sternen. Der Palast hat mehrere wunderschöne Teiche, die mit Lotusblumen bedeckt sind, und als ich durch einen davon hindurchgewatet bin, ist mir die Idee gekommen.«
Ein Wispern, das stark nach »Lüge« klingt, dringt durch die Menge.
»Das scheint mir eine vollkommen vernünftige Erklärung zu sein«, sage ich laut.
»Hast du gewusst, dass ich aus einem Ort stamme, der noch kleiner ist als Atera?«, fährt die Frau fort und jetzt hat sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit.
»Ach ja?«
»Meine Mutter war eine Materialistin, aber sie starb bei meiner Geburt. Mein Vater war Gärtner. Ohne sie hatten wir nur seinen Beruf, um zu überleben, und ich habe viele Jahre meines Lebens ohne irgendwelche Schuhe verbracht.«
Ich schlucke und bohre die Zehen in den Sand. Das hier ist viel persönlicher geworden, als ich es beabsichtigt hatte, und ich weiß, ich habe gesagt, ich würde mich in so ziemlich allem auf Hens Seite stellen, aber sie hat mir nicht erzählt, dass auch Galena ohne ihre Mutter aufgewachsen ist.
»Hier.« Sie schickt sich an, ihre Schuhe aufzuschnüren.
Die Menge schnappt nach Luft und als mir klar wird, was sie da tut, bleibt mir das Herz stehen. Oh, ihr Götter. Ich hoffe, Hen ist fertig mit …
»Nimm sie«, sagt sie und reicht mir die Schuhe, die um ein Vielfaches teurer sind als alles, was ich je besitzen werde. »Und denk daran, ganz gleich, in welche Umstände du hineingeboren wurdest, du kannst mehr erreichen.« Sie lächelt und geht davon.
Ich kann ihr nur nachstarren, mein Herz fühlt sich in meiner Brust wie eine Libelle an. Wahrscheinlich sollte ich durch diese Begegnung eine wichtige Lebenslektion über Ehrlichkeit und harte Arbeit lernen, aber ich kann nur daran denken, wie ähnlich unsere Geschichten sind. Und dass sie jetzt an der Seite eines Priesters auf einem gläsernen Schiff reist. Das muss ein Zeichen sein. Dass das hier meine Bestimmung ist und dass sich alles zum Besten wenden wird. Und vielleicht wird es noch wunderbarer, als ich es mir ausgemalt habe.
Erst nachdem die letzte Wache vorbeimarschiert ist und die Menge auf mich zukommt, um tuschelnd die Lotusstiefel zu betrachten, fällt mir ein, dass ich eine Mission habe. Jemand bittet mich, die Schuhe berühren zu dürfen, und normalerweise wäre ich geblieben und hätte sie mit Freuden geteilt, aber jetzt presse ich sie mir an die Brust und flitze zum Ende der Straße, wo ich Hen habe verschwinden sehen. Das Blut pulsiert unruhig und rastlos durch meine Adern. Ich gehe durch die Gasse und zurück in den oberen Bezirk, um eine Ecke herum – und pralle gegen Hens verschränkte Arme.
»Götter!« Ich stoße einen spitzen Schrei aus und lasse fast die Schuhe fallen. »Hen! Hast du es geschafft?«
Hens braune Augen werden schmal. »Es ist erledigt.«
Mit einem freudigen Kreischen umarme ich sie. Natürlich weiß ich genau, was sie als Nächstes sagen wird, aber das ist mir in meiner Begeisterung gleichgültig. Wir gehen fort. Wir verlassen Atera, um zum Palast zu reisen, wo es Bäume gibt, an denen Juwelen blühen, und goldene Räume so groß wie Städte. Wir werden Schokolade essen, bis uns schlecht wird. Wir werden mysteriösen Fremden folgen und Geheimgänge finden und Zeugen von mindestens einem spektakulären Rettungsmanöver werden, denn in den besten Geschichten rettet immer irgendwer irgendjemanden.
Und wenn wir zurückkehren, werden Hen und ich eine Erinnerung mitbringen, genau wie unsere Mütter. Vielleicht wird es unsere letzte gemeinsame sein, bevor Hen im Herbst fortgeht. Oder vielleicht, denke ich und presse die Schuhe an mich, wird es die erste von vielen sein.
»Du berührst mich mit ihren Schuhen«, beschwert sich Hen.
»Entschuldige«, sage ich und trete einen Schritt zurück. Aber mein Grinsen lässt sich nicht unterdrücken. »Ich habe getan, was die Mission erforderte.«
Ein Seufzer. »Du warst wirklich sehr gut.«
»Überzeugend?«
»Ich nehme es an.« Obwohl ich das Ergebnis des Ideendiebstahls ihrer Feindin in Händen halte, kann sie sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Sie schüttelt mich an den Schultern. »Wir gehen zum Bankett.«
Ich stoße ein weiteres Kreischen aus und diesmal stimmt sie mit ein.
»Wir müssen nur noch eine Sache erledigen«, sagt sie mit einem neuen Glanz in den Augen.
»Erzähl mir nicht, dass du jetzt hinter Galena herwillst.«
»Oh, sie wird noch dafür bezahlen. Aber zuerst müssen wir uns um wichtigere Dinge kümmern.« Ihr Lächeln vertieft sich. »Es ist Zeit für Phase zwei.«
Ich blinzle. »Es gibt eine Phase zwei?«
»Ja. Eine, die deinem zarten Gewissen zu schaffen machen wird.« Sie grinst ein bisschen selbstgefällig. »Verabschiede dich von deinem Vater; ich komme dann so schnell ich kann.«
Leise schlüpfe ich in den Stall. Ich fürchte mich etwas davor, dem Mann, der mich großgezogen hat, zu erzählen, dass ich eine schäbige Hochstaplerin geworden bin, aber mein Fara ist gar nicht da. Die Tiere sind unruhig in ihren Abteilen; ich höre ein Kamel laut wiederkäuen. Mein Vater muss auf der Weide sein.
Ihr Götter, bitte, macht, dass er mir seinen Segen gibt.
Ich umfasse den kleinen Beutel in meiner Hand fester und gehe den Gang entlang.
Faras Tierklinik ist der größte Stall in der Stadt, nicht weil wir das meiste Geld haben, sondern weil wir den Platz brauchen. Der Mestrah überlässt ihn uns mietfrei, solange wir die Pferde seiner Soldaten bei den seltenen Gelegenheiten, die sie hierherführen, vorrangig behandeln. Die Hälfte des Stalls ist für große Tiere wie Rinder, Gazellen und Kamele reserviert. In der anderen Hälfte haben wir Boxen für kleine Tiere wie Hunde, Katzen und Falken angelegt – und manchmal, wenn es nötig ist, auch für Affen. Einige der Tiere brauchen lediglich eine Unterkunft, während ihre Besitzer auf Reisen sind, andere benötigen medizinische Versorgung. Die meisten von ihnen sagen klar und ziemlich laut, wie sie es finden, dass ihre Besitzer sie hier wie – nun ja – Tiere zurückgelassen haben. Aber Fara ist freundlich und geduldig und ich denke gern, dass ich es auch bin, und nach einem Tag verebben die meisten dieser Klagen.
Bohnenstange, schnaubt eine Kuh in der zweiten Box. Dieses Futter. Schlecht.
Ausgenommen die Kühe. Sie scheinen zu denken, ihnen stünde eine königliche Behandlung zu, und sie finden den Stall und ihre Versorger mangelhaft.
»Ich habe jetzt keine Zeit für dich«, antworte ich der unzufriedenen Kuh. »Es ist frisch. Friss einfach, was ich dir gegeben habe.«
Sensibles Ding, denkt ihre Gefährtin und beäugt mich.
Menschlein kriegt auch schlechtes Futter, bemerkt die erste Kuh. Kann kein Getreide machen, kann gar nichts machen.
Ich knirsche mit den Zähnen. »Zum letzten Mal, ihr seid auf Diät. Eure Herren haben mir eigens eingeschärft, euch keinen Honig zu geben.«
Die zweite Kuh schnaubt. Hier immer Diät. Futter schlecht, wie wiedergekäut.
»Oh, du undankbare …«
»Du weißt doch, dass es keinen Zweck hat zu streiten«, bemerkt Fara, der sich durch die Tür am anderen Ende des Stalls zwängt.
Ich zucke erschrocken zusammen.
Mein Vater trägt sein gewohntes Arbeitsgewand aus sandfarbenem Stoff, der sich in den milden Wintermonaten farblich kaum von seiner Haut abhebt, aber jetzt deutlich heller ist als seine Sommerbräune.
Eine Hütehündin zappelt in seinen Armen, ein Bein mit Palmenblättern umwickelt, wo eine Salbe den Stich eines Skorpions bedeckt. Mit den anderen drei Beinen strampelt sie wild, als die Hündin mich sieht.
Mensch! Mensch, Mensch, Mensch, kann ich zu ihr? Bitte, bitte, bitte! Ich muss runter. Runter, runter!
Bei der letzten Bitte leckt sie Fara übers Gesicht und er lächelt und streichelt sie. »Ja, das hast du sehr gut gemacht. Wir werden bald wieder rausgehen.«
Nein, runter! Mensch! Spielen! Spielen – Katze spielen? Katze! Katze, Katze!
Mein Herz krampft sich zusammen, als Fara die Hündin in eine kleine Stallbox setzt. Wie die meisten magischen Fähigkeiten in unserer Welt, sind auch seine mit dem Alter und dem täglichen Gebrauch verblasst, so wie Muskeln im Lauf der Zeit schwächer werden. Fara hatte Glück, seine Magie neunundzwanzig Jahre zu besitzen. Das ist der einzige Vorteil der geringeren magischen Künste: Sie fordern einen viel geringeren Tribut von unseren Körpern, daher können wir sie länger nutzen. Aber viele wären lieber zehn Jahre lang Orkenas mächtigster Feuerwirbler als dreißig Jahre lang Orkenas bester Flüsterer, wenn sie denn die Wahl hätten.
Vor zwei Monden hat Fara die Fähigkeit verloren, mit den Tieren zu sprechen, und sie konnten ihn auch nicht mehr verstehen. Und obwohl sich das nicht auf seine medizinische Sachkenntnis ausgewirkt hat, kann er seine Patienten nicht länger fragen, woran sie leiden, oder ihre Furcht spüren, daher hat sich die Verantwortung für den Stall langsam auf mich verlagert.
»Du warst ganz schön lange weg«, bemerkt Fara und wischt sich die Hände an einem alten Lumpen ab. »War viel los auf dem Markt?«
»Ich – ja«, bestätige ich und reiche ihm hastig den Beutel. »Aber ich habe alles gefunden, was wir brauchen. Ich habe sogar Akazie und Aloe. Und diese Schlangengiftsalbe, die wir so gut fanden.«
Fara sieht mich an. »Zahru, die Salbe ist teuer. Wir kommen mit dem Honigumschlag zurecht.«
»Ist schon gut. Hen hat es bezahlt.«
Eine kleine Lüge. Die Lotusschuhe haben die Kosten gedeckt. Hen wollte, dass ich sie loswerde, also habe ich das getan.
Fara macht ein tadelndes Geräusch. »Das hätte sie nicht tun sollen. Sie und ihre Mutter haben schon viel zu viel für uns getan.«
Jetzt sollte ich ihm erklären, warum ich so viel Geld für die wunderbaren Medikamente ausgeben konnte, aber als die unbeholfene und halb beschämte Tochter, die ich bin, stehe ich einfach nur da, während Fara den Beutel zu unserem staubigen Schrank bringt.
Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich ihm sagen soll, was ich getan habe. Seltsamerweise mache ich mir keine Sorgen darum, dass wir einen Priester hereingelegt haben.
Es geht eher darum, dass er trotz der Aufregung draußen vor dem Stall gewissenhaft weiterarbeitet. Er ist so konzentriert, obwohl der Rest von Atera die Arbeit liegen lässt, um auf den Straßen ausgiebig zu feiern. Er ärgert sich nicht einmal darüber, er … nimmt es einfach hin. Für ihn ist unser Platz hier und die Vorstellung, ich könnte mit Traumwandlern und Luftwebern verkehren, findet er bestenfalls absurd. Ich könnte es nicht ertragen, ihn sagen zu hören, dass ich nicht zu ihnen in den Palast gehöre. Aber mehr als das will ich nicht, dass er merkt, wie sehr ich von hier fortwill.
»Zahru«, sagt Fara in dem Ton, den er benutzt, wenn er schon eine ganze Weile versucht hat, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Er hält einen Behälter mit Betäubungssalbe hoch, ein weiterer kleiner Schatz, für den ich das Geld verprasst habe.
»Ja?«
»Bist du traurig wegen Hens Einladung?«
Mein Magen krampft sich zusammen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er wusste, dass sie eingeladen worden ist. »Nein. Nun, zuerst war ich es, aber dann …«
»Das tut mir leid«, sagt Fara und spielt mit der Salbe. »Ich habe das Gefühl … dass es meine Schuld ist. Wenn du die Magie deiner Mutter geerbt hättest, wärst du vielleicht …«
»Fara!« Meine Brust schnürt sich zusammen und ich eile zu ihm hinüber. Fara war immer stolz auf unsere Fähigkeiten, auch wenn unsere Arbeit nicht so lautstark gefeiert wird wie die anderer. Und es ist nicht so, als hätte er die Kontrolle über mein Schicksal gehabt – ich habe seine Magie und die helle Haut und die bernsteinfarbenen Augen meiner Mutter geerbt.
»Sag doch nicht so was«, bitte ich ihn und lehne den Kopf an seine breite Brust. »Unsere Arbeit ist ebenfalls wichtig.«
Er schweigt für einen Moment, während seine Hand warm auf meinem Rücken liegt. Dann schiebt er mich sanft ein Stück weg und hält die Salbe hoch. »Du wirst versuchen, dich auf das Fest zu schmuggeln, nicht wahr?«
Hitze kriecht mir den Hals hinauf. »Ich …«
»Das war eine sehr lange Umarmung und das sind viele teure Produkte.«
Wie macht er das?
»Ich war wirklich gerade dabei, es dir zu erzählen, versprochen.«
»Zahru, was ist, wenn man dich erwischt?«
»Hen hat das überprüft. Sie werden uns lediglich hinausbefördern. Es ist nur schlimm, wenn man versucht, sich als Herausforderer auszugeben.«
»Und wenn du schon in Juvel bist? Werden sie dich nach Hause bringen?«
»Hen wird die ganze Zeit bei mir sein. Sie wird unsere Überfahrt zurück nach Hause bezahlen, falls sie uns nicht zurückbringen wollen.« Ich drücke die Hände zusammen.»Bitte, Fara? Es ist nur für eine Nacht. Ich werde morgen rechtzeitig zum Abendessen wieder da sein und dann werde ich hierbleiben. Für immer.« Es war nicht meine Absicht, das letzte Wort laut auszusprechen oder einen Ton anzuschlagen, den ein Priester nutzen würde, um ein tödliches Omen zu verkünden, aber Fara versteht es. Er küsst mich auf den Kopf und seufzt.
»Du bist meine Welt, Kar-a. Ich will, dass du sicher bist.« Sein Lächeln ist traurig. »Aber ich will auch, dass du glücklich bist. Es ist nur für eine Nacht? Du wirst beschützt werden?«
»Sie haben Wachen. Und buchstäblich sämtliche der besten Magier des Landes werden sich in unserer unmittelbaren Nähe aufhalten. Wenn wir dort nicht sicher sind, sind wir es nirgends.«
Er brummt. Typisch für meinen Vater zu denken, dass nicht einmal das genug ist. »Na schön. Du hast meine Erlaubnis.«
Ich kreische und umarme ihn abermals. »Danke, Fara! Ich werde dir auch etwas ganz Besonderes aus der königlichen Stadt mitbringen.«
Er schüttelt den Kopf. »Bring einfach dich selbst zurück.« Er hält inne, um nachzudenken. »Obwohl ich nichts gegen etwas Schokolade einzuwenden hätte, wenn du es einrichten kannst.«
Ich lächle. »Natürlich.«
Ich helfe Fara, die restlichen Salben wegzuräumen, und merke, wie aufgeregt ich bin. Mein falscher Name steht auf der Passagierliste. Ich habe Faras Segen. Jetzt fehlt nur noch Hen. Aber gerade als ich anfange, mir Sorgen zu machen, dass »Phase zwei« von mir verlangen wird, ihre Freilassung aus dem Gefängnis auszuhandeln, erklingen draußen vor dem Stall schnelle Schritte und sie kommt hereingehüpft.
»Zahru!«, ruft sie.
Sie trägt eine grüne, ärmellose Jole und ihre satte beigefarbene Haut schimmert vor Perlenstaub. Wirbelnde, goldene Kreise – Numets Symbol – schlingen sich um ihren Oberarm und goldene und smaragdfarbene Perlen klirren in ihrem kurzen Haar. Sie trägt ein Bündel aus granatrotem Tuch, das jedes Mal bimmelt, wenn sie sich bewegt.
»Du siehst umwerfend aus«, sage ich.
»Lagerraum!«, antwortet sie und rennt ohne einen Blick zurück an mir vorbei.
»Ist alles in Ordnung?«
»Keine Zeit zum Plaudern. Phase zwei ist abgeschlossen und sie gehen schon an Bord.«
Sie verschwindet hinter dem braunen Vorhang zum Lagerraum und ich stolpere fast über den Wasserkrug, als ich hinter ihr hereile. »Du meinst, sie gehen jetzt an Bord?«
»Leg deine Kleidung ab!«
»Ist schon eine Stunde vorbei?« Ich ziehe die Arme aus den Ärmeln und schlüpfe aus dem Kleid, während Hen das rote Bündel auf einen Getreidesack legt. »Moment mal. Wieso hast du überhaupt eine Stunde für Phase zwei gebraucht?«
»Sprich nicht, zieh dich an!« Hen rafft das rote Kleid, bedeutet mir, die Arme zu heben, und streift es mir über den Kopf. Der schimmernde Stoff fließt an mir herab und leuchtet im Licht rot und golden. Das Kleid ist ärmellos wie das von Hen, aber mein Oberteil ist in der Mitte gerafft und die Falten ergießen sich wie ein Wasserfall bis zum Boden.
»Hen, es ist … atemberaubend«, murmle ich und schaue über meine Schulter. Der Rücken ist bis ans untere Ende meiner Wirbelsäule unbedeckt und feingliedrige Ketten halten den Stoff auf beiden Seiten zusammen.
Hen huscht hinter mich und richtet eine lose Kette. »Es ist langweilig«, entgegnet sie. »Aber Mora wollte mir nicht erlauben, dich nur in Flussschilf zu kleiden, deshalb muss ich damit arbeiten.«
»Ist das Feuerseide?«
»Halt still.«
Das tue ich. Hen schnappt sich eines der Dinge, die in dem Kleid eingerollt waren – eine dünne Bürste und einen Krug mit schwarzem Pigment –, und hält mit ihrer freien Hand mein Kinn fest. »Schließ die Augen.«
»Ich habe sie bereits geschminkt«, sage ich, als der Pinsel mein Augenlid berührt.
»Hm-hm.«
Der Pinsel streift über meine Lider hinaus und malt Kringel.
»Wehe, du zeichnest etwas Anzügliches.«
Hen kichert.
»Hen!«
»Das tue ich nicht!«
Der Pinsel zieht sich zurück und beginnt mit meinem anderen Augenlid.
»Es gibt keine Phase drei, oder?«, frage ich. »Erinnerst du dich, dass ich gefragt habe, ob ich beweisen müsse, dass ich eine Tränkemacherin bin, und du nicht geantwortet hast?«
Diesmal zeichnet Hen nicht das gleiche Muster. Sie lässt mich nach oben schauen und fährt das untere Lid nach.
»Die anderen mussten im Tempel ihre Identität beweisen«, antwortet sie. »Das müssen wir nicht mehr.«
»Was soll das heißen?« Der Pinsel hebt sich von meiner Haut und ich schaue blinzelnd auf sie hinab. »Du … hast einen Handel mit irgendjemandem geschlossen?«
Hen denkt darüber nach und ein kleines Lächeln umspielt ihre Lippen. »Ja?«
»Wenn du mir eine Antwort gibst, die wie eine Frage klingt, könnte ich denken, dass du lügst.«
»Wenn du mir eine Frage stellst, auf die du bereits die Antwort kennst, will ich lügen.«
»Du hast jemanden erpresst.«
Hen grinst nur, lässt mein Haar herunter und flicht Kristalle in die braunen Wellen um mein Gesicht, dann greift sie zu einem zarten Kettengewirr, das ebenfalls auf dem Getreidesack lag. Zwischen ihren Händen teilt es sich in drei feine Kreise, an denen ein Granatanhänger mit einer Schutzrune hängt. Als Hen es sinken lässt, erkenne ich es und umfasse ihre Handgelenke.
»Das kann ich nicht annehmen«, sage ich.
»Aber es gehört dir.«
»Nein, es hat meiner Mutter gehört. Jetzt gehört es deiner Mutter, nachdem meine es ihr auf dem Totenbett geschenkt hat.«
»Mora will, dass du es trägst.« Sie befestigt die letzte Haarnadel, sodass der Edelstein dicht an meinem linken Auge zum Liegen kommt, und macht sich daran, einzelne Strähnen meines Haars zu bändigen.
Eine erneute Woge der Wertschätzung für alles, was sie getan hat, durchflutet mich. »Ich werde darauf aufpassen«, beteuere ich.
»Das weiß ich.« Sie greift nach meiner Hand und zieht mich aus dem Lagerraum.
Fara mischt gerade einen Breiumschlag zusammen, dreht sich aber um und lächelt, als er uns bemerkt. »Ihr seht königlich aus, Mädchen«, sagt er. »Aber ist alles in Ordnung? Müssen die Passagiere jetzt schon an Bord?«
»Ja, Fara, tut mir leid«, antworte ich und hauche einen Kuss auf seine Wange. »Ich hab dich lieb. Wir sehen uns morgen!«
»Ich dich auch«, ruft er.
Ich könnte mir vorstellen, dass er uns noch rät, gute Entscheidungen zu treffen, aber da sind wir sind bereits zur Tür hinaus. Mit einer Hand halte ich das Geschmeide fest, Hen ihren Rock. Die Wüstensonne brennt heiß auf unsere Schultern.
»Rie«, fluche ich. »Ich kann nicht glauben, dass wir das wirklich tun. Ich kann nicht glauben, dass wir tatsächlich mitfahren!« Ich lache, als wir so flink wie Antilopen um die Ecke biegen. »Kannst du dir auch nur ansatzweise vorstellen, was die Kandidaten durchmachen? Ich werde nur zusehen und bin schon so nervös! Ich wette, jede ihrer Bewegungen wird beurteilt. Ein falsches Lächeln und das war’s, kein ewiger Ruhm.«
Hen zuckt die Achseln. »Aber auch kein verfrühter Tod.«
»Tod?« Wir weichen einer Mutter mit einem Baby in den Armen aus. »Die königlichen Geschwister sollen einander doch nicht umbringen, oder?«
»Oh, nein. Aber ich habe alles über die früheren Wettbewerbe gelesen und manchmal kommt es einfach zu Todesfällen. Abtrünnige Meuchelmörder, gierige Hyänen, Hunger und Durst …«
Mein Magen krampft sich vor Mitleid zusammen. Ich habe angenommen, dass die Teilnehmer unter göttlichem Schutz stehen, zumal die Kandidaten schon die ganze Woche gefeiert worden sind. Sie scheinen sich mehr für die Belohnungen zu interessieren, wenn sie auserwählt werden: Ihr Name geht in die Geschichte ein und sie dürfen im Palast wohnen. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, darüber nachzudenken, warum die Belohnungen so gewaltig sind.
»Götter, und sie sind mindestens eine Woche dort draußen, richtig?«
»Falls sie sich nicht hoffnungslos verirren.«
»Das wäre schrecklich!«, sage ich, während wir in den oberen Distrikt gelangen. Die Straße vor uns ist gerammelt voll und Hen zieht mich zu einer Lücke am Rand. »Kannst du dir das vorstellen? Dieses ganze Theater durchzumachen, diesen ganzen Stress, nur um unter einem Sandsturm begraben zu werden?«
»Nun, sie haben Zaubersprüche und dergleichen zur Verfügung. Aber denk doch mal nach.« Hens Augen blitzen auf, als wir zwischen einem Mann in einer braunen Tunika und einem kleinen Mädchen mit Zöpfen hindurchschlüpfen. »Wenn Gallus auserwählt wird, können wir uns ausmalen, wie er von allen möglichen tollwütigen Kreaturen gejagt wird.«
Ich kichere bei dem Gedanken an meinen Ex, der wichtigtuerisch gegen eine Klapperschlange kämpft, während er versucht, dabei seine perfekt sitzende Frisur nicht zu zerstören. »Ich hoffe, ihn beißt etwas in den Hintern, wenn er schläft.«
»Ich hoffe, es beißt ihn in den …«
»Sch!«, ermahne ich sie kichernd und lege ihr eine Hand auf den Mund. Der Boden unter unseren Füßen hat sich inzwischen von heißem Stein in kühles Holz verwandelt. »Das darfst du hier nicht sagen. Warte wenigstens, bis wir auf dem Schiff sind.«
Das Gedränge verdichtet sich, während wir uns entschuldigend hindurchschieben, bis die Menge am Steg sich plötzlich auflöst. Er ist ein langes Gebilde aus wasserfestem Holz und Eisenpfosten, an dem Boote jeder Größe mit Seilen festgemacht sind. Wachen stehen in einem weiten Halbkreis um den Priester und seine Assistenten herum, damit sie genug Platz haben. Der am nächsten postierte Wachmann wirft einen Blick auf unsere kunstvollen Jolen und lässt uns mit einem Nicken passieren. Die Menge murrt neidisch. Ich muss zugeben, dass ihre Aufmerksamkeit einen Schauder der Befriedigung über meinen Rücken laufen lässt – für gewöhnlich bin ich diejenige, die beobachtet, wie alle anderen fortgehen.
Galena steht am Fuß einer breiten Laufplanke und ich brauche einen Moment, um zu bemerken, dass diese nicht auf das gläserne Schiff führt, sondern zu einem aus seltsamem Holz mit schwarz-goldener Maserung, einer riesigen Version der Giraffe aus Moras Sammlung. Ein dunkelroter Baldachin spendet Schatten an Deck. Unter ihm stehen Dutzende Menschen in ihren prächtigsten Kleidern. Die kleinen Kronen aus Gold und die edelsteinbesetzten Ringe glitzern in der Sonne wie Funken. Ich erkenne einen jungen Mann, der Hen im Schreiben unterrichtet hat, und die Goldschmiedin – kein Wunder, dass ihre Ehefrau sich um die Waren kümmert.
An der Laufplanke zum gläsernen Schiff steht der Priester und sie wird von einer besonders stämmigen Wache versperrt. Der Mestrah muss ein Schiff für die Zuschauer und eins für die Kandidaten geschickt haben. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass Hen und ich nicht auf Glas fahren werden, aber ehrlich gesagt wäre ich an diesem Punkt selbst für ein leckes Kanu dankbar.
»Wir haben nicht darüber nachgedacht«, murmle ich und hake mich bei Hen unter, »dass uns die ganze Stadt anstarrt, einschließlich des Apothekers, von dem ich gerade erst Salben gekauft habe, und deiner Erzfeindin, die sich daran erinnern könnte, mir heute Morgen ihre Schuhe geschenkt zu haben. Die Strafe dafür, erwischt zu werden, ist nur ein ernstes ›Verschwindet‹, richtig?«
»Keine Sorge. Niemand wird dich erkennen. Deine Schminke ist ausnahmsweise mal perfekt.«
Ich schnaube. »Ich kann das auch selbst.«
»Hm-hm.« Sie richtet ihr Haar und streicht über eine Falte an meinem Rock. »Wie gesagt, die Zuschauer sind ihnen egal. Sie werden dir nur deinen Namen nehmen und deine Familie in Schande stürzen, wenn du versuchst, dich als Kandidatin einzuschleichen. Also, entspann dich, du zerknitterst die Seide.«
Ich atme aus und versuche, mir einen Hauch von Hens Selbstbewusstsein zu eigen zu machen. Es gibt keinen Grund für mich, so nervös zu sein. Das hier wird entweder funktionieren oder nicht. Und wenn es nicht funktioniert, werde ich es zumindest versucht haben. Vielleicht werde ich sogar einen Hauch von Ruchlosigkeit erlangen. Es würde mir gefallen, wenn Leute mich von der Seite ansähen und sich fragen würden, ob ich vielleicht jeden Augenblick etwas Unerwartetes und Tollkühnes tue.
»Auf die letzte Minute, ja?«, sagt der Priester mit seinem gewohnt finsteren Gesichtsausdruck. Das Gold in den tätowierten Worten auf seiner Schulter glänzt. »Ihr meint wohl, wir haben nichts Besseres zu tun, als in der Hitze herumzustehen und auf euch zu warten.«
»Wir bitten um Entschuldigung, Adel«, sagt Hen und verbeugt sich mit einem Arm über der Brust. Ich tue das Gleiche. »Wir haben die Zeit aus den Augen verloren.«
»Welche von euch ist Hen und welche Lia?«
»Ich bin Hen«, stellt Hen sich vor.
Galena kommt mit einem Lächeln näher. Sie nickt mir zu und Hen hatte recht, was meine Aufmachung betrifft, denn in Galenas Gesicht lese ich – den Göttern sei Dank – nur Neugier. Sie ist noch immer barfuß und ich verspüre weiterhin den undefinierbaren Drang, sie zu umarmen.
»Hen, ich bin Galena«, sagt sie und nickt zur Begrüßung.
»Ich weiß, wer Ihr seid«, antwortet Hen und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich räuspere mich und Hen sagt barmherzigerweise nichts mehr.
Galena zieht eine Braue hoch, deutet aber auf die Planke. »Na dann, los?«
Ich muss mir auf die Innenseite meiner Wange beißen, um nicht Ja! zu schreien. Ich kann nicht glauben, dass wir es geschafft haben. Nach all der Ungewissheit in dieser Woche, nach all den Sorgen können wir uns endlich entspannen. Wir sind hier. Wir sind hier. Und nachdem, was Hen bereits getan hat – was immer sie getan hat –, um unsere Identitäten zu bestätigen, gibt es keine weiteren Hürden mehr. Wir sind auf dem Weg zum Palast und die Nacht wird uns gehören; ein Schatz, den uns niemand mehr nehmen kann. Eine Erinnerung, die ich jedes Mal hervorholen kann, wenn ich sie vermisse, und die mir zeigt, was wir einmal waren.
Wir gehen auf die Planke zu – aber der Priester hält mich am Arm fest.
»Wo willst du denn hin?«, fragt er.
Mein Herz taumelt. Er weiß Bescheid. Ihr Götter, er weiß Bescheid und natürlich hat er bis zum letzten Moment gewartet, um es preiszugeben …
»Dies ist das Schiff für die Zuschauer«, sagt er. »Die Kandidaten sind auf dem hier.«
Für einen Moment wird die Welt totenstill. Ich bin mir sicher, dass ich ihn falsch verstanden habe. Oder die Panik hat mich in einen Zustand versetzt, in dem die Dinge genau ihr Gegenteil bedeuten.
»Es tut mir leid«, antworte ich. »Ich denke, Ihr verwechselt mich.«
Seine orangefarbenen Augen werden schmal. Aus dieser Nähe kann ich erkennen, dass seine Pupillen aussehen wie die einer Katze. »Du bist Lia, Tochter von Rai?«
Ich schlucke. »Ja.«
»Dann solltest du vielleicht lesen lernen. Alle Magiermeister deines Alters sind für die Teilnahme am Wettbewerb zugelassen. Das stand in der ersten Zeile deiner Einladung.«
Hitze umschließt meine Kehle. Er hält mich für eine Meisterin. Wie kommt er nur auf diese Idee? Ich habe das schreckliche Gefühl, dass Hen etwas übersehen hat, als sie den Namen auf die Liste gesetzt hat.
»Gibt es ein Problem?«, fragt Hen und taucht plötzlich neben mir auf.
»Ich bin für die Teilnahme am Wettbewerb qualifiziert!«, sage ich übertrieben begeistert. »Weil ich eine Meisterin bin. Ist das nicht großartig?«
Alle Zuversicht weicht aus Hens Zügen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie schon einmal ängstlich gesehen habe, und das erschreckt mich mehr als die Worte des Priesters.
»Oh«, seufzt sie schwach. »Lia war …« Sie hustet. »Seid Ihr sicher? In der Einladung stand nicht, dass sie berechtigt ist.«
Lia – meine Mutter – war eine Meisterin.
Die Hitze drängt sich in meine Eingeweide. Hen hat mir versichert, dass sie sich die Namen so spät im Verlauf nicht noch einmal ansehen würden, aber anscheinend hat doch jemand sehr genau hingeschaut. Schweißperlen bedecken meinen Nacken, als der Priester erneut auf die Liste blickt.
»Hm, ja.« Er runzelt die Stirn. »Da war irgendetwas seltsam mit deinem Namen. Er stand außerhalb der Reihe und ist wohl erst in der letzten Minute hinzugefügt worden. Aber meine Kontaktperson in der Hauptstadt hat bestätigt, dass du zur Teilnahme berechtigt bist. Du hast vermutlich die falsche Einladung erhalten.« Er macht eine Geste, als würde er eine Handvoll Konfetti hochwerfen. »Verzeihung, Überraschung, herzlichen Glückwunsch. Verabschiede dich und lass uns fahren.«
»Ähm, eigentlich …«, setze ich an.
»Sie ist gleich so weit!«, sagt Hen, bevor der Priester sich umdrehen kann.
»Was machst du denn?«, zische ich, als sie mich beiseitezieht. »Wir müssen jetzt gestehen. Ich kann nicht in die Gruppe der Kandidaten!«
»Erinnerst du dich an die Strafen, die ich erwähnt habe? Für Leute, die sich als Kandidaten ausgeben.«
»Ja.«
»Und genau das ist jetzt der Fall.«
»So war das aber nicht gedacht!«
»Ich weiß!« Hen zieht an den geflochtenen Bändern in ihrem Haar und ihre Augen werden feucht. Wenn sie jetzt weint, werde ich endgültig die Fassung verlieren. »Es tut mir leid. Ihr Götter, es tut mir so leid. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte! Ich dachte, selbst wenn er deinen Namen prüft – wer immer die Unterlagen gelesen hat, hätte merken sollen, dass du viel zu jung bist, um deine eigene Mutter zu sein. Das wäre dann das Ende der Geschichte und du als Zuschauerin dabei gewesen. Sie müssen so beschäftigt gewesen sein, dass sie nicht auf ihren Geburtstag geachtet haben …«
»Was soll ich denn nur tun?«
Die Leute tuscheln schon miteinander und beäugen uns misstrauisch. Wir halten sie zu lange auf. Jetzt sind sie nicht mehr nur neugierig und wollen die Abfahrt sehen, jetzt interessiert sie auch, warum dieses Mädchen, das sie nicht kennen, das Glasschiff aufhält. Würden sie mich durchlassen, wenn ich wegrennen würde?
»Du darfst auf jeden Fall nicht wegrennen«, sagt Hen und beantwortet damit meine unausgesprochenen Gedanken. »Es tut mir leid, aber das geht nicht. Die Wachen werden dich sofort wieder einfangen und die teilnehmenden Familien verstehen in dieser Sache keinen Spaß. Wenn sie denken, du hättest versucht, ihre Chancen zu mindern, werden sie dir etwas antun, Zahru. Sie könnten Fara etwas antun.«
»Das hilft mir nicht gerade weiter!«
»Ich weiß! Aber hör zu, das kann immer noch funktionieren.« Sie drückt meine Schultern und die Ruhe, die in ihre Züge tritt, würde mir Mut machen, wenn ich mir nicht gerade einen wütenden Mob vorstellen würde, der über den Stall herfällt.
»Ich weiß, es sieht nicht gut aus, aber der Prüfungsteil der Identitäten ist vorbei. Nächster Punkt des Abends ist das Bankett. Du weißt genug über Tränke, um durchzukommen, und solange du nicht damit angibst, sollte es klappen. Und wenn es nötig wird, fall in Ohnmacht. Kein Erbe wird eine Kandidatin auswählen, die nicht mit dem Stress eines Festessens fertig wird.«
Ich atme aus und versuche, meine Nervosität unter Kontrolle zu bringen. Hen hat recht. Niemand hat einen Grund zu glauben, ich wäre nicht die, für die ich mich ausgebe. Die größte Gefahr besteht jetzt darin, tatsächlich in ein Team gewählt zu werden, und dafür stünden meine Chancen schlecht, selbst wenn ich meine Mutter wäre. Ich kann eine exzellente Gesprächspartnerin sein. Dann brauche ich mich lediglich noch darauf zu konzentrieren, nicht die königliche Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, und alles wird gut.
»Na gut«, sage ich und schlucke. »Leute anlügen, ohnmächtig werden, wenn nötig. Das schaffe ich.«
Ich zucke erschrocken zusammen, als mir jemand auf die Schulter tippt.
»Möchtest du, dass ich dem Mestrah berichte, dass du der Grund für unsere Verspätung bist«, knurrt der Priester, »oder hättest du gern die Chance, das selbst zu tun?«
Ich drehe mich blitzschnell um. »Ich komme! Tut mir leid.«
Ich werfe Hen einen letzten panischen Blick zu. Sie sieht mich mit einer Mischung aus Schuldgefühlen und Hilflosigkeit an und zuckt nicht einmal mit der Wimper, als Galena ihren Arm berührt, um sie die Planke hinaufzuführen.
Der Abstand zwischen uns wächst zu einem Abgrund. Ich weiß, dass wir nur für einige Stunden getrennt sein werden, aber es fühlt sich wie eine Warnung der Götter an; ein Klaps auf die Finger, weil ich es gewagt habe, etwas zu wollen, das mir nicht zusteht.
Ich gehe die Planke hinauf und habe das Gefühl, dass sich mein Wunschtraum gerade in einen Albtraum verwandelt hat.
Hen steht schon an Bord des anderen Schiffes an der Reling und bedenkt mich mit tröstlichen Blicken. Die Diener blasen in lange, gewölbte Ochsenhörner und ihr Klang lässt das Glas des Schiffes gefährlich vibrieren, während die Menge brüllt und die Kandidaten sich neben mir an der Reling drängen.
Das Schiff legt ab. Mein Zuhause entfernt sich Stück für Stück, schneller und schneller, und es gelingt mir sogar, ein falsches Lächeln aufzusetzen und zu winken – bis wir an der Anhöhe vorbeigleiten, auf der Faras Stall steht, und mir zwei vertraute Gestalten zuwinken.
Während das Ufer vorbeigleitet, denke ich an Mora.
Hens Mutter hat viele verschiedene Strategien, um mit Stress umzugehen. Einige sind so simpel wie eine Atemübung, andere beinhalten monatelange, unnachgiebige Rache, bis der Kunde, der ihr Unrecht getan hat, bedauert, je gelebt zu haben.
Ich habe beschlossen, meine eigene Strategie anzuwenden und das alles einfach als einen weiteren Teil meiner Geschichte anzunehmen. Das ist schließlich genau die Art von unglücklichen Umständen, mit denen die besten Abenteuerreisen beginnen. Gerade wenn es so scheint, als wäre die Heldin zu einem tragischen Ende verurteilt, wird sie durch eine fulminante Wendung des Schicksals oder von einem umwerfenden Fremden gerettet. Ich würde mich mit Freuden damit begnügen, von Hen gerettet zu werden, obwohl ich auch nichts gegen einen gut aussehenden Fremden einzuwenden hätte. Ich muss lediglich abwarten, wie sich die Sache entwickelt.
Und so habe ich einen Platz an der Reling gefunden, unter dem Stoff des blauen Baldachins, weit weg von den Kandidaten, wo ich stehen und alles genießen kann, von dem ich stets dachte, so etwas nur in meinen Träumen erleben zu können. Das sanfte Schaukeln des Schiffes, eine Brise in meinem Haar. Das glatte Glas unter meinen Fingern, das in der Sonne glänzt. Fische huschen unter dem gläsernen Rumpf umher wie Juwelen und lebendige Krokodile schwimmen unglaublicherweise unter meinen Füßen. Selbst die Wüste wirkt hier mysteriöser und endloser. Ihre niedrigen Dünen erstrecken sich in alle Richtungen bis zum Horizont. Als wir an einer Stadt vorbeikommen, rufen uns die Menschen, die sich an den Ufern zusammendrängen, Glückwünsche zu. Fast könnte ich glauben, dass ich hierhergehöre.
Es gibt nur ein Problem, mit dem Hen und ich nicht gerechnet haben. Wenn ich den Palast erreiche, werde ich eine von Hunderten sein und kann mühelos in der Menge untertauchen. Aber hier bin ich eine von Sieben. Was mir keine so großen Sorgen machen würde, wenn nicht einer dieser Sieben Gallus wäre.
»Etwas zu trinken, Adel?«, fragt eine Dienerin und hält mir ein Tablett mit einem einzelnen Bronzekelch hin.
»Vielen Dank«, sage ich und bewundere die winzigen weißen Blumen auf der Oberfläche des Kelchs. Das Getränk riecht nach Vanille und ich nippe daran, als die Dienerin hinzufügt: »Der Junge in Grün wollte Euch wissen lassen, dass er mich geschickt hat.«
Und damit endet meine glückliche Zeit allein. Aber ich wusste, dass es mir nicht gelingen würde, den ganzen Abend hinter mich zu bringen, ohne mit jemandem zu sprechen. Und es wäre tatsächlich gut, etwas Übung als mein Alter Ego zu bekommen, bevor ich mich einem der möglichen Thronerben stellen muss. Ich halte Ausschau nach dem Jungen in Grün und entdecke dabei ein zierliches Mädchen mit rotbrauner Haut und einen blassen Jungen mit rosigen Wangen an der Reling, außerdem ein silberhaariges Mädchen, das am Bug steht, und schließlich riskiere ich einen Blick auf die beiden Jungen, die mit Gallus auf den Bänken sitzen. Ich amüsiere mich darüber, dass einer seiner Freunde denkt, ich wäre etwas zu trinken wert, als mir klar wird, dass Gallus der Junge in Grün ist, und ich spucke den zweiten Schluck über die Reling. Götter, ich kann weder glauben, dass das immer noch seine Vorgehensweise ist, noch, dass er sie bereits zum zweiten Mal an mir ausprobiert hat. Ich knalle den Kelch wieder auf das Tablett.
»Entschuldige. Kannst du ihm sagen, ich hätte kein Interesse? Und vielleicht hinzufügen, dass ich eine ansteckende Krankheit habe?«
Die Augen der Dienerin weiten sich. »Eine ansteckende Krankheit?«
»Wie Fieberbrand. Oder Hexpocken. Oh! Oder Mundfäule!«
Ihr Blick wandert zu dem Kelch, den ich zurückgestellt habe. »Na… natürlich, Adel …«
Aber es ist zu spät. Gallus hat sich erhoben, offensichtlich verwirrt, dass jemand seinem Charme widerstehen konnte, und kommt auf mich zu. Ich bete zu jedem Gott, der mir einfällt, dass seine Freunde lachen und ihn zurückrufen oder das Schiff kentert, aber die Götter scheinen mir im Moment nicht gewogen zu sein, denn er kommt ungehindert weiter auf mich zu.
So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe es fünf Monde lang geschafft, so zu tun, als hätte Gallus nie existiert, und ich hatte vor, den Rest meines Lebens zu verbringen, ohne je wieder mit ihm zu reden. Nun, vielleicht nicht nie wieder, aber definitiv nicht, bis ich etwas Fantastisches und Denkwürdiges getan hätte, so etwas wie das hier, woraufhin ich vor seinem Haus aufgetaucht wäre und ihm einen Becher Wein ins Gesicht geschüttet hätte, denn das machen Leute von Bedeutung mit Leuten, die ihnen gesagt haben, sie seien wertlos.
Ich meine, Gallus hat nicht direkt dieses Wort benutzt, aber er hat gesagt, er müsse »ernst machen« und in Beziehungen mit heiratswürdigen Frauen investieren, womit er Mädchen meint, die eine vielversprechende Zukunft haben und »echte« magische Fähigkeiten besitzen. Und gewiss nicht Mädchen, die dachten, das wäre es, was sie hätten, bis er ihnen gesagt hat, sie hätten es nicht.
»Ich weiß nicht, was du über mich gehört hast«, sagt Gallus und stolziert auf die Reling zu. »Aber ehrlich, ich wollte dich nur einladen, dich zu uns zu setzen …«
Ich drehe mich weg und mache mich auf den Weg zum vorderen Teil des Schiffes. Die beiden anderen Jungen beobachten mich erheitert.
»Hey«, sagt Gallus.
Ich gehe weiter. Er erkennt mich offensichtlich nicht – wenn es so wäre, hätte er erheblich mehr zu sagen – und wenn ich es bis zu dem silberhaarigen Mädchen schaffe, können wir vielleicht sofort ein einschüchterndes Bündnis eingehen, das Gallus endgültig verschrecken wird. Wenn man bedenkt, was mit mir geschehen könnte, wenn ich erwischt werde, glaube ich nicht, dass Gallus so tief sinken würde, mich beim Priester zu verraten, aber ich habe mich schon früher in ihm geirrt.
»Moment mal, warst du gestern Abend bei Kay?«, fragt Gallus und holt auf. »Ich habe das Gefühl, dich von irgendwoher zu kennen. Falls ich mich wie ein Rüpel benommen habe oder so etwas …«
