The Fourth Turning - Neil Howe - E-Book

The Fourth Turning E-Book

Neil Howe

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Beschreibung

The Fourth Turningwird unsere Sichtweise auf die Welt verändern – und auf unseren Platz darin. Die gefeierten Bestseller-Autoren William Strauss und Neil Howe blicken beispielshaft an der amerikanischen Geschichte fünfhundert Jahre zurück und entdecken ein eindeutiges Muster: Die moderne Geschichte verläuft in Zyklen, von denen jeder etwa so lange dauert wie ein Menschenleben, und jeder besteht aus vier Epochen – oder "Turnings" –, die etwa zwanzig Jahre dauern und immer in der gleichen Reihenfolge auftreten. In ihrem visionären Buch veranschaulichen die Autoren diese Zyklen anhand einer brillanten Analyse der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf ein Hoch, einer Periode der zuversichtlichen Expansion, in der eine neue Ordnung Wurzeln schlägt, nachdem die alte hinweggefegt wurde folgt ein Erwachen, eine Zeit der spirituellen Erforschung und der Rebellion gegen die nun etablierte Ordnung. Dem schließt sich ein Aufbruch an, eine zunehmend unruhige Ära, in der der Individualismus über die bröckelnden Institutionen triumphiert. Schließlich kommt es zur Krise – die vierte Wendung –, wenn die Gesellschaft eine große und gefährliche Pforte der Geschichte durchschreitet. Zusammen bilden die vier Wendungen einen Rhythmus von Wachstum, Reifung, Verfall und Wiedergeburt in der Geschichte. Strauss und Howe sehen uns auf den letzten Metern in der letzten Phase, der Krise. Egal welcher Generation man angehört oder in welcher Lebensphase man sich gerade befindet, The Fourth Turning bietet kühne Vorhersagen darüber, wie wir uns alle, individuell und kollektiv, auf das nächste Rendezvous mit dem Schicksal vorbereiten können.

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Seitenzahl: 895

Veröffentlichungsjahr: 2022

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THE FOURTH TURNING

Was uns die Zyklen der Geschichte über die Zukunft unserer Gesellschaft lehren

WILLIAM STRAUSS UND NEILHOWE

Übersetzung aus dem Englischen von Almuth Braun

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Originalausgabe

3. Auflage 2025

© 2022 by Finanzbuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Copyright © 1996 by Neil Howe & Jane K. Strauss

Die englische Originalausgabe erschien 1997 bei Broadway Books unter dem Titel The Fourth Turning: An American Prophecy.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Übersetzung: Almuth Braun

Redaktion: Petra Sparrer

Korrektorat: Manuela Kahle

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Satz: Carsten Klein, Torgau

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-568-2

ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-078-4

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-079-1

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für Janie und Simona, die unsere Zeit teilen, und für Eric, Giorgia, Melanie, Nathaniel, Rebecca und Victoria, die – so Gott will – auch nach uns noch da sein werden.

Was geschieht, das ist schon längst gewesen,

und was sein wird, ist auch schon längst gewesen;

und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

Der Prediger Salomo (Kohelet) 3.15

Inhalt

Vorwort Was uns Zyklen der Geschichte über unsere Zukunft verraten können

1. Kapitel Der Winter kehrt zurück

Teil I Jahreszeiten

2. Kapitel Die Jahreszeiten der Geschichte

3. Kapitel Die Jahreszeiten des Lebens

4. Kapitel Historische Zyklen

5. Kapitel Graue Streiter

Teil II Wenden

6. Kapitel Die Erste Wende: American High (1946–1964)

7. Kapitel Die Zweite Wende: Die Bewusstseinsrevolution (1964–1984)

8. Kapitel Die Dritte Wende: Kulturkriege (1984–2005?)

9. Kapitel Die Vierten Wenden in der Geschichte

10. Kapitel Eine Prophezeiung für die Vierte Wende

Teil III Vorbereitungen

11. Kapitel Vorbereitung auf die Vierte Wende

12. Kapitel Ewige Wiederkunft

Danksagung

Quellenverzeichnis

Vorwort

Was uns Zyklen der Geschichte über unsere Zukunft verraten können

von Prof. Dr. Max Otte1

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

Mark Twain

The Fourth Turning ist ein visionäres Buch. In dem 1996 erschienenen Werk analysieren William Strauss und Neil Howe den Gang der anglo-amerikanischen Geschichte seit 1435, identifizieren sieben Zyklen und sagen für die Jahre zwischen 2005 und 2025 eine lange Dauerkrise voraus, an deren Ende sich eine völlig neue politische Ordnung durchsetzen wird, die maßgeblich auf staatlicher Autorität und Einschränkungen der persönlichen Freiheit beruhen wird.2

Derzeit sind wir Zeugen, wie diese völlig neue politische Ordnung entsteht – genau wie es in The Fourth Turning vorausgesagt wurde. Freiheiten werden eingeschränkt, Selbstverständlichkeiten verschwinden und der Staat greift massiv ins Wirtschaftsleben und in die Privatsphäre ein. Es lohnt sich daher, The Fourth Turning genau zu studieren. Zum einen können wir so ein tieferes Verständnis für die aktuelle Krise bekommen, zum anderen geben die Autoren detaillierte Hinweise, wie wir uns in dieser Krise verhalten und sie überstehen können.

Das Nachdenken über die Gesetze der Geschichte ist so alt wie die Geschichtsschreibung selbst. Immer wieder haben sich Historiker und Intellektuelle an Theorien über den Verlauf der Geschichte sowie darauf aufbauende Prognosen und Voraussagen versucht. Zu solchen »großen Entwürfen« gehören unter anderem die Zyklenabfolge der Staatsformen bei Plato, Aristoteles und Polybios, Auguste Comtes »Dreistadiengesetz« der Geistes- und Menschheitsentwicklung und Oswald Spenglers monumentaler Versuch, in Der Untergang des Abendlandes »die Geschichte vorauszusagen«.3

Auch die Science-Fiction-Literatur thematisiert Versuche, die Geschichte vorauszusagen. Im Roman Tausendjahresplan des bekannten Autors Isaac Asimov erforscht ein sogenannter »Psychohistoriker« die Gesetze großer Reiche und stellt einen Plan auf, mit dem nach dem Verfall des alten galaktischen Imperiums eine neue Ordnung begründet werden soll.

Die Fragen, ob die (Welt)Geschichte einer inneren Logik folgt und ob es eventuelle Gesetzmäßigkeiten der Geschichte gibt, die es uns ermöglichen, Geschichte vorauszusagen, interessieren mich seit meiner Jugend. Intellektuelle und Wissenschaftler, denen ich in meinem Studium begegnet bin, halfen, mein Interesse wach zu halten und zu vertiefen. Der bekannte amerikanische Historiker und Kennedy-Vertraute Arthur Meier Schlesinger stellte 1986 sein Buch The Cycles of American History an der American University in Washington, D.C. vor. Ich befand mich als junger Austauschstudent im Audimax der Hochschule und hörte interessiert zu. Schlesinger vertrat die These, die amerikanische Politik unterliege gewissen Rhythmen und pendle zwischen einer Orientierung am öffentlichen Zweck und am privaten Gewinn. Das hing seiner Analyse zufolge mit dem Wechsel der Generationen zusammen. Damals stand gerade wieder der private Gewinn im Vordergrund.

Im selben Jahr hörte ich einen Vortrag von Charles Kindleberger, der sich intensiv mit Finanzkrisen beschäftigt hatte und daraus Lehren für aktuelle und zukünftige Finanzkrisen zog. An der Princeton University studierte ich um 1990 bei Robert Gilpin, der in seinem Buch War and Change in World Politics ein Modell langer, 70-jähriger Zyklen in der Weltgeschichte entwickelt hatte.4

Mit Der Crash kommt (2006) und Weltsystemcrash (2019) wagte ich dann später zweimal selbst Prognosen über die Zukunft.5 Beide Male trafen sie weitgehend zu.

Das Nachdenken über die großen Gesetzmäßigkeiten der Geschichte, insbesondere auch darüber, ob uns historische Zyklen etwas über die Jetztzeit und die Zukunft verraten können, ist heutzutage in der Fachwissenschaft selten, vielleicht sogar etwas verpönt. Dazu später mehr. Dennoch erscheinen immer wieder Werke, die sich an »große Prognosen« heranwagen. In jüngerer Zeit sind es vor allem vier: Schlesingers Cycles of American History (1986), Francis Fukuyamas The End of History and the Last Man (1992), Samuel Huntingtons The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order (1996) und eben The Fourth Turning von 1996.6 Fukuyamas Buch erwies sich als grandiose Fehlprognose, Schlesinger sah etwas vage einen Staat voraus, der nach der Ära Reagan-Bush-Clinton wieder stärker ins Wirtschaftsleben eingreift, und Huntingtons Werk bezieht sich vor allem auf außenpolitische Entwicklungen.

Von den drei Werken, die sich mit innenpolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zukunft befassen, ist The Fourth Turning das beeindruckendste. Die Voraussagen, die William Strauss und Neil Howe 1996 gemacht haben, treffen derzeit Schlag auf Schlag in beklemmendem Ausmaß ein. Ich zitiere:

Die nächste (…) Wende wird kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends (…) beginnen. Ungefähr im Jahr 2005 löst ein plötzlicher Funke eine Krisenstimmung aus. Die Überreste der alten Gesellschaftsordnung lösen sich allmählich auf. Das politische und wirtschaftliche Vertrauen implodiert. (… Die Menschen) empfinden nichts Geringeres, als dass das Überleben der Nation auf dem Spiel steht. Irgendwann bevor das Jahr 2025 erreicht ist, wird Amerika durch ein großes Tor der Geschichte schreiten, vergleichbar mit der Amerikanischen Revolution, dem Bürgerkrieg und (…) Zweitem Weltkrieg.7

Nun, in den Krisenmodus schaltete die Welt bereits etwas früher als vorausgesagt, nämlich im Jahr 2001. Genau wie beschrieben, leitete ein plötzlicher Funke den Stimmungsumschwung ein: die Terrorangriffe vom 11. September 2001 auf die Twin Towers in New York. Die Bilder der Flugzeuge und der implodierenden Wolkenkratzer haben sich in unsere Gehirne eingebrannt. Und danach war nichts mehr wie vorher. Mit der Finanzkrise 2008 verschärfte sich die Lage, dann kamen in den 10er- Jahren der Arabische Frühling, die Ukraine-Krise, der Populismus und die Rassenunruhen hinzu. Dazu in Europa die Eurokrise, der Brexit, und in Asien die Unruhen in Hongkong und etliche andere größere und kleinere Krisen.

Während der Präsidentschaft Donald Trumps trieb das Geschehen in den USA auf einen neuen Höhepunkt zu. Die alte politische Ordnung war sichtbar herausgefordert. Die etablierten politischen Eliten reagierten, indem sie Donald Trump erbittert bekämpften. Es folgten Black Lives Matter und Fridays for Future. Besonders die BLM-Bewegung führte zu Unruhen und gewalttätigen Ausschreitungen in etlichen Städten der USA. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Donald Trump nicht die Ursache für Black Lives Matter war: Schon unter Barack Obama hatte es in Ferguson in Missouri nach dem Tod eines Mannes durch Polizeikugeln wochenlange Ausschreitungen gegeben.

Die Covid-Pandemie seit Anfang 2020 ist nun der deutlich wahrnehmbare Kulminationspunkt all dieser Krisen – es entsteht eine neue politische Ordnung, die durch mehr Überwachung und ziemlich autoritäre Staaten gekennzeichnet ist, die sich ein Vorbild an China nehmen. Das Entstehen einer solchen Ordnung wurde im Übrigen im Jahr 2010 ebenfalls sehr deutlich in einem Bericht der Rockefeller Stiftung vorausgesagt. Darin legt in einem Zukunftsszenario ein Virus aus China die Welt lahm. Nach einer Zeit der Unentschlossenheit entscheiden sich die Nationen im Westen dazu, dem autoritären chinesischen Modell zu folgen. Überwachung, Gesichtsmasken, Unterbrechung von Lieferketten, Reisebeschränkungen, Quarantäne: All das wird im Bericht Scenarios for the Future of Technology beschrieben.8

Bis zum Jahr 2025 wird der Übergang zu einer radikal neuen Ordnung der Welt und unserer Gesellschaften abgeschlossen sein; beim jetzigen Tempo der Veränderungen vielleicht sogar früher. Strauss und Howe würden recht behalten.

Die Krise wird durch einen Katalysator (9/11) ausgelöst und endet mit einer Lösung. Strauss und Howe nennen – 1997 (!) – unter anderem folgende mögliche Katalysatoren:

Eine globale Terroristengruppe sprengt ein Flugzeug in die Luft und verkündet, sie besitze tragbare Nuklearwaffen. (…) Der Kongress erklärt den Krieg und genehmigt uneingeschränkte Hausdurchsuchungen.9

Oder:

Die Behörde zur Krankheitskontrolle und -prävention des Gesundheitsministeriums verkündet die Verbreitung eines neuen ansteckenden Virus. Das Virus erreicht dicht bevölkerte Gebiete und fordert zahlreiche Opfer. Der Kongress verabschiedet ein Gesetz über Zwangsquarantäne.10

Sowohl Flugzeuge als auch Viren haben wir mittlerweile im Zusammenhang mit Krisen als Auslöser erlebt. Seit George Bush ihn nach 9/11 ausgerufen hat, befinden wir uns in einem endlosen Krieg – dem Krieg gegen den Terror. Seit 2001 werden die Bürgerrechte eingeschränkt. Nach dem Ausbruch der Covid-Pandemie wurden auch Quarantänemaßnahmen verhängt; in vielen Ländern ist der Zutritt zu vorher selbstverständlichen Leistungen nur noch möglich, wenn man sich regelkonform verhält, was in den meisten Fällen an den Impfstatus gebunden ist.

Die Krise wird die alte gesellschaftliche und politische Ordnung erschüttern wie keine andere seit dem Zweiten Weltkrieg und der Großen Depression.

Es wird nicht lange dauern und Amerikas alte gesellschaftliche Ordnung wird auf irreparable Weise zerstört sein. Die Menschen werden das Gefühl haben, als sei ein Magnet über die Festplatte der Gesellschaft gefegt und habe den Gesellschaftsvertrag aufgehoben, alte Vereinbarungen gelöscht und die Bücher mit riesigen unbezahlbaren Versprechen ausradiert (…)

Aus dieser Talsohle und diesen Gefahren werden ein neuer Gesellschaftsvertrag und eine neue Gesellschaftsordnung entstehen. In der ersten, improvisierten Phase werden die Menschen nicht zu Ansprüchen berechtigt, sondern zum Empfang von Leistungen und Gütern autorisiert sein, die ihnen vom Staat zugeteilt werden.11

Die neue Ordnung beruht auf einer Kommandowirtschaft. Leistungen und öffentliche Güter werden uns vom Staat zugeteilt. Wir verlieren unsere bisher selbstverständlichen Anrechte darauf. Und es ist anzunehmen, dass die Zuteilung nur dann erfolgt, wenn man sich regelkonform verhält. All dies erleben wir in der Covid-Pandemie.

Während die politischen Führer einst geneigt waren, den gesellschaftlichen Druck zu senken, werden sie ihn nun erhöhen, um die Aufmerksamkeit der Nation zu gewinnen. 12 (…) Statt Probleme kleinzureden, werden sie von den politischen Führern übertrieben. Statt Lösungen aufzuschieben, werden diese beschleunigt angegangen. Statt Diversität zu tolerieren, fordern die Führer Konsens. Statt die möglichen Opfer für die Menschen kleinzureden, beschwören sie sie mit Warnungen vor großen Opfern. Die politischen Führer verleihen den Institutionen neue Energie und richten sie auf das Überleben der Gemeinschaft aus. Derart gestärkt beginnt die Gesellschaft, sich auf einen Pfad zu begeben, den niemand vor dem auslösenden Ereignis vorhergesehen hat. Für gesellschaftliche Probleme, die im Zeitalter der Auflösung unüberwindliche Dilemmata darstellten, scheint es nun einfache, wenn auch anstrengende Lösungen zu geben.13

Die Republikaner, die Demokraten oder womöglich eine neue Partei gewinnen das lange Tauziehen der Parteien mit einem entscheidenden Vorsprung und beenden die Zeit der gespaltenen Regierung, die vier Jahrzehnte – das Zeitalter des Erwachens und das Zeitalter der Auflösung – gedauert hat. Die Gewinner besitzen nun die Macht, um die radikalere und weniger schrittweise Agenda zu verfolgen, von der sie lange geträumt und vor der ihre Kontrahenten eindringlich gewarnt hatten. Das Regime wird sich für die Dauer der Krise etablieren. Unabhängig von ihrer Ideologie wird die neue Führung ihre staatliche Autorität behaupten und private Opfer verlangen.14

Ich hatte The Fourth Turning zum letzten Mal in der Hand, als ich im Dezember 2016 einen Vortrag vor dem German-American Business Club zu den möglichen Konsequenzen der Präsidentschaft von Donald Trump hielt.15 Und als ich es jetzt wieder las, um dieses Vorwort zu schreiben, hat mich die Kraft seiner Prognosen erneut stark beeindruckt.

Wären die Voraussagen in The Fourth Turning anhand vager Gefühle getroffen worden, oder zum Beispiel mit Hilfe der Astrologie, könnte man sie leicht abtun. Strauss und Howe beeindrucken aber mit einer detaillierten Kenntnis der amerikanischen Geschichte und einer Theorie, mit deren Hilfe sie den Gang der Ereignisse analysieren und die es ihnen ermöglicht, Prognosen zu treffen. Bereits 1991 hatten die beiden Autoren mit Generations den Grundstein zu ihrer Theorie gelegt und dann mehrere Jahre daran gearbeitet.16

Ihre Vorhersagen beruhen auf einem historischen Muster, dass die beiden herausgearbeitet haben. Sie fanden heraus, dass große politische Veränderungen eng mit dem Wechsel der Generationen verbunden waren. Insofern knüpfen Strauss und Howe wieder an die Gedanken von Arthur M. Schlesinger an, auf den sie sich explizit beziehen. Weil die Autoren die Dauer einer Generation mit 20 bis 23 Jahren angeben, ändert sich unsere Sicht der Welt, und damit die Welt selbst etwa alle 20 Jahre massiv. Jede dieser Veränderungen bringt einen plötzlichen, deutlichen Wandel des Meinungsklimas mit sich. Und immer treffen diese Veränderungen der Stimmung die Leute überraschend.

Ein Grund, warum sich der Zyklus der Archetypen immer wiederholt, ist der, dass jede junge Generation versucht, das zu korrigieren oder zu kompensieren, was sie als Exzesse der sich an der Macht befindlichen Generation im mittleren Alter wahrnimmt. Daher ist es keine Überraschung, dass die Babyboomer (eine Prophetengeneration, die sich auf Werte, Individualismus und Innenleben konzentriert) die Millenials (eine Heldengeneration, die sich auf Handlungen, Gemeinschaft und institutionelles Leben konzentriert) zur Welt gebracht haben.17

Insgesamt umfasst ein Zyklus vier Phasen – umschrieben mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter –, die durch vier aufeinanderfolgende Generationen an den Hebeln der Macht mit unterschiedlichen Charakteristiken geprägt sind. Nach 80 bis 90 Jahren beginnt ein neuer Zyklus. Auf ein Hoch (wenn die neue Ordnung sich durchgesetzt hat) folgt ein Erwachen (eine Phase der Reflektion der Werte und der Zuwendung zum Individuum), dann eine Phase des Zerfalls, in der versucht wird, die Ordnung zu stabilisieren und schließlich eine 20-jährige Krise.

Nach 80 Jahren beginnt der Zyklus von vorne. Strauss und Howe stellen die Frage, wie es sein kann, dass die Existenz historischer Zyklen und der freie Wille sich nicht gegenseitig ausschließen. Nicht so sehr die Ereignisse selbst verändern die Welt, sondern die Art und Weise, wie Menschen, Gesellschaft und Politik darauf reagieren. Stellen Sie sich vor, Sie erleiden einen Tiefschlag und verlieren etwas, an dem Sie sehr gehangen haben: Kämpfen Sie, um es zurückzugewinnen oder ziehen Sie sich zurück und arrangieren sich mit dem neuen Status? Das hängt mehr von ihrem Charakter und Ihrer Disposition ab als von dem Ereignis selbst.

Oder verlegen Sie die Große Depression 40 Jahre in die Zukunft: Hätten die Boomer als Reaktion auf den katastrophalen Einbruch der Wirtschaft um 1974 freudig eine Uniform angelegt, sich an paramilitärischen öffentlichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen beteiligt und ein Staatsunternehmen wie die Tennessee Valley Authority (TVA) aufgebaut? Auch das ist unwahrscheinlich.18

Eine neue Generation kommt ans Ruder und sieht die Dinge anders. Betrachten Sie die deutsche Gesellschaft: Mit der 68er-Generation änderte sich tatsächlich vieles in diesem Land – zuerst an den Universitäten, später in der Politik und im Staat. Nun treten die 68er langsam ab und die Babyboomer, zu denen ich auch gehöre, gelangen in die höchsten Positionen. Wieder wird sich vieles ändern.

Ebenso kann die Gesellschaft sehr unterschiedlich auf Technologie reagieren:

Der Microsoft-Gründer Bill Gates sagt nun voraus, jeder habe mittels tragbarer Hightech-Geräte schon bald Zugang zu einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten. Unerwähnt lässt er, dass diese Technologie allein durch das Umkehren einiger weniger Schaltkreise einer zentralen Autorität ermöglichen könnte, jede Bewegung eines jeden Individuums zu überwachen.19

Strauss und Howe identifizieren vier Archetypen, die sich in einer festgesetzten Ordnung an der Spitze der Gesellschaft ablösen – Propheten, Nomaden, Helden und Künstler. Propheten und Helden wirken dabei eher Richtung Außenwelt, Nomaden und Künstler nach innen. Die Helden treten im Frühling in die mittlere Lebensphase ein, wenn ihr Einfluss auf die Gesellschaft am größten ist, die Künstler im Sommer (einem Erwachen), die Propheten im Herbst und die Nomaden im Winter (einer Krise).

Die Autoren sind sich durchaus bewusst, dass Sie damit die Ereignisse schematisieren, beziehen sich aber ausführlich auf die Literatur und die Psychologie, unter anderem auf die Archetypen des bekannten Psychoanalytikers Carl Gustav Jung.20 Auch Beispiele aus der Bibel, der Literatur und der Geschichte illustrieren den Gedankengang:

In den geheiligten Mythen über junge Propheten (Abraham in Ur, Moses in Ägypten, Jesus vor dem römischen Magistrat) ist der um die 40 Jahre Ältere, das Gegenstück des jungen Propheten, typischerweise unermesslich reich, mächtig und rational, aber bar aller Werte (Hammurabi, der Pharao, Pontius Pilatus). Während der Heldenmythos im Palast endet, beginnt der Prophetenmythos dort. In der buddhistischen Mythologie verlässt Siddhartha den luxuriösen Palast seines Vaters. (…) In der islamischen Überlieferung fordert der junge Mohammed die Immoralität der reichen Kaufmannsfamilien heraus. (…). Die Prophetenmythen offenbaren, was Jung als Schatten des alternden Helden-Archetypus bezeichnete. Der Held wird nicht aus der Perspektive seiner eigenen Generation gesehen, sondern mit dem unverbrauchten Blick des jungen Propheten.21

Wenn jede Generation in eine neue Lebensphase eintritt (und damit in eine neue gesellschaftliche Rolle) ändern sich die Stimmung und die Verhaltensweisen in einer Gesellschaft. Es besteht also eine Wechselbeziehung zwischen der Disposition einer Generation und den historischen Vorfällen. Nicht so sehr die Vorfälle selbst zählen, sondern wie sie tatsächlich interpretiert werden. Die historischen und politischen Gegebenheiten einer bestimmten Zeit formen die Menschen, die dann jung sind. Und wenn diese Generationen heranreifen und in verantwortungsvolle Positionen gelangen, beeinflussen Sie wiederum die Politik und die Geschichte.

Dabei wechseln sich Zeiten der Krise und Zeiten des Erwachens ab. In Krisenzeiten ist die Welt in Aufruhr, wenn sich Politik und Gesellschaft darauf konzentrieren, die öffentlichen Institutionen umzugestalten. Die letzte große Krise in den USA umfasste die Große Depression und den Zweiten Weltkrieg. In Zeiten des Erwachens gehen die Energien eher nach innen, es sind Zeiten der kulturellen und religiösen Erneuerung, in den USA zuletzt die Flower-Power-Bewegung der Sechziger- und Siebziger-Jahre.

Im Jahr 2022 befinden wir uns laut Strauss und Howe am Kulminationspunkt einer großen Krise. Eine große Gefahr – real oder übertrieben – erzwingt einen neuen gesellschaftlichen Konsens, persönliche Opfer und die dazugehörige Ethik und starke neue (Regierungs)Institutionen. Ganz schön unheimlich.

Strauss und Howe schreiben auch über drei Konzepte der Zeit: chaotisch (Urvölker), zyklisch (höhere Kulturen) und linear (Moderne).22 Heute dominiert ein lineares Geschichtsbild: Die Welt entwickelt sich immer weiter. Es mag Rückschläge geben, aber letztlich sind das alles kleine Unfälle im unaufhaltsamen Fortschritt der Geschichte. Diese Sichtweise geht auf den mittelalterlichen Abt Joachim von Fiore zurück (* 1130/35), der das Schema Altertum – Mittelalter – Neuzeit entwickelte, das tief in unserem Weltbild verankert ist. Es ist auch das Bild des »Fortschritts«. Warum eigentlich? Die Neuzeit beginnt gegen Ende des 15. Jahrhunderts mit der Entdeckung Amerikas. Und nun dehnt sie sich immer weiter aus. Schon im 19. Jahrhundert betrachteten sich die Menschen als »modern«. Und dann folgten im 20. Jahrhundert Stalin, Hitler, Pol Pot, Mao und die Atombombe.

Eigentlich müsste alles immer besser, immer moderner werden. Wird es aber nicht. Die Globalisierung läuft aktuell im Rückwärtsgang – was ich 2006 in Der Crash kommt vorausgesagt habe, und vor 15 Jahren kaum jemand glauben wollte. Die Bürgerrechte werden beschnitten und auch ansonsten will so manches nicht in das naive Bild eines linearen Fortschritts passen.

Der Ansatz von Strauss und Howe ist von einzelnen Fachwissenschaftlern als »pseudowissenschaftlich«, »deterministisch« und »nicht falsifizierbar« kritisiert worden.23 Auch solche Kritik an übergreifenden Erklärungsansätzen der Geschichte hat Tradition. In Das Elend des Historizismus argumentiert der Philosoph Karl Popper, jeder Versuch, Geschichte vorauszusagen und bestimmte Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, sei zum Scheitern verurteilt, weil menschliches Handeln frei und Geschichte somit prinzipiell »offen« sei.24

Der bekannte und erfolgreiche Hedgefonds-Manager Ray Dalio beobachtete eine ähnliche Skepsis. Er legte 2018 eine Studie über 48 historische Schuldenkrisen vor und beschreibt einen archetypischen Schuldenzyklus. (Da ist er wieder, der »Archetyp«!): »Ich bemerke, dass immer, wenn ich über Zyklen spreche, insbesondere große, langfristige Zyklen, sich die Augenbrauen der Menschen anheben; die Reaktionen, die ich hervorrufe sind ähnlich wie die, die ich erwarten würde, wenn ich über Astrologie spräche. Deswegen möchte ich betonen, dass ich über nicht mehr als von der Logik getriebene Abfolgen von Ereignissen spreche, die in Mustern auftreten.«25

Wenn eine auf Zyklen beruhende Theorie zu offensichtlich zutreffenden Aussagen führt, dann sollte man sie ernst nehmen. Der Historiker David Engels diagnostiziert den Wandel der Geschichtswissenschaft – ängstlich auf Empirie, Spezialisierung und ideologische Unanfechtbarkeit bedacht – zu einer Disziplin, welche zwar Wissen generiert und sammelt, dessen Deutung in vielen Fällen aber anderen überlässt. Angesichts des Missbrauchs der Geschichtsphilosophie in der Vergangenheit sei das zwar verständlich, bringe uns aber aufgrund der zunehmenden Spezialisierung des Wissens nicht weiter.26 Dies sei umso bedauerlicher, als auch die an der Geschichte interessierte Öffentlichkeit zunehmend nach historischer Zusammenschau verlange. Engels mahnt demgegenüber vielmehr an,

(…) den Charakter der Geschichtswissenschaft als ›offener‹ Disziplin und der Geschichtstheorie als falsifizierbarer Wissenschaft zwar zu wahren, gleichzeitig aber erneut zu postulieren, dass Geschichte als die ultimative Wissenschaft vom Menschen, wie bereits von Thukydides formuliert, notwendigerweise auch mit ständig wiederkehrenden Mustern zu tun hat, deren vergleichende Analyse nicht nur die Ausformulierung einer pragmatischen Kategorisierung historischen Handelns ermöglicht, sondern gleichzeitig auch im höchsten Grade aussagekräftig für die menschliche Natur in ihrer individuellen wie kollektiven Entwicklung an sich ist.27

Karl Popper lehnte, wie oben beschrieben, jegliche Art apriorischen Geschichtsdenkens ab, also des Versuchs, »Gesetze« der Geschichte zu isolieren und anzuwenden. Für David Engels ist das ein »Vorurteil, das erheblich zu kurz greift«. Die Geschichtswissenschaft müsse es möglich machen, historische Muster zu analysieren, die auch eine Gesamtschau und gewisse Zukunftsprognosen ermöglichen.28

The Fourth Turning ist ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten Erscheinen aktueller denn je. Es wäre an der Zeit, dass neben einer breiten Öffentlichkeit auch Historiker und Politikberater von diesem Werk Notiz nehmen. Die Erkenntnisse des Buchs können den Verantwortlichen helfen, die Natur der aktuellen Krise zu erkennen und sie besser zu meistern. Die Hinweise im letzten Teil des Buchs, wie Sie die Krise meistern und überstehen können, sind zusätzlich von hohem persönlichem Nutzwert.

Eifeldorf, an Silvester 2021

Prof. Dr. Max Otte

Nachsatz: Mit dem Krieg in der Ukraine ist eine weitere Entwicklung eingetreten, die sehr gut in das von Strauss und Howe prognostizierte Szenario passt. Von Einzelnen werden größere Opfer verlangt, die persönlichen Bedürfnisse und Ziele sollten sich den kollektiven Zielen unterordnen. So würden zum Beispiel mögliche Energieembargos gegen Russland viele Menschen in Deutschland erheblich belasten. Als eine der ersten Maßnahmen wurde vorsorglich die Temperatur in allen Berliner Schwimmbädern um 2 Grad Celsius reduziert. Wenn es nach den Befürwortern des Embargos geht, soll die Bevölkerung frieren, damit die Maßnahme durchgeführt werden kann. All dies hätte William Strauss und Neil Howe nicht überrascht. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

1. Kapitel

Der Winter kehrt zurück

Amerika fühlt sich an, als ob es sich auflöst.

Obwohl wir in einem Zeitalter des relativen Friedens und Komforts leben, verbreitet sich immer mehr Zukunftspessimismus: Wir haben Angst, unsere Supermacht-Nation zersetze sich von innen.

Weder der epische Sieg über den Kommunismus noch ein anhaltender Wirtschaftsboom kann unsere trübe Stimmung aufhellen. Der Kalte Krieg und die Anstrengungen im Rahmen des New Deal sind eindeutig zu Ende, aber es gelingt uns nicht, uns in diesen Erfolgen zu sonnen. Das heutige Amerika fühlt sich an, als sei es in seinen Grundfesten erschüttert – schlimmer als das Amerika, an das sich viele von uns aus ihrer Jugend erinnern, soll heißen, eine Gesellschaft, die von einer Generation bestimmt wurde, die angeblich ein weniger ausgeprägtes Bewusstsein hatte. Wohin wir auch blicken, von Los Angeles bis Washington, D.C., sehen wir nur Wege, die in eine düstere Zukunft führen. Wir sehnen uns nach staatsbürgerschaftlichem Charakter, begnügen uns aber mit symbolischen Gesten und Prominentenzirkus. Wir erkennen keine Größe in unseren Führungskräften, aber eine neue Boshaftigkeit in uns selbst. Kein Wunder, dass jede neue Wahl einen neuen Ruck durch die Gesellschaft sendet und in Enttäuschung endet.

Vor nicht allzu langer Zeit war Amerika noch mehr als die Summe seiner Teile; inzwischen ist es weniger. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs waren wir stolz als Volk, aber bescheiden als Individuen. Damals hielten sich weniger als zwei von zehn Befragten für eine bedeutende Person; heute sind es sechs von zehn. Wo wir uns einst für kollektiv stark hielten, betrachten wir uns heute als individuell anspruchsberechtigt.

Doch während wir unser persönliches Wachstum hervorheben, erkennen wir zugleich, dass Millionen selbstverwirklichter Menschen keine verwirklichte Gesellschaft ergeben. Das Vertrauen der Bevölkerung in so gut wie jede amerikanische Institution – von Unternehmen und Regierungsbehörden bis zu Kirchen und Zeitungen – erreicht ständig neue Tiefststände. Die öffentlichen Schulden wachsen in rasantem Tempo, die Mittelschicht schrumpft, die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen steigt und die kulturellen Auseinandersetzungen nehmen jedes Jahr weiter zu. Inzwischen haben wir die höchste Inhaftierungsquote und die geringste Wahlbeteiligung aller großen Demokratien. Die Statistiken klären uns darüber auf, dass viele Negativtrends (Straftaten, Scheidung, Abtreibung, Studierfähigkeit) einen historischen Tiefststand erreicht haben, aber das beruhigt uns nicht.

Als Individuen haben wir uns unseren Optimismus bewahrt, aber das gilt bereits nicht mehr für die Familie oder die Gemeinde. Die meisten Amerikaner blicken hoffnungsvoller auf ihre eigene Zukunft als auf die ihrer Kinder oder gar ihrer Nation. Unter Eltern ist die Furcht weit verbreitet, dass der amerikanische Traum, auf den ihre eigenen Eltern noch bauen konnten und der für sie selbst gerade noch erreichbar ist, für ihre Kinder nichts weiter als eine zerplatzte Illusion sein wird. Junge Familiengründer kommen in die Mittdreißiger, ohne jemals eine Zeit erlebt zu haben, in der Amerika auf dem richtigen Weg zu sein schien. Menschen in der Lebensmitte blicken auf ihre mageren Sparguthaben und geringen Rentenansprüche, spotten über illusorische Sozialversicherungsfonds und versuchen, den Gedanken an eine drohende Altersarmut zu verdrängen. Senioren driften in ihre eigene Freizeitwelt ab, beklagen die verlorenen Tugenden der Jugend und versuchen, jeden Gedanken an die Zukunft zu verscheuchen.

Unsere zivilgesellschaftlichen Herausforderungen wirken auf uns wie ein riesiger Zauberwürfel, der uns ein unlösbares Rätsel aufgibt. Hinter jedem Problem verbirgt sich ein weiteres, das zuerst gelöst werden muss. Dahinter lauern weitere Probleme und dahinter wieder andere – das Ganze erscheint wie eine endlose Kette. Um die Kriminalität zu bekämpfen, müssen wir zuerst die Familien reparieren. Bevor uns das gelingt, müssen wir allerdings zunächst das Sozialleistungssystem reformieren, und das bedeutet, dass wir zuerst den Staatshaushalt sanieren müssen. Was wiederum heißt, dass wir unseren bürgerlichen Gemeinsinn ändern müssen, was aber nicht gelingen wird, bevor sich unsere moralischen Standards gewandelt haben, wozu wir unsere Schulen und Kirchen reformieren müssen. Das wiederum setzt voraus, dass wir unsere Innenstädte in Ordnung bringen, aber das ist unmöglich, solange wir nicht die Kriminalität in den Griff bekommen. Es gibt keinen Dreh- oder Angelpunkt, an dem wir einen politischen Hebel ansetzen können. Menschen aller Altersgruppen spüren, dass eine gewaltige reinigende Flutwelle über Amerika hinwegschwappen muss, bevor sich die düstere Stimmung aufhellt, die sich wie Mehltau auf die Nation gelegt hat. Diese Erkenntnis verdrängen wir jedoch. Als Nation befinden wir uns in einem Zustand kollektiver Verleugnung.

Während wir verzweifelt nach Antworten suchen, fragen wir uns, ob die Analyse womöglich unsere Intuition verdrängt. Wie ein nervöser Patient, der 17 verschiedene Medikamente einnimmt, während er die Bilder seiner Computertomografie studiert, fällt es uns schwer, innezuhalten und uns zu fragen, an welcher zugrunde liegenden Krankheit wir eigentlich leiden. Wie können wir uns die Urkräfte der Natur am besten zunutze machen? Gibt es wirklich nichts zwischen totaler Kontrolle und vollkommener Resignation? Unter einem Wirrwarr der Trendlinien ahnen wir tief in unserem Inneren, dass unsere Geschichte oder unsere Biologie oder unser Menschsein eine ganz einfache, aber wichtige Botschaft zu vermitteln hat. Aber wir wissen nicht, wie sie lautet. Falls wir es je wussten, haben wir es vergessen.

Wohin wir auch gehen, Amerika entwickelt sich auf eine Art und Weise, die die meisten von uns weder mögen noch verstehen. Individuell fokussiert und doch kollektiv treibend, fragen wir uns, ob wir auf einen Wasserfall zusteuern. Tun wir das?

Es ist alles schon einmal da gewesen

Es ist der Verdienst von Historikern, Muster zu entdecken, die sich im Verlauf der Geschichte wiederholen, und natürliche Rhythmen gesellschaftlicher Erfahrungen aufzuspüren.

Im Kern der neuzeitlichen Geschichte liegt in der Tat das folgende bemerkenswerte Muster: In den vergangenen fünf Jahrhunderten brach in der angloamerikanischen Gesellschaft ungefähr alle zwei Jahrzehnte ein neues Zeitalter – eine Wende – an. Zu Beginn einer jeden Wende verändert sich die Selbstwahrnehmung der Menschen und auch die Wahrnehmung ihrer Kultur, ihrer Nation und ihrer Zukunft. Solche Zeitenwenden finden in Viererzyklen statt. Jeder Zyklus erstreckt sich über die Dauer eines Menschenlebens, da heißt ungefähr 80 bis 100 Jahre. Diese Zeitspanne wurde in der Antike als saeculum bezeichnet. Zusammen umfassen die vier Zeitenwenden des Säkulums den natürlichen Rhythmus der Geschichte: Wachstum, Reife, Zerfall und Tod:

Die

Erste Wende

ist eine

Hochphase

, eine euphorische Zeit der erstarkenden Institutionen und des sich abschwächenden Individualismus, in der sich eine neue zivile Ordnung andeutet und das Regime alter überholter Werte zu verblühen beginnt.

Die

Zweite Wende

ist ein

Erwachen

, eine leidenschaftliche Zeit spirituellen Aufbegehrens, wenn die herrschende zivile Ordnung von der erstarkenden neuen Ordnung angegriffen wird.

Die

Dritte Wende

ist eine

Auflösung

, eine bedrückende Zeit erstarkenden Individualismus und geschwächter Institutionen, in der die alte zivile Ordnung zerfällt und sich eine neue Ordnung durchsetzt.

Die

Vierte Wende

ist eine

Krise

, eine entscheidende Zeit weltlichen Umbruchs, in der das Werteregime die Verdrängung der alten zivilen Ordnung durch eine neue vorantreibt.

Jede Wende hat ihre eigene Stimmung, wobei die Stimmungswechsel die Menschen immer unvorbereitet treffen.

Im derzeitigen Säkulum war die Erste Wende das American High – die Hochphase, geprägt von den Präsidentschaften Trumans, Eisenhowers und Kennedys. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, hätte niemand gedacht, dass Amerika in so kurzer Zeit ein derart großes Selbstvertrauen und eine derartige institutionelle Stärke entwickeln und zugleich so konformistisch und spirituell selbstzufrieden werden würde. Aber genau das ist passiert.

Die Zweite Wende war eine Bewusstseinsrevolution, die sich von den Studentenrevolten Mitte der 1960er-Jahre bis Anfang der 1980er-Jahre hinzog. Vor der Ermordung Kennedys hätte niemand für möglich gehalten, dass Amerika am Beginn eines Zeitalters der persönlichen Befreiung stehen und eine kulturelle Kluft überwinden würde, die alles, was danach gedacht oder ausgesprochen wurde, von dem trennte, was vorher gedacht und ausgesprochen wurde. Aber genau das ist passiert.

Die Dritte Wende waren die Kulturkriege, ein Zeitalter, das Mitte der 1980er-Jahre mit Reagans TV-Wahlwerbespot Morning in America begann und vermutlich in acht bis zehn Jahren, das heißt ungefähr Mitte des ersten Jahrzehnts der 2000er-Jahre enden wird. Inmitten der strahlenden ersten Jahre der Reagan-Ära hätte sich niemand vorstellen können, dass die Nation in ein Zeitalter des nationalen Irrlichterns und des institutionellen Niedergangs eintreten würde. Aber genau das ist passiert.

Hat es große nationale Stimmungsumschwünge wie diese schon früher gegeben? Ja, und zwar oft. Haben Amerikaner irgendwann schon einmal so etwas wie die derzeitigen Auflösungserscheinungen erlebt? Ja, und zwar viele Male im Verlauf der Jahrhunderte.

Menschen in ihren Achtzigern können sich an frühere nationale Stimmungslagen erinnern, die der heutigen ähnelten. Sie erinnern sich an die Jahre zwischen dem Tag des Waffenstillstands (Armistice Day, 1918) und dem Großen Crash von 1929. Die Euphorie über einen globalen militärischen Sieg war schmerzhaft kurz. Der frühere Optimismus über eine progressive Zukunft wich dem Nihilismus der Jazz-Ära und einem durchdringenden Zynismus gegenüber hohen Idealen. Gangsterbosse beherrschten die Immigranten-Ghettos, der Ku-Klux-Klan den Süden, die Mafia das industrielle Kernland und die Verfechter des Amerikanismus zahlreiche Kleinstädte. Die Gewerkschaften schrumpften, die Regierungen wurden schwächer, Kleinparteien standen hoch im Kurs, und ein dynamischer Markt begrüßte neue Konsumtechnologien (Autos, Radios, Telefone, Jukeboxes, Verkaufsautomaten), die das Leben komplizierter und hektischer machten. Die leichtsinnigen Vergnügungen einer »verlorenen« jungen Generation schockierten die reifen Kreuzritter des Anstands – viele von ihnen »erschöpfte Radikale«, die gegen die Überbleibsel der sogenannten Mauve Decade29 ihrer Jugend moralisierten. Die Meinungen polarisierten sich um kompromisslose kulturelle Themen wir Drogen, Familie und »Anstand«. Währenddessen versuchten Eltern, eine neue Generation braver, wohlerzogener Kinder zu beschützen (die heutige Rentnergeneration).

Die Details waren anders, aber die zugrunde liegende Stimmung von damals ähnelte dem, was Amerikaner heute empfinden. Lesen Sie Walter Lippmanns Worte, die er während des Ersten Weltkriegs schrieb:

Wir sind bis in die Wurzeln unseres Seins erschüttert. Es gibt nicht eine menschliche Beziehung, sei es die zwischen Eltern und Kind, Ehemann und Ehefrau, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die sich nicht in einer befremdlichen Situation bewegt. Wir sind nicht an eine komplizierte Zivilisation gewöhnt; wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen, wenn der persönliche Kontakt und die ewige Autorität verschwunden sind. Es gibt keine Präzedenzfälle, die uns als Orientierung dienen können, und keine Weisheit, die nicht für ein einfacheres Zeitalter gedacht war.

Drehen wir die Uhr zurück in ein Zeitalter, an das sich die ältesten Amerikaner noch erinnern. Ende der 1840er-Jahre und zu Beginn der 1850er-Jahre schlug die allgemeine Stimmung um. Der äußerst populäre Mexikanische Krieg hatte soeben mit einem grandiosen Sieg geendet, aber der Jubel über die Territorialgewinne verebbte schon nach kurzer Zeit. Die Städte wurden feindselig und die Politiker hasserfüllt. Die Immigration nahm sprunghaft zu, die Finanzspekulationen boomten und der Schienenverkehr und die Baumwollexporte entfesselten neue mächtige Marktkräfte, die die Gemeinden destabilisierten. Den beiden großen Parteien (die Whigs und die Demokraten) waren die Antworten ausgegangen, und sie begannen, sich aufzulösen. Zwischen den Südstaatlern – sogenannten Southrons – und den Abolitionisten, darunter viele Spiritualisten im mittleren Alter, die sich in den euphorischeren 1830er- und 1840er-Jahren in Transzendentalismus, utopischen Kommunen und allen möglichen anderen von der Jugend angefeuerten Kreuzzügen versucht hatten, brach eine moralische Debatte über die Expansion der Sklaverei in den Westen aus. Die Universitäten warben händeringend um Studenten, während eine schamlose junge Generation gen Westen aufbrach, um in für Gewalttätigkeit berüchtigten Städten nach Gold zu graben. Währenddessen wuchs unter einer neuen Reglementierung eine Generation an Kindern heran, die Besucher aus Europa, die noch ein Jahrzehnt zuvor die Wildheit der amerikanischen Kinder beklagt hatten, stutzig machte. Klingt das vertraut?

Drehen wir die Uhr um eine weitere Lebensspanne zurück, und zwar in die 1760er-Jahre. Der kurz zuvor errungene Sieg der Briten in den Franzosen- und Indianerkriegen hatte 80 Jahre kriegerische Auseinandersetzungen beendet und die koloniale Grenze gesichert. Als England jedoch versuchte, die Kriegskosten durch Steuern wieder hereinzuholen, kochte der diffuse Unmut der Kolonien über. Die Immigration aus der Alten Welt, die Emigration über die Appalachen und die kolonialen Handelsstreitigkeiten nahmen sprunghaft zu. Während es in den Schuldengefängnissen eng wurde, beklagten sich die älteren Menschen über das, was Benjamin Franklin als die »weiße Unzivilisiertheit« der Jugend bezeichnete. Prediger im mittleren Alter (Zeitgenossen der feurigen jungen Prediger des Großen Erwachens von ca. 1740) appellierten an das zivile Bewusstsein und organisierten populäre Glaubensfeldzüge für wirtschaftliche Sparmaßnahmen. Die Elite der jungen Generation war die erste, die disziplinierte Kirchenschulen in den Kolonien besuchte statt Akademien im korrupten Albion. Allmählich spalteten sich die Kolonisten in zwei feindliche Lager auf: Das eine verteidigte die britische Krone, während das andere sie vehement ablehnte. Klingt auch das vertraut?

In jeder dieser Perioden feierten die Amerikaner ein Ethos des frenetischen Laissez-faire-Individualismus (ein ab den 1840ern verbreiteter Begriff) und klagten gleichzeitig über die soziale Fragmentierung, epidemische Gewalt sowie wirtschaftliche und technologische Veränderungen, die sich in einem Tempo vollzogen, das die Absorptionsfähigkeit der Gesellschaft zu übersteigen schien.

In jeder dieser Perioden hatten die Amerikaner kurz zuvor einen beeindruckenden Sieg über eine langjährige externe Bedrohung errungen – das deutsche Kaiserreich, das Vizekönigreich Neuspanien (sprich Mexiko) und ein neues französisches Imperium. Allerdings wurde der Sieg mit einer überholten Definition des kollektiven Zwecks assoziiert und löste umgekehrt einen ungeheuren Pessimismus aus.

In jeder dieser Perioden verfinsterte ein aggressiver Moralismus die Debatte über die Zukunft des Landes. Es wüteten Kulturkriege, die Sprache des politischen Diskurses wurde rauer, nativistische (und ausgrenzende) Gefühle verhärteten sich, Einwanderung und Drogenmissbrauch gerieten unter Beschuss und die Kinder wurde strenger behütet.

In jeder dieser Perioden fühlten sich die Amerikaner zwar in ihren persönlichen Werten fest verwurzelt, standen der Korruption des bürgerlichen Lebens jedoch feindselig gegenüber. Verbindende Institutionen, die seit Jahrzehnten stabile Säulen bildeten, wirkten auf einen Schlag vergänglich. Jene, die für die Nation einst ihr Leben gegeben hätten, wurden alt und starben. Der nachwachsenden Generation war die Nation gleichgültig. Die gesamte res publica schien kurz vor der Auflösung.

In jeder dieser früheren Dritten Wenden hatten die Amerikaner das Gefühl, sie steuern auf eine Katastrophe zu.

Und wie sich herausstellte, taten sie das auch.

Auf die 1760er-Jahre folgte die Amerikanische Revolution, auf die 1850er-Jahre der Bürgerkrieg, auf die 1920er-Jahre die Große Depression und der Zweite Weltkrieg. Auf alle diese Zeiten der Auflösung folgten monumentale, markerschütternde Krisen, aus denen am Ende eine völlig neue amerikanische Gesellschaft hervorging.

Jedes Mal kam der große Wandel ohne große Vorankündigung. Noch im Dezember 1773, im November 1859 und im Oktober 1929 hatte die amerikanische Bevölkerung keine Ahnung, wie kurz er bevorstand. Plötzliche unerwartete Ereignisse wirkten als Auslöser (die Boston Tea Party, John Browns Überfälle und seine Hinrichtung, der Schwarze Dienstag) für einen raschen anhaltenden Stimmungsumschwung im Land. In den folgenden zwei Jahrzehnten befand sich die Gesellschaft in Aufruhr. Nationale Krisen verlangten große Opfer von der Bevölkerung, die darauf reagierte, indem sie das Gemeinwohl über die individuellen Interessen stellte. Die politischen Führer führten, und die Menschen vertrauten ihnen. Mit der Formulierung eines neuen Gesellschaftsvertrags gelang es den Menschen, die Herausforderungen zu meistern, die ihnen einst unüberwindlich erschienen waren. Sie nutzten die Krise, um sich und ihre Nation auf eine höhere Ebene der Zivilisation zu heben. In den 1790er-Jahren gründeten sie triumphierend die erste demokratische Republik der Welt. Ende der 1860er-Jahre schmiedeten sie – verwundet, aber wiedervereint – mit den neuen Garantien für Freiheit und Gleichheit eine echte Nation. Ende der 1940er-Jahre erschufen sie die einflussreichste prometheische Supermacht, die es je gegeben hat.

Die Vierte Wende ist die größte Diskontinuität der Geschichte. Sie markiert das Ende einer Epoche und den Beginn einer anderen.

Analog der Natur besteht die Geschichte aus Jahreszeiten, und derzeit stehen wir vor einem neuen Winter. Wie der meteorologische Winter kann auch der säkulare Winter früher oder später hereinbrechen. Eine Vierte Wende kann lang und schwierig sein, kurz und hart, oder auch mild. Aber genau wie der meteorologische Winter ist auch der säkulare Winter eine unabänderliche Tatsache. Wenn seine Zeit gekommen ist, lässt er sich nicht aufhalten.

Es folgt eine Zusammenfassung dessen, was die Rhythmen der neuzeitlichen Geschichte für Amerikas Zukunft verheißen.

Die nächste Vierte Wende wird kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends ungefähr zur Hälfte des ersten Jahrzehnts beginnen. Ungefähr im Jahr 2005 löst ein plötzlicher Funke eine Krisenstimmung aus. Die Überreste der alten Gesellschaftsordnung lösen sich allmählich auf. Das politische und wirtschaftliche Vertrauen implodiert. Das Land wird von echten Nöten und ernsten Krisen heimgesucht, die Klassen- und Rassenfragen und weitere aufwerfen, die die Nation und das Staatsgebilde als Ganzes betreffen. Zugleich wird diese problembeladene Zeit die Saat der gesellschaftlichen Wiedergeburt in sich tragen. Das Bedauern über jüngst begangene Fehler und ein entschlossener neuer Konsens darüber, was zu tun ist, wird die Amerikaner miteinander verbinden. Sie empfinden nichts Geringeres, als dass das Überleben der Nation auf dem Spiel steht. Irgendwann bevor das Jahr 2025 erreicht ist, wird Amerika durch ein großes Tor der Geschichte schreiten, vergleichbar mit der Amerikanischen Revolution, dem Bürgerkrieg und der Doppelkrise aus Großer Depression und Zweitem Weltkrieg.

Das Risiko einer Katastrophe wird sehr hoch sein. Die nationale Krisenstimmung könnte sich in einem Aufstand oder einem erneuten Bürgerkrieg entladen, die Nation könnte geografisch aufbrechen oder unter autoritäre Herrschaft geraten. Falls es einen Krieg gibt, wird es ein Krieg des größtmöglichen Risikos und Aufwands sein – in anderen Worten ein totaler Krieg. Jede Vierte Wende war geprägt von einer immer gewaltigeren Vernichtungstechnologie und einer wachsenden Bereitschaft der Menschen, sie auch einzusetzen. Im Bürgerkrieg hätten sich die beiden Hauptstädte sicher gegenseitig bis auf die Grundmauern niedergebrannt, hätten sie damals die Mittel dazu gehabt. Im Zweiten Weltkrieg erfand Amerika eine neue Vernichtungstechnologie, die die Nation schon kurz darauf zum Einsatz brachte. Diesmal wird Amerika in eine Vierte Wende eintreten und die Mittel besitzen, unvorstellbares Grauen anzurichten und es vielleicht mit Gegnern zu tun haben, die über ebenbürtige Mittel verfügen.

Zugleich treten die Amerikaner mit einer einzigartigen Chance in diese Vierte Wende ein, sich als Volk zu neuer Größe aufzuschwingen. Viele verzweifeln darüber, dass die Werte, die in den 1960er-Jahren neu waren, heute so eng mit sozialer Dysfunktion und kulturellem Niedergang verwoben sind, dass sie zu nichts Gutem mehr führen können. Im gegenwärtigen Zeitalter der Auflösung ist das wahrscheinlich zutreffend. Im Schmelztopf der Krise wird sich das jedoch ändern. Wenn die alte zivile Ordnung nachgibt, werden die Amerikaner eine neue entwerfen müssen. Das wird einen Wertekonsens und – zu seiner Durchsetzung – die Ermächtigung eines neuen politischen Regimes erfordern. Wenn alles gut geht, könnte sich daraus eine Wiedergeburt des zivilgesellschaftlichen Vertrauens und mehr ergeben: Die Probleme der heutigen Dritten Wende – das Rätsel des Zauberwürfels, in Form der Probleme mit Kriminalität, Rasse, Geld, Familie, Kultur und Ethik, wird in der Vierten Wende plötzlich gelöst werden können. Amerikas Nach-Krisen-Antworten werden auf so organische Weise miteinander verknüpft sein, wie die heutigen Vor-Krisen-Fragen hoffnungslos verknäuelt sind. In den 2020er-Jahren könnte Amerika eine Gesellschaft werden, die nach heutigen Standards gut und funktionsfähig ist

Die nächste Vierte Wende kann also in der Apokalypse oder in Herrlichkeit enden. Die Nation könnte ruiniert, ihre Demokratie zerstört und Millionen von Menschen versprengt oder getötet werden. Oder Amerika könnte in ein neues Goldenes Zeitalter eintreten und triumphierend gemeinsame Werte umsetzen, um die menschlichen Daseinsbedingungen zu verbessern. Die Rhythmen der Geschichte enthüllen das Ergebnis der kommenden Krise nicht; sie verraten uns nur etwas über ihren Zeitpunkt und ihre Dimension.

Wir können die Jahreszeiten der Geschichte nicht aufhalten, aber wir können uns auf sie vorbereiten. Hier und jetzt, im Jahr 1997, haben wir acht, zehn oder vielleicht ein Dutzend Jahre vor uns, die wir nutzen können. Die Ereignisse werden dann allmählich unsere Wahlmöglichkeiten eingrenzen. Ja, der Winter kommt, aber wie wir durch die dunkle, kalte Jahreszeit kommen, liegt allein an uns.

Die heulenden Stürme der Geschichte können das Schlimmste und das Beste einer Gesellschaft hervorbringen. Die nächste Vierte Wende könnte uns buchstäblich als Volk und Nation vernichten und uns in den Geschichten der Überlebenden und ihrer Erinnerung zu Verdammten machen. Sie könnte aber auch unser Leben adeln, uns als Gemeinschaft erheben und uns zu echten Heldentaten inspirieren, aus denen mythische Legenden entstehen, die unsere Nachfahren weit in der Zukunft wieder und wieder erzählen werden.

»Die menschlichen Ereignisse folgen einem rätselhaften Kreislauf«, beobachtete Präsident Franklin Roosevelt mitten in der Großen Depression. »Einigen Generationen wird viel gegeben. Von anderen Generationen wird viel erwartet. Diese Generation hat ein Rendezvous mit dem Schicksal.« Auch wenn der Kreislauf rätselhaft bleibt, muss er nicht völlig überraschend bleiben. Das konkrete Szenario und sein Ausgang sind zwar ungewiss, aber der Zeitplan steht fest: Die nächste Vierte Wende – Amerikas nächstes Rendezvous mit dem Schicksal – wird in ungefähr zehn Jahren beginnen und in ungefähr 30 Jahren enden.

Zeittheorien

Vom »Gevatter Tod« der Christen bis zur blutgetränkten Kali, der Göttin des Todes im Hinduismus, hat die Menschheit traditionell ein finsteres Bild von der Zeit. Die Zeit, so erkennen wir, führt unweigerlich zu unserem Verfall und Tod. Die Zeit löscht alles Vertraute unserer Gegenwart aus, von so banalen Freuden wie der morgendlichen Tasse Kaffee bis zu den größten Werken der Kunst, Religion oder Politik. »Die Zeit und das Alter«, beobachtete Aischylos, »ereilt alle Dinge gleichermaßen.«

Im Verlauf des Jahrtausends hat der Mensch drei Methoden zur Betrachtung der Zeit entwickelt: chaotisch, zyklisch und linear. Die Erste war die vorherrschende Betrachtungsweise des primitiven Menschen, die Zweite war den antiken und traditionellen Zivilisationen eigen, und die Dritte wird vom neuzeitlichen Westen praktiziert, insbesondere von Amerika.

In der chaotischen Zeit folgt die Geschichte keinem roten Faden. Die Ereignisse folgen zufällig aufeinander, und jedes Bemühen, ihrer willkürlichen Reihenfolge eine Bedeutung beizumessen, ist hoffnungslos. Das war die erste Intuition der Ureinwohner, für die die Veränderung der natürlichen Welt vollkommen jenseits der menschlichen Kontrolle beziehungsweise des menschlichen Verständnisses lag. So sehen kleine Kinder die Zeit. Zugleich ist die ziellose Zeit zum höchsten spirituellen Ziel geworden, dem »Wissen jenseits des Wissens« vieler östlicher Religionen. Der Buddhismus lehrt, dass eine Person das Nirvana erreicht, indem sie sich rituell von jeder Verbindung zur Bedeutung von Raum oder Zeit oder Selbstheit löst. Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts haben verschiedene Strömungen des Chaotismus in unserer Gesellschaft an Einfluss gewonnen, von der populären Kultur des Just Do It bis zum dekonstruktiven Nihilismus der akademischen Lehre.

Das praktische Defizit der chaotischen Zeit ist, dass sie das Bindegewebe der Gesellschaft zerstört. Wenn Ursache und Wirkung in keiner zeitlichen Verbindung stehen, können die Menschen nicht für ihre Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden. Nichts würde die Pflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern oder der Nachbarn gegenüber der Gemeinde legitimieren. Aus diesem Grund haben alle Gesellschaften oder Religionen die chaotische Zeit nur in sehr begrenztem Maße befürwortet. Das gilt selbst für den Buddhismus, in dem alle Menschen, die nicht das Nirwana erreichen, der geordneten Herrschaft des Karmas unterworfen sind.

Die zyklische Zeit hat ihren Ursprung in der Antike, als die Menschen die natürlichen Zyklen planetarischer Ereignisse (die täglichen Umdrehungen, die Mondmonate, die Sonnenjahre, die Reise der Planeten durch die Sternenbilder) mit verwandten Zyklen der menschlichen Aktivitäten in Verbindung brachten (schlafen, wachen, austragen, gebären, pflanzen, ernten, jagen, Feste feiern). Die zyklische Zeit beendete das Chaos durch Wiederholung – durch den Vater, Jäger oder Bauern, der im richtigen Moment die richtige Handlung vollzieht, und das in einem endlosen Kreislauf, so wie ein Ur-Gott oder eine Ur-Göttin im mythischen ersten Kreislauf die richtigen Dinge tat. Schließlich markierten große Kreisläufe die Dauer von Königreichen und Weissagungen, die Ankunft von Helden und Schamanen und den Reife- und Alterungsprozess eines jeden Lebens, der Generationen und Zivilisationen. Die zyklische Zeit ist endlos und wird zugleich in einem endlosen Kreislauf immer wieder abgeschlossen und erneuert, angetrieben von aufwendigen Ritualen, ähnlich unserer modernen Weihnachtszeit.

Anders als die chaotische Zeit verlieh die zyklische Zeit den klassischen Gesellschaften eine vorgeschriebene moralische Dimension, einen Maßstab, an dem jede Generation ihr Verhalten messen und mit dem Verhalten ihrer Vorfahren vergleichen konnte. Diejenigen, die an Zyklen glaubten, konnten an der göttlichen Neuschöpfung der ewigen Erneuerung der Natur teilhaben, was der Anthropologe Lévy-Bruhl als »mystische Teilhabe« (participation mystique) bezeichnet. Die Macht, die dieses Konzept auf die Menschheit ausübt, verdeutlichen der wiederkehrenden Zeit gewidmete kolossale Monumente (Obelisken, Pyramiden, Zikkurate und Megalithen), die so viele archaische Gesellschaften hinterlassen haben. Zwar verdrängt der Glaube an die zyklische Zeit die chaotische primitive Sichtweise, allerdings lässt er weniger Raum für das, was moderne Menschen als Ursprünglichkeit und Kreativität betrachten. »Für die traditionellen Gesellschaften wurden alle wichtigen Akte des Lebens ursprünglich von Göttern oder Helden vollzogen. Der Mensch wiederholt diese exemplarischen und paradigmatischen Gesten lediglich ad infinitum«, erklärt der Religionswissenschaftler Mircea Eliade.

Was ist die Alternative? Hier kommt die dritte Option ins Spiel: die lineare Zeit, das heißt, Zeit als einzigartige (und üblicherweise fortschreitende) Geschichte mit einem absoluten Beginn und einem absoluten Ende. Auf diese Weise strebte die Menschheit erstmals nach Fortschritt. In der griechisch-römischen Zivilisation wurde das zyklische Zeitverständnis von Anklängen menschlicher Weiterentwicklung unterbrochen. Die Griechen hofften bisweilen, dass die prometheische Vernunft die Menschheit vom ewigen Elend erlöse, wohingegen die Römer glaubten, ein mächtiges Staatswesen könne seinen Bürgern zu einem ruhmreichen Schicksal verhelfen. Vor allem aber nährte die Ankunft und Verbreitung des großen westlichen Monotheismus die Hoffnung, die Menschheit sei für mehr bestimmt, als Opfer einer launischen Natur zu sein. Die persischen, judäischen, christlichen und islamischen Kosmologien übernahmen allesamt das radikal neue Konzept der persönlichen und historischen Zeit als ein unidirektionales Drama. Die Zeit beginnt mit einer Vertreibung aus dem Paradies, dem mühseligen Vorwärtsstreben in einer zwischenzeitlichen Abfolge der Irrtümer, des Scheiterns, der Offenbarungen und der göttlichen Interventionen, und sie endet mit der Erlösung und dem Wiedereintritt in das Reich Gottes.

Der Linearismus brauchte mehrere 100 Jahre, um sich durchzusetzen, doch dann veränderte er die Welt. Im Europa des Mittelalters blieb die unidirektionale Zeit, wie sie die frühen Christen skizziert hatten, ein relativ obskures Konzept, das nur von einer kleinen klerikalen Elite ganz verstanden wurde. Im 16. Jahrhundert führten die Reformation und die Verbreitung des gedruckten Evangeliums zu einer neuen Dringlichkeit (und populären Anwendung) der linearen Geschichte. Die gewöhnlichen Menschen begannen, über die historischen Anzeichen der Wiederkunft Jesu zu spekulieren und gründeten auf Basis ihrer jeweiligen Erwartungen an diesen Moment neue Sekten. Zwei Jahrhunderte später verwandelte die Aufklärung den christlichen Linearismus in einen komplementären säkularen Glauben. Dies bezeichnete der Historiker Carl Becker als »die himmlische Stadt der Philosophen des 18. Jahrhunderts«, soll heißen, den Glauben an den unendlichen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fortschritt.

Ende des 19. Jahrhunderts, in der Blütezeit der Industriellen Revolution, erreichte das westliche Dogma der Geschichte als Fortschrittserzählung seinen Höhepunkt. Ob als religiöses Credo, als positivistisches Dogma oder als evolutionäre Wissenschaft – es durfte nicht in Frage gestellt werden. In der Ausgabe des The Cambridge Modern History von 1902 stand: »Wir müssen als wissenschaftliche Hypothese, auf der die Geschichtsschreibung basiert, von einem Fortschritt der menschlichen Angelegenheiten ausgehen. Dieser Fortschritt muss unweigerlich irgendwo sein Ende haben.« »Fortschritt war Vorsehung« – mit diesen Worten beschrieb Lord Acton später die vorherrschende viktorianische Sichtweise. »Solange es keinen Fortschritt gab, konnte es in der Geschichte keinen Gott geben.«

Die ersten englischen Siedlungen in der Neuen Welt begannen als Außenposten des radikalen Calvinismus und der radikalen Aufklärung. Daher überrascht es kaum, dass Amerika den extremsten Ausdruck des progressiven Linearismus verkörpert. Die ersten europäischen Entdecker sahen in diesen neuen Landmassen – dem Neuen Atlantis, El Dorado oder Utopia – eine echte Chance, den Menschen neu zu erschaffen, und der Geschichte damit ein Ende zu bereiten. Die Neuankömmlinge, die sich im Rahmen der sukzessiven Einwanderungswellen in den Vereinigten Staaten niederließen, betrachteten sich auf ähnliche Weise als Erbauer eines tausendjährigen Neuen Jerusalem, als Inauguratoren eines revolutionären Zeitalters der Vernunft, als Verteidiger des »auserwählten Landes« und als Pioniere im Dienst der Theorie der offensichtlichen Bestimmung (Manifest Destiny). Zu Beginn unseres jetzigen Jahrhunderts beschrieb Herbert Croly das bürgerliche Vertrauen in den linearen Fortschritt als »progressiven Nationalismus« und James Truslow Adams bezeichnete es als »amerikanischen Traum«. Die Zeit, so schrieben sie, war der natürliche Verbündete jeder nachfolgenden Generation. So entstand das Dogma des amerikanischen Exzeptionalismus, der Glaube, dass es dieser Nation und ihrem Volk irgendwie gelungen sei, sich von jedem Risiko einer zyklischen Rückwärtsentwicklung zu befreien.

In dieser Zeit gelang der linearen Zeit die Verdrängung der zyklischen Zeit. Vor langer Zeit eroberte die zyklische Zeit die chaotische Zeit. In den vergangenen Jahrhunderten wurde jedoch auch dieser Eroberer überwunden. Der Sieg des Linearismus war weder unmittelbar noch absolut. Zum Beispiel ähnelt das wichtigste christliche Ritual, die alljährlichen Feiern anlässlich der Geburt, Kreuzigung und Wiederauferstehung des Erlösers, immer noch dem Wiedergeburtsmotiv der Mittwinter-Rituale der archaischen Religionen, die es verdrängte. Die zyklische Zeit als lebendiger Glaube geriet allmählich immer stärker in Vergessenheit.

Das geht zurück auf die frühen Christen. Sie versuchten, den kalendarischen Paganismus auszumerzen, verdammten die klassischen Zyklen und unterdrückten ganze Zweige des nicht-linearen Lernens, wie zum Beispiel die hermetischen Felder der Alchemie und der Astrologie. »Im Kreise wandeln die Gottlosen«, warnte der heilige Augustinus. Zum Anbruch der Neuzeit wurden die Attacken erbitterter. Die Reformation löste nicht nur einen erneuten Angriff auf heidnische Feiertage (das Fällen und Aufstellen von Maibäumen) aus, sondern verhalf auch Kalendern und Tagebüchern zum Durchbruch, die die Menschen in die Lage versetzten, Zeit als effizientes Mittel für einen linearen Zweck zu verwenden – sei es Heiligkeit, Reichtum oder Eroberung. In jüngerer Zeit begann der Westen, die physische Evidenz der natürlichen Zyklen mithilfe von Technologie einzuebnen. Wir glauben, dass wir mit künstlichem Licht den Schlaf-wach-Rhythmus und mit der Klimakontrolle den Jahreszeitenwechsel, mit der Kühlung den Agrarzyklus und mit Hightechmedizin den Ruhe-Aktivitäts-Zyklus überlisten können.

Der triumphale Linearismus hat den westlichen und (vor allem) den amerikanischen Lebensstil geprägt. Als die zyklische Zeit vorherrschte, hatten die Menschen Wertschätzung für Geduld, Ritual, die Beziehungen der Teile zum Ganzen und die heilende Kraft der Zeit innerhalb der Natur. Heute gilt unsere Wertschätzung der Eile, dem Ikonoklasmus, der Zerlegung des Ganzen in Einzelteile und der Macht der Zeit außerhalb der Natur.

Früher war das vorherrschende numerische Paradigma für Wandel die vier, die ursprünglich in den meisten Kulturen ein weibliches Symbol darstellte. In der großen Vierfaltigkeit der Jahreszeiten, Richtungen und Elemente kreist das vierte Element stets zurück zu den übrigen. Heute ist das vorherrschende Paradigma die drei, die ursprünglich ein maskulines Symbol ist. In den großen Triaden des Christentums und der neuzeitlichen Philosophie reicht das dritte Element stets über alle anderen hinaus.

Früher schätzten die Menschen die Fähigkeit, die Energien der Natur zu erspüren und zu nutzen. Heute preisen wir die Fähigkeit, die Energie der Natur herauszufordern und zu überwinden.

Die Überwindung des Linearismus

Die große Errungenschaft der linearen Zeit besteht darin, dass sie der Menschheit ein zielgerichtetes Vertrauen in seine Selbstverbesserung verliehen hat. Eine lineare Gesellschaft definiert explizite moralische Ziele (Gerechtigkeit, Gleichheit) oder materielle Ziele (Komfort, Überfluss) und versucht bewusst, diese zu erreichen. Wenn diese Ziele erreicht sind, empfinden die Menschen einen Triumph. Wenn sie sie nicht erreichen, werden neue Taktiken angewendet. So oder so wiederholen sich die Dinge nie. Jeder Akt ist einzigartig und verleiht ein Gefühl echter Kreativität, das denen unbekannt ist, die die Vergangenheit wiederholen. In Amerika, so stellte Mark Twain fest, ist nichts älter als unsere Gewohnheit, alles als neu zu bezeichnen.

Die große Schwäche der linearen Zeit allerdings ist: Sie lässt die Rekurrenz der Zeit außer Acht und verstellt somit den Menschen den Weg zur Ewigkeit, sei es in der Natur, im jeweils anderen oder in uns selbst. Wenn wir glauben, dass wir unser gesellschaftliches Schicksal ausschließlich selbst bestimmen und unser persönliches Leben selbst gestalten, verlieren wir jedes Gespür dafür, dass wir Teil eines kollektiven Mythos sind, der größer ist als wir selbst. Dann können wir unseren Vor- und Nachfahren nicht über Rituale begegnen. Indem uns die lineare Zeit an irgendeinem Moment zwischen dem Beginn und dem Ende der Geschichte platziert und von beiden Äonen entfernt ist, lässt uns die lineare Zeit allein, ruhelos und voller Sorge vor Stillstand zurück, aus Furcht, wir könnten etwas Schreckliches über uns selbst herausfinden. Die meisten Amerikaner würden Mary McCarthy zustimmen, dass »das Happy End unser nationaler Glaube ist«. Aber nur wenige von uns haben eine Vorstellung davon, was wir täten, wenn wir jemals dorthin gelangen würden.

In guten Zeiten ist dieses Defizit kein Problem. In schlechten Zeiten kann das lineare Zeitverständnis jedoch Risse bekommen und den Horror der Zeit als befremdliche Leere offenbaren. Das ist die Art und Weise, wie die Erfahrung des Ersten Weltkriegs die gesamte westliche Welt in den Abgrund riss, und sie mit einem dunklen Schleier der Resignation und des Relativismus überzog, der sich erst mit dem Hoffnung weckenden Ende des Zweiten Weltkriegs lüftete und das Vertrauen in die Zukunft wiederherstellte. Inzwischen befindet sich dieses Vertrauen wieder in einem dramatischen Niedergang. Der Begriff Fortschritt ist mit äußerst negativen Konnotationen behaftet – der Robotertechnologie, der bürokratischen Erstarrung und einer zynischen Kultur. Er beschreibt nicht länger die Richtung, die die Geschichte nach unserer Vorstellung nehmen sollte. Je stärker wir darauf beharren, dass die Zeit linear ist, desto mehr fürchten wir uns davor, dass der Pfad in die Zukunft möglicherweise in linearer Richtung abwärts führt.

Viele Amerikaner reagieren auf das schwindende Vertrauen in den Fortschritt mit aggressiver Verleugnung. In jedem der vergangenen Jahrzehnte huldigte die Öffentlichkeit einem weiteren Manifest des dreistufigen Triumphalismus. Im Jahr 1960 war es Walt Rostows Werk The Stages of Economic Growth (das den »fulminanten Startschuss« für eine fabelhafte Massenkonsumgesellschaft gab), im Jahr 1967 Herman Kahns The Year 2000 (traditionelle, industrielle und dann postindustrielle Gesellschaften), im Jahr 1970 Charles Reichs The Greening of America (»Consciousness I, II und III«) und im Jahr 1980 Alvin Tofflers The Third Wave (Erste, Zweite und Dritte Welle) und im Jahr 1992 Francis Fukuyamas The End of History and the Last Man (eine neue Interpretation Hegels, der die gesamte Geschichte in Dreiergruppen unterteilte). Die lineare Schule betrachtet die gesamte Menschheitsgeschichte wie eine Skisprungschanze. Nachdem die Menschheit über Jahrtausende im Dunkeln gekauert hat, hebt sie nun zu ihrem ruhmreichen letzten Flug ab.

Für Vertreter der linearen Denkschule lässt sich die Zukunft oft auf eine schnurgerade Extrapolation der jüngsten Vergangenheit reduzieren. Weil sie in den vergangenen Entwicklungen keine Kurven oder Rückwärtsschlaufen erkannt haben, können sie auch in zukünftigen Entwicklungen keine erkennen. »Genau wie Pferde lassen sich auch Trends besser in die Richtung reiten, in die sie sich bereits bewegen«, schreibt John Naisbitt von Megatrends. Genauso typisch für den Linearismus, sei er alt oder neu, ist es, die unmittelbar bevorstehende Ankunft des letzten Akts der Geschichte zu verkünden. Die heutigen passionierten Glaubensanhänger lassen sich offenbar genau wie die Massen, die sich um die Prediger der Reformation scharten, zu dem Glauben verführen, sie genössen das Privileg, den Moment des ultimativen Wandels der Menschheit mitzuerleben.

Trotz des ungebrochenen Linearismus kehren immer mehr Amerikaner zum Glauben an die chaotische Zeit zurück – dem Glauben, das Leben bestehe aus Milliarden Fragmenten, alle Ereignisse seien zufällig und die Geschichte habe keine Richtung. In der Popkultur ist die Vergangenheit hauptsächlich Mahlgut für Planet-Hollywood-Artefakte, Forrest-Gump-Morphe und Oliver-Stone-Infotainments. In der Politik und im Geschäft ist die Vergangenheit wenig mehr als eine Werkzeugkiste der taktischen Bilder. In der Wissenschaft verziehen viele Historiker angesichts der Vorstellung, die Vergangenheit biete keinerlei Lektionen, das Gesicht. Sie sehen keine intrinsische, einheitliche Erzählung, sondern lediglich eine Grabbeltüte längst vergangener Details beziehungsweise Fußnoten einer vorübergehenden Sozialtheorie. Tatsächlich sagen einige Historiker inzwischen, die »eine Geschichte« gebe es nicht, sondern vielmehr eine Vielzahl von Geschichten – eine für jede Region, Sprache, Familie, Branche, Klasse und Rasse. Zahlreiche Gelehrte betrachten die Geschichte als Diener der Politik, als weitere Waffe auf den Schlachtfeldern des Kulturkampfs.

Diese gelehrte Ablehnung der inneren Logik der Zeit hat zur Entwertung der Geschichte in unserer Gesellschaft geführt. An den Elite-Universitäten müssen die Studenten im Grundstudium nicht mehr länger Geschichte als eigenes Fachgebiet studieren. In den Lehrbüchern der öffentlichen Schulen werden Häppchen vergangener Ereignisse mit Lektionen über Geografie, Politik und Kunst zu einer Art Sozialstudien-Eintopf verrührt. Erhebungen zeigen, dass Geschichte inzwischen das Fach ist, das Highschool-Schüler am uninteressantesten beziehungsweise am überflüssigsten finden. Die heutige Schülergeneration, denen eine Vergangenheit ohne Lektionen vermittelt wird, hat Schwierigkeiten, selbst die markantesten Namen und Daten zu nennen. Wenn ihre Lehrer jedoch Recht haben, warum sollte es ihnen wichtig sein, wann der Bürgerkrieg stattgefunden hat? Ist es wirklich von Bedeutung, ob er 1861, 1851 oder 1751 begann? Wenn Zeit Chaos ist, könnte sich ein Ereignis wie der Bürgerkrieg nie wieder oder gleich morgen erneut ereignen. Wenn Zeit linear ist, dann hat das gesamte 19. Jahrhundert nicht mehr Konsequenzen als irgendein weggeworfener ballistischer Verstärker, wobei seine Relevanz mit jedem weiteren Jahr abnimmt.

Die Amerikaner von heute fürchten, dass der Linearismus (sprich der amerikanische Traum) an sein Ende gelangt ist. Viele würden ein wenig Aufklärung über die Muster und Rhythmen der Geschichte begrüßen, aber die heutigen intellektuellen Eliten bieten wenig Nützliches. Gefangen zwischen der Entropie der Verfechter des chaotischen Zeitkonzepts und der Vermessenheit der Linearisten haben die Amerikaner ihren Anker verloren.

Es gibt eine Alternative. Um sie zu verstehen, müssen die Amerikaner jedoch zu den Erkenntnissen des alten Kreislaufs zurückkehren. Nichts wäre verloren. Wir könnten unsere hoffnungsvolle Fortschrittsintuition und unser skeptisches Bewusstsein für Zufälligkeit bewahren. Zugleich könnten wir die eine Perspektive, die wir zu lange unterdrückt haben, wiederherstellen ebenso wie die Erkenntnisse, die keine andere Perspektive bieten kann.