TikTok - Isabell Otto - E-Book

TikTok E-Book

Isabell Otto

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Beschreibung

Das Netzwerk als Urheber? Ihre virale Verbreitung verdanken Short Videos auf TikTok sichtbar und unsichtbar hergestellten Verknüpfungen und Bearbeitungen: Stitches, Duette, Likes, Views und Kommentare sind ebenso an TikTok-Ästhetiken beteiligt wie Filter und der Algorithmus, der Daten erfasst und Reichweiten reguliert. Welche Bildpraktiken und Interaktionen münden in Trends und Challenges? Welche politische Brisanz, welcher Wert als kulturelles und ökonomisches Kapital auf Social Media, welche gemeinschaftsbildenden Potenziale kommen diesen Bewegtbildern zu? Isabell Otto entschlüsselt die Funktionsweise der umstrittenen Anwendung.

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Seitenzahl: 60

Veröffentlichungsjahr: 2023

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TikTok fesselt: Keine andere Plattform hat für mehr Aufsehen und Kontroversen gesorgt. Isabell Otto entschlüsselt die Funktionsweise der umstrittenen App und zeigt, wie sie User:innen über unablässig neue Bildtransformationen und Mitwirkungsmöglichkeiten in ihren Bann zieht.

Isabell Otto

TIKTOK

Ästhetik, Ökonomie und Mikropolitik überraschender Transformationen

Verlag Klaus Wagenbach Berlin

DIGITALE BILDKULTUREN

Durch die Digitalisierung haben Bilder einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Dass sie sich einfacher und variabler denn je herstellen und so schnell wie nie verbreiten und teilen lassen, führt nicht nur zur vielbeschworenen »Bilderflut«, sondern verleiht Bildern auch zusätzliche Funktionen. Erstmals können sich Menschen mit Bildern genauso selbstverständlich austauschen wie mit gesprochener oder geschriebener Sprache. Der schon vor Jahren proklamierte »Iconic Turn« ist Realität geworden.

Die Reihe DIGITALE BILDKULTUREN widmet sich den wichtigsten neuen Formen und Verwendungsweisen von Bildern und ordnet sie kulturgeschichtlich ein. Selfies, Meme, Fake-Bilder oder Bildproteste haben Vorläufer in der analogen Welt. Doch konnten sie nur aus der Logik und Infrastruktur der digitalen Medien heraus entstehen. Nun geht es darum, Kriterien für den Umgang mit diesen Bildphänomenen zu finden und ästhetische, kulturelle sowie soziopolitische Zusammenhänge herzustellen.

Die Bände der Reihe werden ergänzt durch die Website www.digitale-bildkulturen.de. Dort wird weiterführendes und jeweils aktualisiertes Material zu den einzelnen Bildphänomenen gesammelt und ein Glossar zu den Schlüsselbegriffen der DIGITALEN BILDKULTUREN bereitgestellt.

Herausgegeben von Annekathrin Kohout und Wolfgang Ullrich

Einleitung: Brisante Bilderwelten

TikTok fesselt, fasziniert und befremdet: Keine andere Plattform hat in den letzten Jahren für mehr Trends und Kontroversen gesorgt. Was sich in den kurzen Videos der Community abspielt, bietet nicht nur Stoff für Klatschspalten. TikTok steht auch im Fokus eines wachsenden Forschungsinteresses1 und ist Gegenstand interessierter, aber auch besorgter journalistischer Berichterstattung. Diese intensive Beschäftigung hat unlängst gezeigt, dass TikTok viel mehr ist als nur eine Spaß-Plattform, bestehend aus Lip-Sync- und Tanzvideos. Auf TikTok verwischt sich die Grenze zwischen Unterhaltung, Vermarktung und politischer Aktion auf oft bizarre und bedrohliche Weise: Tunesische Influencer:innen stellen die Flucht übers Mittelmeer wie eine fröhliche Urlaubsfahrt dar. Creator:innen präsentieren sich in Uniform im Ukraine-Krieg und posieren nicht nur auf Panzern, sondern leiten auch zu ihrer Benutzung an. TikToker:innen bemühen sich nach der Ermordung einer 12-jährigen Schülerin, die wie viele andere Video-Impressionen ihres Alltags auf der Plattform geteilt hat, um Aufklärung des Falls und versuchen, in einer regelrechten Hexenjagd die mutmaßlichen Täterinnen in Selbstjustiz zur Rechenschaft zu ziehen.2

All diese Phänomene sind nicht spezifisch für TikTok, sie kommen auch auf anderen Plattformen vor. Aber sie erhalten hier eine besondere Brisanz, wozu der spezielle Charakter des Unternehmens nochmals beiträgt. Politiker:innen weltweit warnen vor nationalen Sicherheitsrisiken und Problematiken des Jugendschutzes: TikToks chinesischer Mutterkonzern ByteDance, der die Plattform 2017 durch den Kauf und die Umwandlung des beliebten Videosharing-Dienstes Musical.ly etabliert hat, kontrolliert die weltweite Verbreitung der App und lässt noch weniger Einblicke in Regulation, Cybersicherheit und Datenschutz zu als die großen Tech-Firmen des Silicon Valley wie Twitter oder Meta. Entsprechend wird der von Donald Trump wohl am prominentesten vertretene Verdacht, TikTok sei eine Spionage-App der chinesischen Regierung, bis heute immer wieder laut und führt zu Verboten oder Einschränkungen in zahlreichen Ländern. Im März 2023 verbieten nach den USA und Großbritannien auch EU-Institutionen die Installation von TikTok auf Dienstgeräten. In Indien ist die Nutzung der App seit 2020 vollständig untersagt.

Doch auch wer den Beteuerungen von ByteDance Glauben schenkt, rein privatwirtschaftlich und unabhängig von der chinesischen Regierung zu operieren – wie es der CEO Shou Zi Chew im US-Kongress am 23. März 2023 versicherte –, und das ökonomische Eigeninteresse der Plattform-Betreibenden in Kauf nimmt, um Aufmerksamkeit und Reichweite für das eigene Anliegen zu erreichen – sei es politisch, aktivistisch oder ökonomisch –, steht vor nicht wenigen Hürden. TikTok ist kein Mittel, das sich ohne Weiteres zu einem bestimmten Zweck einsetzen lässt, auch wenn dies die wachsende Zahl der TikTok-Marketing-Ratgeber nahelegen mag. Es bedarf zumindest ausgefeilter Medienkompetenzen, um – mit viel Glück – herauszufinden, wann »Schluss mit lustig« ist und wie TikTok als Plattform für ernstgemeinte Anliegen dienen kann.3 TikTok operiert in einer raschen Abfolge von Umschlag- und Übergangsmomenten, in denen das eine in Windeseile und oft unkontrollierbar in ein anderes übergeht, wobei – und das ist entscheidend – beide Zustände im Sinne von Kippfiguren auch gleichzeitig aktualisierbar bleiben: Ernst und Unterhaltung, friedliche Reiseblogs und Kriegsreportagen, eine Geste des Empowerments und eine der Ausgrenzung, künstlerische Experimente und Produktwerbung.

Es sind vor allem diese sich immer wieder momentweise einstellenden, gleichwohl doppeldeutigen Kippfiguren, die zu fragen lohnen: Was haben die audiovisuellen und digital vernetzenden Praktiken der Short Videos mit der TikTok zugeschriebenen Brisanz, Gefährlichkeit und Unsicherheit zu tun? Und was lässt sich über TikToks digitale Bildkulturen in Erfahrung bringen, um die von der Plattform ausgehende Faszination und Irritation besser zu verstehen? Diese Fragen stehen im Zentrum der folgenden medien- und kulturwissenschaftlichen Annäherung an TikTok – Analyseperspektiven, die sich anbieten; sind die auf der Plattform zirkulierenden ›TikToks‹ in ihrer ästhetischen Form als Kurzvideos doch ebenso kulturelle Artefakte wie popkulturelle oder politische Interaktionsformen.

1 | Übergänge und Kippfiguren: #transitiontok

Zu der Rezeption und (Re-)Produktion der Videos werden User:innen recht niedrigschwellig über die eigene Smartphone-Kamera und über in der App bereitgestellte Tools zur Audio- und Videoproduktion eingeladen. Die Plattform hat die Länge von TikToks zunächst auf 60 Sekunden begrenzt, aktuell (Stand Mai 2023) können sie bis zu drei Minuten lang sein, umfassen zum überwiegenden Teil jedoch nur 20 bis 30 Sekunden.

TikToks sind nicht nur Ergebnis der Produktivität kreativer Einzelner. Video-Creator:innen können zwar unter ihrem jeweiligen Account-Namen Aufmerksamkeit und Reichweite auf der Plattform erlangen, jedoch verdanken die Clips ihre virale Verbreitung keineswegs einer einzelnen künstlerischen Urheberschaft. Sie werden maßgeblich durch kooperative Praktiken und Operationen geprägt, die sie – mal deutlich sichtbar, häufig aber auch unsichtbar – mitgestalten: Den kreativen Austausch unterstützt die Plattform durch bereitgestellte Werkzeuge wie Stitches, die Kombination des eigenen mit einem anderen Video, oder Duette, die via Splitscreen vermittelte Interaktion mit einem anderen Video, ebenso durch optionale Likes, Views und Kommentare. TikTok stellt Tools zur Bildrahmung und -montage bereit oder Filter, die über Transformationen von Gesichtern Trends generieren. Darüber hinaus arbeiten auch die algorithmische Reichweitenregulation, Empfehlung und Datenerfassung durch die Plattform an den Short Videos mit. Als Artefakte der Digitalkultur sind TikToks ebenso wichtig für die Bildung und Auflösung von Online-Communities wie für die Monetarisierung der Vorlieben und sozialen Beziehungen von Nutzer:innen durch den Verkauf werberelevanter Daten. Aus den Medienpraktiken von Short Videos gehen Reaktionen, Formate und Themen hervor, die wiederum Anschlussmöglichkeiten für weitere Praktiken der Audio- und Videoproduktion bereitstellen.

Was dabei entscheidend ist: TikTok ist eine Plattform der überraschenden Übergänge und Transformationen. Besonders deutlich ist dies in einer beliebten ästhetischen Spielart der Kurzvideos, der transition. Durch möglichst unsichtbare Montagetechniken, Tricks mit deutlichen Anleihen in der Filmgeschichte4 und digitale Bearbeitung setzen die Creator:innen Verwandlungen ins Bild, arbeiten mit fließenden Übergängen oder Kontrasten und verblüffendem Gestaltwandel aus der Trickkiste der Montagepraktiken: Ungeschminkte, manchmal sogar überdeutlich als ›hässlich‹ ausgestellte Gesichter transformieren sich mit einem Wimpernschlag in vollständige und perfektionierte Maskeraden, die aktuelle Make-up- oder Cosplay-Trends aufgreifen; Kleidungsstücke wechseln, Köpfe rollen mit einer pointierten Geste oder Körperbewegung. Der im Jahr 2004 geborene philippinische TikToker John Heron Sandoval erhält für ein Video, gepostet am 5. April 2022, in dem sein Kopf nahtlos von einer Poolrutsche auf seine Schultern zu rollen scheint, über 260 Millionen Views (Stand Mai 2023). (# 1, 2)