Toll, dass es mich gibt! - Frau Schüler - E-Book

Toll, dass es mich gibt! E-Book

Frau Schüler

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Beschreibung

Frau Schüler ist Mitte vierzig und sarkastisch. Auf einem geschenkten Seminar mit dem Titel "Mentales Krafttraining" findet sie sich zu ihrem Entsetzen in einem Haufen >>esoterischer Spinner<< wieder. Sie lässt keine Gelegenheit aus, sich auf ihre bissige Art über Inhalt und Mitstreiter lustig zu machen. Doch ausgerechnet ihr widerfährt dann ein Erlebnis der besonderen Art, das ganz langsam ihre harte Schale ins Bröckeln bringt. Voll positiver Energie und guter Vorsätze fährt sie später in ihr Leben als alleinerziehende Zwillingsmutter zurück, fest entschlossen, nun alles besser zu machen. Dort angekommen, tappt sie herrlich authentisch und mit herzhaftem Humor in die klassischen Alltagsfallen. Mithilfe des - in ihren Augen ganz und gar untypisch - spirituellen Herrn Konrad, der auch noch der Sportlehrer ihrer Söhne ist, versucht sie, ein glücklicherer Mensch zu werden. Es entwickelt sich eine lehrreiche und außergewöhnliche Verbindung zwischen ihr und diesem geheimnis- und wundervollen Mann.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2022

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für Konrad

INHALT

PROLOG

KAPITEL EINS

»Könnten Sie jetzt bitte mal nichts sagen?«

KAPITEL ZWEI

»Krass, der war irgendwie in mir drin!«

KAPITEL DREI

»Wo sitzt deine Seele, Frau Schüler?«

KAPITEL VIER

»Kannich?«

KAPITEL FÜNF

»Wir nehmen immer Liebe und Hass.«

KAPITEL SECHS

»Ich steh’ auf Fleisch und Blut.«

KAPITEL SIEBEN

»Ah geh, passt scho’!«

KAPITEL ACHT

»Es wäre mir eine Ehre.«

KAPITEL NEUN

»Ich umarme nur freundliche Bäume.«

KAPITEL ZEHN

»Man kann gleich zeitig Single und kein Pizza- Monster sein.«

KAPITEL ELF

»Toll, dass es mich gibt.«

KAPITEL ZWÖLF

»Muss ich erst die Trillerpfeife zücken?«

KAPITEL DREIZEHN

»Dein Wunsch sei mir Befehl.«

KAPITEL VIERZEHN

»Kiss my ass.«

KAPITEL FÜNFZEHN

»Was bedeutet ein Känguru?«

KAPITEL SECHZEHN

»Steffens Olga heißt Else.«

KAPITEL SIEBZEHN

»DickundDoof.«

PROLOG

»Kennste diese kleinen magic Dingsbums?«

»Was denn für Dingsbums?«

»Da gibt man etwas Wasser drauf, und dann entfalten die sich erst.«

»Ahh, so magische Handtücher oder Waschläppchen?«

»Ja, das gibt es mit ganz vielen Dingen. Blumen zum Beispiel oder kleinen Spielfiguren.«

»Ja, und?«

»Das hier ist so was.«

»Was?«

»Das Buch.«

»Es wird größer, wenn man Wasser draufkippt?«

»Nein, es ist das Wasser.«

»Hast du einen im Tee?«

»Ich meine das ganz ernst. Wenn man das hier liest, dann blüht man so auf, wie ’n magic Dingsbums.«

»Wer das liest, wird ein Waschlappen?«

»Wer das liest, wächst und entfaltet sich in seiner gesamten Schönheit.«

»Wow!«

»Genau.«

KAPITEL EINS

»KÖNNTEN SIE JETZT BITTE MAL NICHTS SAGEN!«

Neunundzwanzig. So viele Teilnehmer des Seminars Mentales Krafttraining sind wir insgesamt. Der adrett vorbereitete, doppelreihige Stuhlkreis ist voll besetzt. Die meisten meiner Mitstreiter sehen eigentlich völlig normal aus. Niemand trägt Federschmuck im Haar.

Kein Batikgewand in Sicht. Immerhin. Neben mir sitzt ein Typ in Sneakers, Jeans und vatikanroten Socken. Ich glaube, die Farbe nennt man Purpur. Sehr normal. Mag ich. Meine Augen scannen die Runde, mein Gehirn wertet in Nullzeit aus und verteilt unsichtbare Aufdrucke auf Teilnehmerstirnen. Fast enttäuscht stelle ich fest, dass niemand einen fiesen Stempel erhält. Ich sehe nicht Mamis Liebling, keine frustrierte Menopausierende, keinen »Ich weiß es, ich weiß es, darf ich ’s sagen?« und nicht mal den obligatorischen Seminarteilnehmer »Ich wurde hierher gezwungen«. Was zum Teufel stimmt mit all denen denn nicht, dass sie sich von so einem esoterischen Quatsch einlullen lassen? Ich blicke in interessierte Gesichter, erkenne freudvolles Staunen. Einige machen sich Notizen. Was schreiben die auf? Die Einkaufsliste für übermorgen? Lösen sie Sudokus? Dieses Gefasel von Energie und Schwingung können doch diese allesamt intelligent wirkenden Menschen nicht wirklich ernst nehmen!

Ich zweifle an meinem Weltbild.

Doch plötzlich! Wortmeldung einer Teilnehmerin, die ich bisher nicht sehen konnte, weil sie so klein ist und bis eben verdeckt saß. Mein Gott, da ist sie, schießt es in mein Hirn und der Stempel klatscht auf ihren Vorderkopf. Die lila Esoteriktante. Sie ist doch da!

Die gehört hierhin. Jede Wette, sie erzählt gleich was vom Universum. Bingo. Die Wette habe ich gewonnen, leider nur mit mir selbst.

Mein Blick sucht im Raum die erwartete Ablehnung, das Augenrollen, den Protest – nichts dergleichen. Nichts! Kurz fällt mir der Witz vom Autofahrer auf der Autobahn ein, als dieser folgende Verkehrsmeldung im Radio hört: »Vorsicht, auf der A7 Flensburg Richtung Kassel kommt Ihnen auf Höhe Dings ein Falschfahrer entgegen.«

Und der Autofahrer ruft: »Einer? Tausende!«

Bin ich die Falschfahrerin hier? Die Falschfahrerin im Universum? Die Einzige, die nicht merkt, dass das hier alles gar kein Humbug oder das Gelaber von Verzweifelten ist?

Mir im Stuhlkreis gegenüber sehe ich ein Augenpaar blitzen.

Och nö! Weint die etwa? Sie zuckt und zittert so verdächtig. Doch dann nimmt sie die Hand vom Mund und ich sehe, dass sie lacht.

Leise. Unterdrückt. Sie lacht Tränen in meine Richtung und nickt mir zu. Ich wachse direkt um eine halbe Kopflänge. Ich habe eine Gleich gesinnte gefunden. Meine Weltordnung war kurzfristig aus den Fugen geraten, doch die Lachtränen des Nicht-fassen-Könnens meiner Seelenverwandten geben mir Hoffnung.

In mir beginnt sich mutige Unruhe ihren Weg Richtung Sprachrohr zu bahnen. Ich dachte, dass dieser Kurs mir zeigt, wie ich mit bestimmten Mentalstrategien schneller an meine Ziele gelange. Ich wollte lernen, mich zu fokussieren, einfach mehr aus mir herauszuholen. Mich hält es nun, auch durch das Wissen um eine Gleichgesinnte, nicht länger still auf dem Stuhl. Meiner guten Erziehung habe ich es zu verdanken, dass ich mein Esoterik-Tourette-Syndrom nicht zu einhundert Prozent auslebe. Ich verzichte auf die sonst üblichen Kraftausdrücke und melde mich zu Wort.

»Entschuldigung mal, wie soll bitte mein Arm wissen, was ich denke?«

Es geht um den kinesiologischen Muskeltest am zur Seite ausgestreckten Arm.

»Ihr Unterbewusstsein antwortet so auf Ja-Nein-Fragen. Es schwächt bei einer negativen Antwort für einen kurzen Moment diesen Muskel, sodass man bei gleichem Druck den Arm leichter runterdrücken kann als bei einer positiven Antwort.«

»Und woher weiß mein Unterbewusstsein, dass es das machen soll?«

»Es ist so, dass bei einer negativ belegten Aussage insgesamt kurzzeitig weniger Energie im Körper vorhanden ist.«

»Glaube ich nicht!«

Es wird gelacht.

»Vielleicht können Sie uns einfach zunächst einmal vertrauen?«

Oder aufstehen und gehen. Aber meinetwegen. Ist gut.

Es ist nicht so, als wäre ich grundsätzlich ein ablehnender Typ. Ich habe durchaus gewisse Kompetenzen auf zwischenmenschlichem Gebiet. Man kann mich also schon als gesellschaftsfähig bezeichnen. In einer Ansammlung von Menschen, sagen wir mal auf einer Hochzeit, fühle ich mich nicht notorisch dazu aufgefordert, gegen die Sitzordnung rebellierend, ganz offen die Platzkärtchen meinen Wünschen entsprechend umzustellen. Oder aber laut zu verkünden, dass es gefälligst niemand wagen soll, mich zu einem Ringelpiezmit-Anfassen-Spiel aufzufordern oder umgedichtete Lieder auf das Brautpaar mitzusingen. Selbst wenn mir danach wäre. Und das ist meistens so.

Auf Stadtfesten muss ich dem bunte Tulpen mit Frühlingsgruß verteilenden Bürgermeister nicht zwingend »Oh, nein, Entschuldigung, das ist mir aber jetzt sehr unangenehm« mein Bier über das Hemd kippen, nur weil ich ihn nicht mag.

»Man muss aber auch zu dem stehen können, wovon man überzeugt ist. Immer schön Wetter zu machen, ist im Zweifel eine Form von Schwäche«, habe ich dazu allerdings auch schon mal gehört.

Nun ja, ich sage es mal so — es kommt drauf an.

Hier lasse ich es drauf ankommen, halte zunächst still und versuche zu vertrauen. Ich gebe dem Esoterikgeplänkel also noch ein paar weitere von mir unbehelligte Schwingungsmöglichkeiten.

Zehn Minuten später bekommt mein malträtiertes Hirn Schluck auf.

»Wenn ich also irgendwas denke, dann kriegt das jeder mit? Aber ich denke es doch nur!«

»Sie denken es, aber Sie senden dabei Schwingungsfrequenzen aus, die im Raum, im Feld bleiben.«

Ich fühle mich plötzlich gläsern. Hieß es nicht, die Gedanken seien frei? Das, was ich denke, das ist sehr oft nicht nett. Ich liebe meinen Sarkasmus. Vor allem auch deshalb, weil er meist nur still in mir existiert. Wenn ich in Situationen, die mir nicht passen, jetzt auch schon nicht mehr denken darf, ohne meinen energetischen Fußabdruck zu hinterlassen, dann ...

Mir fällt die letzte Feier eines fünfzigsten Geburtstags im Bekanntenkreis ein. Wir sollten damals alle ein umgetextetes Ständchen mitsingen, dem die Melodie Mit sechsundsechzig Jahren von Udo Jürgens als Grundlage diente. Ich war dem Kind an diesem Abend so dankbar, dass es genau zum passenden Zeitpunkt anrief, um mitzuteilen, dass es in des Freundes Halbschuh gekotzt habe, weil es im Dunkeln das Klo nicht gefunden habe. Ich hatte ihn und seinen Zwillingsbruder bei diesem Jungen übernachten lassen wollen, um abends richtig, aber so richtig abzufeiern.

»Oh nein, mein armer, kranker Hase! Ich hole dich und deinen Bruder selbstverständlich sofort ab«, sprach ich gut hörbar ins Telefon und verabschiedete mich auf der Stelle untröstlich vom fünfzigsten Geburtstag, der auch für einen achtzigsten absolut inakzeptabel gewesen wäre. Wenn ich nur daran denke, was ich damals alles gedacht habe. Unangenehm.

Ich merke, dass ich aufgrund meiner abschweifenden Gedanken etwas verpasst haben muss.

Also wo sind jetzt diese Frequenzen? Im Raum oder auf dem Feld? Ich verstehe es nicht.

Heilfroh bin ich, dass mir meine Schwester im Geiste zu Hilfe eilt und auch noch mal nachfragt. Wir erfahren daraufhin, dass es etwas gibt, das uns alle umhüllt. Wir sehen das nicht. Anfassen können wir das auch nicht. Aber ein Beispiel wird geliefert.

»Haben Sie schon mal einen Vogelschwarm oder einen Fischschwarm beobachtet?«, fragt der Vorturner.

»Die sind zu Hunderten, manchmal Tausenden unterwegs. Alle bewegen sich in dieselbe Richtung und plötzlich, zack!«

Ich zucke erschrocken zusammen und bin auf der Stelle sehr aufmerksam. Ich achte auf die Handbewegung. Blitzschnell zischt des Redners Arm von links nach rechts.

»Da ändern alle synchron ihre Richtung«, vollendet er.

»Kein Fisch rammt den anderen, kein Vogel fliegt in den Kollegen.«

Korrekt, habe ich auch noch nicht beobachtet. Ich nicke anerkennend.

»Haben Sie je darüber nachgedacht, wie das funktioniert? Wie machen die das?«, fährt er fort.

Wir lernen, dass man annimmt, dass es eine Art Cloud gibt, über die die Tiere miteinander kommunizieren. Und das geht eben nur, wenn jemand von den Vogelkollegen zum Beispiel denkt: Och nö, über Wanne-Eickel fliegen wir heute mal nicht. Bisschen weiter links, wir gucken mal, ob es Bielefeld wirklich nicht gibt.

Und weil es zu lange dauern würde, wenn die das mit stiller Post gemacht hätten, der Erste also schon in Bad Tölz wäre, bis der Letzte es verstanden hätte, würden sie eben nie alle zusammen über Bielefeld fliegen können.

Diese Cloud nennt sich wohl unter anderem morphogenetisches Informationsfeld. Kurz morphisches Feld. Ganz kurz Feld. Oder auch Raum. Ich fange an zu verstehen. Feld ist kein Acker und Raum ist kein Zimmer. Es sind Teekesselchen. Nun ist also ein Vogelgedanke ebenso wie ein Fischgedanke irgendwie in Schwingungsfrequenzen messbar. Diese werden in Nullkommanix in das Informationsfeld geschickt und alle anderen können unmittelbar drauf zugreifen. So weiß jeder, der die Information auf der Frequenz erhält: Links rum!

Das klingt — ich gebe es zu — irgendwie cool. Ja, ich bin angefixt.

Nur ein winziges bisschen allerdings. Nun sind wir Menschen ja keine im Schwarm lebenden Wesen. Im Gegenteil. Wir sind doch alle irgendwie Einzelgänger. Es gibt Familien, klar, aber wie oft bin ich schon in einen meiner Söhne gerannt? Wir haben doch diese Gabe gar nicht. Ich frage mich ständig: Was haben sie vor? Wanne-Eickel oder Bielefeld? Ich spüre so etwas nicht. Dabei bin ich schon sensibel. Mir wird ein hohes Maß an Empathie bescheinigt. Aber ich kann doch keine Gedanken lesen. Doch, mein Arm kann das ja angeblich. Ich bin verwirrt.

»Und wie ist das jetzt bei uns Menschen?«, möchte ich ganz dringend wissen.

»Alles, was wir denken, sagen und machen, hat eine Schwingungsenergie auf einer bestimmten Frequenz. Wir senden immerzu. Und wir empfangen immerzu. Energie vergeht nicht. Sie bleibt immer da. Also achten Sie auf Ihre Gedanken.«

Zu spät. Mein Sarkasmus bleibt nun für immer im Feld. Ich muss lachen. Herrlich.

In der Pause erfahre ich den Namen meiner Unterstützerin. Tina ist voll auf meiner Wellenlänge. Beim Pausenkaffee tauschen wir uns aus und fragen uns, wie es sein kann, dass so viele normal wirkende Menschen auf dieses Seminar gekommen sind. Wir bekommen Gesprächsfetzen der anderen mit und müssen beide feststellen, dass die nicht nur normal aussehen, sondern auch normales Zeug zu besprechen haben.

»Mag noch jemand energetisiertes Edelsteinwasser?«

Oder doch nicht? Wir lachen beide. Sie verabschiedet sich kurz, um mit ihrer Familie zu telefonieren, und ich sehe sie mit Kopfhörern in den Ohren und Handy in der Hosentasche telefonieren. Ich benutze meine Kopfhörer nur, um Musik oder Hörbücher zu hören.

Ich wusste nicht mal, dass da auch ein Mikrofon dran ist. Komisch.

Nach der Pause müssen wir die Plätze wechseln und natürlich sitze ich nun neben Tina.

Es geht um schlechte Energien in Häusern. Ein Fachredner tritt vor und behauptet, er sei Architekt und reinige Häuser. Da passt doch was nicht. Ein Architekt plant Häuser. Ich weiß das, denn ich wohne in einer Doppelhaushälfte, die eine Architektin geplant hat.

Und ich bin sehr sicher, dass sie noch nie zum Putzen da war. Es stellt sich dann heraus, dass er nicht physischen Dreck wegschrubbt, sondern Häuser oder Räume — ich vermute, dass in diesem Zusammenhang Zimmer gemeint waren — von nicht sichtbaren, schlechten oder gar bösen Energien befreit.

»Ich dachte, Energien bleiben für immer und verschwinden nicht«, platzt es aus mir raus. Hatten die doch gerade alle behauptet.

»Richtig, man kann sie nur umleiten, sozusagen dorthin schicken, wo sie nichts Negatives bewirken.«

Ja, ist klar. Ich verdrehe die Augen, melde mich und will schon zum Sprechen ansetzen. Doch ich höre: »Könnten Sie jetzt bitte mal nichts sagen! Es ist schön, dass Sie kritisch hinterfragen, doch bitten wir Sie im Sinne der anderen Teilnehmer freundlich, sich kurz ein wenig zurückzuhalten, damit die anderen achtundzwanzig Gäste eine Chance haben, die Informationen zu bekommen, für die sie bezahlt haben.«

Autsch.

Ich hatte zuvor schon mal von ein paar Mentaltechniken gehört, wandele nun eine davon kreativ ab und klebe mir ein unsichtbares Pflaster über mein vorlautes Mundwerk.

Tina malt ein Galgenmännchen auf ihren Notizblock und kichert.

»Haben Sie auch schon mal von so einem Scheidungshaus gehört?«

Überrascht nicke ich stumm und brav. Ich könnte jetzt die Geschichte aus meinem Heimatort erzählen. Da gab es dieses eine Haus. Roter Klinkerbau in der Luisenstraße direkt an der Ecke bei der gelben Telefonzelle. Großer Garten, Doppelgarage. Säulen vorm Eingang. Es war sicher teuer. Aber schön für damalige Verhältnisse. Gute Lage. Kurz nachdem die Bauherren dort eingezogen waren, stritten sie sich. Es ergab sich ein mieser Rosenkrieg. Das Haus wurde verkauft. Ein neues Ehepaar zog ein. Es dauerte kein Jahr und auch diese Ehe ging auseinander. Wenn ich es nicht selber mitbekommen hätte, würde ich es nicht glauben, doch das Ganze passierte ernsthaft noch ein drittes Mal. Danach wollte niemand mehr das Haus kaufen. Es sei ein Unglückshaus, erzählte man sich im Ort.

Der putzende Architekt plaudert aus seinem eigenen Nähkästchen. Von einem alten Haus, das er umgebaut habe. Die eingezogenen Menschen seien plötzlich traurig und depressiv geworden. Die Frau habe sich schließlich umgebracht. Der Witwer sei daraufhin aus dem Haus ausgezogen und in seiner neuen Unterkunft nach überwundener Trauer regelrecht aufgeblüht.

Die nächste Bewohnerin des besagten Hauses sei eine alleinstehende Lehrerin gewesen. Auch sie wurde zusehends trauriger und meinte schließlich zu ihm, dass etwas mit dem Haus nicht stimmen würde.

»Ich hatte mich schon vor vielen Jahren mit Spiritualität, Schwingungsfrequenzen und Energien beschäftigt«, erklärte der Reiniger, »sodass ich mich mit der Eigentümerin zusammen im Ort mal umhörte, was das denn früher für ein Haus gewesen ist.«

Es stellte sich dann wohl heraus, dass sich in dem Haus vor zwei Generationen ein fürchterliches Familiendrama mit mehreren Toten ereignet haben soll.

»Diese Energien von Tod und Leid, die bleiben da. Sie sehen die nicht. Aber sie sind da.«

Hm.

»Kennen Sie das Gefühl, das Sie haben, wenn Sie ein Krankenhaus betreten? Es ist irgendwie beklemmend, nicht wahr? Selbst wenn Sie zu einem freudigen Ereignis jemanden im Krankenhaus besuchen. Sie betreten die Halle unten und es fühlt sich irgendwie mulmig an.«

Stimmt.

»Sie spüren die Energie dort. Vom Leid, vom Schmerz, vom Kummer, von den Sorgen, vom Tod.«

Ich weiß genau, was er meint. Ich dachte bisher allerdings immer, das läge daran, dass mich dieser groteske Anblick beinamputierter Menschen mit Sauerstoffschlauch unter der Nase und Kippe im Mund verstört. An denen muss man immer vorbei, wenn man ins Krankenhaus geht. Sie stehen, sitzen oder hängen draußen vorm Eingang und qualmen sich das Leben weg. Wenn das keine Beklemmungen hervorruft, dann weiß ich es auch nicht.

Sicher ist es für ein gutes Gefühl als Besucher im Krankenhaus auch nicht besonders förderlich, dass es dort nach einer Mischung aus Ausscheidungen, Desinfektionsmittel und Fleischbratling mit Kaisergemüse in Rahmsoße riecht. Doch ich gebe dem Architekten eine Chance.

Er führt noch mehrere solcher Beispiele an. Bei einem Neubau passierte Ähnliches — wieder Depressionen und Streit der Bewohner. Er habe sich zunächst keinen Reim darauf machen können, weil das ja ein Neubau gewesen sei. Da gab es in den Wänden und Zimmern ja keine alten, negativen Energien.

»Sicher hängt es mit dem Typen zusammen. Der hinterlässt da die miesen Energien«, flüstert Tina mir verschwörerisch zu. Strike.

Zwei Ungläubige, ein Gedanke.

»Ich machte mich schließlich im Stadtarchiv des betreffenden Ortes auf die Suche nach dem, was früher an der Stelle war. Und was, glauben Sie, habe ich gefunden?«

Stille.

Tam tam taaaam.

»An dieser Stelle war früher, ganz früher, der Henkersplatz.«

Ich gucke auf Tinas Galgenmännchen. Sie streicht es vorsichtig durch, reißt den Zettel raus und knüllt ihn ganz langsam zusammen.

Danke.

»Die Energien lösen sich nicht auf. Es gibt gute Plätze und schlechte Plätze.«

Ein schöner Telenovelatitel, aber ich bin ehrlich beeindruckt. Das hatte ich nicht erwartet. Schlagartig wird mir klar, warum ich an manchen Orten nicht gern bin und an anderen lieber. Gerade denke ich, dass ich aus mir unerfindlichen Gründen gerne einfach mal gegenüber in die leere katholische Kirche gehe, obwohl ich weder an den Kirchengott glaube noch die katholische Religionslehre anerkennen kann, da höre ich vom Redner:

»Die katholische Kirche kennt seit Jahrhunderten die Wirkungsweise von sogenannten Kraftplätzen. Katholische Kirchen stehen meist an Orten, von denen eine starke positive Energie ausgeht. Die katholischen Kirchenvertreter haben sich das seit langer Zeit zunutze gemacht, um ihre Lehren zu verbreiten.«

Nun möchte ich unbedingt wissen, wie er denn nun die Häuser von schlechter Energie befreit, aber ich darf ja nichts sagen.

Die Esotante meldet sich. Ich kann ihr Namensschildchen lesen.

Eva. Süß.

»Ich kenn’ das. Ich räuchere häufiger mal, wenn ich das Gefühl habe, die Energie im Raum stimmt nicht mehr.«

Hat die das jetzt wirklich gesagt? Sie räuchert? Aale, Forellen, oder was? Da habe ich gerade ein bisschen von diesem Energiekram als beachtens- und meine kritische Grundhaltung für überdenkenswert empfunden, da haut mir diese lila Eva mit blondem Engelshaar als mein personifiziertes Vorurteil volle Breitseite dazwischen.

Die räuchert! Mit Weihrauch. Nein, falsch, sie sagte, sie räuchere mit ihrem Lieblingsweihrauch. Ich habe eine Lieblingstasse, eine Lieblingshose und einen Lieblingslippenstift. Sie hat Lieblingsweihrauch. Ich brech’ zusammen.

Aufgrund der veränderten Sitzordnung kann ich ihr nun direkt ins Gesicht gucken. Und wow! Auf der Stelle schäme ich mich. So etwas Herzensgutes, so viel Liebe, so viel Güte, so viel Optimismus und so viel reine Freundlichkeit habe ich noch nicht gesehen. Sie sitzt da und strahlt. Keine einsachtundfünfzig groß, aber haut mich komplett um. Nein, nein, ich stehe schon auf Männer, so meine ich das nicht.

Diese kleine Eva hat in dem Moment mein Herz berührt. Irgendwie.

Sie lacht mich so offen an. Ich lache mal zurück. Macht sicher gutes Karma oder so. Aber eigentlich auch, weil ich sie anlachen möchte.

Der Redner erklärt, dass es ein eigenes Seminar über Hausreinigung gebe und hier nur für das Vorhandensein von verschiedenen Schwingungsfrequenzen und deren mächtige Wirkungsweise sensibilisiert werden solle.

Lieblingsweihrauch. Ich komm’ nicht drüber weg.

In der nächsten Pause bin ich dann doch mal mit der Eva im Gespräch. Sofort wird klar, dass ich blutiger Anfänger im Schwingerbereich bin.

»Das mit dem Räuchern war für dich schräg, gell?«, fragt sie lieb.

»Och, schräg, also nein. Ich meine, ... ja!«, gebe ich zu.

»Was zur Hölle räucherst du denn zu Hause?«

Sie lacht so herzlich und umarmt mich von der Seite.

»Ich erzähl’ es dir ein anderes Mal, gell?«

Ach Menno.

»Na, du alte Hupe?«, knufft mich eine sehr große, total locker aussehende Frau in meinem Alter in den Arm.

»Du bist ja putzig. Du glaubst nichts, was du nicht sehen oder anfassen kannst, stimmt ’s?«

Die Frau gefällt mir. Es stellt sich heraus, dass sie Chirurgin ist und Marlene heißt. Eine handfeste, bodenständige Schulmedizinerin. Prompt kam die erste Geschichte aus dem OP.

»Unser Chefarzt ist eine Koryphäe, was schwere Hämorrhoidalleiden angeht. Da putzt der täglich 3—4 Stück im Akkord unter Vollnarkose weg.«

Marlene ist nach meinem Geschmack. Deftig und kernig. Wie ich.

»Eines Tages stand auf dem OP-Plan der Name eines Kollegen aus der Orthopädie des Uniklinikums. Er wollte sich von meinem Chef den Blumenkohl wegschnippeln lassen. Gute Wahl, ich sag’ euch, wenn ihr mal so was habt, der Typ hat ’s drauf.«

Vom Räuchern zum Schnippeln, ich stehe mit fasziniert geöffnetem Mund in grinsender Erwartung und einem Glas Wasser da.

»Jedenfalls hat unser Chef ’ne kleine Macke. Er hört im OP immer laut AC/DC. Sein Ritual sieht folgendermaßen aus.«

Jetzt kommt ’s sicher. Ich nehme schnell noch einen Schluck.

»Er betritt den OP und ruft jedes Mal ›Ist das Arschloch schon aufgebockt? Yeah, let the music play!‹, ernsthaft.«

Ich pruste das mit Edelsteinen energetisierte Wasser aus, weil ich mit allem gerechnet hatte, nur damit nicht. Doch die Pointe folgt erst noch.

»Leider hatte ich vorher vergessen, ihm zu sagen, dass der Kollege nur ’ne Spinalanästhesie hatte. Er konnte ihn also hören.«

Krasse Geschichte und urkomisch. Ich fange an, mich wohler zu fühlen. Diese Ärztin erscheint mir kein bisschen esoterisch. Es gesellen sich noch mehrere Teilnehmer zu uns. Arztwitze aus der erlebten Praxis sind offenbar ein Stimmungsgarant. Interessanterweise sind unter den mit mir neunundzwanzig Personen drei Mediziner.

Meine Eltern sind unglaublich arzthörig. Was der studierte Weißkittel sagt, ist heiliges Gesetz. Ein wenig ist davon auch an mir hängen geblieben. Deshalb wundert mich, was so richtig echte Ärzte hier auf diesem Seminar, das für mich irgendwie in eine viel zu spirituelle Richtung geht, lernen wollen.

Auf der Wiese vorm Seminarraum läuft wieder Tina mit den Stöpseln im Ohr ihre Runden und telefoniert. Ich winke ihr zu und gebe körpersprachlich zu verstehen, dass das Seminar weitergeht.

Neue Sitzordnung. Links von mir eine Heilpraktikerin, die ich für eine Rechtsanwältin gehalten hätte, und rechts von mir ein Rechtsanwalt, den ich für einen Heilpraktiker gehalten hätte. Kein Scherz.

Sie in Businessbluse hanseatisch bleu, Bleistiftrock zu High Heels und bildschön. Er in Norwegerpulli, Jeans und Crocs.

Frau Schüler, denke ich, du musst dein Schubladensystem überarbeiten. Diese Leute hast du alle falsch einsortiert.

Es geht weiter um Schwingungen, Frequenzen und Co.

»Sie sehen die nicht. Aber Sie müssen es einfach glauben, dass es sie gibt.«

Jaja, denke ich. Glaub fest genug dran und dann wirkt es. Was auch immer.

»Frau Schüler, sagen Sie mal«, ich bin geliefert, »sehen Sie fern?

Surfen Sie im Netz? Haben Sie vielleicht ein Handtelefongerät?«

Der Saal lacht. Ich nicke nur.

»Mal angenommen, Sie telefonieren gleich mit Ihrem Liebsten.

Wie funktioniert das?«

Er will jetzt sicher nicht erklärt bekommen, wie man ein Wischhandy bedient. Ich lächle freundlich. Sehr freundlich.

»Mit Funk, Frau Schüler. Mit Funk.«

Ich glaube, er hat recht.

»Und sehen Sie den?«

Er erspart mir die Antwort.

»Nein, das war eine rhetorische Frage. Sie sehen die Funkwellen und deren Frequenzen nicht. Und dennoch existieren sie.«

Meinetwegen.

»Bei der Mobilfunknutzung kommt noch die elektromagnetische Strahlung des Smartphones hinzu, welche man auch nicht sieht. Von der weiß aber inzwischen ja jeder: Nicht gut fürs Brain. Deshalb telefonieren wir ja alle sicher, wie Frau Sundermann es super vorgemacht hat, mit dem Kopfhörer, um uns nicht ständig den angebissenen Apfel direkt ans Ohr zu halten.«

Er zeigt dabei auf Tina.

»Streberin«, forme ich lautlos mit den Lippen in Richtung Tina und mir wird einiges klar.

»Wir haben mit den Kollegen mal ’nen Test gemacht«, wirft Marlene, die Chirurgin, ein und ich hoffe, dass es nicht wieder um Analgeschichten geht.

»Wenn man um ein Stück Fleisch sechs Handys legt und sich alle gegenseitig anrufen, kann man sehen, dass das Fleisch anfängt zu garen.«

Ich wünsche mir sehr, dass sie mit Fleisch ein Schnitzel meint, die Schnipplerin, bin aber tatsächlich etwas erschrocken. Ich notiere mir gedanklich: Headset kaufen.

»Und wenn Sie, Frau Schüler«, mein Gott, was hat er denn nur mit mir, »nun den Tatort gucken möchten, aber ZDF einschalten und die Helene Fischer Weihnachtsshow empfangen, dann kann es passieren, dass sie entweder total begeistert sind oder aber brechen müssen.«

Mir war vorher gar nicht aufgefallen, dass der Typ meinen Humor hat.

»Denn Sie haben eine andere Frequenz als Tatort in der ARD gewählt.«

Ich kann dem nichts entgegensetzen, verstehe aber den Punkt noch nicht in Gänze.

Als hätte er es gehört, folgt prompt: »Kennt jemand von Ihnen das Gefühl, einem Menschen zu begegnen, bei dem einem nicht ganz wohl ist? Ich meine jetzt keinen mit schwarzer Sturmhaube und mit auf Sie gerichtetem Lauf einer Waffe. Sondern einen ganz normal aussehenden Menschen. Der steht vor Ihnen und Sie denken sich:

Mit dem stimmt was nicht.«

»Ja«, sag’ ich, »das ist dann so ein Bauchgefühl.«

Oh Gott, durfte ich schon wieder sprechen?

»Genau, das ist das Bauchgefühl. Frau Schüler hat ein Bauchgefühl. Bravo. Bauchgefühl ist ein gesellschaftlich durchaus anerkannter Begriff. Schwingungsfrequenz eher nicht so«, schmunzelt er.

Sehe ich da etwa einen Hauch von Spott? Egal. Mir wird durch die folgenden Ausführungen klar, dass das, was ich bei einem schlechten Bauchgefühl spüre, die Schwingungen sind, die diese Person ausstrahlt.

»Jeder Mensch ist zugleich Sender und Empfänger von Schwingungsfrequenzen. Und sollten Sie bei einer Person ein schlechtes Bauchgefühl haben, vertrauen Sie drauf. Mit dem Gegenüber wird tatsächlich etwas nicht stimmen. Entfernen Sie sich am besten.«

Das muss ich am Ende des Tages erst mal alles sacken lassen.

»Gibt ’s hier Aperol Spritz im Hotel?«

Meinetwegen auch mit Edelsteinen.

KAPITEL ZWEI

»KRASS, DER WAR IRGENDWIE IN MIR DRIN!«

Ja, es gab Aperol. Und Spritz. Keine Edelsteine.

Ich sitze im Hotelzimmer auf meinem Bett und spule die Gespräche und Szenen des Tages und dessen Ausklang noch mal zurück.

Sandra, das ist der Name der Heilpraktikerin ohne Jurastudium, beeindruckte mich damit, dass sie an der Bar einigen von uns erzählte, wie sie das von ihr und ihrem Mann erworbene alte Haus energetisch reinigte.

»Das war sozusagen mein Lernprojekt.«

Mich hatten sowohl der Inhalt dieser Information als auch die Tatsache, dass sie das so selbstverständlich erzählte, als berichte sie über ihr Rezept für Donauwellen, schwer beeindruckt und gleichzeitig verstört.

Auch jetzt, ungefähr drei Stunden später, erkenne ich in ihrem schönen Gesicht keinerlei Unsicherheit oder Anzeichen von Scham.

Sie glaubt daran. Nein, anders. Sie lebt das. Daran zu glauben, scheint mir zu eng verknüpft mit kindlicher Naivität, möge sie noch so süß sein, was den Weihnachtsmann und seine Kollegen angeht.

Es ist mehr, als nur erhaltene Informationen zu glauben und nachzumachen. Wie nennt man das? Ich komme noch nicht drauf.

Marlene, so bekam ich in der Bar mit, liebt ihren Garten. Sie baut in ihrer wenigen Freizeit selbst Gemüse und Kräuter an. Kennt sich mit Heilpflanzen aus, als habe sie das Wissen aus Hunderten von Jahren zusammengetragen. Jemand aus unserer Runde fragte sie nach einem Kraut gegen ein bestimmtes Leiden, das sie ihm empfehlen könne.

»Geh einfach mal durch deinen Garten und schau, was da so wächst. Wild. Zwischen den Beeten. Im Rasen. Das ist dann genau das, was du gerade brauchst.«

Meine linke Augenbraue schoss augenblicklich in die Höhe. Ich habe das nicht unter Kontrolle. Bei Zweifeln führt sie jedes Mal ein Eigenleben. Marlene lachte sofort in meine Richtung.

»Na, Frau Schüler, da zuckt in dir alles zusammen, hm? Gerade hattest du gedacht, die Marlene, das ist ’ne coole Sau und nun faselt die so was. Gib ’s zu.«

Ich habe grundsätzlich ja auch einen Vornamen, aber seit diesem Seminartag existiert der offensichtlich nicht mehr. Und Marlene operiert nicht nur Pöter, sondern kann auch noch hellsehen.

Eva mischte sich ein.

»Das ist so, dass wir alle mit allem verbunden sind, weißt?« Ich bin ja Ostwestfälin, ich finde »weißt?« total niedlich. Wir hauen ja eher so das derbe »weißte, nä?« raus. Sie kommt offenbar aus Süddeutschland.

»Na ja«, wagte ich einen Vorstoß, »ich fühle mich vielem verbunden, aber ja nicht dem, was ich nicht kennen kann.«

»Dein Verstand, dein Bewusstsein kennt das vielleicht nicht. Aber du bist Teil der göttlichen Intelligenz. Du bist alles und du weißt alles. Dein Unterbewusstsein ist angebunden an alles Wissen. An die Schöpferkraft, weißt?«

»Ich hätte gern noch einen Aperol Spritz, bitte!«

Was für ein Kraut hatte die denn geraucht? Sicher eins, das in ihrem Garten wächst. Das war ja nüchtern nicht auszuhalten. Ich hatte gesehen, dass auch Tina grinsen musste. Wir prosteten uns zu und ich bemühte mich, Eva irgendwie ernst nehmen zu können.

Jetzt, wo ich dabei bin, mir die Schlafanzughose anzuziehen, fällt mir auf, dass ich ganz schön toleranzarm bin. Intolerant wäre jetzt zu weit gefasst. Jedenfalls plagt mich gerade ein wenig das schlechte Gewissen ob meiner unbestreitbar arroganten Grundhaltung.

Denn Eva hatte durchaus gemerkt, dass ich sie sicher auch nach dem vierten Aperol nicht wirklich hätte für voll nehmen können, und hatte ihren Kopf an meine Schulter gelegt und gemeint: »Das ist viel, gell?«

Ich hatte erst mit dem zweiten Denker verstanden, dass sie nicht den Inhalt meines Glases, sondern den ihrer vorherigen Äußerung meinte.

»Wart ’s ab. Das verstehst schon noch.«

»Pass auf, Mädchen, ich sag ’s mal in deiner Sprache«, unterstützte Marlene. »Dein Körper weiß, was er braucht. Was ihm fehlt, wenn du von irgendetwas einen Mangel hast zum Beispiel. Sagen wir, wenn im System etwas nicht ganz rund läuft.«

Ah so.

»Dein Bewusstsein haste oben inner Birne. Damit denkst du.« Sie klopfte mir vor die Stirn. Auf die Stelle etwa, an der bei ihr mein Stempel »Rampensau« prangte.

»Dein Unterbewusstsein lebt da.«

Sie zeigte auf meinen Oberbauch.

»Eisbergbild. Kennste, stimmt ’s? Titanic und so? Oben guckt die sichtbare Spitze raus, unter Wasser ist der Bärenanteil, ungefähr neunzig Prozent des Eisberges. Siehste halt nicht. Im Kopf haste den weißtürkisen Eisberg, im Bauch alles das, was du vom riesigen Eisberg eben nicht siehst. Das ist dein Unterbewusstsein. Siehste nicht. Haste aber.«

Mein Aperol wurde serviert.

»Nimm mal einen kräftigen Schluck, du siehst ja ganz verstört aus, Frau Schüler«, lachte es von hinten.

Ottokar.

Wer bitte nennt sein Kind Ottokar, muss ich jetzt beim Zähneputzen noch mal schmunzeln. Ottokar war sicher auch vor geschätzten vierzig Lebensjahren kein aktueller Babyname für ihn. Was machte er noch gleich? Ich habe es vergessen. Mir fällt nur noch ein, dass er ständig vor die Tür ging, um zu rauchen.

Ich nahm gleich drei Schlucke und hatte plötzlich ein sehr kaltes Gefühl im Magen, sicher von den Eisbergen im Getränk.

»Dein Bauchgefühl, das kennste ja. Das kommt nicht von da oben.

Das kommt von da unten.«

Da unten. Ottokar lachte. Männer.

»Dein Bauch, dein Unterbewusstsein weiß, wenn was nicht stimmt. Wenn ’ne Situation brenzlig ist. Wüsste, wenn Ottokar ’ne Bedrohung für dich wäre. Haste doch selbst gesagt. Du kennst son komisches Bauchgefühl.«

Als ich mein Kopfkissen zurechtlege, muss ich noch mal nicken.

Stimmt. Das kenne ich. Auch andersherum. Also auch bei Menschen, denen ich vertrauen würde. Oder bei denen ich mich aus unerklärlichen Gründen sofort wohlfühle.

Ich kuschle mich ins Hotelbett und knipse das Licht aus. Handy in den Flugmodus. Mein erstes Mal. Habe bisher immer Angst gehabt, etwas zu verpassen. Jetzt habe ich Angst vor krossem Hirn.

»Frau Schüler, sind Se noch bei uns?«, witzelte Marlene.

Yes, Sir.

»Dein Unterbewusstsein kommuniziert permanent mit allem. Es weiß, wenn du Eisenmangel hast. Es sendet die Frequenz dessen, was du brauchst, aus. Und dann findest du in deinem Garten eben auch Löwenzahn. Der ist blutbildend.«

Wow.

»Nenn es einfach dein Bauchhirn«, schloss sie und kniff mir in den Bauchspeck.

Ich sinke immer tiefer in die Matratze und die Müdigkeit, sehe im Halbschlaf noch herrlich krossen Frühstücksspeck vor meinen Augen und schlafe endlich ein.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, fällt es mir ein. Das Wort, das mir gestern noch fehlte. Es ist Wissen. Sandra erzählte nicht von etwas, an das sie glaubt, sondern von etwas, das sie weiß. Sie weiß, dass es Energien gibt, die man nicht sieht. Sie weiß, dass wir ständig auf unterschiedlichen Frequenzen senden und auch auf solchen empfangen. Sie weiß das alles; deshalb kann sie es mit genau der gleichen Überzeugung und Sicherheit erzählen, wie wenn sie ihr Donauwellenrezept als gelingsicher verkauft. Und woher weiß sie, dass ihr Rezept immer einen Backerfolg garantiert? Weil sie den verdammten Kuchen schon hundert Mal gebacken hat! Natürlich.

Sie weiß es aus Erfahrung. Sie hat es erlebt. Ich bin ganz aufgeregt.

Solange wir etwas nicht wirklich erlebt haben, können wir es nur glauben oder es eben lassen. Man kann da sicher in vielen unterschiedlichen Nuancen glauben. Aber es zu wissen, das ist die nächsthöhere Stufe.

Bevor ich meinem Patensohn sagte, dass Strom durch den Weidezaun fließt, hat er es grundsätzlich geglaubt und war vorsichtig. Da war er drei Jahre alt und mit mir auf einem Ponyhof. Nachdem er das obligatorische Pinkelspiel mit einigen anderen Jungs fünf Jahre später auf Langeoog spielte, weiß er, dass durch solche Zäune Strom fließt.

Die Sandra beobachte ich mal. Ich möchte herausfinden, was sie erfahren hat. Weshalb sie weiß, dass das, was ich für esoterischen Kram halte, wahr ist.

Oh, ich muss mein Handy ja jetzt wieder empfangsbereit machen.

Drei Nachrichten auf Whatsapp. Ich denke plötzlich doch noch mal ganz anders übers Senden und Empfangen nach.

Im Frühstücksraum treffe ich auf Ottokar.

»Hey, Frau Schüler, wie war die Nacht mit Leonardo DiCaprio?«

Der Witz war flach, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mich trotz seiner Raucherei irgendwie wohl in seiner Nähe fühle. Er sendet also auf guten Frequenzen, das sind die höher schwingenden, das habe ich von gestern noch behalten. Ich empfange sie. Von Eisberg zu Eisberg, Bauchhirn zu Bauchhirn, Speck zu Speck.

Ich muss in der Nacht einen Marathon gelaufen sein, so einen Hunger habe ich. Rührei passt gut dazu. Und ein Croissant. Am Schnittlauch treffe ich einen der Redner.

»Na, Frau Schüler, Sie geben uns noch eine Chance? Kurz hatte ich gestern das Gefühl, Sie würden noch abends Ihren Koffer packen.«

»Geben wir uns einfach beiden noch eine Chance.«

Ich ziehe mein imaginäres Pflaster vom Mund, knülle es zusammen und halte es ihm hin. Er versteht, lacht, nimmt es und wirft es weg.

»Deal?«

»Deal!«

Ich blicke durch den Raum und versuche, Schwingungen zu spüren. Wo fühlt man die jetzt noch mal? Im Arm oder im Bauch? Ein lautes Magenknurren liefert die Antwort.

Am Frühstückstisch lausche ich den Gesprächen der anderen.

Jemand stellt eine kleine Pyramide aus Glas auf den Tisch und sagt:

»Das gibt gute Energie. Ist eine Kraftquelle.« Marlene nimmt sie sofort wieder runter und wirkt tatsächlich etwas aufgebracht.

»Kollege, das darfste nicht einfach so machen. Mag ja deine Kraftquelle sein, aber das muss ja nicht für alle gelten. Ich will das Teil hier jetzt nicht. Bei so was muss man immer erst vorher fragen.«

Huch, was war denn da passiert? Welchen Teil habe ich verpasst?

Sandra versucht zu retten.

»Du hast das sicher total lieb gemeint, Tim, hm? Bei solchen intensiven Geschichten muss man aber wirklich ganz sensibel sein.«

Was für intensive Geschichten? Er hat doch keine acht Worte gesprochen.

»So eine Pyramide ist energetisch hochkomplex. Die kann richtig in Systeme eingreifen. Es ist gut, wenn sie für dich richtig ist, Tim, aber das kann bei anderen tatsächlich anders wirken, sogar stören.«

Dieses Dekoteil aus Glas? Ich beiße mir nur auf die Lippen, weil Sandra das gesagt hat.

Eva lacht.

»Hast noch nie von den magischen Kräften der Pyramiden gehört, du?«

Schon irgendwie, aber die sind ja ein Stück größer und auch ganz woanders und nicht aus Glas und von Amazon. Ich lächle lieber nur.

Hier fühlt es sich gefährlich an.

Ach guck, denke ich, ich spüre Schwingungen. Dabei hat keiner etwas auf Gefahr Hinweisendes gesagt wie: »Obacht, hinter Ihnen befindet sich ein beißbereites Krokodil!«

Ich betrachte das hier mal als Übungsaufgabe. Wer sendet auf dieser Frequenz? Klar, den Worten nach zu urteilen war das Marlene. Das ist ja nicht schwer zu erraten. Aber für Gefahr braucht es ja mehr. Das Krokodil ist ja nur dann gefährlich, wenn es mir Schaden zufügen kann. Und ich betrachte es nur als Gefahr, wenn ich auch darum weiß, dass es mir die Beine abbeißen kann. Es braucht also auch das passende Gegenstück dazu. Das Krokodil ist stark und ich bin schwach. Oder es ist mächtig und ich habe Angst. Nee, ich hab’ es noch nicht ganz. Aber ich bin nah dran, das habe ich im Gefühl.

Marlene war eh fertig und geht zum Haareföhnen noch mal hoch.

Ich sehe Sandra und Tim an einem leeren Tisch freundlich debattieren. Sandra kommt kurz zurück zu ihrem Stuhl, geht an ihre Tasche und holt ein langes Röhrchen raus. Darin befindet sich ein Dings — ich habe keine Ahnung, was es ist. Eva, die liest mich irgendwie.

»Das ist ein Tensor, weißt?«

»So was wie ein Pendel?«

»Ja, genau.«

»Was macht sie damit?«

»Sie testet sicher, ob die Pyramide eine positive oder negative Energie ausstrahlt.«

Was ich alles darauf erwidern möchte, würde den Frühstücksraum mitsamt seinen Gästen sofort zu Staub zerfallen lassen; deshalb beiße ich lieber einen großen Bissen von meinem Croissant ab.

Das Pflaster wurde ja leider entsorgt.

Sandra und Tim setzen sich wieder zu uns.

»Und?«, fragt Eva.

»Die Grundenergie der Pyramide ist leider gar nicht gut. Es kann gut sein, dass Marlene deshalb so stark darauf reagiert hat. Tim kann versuchen, sie in seine große Amethystdruse zu legen, und schauen, ob sie sich reinigt.«

Das klingt versaut oder nach einem Geschwür. Ich möchte bitte keine weiteren Informationen.

»Ich gehe dann auch mal ... föhnen«, sag’ ich und stecke meine furztrockenen Haare im Flur des Hotels gekonnt zu einem Messy Bun hoch. Ja, solche Begriffe kenne ich. Amalgamdrüse sagt mir nichts.