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Feurig, sinnlich und unvorhersehbar – eine Romantasy, in der Drachen als Götter über das Schicksal der Welt entscheiden. Leibwächterin Mei hat alles verloren: ihre Heimat, ihre Familie – und vielleicht auch sich selbst. Nun bleibt ihr keine Wahl. Nur gemeinsam mit Raven, ihrer großen Liebe, kann sie den gefangenen Cole befreien. Doch Ravens Lügen stehen zwischen ihnen. Während Ignació einen Krieg entfesselt, setzen Mei und Raven alles daran, die letzten überlebenden Drachen vor seiner Gier nach Magie zu beschützen. Wenn sie scheitern, wird Valtherra brennen. Atemberaubende Drachen-Romantasy mit Epic Tension und High Stakes. Was dich erwartet: - Enemies To Lovers - Forced Proximity - High Stakes - Hidden Agendas "These Ancient Flames" Burn ist der zweite Band und das große Finale der These Ancient Flames-Dilogie von Bestseller-Autorin Melanie Lane. Eine epische Drachen-Romantasy für Leserinnen ab 16 Jahren, die High Stakes, intensive Romance und göttliche Machtspiele lieben. Alle Bände der "These Ancient Flames"-Dilogie von Spiegel-Bestseller-Autorin Melanie Lane im Loomlight Verlag: - Band 1: Awake - Band 2: Burn
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Leibwächterin Mei hat alles verloren: ihre Heimat, ihre Familie – und vielleicht auch sich selbst. Nun bleibt ihr keine Wahl. Nur gemeinsam mit Raven, dem Sohn ihres schlimmsten Feindes, Fürst Ignació, kann sie den gefangenen Cole befreien. Doch Ravens Lügen stehen zwischen ihnen. Während Ignació einen Krieg entfesselt, setzen Mei und Raven alles daran, die letzten überlebenden Drachen vor seiner Gier nach Magie zu beschützen. Wenn sie scheitern, wird Valtherra brennen.
Das Finale der These Ancient Flames-Dilogie
© Caroline Pitzke
Melanie Lane stammt aus der schönen Stadt Hamburg, wo sie lebt und in ihrem eigenen Designstudio schockverliebt arbeitet. Sie ist begeisterungsfähig, laut, trinkt gerne Vino und verabscheut Schubladendenken. Als bekennende Feministin lebt sie Themen wie Gleichberechtigung und Diversität, was sich auch stets in ihren Büchern wiederfindet. Sie liebt Sarkasmus, das Meer und ist eine absolute Tierliebhaberin.
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MELANIE LANE
Loomlight
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Melanie Lane und das Loomlight-Team
»When did a dragon ever die from the poison of a snake?«(Nietzsche)
Für alle, die vergessen haben,wie stark sie wirklich sind.Für diejenigen, die sich von Zweifeln nicht kleinmachen lassenund weiterfliegen –auch wenn die Welt ihnen Gift zuflüstert.Und für Mei, Raven, Tao und Cole,die mir gezeigt haben,wie unzerstörbar Mut sein kann.
Meis und Ravens Plan, mithilfe des Drachen Paz die Kantone zu einen, den Krieg zu verhindern und das Schwinden der Magie der Kraftlinien aufzuhalten, ist gescheitert.
Stattdessen hat Paz Kaiwen – Fürstin des ersten Kantons und Taos Mutter – zu Asche verbrannt. Eine Strafe für die Sünden der Auguren an den Drachen. Innerhalb von Sekunden musste Mei sich entscheiden. Sie wählte die Drachen. Sie wählte Raven. Indes offenbarte Fürst Ignació eine Wahrheit, die alles verändert: Cole und Raven sind Brüder.
Nun ist Cole ein Gefangener Ignaciós.
Tao wird über Nacht zum Fürsten des ersten Kantons – ohne Mei an seiner Seite. Ohne seine Wächterin. Denn Mei entscheidet sich für die Drachen, für Raven – und damit gegen Tao.
Raven ist eine Seelenverbindung mit Paz eingegangen. Doch er will nur eins: seinen Bruder befreien. Um jeden Preis. Koste es, was es wolle.
Während Valtherra im Chaos versinkt, stehen Mei, Raven, Tao und Cole an einem Scheideweg mit einem Funken Hoffnung im Herzen.
Wird er ausreichen, um die Glut neu zu entfachen?
Oder ist er dazu verdammt, in den Schatten der Vergangenheit für immer zu verglühen?
Paz segelte durch die Luft. Majestätisch. Friedlich. Unglaublich, um ehrlich zu sein. Alles, was eben passiert war und sich mit jedem weiteren Flügelschlag weiter entfernte, war unglaublich. Meine Augen brannten. Meine Lunge brannte. Ich hatte Probleme zu atmen, und wusste, was das bedeutete. Eine Panikattacke kündigte sich an.
Wir hatten die Drachen gefunden und mit ihnen eine unaussprechliche Wahrheit.
Kaiwen war tot.
Mian verletzt und fuchsteufelswild.
Tao hatten wir zurückgelassen.
Cole ebenfalls. Auf andere Art.
Cole. Ich kniff die Augen zusammen.
»Schnappt euch meinen Sohn! Nicht ihn. Den anderen!«
Den anderen.
Wenn ich schon wegen dieser Enthüllung am Ausflippen war, wie musste es dann Raven gehen?
Steif wie ein Brett saß er hinter mir, die Arme um meine Taille geschlungen.
»Atme«, flüsterte er mir ins Ohr. Rau und voller Emotionen.
»Raven …« Ich schluckte den Kloß in der Größe von ganz Tianlong herunter. »Ich kann … nicht … Raven …«
Kaiwen war tot.
Meine Fürstin. Meine Familie. Tot. Paz hatte sie getötet. Ausgerechnet jener Drache, der ein Symbol des Friedens sein sollte. Und einen weiteren Teil meiner Familie hatte ich zurückgelassen. Den womöglich Wichtigsten: Tao. Meinen Bruder. Ich hatte ihn zurückgelassen und … japsend klammerte ich mich an Ravens Unterarm. Grub meine Nägel in sein Fleisch. Die Luft hier oben in den Wolken sollte klar sein, doch sie fühlte sich zu dicht und zu schwer für mich an. Als drücke sie selbst meinen Brustkorb zusammen und nicht das, was ich eben erlebt hatte. Die Entscheidungen, die ich getroffen hatte. Das, wofür ich, indirekt, verantwortlich war.
Ein kühles Prickeln lief über meine Haut, gefolgt von einem plötzlichen Hitzeschwall, der meinen Körper durchflutete. Mein Herzschlag pochte in meinen Ohren. Das Rauschen des Windes, eigentlich eine Brise, wurde lauter und die Ränder meiner Sicht begannen zu flimmern und sich zu verdunkeln. Ich verlor die Kontrolle. Ein weiteres Japsen nach Luft.
»Atme, Mei.«
»Kann. Nicht.« Mein Geist raste. Bilder, Emotionen, Schuld. All das wurde zu einem Strudel aus Angst und verwirrenden Gedankenfetzen, die sich überschlugen und keiner inneren Logik folgten. Das Einzige, was ich plötzlich empfand, war Furcht. Eine alles verzehrende Furcht.
»Mei. Meiling!«
Stumm schüttelte ich den Kopf. Da riss Raven einen seiner Arme aus meinem Klammergriff, packte mich am Kinn und drehte meinen Kopf. Und presste seinen Mund fest auf meinen.
Der Kuss war keine sinnliche Eroberung und er hatte auch nichts mit dem gemein, was wir bisher miteinander geteilt hatten. Er diente einzig und allein einem Zweck: mich abzulenken. Raven wollte verhindern, dass ich der Panikattacke erlag und womöglich noch von seinem Drachen fiel. Seinem Drachen. Ich kniff die Augen so fest zusammen, dass es schmerzte, ehe ich seine Wangen mit meinen Händen umschloss. Dabei spürte ich seine Wangenknochen, das kantige Kinn und den Bartschatten. Und etwas, das mich mehr erdete als alles andere es jemals könnte: Tränen. Raven weinte.
Seine Emotionen wirkten wie eine eiskalte Dusche. Langsam und sehr bewusst lockerte ich meine verkrampften Muskeln, angefangen bei meinen zusammengekniffenen Augen, und endlich, endlich bekam ich einen tiefen Atemzug zustande. Ich erinnerte mich daran, wer ich war und welches Training ich genossen hatte. Ich war Meiling Yolanda Ang. Wächterin und Mians Stellvertreterin. Daran änderten auch die vergangenen dreißig Minuten nichts. Mein Kopf klärte sich und auf einmal konnte ich wieder denken und nicht bloß fühlen. Mein Körper kribbelte noch immer und meine Gedanken rasten, aber ich war wieder Herrin der Lage. Zumindest soweit die aktuelle Situation es zuließ. Fest presste ich meine Lippen auf Ravens und spürte, wie er die Arme um mich schlang und sich an mich drückte. Mein Herz raste in meiner Brust. Ein Zittern durchlief mich.
»Meiling«, wisperte er an meinem Mund. »Ich brauche dich. Lass mich nicht allein.«
»Das tue ich nicht.« Keuchend lehnte ich meine Stirn gegen seine. Gemeinsam mutig. »Das tue ich nicht«, wiederholte ich.
Für einen Moment verharrten wir so. Ineinander verschlungen, uns gegenseitig Trost spendend. Paz segelte durch die Luft. Wohin der Drache flog, keine Ahnung. Es war auch egal. Jeder Meter, den wir uns weiter von Tao und meinem Zuhause entfernten, schmerzte. Jeder Flügelschlag war ein Stich in mein Herz und doch hatte ich die Entscheidung getroffen, Raven zu folgen. Niemand sonst. Ich hatte mich für die Drachen entschieden und gegen meine Familie. Gegen Tao und Mian und Vel Ora. Letzteres lag in Trümmern und Kaiwen … die Fürstin des ersten Kantons war tot. Das machte Tao zum Oberhaupt Tianlongs.
Mein bester Freund war nun Fürst und wir standen ganz oben auf seiner Abschussliste.
Arm in Arm mit Raven hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Eine Stunde, zwei … wen kümmerte es? Vor ein paar Minuten hatte ich die Kraftlinie gespürt. Leuchtend und klar. Paz hatte sie benutzt, um unseren Vorsprung auszubauen.
Beinahe hätte ich freudlos aufgelacht. Meine Schenkel gruben sich schmerzhaft in den Rücken des Drachen und gleich mehrere spitze Schuppen bohrten sich durch den Stoff meiner Hose in mein Fleisch. Anstatt mich jedoch anders zu positionieren, hieß ich den leichten Schmerz und das Unwohlsein willkommen. Nichts Geringeres hatte ich verdient. Außerdem war es nichts gegen das, was Tao empfinden musste. Oder Cole.
Raven versteifte sich in meinen Armen und Paz wurde langsamer.
Wie ein übergroßer Papierflieger segelte sie durch die Luft, bis sie abrupt stoppte und ein leichtes Ruckeln und Wackeln uns signalisierte, dass der Drache festen Boden erreicht hatte.
»Mei.« Raven strich mir die wirren Haare aus der Stirn. Mein Pferdeschwanz war kaum noch vorhanden. Normalerweise ein Graus, kümmerte es mich gerade kein bisschen.
»Meiling.« Er wartete, bis ich den Blick hob und ihn ansah. Seine Augenfarbe war wieder normal – dunkel und noch immer unergründlich. Vertraut und voller Schmerz. »Kannst du aufstehen?« Ich blinzelte.
»Ja-a«, krächzte ich heiser. Versuchsweise bewegte ich meine Gliedmaßen. Meine Beine zitterten, aber es würde schon gehen.
Als hätte Paz meine Gedanken gelesen, breitete sie den Flügel aus und sank herab, ehe sie sich leicht zur Seite lehnte. Sie bot mir ihren Flügel als Rutsche dar. Ich wusste aktuell nicht, was ich davon halten sollte. Paz war … sie war meine Göttin. Sie war alles. Und doch hatte sie Kaiwen getötet.
Der Drache schnaubte. Beinahe abfällig. Ein scharfer Stich durchfuhr mich. Wut. Das war besser als Verzweiflung. Wut war besser als Hilflosigkeit. Mit neu entfachtem Feuer rückte ich etwas von Raven ab, schwang ein Bein über das andere und kletterte von Paz herunter. Wenig elegant, aber sei’s drum.
Trotz festem Boden unter den Füßen schwankte ich leicht und auf einmal war Raven zur Stelle, um mich zu stützen.
Er war bei Weitem nicht so geübt darin, die Linien zu benutzen, wie ich, und ich spürte kein Aufflammen der Kraftlinien, das hieß, er griff auf die Magie seines Drachen zurück. Auf ihre Verbindung.
An die er sich verdammt schnell zu gewöhnen scheint …
Eine Hand an meinem Arm sah Raven auf mich herab. Las er mir meine Gedanken vom Gesicht ab? Es würde mich nicht wundern. Sein Kuss und seine Emotionen hatten mir in der Luft ein Mindestmaß an Kontrolle zurückgegeben, doch jetzt … jetzt war die Lage eine andere.
Er blinzelte und enthüllte einen diamantenen Schimmer hinter den schokoladenbraunen Tiefen.
Ich konzentrierte mich auf die einzige Emotion, die ich aktuell zulassen konnte: Wut.
Ruckartig riss ich mich los und trat ein paar Schritte zurück. Weg von ihm und Paz. Beide beobachteten sie mich aufmerksam.
Ich wandte mich ab und sah mich um. Gab mir selbst etwas zu tun, um nichts zu sagen, das ich später bereuen würde.
Paz hatte uns tief in die Wälder von Tianlong gebracht. Ich spürte, dass wir uns noch immer in unserem Kanton bewegten. Die Magie der Linien war vertraut und doch anders. Vermutlich waren wir weit im Norden. Der südliche Teil Tianlongs war noch immer grün, allerdings weitestgehend geprägt von Gebirgsketten und Hügeln. Alles, was uns umgab, war Dschungel. Die Bäume um uns herum wuchsen so hoch, dass sie selbst Paz’ mächtige Gestalt überragten. Der Drache hatte am Rande eines kleinen Sees haltgemacht. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie sie den Kopf drehte und aus dem glasklaren Bergsee trank. Die Fürstin des ersten Kantons zu grillen musste sie durstig gemacht haben.
»Mei.«
Scheiße. Die Hände zu Fäusten geballt, machte ich eine Wissenschaft daraus, meine Umgebung zu sondieren. Der Dschungel hatte sich rund um den kleinen, etwas tiefer liegenden See gelichtet, doch selbst hier wucherten die Baumkronen so dicht, dass das Sonnenlicht nicht gänzlich zu uns durchdrang. Wie ein schützendes Dach lagen die Blätter, Äste, Lianen und Farne über uns und verhüllten uns – ein Stück weit – vor der Außenwelt. Sie schufen eine Illusion der Sicherheit. Aber sie war genau das: eine Illusion.
»Meiling.« Ravens Stimme klang belegt. »Bitte sag etwas.«
Himmel, ich wollte ihn anschreien. Ihn. Tao. Mian. Mich selbst. Kaiwen. Letzteres ging nun nicht mehr.
Ein Bild zuckte durch meine Gedanken. Ein Bild der Höhle und der Drachen, aufgeknüpft wie totes Vieh.
Wütend riss ich den Kopf herum und sah zu Paz. Der Drache hatte aufgehört zu trinken. Ihr Blick war stechend. Herausfordernd und vielleicht auch ein wenig anklagend. Ein weiteres Bild erschien ungewollt in meinen Gedanken. Ein Bild von Raven und mir am Pier in Lohai Bay.
»Alles, was ich mir wünsche, ist eine Chance bei dir.«
»Das ist nicht fair …«, murmelte ich, während ich die Nägel meiner Mittelfinger in die Fingerkuppen meiner Zeigefinger bohrte. Bemüht um Kontrolle.
Magie erfüllte mich erneut, doch bevor Paz mir weitere Bilder senden konnte, unterband ich es. Ich griff nach der Linie und sperrte den Drachen aus. Es geschah instinktiv und ihr entrüstetes Schnauben machte deutlich, was sie davon hielt. Dass es mir überhaupt gelang, schrieb ich meinem besonderen Talent in Bezug auf die Kraftlinien zu.
»Mei, bitte, ich –«
»Nein.«
Ich hob abwehrend eine Hand, Paz knurrte.
Nun wirklich wütend wirbelte ich herum.
»Was?«, fuhr ich sie an. »Was genau willst du von mir?« Ich warf beide Arme in die Luft. »Wir wollten den Frieden nach Vel Ora bringen! Du solltest ein verdammtes Symbol des Friedens sein!«
Stattdessen hatte sie Kaiwen gegrillt und alle anwesenden Auguren in Angst und Schrecken versetzt. Raven würde man die Schuld geben und ich … ich war zur Abtrünnigen geworden. Und all das in unter einer Stunde!
Nachdem ich mein ganzes Leben gehofft und gebetet hatte, dass die Drachen zurückkehren würden.
Funken traten aus Paz’ Nüstern und glitzerten zwischen uns im schwachen Tageslicht.
»Strebe nach Frieden, aber sei bereit, um in –«
»Nicht«, spie ich und machte einen weiteren Schritt vorwärts.
»Du hast kein Recht, Kaiwens Worte gegen mich zu verwenden und sie als Rechtfertigung zu missbrauchen.« Anklagend wies ich mit dem Finger auf Paz. »Wir wollten es besser machen! Besser als unsere Ahnen! Ich habe versprochen, dir zu helfen. Für dich und die Drachen da zu sein. Gemeinsam hätten wir die anderen Kantone davon überzeugen können.« Meine Stimme zitterte. »Es gab keinen Grund, in den Krieg zu ziehen. Und das ausgerechnet gegen Kaiwen.«
»Das sieht Paz anders.«
Ravens bemüht ruhige Stimme erinnerte mich daran, dass es sein Drache war, mit dem ich stritt.
»Oh bitte«, rief ich ätzend, wobei mir bewusst war, dass ich darauf aus war, irgendjemanden zu verletzen, egal wen. Solange ich nur nicht allein litt. »Erleuchte mich.«
Raven steckte die Hände in die Hosentaschen. Seine Haltung war entspannt, doch sein Gesicht, gerötet und von Tränen gezeichnet, und seine Augen, voller Angst und Schmerz, sprachen eine andere Sprache.
»Paz sagt, sie hat in das Herz eurer Fürstin gesehen und es war alles andere als rein.«
Das … das nahm mir für einen Moment den Wind aus den Segeln.
Sie hatte nicht bloß Rache gewollt?
»Was hat sie gesehen?« Mein ganzes Sein konzentrierte sich auf Raven. »Was. Hat. Sie –«
»Ich bin nicht dein Feind, Mei.« Raven riss eine Hand aus den Hosentaschen und fuhr sich durch die Haare. Die widerspenstige Locke fiel ihm in die Stirn. Mein Magen verkrampfte sich. Witzig, ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er sich entkrampft hatte.
»Diese Situation, ich …« Er fluchte. »Das ist beschissen! Aber es ist passiert. Paz hat gespürt, dass Kaiwen mehr weiß, als sie zugibt, und sie hat noch mehr solcher Höhlen gesehen. In der Erinnerung der Fürstin.«
Bei allen Drachengöttern …
»Sie handelte aus einem Impuls, ja. Aber nicht ohne Motiv.«
»Das da wäre?«, verlangte ich zu wissen, meine Stimme hart.
Raven tauschte einen innigen Blick mit seinem Drachen und meine Hände ballten sich erneut zu Fäusten.
Schließlich nickte er und fixierte mich. Die Augen klar und scharf wie geschliffene Diamanten.
»Nicht jede Vergeltung ist ein Akt der Zerstörung – manchmal ist sie der letzte Weg zur Wahrheit.«
Instinktiv zuckte ich zurück.
»Was so–«
»Eigentlich wollte ich warten, bis ihr eure kleine Streitigkeit beendet habt«, ertönte eine tiefe, brummende Stimme links von uns. Sofort griff ich nach meinem Akuischwert, konnte jedoch niemanden erkennen. Überall nur Dschungel und … es schimmerte und funkelte und auf einmal spürte ich die Linie. Mehr als deutlich. Eine große Gestalt erschien aus dem Nichts. Eine, die ich kannte.
»Wobei ›eigentlich‹ hierbei das Stichwort ist, denn so wie es aussieht, dreht ihr euch im Kreis.« Kellan seufzte. Dann lächelte der Mistkerl. »Hallo Meiling.« Er sah zu Raven. »Rabe.«
Kellan. Der Besitzer des Drakonia. Eine Legende im dunklen Stern. Seit unserer letzten Begegnung waren nur wenige Tage vergangen und doch kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Maifu, das Drakonia, der Kampf gegen Raven … all das war in weite Ferne gerückt.
Kellans Blick richtete sich auf Paz. Mit einem kleinen, geheimen Lächeln senkte er das Haupt und murmelte etwas, das ich nicht verstand. Paz knurrte, es klang jedoch weder aggressiv noch warnend. Und Kellan? Er wirkte alles andere als überrascht, einem lebenden Drachen gegenüberzustehen. Oder einem Augur mit einer Seelenverbindung zu eben jenem Drachen.
Nun wirklich irritiert wanderten meine Augen von einem zum anderen.
»Was machst du hier?«
Kellan zuckte mit den Schultern. »War gerade in der Gegend?«
Mein Schwert hob sich wie von selbst. »Nach allem, was ich die letzte Stunde erlebt habe, solltest du mich lieber nicht reizen. Rede! Sofort!«
Kellan machte eine kleine Show daraus, seine Manschettenknöpfe zu richten, als er den Kopf hob, war das Lächeln verschwunden. Die vollen, rötlichen Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Tja, wie es scheint, bringt ihr mich in eine ganz schöne Zwickmühle. Du und dein … Rabe.«
»Was meinst du?«
»Dein Vater«, wandte Kellan sich an Raven und ließ keinen Zweifel daran, dass er ganz genau wusste, wen er vor sich hatte, »will dich lebend. Sie nicht.« Er nickte in meine Richtung. »Und er will deinen Drachen.«
»Du arbeitest mit Ignació?«, entfuhr es mir, während Raven – endlich! – ebenfalls nach seinen Waffen griff. Paz richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, doch sie griff nicht an.
Kellan lachte auf. »Ich arbeite für niemanden, Meiling.«
Natürlich. »Nur für dich selbst, nehme ich an?«
»Oh, nein.« Das Grinsen kehrte zurück und Kellans plötzlich rote Augen fixierten Paz. »Nur für sie.« Wieder fühlte ich mich, als würde mir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. »Ich arbeite nur für sie«, wiederholte er. Seine Augen leuchteten stärker und ich erinnerte mich an den roten Schimmer, der mir bereits im Club in seinen Augen aufgefallen war. Zu der Zeit hatte ich es als Lichtspiel abgetan. Jetzt nicht mehr. Schlagartig wurde mir bewusst, dass Raven nicht der erste Augur mit einer Seelenverbindung war. Kellan. Der Augur war verbunden. Aber … wie?
Meis Schock war mit Händen greifbar. Die Haut fahl und schneeweiß, war das Weiß ihrer Augen von zarten roten Adern durchzogen, ein stilles Zeugnis ihres Kummers. Sogar ihre Haare wirkten seltsam stumpf und hatten ihren blauen Glanz verloren. Wir beide waren nicht mehr als ein Häufchen Elend und so wie es aussah, nahmen die guten Nachrichten heute kein Ende.
»Paz?«
Mein Drache … verdammt, daran würde ich mich gewöhnen müssen, schwieg. So ruhig, wie nur übernatürliche Wesen – oder Mei – sich halten konnten, saß sie da und beobachtete.
Wir waren erst seit Kurzem verbunden. Es würde Zeit brauchen, richtig mit ihr zu kommunizieren und sie lesen zu können, doch die Schwingungen, die ich auffing, waren freundschaftlich. Beinahe vertraut.
»Sie kennt dich«, sprach ich meine Vermutung laut aus.
Kellan legte den Kopf schräg.
»Interessante Wahl«, sagte er, die Worte ganz offensichtlich nicht an mich gerichtet. Paz blies eine kleine Rauchwolke aus, ehe sie ihre Krallen musterte. Als studierte sie ihre Maniküre, verflucht noch mal!
Ich konnte nicht sagen, dass es mich sonderlich berührte, dass sie Kaiwen getötet hatte. Immerhin hatte ich die Fürstin nicht gekannt. Doch Meis und ja, auch Taos Schmerz war so greifbar und schnitt so tief – das war etwas, was nicht spurlos an mir vorbeiging. Jeder meiner Versuche, mit Paz zu kommunizieren, wurde jedoch von ihr abgeblockt. Alles, was sie mir erlaubte zu sehen, waren die Höhlen und ihre Qualen. Alles, was ich hörte, war dieser eine Satz. Wieder und wieder.
»Nicht jede Vergeltung ist ein Akt der Zerstörung – manchmal ist sie der letzte Weg zur Wahrheit.«
Mehr gab sie nicht preis. Noch nicht.
Vertrauen, erinnerte ich mich an Meis Worte, musste man sich verdienen. Paz hatte mich erwählt, obwohl sie mich kaum kannte. Ich musste mich ihrer würdig erweisen. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie.
»Du … du bist verbunden? Mit einem lebenden Drachen?«
Mei legte ihre freie Hand auf ihr Herz. Als wolle sie es beschützen. Als wüsste sie nicht, wie viel es an diesem heutigen Tag noch ertragen konnte.
»Seit fast hundertfünfzig Jahren. Ja.«
»Hundert–« Mei brach ab und holte tief Luft. Mir selbst schwirrte der Kopf. »Wie ist das möglich?«, fragte sie und langsam sank ihr Schwert zu Boden.
Jeglicher Kampfgeist schien sie zu verlassen. Ich wollte zu ihr gehen und sie in den Arm nehmen, war allerdings nicht sicher, ob sie es gestatten würde. Der Kuss war eine Notwendigkeit gewesen. Unsere Umarmung ein verzweifelter Halt. Ich hoffte inständig, dass der heutige Tag uns nicht zurück in die Zeit unserer Feindschaft katapultierte. Auch wenn es gerade Wichtigeres gab, um das wir uns kümmern mussten. Kaiwen war tot, die Kantone nun offiziell im Krieg. Valtherra wusste nun, dass die Drachen lebten, und Cole, er … er …
»Nicht ihn! Den anderen!«
Zwei kleine Worte, die meine Welt völlig aus den Angeln gehoben hatten. Ich hatte einen Bruder. Insgeheim hatte ich schon immer so für Cole empfunden, aber wir waren wahrhaftig blutsverwandt. Dieses Wissen erfüllte mich mit Freude und Sehnsucht und gleichzeitig mit Angst. Nein, keine Angst. Das, was ich empfand, war abgrundtiefe Furcht. Ignació hatte Cole bereits einmal halb totgeprügelt. Er würde es wieder tun. Töten würde er ihn nicht, immerhin hatte er Cole aus einem Grund mitgenommen. Weil er ihn brauchte. Weil er sein Sohn war? Sein Erbe? Mein Kopf ratterte und am Ende kam ich zu nur einer logischen Erklärung: Weil er mich und meinen Drachen wollte. Aus diesem Grund hatte er eine der zwei Personen in seine Gewalt gebracht, für die ich alles riskieren würde. Und ganz nebenbei hatte er dafür gesorgt, dass ich erfuhr, wer Cole für mich war. Mein Bruder. Fuck!
Er wollte Paz, dabei hatte ich selbst noch nicht einmal realisiert, dass ich mit einem Drachen verbunden war.
»Meine Seelenverbindung ist ein wohlgehütetes Geheimnis«, sagte Kellan und holte mich aus meinem Kopf in die Realität zurück. »Vermutlich das zweitgrößte Geheimnis Valtherras. Das größte kennt ihr nun.«
Ich räusperte mich, meine Kehle unangenehm rau. »Können wir kurz an den Punkt zurückkommen, an dem du mit meinem Vater arbeitest?«
Kellan musterte Raven abschätzig. »Mach dich nicht lächerlich, Rabenprinz. Ich arbeite nicht mit dem dritten Kanton. Ignació mag es annehmen, arrogant, wie er ist. Ich habe ihn lediglich im Auge behalten.«
»Für die Drachen«, wisperte Mei rau.
Kellan nickte. »Für die Drachen.«
Auf einmal entglitt ihr das Akuischwert. Mit einem dumpfen Laut landete es auf dem Waldboden. »Der Drache im Tempel!«
»Was?«, fragte ich, während Kellan nickte. Einen zufriedenen Ausdruck auf dem Gesicht.
»Die Abzweigung der Kraftlinie und der Tempel …« Mei fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Ungewohnt wild umrahmten sie ihr hübsches Gesicht.
»Das … der dunkle Stern.«
Angestrengt versuchte ich ihren Gedanken zu folgen und dann machte es klick.
Auf einmal erinnerte ich mich an Kellans eigene Worte.
»Ich bin auf eine Art mit diesem Ort verbunden, die ihr nicht einmal erahnen könnt.«
Mei sog scharf die Luft ein. »Du hast den dunklen Stern erschaffen, um dich zu verstecken!«
Fuck! Was?
»Mehr, um einen sicheren Hafen zu haben, als um mich zu verstecken, aber ja.«
»Der Drache im Tempel, er war beinahe lebendig.«
»Er ist meine Verbindung zur Welt der Drachen.« Er sprach ein paar Worte, die ich nicht verstand. Es handelte sich weder um Tianlonisch noch um die alte Sprache der Drachen. Es waren Silben und Wortlaute, die ich noch nie gehört hatte.
»Es gibt keine Übersetzung für den Namen. Ihre Welt hat schon immer existiert, parallel zu unserer, und dann, vor vielen Tausend Jahren, entstand der Riss im Meer. Evona, neugierig, wie sie war, flog hindurch, und der Rest ist, wie man so schön sagt: Geschichte.«
Meis Knie gaben unter ihr nach und sie sank auf den Boden.
»Dann … dann wissen die Drachen von allem, was in den letzten hundert Jahren in den Kantonen passiert ist?«
»Nicht alles, aber das meiste«, bestätigte Kellan. »Einen Schwarzmarkt zu führen, hat durchaus seine Vorteile. Auguren aus allen vier Kantonen besuchen den dunklen Stern und sie fühlen sich wohl genug, um Gerüchte, Geheimnisse und ihre Wahrheiten mit mir zu teilen.« Er grinste. »Mit mir und meinen Spionen.«
»Wieso jetzt?«, warf ich ein, den Blick auf Mei gerichtet. Sie sah regungslos zu Boden. Ihre Waffe lag vergessen vor ihr. »Wenn die Drachen wissen, wie es um uns und die Linien steht, wieso offenbaren sie sich erst jetzt?«
»Weil es das erste Mal ist, dass jemand aktiv nach ihnen gesucht und ihre Hilfe erbeten hat.« Sein Tonfall war ungewohnt sanft. »Es ist das erste Mal, dass ihnen jemand Hilfe angeboten hat.«
Mei hob den Kopf. Langsam, als kostete es sie alle verbliebene Kraft.
»Ist das … ist es der Grund, wieso unsere Linien noch immer stark sind?«
Ich riss die Augen auf. Natürlich! Der erste Kanton verfügte nicht bloß über seinen Glauben. Es gab eine aktive Seelenverbindung und eine Verbindung zur Welt der Drachen!
Maifu saß durch Kellan und den dunklen Stern quasi an der Magiequelle und das wirkte sich auf ganz Tianlong aus. Kellan bestätigte weder, noch verneinte er ihre Vermutungen.
Mei begegnete meinem Blick.
»Dein Vater hatte recht«, flüsterte sie kaum hörbar. »Wie es aussieht, haben wir doch Drachen.«
»Ich weiß ehrlich nicht, was ich dazu sagen soll«, erwiderte ich aufrichtig. Normalerweise hätte ich einer Unterhaltung wie dieser locker folgen können. Normalerweise war ich jedoch auch nicht emotional involviert. Jetzt war ich es, und meine Gefühlswelt stand kopf. Dass Paz Kaiwen gegrillt hatte, war dabei nicht einmal mein größtes Problem. Dabei war mir bewusst, wem sie die Schuld dafür geben würden. Mein Vater würde mich an den Pranger stellen – selbstredend. Aber auch Mian, die Wächter des ersten Kantons und vielleicht, vermutlich, auch Tao. Letzteres wurmte mich mehr, als es sollte.
Ein warmes Gefühl überkam mich und ich schaute zu Paz.
Ernsthaft jetzt?
»Hättest du nicht einfach mit Kaiwen reden können?«
Musste ausgerechnet mein Drache die Ziehmutter der Frau, die ich liebte, umbringen? Eine Ziehmutter, die zugleich die angesehenste Fürstin in ganz Valtherra gewesen war. Die Nachricht von Kaiwens Tod würde sich rasant verbreiten. Dafür würde mein Vater sorgen.
Bilder stürmten auf mich ein. Eines qualvoller und grausamer als das andere. Ein dumpfer Schmerz begann in meiner rechten Schläfe zu pochen.
»Tut mir leid«, murmelte ich stumm, und nur für Paz’ Ohren und Herz bestimmt.
Keiner von uns konnte sich in ihre Lage versetzen. Die Auguren hatten die Drachen gefangen genommen und an ihnen experimentiert, um die Quelle ihrer Kräfte aufzuspüren und für sich nutzen zu können. Über Jahrzehnte. Womöglich länger. Wir hatten Paz aus ihrer Welt geholt und ihr Frieden und Gerechtigkeit versprochen und dann hatte ausgerechnet die Frau, die wir ihr als gütig und gerecht angepriesen hatten, mit dem Finger auf sie gezeigt, und ihren Tod verlangt. Ihren und meinen. Anstatt wütend und verwirrt, sollte ich dankbar sein. Dankbar, dass Paz mich auserwählt und Mei und mich in Sicherheit gebracht hatte.
Ein Gedanke kam mir. »Du hast gewusst, dass er hier sein würde. Kellan.«
Mein Drache schnaubte. Eine hellgraue Wolke der Zustimmung.
»Sie hat Minu informiert.«
»Minu?«, fragte Mei, erneut mit dieser rauen, belegten Stimme. Als wäre alles andere zu viel für sie. Es schmerzte mich, die toughe, kontrollierte Mei so zu sehen.
»Mein Drache«, bestätigte Kellan. Ruhig und voller Selbstbewusstsein, als wäre es völlig normal, mit einem Drachen verbunden zu sein.
»Minu erwählte mich vor hundertfünfzig Jahren«, erklärte der bärtige Augur. »Wir lebten gemeinsam in Aotuaran. Damals gab es Gerüchte.« Kellan sah an uns vorbei. Seine Augen lagen auf Paz. »Drachen und ihre Auguren verschwanden. Eine Freundin von mir ebenfalls. Sisa und ihr Drache Sung. Minu und ich machten uns auf die Suche nach ihnen. Auf unserer Suche stießen wir auf die ersten Hinweise, was die anderen Auguren getan hatten. Wie tief ihr Verrat an den Drachen reichte. Der Verrat des ersten Kantons. Die anderen Kantone waren nicht unschuldig, aber es begann hier. In Tianlong.«
Ich riss meinen Blick von Kellan los und sah zu Mei. Sie hatte den Kopf gesenkt. Ihre Tränen waren der einzige Hinweis, dass sie der Unterhaltung aufmerksam folgte. Mein Herz zog sich zusammen.
»Es begann hier.« Wie sehr diese Worte Mei innerlich zerreißen mussten.
»Minu und ich entdeckten eine der Höhlen. Wir entdeckten … Paz?« Er stockte kurz und legte den Kopf schräg, als frage er den Drachen um Erlaubnis. Als wolle er sich vergewissern, dass sie mit dem Namen einverstanden war, den ich ihr gegeben hatte. Paz brummte leise und melodisch und Kellan fuhr fort. »Es gelang uns, Paz und zwei weitere Drachen zu befreien. Die Auguren ließen uns jedoch nicht so einfach davonkommen.« Er schüttelte den Kopf. Ganz so, als könne er nach all den Jahrzehnten noch immer nicht glauben, was damals passiert war. »Sie griffen uns an. Uns! Die Drachen.« Das Rot seiner Augen intensivierte sich. Wurde von Karmesinzu Blutrot. »Wir flohen. An jenem Abend trafen die Drachen die Entscheidung, in ihre Welt zurückzukehren. Seelenverbindungen wurden gekappt.«
»Deine nicht.«
»Nein. Die Drachen zogen sich zurück, doch es gab … gibt«, verbesserte er sich, »noch immer Höhlen, die wir nicht gefunden haben. Es werden noch immer Drachen vermisst. Minu und ich blieben verbunden und ich … hörte mich um. Vergebens, bisher.«
Dann war Kellan seit hundert Jahren die einzige Verbindung zwischen Drachen und Auguren. Zwischen ihrer und unserer Welt. Er hatte den dunklen Stern für sie gegründet und er versuchte, die verschollenen Drachen zu finden. Ich kniff die Augen zusammen und musterte den großen Mann vor mir. Wie der erste Eindruck doch täuschen konnte.
Dabei brüstete ich mich damit, Auguren und Menschen lesen zu können. Aber Kellan, er war ein Buch mit sieben Siegeln. Selbst für mich.
Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. Bevor ich eine davon über die Lippen brachte, fiel sein Blick bedeutungsschwer auf Mei.
»Ich beantworte alle Fragen, aber zunächst sollten wir diesen Ort magisch sichern. Ich besorge uns etwas zu essen und wir machen ein Feuer.«
Er nickte in Richtung Mei. Ein stummes: »Kümmere dich um sie.«
»Bin gleich zurück.«
Ich blinzelte und er war fort.
Zu sagen, dass mir der Kopf schwirrte, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen. Ein einziger Tag hatte gereicht, um nicht bloß meinen Glauben, sondern alles Wissen, mit dem ich aufgewachsen war, zu erschüttern.
Oh, ich glaubte noch immer, ich meine, wie könnte ich nicht, immerhin saß Paz lediglich ein paar Meter von mir entfernt am Feuer. Aber der Rest … Feyara, Kaiwen und ihr tiefer Glaube. Das Mantra, dass sie Tao und mir von klein auf eingetrichtert hatte.
»Strebe nach Frieden, aber sei bereit, in den Krieg zu ziehen.«
Unsere Tempel, Schreine, die ganze Sonderstellung, die Tianlong in Valtherra genoss.
All das war nichts weiter als ein riesiger Haufen Scheiße.
Die Dunkelheit war hereingebrochen und wir saßen seit Stunden zusammen.
Kellans Erzählungen, seine Erinnerungen, waren so faszinierend wie grausam. Mit jedem Wort, jeder Geschichte schwebte mein Kopf höher in den Wolken, während mein Magen sich schmerzhaft zusammenzog. Mein ganzes Leben entpuppte sich als große Lüge.
Zudem fühlte ich mich schuldig. Tao und ich hatten es nicht gewusst, dennoch … ich kam aus Feyara. Ich hatte Kaiwen gedient.
Du hast nie nach den Drachen gesucht.
Man hatte uns gelehrt, dass sie fortgegangen waren, und wie Bienen im Stock folgten wir der Ordnung, ohne jemals nach dem Warum zu fragen.
Ich war im Glauben an die Drachen aufgewachsen. Im Glauben an Kaiwen – unsere gerechte, friedvolle Fürstin.
Ein humorloses Lachen entfuhr mir und wurde zu einem Husten.
Raven hielt mir eine Flasche Wasser hin und ich griff danach, ohne ihn anzusehen. Generell vermied ich den Blickkontakt mit ihm, Kellan oder Paz. Es entsprach absolut nicht meinem Naturell, aber was sollte ich sagen? Meine ganze Welt stand auf dem Kopf und die Person, gegen die ich mich jetzt lehnen, mit der ich reden und weinen und planen wollte, verfluchte vermutlich in diesem Moment meinen Namen. Der Gedanke an Tao ließ meine Augen brennen. Hektisch blinzelnd trank ich aus der Flasche. Raven beobachtete mich aufmerksam. Er sorgte sich. Ich würde klarkommen, das tat ich immer, allerdings waren die Wunden gerade jetzt noch zu frisch.
Außerdem konnte und wollte ich in diesem Moment nicht definieren, ob er meine Rettungsleine oder mein Verderben war. Paz hatte Kaiwen getötet, nicht Raven. Raven hatte genauso viel verloren wie ich. Mehr noch. Ignació hatte Cole in seiner Gewalt. Ravens Bruder. Fuck, dieser Gedanke war genauso verrückt wie alle anderen, die durch meinen Kopf jagten. Ich rang mich dazu durch, Ravens dunklen Augen voller Sünde, Schmerz und Verrat zu begegnen. Er war nicht mein Feind. Schon lange nicht mehr. Innerlich seufzend versuchte ich meine verkrampften Muskeln zu entspannen. Er war mein Verbündeter. Mein Freund und … mehr. Aber hier und jetzt, als ich den Augenkontakt aufrechthielt, wurde mir bewusst, dass er keine Rettungsleine war, er war mein Anker. Ich konnte und wollte das, was ich für ihn empfand, nicht in Worte fassen. Nicht jetzt, in einer solchen Situation, aber Raven war hier und seine ganze Haltung machte deutlich, dass er nirgends hingehen würde. Er war hier, bereit, mich in den Arm zu nehmen und mich zu stützen und das, obwohl sein Bruder gefangen genommen worden war.
»Du hast einen Bruder«, entfuhr es mir, völlig unpassend, immerhin war Kellan noch dabei, uns seine Lebensgeschichte zu erzählen.
Ravens rechter Mundwinkel zuckte. Weder Lächeln noch Grimasse.
Ein Gefühl, das an Freude erinnerte, durchfuhr mich. Raven hatte einen lebenden Verwandten, der ihn liebte und den er liebte. Er war nicht allein. Genauso wenig wie ich. Tao mochte nicht hier sein, aber ich war nicht allein.
Beinahe hätte ich den Kopf geschüttelt. Ich war selbstreflektiert genug, um zu erkennen, dass ich mich langsam, aber unaufhaltsam aus dem Abgrund emporarbeitete, in den ich nach Kaiwens Tod gestürzt war. Ich trauerte. Ich war wütend. Ein Stück weit überfordert und hilflos, aber ich war Meiling Yolanda Ang und mein Training setzte ein. Ebenso der Wunsch nach Kontrolle.
Raven und ich betrachteten uns noch immer. Diesmal war das Zucken seiner Mundwinkel eindeutig ein Lächeln.
»Willkommen zurück.«
Ein Laut entfuhr mir. Irgendwo zwischen Lachen und Schluchzen. Ich stellte die leere Wasserflasche auf den Boden und fuhr mir mit beiden Händen über das Gesicht. Dann griff ich nach einem der Haarbänder an meinem Handgelenk und band mir einen hohen Zopf. Dabei zog ich etwas kräftiger als notwendig, aber das Ziepen, der leichte Schmerz, er half mir, mich besser zu konzentrieren.
Wortlos reichte Kellan mir eine der Schalen mit Gemüsereis und Brot.
»Iss etwas, Meiling.«
»Danke.« Ich nahm ihm die Schale ab und unsere Fingerspitzen berührten sich. Instinktiv sah ich auf. Das Rot war aus seinem Blick verschwunden und doch lauerte es. Im Hintergrund, aber es war da.
Kellan lächelte. Ein echtes Lächeln, das seinen Look von Mafioso zu bärtigem Teddybären verwandelte.
»Du siehst sie«, sagte er, leise, als wolle er mich nicht wieder verschrecken, jetzt, da ich langsam wieder klar denken konnte. »Die Seelenverbindung.«
»Ja?« Keine Antwort, sondern eine Frage.
Er nickte. »Deine Verbindung zur Linie ist stark.«
»Ich habe noch nie jemanden erlebt, der die Linien so benutzt, wie Mei es kann«, warf Raven ein. Dann gab er Kellan eine kurze Zusammenfassung unserer Abenteuer.
Der Augur saß auf einem umgekippten Holzstamm. Ein Bein lässig über das andere geschwungen. Er lauschte Raven. Als dieser fertig war, nickte er.
»Ich bin nicht überrascht.«
»Nicht?« Wieder keine Antwort, sondern eine Frage.
Sehr eloquent, Mei.
»Während eures Kampfes hast du die Linie benutzt.«
Keiner meiner besten Momente, aber ja, ich hatte die goldene Regel des Drakonias gebrochen.
»Das war der Moment, in dem ich wusste, dass eure kleine Gruppe von Bedeutung ist. Dass du es bist.« Er grinste und fuhr sich mit einer Hand über den vollen Bart. »Ein Gewitter im dunklen Stern! Regen!« Er lachte und ich errötete bei der Erinnerung, was Raven und ich während des Gewitters getrieben hatten. Auf offener Straße.
»Das hat es nie zuvor gegeben. Die Linien reagierten auf dich und Minu tat es auch. Mein Drache ist ein paranoider Mistkerl, wie sie alle. Aber sie wurden neugierig. Dann gingst du in den Tempel zum Beten, und das war der Moment, in dem die Drachen beschlossen, euch im Auge zu behalten.« Er fixierte mich. »Dich im Besonderen.«
Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus.
»Der Fuchs und die Schuppe …«
Ich ließ den Satz ausklingen und hob beide Augenbrauen.
»Deswegen gabst du Aho die Information!«, entfuhr es Raven. Genau wie ich setzte er Stück für Stück die Puzzleteile zusammen. »Du wusstest, dass Aho uns konfrontieren würde!«
»Ich habe es gehofft. Oder zumindest angenommen, dass es richtig wäre, euch alle zusammenzubringen. Daher erwähnte ich Ahos Mann gegenüber, dass sein Boss euch besser im Auge behält.«
»Er hat uns angegriffen!«
Kellan rollte mit den Augen. »Und wer liegt jetzt tot unter der Erde?«
Das war ein Argument. Ein anderer Gedanke kam mir und die Gänsehaut auf meinen Armen breitete sich aus, bis es mir eiskalt den Rücken herablief.
»All die Jahrzehnte«, murmelte ich, »du hütest dieses Wissen seit hundert Jahren.«
Himmel, er musste einsam sein.
»Hast du jemals mit jemandem über die Drachen gesprochen?«
Kellans Blick wurde weicher. »Nein.« Er atmete geräuschvoll aus. »Ich würde den dunklen Stern samt Tempel eher niederbrennen, als ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen, der ihrer nicht würdig ist. Ich würde eher sterben, als ihr Vertrauen zu missbrauchen. Minu erwählte mich nicht nur einmal, sondern zweimal. Mein Drache, sie alle, sind das Wichtigste für mich.«
Was für eine Bürde. Kellan mochte sie mit Stolz tragen, doch ich konnte mir vorstellen, wie schwer es bisweilen für ihn gewesen sein musste.
»Und wir?«, fragte Raven leise. »Sind wir ihrer würdig?«
Beide sahen wir zum Rabenprinzen. Ein dunkler Schatten in der noch dunkleren Nacht. Paz ragte hinter ihm auf. Vor einer Weile hatte ich gedacht, sie wäre eingeschlafen, doch die diamantfarbenen Augen des Drachen beobachteten uns aufmerksam.
»Sie wählte dich«, gab Kellan vage zurück.
Raven zuckte kaum merklich zusammen. Ich wusste, dass er mit Paz’ Wahl haderte. In seinen Augen war er ihrer unwürdig.
»Und die Drachen, sie wählten euch. Dich. Mei. Tao und Cole.«
Was war die Steigerung von Gänsehaut? Was auch immer es war, genau das empfand ich in diesem Augenblick.
»Ihr seid die Ersten, die ihre Welt seit einem Jahrhundert betreten haben. Die Einzigen – mit mir. Ihr kennt die Wahrheit und ihr seid diejenigen, die die Drachen nach Valtherra zurückgebracht haben.«
Ich spürte Ravens Blick auf mir. Ein ganzes Kaleidoskop an Emotionen huschte über seine Züge.
»Die Frage ist nun«, brummte Kellan in der tiefen, melodiösen Tonlage, der wir nun seit einer Weile lauschten, »wie geht es weiter?« Er musterte erst Raven, dann mich.
»Was wollt ihr tun?«
»Cole retten«, sagten Raven und ich zeitgleich. Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe, als hätte er mit einer anderen Antwort gerechnet. Dabei war es der nächste logische Schritt. Tao trauerte und er war wütend, aber sicher. Cole hingegen nicht.
»Wir haben das zusammen begonnen, wir beenden es zusammen.«
Raven schluckte, ehe er nickte. »Gemeinsam mutig.«
»Gemeinsam mutig«, wiederholte ich.
Kellan gab einen zustimmenden Laut von sich. »Soleria also.«
»Du hilfst uns?«
»Täubchen.« Er erhob sich und klopfte sich den imaginären Dreck von seinem Designeranzug. »Ich habe nicht hundert Jahre auf diesen Moment gewartet, um mich jetzt zurückzulehnen.« Seine Augen färbten sich rot. »Und ich bin nicht der Einzige, der bereit ist, euch zu helfen.«
Das war … meinte er, was ich dachte, was er meinte?
»Ein Angriff auf Soleria muss sorgfältig geplant werden.« Raven sah hinauf in den Sternenhimmel. »Hier können wir nicht bleiben.«
Kellan streckte uns jeweils eine Hand entgegen. Unsere Essensreste waren bereits verschwunden.
»Ich hätte da ein nettes, sicheres Versteck anzubieten.«
Maifu. Schon wieder.
Ohne zu zögern, traten Raven und ich vor und griffen nach Kellans Unterarmen. Raven warf Paz einen letzten Blick zu.
»Sie kehrt in ihre Welt zurück, bis wir sie rufen. Du kannst weiterhin mit ihr kommunizieren. Ich lehre dich wie.«
Nun denn …
Kellan musterte uns. »Bereit?«
»Ja.«
»Ja.«
Cole, dachte ich. Wir mussten Cole retten. Danach würden wir uns um Tao kümmern. Raven verschränkte die Finger unserer freien Hände miteinander und ehe ich zu ihm hochsehen konnte, katapultierte Kellan uns in die Linie.
»Mein Fürst?«
Die Worte drangen nur dumpf in mein Bewusstsein. Zunächst verstand ich nicht, was sie bedeuteten. Dann traf mich ihre Tragweite. Mit voller Schlagkraft.
Ich war Fürst des ersten Kantons. Weil Paz meine Mutter getötet hatte.
Mit schwerem Kopf und noch schwererem Herzen hob ich den Blick. Mian stand im Türrahmen. Das Gesicht hart, die Lippen zusammengepresst, die Augen gerötet. Unter der professionellen Fassade brodelte es. Nicht auf mich, aber auf diese ganze beschissene Situation. Darauf, dass der dritte Kanton uns angegriffen hatte. Darauf, dass wir mit Raven und Cole diese Mission angetreten hatten. Er war wütend auf sich. Paz. Raven. Mei.
Meimei.
Ich kniff die Augen zusammen und holte tief Luft.
Mei hatte uns zurückgelassen. Sie hatte mich zurückgelassen und sich für Raven entschieden. Für die Drachen. Insbesondere jenen Drachen, der meine Mom in einen Haufen Asche verwandelt hatte. Ravens Drachen.
Ich wollte Paz hassen. Raven. Mei. Aber die Fragezeichen in meinem Kopf drehten sich so schnell, dass ich zu keinem anderen Gefühl als Überforderung fähig war.
Zwei Tage war es erst her. Es fühlte sich an wie ein ganzes Leben. Zeit zum Trauern gab man mir keine. Seitdem Paz sich in die Luft erhoben hatte, glich jeder Tag einer einzigen Katastrophe. Ich saß auf der Kante meines Bettes, ganz in Weiß. Der goldene Drache auf meinem Gewand war prachtvoll. Die juwelenbesetzten Messer an meinem Gürtel nicht minder. Als Kind hatte ich davon geträumt, wie es wäre, eines Tages das Fürstengewand zu tragen. Allerdings hatte ich angenommen, dass meine Mom diejenige war, die mir half, es anzuziehen. Dass sie diejenige war, die mich tadelte, weil meine Haare unordentlich waren, während Mei in einem der Sessel am Fenster fläzte und grinsend mit einem ihrer Messer spielte.
»Hast du etwas anderes erwartet?«, sprach die Mei in meiner Wunschvision.
Meine Mom lachte. Eines ihrer seltenen, echten Lachen. In meiner Vision war sie nicht Kaiwen, die Fürstin. Sie war eine liebende Mutter. Sie zeigte mit dem Finger auf Mei. Jene Frau, die sie wie eine Tochter geliebt hatte. »Benehmt euch«, wies sie uns zurecht. Wärme und Liebe in der Stimme, trotz des strengen Gesichtsausdrucks.
»Ihr beiden seid die Zukunft unseres Kantons.«
Ich blinzelte hektisch. Die Vision verschwamm vor meinem inneren Auge. Dann verschwand sie ganz. Eine Zukunft, die es so nicht mehr geben würde. Eine Träne fiel auf die schwarze Tinte auf meinem Handrücken hinab. Ich wischte sie fort und fuhr mir grob über die Augen.
»Tao?«
»Ich bin bereit.« Ein weiterer tiefer Atemzug. So mochte ich mir diesen Tag vielleicht nicht vorgestellt haben, aber er war hier. Heute würde ich offiziell zum Fürsten des ersten Kantons ernannt werden. Die Geburtsstätte von Evona.
Alle Augen waren auf Tianlong gerichtet. Anstatt uns zu verehren, fürchtete man uns nun. Paz’ Auftauchen hatte sich herumgesprochen. So wie der Tod meiner Mutter. Es hieß, der erste Kanton habe sich gegen Valtherra gestellt. Die Medien der Menschen waren explodiert. Dank Smartphones gab es ausreichend Aufnahmen von Paz, die über die Bucht und die Hochhäuser von Feyara in Richtung Vel Ora gesegelt war. Eilmeldungen. Fernsehberichte. Talkrunden mit sogenannten Experten. Interviews mit Abgeordneten und Militärs. Nach einem Dutzend reißerischer Headlines hatte ich abgeschaltet.
»Die Drachen sind zurück!«
»Hat Tianlong uns die ganze Zeit belogen?«
»Tianlong – der Fall des einst beliebtesten Kantons.«
»Kaiwen Li von eigenem Drachen getötet!«
Die wildesten Theorien kursierten. An die sozialen Medien wollte ich gar nicht erst denken, ich hatte sie bewusst gemieden.
Der erste Abgeordnete unseres Kantons war nicht der Einzige, der energisch an meine Tür klopfte. Halb Baorun residierte in den wiederaufgebauten Häusern von Vel Ora. Wir mussten die Linien stärker denn je kontrollieren, um den zweiten und vierten Kanton aus Feyara herauszuhalten, während wir Marviento komplett blockierten. Ich würde Auguren und Menschen gleichermaßen empfangen. Fürstin Skadi und Fürst Nkosi ebenso – aber nicht alle auf einmal. Das ertrug mein Nervenkostüm nicht. Zunächst musste ich diesen Tag überleben. Dann würden wir weitersehen. Oder eher ich. Mian wollte handeln. Sie alle verlangten einen Plan, eine Richtung und Meis Mom, sie … bisher hatte ich mich nicht getraut, mit ihr zu sprechen. Ich hatte Mian aufgetragen, sie über den Tod ihrer Fürstin und das Verschwinden ihrer Tochter aufzuklären. Sie musste tausend Fragen haben.
»Tao, ich …« Mian fuhr sich durch die Haare.
»Ich weiß«, unterbrach ich ihn. »Alle Augen sind auf mich gerichtet.«
»Du kannst das, Junge.«
Auf einmal stand er vor mir und umfasste meine Oberarme.
»Kaiwen hat nie daran gezweifelt, dass aus dir eines Tages ein guter und gerechter Fürst werden würde, Tao.«
»Eines Tages.« Ein Schnauben entfuhr mir. Gut und gerecht. So wie sie?
Ich schüttelte den Kopf und brachte die kleine ätzende Stimme in mir zum Schweigen.
»Eines Tages ist heute.« Die Miene des Wächters verfinsterte sich. Ich kannte Mian mein ganzes Leben und ich respektierte ihn. Mochte ihn sogar. Er hatte meine Mom geliebt und war ihr treu ergeben gewesen.
»Du bist achtundzwanzig, Tao. Jung, aber nicht unerfahren. Seit du ein kleiner Junge warst, haben wir dich auf diesen Tag vorbereitet. Du kannst das«, wiederholte er. »Heute, mehr denn je, müssen wir Stärke zeigen. Selbstbewusstsein.«
»Ich weiß«, wiederholte ich und zapfte zeitgleich die Linie an, um jegliche Falten in meinem Gewand zu glätten. Dann stählte ich mich innerlich. Meine Miene wurde hart und glich Mians.
»Erzählen wir ihnen, was wirklich passiert ist.«
Ich signalisierte Mian, vorauszugehen.
»Ich lasse nicht zu, dass Ignació Lügen über uns verbreitet.«
Paz mochte meine Mutter auf dem Gewissen haben, aber der erste Kanton war nicht der Bösewicht, zu dem Marviento uns machen wollte. Das würde ich nicht zulassen. Niemals.
»Ich bin bei dir.« Mian öffnete meine Tür. »Jeden einzelnen Schritt.«
Nickend trat ich an ihm vorbei in den Korridor. Ein Spalier aus Wächtern und Wächterinnen erwartete mich. Zeitgleich senkten sie die Häupter und berührten die Ketten um ihren Hals. Nun war ich ihr Stern. Ihr Berg. Sie alle waren anwesend. Alle, außer Mei. Eine lähmende Schwere überkam mich und ich begrub dieses Gefühl tief, ganz tief in mir, während ich hoch erhobenen Hauptes Richtung Ratssaal schritt.
»Hast du das gesehen?« Wütend knallte ich eines der Magazine auf den Tisch, die etliche Straßenhändler im dunklen Stern verkauften. Die anderen beiden hatte ich bereits entsorgt. Doch diese Headline … das war bisher die schlimmste!
»Ist Tianlong dem Untergang geweiht? Fürst Tao Li Yao – zu jung und unerfahren?«
Raven las die neongelben Zeilen, dann hob er den Blick.
Für den Moment war er er selbst. Anders als ich. Dank Kellan war es uns möglich, unser Erscheinungsbild zu verändern. Wie sich herausgestellt hatte, hatte er ganz genau gewusst, wie wir Taos Äußeres verändert hatten. Einer seiner Leute verfügte über dasselbe Talent wie Cole.
Dank des Arcs an meinem kleinen Finger war ich aktuell blond und sonnengeküsst. Etwas kleiner und kurviger dazu.
Mein Zeigefinger landete auf dem Titelblatt des Magazins.
»Das hier! Das ist –«
»Widerlich. Da stimme ich dir zu.«
Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Die einzige Regung war ein minimales Erweitern seiner Pupillen aufgrund meiner Erscheinung. Raven gefiel meine Tarnung nicht. Als ich den Zauber das erste Mal aktiviert hatte, hatte er beinahe angewidert auf meine blonden Haare gestarrt. Mir erging es ähnlich. Was meine Haare anging, war ich eigen. Allerdings war die Verkleidung notwendig, denn unsere Gesichter waren überall. Auf Magazinen, Zeitungen, Postern und in den Nachrichten der Menschen. Ich hatte mir kein Smartphone besorgen müssen, um zu wissen, dass wir dort ebenfalls präsent waren. Noch wussten die Medien jedoch nicht, ob wir Freund oder Feind waren. Oh, es wurde wild spekuliert. Wo kam der Drache her? Hatte Tianlong ihn die letzten hundert Jahre versteckt? Warum hatte er Kaiwen getötet? Was hatte das alles mit Raven und mir zu tun?
Dank Ignació – nahmen wir an – war Ravens Name ebenso bekannt geworden wie meiner. Es gab sogar ein paar Klatschblätter, die aus uns ein tragisches Liebespaar machten, und vermuteten, dass wir gemeinsam aus dem ersten Kanton geflohen waren, weil man uns untersagt hatte, zusammen zu sein. Ich hatte darüber nur den Kopf schütteln können. Man konnte es getrost den Menschen überlassen, eine Situation wie diese zu romantisieren. Die Auguren wussten zumindest im Ansatz, was der Drache und Kaiwens Tod bedeuteten. Hier ging es nicht bloß um Tianlong, sondern um ganz Valtherra! Und genau das war der Grund, wieso ich Tao zurückgelassen hatte.
Tao. Ich konzentrierte mich auf meine Atmung und versuchte mein wild schlagendes Herz zu beruhigen. Mein bester Freund war jetzt Fürst des ersten Kantons. Seine Vereidigung war drei Tage her. Kaiwens Tod fünf. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, wenn ich daran dachte, was das für Tao bedeutete. Er hatte nicht trauern können. Nicht trauern dürfen. Ganz gleich, was Kaiwen vor uns verborgen hatte, sie war seine Mutter gewesen und sie hatte ihn über alles geliebt. Uns beide.
Raven schob das Magazin von dem Pergament, an dem er arbeitete. »Was hast du erwartet? Die Menschen lieben reißerische Nachrichten.« Seine Schultern zuckten nach oben. »Und nicht nur sie. Auguren sind auch nicht besser.«
Nein, waren sie nicht. Selbst hier, im dunklen Stern, wurde getratscht, was das Zeug hielt. Genau das war unser Plan gewesen. Wir hatten ganz Valtherra mit Paz’ Anwesenheit schockieren wollen. Jetzt hatten wir die Aufmerksamkeit aller Kantone, allerdings gänzlich anders als anfänglich geplant.
»Sie werfen ihm Verrat vor, Raven. Er muss ausbaden, was Kaiwen und die anderen Fürsten und Fürstinnen zu verantworten haben. Er muss ausbaden, dass wir den Drachen in unsere Welt gebracht haben, er –«
»Mei.« Raven legte den Zeichenstift beiseite und erhob sich. Kurz zögerte er, dann umfasste er meine Oberarme. Dabei musste er den Kopf tiefer neigen als sonst. Immerhin war ich jetzt kleiner. Und blond. Ich biss die Zähne zusammen.
»Taos Situation ist scheiße, das will ich gar nicht beschönigen, aber er wurde darauf vorbereitet, Fürst zu sein. Er kennt die Etikette und er ist tough. Außerdem«, sprach er weiter, als ich ihn unterbrechen wollte, »hat er Mian an seiner Seite. Ich sage nicht, dass es leicht wird. Aber für Tao können wir aktuell nichts tun. Ganz Tianlong sucht uns, Mei. Sie machen uns … mich für Kaiwens Tod verantwortlich.«
Ich biss die Zähne fest zusammen, bis es knirschte. Himmel, wir saßen echt in der Scheiße!
Kellan versteckte uns im dunklen Stern, in einem seiner Privathäuser. Wir hatten es komfortabel und konnten mithilfe der Zauber das Haus verlassen. Man behandelte uns zuvorkommend und es mangelte uns an nichts. Essen, Klamotten, Waffen – all das war in einem beinahe erschreckenden Ausmaß vorhanden. Kurz nach unserer Ankunft hatte ich ein heißes Bad genommen und war in einen langen unruhigen Schlaf gefallen. Es ging uns gut und doch war ich kurz davor zu explodieren!
Raven brütete den ganzen Tag über seinen Aufzeichnungen zu Soleria und dem Palacio. Er zeichnete Grundrisse und machte Notizen. Beinahe wie besessen. Gegen Abend, nach dem Essen, zog er sich mit Kellan zurück. Der Augur brachte ihm bei, wie er mit Paz kommunizieren konnte. Generell, aber auch, wenn sie sich in ihrer Welt aufhielt. Den ersten Abend hatte ich mich zu ihnen gesetzt, einen Kräutertee in den Händen. Kellans Wissen über die Kraftlinien war unglaublich. Doch dann hatte es mich aus dem Haus gezogen. In den Tempel, um genau zu sein. Während die Männer trainierten, betete ich.
Zu den Drachengöttern, denn so war es mir beigebracht worden. Aber auch zu meinen Ahnen und zu Kaiwen. Ganz gleich, was sie gewusst und vertuscht hatte, sie war wie eine zweite Mutter für mich gewesen. Und meine Fürstin.
Ravens Hände wanderten nach oben und legten sich in meinen Nacken. Er übte leichten Druck aus und musterte mich aufmerksam.
»Deaktiviere den Zauber.«
Ich konzentrierte mich auf die Sigille, die Kellan mir gezeigt hatte, zapfte die Linie an und strich sachte mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand über den Arc. Der Zauber fiel und ich schoss ein paar Zentimeter in die Höhe.
Der andere Körper fühlte sich nicht übel an. Meine neuen Kurven waren … interessant. Aber das hier, das war ich. Hochgewachsen und schlank. Muskulös an den richtigen Stellen. Gestählt von jahrzehntelangem Training.
Ravens Augen glitten über mein Gesicht, ehe sie mit dieser ihnen eigenen, unheimlichen Intensität auf meinen Haaren verharrten. Er atmete aus. Seine Lippen öffneten sich minimal. Die Finger an meinem Nacken packten fester zu. Ein Zittern ging durch meinen Körper. Nach allem, was wir erlebt hatten, war das etwas, worauf ich mich verlassen konnte: meine körperliche Reaktion auf den Mann vor mir. Raven hatte mich belogen. Er hatte mich benutzt und geplant, uns zu verraten. Am Ende hatte er sich dagegen entschieden, und das war alles, was zählte, oder nicht?
Tao hatte mir auf der Insel gesagt, ich solle flexibler denken. Genau das versuchte ich, denn mal ehrlich, etwas anderes blieb mir gerade auch nicht übrig.
»Was ist los?«
Ein ungläubiges Schnauben entfuhr mir. »Abgesehen vom Offensichtlichen?«
»Ja, Mei. Abgesehen davon.«
Mein erster Impuls war es, ihn anzulügen und einfach zu gehen. Dann aber dachte ich daran, dass es keine Geheimnisse mehr zwischen uns gab. Raven war alles, was mir geblieben war. Meine Gefühle für ihn mochten wirr sein und Achterbahn fahren, aber wir steckten zusammen in diesem Schlamassel.
»Ich drehe durch«, vertraute ich mich ihm an und legte meine Hände locker auf seine kräftigen Unterarme. »Du sammelst all die Informationen über Soleria und deinen Vater und trainierst nebenbei mit Kellan, und ich … ich laufe ziellos durch den dunklen Stern und dabei lese ich all diese Nachrichten und höre die Auguren reden und ich drehe durch, Raven!«
Seine Musterung wurde so intensiv, dass ich es nicht länger ertrug und den Blick abwandte. Etwas, das ich zuvor nie getan hätte. Das stachelte meine Wut und Unruhe noch weiter an. Raven hatte eine Aufgabe. Tao hatte eine. Cole, er brauchte uns. Seine Aufgabe war Überleben. Und ich? Ich hatte nichts zu tun und fühlte mich absolut nutzlos. Zudem traute ich mich nicht, meine gedanklichen Fühler nach Tao auszustrecken. Die Angst vor Ablehnung, Hass womöglich, war zu groß.
Ich ballte die Hände zu Fäusten und Ravens Augenbrauen wanderten in die Höhe.
»Was brauchst du, Mei?«
Dich. Beinahe hätte ich es laut ausgesprochen, hielt die Worte jedoch zurück. Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung hatte, wie Raven und ich zueinander standen, würde ich bestimmt nicht mit ihm ins Bett hüpfen, während unsere Freunde in Gefahr schwebten und die Welt um uns herum in Flammen aufging.
»Keine Ahnung«, stieß ich hervor und ließ die Hände sinken. Dann trat ich zurück und blendete die Enttäuschung auf Ravens Gesicht aus. Seine Arme fielen herab.
»Ich hätte da eine Idee.«
Die tiefe Stimme kam aus Richtung jener Tür, die zum Flur und damit zur Küche führte.
»Und was soll das sein?«, fragte ich Kellan.
»Kämpf für mich, Täubchen. Mir fehlt noch jemand für den zweiten Kampf des Abends.«
»Auf keinen Fall!«, entfuhr es Raven aufgebracht. »In unserer Situation ist das Letzte, was Mei tun sollte, in einen Ring zu steigen.«
Kellan lehnte lässig am Türrahmen, die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt. Wieder trug er einen seiner zahlreichen Anzüge. Eleganter Mafiaschick. Mittlerweile erkannte ich sein Outfit als das, was es war: seine Rüstung. Er passte ins Bild. Hier – im dunklen Stern. Ebenso wie dieses Haus. Alles war in dunklen, erdigen Tönen mit Akzenten von Gold und Azurblau eingerichtet worden. Sehr geschmackvoll. Sehr luxuriös. Kellan hatte ein gewisses Bild aufrechtzuerhalten. Er spielte eine Rolle und das mit vollendeter Perfektion. Jetzt, wo ich ihn besser kennengelernt hatte, konnte ich gar nicht anders, als ihn dafür zu respektieren.
»Ich mache es.«
»Wunderbar«, sagte er, während Raven schnaubte, seine Reaktion drückte Unmut aus.
»Du meinst es gut, das weiß ich.« Ich trat noch einen Schritt zurück und aktivierte den Arc. »Dennoch triffst du keine Entscheidungen für mich.«
»Wir werden gesucht, Mei! Du kannst nicht einfa–«
»Habe ich auch nicht vor«, unterbrach ich ihn. »Mei macht gar nichts. Ava hingegen. Sie will und sie kann kämpfen.«
Seine Brauen zogen sich zusammen. Raven war wütend. Und so verdammt attraktiv. So unwiderstehlich, dass ich mich erneut abwandte. Alles an diesem Mann zog mich an. Die düstere Ausstrahlung. Die intelligenten dunklen Augen mit den Goldsprenkeln. Sein ganzer Bad-Boy-Charme. Vom ersten Moment an hatte Raven Androna all meine Knöpfe gleichzeitig gedrückt, und nicht einmal der riesige Haufen Scheiße, in dem wir steckten, konnte daran etwas ändern.
Ich musste Dampf ablassen – dringend. Da ich mir nicht gestattete, mit Raven auf Tuchfühlung zu gehen, gab es nur eine andere Möglichkeit: kämpfen.
»Bin dabei«, sagte ich, an Kellan gewandt. Der Augur grinste.
»Wann findet der Kampf statt?«
»In zwei Stunden.«
»Ich werde da sein.« Ohne einen der Männer eines weiteren Blickes zu würdigen, stürmte ich aus dem Raum. Zwei Stunden. Die würde ich auch noch irgendwie rumbekommen.
Zähneknirschend sah ich ihr nach. Der kleineren, kurvigen Mei mit den blonden Haaren. Das Feuer war da. Ebenso ihre Stärke und die Sturheit. Dennoch bevorzugte ich sie drahtig und mit blau-schwarzen Haaren.
»Sag mir, dass der Arc sicher ist«, bat ich Kellan leise.
»Er ist sicher.«
Ich begegnete seinem Blick. »Der dunkle Stern wird durchsucht.« Es war keine Frage. Er nickte.
»Es war unvermeidlich, dass sie auch hier nach euch suchen werden. Wenn ihr die Arcs aktiviert lasst, wird niemand euch enttarnen. Minu und Paz manipulieren die Linien. Selbst Auguren mit dem Talent, Arcs und andere Kraftlinienobjekte zu erkennen, können euch nicht spüren.« Er machte eine Handbewegung und wies in den Raum. »Innerhalb dieser Wände seid ihr so oder so sicher. Niemand außer uns kommt rein oder raus.« Und sein Personal war zu einhundert Prozent loyal. Davon hatten wir uns bereits überzeugen können. Kellan nannte die zwei Frauen und drei Männer, die für ihn arbeiteten, seine »Spione«. Sie wussten von seinem Drachen und er hatte keinen Hehl daraus gemacht, wer wir waren und weshalb wir unter Kellans Schutz standen. Im ersten Moment war ich erstaunt gewesen, aber die Auguren hatten nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Am zweiten Abend hatte ich ein Gespräch zwischen Mei und einer der Frauen mitbekommen. Mei, ganz die Wächterin, hatte sie regelrecht ins Kreuzverhör genommen. Die Frau war freundlich geblieben und hatte ihr erklärt, dass sie Kellan ihr Leben verdankte und alles für ihn tun würde. Es war mir ebenfalls schwergefallen, zu vertrauen, aber jetzt, nach ein paar Tagen, fühlte ich mich angekommen.
»Ich halte es für keine gute Idee, dass sie kämpft.«
Kellan lachte und trat zu mir in den Raum. »Ich hingegen halte es für eine ganz hervorragende Idee. Falls es dir nicht aufgefallen ist, Rabe, deine Frau steht unter enormem Druck. Ich gebe ihr noch einen Tag, bis sie von sich aus den Kampf sucht. Sie sollte etwas Dampf ablassen. Und so geschieht es wenigstens in einem kontrollierten Umfeld.«
Meine Frau. Seufzend schloss ich die Augen für einen Moment.
Fuck.
