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Resilienzförderung im Coaching hat sich in den letzten Jahren zum Topthema entwickelt. Immer mehr Menschen suchen Rat im Businesscoaching, wenn es um den Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit in einer guten Balance mit der persönlichen Gesundheit geht. Auf der Grundlage moderner, wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse der Resilienzforschung stellt Ute Zander-Schreindorfer in ihrem Buch resilienzfördernde Methoden und Ansätze zusammen, die in allen Coachingformaten zum Einsatz kommen können. Auf dem Hintergrund systemischer Grundhaltungen wie der des Nichtwissens und des Respekts vor der Veränderungsverantwortung von Klient:innen zeigt die Autorin, selbst jahrzehntelang erfahren als Gesundheits- und Resilienzcoach, wie Menschen mit Krisen umgehen und in die Lage versetzt werden können, sich langfristig vor Überlastung und Burnout zu schützen. Es geht dabei weniger um schnelle Lösungen, die auf Knopfdruck funktionieren, sondern um Tools, die Lösungsprozesse effektiv und nachhaltig anstoßen. Dafür ist es nie zu spät – ganz im Sinne des lebenslangen Lernens stellt auch die Resilienzförderung im Coaching einen Ansatz dar, der immer wieder erarbeitet und neu verstärkt werden kann.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ute Zander-Schreindorfer
VANDENHOECK & RUPRECHT
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2025 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
Koninklijke Brill BV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Brill Wageningen Academic, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau und V&R unipress.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Mustafa/Adobe Stock
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen
EPUB-Erstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
E-Mail: [email protected]
ISBN 978-3-647-99239-6
Homo resilientus – Vorwort
Abschnitt I: Grundlagen eines systemischen Resilienzkonzepts
1Entwicklung, Theorien und Modelle der Resilienz
2Systemisches Resilienz- und Gesundheitscoaching
3Unterscheidung Resilienz und Ressourcenorientierung
4Risiko- und Schutzfaktoren
5Sieben Faktoren der Resilienz
6Das Resilienzcoaching-Modell
7Abgrenzung zu Psychotherapie
Abschnitt II: Die Resilienzcoaching-Toolbox
1. Phase: Kontext- und Auftragsklärung
Toolbox 1.1: Wohlformulierte Ziele
Toolbox 1.2: Fragen zur Kontext- und Auftragsklärung
Toolbox 1.3: Auftragsklärung mit dem Systembrett
Toolbox 1.4: Auftragsklärung mit Timeline und Bodenankern
2. Phase: Analyse und Standortbestimmung
Toolbox 2.1: Selbsttest Resilienz
Toolbox 2.2: Gesundheits-Check
Toolbox 2.3: Team-Gesundheits-Check
Toolbox 2.4: Das Energiefass
Toolbox 2.5: Der Resilienztempel
Toolbox 2.6: Der Rollenkuchen
Toolbox 2.7: Die Biografielinie
Toolbox 2.8: Die Ressourcenanalyse
3. Phase: Achtsamkeitstraining und Stressbewältigung
Toolbox 3.1: Innehalten
Toolbox 3.2: Die innere Mitte
Toolbox 3.3: Atemtechniken
Toolbox 3.4: Check-in bei mir selbst
Toolbox 3.5: Die Fünf-Finger-Meditation
Toolbox 3.6: Der Drei-Minuten-Atemraum
Toolbox 3.7: Die Naturpause
Toolbox 3.8: Embodiment-Übung
Toolbox 3.9: Progressive Muskelentspannung
Toolbox 3.10: Body-to-Brain-Übungen
Toolbox 3.11: Micro-Movements für eine bessere Stimmung
4. Phase: Gesunde Grenzen setzen
Toolbox 4.1: Die Kunst des Neinsagens
Toolbox 4.2: Grenzen in Beziehungen resilient gestalten
Toolbox 4.3: Mitfühlender Brief an mich selbst
Toolbox 4.4: Hoch- und Tiefstatus
Toolbox 4.5: Selbstmitgefühl stärken
5. Phase: Mentale Stärke und innere Erlaubersätze finden
Toolbox 5.1: Resilientes Mindset
Toolbox 5.2: Reframing und der gute Grund
Toolbox 5.3: Den Zuversichtsakku aufladen
Toolbox 5.4: Negative Gefühle verstehen und akzeptieren
Toolbox 5.5: Auf Wolken gehen
Toolbox 5.6: Notfallkoffer Emotionen
Toolbox 5.7: Das ABC-Modell
Toolbox 5.8: Das Glücks- und Dankbarkeitstagebuch
Toolbox 5.9: Emotions-Change
6. Phase: Proaktivität und Handlungsspielräume erweitern
Toolbox 6.1: Veränderbare und nicht veränderbare Welt
Toolbox 6.2: Training des Achtsamkeitsmuskels
Toolbox 6.3: Aktionsplan für die Umsetzung
Toolbox 6.4: Die eigene Intuition trainieren
Toolbox 6.5: Blick zurück aus der Zukunft
Toolbox 6.6: Homezone, Lernzone, Stresszone
Toolbox 6.7: Die eigenen Werte bewusst machen
Toolbox 6.8: Systemische Lösungsorientierung
Toolbox 6.9: Der 80. Geburtstag
7. Phase: Soziale Netzwerke und Beziehungen
Toolbox 7.1: Check Beziehungsnetzwerk
Toolbox 7.2: Das Beziehungskonto
Toolbox 7.3: Rituale in Beziehungen
Toolbox 7.4: Beziehung aufbauen und sich durchsetzen
Toolbox 7.5: Mitfühlende Sätze
Toolbox 7.6: Verbundenheit stärken
Toolbox 7.7: Achtsame und gewaltfreie Kommunikation in Konfliktsituationen
Toolbox 7.8: Beziehungsanalyse
Toolbox 7.9: Selbstreflexionsübung »Verhalten in Konfliktsituationen«
8. Phase: Transfer
Toolbox 8.1: Ziele formulieren mit dem Moodboard
Toolbox 8.2: Bonusbohnen
Toolbox 8.3: Die acht Dimensionen des Wohlbefindens
Toolbox 8.4: Resilienztempel blanko
Ausblick: Wie entwickelt sich Resilienz weiter?
Danke
Literatur
Unsere Welt muss resilienter werden und das wird sie auch. Es ist sicherlich kein Zufall, dass auf dem Hintergrund einer sich ständig verändernden (man muss sagen, sehr krisenhaften) geopolitischen Weltlage die Resilienzforschung eine immense Bedeutung gewonnen hat. Sie beschäftigt sich nicht nur mit der individuellen Resilienzentwicklung, die moderne Resilienzforschung konzentriert sich auch auf biologische und organisationale Aspekte.
Seit nunmehr fünfzig Jahren wird das Konzept der psychischen Widerstandskraft stetig weiterentwickelt. Zwischen den Anfängen Emmy Werners mit ihrer Langzeitstudie auf Kauai Mitte der 1950er Jahre bis hin zu aktuellen neurologischen und biologischen Forschungsansätzen liegen viele wissenschaftliche Entwicklungsstufen.
Die Beratung von Menschen in gesundheitlichen Belastungssituationen beschäftigt mich persönlich seit fast zwanzig Jahren. Zu Beginn ging ich davon aus, dass sich die Probleme rund um psychische Belastung am Arbeitsplatz und Burn-out schnell lösen lassen. Schließlich gab es ja schon lange gute Lösungsansätze und die Zahl der wissenschaftlichen Studien, die aufzeigen, wo die Stellschrauben für mehr Gesundheit und Resilienz am Arbeitsplatz zu finden sind, ist beeindruckend hoch. Doch wider Erwarten sind die Probleme bis heute geblieben oder sie haben sich verändert, ohne vollständig gelöst werden zu können. Bevor wir jetzt den Kopf in den Sand stecken und daran verzweifeln, lässt sich gleichzeitig feststellen, dass sich das Wissen und die Bewältigungskompetenzen von Menschen in Krisen beeindruckend weiterentwickelt haben. Achtsamkeitsübungen, Entspannungstechniken und psychologisches Grundwissen für eine gute Psychohygiene gehören in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen mittlerweile zum Standard. Also sind viele Menschen viel resilienter als früher. Doch gleichzeitig steigen die Herausforderungen. Die Entwicklung von Resilienz und psychischer Gesundheit scheint somit insgesamt paradox: einerseits die Weiterentwicklung, andererseits die ständig steigenden Herausforderungen, die wiederum zu noch mehr Resilienz und Gesundheit aufrufen.
Auf diesem Hintergrund bin ich allen Menschen dankbar, die mich in den letzten zwanzig Jahren an ihren Entwicklungs- und Lösungswegen für mehr psychische Gesundheit haben teilhaben lassen. Durch sie habe ich in unzähligen Beratungsstunden und in Seminaren gelernt, dass wir trotz aller Probleme optimistisch, mutig und kreativ bleiben dürfen, wenn es darum geht, unsere Lebensumstände täglich etwas besser werden zu lassen.
So ist auch dieses Buch entstanden. Es richtet sich in erster Linie an Coaches, Beraterinnen und Therapeuten1, die bereits Basiswissen im systemischen Denken und Arbeiten mitbringen und sich nun auf die Beratungsarbeit für mehr Gesundheit und Resilienz konzentrieren möchten. Daher gehe ich in diesem Buch nicht auf systemisches Grundwissen ein. In der Literaturliste empfehle ich Veröffentlichungen, die diese Lücke schließen. Dann fällt es Ihnen leichter, die Tools systemisch einzuordnen und die Anwendung auch individuell auf die jeweilige Resilienzcoaching-Situation anzupassen.
Wir starten im ersten Abschnitt dieses Buches mit einem Überblick über aktuelle Resilienztheorien und Resilienzmodelle. Obwohl der Schwerpunkt im zweiten Abschnitt auf den Coaching-Methoden zur individuellen Resilienzförderung liegen wird, ist es mir vorab wichtig, theoretische und konzeptionelle Grundlagen zu schaffen, damit die Tools von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einzuordnen sind. Denn die Resilienzcoaching-Szene ist groß und unübersichtlich. Eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle und theoretischer Ansätze wurden in den letzten Jahren veröffentlicht, die nicht immer gut zueinander passen. Abschließend werde ich im zweiten Teil des ersten Abschnitts ein systemisches Resilienzmodell vorstellen, das klare Bezüge zu bekannten und wissenschaftlich fundierten Konzepten aufzeigt und gleichzeitig bewährte Abläufe im systemischen Coaching abbildet. Der Hauptteil des Buches (Abschnitt II) konzentriert sich auf die Resilienzcoaching-Praxis.
Bevor es losgeht, noch ein paar Worte dazu, wie Sie dieses Buch lesen können. Im ersten Abschnitt geht es in Kapitel 1 bis 4 um theoretische Grundlagen. Vielleicht ist eine Auffrischung zum systemischen Ansatz und zu relevanten Resilienztheorien hilfreich, um die anschließende Toolbox besser einordnen zu können. Die Kapitel 5 und 6 empfehle ich zu lesen, um das 7-Faktoren-Modell der Resilienz und den Resilienzcoaching-Ablauf besser einordnen zu können. Wer jedoch schon erfahren in der Praxis des Resilienz- und Gesundheitscoachings ist, kann auch sofort mit der Toolbox beginnen. Jedes Tool ist in der Praxis erprobt und wird einzeln erklärt. Und jedes Beratungssystem ist anders und daher darf auch jede Methode individuell angepasst werden. Lassen Sie sich in der Anwendung gerne inspirieren, die Methoden kreativ zu verändern.
Ich habe mich entschieden, die Toolbox nicht am Resilienzfaktoren-Modell auszurichten. Im ersten Abschnitt zur Theorie der Resilienz werden wir erkennen, dass Resilienz ein vielseitiges Modell ist, das aus Aspekten der Persönlichkeit, der Sozialisation und auch bestimmter Verhaltensweisen besteht. Das Konzept der Resilienz ist aus meiner Sicht nicht unmittelbar operationalisierbar. Daher stelle ich ein weiteres Modell vor: das Resilienzcoaching-Modell. In diesem Modell habe ich Anwendungsbereiche festgelegt, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass mehr Resilienz entsteht. Es ist Grundlage der Toolbox im zweiten Abschnitt dieses Buches. Sie werden jedoch Hinweise finden, wie die einzelnen Anwendungsbereiche im Ergebnis zur Stärkung einzelner Resilienzfaktoren führen.
Ich würde mich freuen zu hören, wie Sie die Tools in der Praxis umsetzen konnten. Schreiben Sie mir gerne Ihre Erfahrungen an:
Jetzt wünsche ich Ihnen viel Freude beim Lesen und mit den Coachees einen guten Prozess zu mehr Resilienz.
Ute Zander-Schreindorfer
1Im Sinne der Gendergerechtigkeit verwende ich weibliche und männliche Formen im freien Wechsel.
Seit ungefähr zehn Jahren hat sich in der Coaching-Szene das Resilienz- und Gesundheitscoaching etabliert. Zuvor wurden im klassischen Business-Coaching ausschließlich berufliche Themen bearbeitet (Konflikte, Führung, Strategie u. v. a. m.). Zunehmender Stress in der Arbeitswelt, unter anderem ein zunehmend hoher Workload und vielfältige anspruchsvolle Erwartungen am Arbeitsplatz, haben dazu geführt, dass die Themen »Gesundheit«, »Work-Life-Balance« und »Resilienz« inzwischen eine große Bedeutung auch im Business-Coaching einnehmen. Sie bilden den starken Wandel in unserer Arbeitswelt ab. Das Beratungsformat Coaching hat diesen Wandel aufgegriffen. Heute ist es normal, dass Führungskräfte im Coaching über ihre gesundheitlichen Belastungen sprechen möchten und nachhaltige Lösungen suchen.
Was sich manchmal im Grenzbereich zur Psychotherapie bewegt und lange kategorisch aus dem Coaching ausgeklammert wurde, hat einen neuen Platz bekommen. Resilienz- und Gesundheitscoaching beschäftigt sich mit individuellen und organisatorischen Lösungsansätzen für mehr Gesundheit und Resilienz und weniger Belastung am Arbeitsplatz. Im Unterschied zur Psychotherapie wendet sich das Resilienz- und Gesundheitscoaching an gesunde Menschen. Psychisch kranke Menschen sind in der Psychotherapie besser aufgehoben. Diese Grenzlinie ist nicht immer ganz leicht zu ziehen, umso bedeutsamer erscheint es mir doch, sie im Resilienz- und Gesundheitscoaching immer wieder auszuloten.
Dieses Buch möchte einen Beitrag leisten, um einen professionellen Zugang zum systemisch geprägten Resilienz- und Gesundheitscoaching zu finden. Ich orientiere mich daher an einem systemischen Coaching-Konzept, das lösungs- und ressourcenorientiert, aber auch konstruktivistisch geprägt ist. Beginnend mit dem Prozess der Auftragsklärung behält das systemische Resilienz- und Gesundheitscoaching wichtige Aspekte eines systemischen Coaching-Prozesses im Blick: Hypothesenbildung, Neutralität, Haltung des Nichtwissens und die Haltung, dass die Kunden Experten ihres eigenen Lebens und somit auch ihrer eigenen Gesundheit sind. Das hat spezifische Auswirkungen für den Resilienzcoach: Es gibt kein Standardrezept für die Resilienzförderung und die Resilienz-Tools, die ich in diesem Buch vorstellen werde; sie wirken nur dann, wenn sie in die aktuelle Lebens- und Gesundheitssituation der Klientinnen passen. Denn die Wirksamkeit von Coaching-Tools ist systemisch gesehen davon abhängig, ob das Klientensystem offen ist für einen Lern- und Veränderungsprozess. In diesem Punkt setze ich in diesem Buch andere Akzente als andere Veröffentlichungen zu Resilienz. Ich gehe nicht davon aus, genau zu wissen, welches Tool für welchen Resilienzentwicklungsschritt passt. Denn systemisch gesehen ist Veränderung ein komplexes Geschehen, das sehr individuell angestoßen und umgesetzt wird. Selbst wenn ich als Expertin von außen betrachtet sagen würde, diese Person sollte unbedingt etwas mehr Verantwortung in ihrem Leben übernehmen, so entscheidet doch immer die Person selbst, wann der richtige Zeitpunkt ist, etwas in ihrem Leben zu ändern. Das gilt auch für die Vielzahl der Tools, die Sie im zweiten Abschnitt dieses Buches kennenlernen werden. Die angenommene Wirkung, die in jedem Tool beschrieben wird, ist nur hypothetisch. Es kann sein, dass eine Person nicht so auf eine Intervention reagiert, wie ich mir das vorstelle. Ich halte das für völlig normal. Als systemisch arbeitende Coaches machen wir lediglich ein Veränderungsangebot. Ob die Art und der Zeitpunkt des Veränderungsangebotes passen, entscheidet nicht der Coach, sondern immer die Coachee. Und über allem schwebt die Erkenntnis, dass, anders als im traditionellen Business-Coaching, es im Resilienzcoaching manchmal gar keine konkreten Lösungen geben kann. Denn Resilienz bedeutet auch, Dinge, die ich gerade nicht ändern kann, auszuhalten und zu akzeptieren. Insofern hat Resilienzcoaching manchmal etwas von dem christlichen Ansatz der Seelsorge: Einfach da sein und die Hand halten.
In diesem Kapitel stelle ich die Entwicklung der Resilienzforschung dar und grenze den Begriff »Resilienz« von der »Salutogenese« ab. Außerdem lernen Sie ein Resilienzmodell kennen, das später die Grundlage der einzelnen Resilienzcoaching-Tools darstellt. Abschließend führe ich den systemischen Ansatz des Resilienz- und Gesundheitscoachings näher aus und in diesem Zusammenhang erkläre ich den Unterschied zwischen Resilienz und Ressourcenorientierung.
Emmy Werner (1992) gilt als eine der Pionierinnen der Resilienzforschung. 1977 veröffentlichte sie die Langzeitstudie über Resilienzfaktoren von Kindern und Jugendlichen der Insel Kauai. Damit legte sie wesentliche Grundsteine für spätere Resilienzkonzepte. Sie hat die Resilienz frühzeitig als psychische Widerstandskraft beschrieben und in diesem Zusammenhang Schutz- und Risikofaktoren benannt, die in allen späteren Theorien und Konzepten aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Grundlegend für spätere Forschungsansätze und auch in einer systemischen Betrachtungsweise bedeutsam ist ihre Erkenntnis, »dass die Resilienz eines Menschen an wechselseitig sich bedingende Effekte gebunden ist, d. h., dass sie von der Wechselwirkung zwischen Schutzfaktoren abhängt, die beim Individuum, in seiner Familie und in seinem Umfeld vorhanden sind« (Welter-Enderlin u. Hildenbrand, 2008, S. 30). Das entsprach bereits damals dem systemischen Denken, denn Emmy Werner benannte schon früher als andere die Wechselwirkungen und Zusammenhänge zwischen psychischen und sozialen Systemen: Nicht der einzelne Mensch reagiert resilient, sondern der Mensch im Kontext seiner sozialen Systeme, so in Familien, Teams und Organisationen.
Emmy Werner fasste in ihren ersten Forschungsergebnissen folgende Resilienzfaktoren zusammen (Berndt, 2015, S. 65): Demnach haben resiliente Menschen …
liebevolle Bezugspersonen,
übernehmen früh Verantwortung,
haben soziale Kompetenzen und
sind starke Persönlichkeiten.
Einige Aspekte dieser damals erstmalig benannten Resilienzfaktoren finden sich auch in aktuellen Modellen wieder.
Der weitere Verlauf der Resilienzforschung hat sich im Anschluss an die Forschungsarbeit von Emmy Werner in vier Phasen entwickelt (Bentner u. Jung, 2022, S. 79):
Die erste Phase (zwischen 1960 und 1970) konzentrierte sich mit Vertreterinnen wie Emmy Werner darauf, zu beschreiben, was Resilienz überhaupt ist. Mit Blick auf das Individuum beschrieben die Forschenden Risiko- und Schutzfaktoren, die dann zur jeweiligen starken oder schwachen Ausprägung resilienten Verhaltens führen.
Während der zweiten Phase der Resilienzforschung versuchte man, die Prozesse genauer zu beschreiben, die zu resilientem Verhalten führen. Es war nun deutlich, dass das Ineinanderwirken unterschiedlicher Faktoren komplexer verläuft als ursprünglich vermutet. Prozesse auf der innerpsychischen, physischen und sozialen Ebene greifen stark ineinander und beeinflussen sich gegenseitig.
Die dritte Phase der Resilienzforschung befasste sich mit Ansätzen zur Stärkung der individuellen psychischen Widerstandskraft. Die Erkenntnisse dieser Forschungsphase beeinflussen auch jetzt noch die Resilienzcoaching-Szene.
Die aktuelle vierte Phase der Resilienzforschung verbindet viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und beschäftigt sich weiter mit der »Erforschung genetischer und neurobiologischer Anteile von Resilienz, aber auch in multidisziplinärer Art und Weise mit integrativen Lösungen angesichts globaler ökologischer, pandemischer und politischer Krisen« (Masten, 2016, S. 23, zit. n. Bentner u. Jung, 2022, S. 79). Der Blick geht also noch mehr in die wissenschaftliche Breite und bezieht auch gesellschaftliche Zusammenhänge mit ein, die möglicherweise Einflüsse auf die Resilienz haben.
Die heutige Bedeutung der Resilienzforschung lässt sich am besten an der Arbeit des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz ablesen. 2018 als Deutsches Resilienzzentrum gegründet und 2020 in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen, wird hier interdisziplinär zu Interventionen, Resilienz zu stärken bzw. präventiv wirksam werden zu lassen, geforscht. Dafür arbeiten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus der Physik, der Medizin und der Psychologie zusammen. Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung unterscheidet zwischen Resilienzfaktoren und Resilienzmechanismen und betont, dass die moderne Resilienzforschung nicht mehr davon ausgeht, es handele sich bei Resilienz um ein bestimmtes Charaktermerkmal, das gezielt erlernbar ist, sondern dass Resilienz das Ergebnis einer guten psychischen Gesundheit trotz Stress und Belastung ist. Weiter spricht das Leibniz-Institut für Resilienzforschung von einem Adaptionsprozess, von einer sich immer wieder ändernden Strategie. Menschen nutzen nicht auf immer und ewig das eine Resilienzkonzept, das mal wirksam war, sondern passen ihre resilienten Strategien in Wechselwirkung mit ihrem sozialen Umfeld an.
In vielen Veröffentlichungen rund um Resilienz- und Gesundheitscoaching wird neben einigen Resilienzfaktoren auch das Konzept der Salutogenese erwähnt. Daher lohnt es sich, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten genauer zu betrachten. Fest steht, dass die Konzepte zwar im selben Zeitraum entstanden sind, jedoch unterschiedliche Ziele verfolgen und im Laufe der letzten fünfzig Jahre auch unterschiedliche Bedeutungen gewonnen haben.
Der salutogenetische Ansatz von Aaron Antonovsky (1997) beschreibt eine Betrachtungsweise, die nicht danach fragt, was Menschen krank macht, sondern welche Faktoren sie gesund erhalten. Diese Art und Weise zu denken war in den 1970er Jahren noch völlig neu und ist das Verdienst von Antonovsky, der im Rahmen seiner Forschungstätigkeit Krankheit und Gesundheit aus einer ganz anderen Perspektive betrachtete (BZgA, 2023).
Antonovsky stellte sich damals in einer Studie in Israel mit Überlebenden des Holocaust die Frage, wie es so vielen Frauen gelungen sein mochte, die traumatischen Erlebnisse im Konzentrationslager zu verarbeiten, ohne an gravierenden Traumafolgestörungen zu leiden. Seine Untersuchungen stellten heraus, dass wider Erwarten einige der befragten Teilnehmerinnen eine relative psychische Gesundheit zeigten. Antonovsky nahm an, dass diese Frauen über ein sehr gut ausgeprägtes Kohärenzgefühl verfügten.
Mit Kohärenz meint er einen Zustand, in dem ein Mensch Ereignisse in seinem Leben gut verarbeiten kann. Dazu gehört die Fähigkeit, Erlebnisse zu verstehen und richtig einzuordnen, darauf zu vertrauen, dass man auch furchtbare Ereignisse verarbeiten kann, und die Gewissheit, dass man trotzdem seine Ziele im Leben weiterverfolgen und sich an Dingen orientieren kann, die dem eigenen Leben einen Sinn verleihen. Aspekte von Kohärenz sind nach Antonovsky:
Verstehbarkeit: Damit ist das Gefühl gemeint, die Welt um sich herum und das, was tagtäglich geschieht, zu verstehen, Erklärungsmodelle für Erlebnisse und Ereignisse zu besitzen und sie in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können und daraus die Sicherheit zu schöpfen, dass das Leben Kontinuität besitzt und einigermaßen berechenbar ist.
Handhabbarkeit: Das Vertrauen darauf, alles, was einem im Leben begegnet, auch Krisen und Katastrophen, bewältigen zu können. Dieses Selbstvertrauen beruht zum Teil auf der Erfahrung, in der Vergangenheit schon schwierige Situationen bewältigt zu haben und anschließend auch wieder bessere Zeiten kommen werden.
Sinnhaftigkeit: Die Überzeugung, dass das eigene Leben einen Sinn, einen Wert hat. Sie ermöglicht Offenheit und Anteilnahme, Gemeinschaftsgefühle mit anderen Menschen sowie ein Interesse an Dingen, das Voraussetzung dafür ist, sich Ziele setzen zu können, die man gerne erreichen möchte. Diese Überzeugung gründet sich auf dem Gefühl, selbst Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst und das einem Halt und Sicherheit gibt, z. B. religiöse oder spirituelle Vorstellungen, aber auch eine bestimmte Ethik, Moral, Einstellung etc.
Vor allem das Kohärenzmodell beeinflusst bis heute das betriebliche Gesundheitsmanagement. Es dient häufig als Grundprinzip, um Strategien und Maßnahmen eines gesundheitsorientierten Lebensstils zu entwerfen. Auch wenn Teile des Salutogenesemodells wissenschaftlich nicht ausreichend bestätigt sind, beschäftigen sich aktuell Forschende damit, diese Lücken zu schließen.
Antonovskys Verdienst ist es, die persönliche Gesundheit des Menschen ressourcenorientiert zu betrachten. Anders als die damals vorherrschende Haltung in der Medizin hatte er sich gefragt, was Menschen gesund erhält. Dieser Denkansatz war wegweisend und sein Einfluss auf die Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Differenzierung in physische, psychische und soziale Gesundheit ist vielleicht noch bedeutender. Diese Begrifflichkeit beeinflusst das Denken im Gesundheitsmanagement noch heute.
Das Konzept der Salutogenese ähnelt in großen Teilen dem Konzept der Resilienz. Beide Ansätze ergänzen sich vor allem durch den Blick auf Bewältigungsmöglichkeiten und -ressourcen. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Forschungsstand beider Konzepte in Zukunft annähern wird.
Im folgenden Kapitel möchte ich meinen systemischen Ansatz von Resilienz- und Gesundheitscoaching vorstellen.
Im systemischen Resilienz- und Gesundheitscoaching spielen folgende systemische Grundannahmen eine besondere Rolle:
die Autopoiese und die System-Umwelt-Unterscheidung,
die Haltung des Nichtwissens als Gesundheits-Coach,
die Annahme, dass jeder Klient Experte seines eigenen Lebens ist,
die These, dass Gesundheit sich kontextbezogen entwickelt.
Autopoiese
