Tief Verborgen - Pia Schenk - E-Book

Tief Verborgen E-Book

Pia Schenk

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Beschreibung

Eine tolle Mischung aus spannender Familiengeschichte & surrealer Räuberpistole. Kaum zieht Emma in ihre neue Wohnung ein, holt sie das Geheimnis mit voller Wucht wieder ein. Rot, die Hände voller Blut. Es trocknet bereits, dringt tief in die Haut ein. Das Gesicht? Sie kann es einfach nicht erkennen. Emma, aufgewachsen im Swan Valley, lebt seit Kurzem in München und studiert Architektur. Im Laufe dieses Sommers durchlebt sie plötzlich ungewöhnliche und gefährliche Situationen. Menschen kommen zu Tode, Missverständnisse bereiten Kummer, Kehrtwendungen bringen Ungewissheit. Zur Klärung begibt sie sich auf die Reise in die Vergangenheit. Immer auf der Suche, stets begleitet von Menschen, die sie lieben. Sie spürt, dass in ihrem Leben etwas nicht stimmt und möchte das Geheimnis lösen. Emma wird von einem Albtraum verfolgt ... Emma verliebt sich in Daniele, aber ... Emma begibt sich auf die Reise und trifft ... Irgendetwas stimmt nicht, denn ...

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Pia Schenk

Tief Verborgen

Eine Familie - Ein Geheimnis

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Im Morgengrauen

Kapitel 1 Swan Valley I

Kapitel 2 Daniele!

Kapitel 3 Swan Valley II

Kapitel 4 Im Wandel/München

Kapitel 5 Das Haus am See I

Kapitel 6 Südafrika

Kapitel 7 Das Haus am See II

Kapitel 8 Philosophenweg

Kapitel 9 Nr.9

Kapitel 10 Im „Hecht“

Kapitel 11 Die Sicht der Dinge

Kapitel 12 „Durchzug“

Kapitel 13 „Florenz!“

Kapitel 14 „Zurück“

Kapitel 15 Ringsum

Kapitel 16 Dämmerung

Kapitel 17 K 12

Kapitel 18 Meine Mansarde

Kapitel 19 „W“ wie Wunder(n)

Kapitel 20 Sonn‘ Tag

Kapitel 21 Paariiiiis!

Kapitel 22 „Wieder, zurück.“

Kapitel 23 Großvater Paul

Kapitel 24 U S B

Personenverzeichnis:

Ein aufrichtiger Dank geht an:

Alle Titel von Pia Schenk alias Ann Ekdote

Impressum neobooks

Im Morgengrauen

Wahnsinnige Schmerzen toben in meinem Kopf, er wird zu schwer für meinen Hals, scheint sich auszuweiten. Ein tief eindringendes, kraftvolles Pochen und Dröhnen, nicht enden wollenden Paukenschlägen gleich. Weiter, weiter, immer weiter, ohne Einhalt bis hin zur Übelkeit. Bitterer Geschmack schießt in meinen Mund, füllt ihn aus. Die hämmernden Qualen lassen nicht nach, sie bleiben. Es ist ganz so, als ob etwas Unbesiegbares in mir gefangen wäre.

Ich liege im Dunklen, weiß nicht wo. Kann mich kaum bewegen, meinen Körper nicht wirklich spüren. Mit Mühe hebe ich den rechten Arm an und führe die Hand zum Kopf. Gleichzeitig drehe ich mich langsam aus der Rückenlage auf die linke Seite und ziehe die Beine instinktiv an. Meine Finger tasten rau über mein Gesicht, wissen nicht, was sie suchen. Für einen kurzen Moment verweilen sie schützend an der rechten Schläfe. Sie sind ungewohnt taub und doch irgendwie feucht, verschaffen keine Erleichterung.

Mein Mund ist plötzlich trocken, die Zunge wie angeschwollen. Es ist stickig und meine Hände fühlen sich jetzt seltsam klebrig an. Ich führe beide auf Augenhöhe und richte meinen Blick auf sie. Unwillig - habe kein gutes Gefühl. Sie sind schmutzig, rissig, schmierig. Ich betrachte sie genauer und alles, was ich sehe, ist rot. Meine Hände sind dunkelrot, rot - wie Blut. Von einer dicken Schicht bedeckt, es ist bereits geronnen und die Haut beginnt zu spannen. Ich verspüre Ekel und Juckreiz. Unbeirrt sinkt das Blut weiter, wird von den Poren geradezu aufgesogen und ein süßlicher, verdorbener Gestank findet ohne Gegenwehr seinen direkten Weg in meine Lungen.

„Aufsetzen und gehen“, verlangt mein Gehirn, schlägt Alarm.

Eine Tür.

Der Weg vom Bett zur Tür scheint nicht weit. Das Ziel fest im Blick behaltend richte ich mich auf. Mein Körper gehorcht mir nur zögerlich. Warum nur? Ich will doch hier weg, raus aus der Düsterkeit, ins Helle, nach Hilfe rufen, lärmen, mich bemerkbar machen.

Wankend komme ich der Tür näher, spare meine ganze Kraft, um zu brüllen. Ich bin schwach und mir ist schwindelig. Und doch reiße ich den Mund weit auf und kreische so laut ich kann. Meine Lippen bewegen sich heftig, aber kein Ton will aus meinem Mund kommen. Kein Laut.

Nichts bewegt sich, kein Geräusch durchbricht die absolute Stille. Es ist noch immer dunkel und ich beginne zu frieren. Ein Luftzug, ein starker eiskalter Strom, ich fühle etwas auf mich zukommen. Stechend scharf trifft die Kühle meine Haut, schmiegt sich böse und unaufhaltsam an meine Schulter. Zeigt mir so, aus welcher Richtung sie kommt.

Ich wende meinen Kopf und erkenne eine weitere Tür. Sie steht offen. Am hölzernen Türrahmen lehnt eine durch und durch dunkle Gestalt, nahezu die gesamte Öffnung ausfüllend. Ihr Umriss ist gut erkennbar, scharf, wie gezeichnet - einem Scherenschnitt gleich. Die dafür verantwortliche, grelle Lichtquelle dahinter blendet mich.

Wie gerufen und ohne jede Hast schreitet der Schatten in meine Richtung, wird größer und größer. Seine Schuhe verursachen ein unangenehm knirschendes Geräusch auf dem alten Steinfußboden.

„Nein, nicht, lass mich! “, ich bitte und flehe, ich weine.

Hände kommen auf mich zu, versuchen nach mir zu greifen, verringern den Abstand deutlich. Zu nah!

„Nein, nicht anfassen!“

Ich habe jetzt solche Angst. Schlimme, schlimme Angst. Angst, Angst, Angst. Eine, die Bewegungen verhindert, blockiert. Der Schreck sitzt fest in meinen Gliedern und macht sie starr. Ich möchte so gerne rennen, aber ich kann nicht, stehe noch immer auf dem gleichen Fleck.

Die Kontrolle. Ich habe keine Kontrolle mehr über mich selbst - habe sie verloren. Ich bin außer mir. So hilflos.

Stillstand, Dunkelheit, pures Schwarz.

Abrupt senkt sich Traurigkeit wie endgültig über mich. Einen Augenblick lang bin ich frei jeder Wahrnehmung. Frei und leicht.

Aber dann, dann spüre ich sie in mir aufsteigen, sie ist überall, ich kann sie förmlich sehen – die Ausweglosigkeit. Wie ein Strudel nimmt sie mich gefangen, reißt mich mit und ein Schrei, ganz tief von innen kommend, lässt meinen Körper vibrieren.

Ein Schrei voller Hoffnungslosigkeit dringt nach außen. Gellend und laut flieht er in den Raum, wird von den Wänden abgewiesen und dringt zurück in mein Ohr. Jäh beendet er alles und ich wache, ihn noch aushauchend, wieder auf.

Atmen! Ich muss tief einatmen, durch die Nase, durch den Mund, Luft holen, die Lungen füllen. Ich muss mich beruhigen. Einatmen, ausatmen.

Es war ein Traum, ich habe das alles nur geträumt, intensiv. Immer kommt er wieder, so verdammt real und raubt mir alle Kraft, wieder und wieder, der gleiche Traum. Kannte ich diesen düsteren Ort etwa? Das Gesicht, sein Gesicht, so sehr ich mich bemühe, ich schaffe es einfach nicht ihn zu erkennen und das viele Blut.

Aber jetzt bin ich wach! Ich bin zu Hause und komme langsam der Gegenwart entgegen. Was ruft nur eine solche Angst in mir hervor? Ein ewiges Fragespiel ohne Antworten. Mir ist vorerst nicht mehr zum Denken zumute.

Dieser Schlaf hatte mir keine Erholung gebracht und ich hatte Bedenken mich wieder hinzulegen. Manchmal träumt man ja dort weiter, wo man aufgehört hatte. Ich wusste nicht, ob ich das wollte, weiterträumen. Die Trennung zwischen nächtlicher Projektion und täglicher Realität schien sich zuweilen sanft aufzulösen. Sie begannen sich gegenseitig zu beeinflussen, gingen ineinander über. Die gefühlte Intensität des Traumgeschehens verwirrte mich, berührte mein Inneres, tief drinnen tat es weh. Alles wirkte so „wahr“, so tatsächlich, so echt. Eine Erinnerung? Bleibt aus, fehlt.

Bereits als Kind schreckte ich mit diesen Visionen aus dem Schlaf. Meine besorgten Eltern brachten mich zu Ärzten und Psychologen, um die nächtliche Ruhe wieder herzustellen. Trotz aller Gespräche und Analysen blieben sie mir erhalten, machten sich allerdings rar mit den Jahren.

Aber jetzt bin ich froh zu Hause zu sein, ich fühle mich gerne zu Hause. Meine Augen fallen auf vieles, was mir gefällt, was ich gut zu kennen glaube. Allseits von Dingen umgeben, die nur mir etwas bedeuten, mit denen mich eine Geschichte verbindet, die mir Geborgenheit vermitteln.

Die ersten Sonnenstrahlen treffen zaghaft auf der weitläufigen Dachterrasse ein, locken mich nach draußen. Einfach die Frühe genießen, die Frische des Morgens. Der Tag bricht gerade erst an und unter meinen nackten Füssen spüre ich das erfrischende Nass des Morgentaus, der den gefliesten Boden bedeckt. Schutzsuchend lehne ich mich an das Geländer und lasse meinen Blick wandern. Von Dach zu Dach, über die hohen Bäume hinweg bis zu den bauchigen Türmen der Frauenkirche, im Herzen Münchens.

Meine Tasche für das kommende Wochenende am See hatte ich bereits gepackt. Ich musste mich nur noch sammeln und anziehen. Das klang einfacher, als es war.

Würde es denn immer so weitergehen? Würde es denn nie aufhören? Konnte er nicht einfach weggehen, dorthin woher er gekommen war, der Traum.

Ich holte so tief ich konnte Luft und schmetterte dem Traum und der Welt ein lautes „NEIN“ entgegen.

Das „NEIN“ tat mir gut. Ich sollte öfter mal „NEIN“ sagen!

Aber eigentlich wusste ich genau, - er würde nicht weggehen, einfach so. Irgendetwas mit mir, in meinem Leben stimmte nicht und brachte mich aus dem Gleichgewicht. Das glaubte ich verstanden zu haben und das musste ich jetzt endlich herausfinden.

Da mir das Stehen im warmen Morgengrauen vorerst auch nicht weiter half, drehte ich mich um und ging zurück in meine Wohnung.

Der Druck in meinem Kopf nahm wieder zu.

Ich verspürte Müdigkeit, Durst und den Wunsch meine Hände zu waschen, - so lange zu waschen, bis sie sauber waren und nur noch klares Wasser an ihnen hinab rann.

Kapitel 1 Swan Valley I

Kaum war ich geboren, entschieden sich meine Eltern aus ihrer gewohnten Welt auszubrechen, um weit weg, auf der südlichen Halbkugel, eine neue Existenz aufzubauen.

Das spurlose Verschwinden meines Großvaters Paul, zehn Jahre zuvor in Südafrika, sowie der plötzliche Unfalltod meiner Großmutter Lena gaben ihnen das nötige Startkapital dazu.

Vor ihrer endgültigen Abreise mussten sie jedoch noch zwei schwere Hürden nehmen. Zum einen war da die legale Todeserklärung meines Großvaters, welche offiziell erst nach Ablauf der zehnjährigen „Wartefrist“ erfolgen konnte. Und zum anderen schmerzte die Beteiligten, der darauf folgende bürokratische Vorgang der Erbteilung, - ein oft so kläglicher Versuch, auf rein rationale Art, die Quintessenz zweier Leben zu teilen. Schwer wog hier besonders, dass eine Entscheidung über den Verbleib des elterlichen Vermächtnisses gefällt werden musste. Aber da auch der Bruder meiner Mutter keinerlei Interesse an der Weiterführung des Familienunternehmens zeigte, wurde der Verkauf, in geschwisterlicher Übereinstimmung und erstaunlich lukrativ, abgewickelt. Die Obstplantage, die dazugehörigen Fabriken, der Weinberg, das elterliche Haus am Bodensee und alle damit verbundenen Erinnerungen existierten fortan nur noch in ihren Gedanken.

Meine Mutter Carolin litt sehr unter dem Verlust ihrer Eltern, hatte aber - dank der neuen Zukunftsperspektive – wenig Zeit, sich ihrem Kummer hinzugeben.

Meine Eltern einte eine tiefe Verbundenheit zur Natur. Es war ihr lang gehegter Wunsch, gemeinsam ein Weingut aufzubauen. Vor der Hochzeit arbeitete mein Vater Nicholas als Bauingenieur beim Straßen- und Brückenbau, vor allem in Westaustralien. Er fühlte sich auf der anderen Seite der Welt sofort wie zu Hause. All seine freie Zeit verbrachte er damit, die abwechslungsreiche Landschaft um Perth auszukundschaften und das mediterrane Klima zu genießen.

So kam er schließlich auch ins „Swan River Valley“, der Name versprach ihm Mystisches. Der Schwanenfluss fließt vom Walyunga Nationalpark aus, auf seinem Weg zum Indischen Ozean, durch das Swan Valley, Perth, Guiltford und Fremantle. Den Namen erhielt der Strom von den schwarzen Schwänen, welche sich längs der Ufer niedergelassen hatten. Dorthin wollte er gehen und dorthin begaben sich nun beide einem ungewissen Glück entgegen.

Mich ließen sie zunächst zurück im Hause meines Onkels Patrick - dem Bruder meiner Mutter, der mit seiner Frau Sarah und ihrem gemeinsam Sohn Jonah am Starnberger See lebte. Sobald wie möglich wollten sie mich nachkommen lassen.

Meine Eltern erstanden gemeinsam ein bereits bestehendes Gut am Oberlauf des Swan Rivers, etwa 25 km weit von der Stadt Perth entfernt. Von der stark befahrenen Hauptstraße abgehend, begleitete eine geschwungene Privatallee, mit unzähligen, weißen Oleanderbüschen, den Besucher zum ebenfalls weißen, weit abgelegenen Wohnhaus.

Im typisch viktorianischen Baustil erbaut, bot es uns Kindern später ausreichend Unterschlupf und reichlich Möglichkeit unsere Fantasie zu entwickeln. Man musste nur wenige Stufen auf einer breiten Treppe nach oben steigen, um auf die rund um das Haus laufende, überdachte Holzterrasse zu gelangen. Auf diesem Niveau lagen der Hauseingang, die Küche sowie der Wohn- und Essbereich. Den zweiten Stock, ausschließlich Schlafdomäne, zeichneten Giebel, Erker und zwei Türme aus, gaben der Idylle etwas Erlauchtes.

In gebührendem Abstand wuchsen zur rechten Seite ein gewaltiger Eukalyptusbaum und eine Goldakazie, die nur zu gerne blühte. Ringsum erstreckte sich die Weinbepflanzung, die Hügel bedeckend.

Gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn nach einer rückläufigen Phase in den 60er Jahren, begann die Weinproduktion in Australien wieder zu florieren.

Das noch unbekannte Land, die fremden Menschen und die neue Sprache waren für beide eine große Herausforderung. Und sicher haben sie mir nicht alles wahrheitsgetreu erzählt, aber durch ihren schon fast starren Glauben an die Sache kamen sie voran.

Das Swan River Valley galt als Wiege des Weinanbaus in Westaustralien. Die Gegend verfügte daher über ein ausreichendes Angebot an Personen mit Fachwissen und somit hatten meine Eltern wenig Sorge damit, Unterstützung zu finden. Carolin, aus einem Agrarbetrieb stammend, hatte Erfahrung und Gespür im Umgang mit Pflanzen und so übernahm sie die Kultivierung der Reben, Shiraz und Sauvignon. Nach der Ernte betreuten sie gemeinsam den Herstellungsprozess, bis hin zur Abfüllung. Carolin war für ihre Kreativität und Nicholas für seine Leichtigkeit, dies in Reichtum zu verwandeln, bekannt.

Nach doch fast vier Jahren holten sie mich dann endlich zu sich nach Hause. Ich gewöhnte mich schnell an die neue Umgebung, die Erinnerung scheint in diesem Alter gerne zu verblassen. Allerdings war diese neue, intensive Dreisamkeit nur von kurzer Dauer, - vielleicht zu kurz. Denn schon bald nach meiner Ankunft kündigte sich die meiner Geschwister an. So wurden sie also direkt in dieses schöne Leben hineingeboren und wir wuchsen gemeinsam inmitten grüner Reben und schwarzer Schwäne auf.

Von Beginn an versuchten mir meine Eltern begreiflich zu machen, dass meine späte Ankunft im Swan Valley eine Unumgänglichkeit gewesen sei. Ein Verzicht für sie und für mich, zugunsten einer aussichtsreicheren Zukunft. Sie wollten, dass es mir an nichts fehle, im ersten Lebensjahr. Sie meinten, dass der Anfang hier in Australien, für mich als Baby, zu anstrengend gewesen wäre. Zumal sie auch kaum Zeit übrig gehabt hätten.

Eigentlich hatten sie nur ein Jahr warten wollen, aber dann waren es doch vier geworden. Sie waren sicher, dass dies an sich nichts Ungewöhnliches sei. Ganz im Gegenteil waren sie davon überzeugt, dass ich bei Sarah, Patrick und Jonah hervorragend aufgehoben gewesen war. Dass ich schließlich erst mit vier Jahren ankam und bald danach noch die Zwillinge, Tim und Maximiliane, geboren wurden, war nicht beabsichtigt sondern einfach so gekommen.

Meine Eltern versuchten uns Geschwister ebenbürtig zu behandeln, aber wir wollten so gar nicht übereinstimmen. Die drei gilt als besondere Zahl, als perfekt - in der Mythologie, den Naturwissenschaften, der Religion, der Musik. Aber in unserem Falle gelang es mir lediglich, diese Magie infrage zu stellen. Das Verhalten meiner Mutter mir gegenüber beruhte in der Hauptsache auf ihrem schlechten Gewissen. Nicht, dass sie mich nicht liebte - nein. Aber sie zwang mich zu sehr, sie in ihrer Rolle anzuerkennen und zu akzeptieren. In Maximiliane hingegen, auch Lilly genannt, erkannte sie ihr Spiegelbild. Und was sie sah, fand ihren Gefallen.

Sie hielt uns Kinder gerne wie Fäden in der Hand und zog mit Geschick, den einen hierhin und den anderen dorthin. Um mit einem Hauch von Intrige schließlich immer ihren Willen durchzusetzen.

Mein Vater hingegen hatte wenig Zeit sich zu kümmern undoffen gesagtkümmerte ihn das alles reichlich wenig. Für ihn war es wesentlich und ausschlaggebend eine Familie zu haben, und Unstimmigkeiten waren keine Probleme, sondern Würze. Einen männlichen Erben hatte er auch aufzuweisen und somit würde der Name, die Familie weiter Bestand haben.

Seine Arbeit war seine ganze Leidenschaft und er ging vollkommen in ihr auf. Nur dann und wann - ließ er von ihr ab. Um Alltagsflucht zu betreiben, einfach so, spontan, wenn auch leider nur sehr sporadisch. Wer ihm in diesem seltenen Moment über den Weg lief, war chancenlos mit von der Partie. Nachtwanderung bei Neumond, Cross-Golf im Weinberg, Ballonfahrt über Perth, zu allem und zu jedem "Ja" sagen, Krabbenwettessen, Beach Kricket, Mitternachtspicknick mit Lagerfeuer, Kinotriathlon, Kamelritt am Strand … Da ich nie genau wusste, wann es soweit war, trieb ich mich gerne in seiner Nähe herum. „Flüchten“ mit meinem Vater konnte nämlich ganz schönschönsein.

Tim hatte eine, von der Natur bedingte, besondere Beziehung zu seiner Zwillingsschwester und war ein ausgesprochen zurückhaltender, in sich ruhender Junge. Nur reizen durfte man ihn nicht, denn dann kam seine ungeheuer aggressive Veranlagung zum Vorschein. Zur Enthüllung dieser, musste man allerdings einen gewissen Aufwand betreiben und sich dann allerdings am besten verstecken.

Lilly, als Gegenstück, gefiel es zu gefallen und pflegte keine Distanzen. Sie verfügte über eine ausgeprägte emotionale Intelligenz, welche sie vorzüglich zur Manipulation anderer einsetzte. Wir beide unternahmen nur selten etwas zu zweit. Unsere Ausflüge glichen dann allerdings auch eher einem Wettstreit, als einem gemeinsamen Abenteuer und wir beendeten sie gerne schmutzig, sowie hier und da lädiert.

Geradezu eingebrannt hat sich die Erinnerung an unsere letzte Mutprobe; dem Ersteigen eines schräg gewachsenen Baumes, welcher weit über ein munteres Bachbett ragte. Infolge eines Unwetters halb entwurzelt und brüchig, fristete er sein Dasein, in dem er sich immer mehr in Richtung Wasser neigte. Lilly stieg zuerst nach oben, den Wipfel fest im Auge. Ich folgte, hielt mich weiter rechts und brach sofort mit einem gewaltigen Ast ins Wasser. Zu Hause angekommen wurde ich, nass und mit blauen Flecken, für mein Benehmen gerügt, während Lilly, vor Tapferkeit glänzend und total trocken, Bewunderung erntete.

Nicht nur deswegen, aber vielleicht auch weil ich den entspannten Umgang mit meinem Cousin Jonah gewohnt war, fühlte ich mich eher zu Tim hingezogen. Wir beide verbrachten gerne und viel Zeit draußen, ohne zu reden, nur um zu beobachten. Tim entwickelte mit den Jahren ein wahres „Auge“, zeichnete, malte und fotografierte. Während ich mich, außer der Ästhetik, gerne der Konstruktion widmete, wie z. B. ein Baumhaus mit Waldmöbeln zu bauen.

Mit der Zeit wuchsen wir dann doch alle zusammen und jeder suchte sich den Platz, der ihm am besten passte. Ein leicht pendelndes Gleichgewicht hatte sich gefunden.

Der Besucherstrom auf unserem Gut floss ohne Unterbrechung. Ob nun Freunde, Angestellte, Käufer, Lieferanten, Künstler oder Reisende, alle kamen gerne und wieder. Meine Eltern liebten diesen Trubel, der sie mit Energie zu versorgen schien. Und wer dann doch den Wunsch hegte, gelegentlich einmal auszubrechen, fand in der Gegend rund um Perth nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten.

All das machte mein Leben abwechslungsreich und anregend. Aber nichts und niemand konnte die tiefe Zuneigung, die ich von Sarah erhalten hatte, ersetzen. Manchmal träumte ich sogar von ihr und nur dann war ich fast glücklich.

Dass sie nicht mehr lebte, erfuhr ich nicht unmittelbar nach ihrem Tode, sondern erst viel später. Eines Morgens, während ihres täglichen Schwimmtrainings, soll sie im Starnberger See ertrunken sein. Ein tragischer Unfall. Sie nie wieder sehen zu können verunsicherte mich sehr und ich beschloss, nie wieder von ganzem Herzen zu empfinden.

Diese innere Überzeugung verteidigte ich lange erfolgreich und mit Resistenz. Das in der Liebe aufregende Wechselspiel von Melancholie und Euphorie fand in mir keinen Partner.

Daniele kannte ich da noch nicht, aber mit ihm sollte sich alles für mich ändern.

Mit einer Leichtigkeit setzte er sich über meine Vorsicht hinweg, rannte meine Klippen hinauf und Schranken hinunter. Er versetzte mich in einen, für mich exotischen, unkontrollierbaren Gefühlsstatus, den ich erst näher kennenlernen musste. Als ich gelernt hatte besser damit umzugehen, wurde mir dennoch schnell klar, dass sich eine gewisse Abhängigkeit eingeschlichen hatte.

Meine Geschwister Tim und Lilly teilten sich ihre große Liebe zu diesem Land und ich, Emma, liebte nur Daniele.

„Es gibt nur noch zwei Zeiten für dich“, meinte Tim, „m.D. oder o.D.“

Mit Daniele oder ohne Daniele. War er nicht da, fehlte mir mehr als die Hälfte, nur in seiner Anwesenheit fühlte ich mich ausgefüllt. Mein vorheriges Leben trat in den Hintergrund und ich sah meine Gegenwart und Zukunft nur mit ihm. Ich war mir so sicher und riskierte, Menschen dafür vor den Kopf zu stoßen.

Mein Vater beurteilte diese Situation ganz genau und daher auch seine Intention, mich zum Studium nach Deutschland zu schicken. Es sollte nur für ein Jahr sein.

„Was sind denn schon zwei Semester mein Schatz“, meinte mein Vater. „Patrick und Jonah freuen sich sehr auf dich. Wir haben doch immer schon darüber gesprochen.“

Ich versuchte mich herauszuwinden, aber in diesem Falle blieb er unempfindlich. Nicht wegen Daniele oder dessen Familie, sondern aufgrund der Tatsache, dass ich mich verändert hatte - weg von der Eigenständigkeit. Er wollte verhindern, dass ich meine Persönlichkeit auflöste, mich zu sehr anpasste.

Er wollte mir helfen.

Das ging nun wirklich schwer in meinen Kopf.

Ich konnte meinen Vater nicht verstehen und wollte dies auch nicht.

Seine Argumentation traf meinen Kopf hart, prallte aber ab. Ehrlich gesagt nahm ich ihm die Beschreibung meines neuen „Seins“ übel und war beleidigt - fast schon aufgebracht.

Gegen die Entscheidung meines Vaters konnte ich allerdings nichts mehr tun, da er meinen Onkel in München bereits informiert hatte. Sehr geschickt!

Aber, - ich konnte ihm im Gegenzug ein Schnippchen schlagen. Ja, das konnte ich! Ich beschloss, mit Daniele eine Alternativstrategie auszuarbeiten. Auch er sollte nach Europa reisen, nach Florenz.

Geheim, geheim.

Kapitel 2 Daniele!

Sein dunkelblondes Haar war immer leicht zerzaust, was auf eine gewisse Dynamik schließen ließ. Seine Augen waren hell und blau, was ihm Frische verlieh. Sein Körper verströmte Lebenskraft im Überfluss, seine Bewegungen aber waren behutsam, fast vorsichtig. Sein Blick stand niemals still, fragte neugierig. Die energisch geschwungenen, nach oben gerichteten Mundwinkel verliehen seinem Gesicht einen stets lächelnden Ausdruck.

Daniele!

Er war der Sohn unserer Nachbarn, italienischer und zugleich zweifelhafter Herkunft. Sie waren ausgesprochen wohlsituiert und vergrößerten ihr Gut kontinuierlich. Natürlich hatten sie meinem Vater auch etliche Angebote gemacht, welche er immer und bestimmt ablehnte. „So viel Geld kann auch der cleverste Geschäftsmann nicht mit Wein verdienen“, meinte mein Vater und so hatten alle bezüglich der Herkunft des Geldes eine Vermutung.

Als ich etwa 14 Jahre alt war, kauften seine Eltern das Nachbargut auf. Zwei Jahre lang verhinderten die großen Entfernungen jedes auch nur zufällige Treffen. Unsere Familien duldeten sich, wollten aber nicht über eine unvermeidbare Bekanntschaft hinausgehen.

Zur High-School wurden wir beide auf ein renommiertes College in Perth geschickt, wobei wir diese Gemeinsamkeit erst feststellten, als wir uns - auf dem Weg dorthin - im Bus zum ersten Male wirklich trafen.

Zunächst hatte ich ihn nicht bemerkt, da ich mit geschlossenen Augen vor mich hin träumte. Das tat ich gerne und vor allem, um nicht gestört zu werden. Das Schuljahr hatte bereits seit einer Woche begonnen. Den Platz neben mir hielt ich, für eine meiner Freundinnen, mit meiner Tasche besetzt. Als diese dann hochgehoben und der Platz selbstverständlich eingenommen wurde, stellte sich bei mir bereits die Vorfreude auf das kommende Gespräch ein. Vielleicht hätte ich zuerst die Augen öffnen sollen, um mich besser wappnen zu können.

„Ich hoffe du bist nicht zu sehr enttäuscht?“, sagte er fragend auf meinen Gesichtsausdruck hin. „Ich bin Daniele und du bist Emma, richtig?“

Mit einer, ihm sehr eigenen Unverfrorenheit verwickelte mich Daniele in ein dauerndes, „monolog-lastiges“ Gespräch, während ich vor Aufregung in der Hauptsache leider nur wie ein Fisch nach Luft schnappte, was er wiederum überhaupt nicht zu bemerken schien. Gemeinsam mit seiner Familie war er gerade erst von einer Italienreise zurückgekehrt und berichtete mir auf amüsante Art davon. Seine bunte Art zu erzählen war mir neu, aber wirklich getroffen hat mich seine Stimme, die tief in mir etwas ins Gleichgewicht brachte. Die ungewollte, körperliche Nähe im Bus empfand ich als beruhigend und aufregend zugleich. Ich war mir der leichten Verunsicherung sofort gewiss, genoss diesen Moment und hoffte er würde nicht zu schnell vergehen.

Von diesem Zeitpunkt an trafen wir uns häufig. Auf der Fahrt nach Perth und zurück ins Valley, in den Pausen und beim Sport. Wir spielten leidenschaftlich gerne Tennis und wurden aufgrund unserer jeweiligen Bravour in die Schulmannschaft aufgenommen. Die regelmäßigen Turniere besuchte ich dann mit großem Eifer, welcher bereits Argwohn bei meiner Mutter auslöste.

Ich hatte mich verliebt. Wir hatten uns verliebt.

Anfänglich, und noch ein bisschen länger, lebten wir diese Liebe heimlich, nur für uns und ließen unsere Eltern und Geschwister nicht daran teilhaben. Irgendwann wurde uns beiden klar, dass dieses Gefühl tief, echt und nicht des Versteckspiels würdig war.

Daniele drängte darauf, mich seinen Eltern vorzustellen.

Die Ähnlichkeit mit seiner Mutter war verblüffend und ich merkte schnell, dass zwischen ihnen eine komplizenhafte Einigkeit bestand. Da sein Vater als Kapitän oft auf Reisen war, kümmerte sich seine Mutter zu Hause um die Familie und das Geschäft. Ich denke nicht, dass sie uns sehr ernst nahmen, aber ich für mich wusste, dass Daniele die Liebe meines Lebens war.

Dank meiner Schwester Lilly, war unsere Beziehung in meiner Familie bald ebenfalls kein Geheimnis mehr. Natürlich wurde Daniele freundlich empfangen, aber meine Eltern zeigten sich mir gegenüber enttäuscht, da ich ihnen gegenüber solange geschwiegen hatte.

„Oh Emma, - es ist mir nur rausgerutscht, wirklich, ich wollte nichts verraten”, entschuldigte sich Lilly.

Mein ohnehin schon angeschlagenes Vertrauen zu ihr bekam einen weiteren Riss, da ich ihr einfach nicht glauben wollte. Lilly hegte für Daniele eine beachtliche Sympathie und das machte mich latent eifersüchtig.

„Macht nichts, ganz ehrlich, eigentlich hast du mir eher geholfen.“ Den kleinen Erfolg über mich versuchte ich, so ein wenig zu schmälern. Lieber hätte ich allerdings die Entschuldigung abgelehnt, sie im Gegenzug kleingebrüllt, zweimal gegen ihr Schienbein getreten und sie dann einfach stehen lassen. Aber das entsprach nicht meinem Charakter, leider.

Etwas schwerer wog das Gefühlschaos, das diese Offenbarung hinter sich herzog. Meine Mutter grämte sich, weil ich ihr nicht vertraut hatte, mein Vater war ungehalten, da ich seiner Kontrolle entglitt, Lilly sehr erfreut, da sie Daniele nun oft sehen würde und Tim hielt sich wie immer aus allem raus. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich nicht ehrlich gewesen war und weil ich daran nichts mehr ändern konnte.

Für eine Weile fehlte mir jeglicher Weitblick und ich musste jede Menge Mut aufbringen, meine Position aufrechtzuerhalten.

Wie so oft glätten sich die Wogen mit der Zeit und wurden dann fast zu glatt. Besonders meine Mutter, ganz zu schweigen von meiner Schwester, entwickelte geradezu ein Faible für Daniele.

Meine Idee, dieses Auslandsjahr mehr oder weniger gemeinsam zu bestreiten, galt auch eben dieser Glätte, auf welcher ich auf keinen Fall ausrutschen wollte.

Daniele plante, in Florenz Önologie zu studieren. Seine Eltern fanden diese Aussicht mehr als grandios und organisierten ihm einen Aufenthalt bei Freunden, welche ebenfalls ein Weingut bewirtschafteten.

Wir stellten uns das ungeheuer romantisch vor und wollten uns so oft wie möglich besuchen kommen. Das aber war vorerst unser Geheimnis und gut behütet - dachte ich.

Kapitel 3 Swan Valley II

Scheiden tut schrecklich weh, auch wenn es nur ein Abschied auf Zeit und mit Wiedersehen sein sollte. Besonders die Zeit unmittelbar vor der Abreise rinnt geschwind abwärts, wie ein Gebirgsbach, vergeht mit jeder Stunde schneller. Angeschwollen von Versprechen, Schwüren, Wenn und Aber.

Zum Jahresende schloss ich die High-School in Perth endgültig ab. Erleichtert, erwachsen und voller Elan fühlte ich mich so manches Mal doch leer. Neuanfänge sind aufregend und anstrengend, anregend und wenig vorhersehbar.

Ab kommendem April würde ich in München sein und die Zeit bis zum Studienbeginn zunächst mit einem Praktikum, in einem kleinen Architekturbüro, überbrücken. Zum Wintersemester, also ab Oktober, sollte ich dann endlich meinen Studienplatz einnehmen. Somit lagen jetzt noch ganze drei freie Monate vor mir, also genügend Möglichkeit Unvergessliches zu begehen. Mit wem?

Der Jahreswechsel stand im Swan Valley für Sommerzeit, Weihnachten und Urlaub. Denn im Anschluss, zwischen Ende Januar und April, fand die Weinlese statt, eine intensive Zeit für unsere Familien.

Daniele und ich hatten vor, gemeinsam ein paar Tage mit dem Auto wegzufahren, die Korallenküste entlang bis Monkey Mia. Ich konnte es kaum abwarten, unser erster „offizieller“ Urlaub. Meinen Vater redete ich deswegen fast um den Verstand, sonst hätte er wohl kaum sein Einverständnis gegeben. Eine Budgetaufbesserung seinerseits gab es jedoch nicht, so klar konnte er dann schon wieder denken.

Ohne Vorausplanung, Hotel und Luxus, dafür aber mit Zelt, Schlafsack und ganz alleine die Zweisamkeit genießen.

Im letzten Moment, besser gesagt, im allerletzten Moment wurden wir jedoch gezwungen unsere Reisepläne zu opfern, aufgrund einer unaufschiebbaren, beruflich bedingten Reise seines Vaters.Danieles Anwesenheit war somit für seine Mutter wieder einmal wesentlich und vonnöten. Eine betrübliche Enttäuschung für mich, für uns, - ganz und gar unwillkommen!

Wenn Dinge unverhofft ins Schleudern geraten, verselbstständigt sich oft der Effekt und springt über. Auf keinen Fall wollte ich unser (geheimes) Vorhaben in Gefahr bringen.

„Daniele, was macht deine Einschreibung an der Uni in Florenz?“

„Ich habe noch keine Antwort erhalten.“

„Hast du denn einmal nachgefragt, ob deine Unterlagen angekommen sind?“

„Nein, hör mal, das ist jetzt wirklich übertrieben. Lass nur, ich erledige das schon. Mein Vater legt nächsten Monat wieder in Genua an und wird, wenn es sein muss, für mich nach Florenz fahren.“

„Ok, ok ich habe verstanden, du kümmerst dich bestens um alles. Weißt du, ich hatte meinen Cousin vor Ort, in München und der hat alles für mich geregelt. Deswegen …! Was machen wir heute?“

„Lust auf Meer?“

„Immer. Was meinst du, nehmen wir zur Abwechslung mal meine Geschwister mit?“

„Emma, du weißt doch, dass mich Lilly dann die ganze Zeit über in Beschlag nehmen will.“

„Wehr‘ dich doch …“

In der Tat war meine Schwester hartgesotten, konnte in Notfällen durchaus taub und blind sein, für vieles.

„Daniele, ich sage dir was, wir gehen alleine.“

„Hmh. Vielleicht ist es doch besser, wenn Tim und Lilly mitkommen.“

Die Leichtigkeit ging uns häufiger abhanden. Irgendwie schlich sich Zwang in die Luft und die musste man schließlich einatmen. Lieber hätte ich manchmal nur etwas mit meiner Familie und Freunden unternommen oder wäre einfach nur alleine zu Hause geblieben, für Daniele wenig nachvollziehbar. Zuweilen setzte ich mich aber über ihn hinweg, warum auch nicht. Eine gewisse Unruhe zog ein, Veränderungen bringen sie häufig gerne ungefragt mit.

Letztendlich verbrachten Daniele und ich eine schöne, wenn auch deutlich weniger harmonische Zeit miteinander, als ich mir vorgestellt hatte. Dies kam nun keiner Herabsetzung der Zuneigung gleich, sondern lag eher am lange ersehnten Schritt in die Unabhängigkeit, weg von Eltern, Familie, vom Gewohnten. Ein Schritt, welcher sich letztendlich doch von vielen, anderen Faktoren mehr als abhängig erweist.

Nach unzählig geglaubten Tagen nahte sie dann doch, die letzte Woche. Die Minuten liefen immer weiter vor und drehten sich nicht um. Der Abreisetag stand bevor.

Meine Mutter begleitete mich nach München und würde auch für knapp drei Wochen bleiben. Mein Vater fuhr uns zum Flughafen, von allen anderen hatte ich mich bereits verabschiedet. Die ganze Zeit über erzählte er Geschichten aus seiner Studentenzeit und freute sich mehr für mich, als ich selbst. Vielleicht konnte er ja doch weiter sehen, als ich?!

Die letzte Zeit war an- aus- und überfüllt gewesen, sodass mir der kommende Flug wie eine Niemandslandüberquerung vorkam. Anfangs war ich aufgewühlt, wurde das Gefühl nicht los, etwas vergessen und unerledigt gelassen zu haben.

„Emma, mach‘ dir keine Gedanken, es kommt, wie es kommt, jetzt kannst du sowieso nichts mehr ändern.“

Mütterlicher Fatalismus. Welch Trost! Ach, was soll’s. Jetzt war ich unterwegs und die Dinge gingen ihren Lauf. Ich beschloss, die Zeit mit meiner Mutter Carolin zu genießen.

Sie erzählte mir von ihrer Kindheit am Bodensee, ihren Eltern Paul und Lena, Onkel Max und natürlich von ihrem heiß geliebten Bruder Patrick. Eine stille Sehnsucht schien zu erwachen, in ihr und auch in mir. Vielleicht eine Basis für mehr Nähe zwischen uns. Das Swan Valley ließen wir für diese Zeit hinter uns und erlebten nur das, was kam, im Jetzt.

Wie jedes Jahr wollte Daniele mit seiner Familie nach Italien reisen. Im Anschluss gedachte er den September bei mir zu verbringen, um dann ab Oktober in Florenz sein Studium aufzunehmen. Die Aussichten waren toll, alles war geplant und konnte nur noch passieren.

So, - oder anders.

Das Schicksal hatte sich für … anders entschieden.

Schleichend begann es sich mitzuteilen, in Ereignissen.

Danieles Vater lag, nach einem Arbeitsunfall auf einem seiner Schiffe, transportunfähig in einem Krankenhaus in Perth. Daniele, seine Mutter und seine Schwester wechselten sich mit den Krankenbesuchen ab. Die Operation war gut verlaufen, aber die Rehabilitation würde eine noch unbestimmte Zeit in Anspruch nehmen. Es verstand sich von selbst, dass Daniele den von uns angedachten Weg verlassen musste. Er war sicher, dass es sich hierbei nur um einen Umweg handelte, also eine Verzögerung. Das alles tat mir sehr leid, nicht ausschließlich für mich, sondern für seine Familie.

Meine Mutter und Lilly boten ihre Hilfe an, was mich sehr stolz machte. Von diesem Stolz blieb mir zum Schluss nur ein dumpfer, schaler Geschmack. Mein Vater verbot mir zurückzukommen. Ausdrücklich. Somit konnte ich Daniele in dieser schwierigen Zeit keine Hilfe sein. Aber - vielleicht wäre alles sowie so gekommen, vielleicht.

Lilly nutzte meine Abwesenheit zu ihren Gunsten, füllte sie aus und über alle Maßen an. Erwies sich als uneigen und tauglich, gab großartige Demonstrationen ihres Talents, war greifbar und wurde wohl unentbehrlich. Ihr buhlerisches Verhalten schlug Wurzeln. So tief, dass Daniele mir indessen nicht einmal mehr selbst Auskunft zu geben gedachte. Und so übernahm es dann Lilly wohl für ihn und berichtete mir.

„Emma, Hallo. Störe ich? Tut mir leid, dass ich es dir am Telefon mitteilen muss.“

„Lilly? Ist es wegen Danieles Vater? Geht es ihm schlechter? Es ist doch hoffentlich nichts passiert, oder doch? Armer Daniele ...“

„Nein, nein. Er ist auf dem Weg der Genesung, er ist sogar schon wieder zu Hause. Es geht eher um Daniele.“

„Daniele? Was ist mit ihm? Sicher hätte er mich gebraucht, ist verstimmt, da ich nicht kommen konnte, aber …“

„Emma, warte, lass mich doch ausreden.“

„Also geht es ihm gut, er ist nicht böse auf mich?“

Warum fragte ich eigentlich meine Schwester? Wir hatten doch bisher kein vertrauliches Verhältnis. Und über Daniele sprach ich generell mit niemandem, bisher gab es auch nichts zu besprechen. Irgendwas ging hier gegen den Strich.

„Was willst du mir eigentlich sagen Lilly?“

„Wir haben uns verliebt!“

„... wie bitte?“

„Wir haben uns verliebt!“

„Das habe ich verstanden. Aber? … Wer wir?

„Daniele. Daniele und ich.“

Wer liebt, fühlt sich im Recht. Und sie gab mir deutlich zu spüren, wie sehr sie es auf ihrer Seite wusste.

Ich legte auf, ohne noch etwas zu sagen.

Mir war nur noch nach Weinen zumute, stundenlangem Weinen. Im Stehen, im Sitzen, im Liegen, beim Essen, beim aus dem Fenster starren, vor laufendem Fernseher, beim Zähneputzen, in den Schlaf hinein und aus dem Schlaf heraus.

Kapitel 4 Im Wandel/München

Um zukünftigen Problemen aus dem Weg zu gehen, hatten meine Eltern beschlossen, mich zum Studium ins Ausland zu schicken. Das war auch immer mein Wunsch gewesen, aber eben nicht gerade jetzt.

Da ich meine ersten Lebensjahre in Deutschland bei meinem Onkel Patrick verlebt hatte, welcher mit seiner Familie am Starnberger See wohnte, lag es folglich nahe, mich zum Studium eben genau dorthin zu schicken.

Die Umgebung war mir also nicht unbekannt, bedenkt man außerdem den herrlichen Sommer, welchen ich vor vielen Jahren, gemeinsam Jonah und seinen Großeltern, dort verbringen durfte.

Mein Onkel arbeitete als Firmenanwalt für eine belgische Firma mit Sitz in Antwerpen, verbrachte allerdings die meiste Zeit im technologisch avancierten Bürotrakt seines Hauses am Starnberger See.

Jonah studierte Wirtschaftspsychologie an der LMU München. Sein heiß geliebtes Steckenpferd war jedoch die Zukunftsforschung. Freiberuflich arbeitete er für eine Beratergruppe, welche anhand der Zukunfts- und Trendforschung, Unternehmen bei deren Strategiearbeit unterstützte. Über seine tägliche Terminplanung gab er keine Auskunft, in diesem Punkt bestand er auf seine persönliche Freiheit. Man wusste somit also nie genau, wo er war, sicher war aber, dass auch er am liebsten von zu Hause aus arbeitete.

Die kleine Wohnung in Bogenhausen, ein Relikt aus ihren vergangenen Studientagen, nutzten sie kaum noch und somit durfte ich dort einziehen. Die Mansarde befand sich in einem vergessen scheinenden Wohnhaus. Ein einziger, gut geschnittener Raum, mit offener Küche und separatem Badezimmer, wurde gekrönt von einer überraschend großen, nicht einsehbaren Dachterrasse. Die Einrichtung war maskulin übersichtlich, aber zeitlos. Ich hatte die Erlaubnis dies zu meinen Gunsten zu verändern, was ich sofort auch tat.