Tödliche Spiele - Steffan Witsch - E-Book

Tödliche Spiele E-Book

Steffan Witsch

0,0

Beschreibung

Privatdetektiv Steven Boy Welden wird von einem ominösen Telefonanruf aus dem Ferienort Miami Beach nach New York City zurückgeholt. Ein unbekannter Mister Whiteman behauptet, er habe Jeck Born, den Freund und Partner Weldens, in seiner Gewalt. Nur wenn Welden innerhalb 48 Stunden einen Mord ausführt, würde er seinen Freund freikommen. Auf der Suche nach Jeck Born gerät Welden in einen Strudel der Gewalt und wird zum Spielball eines teuflischen Plans. Doch er findet keine Spur, die zu Jeck Born führt. Und die Zeit wird immer weniger.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



David Longway war ein abgehalfterter, alkoholkranker Mann, ein wenig älter als fünfzig Jahre, der mit seinem Kompagnon Jim Hanks ein schlecht florierendes Ermittlungsbüro in New Yorks Bronx führte.

Die kargen Einkünfte reichten gerade für Miete, Auto, Schnaps und Huren.

An einem trostlosen Oktobermorgen im Jahr 1968 steckte im Briefkasten ein Umschlag mit hundert Dollar und einem Foto. Ein Unbekannter bat ihn das abgebildete Mädchen zu suchen, das von zu Haus ausgerückt war und sich nicht mehr meldete. Bei Erfolg winkten weitere vierhundert Dollar.

Triumphierend kaufte Longway eine Flasche Whisky. Endlich war er auf der Siegesstraße. Das Blatt hatte sich gewendet. Dem Partner erwähnte er keine Silbe über den neuen Job. Er verspürte keine Lust das Geld zu teilen.

Gleich am nächsten Tag begann er mit der Suche. Er fragte in diversen Kneipen und Straßen nach dem Mädchen und zeigte das Foto vor.

Niemand kannte den Teenager.

Er erweiterte das Suchgebiet nach Queens.

Und endlich hatte er Erfolg. Ein Barkeeper erinnerte sich an das blutjunge Mädchen und gab ihm den entscheidenden Tip.

Die Gesuchte sollte sich in einem Motel in der Hollystreet aufhalten und dort den Gästen ihre Liebesdienste anbieten.

Am Vormittag des folgenden Tages trank Longway zwei Flaschen Rotwein und einen halben Liter Whisky. Er fläzte sich auf die Bürocouch und pennte den Vollrausch aus. Erst als die Nacht angebrochen war, erwachte er mit schwerem Kopf. Die Kehle schien ausgetrocknet und er spülte den restlichen Whisky nach. Dann füllte er das Waschbecken mit eiskaltem Leitungswasser und tauchte das Gesicht hinein.

Anschließend schnallte er den Schultergurt mit dem 44er Colt an, zog das Jackett über und torkelte los.

Es war kurz nach 21 Uhr und David Longway ahnte nicht, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte.

Er fuhr mit dem uralten Ford Mercury nach Queens.

Gegenüber der Absteige parkte er. Er blieb im Fahrzeug, rauchte eine Zigarette und ärgerte sich, weil er sich nichts zum Trinken mitgenommen hatte.

In dieser Gasse war kaum Verkehr und er verließ den Wagen. Er schnippte den Glimmstengel durch die Nachtluft. Die Glut zerstäubte auf dem Asphalt.

Zielbewusst marschierte er zum Rückgebäude des Motels. Der Hinterhof war gänzlich unbeleuchtet und Longway rutschte beinahe auf einem matschigen Haufen aus.

Er rümpfte die Nase. Hundescheiße. Laut fluchte er.

Ungehindert konnte er das Treppenhaus betreten. Lediglich eine armselige Lampe an der Decke flackerte unstet.

Doch er wusste Bescheid. Er öffnete die erstbeste Tür und schritt eine Steintreppe zum Keller hinunter. Dort hauste nach Angaben des Barmannes das Mädchen und empfing ihre Freier. Energisch klopfte Longway an der nächstliegenden Tür. Keine Antwort. Er pochte wiederholt. Nichts rührte sich. Lauernd blickte er um sich. Niemand zu sehen im düsteren Licht und er drückte die Klinke.

Gleichzeitig versetzte ihm Irgendjemand von hinten einen rabiaten Hieb und schubste ihn in den finsteren Raum.

Deutlich rastete das Türschloss ein und ein Riegel wurde vorgeschoben.

Longway war eingekesselt von abstruser Lichtlosigkeit. Er konnte die Hand vor den Augen nicht sehen. Der Alkohol im Gehirn lüftete sich und die nackte Angst attackierte ihn wie eine hungrige Raubkatze.

Verzweifelt rüttelte er an der Türklinke. Vergeblich. Er war gefangen.

„He, ich will hier raus! Verdammt, das ist kein Spaß! Lasst mich sofort hier raus!“, schrie er.

Schließlich beruhigte er sich etwas und hielt den Atem an.

Was war da für ein Geräusch?

Dann ist hörte er es.

Unterdrückte, gepresste Atemzüge.

In diesem Raum war noch ein Mensch und der hatte Angst wie er.

Longway roch den Hundekot an der Schuhsohle und ihm wurde übel von dem Gestank. Stocknüchtern geworden zog er den Revolver, spannte den Abzugshahn. Metallen knackte es in der bleiernen Stille.

Er konnte nicht ausloten, aus welcher Richtung der fremde Atem wehte. Auf einmal ertrug er die Nervenbelastung nicht länger und er rief erneut in das grausame Dunkle: „Verfluchter Bastard, wer bist du?

Was willst du von mir? Zeige dich endlich!“

Seine schrille Stimme überlappte sich. Sie klang ihm selber fremd.

Ein Schuss krachte, zerriss ihm fast das Trommelfell und aus der Finsternis fauchte eine rötliche Flamme auf ihn zu. Er spürte einen heftigen Einschlag im Oberkörper, aber keinerlei Schmerz.

Er zielte in den Mündungsblitz hinein, schoss bis keine Kugel mehr in der Kammer war.

Sein linker Arm wurde taub. Er sackte auf den Boden, legte die Waffe ab und tastete an die Brust. Warmes Blut sprudelte ihm über die Finger.

Er verstand das einfach nicht. Es ging nicht in seinen Kopf. Das war doch nur ein simpler Auftrag. Er sollte ein ausgebüxtes Gör einfangen. Und jetzt lieferte er sich in einem fensterlosen Gefängnis ein tödliches Gefecht mit einem Unbekannten. Dicht unterhalb des Herzen steckte eine Kugel und er fühlte Blut und Leben aus dem Körper strömen.

Orientierungslos krabbelte er auf allen Vieren im Kreis herum.

Der unsichtbare Feind atmete nicht mehr. Longway suchte nach ihm. In der Dunkelheit stieß er mit der Hand in ein kaltes, bärtiges Gesicht. Erschrocken zuckte er zurück. Zitternd kramte er in der Hosentasche nach Streichholz. Er zerbrach fünf Hölzer, bevor es ihm gelang eines anzuzünden. Die kleine, lodernde Flamme beleuchtete ein kreidebleiches Männerantlitz.

Und Longway glaubte den Verstand zu verlieren. Der Tote war Jim Hanks.

Er tötete den eigenen Partner und er kapierte es nicht. Wieso war Jim auch in diesem Raum? Wie kam er hierher und was wollte er hier?

Das knisternde Feuer verbrannte seine Fingerkuppeln. Doch das schmerzte nicht. Das Zündholz erlosch und das stoppelige Antlitz vor ihm löste sich in Nichts auf.

Longway wälzte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Die Gedanken wurden unklarer, waren nicht mehr zu greifen. Sein armseliges Leben war bald vorbei. Er wusste es und es berührte ihn nicht.

Gleißender Lichtstrahl auf seinem Gesicht veranlasste ihn noch einmal den Kopf zu heben.

Die Helligkeit blendete ihn. Eine Person mit einer Taschenlampe beugte sich über ihn. Empfindungslos sagte eine Stimme und er musste sich anstrengen um sie zu verstehen: „He, Longway! Wie fühlst du dich? Du siehst nicht gut aus. Du stinkst nach Hundescheiße. Interessiert dich noch, wieso dein Partner hier mitmischte? Gut, ich sage es dir. Jim erhielt denselben Auftrag wie du. Wir kalkulierten eure Geldgier ein und wussten, dass ihr euch nicht absprechen würdet, weil jeder das Honorar allein kassieren wollte.“

„Warum?“ flüsterte Longway.

Die Silhouette lachte: „Es ist nur ein Spiel, David. Von Zeit zu Zeit machen wir uns einen Spaß. Wir organisieren ein Detektivpaar und erteilen jedem einzelnen die gleiche Anweisung. Keiner weiß vom anderen. Wir fingieren den Ablauf so, dass beide zum Finale in einem lichtlosen Bunker aufeinander treffen und sich gegenseitig umbringen. Ich habe auf deinen Partner gewettet. Leider verloren. Du bist der Gewinner.“

„Was für ein Spiel“, sagte Longway. „Und ich habe gewonnen? Noch nie im Leben habe ich etwas gewonnen.“

„Gratuliere, David“, sagte der Mörder und schnitt Longway die Kehle durch.

Im Eingang erschien eine zweite Gestalt. Das Flurlicht warf einen monströsen Schatten in den Todesraum. Eine dumpfe Stimme monierte: „Das war eine schlechte Auslese. Die beiden waren Hohlköpfe. Das endete mir viel zu schnell und zu unspektakulär. Wir müssen unser Spiel verfeinern, dafür benötigen wir bessere und intelligentere Mitspieler. Sonst wird es allmählich langweilig.“

Der Killer putzte die blutverschmierte Messerklinge am Hosenbein des toten Longway ab und nickte zustimmend. „Sie haben wie immer recht, Mr. Whiteman. Das Spiel wird fade. Ich verspreche Ihnen, ich berufe für die nächste Show gewieftere Männer...“

***

Der grauhaarige, übergewichtige Mann, eingepfercht im engen Polstersessel, sagte zu seinem Gegenüber: „Sie müssen diesen Verbrecher das üble Handwerk legen. Geld spielt dabei keine Rolle. Ich bezahle jeden Preis.“

„Das wird ein schwieriges Unterfangen, Mr. Lincoln. Und Sie wissen das“, erwiderte Jeck Born vorsichtig. „Whiteman ist New Yorks meistgesuchtester Verbrecher. Die Bundespolizei sucht ihn. das Drogendezernat sowieso, alle fahnden bisher erfolglos nach ihm. Wie sollte ausgerechnet ich ihn finden?“

Neil Lincoln massierte die steif gewordenen Fingerknöchel. Im krassen Gegensatz zu seiner Leibesfülle war sein Kopf zu klein geraten.

Hass klang in seiner Stimme mit: „Whiteman tötete meine einzige Tochter. Von ihm kommt das Heroin, welches sie sich in die Venen pumpte. Das Gift zerstörte ihren Körper und ihre Seele. Sie starb wie ein verendetes Tier. Whiteman verteilt tonnenweise Drogen in der Stadt und niemand hindert ihn ernsthaft daran. Die Cops sperren unwichtige Dealer ein, die ein paar Gramm verscherbeln. Das ist Augenwischerei. Ich will den Mörder meiner Tochter. Ich will Whiteman.

Ich bin bereit zehntausend Dollar auf seine Ergreifung auszusetzen.

Dreitausend sofort. Den Rest, wenn er tot ist.“

Jeck Born, von Beruf Privatdetektiv, mittelgroß und hager wie ein Wolf, fahlblonde Haare, buschige Augenbrauen und buschiger Oberlippenbart, ging auf Distanz. Der 33Jährige sagte: „Mister Lincoln. Ich bin kein Mietkiller. Wenn Sie einen Mörder dingen wollen, dann bin ich der falsche Mann.“

„Steigen Sie vom hohen Ross, Born“, erregte sich der Grauhaarige.

„Ich weiß, dass Sie nicht in Reichtum schwimmen. Sie brauchen das Geld. Ich habe mich über Sie und Ihren Partner informiert. Da sind die überfälligen Raten für Ihren neuen Porsche, die Miete für das Penthouse und die Pacht für die Büroräume. Sie sind bankrott, Born. Aber Sie sind ein guter Detektiv. Also suchen Sie Whiteman und erledigen Sie ihn.“

In dem akklimatisierten Geschäftszimmer herrschte eine kalte, sterile Atmosphäre.

Trockener Schweiß bildete sich auf Borns Stirn. Er fühlte sich unbehaglich. „Sie haben Recht. Ich benötige dringend einen Auftrag. Doch ich werde keinen Mord dafür begehen.“

Verärgert schlug Lincoln eine Faust in die andere offene Hand.

„Gottverflucht, Born. Meinetwegen erschießen Sie Whiteman in Notwehr. Fordern Sie ihn zum Duell. Es mir egal, wie Sie ihn zur Strecke bringen.“

„Whiteman ist ein Phantom. Niemand hat diesen Mann je gesehen.

Vielleicht existiert er gar nicht. Vielleicht ist er nur eine Erfindung.“

„Dann finden Sie das heraus. Irgendwer ist schuld am Tod meiner Tochter. Wer es auch ist, schicken Sie ihn in die Hölle. Tun Sie Ihre Arbeit. Sie erhalten gutes Geld.“

Die arrogante Art, wie ihn Lincoln behandelte, missfiel Born. Doch er konnte nicht sehr wählerisch sein. Er benötigte dringend einen lukrativen Job. Und Lincoln bot ihm einen an.

Widerwillig nickte er: „Okay, Mr. Lincoln. Ich übernehme den Auftrag. Dennoch wiederhole ich mich, ich werde Whiteman nicht liquidieren.“

„Okay, warten wir ab was passiert, Born. Ich erwarte jeden Tag einen schriftlichen Bericht über den Verlauf Ihrer Nachforschungen.“

„Das kann ich Ihnen nicht versprechen.“

„Dann rufen Sie mich zumindestens an. Ich will immer über den Stand der Dinge informiert sein. Denken Sie daran, ich bin Ihr Arbeitgeber.“

„Ja, ich weiß“, sagte Jeck Born und schluckte die kochende Wut.

Zufrieden lehnte sich Lincoln zurück. „Gut, ich sehe wir sind uns einig. Mein Fahrer wartet unten auf der Straße. Er fährt Sie zu meinem Lohnbüro in der 154the Straße. Dort zahlt man Ihnen dreitausend Dollar Vorschuss für Ihre Auslagen und gibt Ihnen ein Foto meines Kindes.“

„Sie werden von mir hören, Mr. Lincoln“, verabschiedete sich der Detektiv. Er wunderte sich nicht einmal über den schlaffen Händedruck des neuen Auftraggebers. Er wollte nur an die frische Luft. In diesen Raum war kein Sauerstoff zum Atmen.

Die weizenblonde Sekretärin im Vorzimmer nahm keinerlei Notiz von seinem fluchtartigen Abgang.

‘Oh, Hölle, auf was habe ich mich da eingelassen’, dachte er, während er über den Etagenflur zum Lift ging. Ausgerechnet Whiteman. An dem bissen sich sämtliche New Yorkers Cops die Zähne aus. Wie sollte er, Jeck Born, an diesen Mann rankommen? Ihn muss der Teufel geritten haben, als er Lincoln zusagte. Zehntausend waren eine Menge Kohle. Aber vielleicht wird er sie nie ausgeben können. Er sah seine Leiche bereits am Grund des Hudson River versenkt.

Born verließ den Aufzug und das Gebäude.

Verkehrslärm, Menschengewühl, Hektik und Gedränge. Das war seine Welt. Das war das brodelnde New York. Die Stadt, die einem verschlang.

Am Fahrbahnrand, direkt vor dem Hochhaustrakt, parkte ein schneeweißer Cadillac Eldorado. Gelangweilt hockte ein Japaner mit Chauffeursmütze und übergroßer Sonnenbrille auf dem Kotflügel.

„Sukutscho?“ fragte ihn Jeck Born.

Der Fahrer nickte ohne die Sonnenbrille abzunehmen. Geschmeidig glitt er vom Wagen herunter. „Steigen Sie ein, Mr. Born. Ich bin unterrichtet.“

Er öffnete höflich den hinteren Verschlag.

Wortlos setzte sich Born auf die weiche Polsterbank und brannte eine Zigarette an.

Sicher fädelte Sukutscho das schwere Gefährt in den stark frequentierten Verkehr ein. Er fuhr über die Throgs Neck Bridge nach Queens.

“Ich hätte getippt, Sie tun es nicht“, brach er das Schweigen.

„Was tue ich nicht?“ Born warf die Kippe durch das spaltoffene Seitenfenster.

„Das Sie diesen Job übernehmen. Mann, Sie müssen verrückt sein, wenn Sie glauben, Sie können Whiteman die Eier einklemmen.“

„Na und? Was geht Sie das an?“

„Keiner kann Whiteman ans Leder. Die Bullen versuchen das schon seit Jahren ohne den geringsten Erfolg. Es ist wie verhext. Wenn sie glauben sie haben ihn, verschwindet er vor ihren Nasen. Nun wollen Sie Whiteman kriegen? Niemals! Sie sind so gut wie tot, Mann.“

„Ihre Anteilnahme rührt mich, Sukutscho“, erwiderte Born ironisch.

Der Japaner lenkte das Fahrzeug auf den Cross Island Parkway. „Mr. Lincoln macht Whiteman für den Tod seiner minderjährigen Tochter verantwortlich“, redete er drauflos. „Sie krepierte vor vier Wochen in einer schäbigen Absteige in der Hollystreet. Die Morphiumspritze steckte noch in ihrer Armvene. Luzilla war nicht mehr zu retten.“

„Was weißt du über Whiteman?“ fragte Born neugierig geworden.

„Angeblich ist er der Big Boss. Eines Tages war er einfach da. Es gab viele Machtkämpfe, viel Blut und viele Leichen. Heute kontrolliert er beinahe alles. Drogen, Prostitution, Glücksspiele. Und er ist bekannt für makabre Gesellschaftsspiele. Nur die engsten Mitarbeiter kennen sein Gesicht. Er scheut die Öffentlichkeit wie Graf Dracula das Christenkreuz. Dem Namen nach könnte er ein Weißer sein. Aber sicher ist das auch nicht. Jeder kann Whiteman sein.“

„Auch du?“ spöttelte Born.

Darauf antwortete Sukutscho nicht. Er bog in die 154the Straße ein und verlangsamte die Fahrt.

„Wir sind da!“

Der Wagen bremste vor einem alten, abgewirtschafteten, vierstöckigen Gebäude. An der Vorderfront blätterte der grobe Verputz ab und dahinter leuchtete roter Ziegel. Die grüngestrichenen Fensterläden waren stark verwittert und es gab kaum eine heile Glasscheibe.

Argwöhnisch sagte Born: „In dieser Bauruine soll Lincolns Lohnbüro sein? Das Büro eines Millionärs? Das ist ein Scherz!“

„Lincoln liebt dieses Haus. Lassen Sie sich nicht durch den äußeren Eindruck täuschen.“

Sukutscho hielt Born die Hecktür auf. „Das Büro ist im vierten Stock.

Letzter Eingang am Ende des Flurs. Sie können es nicht verfehlen. Ich warte hier im Auto und fahre Sie hinterher nach Hause.“

Jeck Born drückte die knarrende Hauspforte auf. Irgendwer hatte einmal das Türblatt durchgetreten. Jetzt waren ein paar Bretter schräg über das zersplitterte Holz genagelt. Im Treppengang stank es nach Hundekot, Abfälle, nach Pisse und alter Farbe.

Der Fahrstuhl war außer Betrieb und Born musste die morsche Holzstiege nach oben nehmen. Dabei traf er keinen einzigen Anwohner an.

Einige Wohnungen standen offen. Ausgeräumt bis auf Sperrmüll und anderen Unrat. Überall fingerdicke Staubschicht. Hier lebte niemand mehr. Das Haus war tot.

‘Merkwürdig, ein Geschäftsbüro in diesem abbruchreifen Gebäude?’ dachte er. „Der Spleen eines Millionärs? Komisch, was es alles gibt.“

Nachdenklich erreichte er die vierte Etage und ging den Korridor entlang zur letzten Wohnung.

In Augenhöhe war ein einfaches Messingschild angeschraubt: Immobilien N. Lincoln Personal & Lohnbüro Keine Klingel. Jeck Born klopfte. Irgendwie erschien ihm alles suspekt. Leicht beunruhigt zündete er sich eine Gauloise an. Dann machte ein großgewachsener Mann mit Habichtgesicht und Nickelbrille die Tür auf.

„Kommen Sie herein, Mr. Born“, sagte er grußlos.

„Guten Tag!“ sagte Born.

„Ich darf vorausgehen? Folgen Sie mir!“

In der Diele lösten sich die Tapeten von den Wänden. An der Plache schaukelte nur eine nackte Birne in der Fassung. Der provisorisch zusammengeleimte Garderobenschrank drohte auseinanderzubrechen.

Das war keine Geschäftsstelle. Das war eine heruntergekommene Pennerbehausung.

Die Gewissheit, dass hier etwas oberfaul war, verstärkte sich.

Der Voranschreitende führte Born in ein spartanisch eingerichtetes Wohnzimmer. Höflich überließ er ihm den Vortritt und drückte die Tür hinter sich zu. Demonstrativ verschränkte er die Arme über der Brust und wartete ab.

Auch in diesem Raum das unveränderte Bild. Heruntergerissene Papiertapeten, brüchige Möbel, ausgefranster Teppich, Schmutz an allen Ecken und Enden. Um einen hässlichen Plastiktisch saßen drei Männer in korbgeflochtenen Stühlen und der Qualm der Zigaretten nebelte ihre Köpfe ein. Der Aschenbecher quoll vor Stummel über und die graue Asche verteilte sich über der Tischplatte.

Ein Korbstuhl war noch unbesetzt. Aber Born verspürte keine Lust sich hinzusetzen. Er war angespannt bis zu den Zehenspitzen.

Ein stiernackiger Mann, brauner Straßenanzug, trübe, farblose Augen, breitflächiges Gesicht, bequemte sich zu erheben und reichte Born die Hand: „Ich freue mich Sie kennenzulernen, Mr. Born. Entschuldigen Sie diesen fragwürdigen Treffpunkt. Aber er erschien uns ideal. Mein Name ist Edgar Hoover. Ich bin Chef des FBI.“

„Was? Wer sind Sie?“ entfuhr es Born entgeistert.

Der angebliche FBI-Chef blieb ungerührt und stellte die restliche Runde vor: „Der Herr zu meiner Linken ist General Black, Leiter einer Sonderabteilung des CIA, und der Herr an meiner rechten Seite ist General Dickenson vom Drogenbekämpfungsderzernat.“

Wie ein Stein plumpste Born in den leeren Stuhl. Sprachlos musterte er die drei Männer. Er tippte die Zigarettenasche ab und sagte barsch:

„Edgar Hoover, William Black und Robert Dickenson, die mächtigsten Häuptlinge Amerikas nach dem Präsidenten? Das wollt ihr sein?“

Er schüttelte das Haupt. „Ihr wollt mich verarschen, richtig? Das ist irgend so ein Drecksspiel. Versteckte Kamera, oder ähnliches. He, wo habt ihr das Ding versteckt?“ Suchend wanderten Borns Augen umher.

Er entdeckte nichts Auffälliges.

„Das ist kein Spiel, Mr. Born!“

„Ach nein? Wer seid ihr drei Hampelmänner wirklich?“

„Wir wissen warum Sie hier sind“, überging Hoover die Provokation.

„Warum bin ich hier, Sie Schlaumeier?“

„Sie sind hier um dreitausend Dollar Anzahlung zu kassieren. Die bezahlt Ihnen Neil Lincoln, wenn Sie Whiteman kaltmachen. Bei erfolgreichem Abschluss gibt es weitere siebentausend. Nicht wahr?“

„Mag sein“, wich Born aus.

„Aber haben Sie sich mit dieser Arbeit nicht übernommen, Mr. Born?

Whiteman wird von unseren Sicherheitsorganen gejagt und wir kamen bisher nicht mal auf Sichtweite an ihn heran. Wir speisten Undercoveragenten in die Rauschgiftszene ein. Alle wurden sie enttarnt und mit Betonklötzen an den Füßen in den Hudson River geworfen.“

Unwillig fragte Born: „Und was hat das mit mir zu tun? Warum erzählen Sie mir so einen obskuren Quatsch? Was wollen Sie von mir?“

General Black mischte sich ein. Er war von kleiner Statur. Das blasse Gesicht erinnerte an eine Spitzmaus. „Wir haben es endlich geschafft einen Agenten in Whitemans engsten Kreis einzuschleusen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Whiteman auffliegen lassen. Sie sollten uns nicht in die Arbeit pfuschen, Mr. Born. Zuviel steht für uns auf dem Spiel. Kündigen Sie den Job und kommen Sie uns nicht in die Quere. Whiteman gehört uns. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Klar und deutlich, doch ich weiß immer noch nicht, was ihr Leute für eine Show abzieht.“

Born zermahlte die Zigarette im Ascher und stand auf.

„Whiteman zerquetscht Sie wie eine Mücke“, ergriff der dritte Mann das Wort. Stämmige Figur, glatzköpfig und feindselig.

„Ich habe das Gefühl von den Herren zahlt mir niemand meine Kohle aus. Ich nehme an, ich bin im falschen Büro.“ Abwertend sah sich Born um. „Das ist nicht Lincolns Büro, richtig? Das ist nur eine stinkige Kloake und ihr seid nur eine drittklassige Theatergruppe?“

„Sie sind ein dummer Privatdetektiv“, sagte Edgar Hoover. „Sie werden ihr Honorar nicht verdienen. Whiteman ist eine Nummer zu groß für Sie.“

Kommentarlos wendete sich Jeck Born zur Tür.

Dort verbaute ihm das Habichtgesicht mit der Nickelbrille den Weg.

Freundlich sagte Born: „Mach mir Platz, Freund.“

„Bill, erteile diesem Angeber eine Lektion, die er nicht so schnell vergisst“, rief Hoover hinter ihm. „Knacke ihm ein paar Rippen an, aber passe auf, dass du ihn nicht umbringst.“

Blitzschnell griff Bill an und schlug nach Borns Kopf.

Doch der duckte sich geistesgegenwärtig und hämmerte dem Angreifer die Faust an das Kinn.

Benommen wankte Bill zurück. Die Brille hing schräg auf der Nase.

Ehe er sich versah, wurde er durch einen Judogriffe ausgehebelt. Er flog durch die Luft und landete unsanft zu Edgar Hoovers Füßen.

Nervös sprang Bill auf und rückte die Brille gerade. In seiner Hand blitzte plötzlich eine Messerklinge.

Etwas vorgebeugt wartete Jeck Born auf den Gegner.

Wie ein Tiger umkreiste ihn Bill. Bereit zum tödlichen Stoß.

„Bill, du sollst ihn nicht töten!“ warnte Hoover.

Trotzdem stach Bill zu.

Jeck Born wich gerade noch aus. Der Dolch ritzte den Jackenärmel auf. Nun wurde Born richtig böse. Er rammte beide Fäuste in den Magen des Angreifers.

Bill schrie auf und klappte wie ein Taschenmesser ein.

Mitleidlos stieß Born sein Knie hochwärts und traf Bill mitten ins Gesicht. Die Brillengläser zersplitterten, das Nasenbein knirschte gräßlich.

„Passable Vorstellung, Mr. Born“, lobte Hoover und richtete eine Pistole auf ihn.

Und nun war es Jeck Born endgültig klar, dass er mit offenen Augen in eine Falle getappt war. Diese Männer gehörten ebensowenig zum CIA und FBI und Drogendezernat wie er zu Interpol. Er hatte Whiteman gewaltig unterschätzt. Whiteman war bereits informiert und ließ ihn gebührlich empfangen.

Born ignorierte einfach die vorgehaltene Waffe und wollte zum Ausgang hinaus. Um ein Haar prallte er mit Sukutscho zusammen. Der Japaner, der ihn in dieses ominöse Haus gelockt hatte.

Verdammt, was läuft da für ein abartiges Spiel?

„Tut mir leid, Mr. Born. Bitte gehen Sie wieder zurück“, lächelte Sukutscho asiatisch liebenswürdig.

Nicht gar so nett war Born: „Du Scheißkerl, du hast mich an Whiteman verkauft. Weiß Lincoln, dass du zwei Herren dienst?“

„Aber nein. Er glaubt ich bin ihm demütig ergeben.“

„Na großartig!“, sagte Born und keilte dem Grinsenden den Schuhspann zwischen die Beine.

Winselnd hielt sich Sukutscho die schmerzenden Genitalien und aus den Schlitzaugen rollten die Tränen.

Ein Revolver krachte und die Kugel zwitscherte durch Borns Haare.

Er drehte sich halb um die Achse, fischte seine Springfield Pistole aus dem Schulterhalfter und feuerte zurück.

Wachsbleich streckte sich Edgar Hoover im Stuhl. Er krallte die Hand in die blutende Brustwunde und der rauchende Colt rutschte ihm aus den Fingern. Er flüsterte noch: „Zur Hölle, wieso hat der Hurenbock eine Kanone?“

Die beiden anderen Männer reagierten unterschiedlich.

Während sich General Black flach auf den Teppich warf, wollte Dickenson auch nach der Waffe greifen.

„Tu es und du atmest zum letzten Male“, sagte Born eiskalt und visierte dessen Schädel an.

Dickenson zog die Hand zurück, als berührte er glühendes Eisen.

„Steht ihr alle auf Whitemans Lohnliste?“