The House Saphir - Marissa Meyer - E-Book

The House Saphir E-Book

Marissa Meyer

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Beschreibung

Ein Haus voller Schatten und Geheimnisse ... Mallory Fontaine ist vieles – eine gewiefte Fremdenführerin, eine talentierte Zeichnerin und: Sie kann mit Geistern kommunizieren. Doch als sie eine Gruppe von Gästen durch das berüchtigte Haus Saphir führt, wird aus einer gewöhnlichen Tour eine Reise in die dunkle Vergangenheit des Anwesens. Als dann noch ein mysteriöser Fremder auftaucht, der mehr mit dem Haus und seiner Geschichte zu tun haben könnte, als er zugibt, wird aus einer harmlosen Tour ein gefährliches Spiel ums Überleben. Kann sie die Wahrheit hinter den Legenden des Hauses Saphir aufdecken, bevor sie selbst zur nächsten Legende wird? Das romantische Retelling des Blaubart-Märchens!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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MARISSA MEYER

THE HOUSE SAPHIR

Aus dem Englischen von Aimée de Bruyn Ouboter

enchanted by arsEdition

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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2026

Text copyright © Rampion Books Inc, 2025

Cover copyright © Macmillan Publishers, 2025

Titel der Originalausgabe: The House Saphir

Die Originalausgabe ist 2025 bei Feiwel & Friends (Macmillan Publishers), New York, erschienen

© 2026 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D–80801 München arsedition.de/service

Alle Rechte vorbehalten

© Text: Marissa Meyer

Übersetzung: Aimée de Bruyn Ouboter

Lektorat: Kanut Kirches

Covergestaltung: Werbeagentur Zero unter Verwendung des

Originalcovers und janniwet / Shutterstock.com

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

ISBN eBook 978-3-8458-6864-6

ISBN Printausgabe 978-3-8458-6863-9

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Erin Armstrong

Hoffentlich magst du Gespenstergeschichten.

BESTIARIUM

Anmerkung der Autorin: Zwar sind diese Ungeheuer von der traditionellen französischen Folklore inspiriert, aber ich habe mir allerlei Freiheiten herausgenommen.

Cheval Mallet

Ein prächtiges geisterhaftes Pferd mit flammenden Augen. Ganz besonders gern verlockt es müde Reisende, auf seinen Rücken zu steigen – um sie dann die nächste Klippe hinabzustürzen.

Croque-Mitaine

Wörtlich übersetzt: »knuspriger Fäustling«. Eine menschenähnliche Kreatur, die ungehorsamen Kindern die Finger abbeißt (aber nur denen, die es wirklich verdienen).

Feu Follet

Ein kleiner schwebender Ball aus Licht, bezaubernd schön – aber die betörenden Feux Follets führen einen nicht nur in die Irre, sondern in den Tod. Und sogar dabei sind sie noch schön!

Lou Carcolh

Ein Ungetüm mit gewaltigem Schneckenhaus, zahlreichen Tentakeln und einem Maul voll schartiger, scharfer Zähne. Eigentlich bevorzugt es Unterschlupf in dunklen Höhlen, gibt sich im Notfall jedoch auch mal mit einem Kleiderschrank zufrieden.

Lutin

Ein kleiner Kobold, der hilfreich, aber auch boshaft sein kann. Besonders gern verknotet er die Haare Schlafender – aber wer nicht?

Matagot

Ein gestaltwandlerischer Tiergeist, der meistens als schwarze Katze erscheint. Er kann sowohl Glück als auch Pech bringen – das hängt nicht nur davon ab, wie gut er behandelt wird, sondern auch von seiner Laune.

Salamander

Eine echsenartige Amphibie, so keck wie schleimig. Die meisten sind nichts Besonderes, aber einige können Feuer spucken.

Tarasque

Teils Drache, teils Schlange, teils Krokodil, mit dem Kopf eines Löwen und dem Panzer einer Schildkröte auf dem Rücken. Tatsächlich kommen in diesem Buch gar keine Tarasques vor – auch weil die Autorin ihre Zweifel daran hatte, sie glaubwürdig beschreiben zu können. Die Leserinnen und Leser hätten womöglich gedacht, sie sauge sich das alles bloß aus den Fingern! Aber für ein sagenhaftes Ungeheuer macht es schon ziemlich was her.

Velue

Eine weitere, merkwürdig zusammengestückelte Kreatur: Sie hat den Kopf einer Schlange und einen stachelschweinartigen Leib mit langem, grünem Fell und giftigen Stacheln. Häufig wird sie für Überschwemmungen, Brände, schlechte Ernten und überhaupt jede vorstellbare Naturkatastrophe verantwortlich gemacht.

Voirloup

Ein haariges, sabberndes, werwolfartiges Geschöpf, das Angst vor Feuer und eine Silberallergie hat. Das kommt dabei heraus, wenn man einem Dämon seine Seele für sieben sündhafte Vergnügungen verkauft! (Das mag sich zunächst verführerisch anhören, solange man über die Haare und das Gesabber hinwegsieht. Aber denkt an später! An eure Würde!)

ERSTES KAPITEL

Wollte eine junge Dame nicht ermordet werden, tat sie gut daran, sich nicht spätabends an dunklen Straßenecken mit Fremden zu treffen.

Mallory war sich darüber im Klaren, schließlich war sie Expertin auf dem Gebiet. Und war das nicht tausendmal besser, als meisterhaft Nadelkissen besticken, Tonleitern auf dem Cembalo klimpern oder Salatgabeln richtig halten zu können? Natürlich wusste sie, wie man eine Salatgabel hielt, was für eine Frage! Und zwar in der Faust, damit man einem Möchtegern-Angreifer die spitzen Zinken in den Oberschenkel rammen konnte. Oder ins Auge. Oder in den Schlund! Der menschliche Körper wies allerhand verletzliche Stellen auf, und sie legte sich nicht gern im Voraus fest.

Sie trat von einem Bein aufs andere und rückte die Mappe unter ihrem Arm zurecht. In der Ferne wieherte ein Pferd. Wagenräder knarrten. Fledermäuse schwärmten über den Dächern und stießen dabei ihre hohen Rufe aus. Die Finsternis griff nach Mallory, erreichte sie aber nicht – sie stand im Lichtkreis der einzigen Straßenlaterne weit und breit, um nicht von ihren Gästen übersehen zu werden.

Auf dem Präsentierteller, raunte eine innere Stimme ihr zu. Leichte Beute! Prompt kratzte sie sich mit der Stiefelspitze am Bein, sodass sie den Griff des im Schaft verborgenen Dolches spüren konnte. Es wäre wohl schicklicher gewesen, ihn unter ihren Röcken zu verstecken – aber käme es zum Schlimmsten, wollte sie gewiss keine Zeit damit verschwenden, sich durch mehrere Lagen Musselin und Wollstoff zu wühlen! Sie konnte einen Angreifer kaum bitten, sich zu gedulden, bis sie die Waffe in ihrem Strumpfband gefunden hatte.

Zwei feine Herren schlenderten vorbei, ihre Absätze klickten auf den Pflastersteinen. Mallory straffte sich. Das mussten wohl ihre Gäste sein. Einer war ganz in Schwarz gekleidet, der andere unwahrscheinlich farbenfroh. Sie beäugte die beiden, aber sie tippten sich bloß an ihre nicht vorhandenen Hüte und verschwanden in der Nacht.

Der Uhrenturm auf dem Marktplatz schlug elf Mal. Sie klopfte ungeduldig mit der Fußspitze auf den Boden.

Endlich kamen auf der anderen Straßenseite zwei weitere Gestalten aus der mondlichtgesprenkelten Dunkelheit. Zielstrebig hielten sie auf Mallory zu. Der Mann hatte ein käsiges Gesicht und war recht stattlich gebaut. Er trug einen modischen Capotain – einen hohen Zylinder – und eine Rüschenhalsbinde. Entweder entstammte er der besseren Gesellschaft, oder er hoffte, durch das richtige Auftreten eines Tages in ihre erlauchten Kreise aufgenommen zu werden.

Seine Begleiterin war eine zierliche junge Frau in einer unförmigen blutroten Robe. Der Saum schleifte hinter ihr her und war schon recht dreckig. Ihr Haar war so kurz geschoren, dass nur Flaum übrig war. Über dem linken Ohr hatte sie eine Tätowierung: einen Bogen und einen Pfeil.

Überrascht hob Mallory die Augenbrauen. Sie war auf ihren Führungen schon vielen merkwürdigen Persönlichkeiten begegnet. Eifrigen Gelehrten beispielsweise, die sie mit ernsthaften Fragen über die Geschichte des Herrenhauses löcherten und sich brennend für die derzeitigen politischen Anschauungen der Familie Saphir interessierten. (Zum Glück war Mallory gut darin, sich etwas auszudenken, denn woher in drei Teufels Namen sollte sie diese Sachen wissen?) Dann gab es Leute, die alles Okkulte faszinierend fanden – ihnen ging es nicht um die Skurrilität oder das Verbotene, sondern einzig um Spannung. Andere wollten ihren Freunden in der Taverne betrunken erzählen, sie hätten das Spukhaus der Familie Saphir überlebt. Und natürlich waren auch immer wieder Romantiker dabei. Damen, wild entschlossen, ohnmächtig niederzusinken, und Herren, die sie mit allerlei unnötigen ritterlichen Taten zu beschützen trachteten.

Aber eine Priesterin Tyrrs auf einer ihrer Führungen? Das war noch nie vorgekommen.

»Willkommen, wohlehrwürdige Frau! Es ist ein weiter Weg zum nächsten Tempel.«

Die junge Frau lachte schüchtern. »Ich bin nur eine Novizin. Nächste Woche lege ich mein Gelübde ab.«

»Meine Schwester hat entschieden, ihr Leben dem Dienst an den Göttern zu widmen«, sagte der Mann. »Wieso, kann ich nicht begreifen.«

Die junge Frau lächelte weiter, aber in ihre Augen war ein gereizter Blick getreten. »Weil es dir unvorstellbar ist, dein Leben etwas anderem zu widmen als dir selbst!«

Ungerührt zuckte der Mann mit den Schultern.

Mallory gab es nicht gern zu, aber im Grunde pflichtete sie ihm bei. Seit der Schleier vor beinahe zwei Jahrzehnten gefallen war, gehörte religiöse Hingabe zu den beliebteren Zerstreuungen der Aristokratie, aber Mallory sah den Reiz daran nicht. Die sieben Götter schienen ebenso wenig Interesse an den Belangen der Menschen zu haben wie früher, als die Sphären noch sauber voneinander getrennt gewesen waren.

»Hier geht doch die Führung los, oder?«, fragte der Mann.

»Die Führung durch das Herrenhaus der berühmt-berüchtigten Familie Saphir?«, fragte sie zurück. »Bei der sich alles um Folter und Verstümmelung dreht? Ja, Sie sind hier richtig. Allerdings stehen gewöhnlich Heiden und Außenseiter vor mir. Sie beide dagegen wirken so … unbescholten.«

Die Wange des Mannes zuckte. Er war offenkundig unsicher, ob das als Kompliment oder als Beleidigung gemeint gewesen war.

»Sie müssen Sophia und Louis Dumas sein.« Mallory wechselte die schwere Mappe in die andere Hand. »Was führt Sie heute Abend her?«

»Ich halte es für meine Schuldigkeit, meiner Schwester etwas von der Welt zu zeigen, ehe sie in diesen Tempel gesperrt und nie wieder herausgelassen wird.«

»Priesterinnen sind doch keine Gefangenen, Louis! Ich werde viel reisen. Zu meinen wichtigsten Aufgaben wird gehören, überall im Land bei Vertragsschließungen und friedlichen Verhandlungen den Vorsitz zu führen, an zeremoniellen Jagden teilzunehmen und Segen zu sprechen über die Waffen unserer großen –«

Louis fiel ihr ins Wort. »Ach, was für ein aufregendes Leben dich erwartet!« Er warf Mallory einen vielsagenden Blick zu. Verstehen Sie, was ich meine? »Uns bleibt hier in Morant bloß noch diese Nacht. Eine ganz reizende kleine Hexe auf der Rue Tilance hat uns die Zukunft vorausgesagt und vorgeschlagen, dass wir die Führung mitmachen. Sie hat davon geschwärmt!«

Mallory lächelte dünn. Die reizende kleine Hexe war ihre ältere Schwester. »Dann schauen wir mal, dass Sie keine Enttäuschung erleben.«

»Was für faszinierende Dinge sie in ihrem Laden angeboten hat!« Sophia bestaunte das hohe schmiedeeiserne Tor, vor dem sie standen. »Louis hat eine authentische Götterreliquie erworben – eine von Wyrdiths goldenen Federn! Sie soll ihm im kommenden Jahr garantiert Glück bringen.«

»Wahrhaftig eine seltene Kostbarkeit!« Mallory tat so, als wäre sie beeindruckt. »Was hat sie denn gekostet?«

Louis warf sich in die Brust. »Bloß zwölf Lys.«

»Ein wahres Schnäppchen.« Mallory wandte das Gesicht ab, damit er ihr stolzes Grinsen nicht sah. Blattgold war teuer, und Anaïs hatte ewig daran gearbeitet, die verfluchten Rabenfedern damit zu überziehen. Aber es war die Sache wert gewesen!

Der Mond blinzelte durch die Wolken, und sie schaute zum Himmel auf. Ihr dritter Gast, ein Monsieur Badeaux, war spät dran. »Wir warten noch auf einen Herrn, dann geht es los.«

»Sie haben Heiden erwähnt.« Monsieur Dumas schlug einen scherzhaften Ton an. »Ich kann mir vorstellen, dass diese Führung eine Menge zweifelhafter Gestalten anzieht!«

»Gelegentlich«, erwiderte Mallory. »Andererseits nehmen Sie ja auch teil, nicht wahr?«

Louis runzelte heftig die Stirn. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Nur, dass es schwer ist, den wahren Charakter eines Menschen zu ergründen, ob es sich nun um einen Fremden handelt oder einen unserer Liebsten. Fragt man die Leute, unter welchen Umständen sie ermordet werden könnten, denken die allermeisten an einen Unbekannten. Vielleicht an einen Überfall in einer dunklen Seitenstraße. Beschäftigt man sich jedoch eingehender mit Morden, findet man rasch heraus, dass Opfer und Täter einander in der Regel kennen, manchmal sehr gut. Meistens ist es der Gatte, aber« – sie seufzte dramatisch – »Mord unter Geschwistern ist auch keine Seltenheit.«

Sophia krauste die Stirn, als verstünde sie nicht, wieso Mallory ihnen das erzählte, obwohl ihr Bruder vor Empörung stammelte. Mallory ließ ihm keine Zeit, lautstark seine Ehre zu verteidigen und zu verkünden, dass er ganz sicher nicht die geringste Absicht habe, jemanden umzubringen. (Sagten sie das nicht alle?) Auffordernd hielt sie ihm die Hand hin.

»Da wir sowieso gerade nur warten … Die Führung kostet sechs Galets pro Person und muss im Voraus bezahlt werden.«

»Sechs Galets!«, rief Louis. »Die Wahrsagerin hat gemeint …«

Sophia stieß ihn mit dem Ellenbogen an, und da verkniff er sich den Rest. Grummelnd suchte er die Münzen aus seinem Portemonnaie.

»Wunderbar.« Mallory steckte das Geld ein. »Da unser letzter Teilnehmer immer noch nicht da ist, schlage ich vor, wir fangen ohne ihn an.«

Sie wandte sich dem Herrenhaus zu, das wie ein Ungeheuer an der düsteren Straßenecke kauerte, schwach erleuchtet vom blassen Silberschein des zunehmenden Mondes. Das Licht der Laterne erreichte es kaum.

Die rostige Eisenkette am Tor war klobig und schwer, aber nur ein Schwindel. Gemeinhin war sie mehr als genug, um Neugierige davon abzuhalten, sich auf das Grundstück zu schleichen. Wenn man jedoch näher hinsah, zeigte sich: Das Vorhängeschloss an der Kette war schon vor geraumer Zeit aufgebrochen worden.

Mallory hatte natürlich rein gar nichts damit zu tun gehabt. Hand aufs Herz!

»Ist das … legal?«, erkundigte sich Sophia besorgt, als Mallory die rasselnde Kette löste.

»Seien Sie unbesorgt, das ist nicht meine erste Führung«, erwiderte sie so selbstbewusst, als wäre das eine Antwort auf die Frage.

Sophia ließ sich damit abspeisen.

Das Tor kreischte in den Angeln. Mallory schob es so weit wie möglich auf und zwängte sich durch den Spalt. Das flechtenbewachsene Metall hinterließ Streifen auf Louis’ Jacke, und er schnitt eine Grimasse. Sophia schien sich nicht daran zu stören, ihre Robe schmutzig zu machen.

Ein schnurgerader Weg führte durch den Garten auf das Gebäude zu. Mallory ging langsam, damit ihre Gäste die trockengefallenen Springbrunnen auf sich wirken lassen konnten. Die bröckelnden Gartenmauern. Und natürlich das Haus! Schmal war es, aber hoch: Drei Stockwerke, in denen die Herrschaft gelebt und Gäste empfangen hatte, sowie der Dachboden. Dort oben waren die Dienstbotenzimmer gewesen. Die Fassade bestand ganz aus weißem Kalkstein, aber Ruß, Dreck, Efeu und Blauregen taten seit Jahrzehnten ihr Möglichstes, sie zu verschlingen. Bunte Bleiglasfenster, vor einem Jahrhundert der letzte Schrei, waren nun schmutzig, zerbrochen oder beides. In die gewaltige doppelflügelige Eingangstür – ein vollkommener Bogen aus dunkler Eiche – waren dämonische Eberköpfe geschnitzt. Und passte das nicht wunderbar zu einem Haus mit einer derart düsteren Geschichte?

»Beginnen wir!« Mallory ging rückwärts über den Kopfsteinpflasterweg, um ihre Gäste anschauen zu können. »Was wissen Sie denn schon über Monsieur Le Bleu?«

Nach kurzem Zögern erwiderte Louis: »Er hat Leute ermordet.«

»Seine Gemahlinnen«, fügte Sophia andächtig hinzu. »Er hat seine Gemahlinnen ums Leben gebracht.«

Mallory klemmte die schwere Mappe unter einen Arm und begann ihren Vortrag.

»Eigentlich hieß er Graf Bastien Saphir, aber die meisten Menschen kennen nur seinen Spitznamen: Monsieur Le Bleu. Sein Haupthaar und sein Bart waren nämlich so schwarz, dass sie in einem bestimmten Licht beinahe blau wirkten. Natürlich könnte auch der Familienname Saphir eine Rolle spielen.«

Sie blieb zwischen zwei von Unkraut überwucherten Beeten stehen. Es war schwer, sich vorzustellen, wie sie einmal ausgesehen haben mochten: eingefasst von gepflegten Buchsbaumhecken, bepflanzt mit farbenfrohen Geranien.

»Geboren wurde er auf dem Landsitz der Saphirs, in der Nähe des Dorfes Comorre, ein gutes Stück nordwestlich von hier. Als Einzelkind war er der Alleinerbe des gesamten Familienvermögens, erlangt durch Weinbau. Lange war Ruby Comorre vom Weingut Saphir der begehrteste und teuerste Wein auf dem Markt. Da er mit Brandy angereichert wird, kann er über Jahre, ja Jahrzehnte aufbewahrt werden. Viele sagen, der Geschmack verbessert sich mit der Zeit noch. Dadurch haben sich immer schon besonders jene Händler dafür interessiert, die ferne Länder wie Isben und Gai-Yin bereisen, wo Wein für den Adel ein besonderer Luxus ist. Kenner wissen außerdem zu schätzen, dass der höhere Alkoholgehalt den Rausch beschleunigt.«

Sie stieg die Eingangstreppe hoch. »Doch das Landleben langweilte Bastien. Daher kaufte er, sobald er einundzwanzig Jahre zählte, dieses Grundstück im Herzen Morants und ließ darauf dieses Herrenhaus errichten. Er hat keine Kosten gescheut, wie Sie an der vergoldeten Sonnenuhr auf der Südterrasse und den Ornamenten überall in den oberen Stockwerken sehen können – jedes einzigartig und handgeschnitzt von einem ortsansässigen Künstler.«

»Verzeihen Sie«, unterbrach Monsieur Dumas, dessen Gesicht immer mürrischer geworden war, während sie ihrer blutrünstigen Geschichte die Bühne bereitet hatte. »Übernehmen Sie die gesamte Führung?«

Mallory starrte ihn an. »Das war meine Absicht.«

»Aber Sie … Sie sind …« Seine Verwirrung verwandelte sich in Widerwillen. »Ich dachte, Sie seien die Sekretärin oder … Sie wissen schon. Die Dame, die uns begrüßt und uns die Jacken und Hüte abnimmt. Nicht der Fremdenführer!«

Ein Muskel in Mallorys Wange zuckte. »Dann haben Sie sich wohl getäuscht.«

»Aber bei der Führung geht es um … um Mord!« Er senkte die Stimme. »Es ist nicht damenhaft, über solcherlei Dinge zu sprechen.«

Sophia war die Verlegenheit deutlich anzusehen.

Nun verstand Mallory besser, warum sie sich dem Orden des Tyrr anschließen wollte, Gott des Bogenschießens und des Krieges, den es nicht kümmerte, ob man Mann, Frau oder noch etwas ganz anderes war. Hoffentlich würde Louis nicht weiter herummaulen! Dann müsste sie die ganze Führung über dagegen ankämpfen, mit den Augen zu rollen …

Was natürlich glatt gelogen war. Sie würde nicht einen Moment zögern, ihn wissen zu lassen, was sie von seiner Meinung hielt.

Aber das würde sie vielleicht das Trinkgeld kosten. Er mochte ein Chauvinist sein, aber dadurch waren seine Münzen nicht weniger wert.

Sie seufzte. »Ich bin nicht nur Morants führende Expertin für Monsieur Le Bleu und die Familie Saphir, sondern im Augenblick auch die einzige Fremdenführerin, die das Herrenhaus auf dem Programm hat. Wenn Ihnen das zu heikel ist und Sie sich in einem Spielsaal wohler fühlen, halte ich Sie nicht auf. Aber sollten Sie einen Blick ins Haus werfen wollen, schlage ich vor, dass Sie sich schnell entscheiden, damit uns noch genügend Zeit bleibt.« Eine kurze Pause. »Außerdem kann der Eintritt leider nicht zurückerstattet werden!«

Monsieur Dumas warf seiner Schwester einen beunruhigten Blick zu, als fürchtete er, eine derartig eigensinnige Frau könnte sie auf dumme Gedanken bringen. Mallory fragte sich prompt, was er eigentlich über den Gott wusste, dem Sophia dienen wollte.

»Wie ich gerade sagen wollte: Als das Haus fertiggestellt war, verbrachte Monsieur Le Bleu beinahe seine gesamte Zeit hier in Morant. Und da beginnt die eigentliche Geschichte.« Mallory griff nach den geschmiedeten Türgriffen – Zwillingsseeschlangen – und warf die Türflügel auf, die dramatisch ächzten. »Willkommen im Haus Saphir!«

ZWEITES KAPITEL

Sie traten ein, und gleich umhüllte sie Dunkelheit. In der Empfangshalle roch es überwältigend nach Staub, Schimmel und Rattendreck. Mallory war daran gewöhnt, aber Sophia rümpfte die Nase und Louis drückte sich ein Taschentuch vor den Mund.

Mallory griff nach der Laterne, die sie auf dem Eingangstisch stehen hatte, und entzündete die Kerze darin. In ihrem Licht konnten sie das kunstvolle Muster aus weißen und blauen Bodenkacheln sehen, das sich von der Eingangstür bis ins Gesellschaftszimmer erstreckte. Eine geschwungene Treppe aus Mahagoniholz führte nach oben. Die Baluster des Geländers waren zu unheilvollen Gestalten in Kapuzen geschnitzt. Ein bogenförmiger Durchgang geradeaus ließ Besucher in einen Flur ein, der zum Speise- sowie dem Ballsaal führte. Man fühlte sich wie erschlagen von dieser kalten Pracht, und so war es auch gedacht. Gäste sollten sich hier nicht behaglich fühlen. Eingeschüchtert sollten sie sein, sich geehrt fühlen – und zugleich überfordert.

Während Mallory ihre kleine Gruppe durch das Erdgeschoss lotste, entzündete sie hier und da Kerzen und erklärte, wozu die verschiedenen Zimmer einst gedient hatten: Der Salon, in dem Gäste mit einem Glas des berühmten Rotweins vom Gut der Saphirs begrüßt worden waren, eiskalt serviert in den Sommermonaten – der Inbegriff des Luxus. Der Wintergarten, in dem noch immer einige zerbrochene Töpfe standen, die letzten Spuren eines üppigen, hinter Glas bewahrten Dschungels. Bastien Saphir hatte Orangen geliebt und daher einen Orangenbaum in der Mitte des Wintergartens gehalten, um stets frische Früchte zu haben. Mallory wies auf die leeren, aufwendig verzierten Vogelkäfige, die von der Decke hingen. Früher einmal hatten goldene Kanarienvögel und wunderbar singende Nachtigallen Saphirs Gäste unterhalten.

Sie durchquerten den Speisesaal mit den getäfelten Wänden und imposanten Kronleuchtern, an denen nun so viele Spinnweben wie Kristalle hingen, und Mallory erzählte von prunkvollen Feiern, glänzenden Soiréen und opulenten Festbanketten, die Saphir für die Aristokratie Morants gegeben hatte.

»Er war für seine Großzügigkeit bekannt und galt als aufrichtiger Kavalier. Einladungen in sein Heim waren heiß begehrt.« Mallory ging auf ein Gemälde an der Wand zu, das mit schwarzem Samt verhängt war. »Außerdem war er teuflisch gut aussehend.«

Sie zog den Samtvorhang beiseite. Der Schein ihrer Laterne tanzte über das Porträt eines Edelmanns, der eine kunstvoll bestickte, blau-goldene Pelerine über einem passenden Wams trug. Das Porträt war entstanden, als Bastien Saphir Mitte zwanzig gewesen war, und seine Gesichtszüge waren erstaunlich scharf geprägt – als hätte ein Bildhauer seine markanten Wangenknochen und das kantige Kinn gemeißelt. Sein gepflegter Bart war schwarz wie Tinte, ebenso wie das lange Haar, das er im Nacken zusammengebunden trug. Am eindrucksvollsten waren seine Augen: Selbst im Dämmerdunkel leuchteten sie strahlend blau, ein charakteristisches Familienmerkmal.

Ein durch und durch undamenhaftes Geräusch ertönte, laut in dem stillen Saal: Jemand hatte die Zunge herausgestreckt und blies feucht Luft aus.

Mallory hatte damit gerechnet und zwang sich, nicht zusammenzuzucken.

»Wenn der Kerl teuflisch gut aussehend ist«, sagte eine hohe, nasale Stimme, »dann bin ich die Königin von Lysraux!«

Mallory antwortete nicht. Das hätte ihre Gäste beunruhigt, die natürlich nichts gehört hatten. Regel Nummer eins im Umgang mit Geistern: Geh nicht auf sie ein, wenn lebende Menschen in der Nähe sind. Schau sie nicht an. Antworte ihnen nicht.

Die meisten Leute glaubten sowieso schon, ihre Schwester und sie wären eigenartig. Es gab keinen Grund, die Sache noch schlimmer zu machen.

Sie schaute sich verstohlen um.

Triphine thronte am Kopfende des Esstisches, die Füße neben einem Armleuchter hochgelegt. Wie üblich war sie im Nachthemd, und um ihre Schultern lag ein blaues Tuch. Ihre zierliche Gestalt flimmerte an den Rändern. Das war bei allen Geistern so: Sie waren nicht mehr stofflich, aber auch nicht gänzlich ätherisch. Triphine war einst eine Schönheit gewesen, und daran hatte auch ihr Tod nichts geändert. Ihr zartes Gesicht mit den edlen Zügen verriet ihre Herkunft: Sie war eine Herzogin, die dem gaiyinischen Königshaus entstammte. Ihr Glanz wurde nur geringfügig getrübt von dem dunkelroten Blutfleck auf ihrer Brust – den hatte sie dem Schwert zu verdanken, durch das sie ums Leben gekommen war.

»Ich habe ihn mir immer als Piraten vorgestellt«, sagte Sophia leise. Ihre Stimme klang verträumt, ihr Blick ruhte auf Le Bleus geheimnisvollem Lächeln. Sie hatte keine Ahnung, dass ein Geist sie beobachtete. »Ich dachte, er würde … rabiater aussehen. Nicht so vornehm.«

»Ein Pirat!«, rief Triphine hochmütig. »Wo treibst du bloß immer diese Leute auf?«

»Ein verbreiteter Irrglaube«, sagte Mallory. »Die Familie Saphir besaß tatsächlich viele Handelsschiffe, um ihren Wein zu exportieren, und betrieb nebenbei ein lukratives Handelsgewerbe. Doch obwohl Monsieur Le Bleu manchmal auf einem der Schiffe mitreiste, war er kein Pirat. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Ballsaal.«

»Ach, ich bin wohl mal wieder Luft für dich?« Triphine erhob sich, um sich Mallory und den Geschwistern anzuschließen, die durch eine Doppelflügeltür weitergingen. »Das ist außerordentlich unhöflich, Mademoiselle Fontaine! Du weißt doch, dass ich letzte Woche diesen furchtbaren Husten hatte. Die ganze Brust hat mir geschmerzt! Tagelang war ich ans Bett gefesselt. Und du fragst mich nicht einmal, wie ich mich fühle?« Wie zum Beweis ihres Siechtums hustete sie rasselnd.

Mallory ging schneller und hoffte, das energische Klicken ihrer Stiefelabsätze auf dem Parkettboden des Ballsaals würde Triphines Gejammer übertönen. Sie entzündete einige Wandleuchter, während Sophia und Louis sich umschauten. Auf einer erhöhten Bühne waren seinerzeit Musikanten und Gaukler aufgetreten und dann hinter schwere Vorhänge geschlüpft. Hohe Rundbogenfenster saßen in Wänden, an denen glitzernde Spiegel hingen. Früher musste die Wirkung atemberaubend gewesen sein, doch im flackernden Kerzenschein sahen die Spiegelbilder darin unheimlich und blass aus. Die feuchte Luft im Saal war erstickend.

Triphine zog ihr Schultertuch fester um sich, als fröstle sie. In den Spiegeln war sie als Einzige nicht zu sehen. »Eigentlich habe ich dir etwas Wichtiges zu erzählen, Mallory. Aber wenn du mir die kalte Schulter zeigen willst – bitte! Dann sage ich dir eben nichts. Und du wirst es noch bedauern!«

Das bezweifelte Mallory. Triphine konnte nützlich sein, war aber auch eine entsetzliche Nervensäge.

»Was ist da passiert?« Louis deutete in eine Ecke des Saals, wo Brandflecken Boden und Wände übersäten. Ein Stück der vergoldeten Tapete fehlte, und darunter kam verkohltes Holz zum Vorschein.

»Vor einigen Jahren haben sich Kinder hier reingeschlichen«, erklärte Mallory. »Sie dachten wohl, es wäre ein Riesenspaß, ein paar Kerzen anzuzünden und den Geist Le Bleus zu beschwören. Beinahe hätten sie das ganze Haus niedergebrannt. Zum Glück haben Nachbarn den Rauch gesehen und konnten das Feuer rechtzeitig löschen.«

Über ihnen polterte es dumpf.

Alle erstarrten und hoben den Blick zur zinngetäfelten Decke, von der Kronleuchter hingen, die seit Jahrzehnten nicht mehr mit Kerzen bestückt worden waren.

Mallory räusperte sich. »Was soll ich sagen?« Sie lachte leise. »Hier spukt es.«

»Mallory«, zischte Triphine. »Das war ich nicht!«

»Monsieur Le Bleus erste Gemahlin war die Herzogin Triphine Maeng«, rezitierte Mallory und achtete nicht weiter auf Triphines beleidigtes Schniefen. »Die Hochzeit wurde in eben diesem Saal gefeiert. Beinahe dreihundert Gäste waren geladen. Sie war jedoch nicht nur seine erste Gemahlin.« Mallory machte eine dramatische Pause. »Sie war auch sein erstes Opfer!«

Sophia erschauderte, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, der vor einen Spiegel getreten war, um zu überprüfen, ob er etwas zwischen den Zähnen stecken hatte.

»Schön, mach weiter so«, murrte Triphine. »Aber wenn du schon über mich reden musst, als wäre ich gar nicht da, erzähl ihnen wenigstens von meinen Blumen!«

»Le Bleu war der begehrteste Junggeselle in Morant, und seine Hochzeit war ein großes Spektakel.« Mallory öffnete ihre Mappe und klappte das Skizzenbuch darin auf. Auf der ersten Seite war eine Holzkohlezeichnung des Ballsaals zu sehen, geschmückt mit kunstvollen Blumengestecken. »Es gibt viele Aufzeichnungen über die Dekoration. Der verantwortliche Florist erwarb sich großen Ruhm: Seine Arrangements waren extravagant und bestanden aus tropischen Früchten und Blumen, die in Morant beinahe unbekannt waren. Sie wurden in speziellen Glasgefäßen in die Stadt gebracht, in denen ihr gewohntes Klima herrschte.«

»Sie waren wunderschön«, seufzte Triphine. »Es sei die Hochzeit des Jahrhunderts, haben alle gesagt.«

»Haben wir Sie bezahlt, damit Sie uns Vorträge über Blumen halten?«, knurrte Louis. »Kommen Sie endlich zur Sache!«

Sophia versetzte ihm einen Klaps.

»Vierzehn Monate nach der Hochzeit«, fuhr Mallory fort, »brachte Triphine Bastien den Zweiten zur Welt – das einzige Kind, das Le Bleu je zeugen sollte. Bald nach der Geburt kamen Gerüchte auf, Triphine sei erkrankt. Die Geburt habe sie empfindlich geschwächt. Sie sei zutiefst erschöpft, äße wie ein Spatz und müsse immer wieder wochenlang das Bett hüten. Auf jeden Fall sei sie gesundheitlich zu angegriffen, um an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen.«

»Meine Mutter meinte immer, ich hätte eine schwache Konstitution«, warf Triphine ein. »Aber eigentlich fühlte ich mich nach ein paar Tagen im Bett wieder recht kräftig. Bastien ließ mich trotzdem nicht aufstehen. Ich bräuchte Kraft, um unser Kind großzuziehen.« Sie schnaubte. »Niederträchtiger Einflüsterer!«

»Nicht einmal drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes verstarb die Herzogin Triphine Maeng-Saphir. Kein Arzt war herbeigerufen worden, um ihre Leiden zu lindern. Kein Gerichtsmediziner untersuchte die Leiche. Und auch die heiligen Riten des Velos wurden nicht vollzogen. Die Salbungen, Gebete, Blumen, die Vorbereitung auf ein anständiges Begräbnis … das alles blieb aus.«

Sophia riss die Augen auf. Das fehlende Zeremoniell schien sie mehr zu bestürzen als der Mord an sich.

»Bastien behauptete, er habe die Bestattung mit allen Riten selbst besorgt – aus Angst, dass ihre Krankheit ansteckend sei. Er habe nicht das Leben seiner Hausangestellten oder der Stadtbewohner in Gefahr bringen wollen. Und da er den trauernden Witwer sehr eindrucksvoll spielte, zweifelte niemand an seiner Geschichte.«

»Lügnerischer Hund«, murmelte Triphine.

»Wenn Geister doch nur sprechen könnten!« Mallorys Stimme troff vor Ironie. »Dann könnte Herzogin Triphine uns vielleicht verraten, was ihr zugestoßen ist. Aber so, wie die Dinge liegen, bleiben uns nur Spekulationen.«

»Ach, ha ha, sehr lustig!«

Mallory machte eine weit ausladende Geste. »Man munkelt, Triphines Geist ginge noch heute in diesem Gemäuer um. Hin und wieder könne man einen Blick auf sie erhaschen, wie sie in ihrem weißen Nachthemd und einem blauen Schultertuch ruhelos durch die Flure streift. Ich habe gar sagen hören, manchmal würde sie versuchen, mit Besuchern in Kontakt zu treten.« Sie streckte die Hand nach Monsieur Dumas aus, als wollte sie ihm auf die Schulter tippen, obwohl er viel zu weit entfernt stand. »Dann äußert sie eine Bitte. Wieder und immer wie–«

Ein spitzer Aufschrei unterbrach sie. Sophia, bleich wie der Tod, zeigte an ihr vorbei.

Jemand stand hinter ihr.

Ein Schatten fiel über den Boden.

In den Spiegeln sah sie eine Gestalt: einen schwarzhaarigen Mann, groß und schlank, in einem Gehrock, halb noch in Dunkelheit gehüllt. Er stand nicht einmal zwei Schritte hinter ihr.

Dann berührte er sie am Ärmel.

Ihre Gedanken überschlugen sich.

Einbrecher! Mörder! Le Bleu!

Instinktiv packte sie den Mann am Arm, duckte sich unter ihn und schleuderte ihn über ihre Schulter nach vorn. Hart fiel er auf den Rücken und lag ächzend vor ihren Füßen.

Sie starrte hinab auf … einen jungen Mann.

Vielleicht war er wirklich ein Einbrecher. Vielleicht sogar ein Mörder. Aber kein besonders eindrucksvoller, und ganz bestimmt nicht der Geist Monsieur Le Bleus.

Er drückte eine Hand auf die Brust und rang nach Luft.

»Wer in Velos’ Namen sind Sie denn?«, rief Mallory.

Er keuchte noch ein bisschen weiter, bis er genug zu Atem gekommen war, um herauszubringen: »Ar… ähm. Axel. Axel Badeaux.« Er hustete. »Ich bin wegen der Führung hier.«

DRITTES KAPITEL

Während Louis dem Neuankömmling aufhalf, schnalzte Triphine tadelnd mit der Zunge. »Also wirklich, Mallory! Wie willst du so je einen Gatten finden? Nicht jeder hübsche junge Mann auf der Welt will dir ans Leben!«

Mallory warf ihr einen gereizten Blick zu. Glaubte Triphine denn, sie würde auf den Rat einer Frau hören, die von ihrem Gatten ermordet worden war?

Doch Triphine verbuchte das als Sieg. »Ha! Wusste ich’s doch, dass du nicht durchhältst!«

Mallory verschränkte die Arme und wartete, bis Axel sich den Staub von den Kleidern geklopft hatte. Sie versuchte, sich ihre Selbstgefälligkeit nicht anmerken zu lassen. Er mochte sie erschreckt haben, aber sie hatte ihn leicht zu Boden gestreckt! Vor Jahren hatte sie ein Buch über uralte Kampftechniken in die Finger bekommen, geschrieben von einer großen Kriegerin. Man müsse sich seiner eigenen Stärken bewusst sein, hatte diese betont, und sie ausbauen. Geschwindigkeit. Gewandtheit. Den gekonnten Umgang mit Waffen. Doch für die zierlichere Hälfte der Menschheit war der wichtigste Vorteil wohl das Überraschungsmoment: Männer erwarteten einfach nicht, dass eine Frau sich wehrt.

Das Buch war eine Erleuchtung gewesen, und Anaïs und sie hatten immer wieder ganze Tage damit verbracht, zusammen zu üben. Sie hatten die Techniken ausprobiert und gegeneinander gekämpft. Aber nun hatte sie sich zum ersten Mal gegen einen echten Angreifer verteidigt! Was spielte es schon für eine Rolle, dass er sie gar nicht hatte angreifen wollen?

»Ist es Ihre Gewohnheit, sich so an Leute anzuschleichen?«, fauchte sie, als Axel seinen feinen Gehrock zurechtgerückt hatte: schwarzer Brokat, besetzt mit kleinen Silberknöpfen. Sie hatte noch nie von der Familie Badeaux gehört, daher nahm sie an, dass er von weiter her kam – denn er entstammte eindeutig entweder dem Adel oder einer reichen Handelsfamilie. Vielleicht traf sogar beides zu.

»Und ist es Ihre Gewohnheit, Leute ohne jeden Grund zu attackieren?«, fragte er zurück.

»Oh, ich hatte allen Grund dazu! Nächstes Mal wollen Sie vielleicht so gut sein, uns auf Ihre Gegenwart aufmerksam zu machen.«

»Eben das habe ich getan!«, gab er ärgerlich zurück. »Ich habe zwei Mal am Haupteingang angeklopft! Das haben Sie wohl nicht gehört.«

Sie runzelte die Stirn. Zur Empfangshalle war es weit, und Triphine quasselte ihr schon die ganze Zeit die Ohren voll. Möglich, dass sie sein Klopfen überhört hatte. Aber zugeben wollte sie das nicht, weil sie ihm die Genugtuung nicht gönnte.

Er konnte kaum älter sein als sie, aber seine Haltung ließ auf eine tadellose Erziehung schließen, wie sie jenen vorbehalten war, die wähnten, allen außer dem König selbst überlegen zu sein. Er hatte volle Lippen und noch vollere Augenbrauen. Nur sein zerzaustes, seidig schwarzes Haar war nicht so makellos wie der Rest seiner Erscheinung – und Mallory entdeckte einen rebellischen losen Faden, der von einem Ärmelaufschlag baumelte. Sie war sicher, dass sie Axel Badeaux noch nie im Leben gesehen hatte. Aber … aus irgendeinem Grund kam er ihr trotzdem bekannt vor.

»Velos in der Tiefe!«, hauchte Triphine. Sie trat mitten in die Gruppe, blieb dicht vor Axel stehen und schaute in sein mürrisches Gesicht hoch. »Siehst du das, Mallory? Die Ähnlichkeit ist verblüffend!«

Mallory wich einen Schritt zurück und schaute zwischen Axel Badeaux und Triphine hin und her. Sie hätten verwandt sein können. Allerdings …

Das Licht flackerte und erhellte Axels Augen, blau wie geschliffene Saphire.

Das musste ein Zufall sein. Graf Bastien Saphir hatte nur einen einzigen Erben gehabt, und auch später hatte sich der Stammbaum nicht mehr weit verzweigt. Mallory konnte alle Nachfahren auflisten, und ein Axel Badeaux war nicht darunter.

»Diese Augen!«, sagte Triphine. »So ein Blau hast du noch nie gesehen, stimmt’s? Ich schon. Mein Nichtsnutz von einem Gemahl hatte ebensolche Augen. Und nicht nur er. Auch …« Sie schluckte und sprach verhalten weiter: »… mein Sohn. Mallory, kann es nicht sein …?« Sie legte den Kopf schief. »Würdest du ihn fragen?«

Auf gar keinen Fall! Der Erbe der Familie Saphir hatte ganz gewiss kein Interesse an ihren albernen Führungen. Käme er zu einer, dann doch wohl, um sie wegen Einbruchs festnehmen zu lassen!

Das Haus ächzte: Über ihnen knarrten die Dielen unter langsamen, schweren Schritten.

Axel warf einen Blick zur Decke hoch. »Schlau! Sie haben wohl oben noch jemanden? Einen Komplizen, der den Geist spielt?« Seine kühlen Augen glitzerten belustigt. »Soll das etwa die Herzogin sein?«

Mallory lächelte dünn. »Ich habe schon viele Skeptiker durch dieses Haus geführt. Hinterher waren sie sich ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher.«

Sophia stupste ihren Bruder an. »Die Hexe hat auch gesagt, es würde hier spuken!«

»Aber ich bin es nicht!« Triphine schaute sich gehetzt um. »Das wollte ich dir vorhin eigentlich erzählen. Da ist …«

Aber Mallory konnte ihr nicht richtig zuhören, denn nun redete auch Axel wieder.

» … mich für meine Verspätung entschuldigen. Bitte machen Sie doch weiter! Ich kann es kaum erwarten, mehr über diesen Geist zu erfahren, der angeblich hier umgeht.«

»Angeblich!«, empörte sich Mallory. »Viele haben Madame Triphine bereits gesehen … Ach, vergessen Sie’s. Die Stimmung ist dahin.« Ärgerlich streckte sie die Hand aus. »Bitte zahlen Sie den Eintritt. Es gibt aber keinen Preisnachlass für Zuspätkommende!«

»Mallory, hörst du mir zu?«, fragte Triphine drängend. »Da oben ist … irgendetwas!«

Mallory beachtete sie nicht weiter, während Axel ihr die Münzen in die Hand zählte. Selbstverständlich war etwas da oben – das Haus war seit Jahrzehnten verlassen. Sehr wahrscheinlich handelte es sich um Ratten mit allerlei Krankheiten. Auch als Geist war Triphine noch so nervös wie ein Kaninchen.

»Wo war ich stehen geblieben?« Eigentlich liebte Mallory diesen Teil der Führung. Wenn sie über Triphines Geist sprach, drängten ihre Gäste sich gewöhnlich dichter zusammen und spähten argwöhnisch in dunkle Winkel. War Triphine guter Stimmung, spielte sie sogar mit. Wenn sie sich anstrengte, konnte sie Vorhänge zum Rascheln bringen, über den Boden stampfen, dass die Kronleuchter klirrten und Schritte durch die Flure hallten. Manchmal trat sie durch Mallorys Gäste hindurch, und dann stellten sich ihnen die Haare auf. Im richtigen Mondlicht konnte sie sogar in Erscheinung treten: eine verschwommene Gestalt, die zwischen den Fenstern stand oder an den Spiegeln vorbeiglitt. Die meisten Leute bekamen nichts mit, wenn sie sprach, aber wenn sie in Wehgeschrei ausbrach, konnten nicht einmal Sterbliche sie überhören.

Man konnte wirklich Spaß mit ihr haben, wenn sie nicht gerade über ihre neueste Unpässlichkeit jammerte oder sich in einem fort darüber beklagte, Mallory mache sich nichts aus ihr.

Diese brauchte einen Augenblick, um den Faden wieder aufzunehmen. »Soweit wir wissen, wurde nur Herzogin Triphine in diesem Haus umgebracht. Monsieur Le Bleu war sich darüber im Klaren, dass die Menschen Morants misstrauisch werden würden, sollte er seinen dunklen Neigungen wieder nachgeben. Deshalb zog er zurück auf das Landgut seiner Familie, wo er sich darauf verlassen konnte, ungestört zu sein. An der Erziehung seines einzigen Kindes und Erben nahm er keinen tätigen Anteil. Der junge Monsieur Bastien wurde von einer Gouvernante zur nächsten weitergereicht und schließlich in einem Internat untergebracht, während sein Vater innerhalb von drei Jahren zwei weitere Frauen heiratete – und ermordete.«

Mallory hob ihr Skizzenbuch auf. Sie hatte es fallen gelassen, um Axel zu Boden zu werfen. Nun klopfte sie es ab, schlug die nächste Seite auf und zeigte ihren Gästen die Holzkohlezeichnung eines gewaltigen Anwesens – sie hatte es in einem Bibliotheksbuch über die bedeutendsten Châteaus in Lysraux gefunden. Sie behielt Axel im Auge, aber er wirkte bloß milde interessiert.

Nein, dachte sie, er ist kein Saphir.

Das nächste Bild war das Aquarellporträt einer jungen Frau mit einem Perlendiadem im glatten, rabenschwarzen Haar. Hierfür hatte Mallory kein altes Bild abmalen müssen: Triphine war gern bereit gewesen, ihr Modell zu sitzen.

»Le Bleus erste Gemahlin, die Herzogin Triphine Maeng.«

Sie blätterte zum nächsten Porträt weiter. »Seine zweite Gemahlin, die Dame Lucienne Tremblay.«

Und das nächste. »Und die dritte Ehefrau, Madame Béatrice Descoteaux.«

Ihre Gäste bestaunten die Bilder. Triphines kummervolle Augen. Luciennes volle, rosige Wangen. Béatrices Jugend – sie war beinahe noch ein Mädchen. Sie zu sehen, hatte eine erstaunliche Wirkung: Plötzlich waren sie nicht mehr bloß Figuren aus einer Schauergeschichte, die tragischen Opfer Monsieur Le Bleus. Sie waren richtige Menschen. Echte Frauen, die ihres Lebens beraubt worden waren.

»Von welchem Künstler stammen diese Bilder?«, erkundigte sich Axel.

Mallory versteifte sich. »Ich habe sie selbst gemalt.«

Axel sah so unverhohlen beeindruckt aus, dass ihr vor Stolz die Brust schwoll.

»Eins habe ich nie verstanden«, sagte Sophia ernst. »Warum haben ihn seine späteren Gemahlinnen geheiratet, obwohl er … nicht den besten Ruf hatte?«

»Er war ein schlauer Kerl«, erläuterte Mallory. »Er suchte sich stets Frauen aus, die keine guten Aussichten hatten. Lucienne hatte eine Neigung zum Trinken und machte sich auf Festen zum Gespött. Béatrices Familie durchlebte harte Zeiten und war dankbar für eine Verbindung mit solch einem vermögenden Mann. Wer würde unter solch widrigen Umständen die Hand eines gut aussehenden, geachteten Kavaliers ausschlagen? Man kann sich vorstellen, wie verführerisch es war, nicht allzu genau hinzuschauen, sondern ihn als Retter in der Not zu betrachten. Er war sehr charmant, und es war leichter, seine Lügen für bare Münze zu nehmen, als zu glauben, dass an den Gerüchten etwas dran sein könnte.« Mallory schloss ihr Skizzenbuch und legte es auf das Serviertischchen, das sie zu diesem Zweck regelmäßig entstaubte. »Wer von Ihnen möchte sehen, wo Le Bleu seinen ersten Mord begangen hat?«

Sophia wurde bleich. Louis murmelte: »Na endlich!« Und Axel schrak zusammen und schaute sich um: Triphine hatte versucht, eine seiner Haarsträhnen zurückzustreichen.

Mallory führte ihr Grüppchen durch eine Geheimtür in einen Dienstbotengang. In der Küche stemmte sie die schwere Holztür auf: Dahinter führte eine schmale Treppe abwärts. Sie trat beiseite, damit die anderen in die undurchdringliche Finsternis spähen konnten. Das Licht der Laterne reichte nicht weit.

»Der Weinkeller.« Sie machte eine einladende Geste. »Nach Ihnen!«

Sophia trat hastig einen Schritt zurück. Ihr Bruder schluckte schwer. Axel straffte die Schultern, rührte sich aber nicht vom Fleck.

Mallory grinste. »Nur ein Scherz.«

Sie hob die Laterne, raffte ihre Röcke und machte sich an den Abstieg.

VIERTES KAPITEL

Die Treppe, eingefasst von unverputzten Steinwänden, war steil und alt. Die Luft wurde immer feuchter und kühler, je tiefer man hinabstieg. Unten entzündete Mallory wieder einen Wandleuchter, damit ihre Gäste sich umschauen konnten. An einer Wand waren Lattenkisten und Weinfässer mit dem Wappen der Familie Saphir gestapelt, und mitten im Raum stand ein staubiger langer Tisch, über den ganz offensichtlich regelmäßig Ratten hinweghuschten.

Mallory holte Atem. »Herzogin Triphine starb hier. Ihr Gemahl betäubte sie, schleppte sie in den Keller, fesselte sie auf den Tisch und stieß ihr sein Schwert durch die Brust.« Sie machte eine Pause, damit ihre Gäste ihre Worte verdauen konnten. »Eins aber ist der Öffentlichkeit nicht bekannt: Er trennte ihr außerdem einen Finger ab.«

Sophia prallte zurück, und Mallory tastete nach dem Riechsalz, das sie vorsichtshalber in der Tasche hatte. »Einen Finger?«

»Oh ja. Das weiß ich so genau, weil ich ihn bei der Vorbereitung auf die Führungen durch das Haus selbst gefunden habe – zumindest die Knochen. Dort, zwischen diesem Weinfass und der Wand!« Sie deutete auf das Fass. »Und schauen Sie nur: Deshalb wissen wir, dass es sich um den Finger der Herzogin handelt.«

Auf dem Weinfass stand eine kleine Glasglocke, und darunter, auf schwarzem Samt, lag ein Trauring – oder doch wenigstens eine Nachahmung: ein versilberter Reif mit einem quadratischen blauen Glasstein. Im trüben Licht fielen bisher alle auf die Täuschung herein, und auch heute war das nicht anders. Ehrfurcht stand Mallorys Gästen ins Gesicht geschrieben.

Sie ließ sie den Ring eine Weile betrachten, griff dann aber nach einem flachen Holzkasten.

»Übrigens«, flötete sie, »bieten wir neben anderen hochwertigen Stücken auch originalgetreue Replikate zum Kauf an!« Sie öffnete den Kasten, in dem allerlei zu finden war: handgemalte Postkarten, die das Herrenhaus zeigten; Bleimünzen, auf denen das Wappen der Familie Saphir prangte; Taschentücher, auf die Anaïs die Worte gestickt hatte: Ich bin dem Haus Saphir entronnen!, sowie Ringe in verschiedenen Größen. »Angefertigt aus reinem Silber und besetzt mit blauen Saphiren aus den Minen Dostlens!«

»Alles Lügen!«, lachte Triphine. »Dass du aber auch wirklich immer solch leichtgläubiges Volk an Land ziehst!«

Mallory lächelte unbeirrt weiter, und ihre Gäste nahmen die Waren in Augenschein. Sophia bewunderte ein Taschentuch. Mallory wandte sich Louis zu. »So ein Ring ist ein schönes Geschenk für eine besondere Dame. Oder vielleicht würden Sie gern Ihrer Mutter eine Postkarte schicken?«

Louis nahm einen Ring in die Hand. »Gar keine schlechte Idee«, murmelte er. »Echte Saphire, sagen Sie?«

»So echt wie die Kronjuwelen.«

Sie warf Axel einen Blick zu. Er hatte während der Führung nicht viel Begeisterung erkennen lassen, aber vielleicht konnte sie ihm einen Satz Spielkarten mit dem Saphir-Familienwappen auf der Rückseite unterjubeln – sie pries sie stets als Teil einer streng limitierten Auflage an, und sie verkauften sich wie warme Semmeln.

Aber sie erwischte Axel dabei, wie er sie musterte, und vergaß prompt, was sie vorgehabt hatte. »Was gibt’s?«, fragte sie defensiv.

Erschrocken trat er einen halben Schritt zurück. »Bin ich Ihnen zu nahe getreten?«

»Es ist sehr unhöflich, Leute so anzustarren.«

Er öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Dann räusperte er sich. »Ich hatte gehofft, Ihnen ein paar Fragen stellen zu dürfen.«

Sie schürzte die Lippen. »Von mir aus. Aber ich berechne einen Lys pro Frage. Und wenn mich eine verärgert, einen Galet!«

»Sie lassen sich Antworten bezahlen? Sie sind Fremdenführerin!«

»Wissen ist unbezahlbar.«

Zu ihrer Überraschung holte er tatsächlich eine Münze aus der Tasche, gab sie ihr jedoch nicht, sondern hielt sie hoch, sodass sie im dämmrigen Licht des Kellers glitzerte. »Ich bin auf der Suche nach den Schwestern Fontaine. Sind Sie eine der beiden?«

Es dauerte einen Augenblick, bis die Frage richtig zu ihr durchgedrungen war. »Ähm … Was?«

»Anaïs und Mallory Fontaine aus der Stadt Morant. Töchter der verstorbenen Noëlle Fontaine. Sie …« Er zögerte und ließ die Münze über seine Finger wandern. »Sie sollen etwas von der Hexenkunst verstehen.«

»Oh!«, rief Sophia. »Fontaine! Das war doch der Name der Hexe mit dem entzückenden kleinen Geschäft an der Rue Tilance!« Sie betrachtete Mallory. »Sie hat gar nicht erwähnt, dass Sie ihre Schwester sind.«

Mallory lachte leise. Es klang unbehaglich, und sie wünschte, sie hätte es gelassen. »Meine Schwester ist die Begabte von uns beiden. Trotzdem empfiehlt sie meine Führungen gern.«

»Ich habe mir sagen lassen, Sie hätten selbst besondere Talente.«

»Da sind Sie Gerüchten aufgesessen. Ich fürchte, die Wahrheit wird Sie enttäuschen.«

»Das bezweifle ich.«

Louis und Sophia schienen die zunehmende Spannung in der Luft zu spüren: Sie waren verstummt und schauten zwischen ihnen hin und her.

»Es heißt, Sie könnten die Geister der Toten sehen und mit ihnen sprechen.«

Axel machte nicht den Eindruck eines herzlosen Tölpels. Vermutlich war es nicht seine Absicht, das kümmerliche Ansehen zu schädigen, das seit dem Tod ihrer Mutter noch mit dem Namen Fontaine verbunden war – aber sie hatte sich so daran geklammert und würde es jetzt ganz bestimmt nicht aufs Spiel setzen.

»Seien Sie nicht albern!« Sie schnappte sich die Münze. »Geister zeigen sich, wenn ihnen der Sinn danach steht. Und zwar, wem sie wollen. Ich verbringe viel Zeit in einem alten Spukhaus, das ist alles. Wenn Sie Glück haben, sehen Sie heute Nacht auch noch ein Gespenst. Dafür zahlen Sie schließlich auch, habe ich nicht recht?«

Sie kehrte ihm den Rücken zu und sah, was die Geschwister Dumas in Händen hielten. »Das wären einhundert Lourdes für den Ring und fünfzehn für das Taschentuch.«

»Einhundert!« Louis riss die Augen auf. »Für eine Kopie?«

»Der Saphir ist echt«, erinnerte ihn Mallory. »Das Silber auch.«

Er brummte, kramte aber sein Portemonnaie hervor, um für seine Schwester und sich zu zahlen.

»Sollen wir in die Empfangshalle zurückkehren?« Mallory stellte ihren Verkaufskasten fort und stieg die enge Kellertreppe hoch. »Dort kann ich Ihnen alles über Gabrielle Savoy erzählen!«

Die anderen eilten ihr nach. Sie warf einen Blick zurück und sah, dass Axel mit misstrauischer Miene als Letzter folgte.

»Wer ist Gabrielle Savoy?«, fragte Sophia, als sie sich um den Kamin in der Empfangshalle versammelten.

»Gabrielle Savoy war Monsieur Le Bleus vierte Gemahlin«, erklärte Mallory. »Nicht viele haben von ihr gehört, denn nur sie ist ihm …«

» … entkommen«, ergänzte Axel.

Ärgerlich schaute sie ihn an.

Er hob herausfordernd eine Augenbraue.

»Stimmt. Im Gegensatz zu Bastiens vorigen drei Gemahlinnen gelang es Gabrielle, ihm durch List zu entwischen. Dann erzählte sie ihren Brüdern, was geschehen war, und die stürmten den Landsitz, zerrten Bastien nach draußen zum Springbrunnen und schlugen ihm den Kopf ab.«

»Bravo!«, rief Louis.

»Es heißt, man könne noch heute Le Bleus boshaftes Lachen durch die Korridore des Schlosses hallen hören«, erzählte Mallory. »Und jedes Jahr an seinem Todestag sprudelt rotes Blut aus dem Springbrunnen.« Sie schaute in die Runde. Sophia wirkte entsetzt, Louis fasziniert und Axel … Seine Stirn hatte sich in bemerkenswert tiefe Falten gelegt. »Nun ist der Landsitz der Familie Saphir weit fort von hier. In Morant geht weder der lachende Geist Monsieur Le Bleus um noch gibt es eine Blutfontäne zu bestaunen. Aber in diesem Haus ist ein Mord geschehen, und Herzogin Triphine Maeng erscheint recht oft um diese Zeit, wenn es …« In der Ferne begann die Turmuhr zu schlagen. Mallory glühte vor Stolz. In manchen Nächten war ihr Zeitgefühl untrüglich. »… Mitternacht schlägt!«

Mit den Zehen drückte sie kräftig auf einen verborgenen Schalter im Boden.

Sie hörte das leise Klicken des Anzünders. Die Holzscheite im offenen Kamin gingen in Flammen auf.

Sophia und Louis schrien beide auf und wichen so hastig zurück, dass sie beinahe über das kleine Sofa hinter ihnen gefallen wären. Axel zuckte zusammen und Mallory ebenfalls – wenn ihre Überraschung auch nicht gerade aufrichtig war.

Triphine stöhnte. »Muss das heute wirklich sein? Ich meine es ernst, du solltest …«

»Die Turmuhr schlägt Mitternacht!«, rief Mallory theatralisch und schaute Triphine dabei auffordernd an. »Und dann erscheint sie … Die Herzogin!«

Verstohlen griff sie hinter einen Vorhang, zog an einer Schnur und löste damit eine ganze Reihe von Gewichten und Flaschenzügen aus – woraufhin die Eingangstür aufflog. Krachend schlugen die Flügel gegen die Wand.

»Was geht hier vor sich?« Louis umklammerte den Arm seiner Schwester.

Triphine seufzte tief. »Also schön! Aber hinterher müssen wir miteinander reden!« Mit gelangweilter Miene ging sie von einem zum anderen, wackelte mit den Fingern und murmelte: »Schauer, Schauer, Schauer …«

Und tatsächlich erzitterten die Besucher der Reihe nach, als der Geist durch sie hindurchtrat.

Unbeobachtet legte Mallory noch einen Hebel um.

Über ihnen drehten sich Zahnräder, und Dielen knarrten.

»Schauen Sie nur!« Mallory zeigte die Prunktreppe hinauf. Eine unheimliche Gestalt in einem flatternden, hauchzarten Nachthemd und einem blauen Schultertuch war dort erschienen. Langes schwarzes Haar floss ihr über die Schultern.

Aber das Schlimmste war das Blut. So viel Blut! Unablässig tropfte es aus dem Loch in ihrer Brust, durchtränkte die Vorderseite des Nachthemds.

Mallory wartete.

Die geisterhafte Frau kam die Treppe herabgeschwebt. Auf halber Höhe verharrte sie und sprach …

Kein Wort.

Mallory warf Triphine einen bösen Blick zu. Die stöhnte laut. »Ich bin nicht in der Stimmung, Mallory!«

»Es ist die Herzogin!«, rief Mallory. »Und mir scheint, sie will, dass wir von hier verschwinden!«

Triphine ließ sich aufs Sofa sinken, holte tief Luft und spielte endlich mit. »Hinfort mit euch! Schert euch aus meinem Haus, ihr abscheulichen, räudigen Gaffer!« Nach kurzem Zögern winkte sie Axel. »Du nicht! Bleib ruhig noch ein wenig … Mit dir würde ich mich gern einmal unterhalten.«

Nicht zum ersten Mal wünschte Mallory, sie könnte Triphine einen tüchtigen Tritt versetzen.

»Große Götter«, raunte Louis. »Haben Sie das auch alle gehört?«

»Wen meint sie?«, fragte Sophia mit bebender Stimme. »Ach ja … du arme, verlorene Seele, gestatte mir, dich auf deinem Weg ins Jenseits zu leiten!«

»Bäh«, murrte Triphine. »Gläubige!«

Mallory konnte nicht anders – sie nickte, ihrer Regel zum Trotz, nicht vor anderen auf Geister einzugehen. »Allerdings!«

Dann merkte sie, dass Axel sie beobachtete, und sie verspannte sich. »Gehen wir lieber! Die Herzogin kann sehr zornig werden, wenn man ihr nicht gehorcht.«

»Tyrr, beschütze uns!«, jammerte Sophia und wich zurück. »Velos, schenk diesem Geist Frieden!«

Triphine fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, parodierte das furchterregende Gespenst, das sie hätte sein sollen, aber einfach nicht war. Wieder legte sie Kraft in ihre Stimme. »Weichet von mir! Lasst mir meine Ruhe!«

»Schnell!« Mallory gab Sophia einen kleinen Schubs. »Bevor sie noch wütender wird!«

Die Geschwister drängten sich an der Tür zusammen, die Gesichter verzerrt vor Furcht.

Dann – plötzlich – entspannten sich ihre Mienen.

Sie schauten einander an.

»Das genügt mir«, sagte Louis. »Dir auch?«

Sophia nickte. »Vollkommen.«

Mallory runzelte verwirrt die Stirn. »Warum laufen Sie nicht weg?«

»Vor allem«, erklärte Sophia, »weil die Herzogin gar nicht zugegen ist.«

Mallory lachte nervös und deutete auf den Geist. Den nachgemachten. »Aber da ist sie doch! Triphine Maeng war …«

»… einst aus Fleisch und Blut.« Louis, der die Gestalt auf der Treppe von Kopf bis Fuß musterte, klang unbeeindruckt. »Das hier scheint dagegen eine ausrangierte Schaufensterpuppe zu sein, kostümiert als die Herzogin. Gar nicht schlecht! Sie haben den Stil der Zeit gut getroffen. Wie haben Sie denn den Kamin entzündet? Und die Tür auffliegen lassen? Greifen Sie auf dieselben Tricksereien zurück, mit denen Ihre Schwester und Sie bei Ihren sogenannten Séancen arbeiten?«

Mallory tat beleidigt. »Wie kommen Sie dazu, uns solch betrügerische Praktiken zu unterstellen!« Sie richtete sich hoch auf, was leider nicht viel hieß. »Nun gut. Bleiben Sie hier und lassen Sie sich von einem rachsüchtigen Geist ermorden. Ich werde Sie bestimmt nicht –«

Louis packte sie am Handgelenk. »Nichts da, Mademoiselle Fontaine. Sie bleiben schön hier.«

Mallory trat ihm kräftig auf den Fuß. Louis heulte auf und stolperte einen Schritt zurück. Mallory ballte die Faust – falls er noch einmal versuchen sollte, sie festzuhalten, würde sie ihm eins auf die Nase geben! Da zog ihr jemand die Arme auf den Rücken.

Schnell und geübt legte Sophia ihr Handschellen an. Mallorys lautstarker Protest beeindruckte sie nicht.

Axel wich erschrocken an die Wand zurück.

»Lassen Sie mich raten«, fauchte Mallory. »Sie sind gar keine Novizin im Orden des Tyrr!«

»Kommissarin Sophia Blaise«, stellte die falsche Gläubige sich vor. »Und das ist mein Partner, Kommissar Louis Garneau. Wir beobachten Sie und Ihre Schwester nun schon seit Monaten. Uns haben zahllose Beschwerden über betrügerische Machenschaften erreicht: fingierte Séancen, unlautere Wahrsagerei, Verkauf gefälschten Schmucks sowie angeblicher Zaubertränke und Götterreliquien.«

Kommissar Garneau hinkte mit zornrotem Gesicht die Treppe hoch und riss der Schaufensterpuppe die Perücke vom Kopf. »Das ist der Beweis! Ihre Schwester und Sie sind Betrügerinnen.«

»Das beweist gar nichts«, widersprach Mallory. »Sie haben für eine unterhaltsame Führung durch das Stadthaus der Familie Saphir bezahlt, und genau das haben Sie auch bekommen. Gegen welches Gesetz habe ich denn bitte verstoßen?«

»Sie? Vielleicht gegen keins. Aber Ihre Schwester hat uns eine Feder verkauft, die angeblich vom Flügel eines Gottes stammt!«

Mallory feixte. »Und Sie können beweisen, dass es nicht so ist?«

Louis’ Gesicht verfinsterte sich. »Das wohl nicht. Aber morgen statte ich dem örtlichen Juwelier einen kurzen Besuch ab und lasse mir bestätigen, dass dieses Schmuckstück eine Fälschung ist!« Er winkte ihr. An seinem kleinen Finger steckte der Ring mit dem blauen Glasstein.

Mallory reckte das Kinn. »Mir scheint, Sie können mich gar nicht verhaften. Sie haben nichts gegen mich in der Hand!«

»Ach ja?«, fragte Sophia. »Wie wär’s denn mit Einbruch? Das hier ist Privatbesitz. Sie haben keine Genehmigung, Führungen zu veranstalten.« Und damit zerrte sie Mallory auf die Eingangstür zu.

»Schauen Sie nicht so traurig«, höhnte Louis. »Sie werden in Ihrer Zelle nicht lange allein sein! Morgen holen wir Ihre Schwester dazu.«

»Einen Augenblick!«

Sophia blieb stehen und wandte sich um.

Axel wirkte bestürzt. Er ließ kein Auge von Mallory. »Sie können mit Geistern sprechen. Das stimmt doch?«

Das Blut pochte ihr in den Schläfen. »Was spielt das jetzt für eine Rolle?«

»Wenn die Herzogin zugegen ist, fragen Sie sie bitte nach dem letzten Porträt, das von ihr gemalt wurde. Darauf hält sie etwas. Was ist das?«

»Wie bitte?«

»Fragen Sie sie einfach!«

Mallory warf Triphine, der es offenbar die Sprache verschlagen hatte, einen Blick zu. Sie stand mitten im Zimmer und schaute fassungslos zu, wie Mallory abgeführt wurde. Hilfreich wie immer.

Louis lachte spöttisch auf und packte Mallory am Ellenbogen. »Das ist doch absurd.«

»Triphine?«, fragte Mallory.

»Oh! Ähm … das letzte Porträt. Also … wie war das noch mal?« Dann wurden ihre Augen plötzlich groß, und Tränen stiegen hinein. »Mein Sohn! Ich halte meinen kleinen Jungen im Arm.«

Mallory stemmte sich gegen Louis, der sie nach draußen bugsieren wollte. »Deinen Sohn? Dieses Gemälde habe ich noch nie gesehen!«

Triphine zuckte mit den Schultern. »Es zeigt uns alle drei, kaum eine Woche nach der Geburt. Bastien hatte gerade angefangen, aller Welt zu erzählen, ich sei bettlägerig. Man hat es wohl nicht mehr ausgestellt, nachdem seine Verbrechen ans Licht gekommen waren.«

»Ihren Sohn«, hauchte Axel. »Das stimmt! Ihr Götter, sie ist wirklich da.« Er trat vor. »Madame, Monsieur … ich kann nichts zu den übrigen Beschuldigungen gegen Mademoiselle Fontaine sagen, aber wegen Einbruchs können Sie sie nicht belangen.«

Louis hielt Mallorys Arm nur noch fester. »Ach, und warum nicht?«

»Weil ich Graf Armand Saphir bin, und Mademoiselle Fontaine mit meiner Erlaubnis hier ist.«

FÜNFTES KAPITEL

Mallory wurde es heiß und kalt. Derweil rief Triphine begeistert: »Ich wusste es! Wir sind verwandt! Ist er mein Enkel? Mein Urenkel? Augenblick … Wie lange bin ich schon tot?«

»Sie sind ein Saphir?«, fragte Mallory.

»Ja.« Er zog eine Kette aus seinem Kragen, an der ein goldenes Medaillon mit dem Wappen der Familie Saphir hing – das beinahe identisch auch auf den Stücken in ihrem Holzkasten prangte.

Armand Saphir. Der Alleinerbe des Familienvermögens.

Ihr Götter im Himmel!

»Es … freut mich sehr, Sie kennenzulernen.«

Er lächelte spöttisch. »Aber gewiss doch.« Dann nickte er Sophia und Louis zu. »Sie können ihr die Handschellen abnehmen.«

Die beiden Kommissare taten nichts dergleichen, zumindest nicht sofort. Zuerst inspizierten sie Armands Medaillon und bestürmten ihn mit Fragen – anscheinend wollten sie sichergehen, dass er nicht bloß ein Schauspieler war, angeheuert von den betrügerischen Schwestern Fontaine. Sie redeten über Mallorys Kopf hinweg, der nichts anderes übrigblieb, als die Demütigung zu ertragen.

Endlich schloss Sophia widerwillig die Handschellen auf.

»Genießen Sie Ihre Freiheit, solange Sie das noch können, Mademoiselle Fontaine«, raunte sie Mallory ins Ohr. »Uns werden Sie nicht los.«

»Stammgäste weiß ich zu schätzen.« Mallory rieb sich die Handgelenke. Sophia und Louis verneigten sich respektvoll vor – große Götter! – dem Grafen. Dann verließen sie gemeinsam das Haus und gingen durch den verwilderten Garten davon. Die Flügel der Eingangstür ließen sie offen stehen.