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Allison liebt die Literatur und hat bislang jede Hürde auf dem Weg zum Promotionsprogramm ihrer Träume überwunden. Was sie gar nicht liebt: Das Niveau an der Uni könnte kaum abgehobener sein, die Stühle jedoch kaum kleiner (zumindest zu klein für Allisons Kurven). Und dann taucht Colin auf – ihr Ex, der ihr auf üble Weise das Herz gebrochen hat und ihr nun ihren Job an der Uni streitig macht. Was als geistiger Wettstreit beginnt, verwandelt sich bald in ein erbittertes Gefecht – bis Allison sich fragen muss, was sie eigentlich von der Liebe auf den zweiten Blick hält …
Eine kluge, bezaubernde RomCom voll charmant nerdiger Charaktere mit viel Body Positivity.
»Originell, clever, prickelnd!« Ali Hazelwood.
»Enemies to Lovers, und das in der akademischen Welt? Ja, bitte! Ein absolut süßes, rasantes Abenteuer.« Jodie Picoult.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2023
Allison Avery liebt es, ihre Zeit mit der Nase tief in Büchern zu verbringen. Als sie jedoch mit dem Promotionsprogramm ihrer Träume beginnt, merkt sie schnell, was sie gar nicht liebt: Das Niveau der Kurse könnte kaum abgehobener sein, die Stühle hingegen kaum kleiner (zumindest zu klein für Allisons Kurven). Als hätte sie nicht schon genug Minderwertigkeitskomplexe, taucht auch noch Colin Benjamin auf – ihr Ex-Freund, der sie nicht nur auf mieseste Weise hat sitzen lassen, sondern ihr nun auch noch ihren Traumjob vor der Nase wegzuschnappen droht. Und das kann Allison, Komplexe hin oder her, nicht zulassen! Ein erbittertes Gefecht um Literatur, Karriere – und Liebe beginnt …
Eine kluge, bezaubernde RomCom voll charmant nerdiger Charaktere mit viel Body Positivity.
Jenny L. Howe begann in der Schule, ihre Geschichten mit pinken Stiften überallhin zu kritzeln, und hörte nie wieder damit auf. Sie beschloss, ihre Liebe zu Büchern zum Beruf zu machen und in Literatur zu promovieren, weshalb sie viel Zeit mit den so bizarren wie unterhaltsamen Liebesgeschichten des Mittelalters verbrachte. Heute arbeitet sie als Dozentin für kreatives Schreiben und Literatur an der University of Massachusetts, Dartmouth. »The Love Test – Versuch’s noch mal mit Liebe« ist ihr Debütroman.
Annette Hahn studierte Englische Literaturwissenschaft und Literarische Übersetzung in München und lebt heute in Münster. Sie übertrug u. a. Candace Bushnell, Graeme Simsion und Jean Meltzer ins Deutsche.
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Jenny L. Howe
The Love Test – Versuch’s noch mal mit Liebe
Roman
Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn
Cover
preface
copyright-page
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Widmung
Vorbemerkung der Autorin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Anmerkung der Übersetzerin
Impressum
Für meine Mutter, die immer sagte, ich könne fliegen. Und für Kevin, der mir half, meine Flügel zu finden.
Liebe Leserin, lieber Leser,
zuallererst vielen Dank, dass Ihr da seid, dass Ihr The Love Test – Versuch’s noch mal mit Liebe lest. Ich habe schon viel geschrieben und bin überglücklich, dass The Love Test nun als mein erster Roman erscheint. Es steckt alles darin, was ich liebe (Romantik, Kreuzstickerei, Hunde, gute Freundinnen und Freunde, gutes Essen, Ritter und anderer Mittelalterkram, Bücher … nein: UNGLAUBLICH VIELE BÜCHER), und ich hoffe, Ihr werdet ebenso viel Freude beim Lesen haben wie ich beim Schreiben.
The Love Test ist das Ergebnis ganz verschiedener Erfahrungen: meiner Liebe zu mittelalterlicher Literatur, meiner eigenen Studienzeit, meiner Begeisterung für Geschichten, in denen die Liebe eine zweite Chance bekommt, und über akademische Rivalen. Vor allem aber ist The Love Test das Buch, das ich als dicke Frau in vielen Momenten meines Lebens dringend gebraucht hätte – und auch heute noch immer wieder brauche. Meine Protagonistin Allison Avery ist dick, wenngleich das nur eine Facette ihrer Persönlichkeit ist. In ihrer Geschichte geht es nicht ums Abnehmen und auch nicht darum zu lernen, sich selbst zu lieben, wie man eben ist oder aussieht. Das alles hat sie längst hinter sich. Es geht darum, dass man Veränderungen gegenüber offenbleiben und erkennen sollte, dass nicht nur wir selbst, sondern auch die Menschen um uns herum sich ändern können. Darum, der Liebe wieder neu zu vertrauen, auch wenn uns das Herz gebrochen wurde. Und es geht darum, alles, was man sich wünscht, mit viel Vertrauen in sich selbst und aller Kraft zu verfolgen – und daran zu glauben, dass man es auch erreichen kann.
Im Wort »dick« muss nichts Negatives liegen. Um das zu erreichen, müssen wir ihm aber seine Macht nehmen, und ich bin fest davon überzeugt, dass Geschichten wie diese ein entscheidender Schritt dazu sind. Dicke Menschen sind mehr als ihre Körper. Auch wir haben unsere Happy Ends verdient, im romantischen wie in jedem anderen Sinne. Und ich freue mich riesig, Allison ein Happy End schenken zu können.
Denn selbst wenn sie sich selbst liebt und akzeptiert, lebt sie doch in einer Welt, in der Dicke nicht geliebt und akzeptiert werden, weshalb es in The Love Test um buchstäblich schwerwiegende Probleme geht. Manches davon mag für manche unangenehme Erinnerungen auslösen: An einigen Stellen im Text ist Fettphobie ein Thema, an anderen Stellen geht es um Krankheit, Tod und Verlust. Ich hoffe, ich habe diese Themen mit der gebotenen Vorsicht behandelt, und wünsche mir, dass Ihr beim Lesen auf Euch achtgebt.
xoxo
Jenny L. Howe
Wenn irgendjemand noch ein einziges Mal das Wort hegemonisch in den Mund nähme, würde Allison Avery laut aufschreien.
Nach fast zwei Wochen an der Claymore University sollte sie sich zwar an die Eigenarten der literaturwissenschaftlichen Oberseminare gewöhnt haben, aber es … verlangte ihr immer noch viel ab.
Alle hier wirkten so viel älter – Link etwa, der für jeden Kurs spezielle, themenbezogene Hosenträger und Fliegen trug, oder Kara mit ihren derart glatt gebügelten Blusen, dass man meinen könnte, wenn sie damit über eine Wiese rollte, würden sie trotzdem kein einziges Fältchen abkriegen. Und alle hatten neue, glänzende Laptops vor sich stehen, auf denen sie mit einem solchen Eifer herumtippten, wie Allison ihn nur schwer aufbringen konnte, während sie wie eine Fortschrittsgegnerin hektisch in ihr Notizbuch kritzelte und dabei jedes zweite Wort von Professorin Behi verpasste.
Als irgendein Politiker, dessen Namen sie hätte kennen müssen, im Mai bei der Eröffnungsrede ihrer College-Abschlussfeier davon schwafelte, das Beste aus seinen Chancen zu machen, war sie in Gedanken schon in den Herbst abgeschweift und hatte sich vorgestellt, wie sie im hübschen Blumenkleid auf einem gemütlich abgewetzten Sessel in einer kuscheligen Bibliotheksecke säße und aufmerksam ihren Professoren lauschte, die wortgewandt über Chaucer, Boccaccio und Juliana von Norwich dozierten. Dass sie hingegen in ähnlich überfüllten Räumen sitzen würde wie ganz zu Beginn ihres Studiums, an ähnlichen Stuhl-Pult-Kombis, die ihren Körper von allen Seiten einzwängten, ganz egal, in welche Richtung sie sich verbog, war das Letzte, womit sie gerechnet hätte. Ebenso wenig wie damit, dass sie sich bis in die frühen Morgenstunden mit roten Augen über zwei Absätze des französischen Philosophen und Literaturwissenschaftlers Jacques Derrida den Kopf zerbrechen würde, um vergebens zu versuchen, deren Sinn zu ergründen.
Und auf überhaupt gar keinen Fall hätte sie damit gerechnet, Colin Benjamin gegenüberzusitzen. Ihrem Ex-Freund.
Es überraschte kaum, dass Colin derjenige gewesen war, der Allison gerade mentale Pusteln verursachte, indem er das Wort hegemonisch in einem seiner Endlossätze zweimal untergebracht hatte. Was der Grund war, weshalb sie ihn jetzt anstarrte.
Während ihre Professorin sich auf der Suche nach einer neuen Wortmeldung in ihrem Stuhlkreis umsah, ließ Colin sich ein lässiges Stückchen tiefer rutschen. Einer seiner schmalen Knöchel ruhte auf einem seiner ebenso schmalen Knie – nicht ohne Grund hatte Allison ihn gern »Giacometti« genannt –, wobei er einen lila Socken mit etlichen sich räkelnden kleinen Kätzchen zur Schau stellte.
Allison biss sich heimlich auf die Wange, um bloß keine Reaktion zu zeigen. Es sollte gesetzlich verboten werden, dass jemand wie Colin Benjamin niedliche Socken trug. Oder sich in sonst irgendeiner Weise nett verhielt. Die für ihn reservierten Adjektive sollten ausschließlich lästig, unerträglich und nervtötend lauten.
Jetzt sah er sie durch seine dicke, dunkelrot gerahmte Brille aus haselnussbraunen Augen an und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Wie damals trug er das Deckhaar lang und die Seiten rasiert, und obwohl er die langen Strähnen mit viel Gel nach hinten gekämmt hatte, wusste Allison, wie seidenweich sie sich anfühlten.
Bei dem Gedanken wurde ihr schwummrig. Um sich abzulenken, reckte sie spontan einen Arm in die Luft.
Professorin Behi lächelte, was sie auf einen Schlag zehn Jahre jünger wirken ließ, als die grauen Strähnen in ihrem schwarzen Haar und die ausgeprägten Falten um ihre Augen vermuten ließen. »Ja, bitte, Allison?«
Auch wenn die kleine Tischplatte vor ihr fast als Schutzschild herhalten konnte, bekam Allison heiße Wangen und hatte Mühe zu sprechen. »Profess… äh … Isha …« In der Einführungsveranstaltung waren sie angewiesen worden, ihre Professorinnen und Professoren mit Vornamen anzureden. »Ihr steht doch jetzt auf derselben Stufe«, hatte die junge Frau, die kurz vor Abschluss ihrer Promotion stand, voller Stolz betont, als wolle sie noch einmal daran erinnern, was für eine Ehre die Aufnahme in dieses wohl prestigeträchtigste aller PhD-Programme des Landes war. Als ob Allison das je vergessen könnte! Ihre Mutter hatte ihren Zulassungsbescheid für das Postgraduiertenstudium gerahmt über den Kamin gehängt und achtete darauf, dass all ihre Gäste das cremefarbene Papier mindestens zehn Sekunden lang bewunderten.
Solange jene »Gleichgestellten« allerdings nach eigenem Gutdünken Promovierende aus dem Programm ausschließen konnten, schien die Parität jedoch bestenfalls fragwürdig. Allison würde ihre Lehrkraft also lieber mit »Professorin« anreden, um das Machtgefälle transparent zu halten.
Sie räusperte sich. »Das ist wahrscheinlich eine dumme Frage, aber wenn Derrida so viel daran lag, die Bedeutung von Texten zu ergründen: Warum hat er sich dann alle Mühe gegeben, seine eigenen Texte so dermaßen …« Auf der Suche nach dem richtigen Wort biss Allison sich in die Unterlippe. Bei zwölf auf sie gerichteten Augenpaaren – einschließlich des bebrillten von Colin Benjamin – gelang es ihr natürlich nur bedingt, einen klaren Gedanken zu fassen. »… unergründlich zu formulieren«, murmelte sie schließlich.
Colin hob die Hand. Natürlich tat er das. Colin Benjamin ließ keine Gelegenheit aus, um zu provozieren. Oder seine eigene Stimme zu hören.
Die, wie Allison zugeben musste, sanft, sonor und beruhigend war. Er hätte einen exzellenten Hörbuchsprecher abgegeben.
Bevor Professorin Behi ihm das Wort erteilen konnte, verkündete Ethan Windmore (den Allison insgeheim »Ethan Windbeutel« nannte): »Da hast du das Konzept seiner Theorie wohl gründlich missverstanden.«
Auch wenn darauf niemand etwas erwiderte, spürte Allison den kollektiven Wunsch der Gruppe, laut aufzustöhnen. Das Unbehagen drückte von innen gegen die trüben Fensterscheiben und machte die miefige Luft dieses schwülen Septembernachmittags in Neuengland noch stickiger. Nach vier Jahren Studium an der Brown University hätte Allison sich daran gewöhnt haben sollen, dass es in Providence, Rhode Island, vor November keinen richtigen Herbst gab. Sie vermisste das Klima Maines, wo die Luft schon zum Semesterbeginn deutlich kühler wurde.
Ethan umfasste die Vorderkante seines Pults, so dass sich sein Bizeps unter dem T-Shirt wölbte. Auf keinen Fall sollte dieser Mann einen derart beachtenswerten Bizeps haben, entschied Allison. Niemand, der über ein so hohes Nervpotenzial verfügte, sollte mit solcherlei Vorzügen ausgestattet sein.
Sie hoffte, jemand würde ihr zur Seite stehen, aber alle im Kurs interessierten sich plötzlich eingehend für das jeweils nächstgelegene Objekt. Link wischte über den Bildschirm seines Laptops, als hätte er eine Windschutzscheibe voll Insektenleichen vor sich. Kara strich versonnen über das Pseudo-Holzfurnier ihres Pultes. Alex und Mandy, sonst Allisons Verbündete, knibbelten an ihren Fingernägeln.
Allison hasste es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Aber drei Minuten vor Ende des Kurses wollte sie Ethan um keinen Preis das letzte Wort überlassen. »Ich verstehe das Konzept sehr wohl.« Lüge. Sie hätte Derridas Text genauso gut im französischen Original lesen können und kaum weniger verstanden. Aber eher würden Schweine fliegen und die Hölle gefrieren und weiße Typen zugeben, dass sie im Unrecht waren, als dass Allison öffentlich bekunden würde, nichts von Literaturtheorie zu verstehen. »Ich schätze, mich beeindrucken einfach keine Autoren, denen bei Unergründlichkeit einer abgeht.«
Ethan klappte die Kinnlade herunter, was Allison mit einer gewissen Genugtuung erfüllte.
Professorin Behi lachte. »Das scheint mir ein gutes Schlusswort für heute. Denken Sie bitte alle an Allisons Worte und überlegen sich bis zum nächsten Mal, was Derridas Texte so …«, sie sah Allison an und schmunzelte, »… ›unergründlich‹ macht.«
Die Studierenden fingen an, aufzustehen und ihre Laptops zuzuklappen, doch Professorin Behi klatschte noch einmal in die Hände. »An alle Promotionsstudenten im ersten Jahr: Es wurden nun endlich die Stellen für die Lehrassistenten zugeteilt. In Ihrem Postfach finden Sie einen Brief mit entsprechenden Angaben zu dem Ihnen zugewiesenen Kurs, Ihren Aufgaben dort und so weiter. Es tut mir leid, dass sich die Angelegenheit verzögert hat – ein paar kurzfristige Änderungen bei den Kursangeboten hatten für Verwirrung gesorgt.«
Während sie ihre Sachen zusammenpackte, spürte Allison, wie ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Endlich würde sie wissen, ob sie Professorin Frances’ Kurs zugewiesen worden war: Die Greatest Hits der britischen Literatur vor 1800.
Da sie für ihre weitere Karriere eine Spezialisierung auf mittelalterliche Literatur anstrebte, wäre eine Assistentenstelle bei Professorin Wendy Frances der perfekte Ausgangspunkt. Diese Frau war ein Genie. Indem sie auch die älteste Literatur auf moderne Weise diskutierte, geriet sie zwar immer wieder in Clinch mit den Traditionalisten, aber Allison war sicher, dass die Welt genau diese Form akademischer Arbeit dringend brauchte – und keine Literaturkritik, die so abgehoben formuliert war, dass man dafür ein Wörterbuch benötigte. Professorin Frances’ Arbeit ging über die Grenzen des Wissenschaftlichen hinaus. Die Leute lasen ihre Texte zum Vergnügen und wurden dank ihnen neugierig auf Werke jenseits der üblichen Verdächtigen. Sie half den Menschen, Zugang zu genau der Literatur zu finden, die Allison liebte.
Genau das war es, was auch Allison tun wollte. Und zwei Etagen höher könnte nun also ein Umschlag in ihrem Postfach im Aufenthaltsraum stecken, der ihr diesen Weg eröffnete.
Das westliche Treppenhaus von Haber Hall hatte keine Fenster, und die Beleuchtung flackerte. Allison fröstelte, während sie die Stufen hochstieg. Am obersten Treppenabsatz angekommen, schob sie die Tür zum hellen Eingangsbereich der Englischen Fakultät auf. Anders als der graue Rest des Gebäudes war der dritte Stock in einem warmen, einladenden Buttergelb gestrichen. An den Wänden hinten bunte Aushänge mit Hinweisen auf Literaturkongresse, Schreibwerkstätten, Indie-Filme und literarische Neuerscheinungen. Die Türen der meisten Professorenbüros standen offen, man hörte gedämpfte Gespräche und das schnelle Klackern von Tastaturen.
Allison schlüpfte in den Aufenthaltsraum, in dessen Mitte ein paar zusammengewürfelte Tische standen. Unter dem Fenster gegenüber der kleinen Küchenzeile thronte ein abgewetztes braunes Ledersofa. An der hinteren Wand befanden sich mehrere Reihen von Postfächern, davor eine lange Theke mit einem Drucker und diversen Büro-Utensilien, die seit 2006 sicher kaum jemand mehr benutzt hatte.
Und wer stand da – natürlich – vor den Postfächern? Colin Benjamin. Das Licht der Deckenlampen ließ sein gegeltes Haar gläsern wirken. In der Hand hielt er einen Brief, den er gedankenverloren anstarrte, womit er den gesamten Postfachbereich wie ein Supermarktkunde blockierte, der seinen Einkaufswagen mitten im Gang stehen ließ, um die Waren im obersten Regal genauer zu beäugen.
Das Klügste wäre wohl zu warten, bis er fertig wäre. Doch zum Warten brauchte man Geduld, und das war keine Eigenschaft, mit der Allison glänzen konnte. Vor allem nicht in diesem Augenblick, nach Wochen des Wartens auf die Nachricht zu ihrem Assistentinnenjob. Den braunen Umschlag in ihrem Postfach hatte sie auf den ersten Blick entdeckt, und nun musste sie ihn einfach öffnen.
Sie presste die Lippen zusammen, strich ihr seidiges gepunktetes Oberteil glatt und warf sich das Haar über die Schulter. Dann betrat sie die Postfachnische.
Während sie langsam auf Colin zuging, versuchte sie, möglichst geräuschlos zu atmen und den Bauch einzuziehen, um sich zwischen ihm und der Theke vorbeizuschieben.
Auch wenn ihre Mutter alles dafür getan hatte, dass Allison sich selbst als hübsches und normales Mädchen wahrnahm, war es für sie als Plus-size-Frau unmöglich, in Momenten wie diesen nicht an ihren Körper zu denken. Nichts auf der Welt war im Hinblick auf Menschen mit ihrer Statur gebaut worden, womit jeder Raum zu einem mathematischen Problem wurde, bei dem Winkel analysiert und Gleichungen berechnet werden wollten.
Und Allison hasste Mathematik.
Dass sich ihr Postfach auch noch in der obersten Reihe befand, hatte sie dem Fluch ihres väterlichen Nachnamens zu verdanken. Um es zu erreichen, musste sie sich auf Zehenspitzen stellen, und obwohl sie sich so hoch reckte, wie es ihre kurzen Schenkel erlaubten, erreichte sie trotzdem nur eine Ecke des Umschlags. Immerhin! Ihr Triumphgefühl dauerte jedoch nur jene Sekunde an, bis sie merkte, dass sie bei der Aktion mit ihrem Hinterteil irgendetwas angerempelt hatte.
Genauer gesagt, irgendjemanden.
Und nur ein weiterer Irgendjemand war in diesem Raum.
Schamesröte überzog ihr Gesicht, und sie wich blitzschnell zurück. Wich so weit zurück, dass sie plötzlich die Ledercouch in den Kniekehlen spürte, die unangenehm an ihrer nackten Haut kratzte. In ihrer Faust knisterte das dicke Papier des Briefumschlags.
Auch Colins schmale Wangen wurden rot, und er sah Allison aus großen Augen an. Ob dieser überaus unglückselige Körperkontakt dieselben Erinnerungen bei ihm ausgelöst hatte wie bei Allison?
An ihre erste Begegnung? Auf der Party?
Am Abend vor dem Vorlesungsbeginn ihres ersten Semesters an der Brown hatten Allison und ihre beste Freundin Sophie auf einer Feier in der Wohnung eines älteren Studenten so wild getanzt, als hinge ihr Leben davon ab, und plötzlich hatte Allison in der dicht gedrängten Menge jemanden hinter sich gespürt. Zuerst hatte sie gedacht, sie wäre einfach mit jemandem zusammengestoßen, doch die Sekunden vergingen, und der fremde Körper verharrte dicht an sie gepresst. Aus einer plötzlichen Laune heraus erwiderte sie den Druck und ließ sich wider besseres Wissen auf die Bewegungen des Fremden ein.
Einen halben Song lang genoss sie die Anonymität, dann drehte sie sich zu ihm um.
»Hi, ich bin Allison«, schrie sie über die Musik hinweg.
»Und ich …« Er schürzte die Lippen und zog die Augenbrauen über den Rand seiner Brille nach oben. »… wollte hier eigentlich nur durch.«
Erst in diesem Moment nahm sie ihn richtig wahr. Sie kniff die Augen zusammen, um durch ihren Alkoholnebel hindurch besser fokussieren zu können. Der Typ hielt die Arme über den Kopf, und sein Unbehagen war ihm deutlich anzusehen. Sie hatte diesen armen Kerl ahnungslos gegen die Wand gedrängt und ihm mit ihrem Hintern den Weg blockiert.
In diesem Moment lernte Allison, dass Scham körperliche Schmerzen bereiten konnte.
Während der letzten zwei Jahre hatte sie immer wieder versucht, diesen Abend und die folgenden acht Monate ihres Zusammenseins zu vergessen. Aber seit sie ihn bei der Einführungsveranstaltung der Claymore gesehen hatte, kamen alle Erinnerungen, jedes noch so kleine Detail ihrer gemeinsamen Zeit, ungebeten wieder hoch. Etwa ihr Entsetzen zwei Tage nach besagter Party bei der Entdeckung, dass er in ihrem Kurs für Literaturtheorie saß; ihre missglückten Versuche, ihm aus dem Weg zu gehen; ihr erstes gemeinsames Kaffeetrinken eine Woche später; eine weitere Woche danach ihr erster Kuss. Und dann alle weiteren ersten, zweiten und dritten Male gemeinsamer Erlebnisse – bis er sie wie beiläufig mitten im Sommersemester abservierte.
Mit ihm hatte Allison einige der besten ebenso wie einige schlimmsten Momente ihres Lebens erlebt, und sie wünschte, sie könnte sie allesamt vergessen.
Colin rückte ein Stück zur Seite, und zu ihrer großen Überraschung lächelte er. Als würde er sich tatsächlich freuen, sie zu sehen. »Oh, hey …«
Allison war nicht nach Lächeln zumute. Sie hatte keine Lust auf Smalltalk mit dem Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte, vor allem nicht in diesem Augenblick, da sie ein Papier in der Hand hielt, das über den weiteren Verlauf ihres Lebens bestimmen könnte.
»Würdest du dich hier bitte nicht so breitmachen? Andere wollen auch an ihre Postfächer.« Sie löste das rote Verschlussband vom Knopf auf dem Umschlag und wickelte es Runde um Runde ab, bis es sich löste.
Ihre Worte schienen ihn zu amüsieren, denn er zog den rechten Mundwinkel ein Stück höher. Mit süffisantem Grinsen sagte er: »Ich dachte, du wolltest vielleicht … tanzen?«
Sie hätte schreien mögen. Genau das war der Grund, weshalb sie ihm seit der Einführung aus dem Weg gegangen war. Für ihn mochte ihre gemeinsame Vergangenheit ja ein Witz sein, für sie jedoch war ihre Trennung eine der schmerzvollsten Erfahrungen ihres Lebens gewesen.
Bevor sie entscheiden konnte, wie sie reagieren sollte, erklang mitten in ihr Patt eine Stimme. »Ach, das ist ja perfekt.«
Im Türrahmen stand eine stattliche Frau Ende vierzig. Das aschblonde Haar war zu einem unordentlichen Knoten gebunden, dessen losen Strähnen ihr Gesicht umrahmten und sich in den blattförmigen goldenen Ohrringen verfingen. Um ihre graublauen Augen hatte die Frau perfekte Eyeliner-Striche gezogen, die ihr ein katzenhaftes Aussehen verliehen, und ihr Lippenstift traf genau den Rotton, der jeder Frau gut stand. Zum schlichten schwarzen Etuikleid trug sie einen weiten Chiffon-Kimono mit Blumenmuster in Blau und Gelb, worin sie so professionell und unkonventionell zugleich wirkte, dass Allison sofort neidisch wurde.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals – würde sie einem Filmstar gegenüberstehen, könnte sie kaum aufgeregter sein. Professorin Frances kam auf sie zu. »Allison, wunderbar! Ich hatte gehofft, Sie vor unserem Kurs am Dienstag noch persönlich zu treffen.«
»Unserem Kurs?« Allison sah auf den noch ungeöffneten Umschlag in ihrer Hand.
»Sie denken doch wohl nicht, dass ich Sie nach Ihrem Aufsatz über die Ähnlichkeiten zwischen der ›Frau von Bath‹ in den Canterbury Tales und Ursula aus dem Disney-Film der kleinen Meerjungfrau zu jemand anderem hätte gehen lassen?« Die Professorin schmunzelte.
Allison hätte vor Freude am liebsten gequiekt. Genau darauf hatte sie gehofft: auf die Chance, die renommierteste Professorin für altenglische Literatur gleich zu Beginn ihres Doktorandenstudiums als Mentorin zu gewinnen. Wenn sie gut miteinander klarkämen, würde Professorin Frances sie vielleicht zu ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin ernennen, sie zu Reisen nach Europa mitnehmen, um Originale der ältesten Werke der Literatur zu sichten, und mit ihr gemeinsam Publikationen verfassen. Es könnte genau der richtige Auftakt sein, um zu erreichen, wovon Allison träumte, seit ihr Vater über ihre Zulassung an der Brown vor vier Jahren schallend gelacht und gefragt hatte, wie sie und ihre Mom die Studiengebühren vom Gehalt einer Kellnerin bezahlen wollten. (Manchmal wünschte Allison, ihre Eltern hätten sich schon vor ihrem ersten Studienjahr scheiden lassen, aber weil die unverrückbar negative Einstellung ihres Vaters sie zu durchweg guten Leistungen motiviert hatte, würde sie ohne ihn jetzt nicht an der Schwelle ihrer Träume stehen. Seht her, ihr Zitronen, was eure Limonade vollbringt.)
Professorin Frances blickte von Allison zu Colin, dessen Existenz Allison vorübergehend ausgeblendet hatte. Lächelnd sprach sie dann jene elf Worte, die Allisons Welt nachhaltig erschüttern sollten.
»Und ich freue mich so, dieses Semester mit Ihnen beiden zusammenzuarbeiten.«
Mit Ihnen beiden.
Auch vierundzwanzig Stunden später klebten die Worte noch so hartnäckig in Allisons Eingeweiden, wie sie sich als Kind immer vorgestellt hatte, dass hinuntergeschluckte Kaugummis es täten.
Jetzt würde sie ihren Ex-Freund nicht nur dreimal pro Woche in all ihren Unikursen sehen, sondern sich mit ihm auch noch die Tutorenstelle bei Professorin Frances teilen. Was hieß, dass sie sich ihm gegenüber höflich und professionell verhalten musste und ihn nicht einfach ignorieren konnte, sosehr sie sich das auch wünschte.
Was für eine Katastrophe. Eine grauenvolle Tragödie. Ein Schicksalsschlag Dickens’schen Ausmaßes.
Allison stöhnte laut auf, schloss die Augen und reckte das Gesicht in die Sonne. Sie hatte gehofft, ihre Stimmung würde sich aufhellen, wenn sie ihre Nachmittagslektüre mit nach draußen nähme, aber auch hier konnte sie sich kaum konzentrieren. Dafür schwitzte sie umso mehr. Sie wischte sich über die Stirn, klappte Derridas Grammatologie zu und schubste sie über den Glastisch.
»Seit wann lassen wir unsere schlechte Laune an Büchern aus?« Die Hintertür knarzte, als Sophie zu Allison in den Garten kam. Sie hatte am Morgen einen Zahnarzttermin gehabt, und für Sophie Andrade war jeder noch so kurze Termin eine gute Ausrede, um sich den ganzen Tag freizunehmen, vor allem an einem Freitag.
»So etwas würden wir niemals tun«, erwiderte Allison. »Außer mit diesem Buch.« Zur Betonung nahm sie ihren Stift und schob das Buch damit weiter bis zum Tischrand – und darüber hinaus. Mit einem befriedigenden Rumms plumpste es zu Boden.
Der laute Knall brachte Allisons sieben Monate alten Corgy-Welpen Monty auf Sophies Arm dazu, sich wie eine aus dem Ruder geratene Schiffsschraube um sich selbst drehen. Kaum hatte sie ihn auf den Boden gesetzt, sauste er kreuz und quer über die kleine Terrasse, und seine kleinen Krallen klickten und klackerten über die Holzbohlen.
»Gerade habe ich das Biest dabei erwischt, wie es das Nadelkissen meiner Tante als Tennisball benutzte.« Tagsüber arbeitete Sophie in der Datenerfassung, abends designte sie ihre eigene Kollektion von Plus-size-Mode, so dass ihr Zimmer ständig aussah wie ein Bastelladen, in dem eine Bombe explodiert war. Für einen ungezogenen Hund ein wahres Füllhorn an Verlockungen, und Monty besaß absolut keine Selbstbeherrschung.
»Das wie eine Tomate aussieht?«
»Jepp.«
Allison seufzte. »Genau das, was ich nach dieser Woche noch brauche: dass mir der Tierschutzverein meinen Hund wegnimmt, weil er Nähnadeln verschluckt hat.«
»Ich verspreche hoch und heilig, dass er keine Nadeln gefressen hat.« Sophie nahm neben Allison auf der Liege Platz und schob sich ihre übergroße Sonnenbrille auf die Nase. Mit ihrem schwarz-weiß gestreiften Jumpsuit erweckte sie den Eindruck, den Tag an einer Strandpromenade ausklingen lassen zu wollen. »Hat dein Studium nicht gerade erst angefangen? So schlimm kann es doch noch nicht sein, oder?«
Allison runzelte die Stirn. »Diese Promotion wird heftig, das war doch klar.« Sophie war in letzter Zeit nicht häufig genug da gewesen, um das mitzubekommen.
Als sie und ihre Freundin nach ihrem Studienabschluss an der Brown aus dem Campus-Apartment in dieses kleine Mietshaus umgezogen waren, hatte Allison sich ausgemalt, es würde einfach eine Fortsetzung ihres Studentinnenlebens werden. Endlose Nächte mit Filmen und Spielen, viel zu langem Aufbleiben und Restetrinken nach Partys. Alles wie vorher, nur besser, weil es keine nervigen Hausregeln und keine Hausarbeiten mehr gäbe (zumindest nicht für Sophie).
Doch stattdessen waren da nun Rechnungen und Verpflichtungen und Wecker, die morgens um sechs Uhr klingelten. Sophie hatte durch ihre Arbeit neue Freunde gewonnen und auch Designer kennengelernt, mit denen sie sich in ihrer wenigen freien Zeit traf. Allison konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal länger als zehn Minuten miteinander geredet hatten.
Sie stemmte die Absätze ihrer Sandaletten in den Holzboden. »Ich muss unfassbar viel lesen. Und die Professoren setzen so vieles als bekannt voraus. Es ist, als müsste man eine neue Fremdsprache gleich im Fortgeschrittenenkurs erlernen. Außerdem habe ich jetzt meine Lehrassistentenstelle bekommen, was bedeutet, dass ich auch noch meine eigenen Tutorien vorbereiten muss.«
Einer Tutorengruppe waren etwa zehn bis fünfzehn Studierende zugeteilt, so dass Allison zwei Kurse würde leiten müssen. Und das, während Colin wie ein unheilvoller Geist im Hintergrund lauerte. Aber das konnte sie Sophie nicht sagen. Noch nicht. Sie hatte noch keine Lösung dafür gefunden, wie sie ihrer besten Freundin beibringen sollte, dass Colin gleichfalls an der Claymore war.
Denn Sophie würde sie sofort verdächtigen, wieder zu jener Allison zu werden, die vor Rührung nicht an sich halten konnte, wenn Colin ihr ein Buch schenkte, von dem sie einmal beiläufig erwähnt hatte, dass es sie interessiere. Oder wenn er beim Happy End eines Films in Tränen ausbrach. Jene Allison, die sich eine ganze Weile so sicher gewesen war, in Colin ihren Friend’schen »Hummer« und Seelenverwandten gefunden zu haben.
Obwohl sie nicht mal ein volles Jahr zusammen gewesen waren, hatten sie und Colin wegen der wenigen Pflichtveranstaltungen an der Uni sehr viel Zeit miteinander verbringen können. Sie hatten Tisch und Bett ebenso geteilt wie gute und schlechte Tage, hatten die zerzausten Haare, den verkaterten Atem und die mitternächtlichen Panikattacken vor Abgabeterminen von Seminararbeiten des anderen erlebt. Es hatte sich alles so unglaublich vertraut und intim angefühlt. Der etwas ältere Colin war charmant und witzig, aber er hatte sie auch hinter seine Sunnyboy-Fassade blicken lassen und ihr seine anderen, verborgenen Seiten offenbart: seine Liebe zu Katzen, seine Angst vor Motten und anderen geflügelten Insekten (von ihm »kleine Angriffsflugzeuge« genannt), die Liebe zu seiner Mutter und seinem Großvater, die so stark war, dass es ihn manchmal fast zerriss, wie er selbst sagte.
Angesichts all dessen war es doch kein Wunder, dass ihr seine negativen Seiten entgangen waren, wenngleich Sophie sie mehrfach darauf hingewiesen hatte.
Aus diesem Grund musste sie sich sehr genau überlegen, wie sie ihrer Freundin von Colins Wiederauftauchen berichtete. Zeit und Schokolade und eine gute Sangria wären vonnöten. Womöglich auch ein vorbereiteter Text. Und all das hatte Allison gerade nicht parat.
Sophie sah sie mit großen Augen an. »Ich dachte, als Assistentin musst du einfach nur zu den Seminaren gehen und Arbeiten korrigieren oder so etwas. Du musst eigene Kurse leiten?«
»Jepp. Professorin Frances möchte, dass ihre Doktoranden schon früh ein Gefühl fürs Unterrichten bekommen, also werden wir das bei ihr mehr als sonst üblich machen.«
Sophie schnitt eine Grimasse. »Aber die Bücher müsstest du doch allesamt schon kennen, oder? So wie ich dich kenne, hast du alles gelesen, was es auf der Welt gibt.«
Allison zog den Lehrplan für das Seminar Die Greatest Hits der britischen Literatur vor 1800 hervor und überflog die Lektüreliste, als hätte die sich grundlegend geändert, seit sie sie vor einer halben Stunde das letzte Mal unter die Lupe genommen hatte. Beowulf, das bedeutendste epische Gedicht in Altenglisch aus dem frühen Mittelalter. Die Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer. Malorys Le Morte d’Arthur und eine Handvoll anderer lyrisch-epischer Romanzen zu König Arthur. Fünf Gesänge der Feenkönigin von Edmund Spenser, eines der längsten frühneuenglischen Gedichte. Natürlich Shakespeare. Und Jonathan Swifts Gullivers Reisen. Allison kannte alles bis auf wenige Gedichte von John Donne. (Nach ihrem erfolglosen Versuch, sein Gedicht über einen Floh zu verstehen, hatte Allison beschlossen, sie wäre durch mit Donne.)
»Die meisten, ja.«
»Na, siehst du. Du wirst schon klarkommen.«
Allison schüttelte den Kopf. »Die Bücher zu lesen ist nicht dasselbe, wie sie zu erforschen. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung von den gängigen Interpretationen von Gullivers Reisen oder von den zeitgeschichtlichen Einflüssen auf Shakespeare. Was mache ich, wenn ein Student mich etwas fragt und ich die Antwort nicht weiß?« Schon bei der Vorstellung wurde ihr vor lauter Herzklopfen schwindelig.
Sie konnte nicht damit umgehen, Fehler zu machen – sie war es einfach nicht gewöhnt und hätte diesen Teil der Realität gern aus ihrer Lebenswelt verdrängt. Nicht aus Stolz, sondern weil sie sich nur solange klug fühlte, wie sie sich auch wirklich im Recht wusste. Und für Allison war es unabdingbar, klug zu sein.
Dieses Adjektiv definierte ihr ganzes Sein, seit ihre Mutter sie im Alter von zehn Jahren zu einem Besuch ihres Cousins zum Bates College mitgenommen hatte. Schon im ersten Moment, als sie den Universitätscampus betreten hatte, hatte Allison sich wie zu Hause gefühlt. Als gäbe es dort einen Freiraum, eine Aussparung, die genau ihre Größe hatte und nur auf sie wartete. Ihre Seelenverwandtschaft galt nicht einem Menschen, sondern diesem Ort, diesem Geisteszustand, und von da an hatte sie nur noch ein Ziel: zu studieren, wissenschaftlich zu arbeiten und den Titel Professorin zu erlangen.
Als sie bei ihrer Rückkehr vor Aufregung nur so sprühte, hatte ihr Vater gelacht. Kein belustigtes oder liebevolles Lachen – nichts davon hätte zu Jed Avery gepasst –, sondern eines, dass sie entmutigen sollte, damit sie ihre Träume aufgab, noch ehe sie voll entfaltet waren.
Ihr Vater hatte nach der High School eine Elektrikerlehre gemacht und im Anschluss gutes Geld verdient, was gemäß seiner (sehr beschränkten, sehr konservativen, sehr falschen) Vorstellung der normale Weg war. Ein Studium betrachtete er als rausgeworfenes Geld, nichts weiter als eine Tagesbetreuung für junge Menschen, die nicht erwachsen werden wollten. Immer wieder hatte er betont, er werde keinen Cent in ein Studium seiner Tochter investieren.
Um ihn vom Gegenteil zu überzeugen, hatte Allison in den nächsten acht Jahren hart daran gearbeitet, ihm auf alle erdenkliche Weise zu beweisen, wie klug sie war. Sie hatte Buchstabier-, Schreib- und Wissenswettbewerbe gewonnen und ihre Schuljahre stets mit dem besten Notendurchschnitt abgeschlossen (selbst in dem blöden ersten Jahr auf der High School, in dem aufgrund einer Pandemie fast nur online unterrichtet worden war). Sie hatte Stipendien, Trophäen und Medaillen gewonnen. War als Jahrgangsbeste an einer Universität der Ivy League angenommen worden. Selbst als ihr Vater sich vor vier Jahren von ihrer Mutter scheiden ließ, gab Allison noch ihr Bestes, um ihn zu beeindrucken. An der Brown hatte sie sich abgerackert, hatte exzellente Noten bekommen (abgesehen von dem einen Semester, das unter Colins Arschigkeit gelitten hatte) und summa cum laude abgeschlossen.
Der obere Flur ihres Elternhauses war zum Schrein ihrer schulischen und akademischen Erfolge geworden. Aber selbst, als ihr Vater noch bei ihnen gewohnt hatte, war er nie dort hingegangen.
Allisons Zulassung an der Claymore war die erste Auszeichnung, von der sie ihm nichts erzählt hatte. Sie wollte diesen Erfolg ganz für sich behalten. Doch statt nun weniger Druck zu empfinden, spürte Allison ihn nur noch mehr, diesen Zwang, klug zu sein … die Beste … perfekt. Wenn ihr das nicht gelänge, drohte sie alles wieder zu verlieren – denn wenn sie in der universitären Welt nicht die Beste war, nicht diejenige, die »jedes Buch der Welt« gelesen hatte, wer war sie dann überhaupt?
Sie ließ den Kopf auf den Tisch sinken. »Was, wenn ich versage? Wenn sie mich hassen? Wenn sie mich ausbuhen oder Tomaten nach mir werfen oder so etwas?«
Sophie lachte. »Zunächst einmal: Du bist alles andere als ein Fozzie-Bär, der schlechte Witze erzählt. Du musst wirklich aufhören, mit deiner Mutter diese alten Shows zu streamen.«
»Die Muppets werden von unserer Generation unterschätzt«, murmelte Allison in ihr Glas. »Fozzie-Bär kennt meinen Schmerz …«
»Dir ist schon klar, dass du dich gerade mit einer Puppe identifizierst, oder?« Allison stöhnte, und Sophie fuhr etwas nachsichtiger fort: »Hast du je einen Dozenten oder eine Dozentin ausgebuht oder mit Tomaten beworfen?«
»Natürlich nicht.«
»Diese Kids sind gerade mal drei, vier Jahre jünger als wir. Die werden auch nicht anders sein als wir damals.«
»Aber das hier ist Claymore. Da wird eine gewisse Grundbildung erwartet. Was, wenn ich ihnen die nicht bieten kann?« Allison richtete sich auf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Ich brauche ein WCS.«
Seit Allison und Sophie sich kannten und Sophie aus Versehen einmal Nagellack über die Lieblingsjeans ihrer neuen Freundin geschüttet hatte, gingen die beiden mit Vorliebe WCS (Worst-Case-Szenarios) durch. Für beide war es einfacher, sich Problemen zu stellen, wenn sie auf den schlimmstmöglichen Ausgang eines Konflikts vorbereitet waren.
Monty sprang auf die Liege und tapste zu Sophies Schoß. Nachdenklich kraulte sie ihm die Ohren.
»Okay.« Die Liege quietschte, als sie sich aufrichtete. »Drei Szenarien. Das erste: Sie starren die gesamten fünfzig Minuten auf ihre Handys. Das zweite: Sie hinterfragen alles, was du sagst. Das dritte: Sie verweigern jegliche Teilnahme an der Diskussion.«
Bei jedem Szenario zuckte Allison zusammen. Es war, als hätte Sophie ihren Schädel geöffnet und die schlimmsten Alpträume herausgepickt.
Sie brauchte eine Weile, um Lösungsstrategien zu formulieren. »Ähm …«, stammelte sie und rollte den Umschlag ihres Notizbuchs ein. »Erstens: Ich benutze die Chat-App von Claymore, um sie darüber mit Infos zu den Texten zu bombardieren.«
»Gute Idee.«
»Zweitens: Alle kriegen null Punkte. Ich bin Oprah, aber bei mir kann man durchfallen.« Schon jetzt spürte sie, wie ihr verspannter Nacken sich langsam lockerte. Das WCS-Spiel zeigte bei ihr stets die Wirkung eines guten Schneepflugs nach einem Blizzard – es ebnete ihr einen Weg durch den dichten Nebel, den ihre Sorgen und Befürchtungen auf ihre Gedanken sinken ließen.
Sophie schnaubte. »Ich bezweifle, dass deine Professorin das zulassen wird, aber das drakonische Flair gefällt mir.«
»Drittens: Ich teile sie in Gruppen ein oder suche ein anderes Thema, über das sie sprechen wollen, um das Eis zu brechen.«
Sophies dunkle Locken wippten beim Nicken. »Siehst du: Der Instinkt ist da. Den Rest wirst du schon noch lernen.«
Aber genau da lag das Problem: Allison hatte keine Zeit, um zu lernen. Sie musste es wissen. »Aber nicht bis nächste Woche.«
»Okay, genug jetzt.« Sophie sprang auf und klatschte. »Es ist fast fünf an einem Freitagnachmittag, und du steckst viel zu sehr in diesem Problem fest. Wir gehen aus.«
»Was? Wohin?«
Sophie packte Allisons Handgelenk und versuchte, sie hochzuziehen. »Mein ganzes Büro geht zur Happy Hour im The Cutter. Janie, Brooks und Sarah werden da sein. Und die ganzen heißen Praktikanten.« Anzüglich ließ sie ihre Augenbrauen tanzen.
Allison klammerte sich an ihren Bücherstapel wie an eine Rettungsboje. »Ich muss noch ungefähr vierhundert Seiten lesen. Ich habe keine Zeit für heiße Praktikanten.« Oder einen Kater. Oder einen endlosen Abend mit Sophies Freunden von der Arbeit, die ständig über irgendwelche Kollegen lästerten, die sie nicht kannte. Und je mehr sie versuchen würden, Allison mit einzubeziehen, umso mehr würde sie sich außen vor fühlen. Denn nichts war bei Gossip unlustiger, als einem Außenstehenden erst einmal zehn Minuten lang die Hintergründe erklären zu müssen.
»Diese Bücher gibt es schon seit Hunderten von Jahren, sie werden morgen auch noch da sein.« Diesmal mit beiden Händen, schaffte es Sophie, ihre Freundin vom Stuhl zu ziehen. »Seit der Sache mit Colin bist du kaum noch ausgegangen.« So wie sie dabei das Gesicht verzog, hätte sein Name auch eine riesengroße Tablette sein können, die sie trocken hinunterschlucken musste. »Du musst endlich einen Schlussstrich ziehen.«
Allison verschränkte die Arme. »Ich habe einen Schlussstrich gezogen.« Das war genau der Grund, weshalb sie ihrer Freundin nicht erzählen konnte, dass Colin an der Claymore aufgetaucht war. Offenbar brauchte Sophie ja nur seinen Namen zu nennen, und ihre Nackenhaare stellten sich auf wie bei Monty, wenn er einen Eindringling witterte.
»Und deshalb findest du an jedem Typen etwas auszusetzen, der sich für dich interessiert? Weil du einen Schlussstrich gezogen hast und bereit für Neues bist?« Mit ungläubigem Kopfschütteln lehnte Sophie sich an die Brüstung. Ihr Blick wurde wieder weich, als sie Monty beobachtete, der einem im Wind tanzenden Blatt hinterherjagte. »Ich hasse es, dass er dich offenbar so sehr verletzt hat, dass du Angst hast, dich auf jemand Neues einzulassen.«
»Was? Ich habe keine … er hat mich nicht … Himmel, Sophie, das hat doch nichts mit Angst zu tun. Ich habe so viel um die Ohren, dass ich einfach keine Zeit habe, jemand Neues kennenzulernen. Das ist alles. An der Brown habe ich mich darauf konzentriert, mich für ein Promotionsstudium zu qualifizieren. Und jetzt, wo ich dabei bin, muss ich das gut hinbekommen, hervorragend sogar. Das ist meine einzige Chance, hinterher einen Job zu finden. Auf keinen Fall will ich mich von einem Typen und Beziehungsstress und all so was ablenken lassen.«
Das war sogar die Wahrheit, auch wenn Allison sie für Sophie ein kleines bisschen zurechtgebogen hatte.
Aber in ein paar Jahren, als Professorin Avery, hätte sie mehr Zeit als genug, Männer kennenzulernen. Bis dahin würde sie nicht zulassen, dass irgendjemand sich ihrem Ziel in den Weg stellte, und dazu gehörte auch, dass sie Sophies heiße Praktikanten ebenso mied wie jede weitere Diskussion über Colin.
Allison räusperte sich. »Wie wäre es, wenn wir stattdessen einfach zu Hause etwas trinken? Wir könnten bei Gatsby’s Trüffelpommes und Salatwraps und vielleicht noch Teigtaschen bestellen und unsere Lieblingssäfte mixen und dieses Hexenserie gucken, die du so liebst.«
Sophie bekam leuchtende Augen, und die Happy Hour war vergessen. Nichts vermochte sie mehr zu begeistern als lesbische Hexen. »Können wir die Folge noch mal sehen, wo Raven und Natalya rummachen?«
»Klar.«
Während Allison ihr ins Haus folgte, zählte Sophie alle anderen Folgen auf, die sie gern sehen würde. Und im Gegensatz zu ihrem ursprünglichen Plan würde das wirklich ein perfekter Abend werden.
Wie in guten alten Collegezeiten: leckeres Essen, Wohlfühlklamotten und keine Kollegen oder heißen Praktikanten oder Colin Benjamin, die sich zwischen sie drängten.
Nichts übte auf Studierende mehr Anziehungskraft aus als kostenloses Essen.
Aus genau diesem Grund drängten sich Allison, Link, Ethan und Mandy morgens um halb zehn im Lesesaal von Haber Hall um einen kleinen Tisch.
Jeden dritten Dienstag im Monat versuchte die englische Fakultät, mit einem Frühstücksbuffet möglichst viele ihrer Mitglieder zu einer Präsentation ihrer aktuellen Projekte zu locken, und weder Allison noch ihre Kollegen wollten sich die zumeist selbstgebackenen Leckereien entgehen lassen.
Während sie darauf wartete, dass die Professorin für Kreatives Schreiben über ihr neues Buch berichtete, ließ Allison den Blick schweifen. Die Wände waren mit matt honigbraunem Holz getäfelt, und das Möbelinventar bestand aus nicht zusammenpassenden Lehnsesseln und Sofas. Im hinteren Bereich, in dem sie saßen, stand eine Reihe massiver Eichentische mit grün beschirmten Leselampen, deren weiches Licht das perfekte Studienambiente bot. Dies war ein Ort, an dem sich gewichtige Ideen formen und entwickeln, an dem millionenfach gelesene Bücher neu entdeckt werden konnten.
Mei, die in der Fakultätsverwaltung arbeitete, lächelte zur Begrüßung und stellte einen Teller Gebäck vor Allison auf den Tisch. Dank Allisons zwanghafter Neigung, jegliches Formular akkurat ausfüllen zu wollen, waren die beiden seit April so häufig ins Gespräch gekommen, dass sie Allison fast eine Freundin geworden war.
»Du verteidigst nächsten Monat deine Dissertation, richtig?«, fragte Allison.
Mei kreuzte zwei Finger und wedelte damit durch die Luft. »Wünsch mir Glück.« Bei einem ihrer Gespräche hatte sie Allison von ihren Erfahrungen mit dem Promotionsstudium an der Claymore erzählt, das sie mit zwei Kindern unter drei Jahren begonnen hatte. Um alle Kurse zu absolvieren, hatte sie doppelt so viel Zeit gebraucht, so dass ihr Stipendium bereits ausgelaufen war, als sie mit dem Schreiben der Doktorarbeit begann. Also hatte sie einen Job in der Verwaltung angenommen, weil er mehr Stabilität (und Bezahlung) bot als eine Assistentenstelle.
Allison schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung, wie du das alles schaffst.«
»Viele Kalender-Apps, sehr wenig Schlaf.« Mei lachte.
Falls sie noch etwas hatte hinzufügen wollen, kam sie nicht mehr dazu, denn in diesem Moment polterte Colin in den Raum. Mit viel Brimborium ließ er seine Aktentasche auf den Boden fallen und zog den Stuhl heran, der Allison am nächsten stand. Als er sich setzte, quietschten die Stuhlbeine über das Linoleum.
Mei war während seines Auftritts verschwunden, um die letzten Teller zu holen, und Allison wünschte, sie könnte ihr hinterhereilen und helfen. Colin Benjamin war kaum zwei Sekunden hier, und schon hatte sie mehr als genug von ihm.
»Uff, ist das heiß draußen«, stöhnte er und fächelte sich mit einer Ecke seiner blau gestreiften Jacke Luft zu. Er saß Allison so nahe, dass sein Knie gegen ihres stieß.
Und dort verblieb.
Allison versteifte sich, wollte ihr Knie jedoch nicht zurückziehen. Warum sollte sie auch? Sie war zuerst hier gewesen. »Dann solltest du bei über fünfzehn Grad vielleicht keine Strickjacken mehr tragen.«
»Strickjacken gehören aber zu meinem Look.«
Das stimmte. Es gab kaum einen Tag, an dem er keine trug. Als sie noch zusammen gewesen waren, hatte er manchmal sogar direkt nach dem Sex eine angezogen und war damit wie in einem Bademantel herumspaziert. Einmal hatte er zugegeben, sich damit sicherer zu fühlen. »Die Welt kann mir dann nichts anhaben«, hatte er gesagt. »Sie kann keine Spuren hinterlassen.« Als würde der feine Wollstrickstoff wie ein Titaniumschild wirken.
Bevor Allison herausbekommen konnte, welche Wunden er wohl darunter verbarg, waren sie schon getrennt gewesen.
Eine volle Minute verging, ohne dass Colin sein Knie wegnahm, ganz gleich, wie durchdringend sie ihn von der Seite anstarrte. Er guckte derart unbeteiligt, dass man fast hätte meinen können, er merke nicht, was passierte.
Aber nur fast.
Und nun fing Allisons Herz auch noch an, irgendwelche unwillkürlichen Reaktionen zu zeigen – es klopfte schneller und setzte hin und wieder einen Schlag aus. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Sie sollte nicht derart auf Colin reagieren. Die einzige körperliche Reaktion, die er bei ihr hervorrufen durfte, war ein Würgereflex.
Einen Moment lang erwog sie das Für und Wider, ihm kräftig auf den Fuß zu treten, dann nutzte sie aber lieber den Kuchen als Vorwand, um von Colin abzurücken. Noch während sie die Auswahl begutachtete, ärgerte sie sich über das spürbare Gefühl von Kälte an der Stelle, an der sie sich nun nicht mehr berührten.
Sie würde sich nicht von seiner Anwesenheit beeinträchtigen lassen. Sie würde rein gar nichts für Colin Benjamin empfinden. Wie sie auf unangenehme Weise bereits gelernt hatte, würde dieser emotionale Irrweg nur dazu führen, dass schöne Träume sich in Luft auflösten.
Sie griff nach einem Croissant und versuchte, sich ganz und gar auf dessen köstlichen buttrigen Geschmack zu konzentrieren.
Colin beobachtete, wie sie ein Stück abriss und es sich in den Mund schob. »Manche Dinge ändern sich nie, hm?«
»Bitte?«
Er deutete mit dem Kinn auf ihre Hände und schmunzelte. »Deine Vorliebe für Croissants.«
Allison legte die Köstlichkeit auf ihrer Serviette ab. Auf einmal hatte sie keinen Appetit mehr.
An der Brown hatte sie Colin in den ersten zwei Wochen des Literaturtheoriekurses gemieden, so gut es eben ging. Schon am ersten Tag, als er sie beim Verteilen des Kursplans süffisant anlächelte, war klar, dass er sie von der Party wiedererkannt hatte, aber Allison hatte keine Lust, bei jeder ihrer Begegnungen einen der peinlichsten Momente ihres Lebens von Neuem zu durchleben. Also ging sie ihm aus dem Weg. Sie arrangierte es so, dass sie den Kursraum erst kurz vor der Professorin betrat und ihn auf schnellstem Weg wieder verließ, sobald sie das letzte Wort gesprochen hatte. Was wunderbar funktionierte bis zu dem Tag, an dem Sophie einen verzweifelten Schwall an WCS textete und Allison derart abgelenkt war, dass sie beim Hinausgehen geradewegs mit Colin zusammenstieß.
»Wir sollten echt aufhören, uns auf diese Weise zu treffen«, meinte er grinsend.
Allison wurde rot vor Scham. »Es tut mir schrecklich leid. Ich kann nicht fassen, was da neulich passiert ist. Ich hatte ein bisschen viel getrunken und …«
Er hob die Hand, um sie zu unterbrechen. »Nein, mir tut es leid. Du bist weggelaufen, bevor ich noch was sagen konnte.«
»Ich habe dich mit meinem Hintern belästigt«, platzte sie heraus.
Es war das erste Mal, dass sie Colin lachen hörte. Es klang weder melodiös noch sexy. Mehr wie ein Vogel, der piepsend um Aufmerksamkeit heischte. Sie wurde augenblicklich schwach.
»Du hast mich nicht belästigt«, sagte er. »Ich war nur … überrascht. Und wenn ich überrumpelt werde, neige ich dazu, mich von der schlechtesten Seite zu zeigen.« Mit seinen langen Fingern trommelte er zu einer unhörbaren Melodie auf seinen Oberschenkel, dann biss er sich kurz auf die Lippe und runzelte die Stirn, als würde er über etwas nachdenken. »Vielleicht könnte ich … dich auf einen Kaffee einladen? Um es wiedergutzumachen?«
Allison war so überrascht, dass ihr nichts anderes einfiel, als zuzusagen.
Sie gingen in eines der Cafés auf dem Campus. Es war gerade Primetime für Koffeinnachschub, und die Schlange reichte fast ganz um das gesamte kleine Gebäude herum. Während sie warteten, erkundigte sich Colin, welches ihrer Meinung nach die drei besten Frühstücksteilchen seien. Nach ihrem ausführlichen Vortrag über die Perfektion des Croissants an sich, bei dem er kaum still bleiben konnte, versuchte er, sie mit der wortgewandten Huldigung von Blaubeermuffins zu übertrumpfen. Ihr kleines Wortgefecht war albern und lustig zugleich, und wenn Allison ehrlich war, hatte sie der komplexe Aufbau seiner Streitrede sogar irgendwie angemacht. Ehe sie sich’s versahen, vergingen über ihre bald leeren Kaffeebecher einige Stunden angeregter Unterhaltung.
Als sie zwei Tage später in den Literaturtheoriekurs kam, lag auf ihrem Pult eine Tüte mit einem noch warmen Croissant. Colins Lächeln, das er ihr von der anderen Seite des Raumes aus zuwarf, hätte Metall zum Schmelzen gebracht. Von dem Tag an bis zum Ende des Semesters hatte jede Woche ein Croissant auf ihrem Platz gelegen.
Allison schüttelte den Kopf. Um keinen Preis wollte sie sich mit Erinnerungen befassen, die ihr nur wieder ins Gedächtnis riefen, warum sie sich in Colin verliebt hatte. Lieber wollte sie sich auf all das konzentrieren, weshalb sie froh über das Ende ihrer Beziehung war. Etwa seine laute Stimme, die immer gleich alle Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Die anderen wussten nichts von ihrer Vorgeschichte, und dabei wollte sie es auch belassen.
Sie wischte seine Bemerkung also mit einer schlichten Geste fort.
Colin sah sie mit großen Augen an. »Schämst du dich etwa für deine ungezügelte Leidenschaft für Croissants?«
»Ich bitte dich: Für guten Geschmack muss man sich ja wohl nicht schämen.« Reflexartig warf sie ihr Haar über die Schulter zurück. Ein Reflex von früher, um ihre Verlegenheit zu kaschieren, wenn ihr flirtendes Geplänkel sie angemacht hatte. »Allerdings würde ich mein Croissant lieber essen, anstatt mit dir darüber zu diskutieren.« Sie riss ein weiteres Stück ab und schob es sich demonstrativ in den Mund.
Colin ließ eines seiner seltsam unmelodischen Lachen vernehmen. Allison hasste sich dafür, dass ihr Körper sofort reagierte und sie ein feines Bauchkribbeln verspürte. Sie durfte nicht weiter auf diese Weise mit ihm reden. Nur zu leicht könnte sie in alte Gewohnheiten zurückfallen.
In alte Gefühle.
Sie wandte sich ab und lehnte sich über den Tisch zu den anderen. »Wo habt ihr denn eure Assistentenstellen bekommen?«
Link rückte seine Fliege zurecht. »Afroamerikanische Schriftsteller:innen bei Morgan Sharpe. Genau da wollte ich auch hin. Ich finde es echt bescheuert, dass es nicht mehr Seminare zu Writers of Color gibt. Ich kann es kaum erwarten, wenn wir im nächsten Jahr eigene Kurse anbieten dürfen. Ich habe schon eine komplette Leseliste zu Afrofuturismus zusammengestellt.«
»Das wäre ein Kurs, bei dem ich unbedingt dabei sein möchte«, sagte Allison, und Link strahlte.
»Ich auch«, verkündete Mandy. »Ich bin bei Professor Hasselbach im Seminar über Kinderliteratur.«
Windbeutel lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Kinderbücher sind doch keine Literatur. Da geht es nur um Vampire, um dystopische Wettkämpfe auf Leben und Tod, um Hexen und Magier oder niedliche sprechende Tiere. Das sind doch keine substanziellen Inhalte, das ist bloße Unterhaltung.« Er saugte lang und kräftig an seinem Protein-Shake.
Mandy sah ihn böse an und zog ihren Haarknoten aus braunen Locken straffer, wie um sich für einen Kampf zu rüsten. »Da du dein Wissen über Kinderliteratur offensichtlich nur aus vierter Hand hast, finde ich nicht, dass dir da irgendeine Meinung zusteht.«
»Außerdem«, fügte Allison hinzu, »kennt man genau diese Inhalte auch in ›ernsthafter‹« – sie setzte mit den Fingern deutliche Anführungszeichen in die Luft – »Literatur. In Dracula geht es um Vampire, in Der Herr der Fliegen wird erbittert gekämpft, Der Herr der Ringe strotzt nur so vor Magiern und Zauberern, und in Farm der Tiere hast du jede Menge sprechender Tiere.«
»Aber die Aufbereitung ist vollkommen anders.« Ethan tippte sich ans Kinn und sah aus, als wollte er gleich einen Vortrag halten.
Mandy schüttelte den Kopf und winkte ab. »Was ist mit dir?«, wollte sie von Allison wissen. »Bei wem bist du?«
»Wendy Frances. Die Greatest Hits der britischen Literatur vor 1800.«
»Genau wie ich«, hörte sie Colin sagen und zuckte zusammen.
»Hat sie denn zwei Fachgruppen?«, fragte Link nach.
Allison schüttelte den Kopf. »Es ist einfach ein großer Kurs.«
Colins Stuhlbeine quietschten wieder laut über den Boden, als er näher an den Tisch rückte. »Das wird bestimmt toll. Allison weiß alles über mittelalterliche Literatur.« Er sah dabei nicht sie an, sondern die anderen.
Allison erstarrte. Was sollte das? Erst die Bemerkung mit dem Croissant, und jetzt das. Versuchte er allen Ernstes, nett zu sein? Nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war?
Zum Glück begann nun der Vortrag, so dass ihr erspart blieb, darauf reagieren zu müssen.
Obwohl sie sich bemühte, aufmerksam zuzuhören, musste sie in der nächsten halben Stunde immer wieder an seine Worte denken. Der Colin Benjamin, den Allison kannte, war ehrgeiziger als ein olympischer Athlet. Er verwandelte alles in einen Wettkampf, der gewonnen werden wollte: Noten, Seminararbeiten, Einkaufen, egal was. Als sie morgens einmal spät dran gewesen waren, hatte er sie zum Um-die-Wette-Zähneputzen herausgefordert. Sein obsessiver Drang zur Rivalität war auch ein Grund für ihre Trennung gewesen. Was also sollte dieses Eingeständnis, dass sie besser war, bedeuten?
Allison ballte unter dem Tisch die Fäuste. Bestimmt wollte er sie nur aufziehen. Das war die einzige Erklärung. Auf keinen Fall würde sie sich von ihm verrückt machen lassen.
Sobald der Vortrag vorbei war, schob sie ihren Stuhl zurück. »Zeit für den Kurs«, sagte sie, bereits auf dem Weg zur Tür. Vor ihrem ersten Einsatz als Tutorin brauchte sie noch ein wenig Luft – und Abstand von Colin.
Natürlich folgte er ihr. »Darf ich dir Gesellschaft leisten?«
Definitiv nicht! »Ich hatte gehofft, noch ein paar Minuten für mich zu haben, um meine Gedanken zu ordnen.«
»Aber wir werden doch nur dabeisitzen und zuhören.«
Allison schürzte die Lippen. »Vielleicht. Aber ich möchte sichergehen, dass ich etwas zu sagen habe, falls Professorin Frances einen Beitrag von uns wünscht.«
Colin schmunzelte. Er sah sowieso immer aus, als müsste er mit aller Macht ein pikantes Geheimnis zurückhalten, und sein Gegrinse machte es nur noch schlimmer. Vermutlich lag das an seinen aufwärts gebogenen Mundwinkeln und den permanent leicht zusammengekniffenen Augen. Hätte Allison einen Markierstift zur Hand gehabt, hätte sie diesen Gesichtsausdruck, der ihr viel zu sehr unter die Haut ging, gern für alle Zeit geändert.
Am Ausgang des Haber-Gebäudes hielt er ihr die Tür auf. Allison verschränkte die Arme und wartete darauf, dass er als Erster durchging. Seine Galanterien konnte er sich, wie ihre Großmutter zu sagen pflegte, »sonst wohin stecken«. Auf solch plumpe Schmeicheleien würde sie nicht hereinfallen.
Kopfschüttelnd kam Colin ihrer stummen Aufforderung nach. Allerdings ließ er es sich nicht nehmen, seine Hand so lange auf einem der Glaspaneele zu belassen, bis Allison nach dem Türknauf griff. Im Vorbeigehen würdigte sie ihn keines Blickes.
Statt den langen Weg zum Litvak-Gebäude zu nehmen, in dem der Kurs stattfinden würde, ging sie die Abkürzung mitten über den Campushof, eine viereckige Rasenfläche, die von der Bibliothek, der Zentralverwaltung, der Sporthalle und dem Fakultätsgebäude umgeben war. Da es hier keine schattenspendenden Bäume gab, schien ihr die frühe Herbstsonne warm auf Gesicht und Arme, so dass sie sich nach einer kühlen Brise sehnte.
Die Claymore University lag zwischen East Providence und Barrington, Rhode Island, und wirkte inmitten dieser modernen Ostküstenvorstädte wie aus der Zeit gefallen. Anders als die meisten Universitäten, die ihre alten Gebäude durch möglichst neue und futuristische Bauwerke zu ergänzen suchten, hatte man sich bei der Renovierung hier große Mühe gegeben, das neugotische Antlitz zu bewahren. Es gab Schmucksteine und hohe, schmale Fenster, Strebebögen und Wasserspeier. Der schmiedeeiserne, mit Efeu umrankte Zaun, der das Gelände umgab, unterstrich den krassen Gegensatz zwischen dem altertümlichen Campus und den umliegenden Hipster-Lokalitäten mit all ihren SoulCycle-Tempeln und Craft Brewerys der Stadt.
Im Gehen fielen Allison die ersten Zeilen von Beowulf ein, in denen es um Heldentum und Männlichkeit und solch langweiliges Blablabla ging, dass es ihr schwergefallen war, Ideen für ihr erstes Tutorium zu entwickeln (zwischen den Folgen von Sophies Hexendrama war ihr dann aber doch noch einiges eingefallen, was sie Professor Frances dann gemailt hatte). Trotzdem suchte sie jetzt nach ein paar griffigen Worten, die sie sagen könnte. Nur für den Fall. Das war Colin gegenüber nicht gelogen gewesen.
Ein kleines Kieselsteinchen sprang ihr gegen die Wade und riss sie aus ihren Gedanken. Zehn Schritte hinter ihr ging Colin.
Es hätte sie nicht überraschen sollen. Schließlich hatte er ihr noch nie richtig zugehört. Das eine Mal zum Beispiel, als sie eine fürchterliche Grippe gehabt und ihn um Toast und Ginger Ale gebeten hatte, war er mit Tomatensuppe (ohne Kohlenhydrate) bei ihr aufgekreuzt mit der Behauptung, dass das viel stärkender sei.
Allison hätte am liebsten laut aufgeschrien, stattdessen behielt sie einfach ihren schnellen Schritt bei. »Was machst du hier?«, warf sie ihm über ihre Schulter zu.
»Ich gehe zum Kurs.«
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich allein sein will.«
»Deshalb gehe ich ja hinter dir.«
Gegen ihren Willen verlangsamten sich ihre Schritte. »Es gibt mindestens fünf verschiedene Wege zum Litvak.«
»Ja, und dieser hier ist der kürzeste. Du weißt doch, wie sehr ich Effizienz liebe.«
In der Tat. Gleich nach seinem Drang, zu gewinnen, war das seine zweite Antriebskraft.
Allison blieb stehen. Sie ließ den Kopf in den Nacken fallen und stöhnte Richtung Himmel. Es wurde Zeit für klare Worte. »Im Ernst, Colin. Was willst du hier?«
»Das habe ich dir doch gesagt: Ich gehe zu unserem Kurs.«
Sie seufzte. Er stellte sich offenbar absichtlich blöd. »Nein, ich meine hier, an der Claymore. Solltest du nicht schon zwei Jahre lang in Oxford oder Harvard oder Stanford oder wo auch immer sein, tief versunken in die verdienstvolle Lektüre von Science-Fiction unter psychoanalytischen Aspekten? Ist das nicht der Grund, weshalb du mich verl…«
