Top Secret 5 - Die Sekte - Robert Muchamore - E-Book

Top Secret 5 - Die Sekte E-Book

Robert Muchamore

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Beschreibung

Sein fünfter Einsatz, sein härtester Fall

James wird mit einem besonders schwierigen Auftrag betraut. Um eine terroristische Gruppe auffliegen zu lassen, muss er sich bei einer obskuren Sekte einschleichen. Undercover versteht sich. Mit ihren Heilsversprechungen setzen die Sektenmitglieder James unter enormen Druck. Und bald hängt sein Leben davon ab, der Gehirnwäsche zu widerstehen und einen klaren Kopf zu behalten.

Überzeugende, sympathische Charaktere und temporeiche Action: "Top Secret" ist brillante Action mit Tiefgang und aktuellen Themen.

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Seitenzahl: 443

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Inhaltsverzeichnis
 
DER AUTOR
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
 
Epilog
Copyright
DER AUTOR
Robert Muchamore, Jahrgang 1972, lebt in London und arbeitet dort als Privatdetektiv. Er hasst es, von Kühen gejagt zu werden, das Landleben überhaupt, bärtige Frauen, Ketchup und Mayonnaise, Schnulzenfilme und Leute, die zehn Minuten lang an der Bushaltestelle stehen und erst dann anfangen, nach Kleingeld zu kramen, wenn sie vor dem Busfahrer stehen. Er hat einen sehr schwarzen Humor und seine Lieblingsfernsehserie ist »Jackass«.
Von Robert Muchamore ist bei cbt bereits erschienen:
Top Secret – Der Agent (30184)
Top Secret – Heiße Ware (30185)
Top Secret – Der Ausbruch (30392)
Top Secret – Der Auftrag (30451)
Weitere Titel sind in Vorbereitung.

Was ist CHERUB?

CHERUB ist Teil des britischen Geheimdienstes. Die Agenten sind zwischen zehn und siebzehn Jahre alt. Meist handelt es sich bei den CHERUB-Agenten um Waisen aus Kinderheimen, die für die Undercover-Arbeit ausgebildet wurden. Sie leben auf dem Campus von CHERUB, einer geheimen Einrichtung irgendwo auf dem Land in England.

Warum Kinder?

Kinder können sehr hilfreich sein. Niemand rechnet damit, dass Kinder Undercover-Einsätze durchführen, daher kommen sie mit vielem durch, was Erwachsenen nicht gelingt.

Wer sind die Kinder?

Auf dem CHERUB-Campus leben etwa dreihundert Kinder. Unser vierzehnjähriger Held heißt James Adams. Er ist ein angesehenes Mitglied von CHERUB und hat bereits vier Missionen erfolgreich abgeschlossen. James’ elfjährige Schwester Lauren Adams hat noch nicht so viel Erfahrung als CHERUB-Agentin. Vor einiger Zeit hat sich James von seiner Freundin Kerry Chang getrennt, aber sie verstehen sich immer noch gut. Zu James’ besten Freunden auf dem Campus gehören Bruce Norris, Gabrielle O’Brien und Kyle Blueman, der gerade sechzehn geworden ist.

Und die T-Shirts?

Den Rang eines CHERUB-Agenten erkennt man an der Farbe des T-Shirts, das er oder sie auf dem Campus trägt. Orange tragen Besucher. Rot tragen Kinder, die auf dem Campus leben, aber zu jung sind, um schon als Agenten zu arbeiten. (Das Mindestalter ist zehn Jahre.) Blau ist die Farbe während ihrer hunderttägigen Grundausbildung. Ein graues T-Shirt heißt, dass man auf Missionen geschickt werden darf. Dunkelblau tragen wie James diejenigen, die sich bei einem Einsatz besonders hervorgetan haben. Wenn man gut ist, kann man am Ende seiner Laufbahn ein schwarzes T-Shirt tragen, die höchste Anerkennung für hervorragende Leistungen bei vielen Einsätzen. Wenn man CHERUB verlässt, bekommt man ein weißes T-Shirt, das auch vom Personal getragen wird.

Was ist Help Earth?

Help Earth ist eine verborgen operierende und finanzstarke Terrororganisation, die darauf abzielt, »das Gemetzel an der Umwelt zu beenden, das globale Wirtschaftsunternehmen und sie unterstützende Politiker auf unserem Planeten anrichten«. Seit die Organisation 2003 zum ersten Male auf der Bildfläche erschien, starben bei ihren Anschlägen über zweihundert Menschen. Während seiner ersten Mission für CHERUB vereitelte James Adams einen größeren Anschlag von Help Earth.
1
Um halb acht Uhr morgens hatte James bereits neunzig Minuten im Dojo hinter sich. Sechs Trainingspaare in verschwitzten Sportklamotten und mit Protektoren am Körper lagen auf dem weich gepolsterten Boden.
Erschöpft verneigte sich James nach einem knallharten zwanzigminütigen Sparring vor seiner Trainingspartnerin Gabrielle, hob dann eine Plastikflasche auf, legte den Kopf in den Nacken und spritzte sich einen Strahl eines Energy-Drinks in den offenen Mund.
Als er schlucken wollte, traf ihn eine Hand im Rücken, sodass er stolpernd auf den gefederten blauen Boden stürzte und ihm die Flüssigkeit über das Kinn lief. Miss Takadas sechzigjähriger Fuß mit den krummen gelben Nägeln und der sandpapierartigen Haut drückte sein Gesicht in die Matte.
»Wi Rel eins?«, rief die Trainerin. Ihr Englisch war grausig, aber zum Glück benutzte sie immer die gleichen Phrasen, und die kannte James schon auswendig.
»Regel eins«, erwiderte James gepresst, da der Fuß seine Lippen außer Form brachte. »Sei immer wachsam, ein Angriff kann jederzeit aus jeder Richtung erfolgen.«
»Waksam sein, waksam bleiben«, sagte Takada missbilligend. »Snell trinken, nicht an Decke starren wie Idiot. Runter von Feld. Du entehrst mein Feld.«
James rappelte sich auf, vorsichtig seine Trainerin im Auge behaltend.
»Okay!«, rief Takada und klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen. »Letse Übung. Test von Geswindigkeit, kleine Bälle!«
Ein paar der verstreuten Teenager hatten noch genug Energie, um zu stöhnen. Es lagen nur noch zehn Tage des sechswöchigen CHERUB-Nahkampftrainings für Fortgeschrittene vor ihnen, daher wussten alle längst, wie das Spiel lief: Sechs Schüler stellten sich jeweils an den beiden Längsseiten des Dojo auf. Dann warf Miss Takada zehn Mini-Fußbälle, und die beiden Schüler, die es nicht schafften, mit einem Ball in den Umkleideraum zu entwischen, konnten das Frühstück vergessen und mussten zwanzig Runden um das Gebäude laufen. Es war ein brutales Spiel und selbst mit Protektoren waren Knochenbrüche nicht ausgeschlossen.
Takada griff in das Netz mit Bällen und warf die ersten drei. Zwölf Teenager sprangen vor, als sie über den Boden hüpften.
James sah einen, der glücklicherweise in seine Richtung rollte, doch Gabrielle war schneller und schubste ihn aus dem Weg. Als James wohl zum hundertsten Male an diesem Morgen auf den Boden knallte, brachte Gabrielle den Ball außer Reichweite.
Sie schaffte drei unbeholfene Schritte, bevor sie von zwei Jungen angegriffen wurde, die von der anderen Seite aus gestartet waren. Einer traf sie mit dem Kopf voran in den Magen, während der andere ihr in die Beine grätschte. Gabrielle stöhnte vor Schmerz auf, als sie vornüber auf den Boden prallte, schaffte es jedoch, in Ballbesitz zu bleiben, indem sie das Leder unter ihrer Brust begrub.
Der Junge, der sie in den Bauch gerammt hatte, wollte ihr den Arm auf den Rücken drehen, bekam für diesen Versuch aber einen Ellbogen ins Gesicht und sackte zusammen.
Während die Schlacht um die ersten drei Bälle noch tobte, warf Miss Takada zwei weitere ins Feld. James war erschöpft, aber die Aussicht auf Runden um das Dojo motivierte ihn genügend, um aufzuspringen und nach vorne zu hechten. Diesmal hatte er die Situation richtig eingeschätzt und pflückte den Ball in einer fließenden Bewegung zwischen seinen Beinen vom Boden.
Er war begeistert, als er feststellte, dass er nur fünfzehn Schritte vom Eingang zur Jungsumkleide entfernt war. Er sprang über einen Fuß, der nach ihm trat, gab Gas und konnte das warme Frühstück im Speisesaal des Campus schon schmecken. Doch drei Schritte vor dem Ziel wurden seine Träume von einem bulligen Sechzehnjährigen namens Mark Fox zunichtegemacht.
Mark hatte Fäuste wie Schinken und war zwanzig Zentimeter größer als James, der gegen die gepolsterte Wand flog, bevor er sich umdrehen und Kampfposition einnehmen konnte. Es schien nicht fair, gegen jemanden zu kämpfen, der einen so deutlich überragte, aber das Fortgeschrittenentraining sollte realistisch sein, und die Realität war auch nicht fair.
James versuchte, sich als den tapferen Underdog zu sehen, der am Ende siegen würde wie in den Kinderfilmen. Aber die Illusion hielt nicht lange an. Mark ging rücksichtslos vor, und James flogen Schweißtropfen um die Ohren, als sein Gegner ihm eine Links-rechts-Kombination verpasste, gefolgt von einem Kniestoß in die Rippen. James brach zusammen, als ihm Mark den Ball wegnahm.
»Bis später!« Mark grinste und stolzierte zufrieden Richtung Umkleide.
Die von den Protektoren abgemilderten Schläge hatten James nur die Luft wegbleiben lassen, aber beim Aufprall auf den Boden hatte er sich ein paar Finger umgeknickt. Kaum bekam er wieder Luft, stand er auch schon auf den Beinen, doch sein Gesicht war schmerzverzerrt. Mittlerweile hatten es sechs Kinder in die Umkleiden geschafft, drei waren so gut wie da und kein Gegner stand ihnen im Weg. Somit musste James mit zwei Mädchen um den letzten Ball kämpfen.
Den hatte im Moment Dana Smith. Sie war eine fünfzehnjährige Australierin, etwa so groß wie James, für ein Mädchen ziemlich muskulös und eine ausgezeichnete Leichtathletin und Schwimmerin. Gabrielle O’Brien war gerade erst vierzehn geworden und die Jüngste im Kurs, aber sie wusste sich zu behaupten und hatte Dana in eine Ecke gedrängt, aus der diese nun einen Ausweg suchte.
James stellte sich ein paar Meter hinter Gabrielle auf. Er nahm an, dass Dana versuchen würde auszubrechen. Dann würde sich Gabrielle hoffentlich auf sie stürzen, und er konnte sich den Ball schnappen, während die Mädchen sich auf dem Boden wälzten.
Aber Dana machte keine Anstalten, sich zu bewegen, und Miss Takada wurde langsam ungeduldig. Draußen wartete eine Horde Rothemden auf ihren Anfänger-Karatekurs.
»Nok eine Minute, oder rennen alle drei!«, sagte sie und klopfte auf ihre Uhr.
Gabrielle trat von der Ecke zurück, um Dana hervorzulocken. Auch James wich nach hinten, als Dana sich bewegte. Gabrielle holte aus, aber Dana duckte sich, tauchte auf Knien unter Gabrielles Fußtritt hindurch und zog ihr das Bein weg.
James erkannte die Gelegenheit, sich den Ball zu greifen, während Gabrielle fiel und Dana noch auf den Knien war. Er stürzte sich auf Dana, packte sie um den Hals, entriss ihr den Ball und drückte ihn fest gegen seine Brust, den Schmerz in seinen Fingern ignorierend.
Dana schrie auf, als sie sich aus dem Würgegriff befreite und James auf den Rücken warf, bevor sie mit gegrätschten Beinen auf ihn glitt. Sie presste mit den Knien seine Schultern in die Matte und schlug ihn ins Gesicht. Dabei verloren James lädierte Finger den Halt um den Ball. Er hüpfte zwischen seinen Beinen auf und rollte über die Matte.
Gabrielle sah ihn und hechtete darauf zu. Bis Dana merkte, dass James losgelassen hatte, rannte Gabrielle schon triumphierend in die Umkleide.
James lag immer noch unter Dana am Boden, als Miss Takada den Finger kreisen ließ. »Okay, ihr swei. Immer sön im Kreis, swanzig Mal. Ihr kennt das.«
Als die Trainerin davonmarschierte, um die rauflustigen Rothemden draußen anzuschreien, sah James Dana mit einem Anflug von Verzweiflung an. Ihre kräftigen Oberschenkelmuskeln ragten vor ihm auf und ihr gesamtes Körpergewicht lastete auf seinen Schultern.
»Lass uns aufstehen«, stieß er hervor. »Es ist vorbei.«
Dana lächelte ihn böse an. James kannte sie nicht allzu gut. Sie war eine Einzelgängerin, trug nach fünf Jahren CHERUB-Einsätzen immer noch ein graues T-Shirt und ging ruppig mit Jüngeren wie ihm um, die mehr erreicht hatten.
»Ist es wegen meines dunkelblauen T-Shirts?«, fragte James. »Vielleicht hast du ja Pech gehabt oder sonst was, aber dafür kann ich doch nichts.«
»Das ist es nicht.« Dana grinste.
»Komm schon, lass mich los«, murrte James und versuchte, sich zu befreien. »Takada kriegt einen Anfall, wenn sie zurückkommt und wir noch nicht laufen.«
»Die braucht noch ein paar Minuten, um den Kleinen beim Umziehen zu helfen. Ich habe genug Zeit.«
»Wofür?«
»Das wirst du schon merken«, sagte Dana und schob sich vor, sodass ihr Hintern über James’ Gesicht schwebte.
James hörte es in ihren Shorts grummeln und spürte einen warmen Luftzug.
»Oooooh Mann!«, stöhnte James und verzog das Gesicht.
Dana begann zu lachen, rollte von ihm herunter und stand auf.
»Du bist ein Tier!«, jammerte James und wedelte sich mit der Hand vor dem Gesicht herum. »Ist das eklig! Das zahle ich dir heim!«
Unwillkürlich musste er lachen. Er mochte Dana, auch wenn sie etwas merkwürdig war.
Dana zuckte mit den Schultern. »Das macht mir keine schlaflosen Nächte.«
James’ Lachen erstarb, als er zum Ausgang des Dojo stolperte, seine Turnschuhe nahm und die Protektoren auszog. Für zwanzig Runden um das Dojo brauchte man eine halbe Stunde, wenn man müde war, und draußen war es eiskalt.
2
Das Sicherheitsnetzwerk Echelon ist eines der am höchsten entwickelten elektronischen Überwachungssysteme der Welt. Es wird von der nationalen amerikanischen Sicherheitsbehörde (NSA) und den Geheimdiensten mehrerer befreundeter Nationen wie Großbritannien und Australien zusammen betrieben.
Echelon dient der Kommunikationsüberwachung und erstreckt sich auf Telefongespräche, E-Mails und Faxe, die via Mikrowellensender, Kommunikationssatelliten und Glasfaserkabel erfolgen. Das System überprüft zurzeit rund neun Milliarden private Nachrichten und Gespräche am Tag.
Stündlich werden etwa eine Million Nachrichten mit Schlüsselwörtern wie Bombe, Terrorist, Napalm oder Begriffen wie Help Earth oder El Kaida vom System herausgefiltert und gespeichert. Diese verdächtigen Nachrichten passieren eine logische Analysesoftware, die in der Lage ist, den Gefühlszustand einer Person aus ihrer Stimme abzuleiten oder den möglichen Kontext verdächtiger Begriffe in einer E-Mail oder Textnachricht zu erfassen.
Von den eine Million stündlich bei Echelon gespeicherten Nachrichten werden 20 000 vom Computer markiert und von einem der 2 000 Mitarbeiter geprüft, die rund um die Uhr im Schichtdienst arbeiten.
Ende 2005 fing eine Echelon-Station in Südostasien eine E-Mail von zwei Unbekannten auf. Darin wurde ein möglicher Help-Earth-Anschlag in Hongkong erwähnt und die Beteiligung eines sechzehnjährigen Umweltschützers namens Clyde Xu.
Anstatt den jungen Verdächtigen zu verhaften, entschloss man sich, Xus Familie zu unterwandern, um so möglicherweise an die älteren Mitglieder von Help Earth heranzukommen.
(Auszug aus den CHERUB-Einsatzunterlagen für Kyle Blueman, Kerry Chang und Bruce Norris.)
Hongkong, Februar 2006
Kerry Chang trabte los, als sie Rebecca Xu an einen Laternenpfahl gelehnt auf sie warten sah. Die beiden Dreizehnjährigen trugen Schuluniformen – blaue Bluse, dunkelblauer Rock und Pullover, weiße Strümpfe – und mischten sich unter Hunderte Gleichgekleideter. Manche gingen allein nach Hause, manche standen in Grüppchen herum und unterhielten sich, während sich wieder andere waghalsig durch den Verkehr der vierspurigen Straße schlängelten, um den Doppeldeckerbus zu erreichen, der auf der anderen Straßenseite stand.
»Guter Tag?«, erkundigte sich Kerry auf Kanton-Chinesisch.
Rebecca zuckte mit den Achseln. »Schule ist Schule, du weißt ja …«
Kerry wusste, was sie meinte. Wenn sich eine Undercover-Mission hinzieht, dann verschwimmt die Person, die man darstellt, mit der, die man wirklich ist. Sie war nun seit sechs Wochen auf der Prince-of-Wales-Schule und es war zur Routine geworden.
Rebecca ging los.
»Warten wir nicht auf Bruce?«, fragte Kerry.
»Der muss nachsitzen.« Rebecca lächelte. »Ich dachte, das wüsstest du. Dein Bruder ist so ein Idiot!«
»Stiefbruder«, berichtigte Kerry. »Keine gemeinsamen Gene, Gott sei Dank. Was hat er denn jetzt wieder angestellt?«
»Ach, er und seine dämlichen Kumpel haben die ganze Mathestunde lang geschwätzt. Mr Li ist durchgedreht und hat ihnen befohlen, nach der Schule nachzusitzen.«
Kerry schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, ich wäre in deiner Klasse. Ich habe den ganzen Tag niemanden zum Reden.«
Rebecca lächelte. »Aber dann hätten wir wahrscheinlich permanent Ärger, weil wir die ganze Zeit quatschen.«
In der klimatisierten Schule war es immer kühl, aber draußen schien die Sonne, und Kerry schwitzte auf dem Heimweg. Sie lockerte ihre Krawatte, zog den Pullover aus und knotete ihn sich um die Taille. Die fünfzehn Minuten Fußweg nach Hause führten die Mädchen durch ein Gewirr von Hochhäusern, engen Straßen und erhöhten Gehwegen, die der vorbeirasende Verkehr in Abgaswolken hüllte.
Die beiden Mädchen wohnten in einem neu gebauten Hochhaus mit zwanzig Stockwerken. Es gab noch fünf weitere identische Bauten, einer davon war noch nicht fertiggestellt. Hongkongs Seeluft und das tropische Klima setzen Gebäuden sehr zu, und obwohl die Hochhäuser ganz neu waren, sahen die Balkone, die sich zum Himmel reckten, bereits schäbig aus.
In den meisten reichen Ländern leben in solch engen Wohnblocks wie diesem die Armen, aber Hongkong ist eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt, und so wohnen hier hauptsächlich Gutverdienende. Rebecca kam aus einer typischen Familie: Ihr Vater war Zahnarzt und ihre Mutter Teilhaberin eines Juweliergeschäfts in einem gehobenen Einkaufszentrum.
Die Türen öffneten sich automatisch und die Mädchen betraten eine schwüle Eingangshalle. Der Wachmann nickte ihnen hinter seinem Schreibtisch freundlich zu.
»Hast du viele Hausaufgaben?«, fragte Kerry, als sie auf den Aufzug warteten, der sie in den neunten Stock bringen sollte, wo sie beide wohnten.
»Ziemlich«, erwiderte Rebecca. »Wir können sie zusammen machen … oder im Internet surfen, wie du willst.«
»Cool«, antwortete Kerry. »Aber zuerst gehe ich zu mir und zieh die Uniform aus. Ich bin in zehn Minuten bei dir!«
Die Wohnungstür führte direkt in die Küche. Kerry gähnte, als sie eintrat, warf ihren Rucksack auf den Fußboden und ließ die Schlüssel über den Esstisch gleiten. Chloe Blake, die Assistentin der Einsatzleitung, streckte den Kopf aus dem angrenzenden Wohnzimmer.
»Hi Kerry. Wo ist Bruce?«
»Nachsitzen.«
»Na klasse«, sagte Chloe gereizt.
»Was ist los?«
»Machst du heute Abend mit Rebecca Hausaufgaben?«
Kerry nickte. »Sobald ich mich umgezogen habe. Warum? Was ist denn los?«
»Das sieh dir lieber selbst an.«
Kerry ging ins Wohnzimmer, wo der sechzehnjährige Kyle Blueman – der auf dieser Mission Kerrys zweiten Stiefbruder spielte – in Shorts und T-Shirt auf dem Sofa saß.
»Keine Schule?«, fragte Kerry.
»Clyde Xu hat heute morgen Englisch geschwänzt«, erklärte Kyle. »Ich bin ihm bis zum Hafen gefolgt, aber ich musste Abstand halten und habe ihn an einer belebten Kreuzung verloren. John hat in der Überwachungszentrale im Hotel ein paar Anrufe abgefangen, aber das hat uns nicht viel weitergebracht. Wir wissen nur, dass sich Clyde heute gegen Mittag in einem Arby’s-Imbiss irgendwo im Geschäftsviertel mit jemandem getroffen hat.«
»Habt ihr eine Idee, mit wem?«
»Wir haben nicht mal einen Namen«, sagte Kyle. »Aber nach dem Treffen kam Clyde zur Wohnung der Xus zurück. Das haben wir auf Video.«
Chloe klappte den Bildschirm ihres Laptops hoch, der mit einer Satellitenantenne auf dem Balkon verbunden war. Mit Doppelklick öffnete sie eine Videodatei und Kerry sah sich die Aufzeichnung an. Die Fischaugen-Ansicht stammte aus einer speziellen Weitwinkel-Kamera, die Bruce vier Wochen zuvor in der Lampenfassung über Clydes Bett angebracht hatte.
»Wann wurde das aufgezeichnet?«, fragte Kerry.
»Vor ein paar Stunden«, erwiderte Chloe.
Auf dem Bildschirm sah man, wie Clyde Xu sein winziges Zimmer betrat, sich aufs Bett setzte, die Turnschuhe abstreifte und sich dann das T-Shirt auszog, unter dem eine muskulöse Brust zum Vorschein kam.
»Er sieht sooo irre gut aus«, schwärmte Kerry.
»Oh ja.« Kyle grinste. »Der niedlichste kleine Terrorist, der mir je untergekommen ist.«
Chloe schüttelte missbilligend den Kopf. »Könntet ihr zwei vielleicht eure Hormone unter Kontrolle kriegen und euch auf das konzentrieren, was ihr seht?«
Clyde Xu nahm ein kleines, in eine Plastiktüte gewickeltes Päckchen aus dem Schulrucksack und beugte sich vor, um es in einer Schublade seiner Kommode unter einem Haufen Socken zu verstecken.
»Irgendeine Vorstellung, was das ist?«, fragte Kerry.
»Das kann man unmöglich sagen«, meinte Chloe. »Aber man macht sich nicht solche Mühe, jemanden zu treffen, um dann mit etwas zurückzukommen, was man auch am Kiosk ums Eck bekommt, oder? Könntest du versuchen, einen Blick darauf zu werfen und vielleicht ein paar Fotos zu machen?«
Kerry war unsicher. »Können wir damit nicht bis morgen warten, wenn die Xus alle bei der Arbeit oder in der Schule sind?«
»Das wäre leichter«, gab Chloe zu. »Aber bis dahin sind es noch fünfzehn oder sechzehn Stunden. Wer sagt, dass Clyde das Päckchen nicht bis dahin an jemand anderen weitergegeben hat? Jetzt über den Inhalt Bescheid zu wissen, könnte darüber entscheiden, ob man einen Anschlag vereiteln und Hunderte Menschenleben retten kann.«
»Hmm«, sagte Kerry kopfschüttelnd. »Das wird schwierig, wenn Bruce nicht da ist, um den Wachhund zu spielen. Dass dieser Idiot sich auch an dem einzigen Tag in Schwierigkeiten bringen muss, an dem wir ihn mal brauchen.«
Chloe klickte ein paar Icons auf ihrem Bildschirm an, wodurch sie eine Live-Schaltung zur Wohnung der Xus bekam. Kerry und Bruce war es gelungen, in jedem Raum eine Kamera und ein Mikrofon zu installieren.
»Also«, meinte Chloe, als sie zwischen den sechs verschiedenen Kameras hin und her schaltete. »Rebecca ist in ihrem Zimmer, Clyde sitzt vor dem Computer im Zimmer seiner Eltern, und wir können davon ausgehen, dass Mum und Dad nicht vor sieben zu Hause sind.«
Kerry nickte. »Clyde bekommt man nicht vom Computer weg, wenn er erst mal online ist. Rebecca muss sich immer erst mit ihm zoffen, wenn sie Sims 2 spielen will.«
»Glaubst du, du kannst gefahrlos in sein Zimmer gehen, ohne dass Bruce dir den Rücken deckt?«
Kerry zuckte mit den Schultern. »Ich kann mich wahrscheinlich rausreden, wenn man mich im Zimmer schnappt, aber wenn ich erwischt werde, wie ich Fotos von dem mache, was in der Schublade versteckt ist, ist unsere Tarnung futsch.«
»Was machen wir, wenn es sich um eine Bombe handelt?«, fragte Kyle. »Falls es eine ist, könnte Clyde sie jederzeit zünden. In ein paar Stunden oder so.«
»Ich bezweifle, dass es noch heute Abend passiert«, gab Chloe zurück. »Ihr dürft das zweite Treffen nicht vergessen.«
»Was für ein Treffen?«, fragte Kerry.
»John hat da etwas in einem von Clydes Handygesprächen aufgeschnappt«, erklärte Chloe. »Er hat heute Abend um acht Uhr ein Treffen.«
»Wo?«
»Keine Ahnung, wo oder mit wem, Kerry. Gruppen wie Help Earth geben Informationen über mögliche Anschläge nur in kleinen Häppchen heraus. Einer hat mit dem technischen Gerät zu tun, ein anderer kennt das Ziel und der Attentäter selbst erhält erst im letzten Moment alle nötigen Informationen. Auf diese Weise kann niemand viel verraten, wenn er geschnappt wird.«
Kerry nickte. »Dann bedeuten die ganzen Treffen also, dass der Anschlag bald erfolgt.«
»Mit ziemlicher Sicherheit innerhalb der nächsten zweiundsiebzig Stunden«, bestätigte Chloe.
»Was ist, wenn Clyde nicht der Attentäter ist?«, fragte Kyle.
»Darüber haben wir doch schon gesprochen«, meinte Chloe leicht gereizt. »Xu ist ein Sechzehnjähriger ohne besondere Kenntnisse. Er ist Help Earth nur als eine Art Blitzableiter von Nutzen: eine unverdächtige Person, die ein paar Risiken eingeht, auf die von den älteren Mitgliedern niemand scharf ist.«
»Gut«, meinte Kerry. »Ich verstecke ein Funkgerät unter meinem T-Shirt. Wenn ich in Clydes Zimmer bin, klemme ich es mir ans Ohr. Ihr behaltet die Kameras im Auge und sagt mir, wenn ihr jemanden kommen seht.«
Chloe strich Kerry freundlich über den Rücken. »Dann zieh dich schnell um, bevor sich Rebecca fragt, wo du so lange bleibst.«
3
Rebeccas Zimmer war eine fensterlose Schachtel, daher machten die Mädchen ihre Hausaufgaben immer im Wohnzimmer der Xus. Kerry lag auf dem Boden, die Bücher auf einem Schaffell ausgebreitet, während Rebecca auf der eleganten Ledercouch lümmelte und mit einem Auge MTV sah.
»Ooh! Busted!«, rief sie, griff nach der Fernbedienung und stellte den Ton lauter.
Kerry sah von ihrem Mathe-Übungsbuch auf und schüttelte den Kopf. »Ich fasse es nicht, dass du immer noch darauf stehst. Das ist doch so was von out.«
»Gestern, morgen, Matt Jay ist immer noch heiß.« Kerry kicherte. »Nicht so heiß wie dein großer Bruder Clyde.«
Rebecca verzog das Gesicht. »Würdest du wohl bitte deine schrägen Fantasien bezüglich meines Bruders für dich behalten, Kerry? Außerdem ist er sowieso nur daran interessiert, Flaschenhalsdelfine zu retten oder mit einem blöden Plakat vor der amerikanischen Botschaft rumzustehen. Ich glaube nicht, dass er wüsste, was er mit einem Mädchen anfangen sollte, wenn man ihm eins gibt.«
»Flaschennasendelfine«, korrigierte Kerry und stand auf. »Und wenn du dir diesen Mist anhörst, geh ich lieber aufs Klo.«
Kerry schätzte, dass der Busted-Videoclip noch etwa dreieinhalb Minuten lief. In dieser Zeit würde sich Rebecca nicht vom Fleck bewegen, aber Kerry musste auch wissen, was Clyde gerade tat. Sie verließ das Wohnzimmer und ging die zwei Schritte durch den Flur bis zum Schlafzimmer von Mr und Mrs Xu. Clyde saß an einem Tisch zwischen zwei Kleiderschränken, völlig versunken in Doom III. Aus den Lautsprechern dröhnte Gewehrfeuer.
»Ähem«, räusperte sich Kerry lautstark, als sie sich neben ihn stellte.
»Was ist?«
Kerry lächelte ihn kokett an und schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Dein T-Shirt gefällt mir, Clyde. Es steht dir sehr gut.«
»Ich kann jetzt nicht rumlabern«, erklärte Clyde gereizt, wechselte die Waffen und feuerte eine Ladung Raketen ab. »Ich spiele ein Todesmatch online. Was willst du?«
»Wir haben kein Internet, bis mein Vater aus seinem alten Job raus ist und zu uns zieht. Ich hatte gehofft, ich könnte von euch aus eine E-Mail an meine alten Freunde in London schicken.«
»In der Schulbibliothek gibt’s auch Internetanschluss«, sagte Clyde.
Kerry trat einen Schritt zurück und schlug einen verletzten Tonfall an. »Okay«, meinte sie traurig. »Dann mache ich es eben in der Schule.«
Clyde merkte, dass Kerry niedergeschlagen war, und löste seinen Blick kurz vom Bildschirm. »Nach diesem Spiel, ja? Es dauert nur noch zehn Minuten oder so. Ich rufe dich, wenn ich fertig bin.«
Perfekt, dachte Kerry, als sie Clyde über die Schulter strich. »Danke, Clyde.«
Sie drehte sich um und ging auf Socken durch die Küche, überzeugt, dass ihr zwei Minuten blieben, um ungestört einen Blick auf das mysteriöse Päckchen zu werfen. Von der Küche aus führte ein kurzer Gang zu den winzigen Zimmern von Clyde und Rebecca. Direkt gegenüber war die Badezimmertür.
Kerry beugte sich ins Bad und zog an der Lichtkordel, damit es so aussah, als sei sie auf Toilette. Schnell blickte sie über die Schulter, bevor sie in Clydes Zimmer schlüpfte. Ihr Herz schlug rasend schnell, als sie das Licht einschaltete und ein winziges Headset unter ihrem T-Shirt hervorzog, um es an ihrem Ohr zu befestigen.
»Kannst du mich hören, Chloe?«, flüsterte sie.
Beruhigend erklang Chloes Stimme im Kopfhörer. »Keine Sorge, ich gebe dir Deckung. Sobald sich einer von den beiden bewegt, sage ich es dir.«
»Ich habe einen Blackout«, gestand Kerry nervös. »Welche Schublade war es noch gleich?«
»Die zweite von oben.«
Leise zog Kerry Clydes Schublade auf und schob ihre Hand zwischen die Sockenballen, bis ihre Finger das Paket berührten. Sie merkte sich seine genaue Lage, bevor sie es herausnahm und auf die Kommode legte.
»Okay«, flüsterte Kerry, als sie die Plastiktüte öffnete und hineinsah. Sofort erkannte sie den Inhalt, da sie während ihrer Grundausbildung mit dem gleichen Material gearbeitet hatte. »Sieht aus wie vier Riegel Plastiksprengstoff – wahrscheinlich C4 – und zwei separate Zünder. Was für welche, kann ich so auf den ersten Blick nicht sagen.«
Der Sprengstoff sah aus wie graue Knetmasse und die beiden ausgeklügelten Zünder würden ihn im Handumdrehen in eine Bombe verwandeln: Man musste den Sprengstoff nur in Form kneten und dort anbringen, wo man ihn haben wollte – in einem Auto, unter einem Schreibtisch, irgendwo -, die Zünder hineindrücken, und fertig war die Bombe.
»Dafür hat irgendjemand viel Geld hingelegt«, bemerkte Kerry.
»Warum und wozu ist jetzt irrelevant, Kerry«, warnte Chloe betont ruhig. »Mach ein paar Fotos und verschwinde so schnell wie möglich.«
Kerry zog eine winzige Digitalkamera aus ihrer Jeans, legte die beiden Zünder, die aussahen wie ganz kleine Feuerwerkskörper, auf die Kommode und machte eine Aufnahme. Während der Blitz neu lud, legte sie den Sprengstoff fürs Foto zurecht.
Plötzlich klingelte es an der Tür.
»Verdammt«, stieß Kerry hervor. »Chloe, wer ist das?«
In der Wohnung fünf Türen weiter klickte sich Chloe durch verschiedene Kameras, bis sie die fand, die im Flur positioniert war.
»Es ist Bruce«, sagte sie.
Kerry knipste schnell den Sprengstoff und begann, ihn hektisch wieder einzupacken.
»Was zum Teufel hat er vor?«
»Keine Ahnung«, meinte Chloe panisch. »Er muss vom Nachsitzen zurück sein und hat sich wohl entschieden, gleich zu den Xus zu gehen.«
»Hast du ihn nicht angerufen, um ihm zu sagen, was hier los ist?«
»Oh …«, machte Chloe erstickt. »Das hätte ich tun sollen, oder?«
Kerry war wütend, aber jetzt war keine Zeit, sich aufzuregen. Schnell wickelte sie die Plastiktüte um das Päckchen, schob es wieder unter die Socken und schloss die Schublade.
»Clyde und Rebecca sind in der Küche, an der Wohnungstür«, informierte sie Chloe.
Kerry versuchte nachzudenken, als sie hörte, wie Rebecca in der Küche die Tür öffnete. Die Küche war nur zwei Meter weiter, und es war unmöglich, aus Clydes Zimmer zu schlüpfen, ohne gesehen zu werden.
»Hi Rebecca«, grüßte Bruce in gestelztem Kanton-Chinesisch, das sich während der sechs Wochen dieser Mission enorm verbessert hatte. »Ich dachte mir, du machst sicher mit Kerry Hausaufgaben. Ist sie hier?«
Rebecca nickte. »Wie war das Nachsitzen?«
»Ach, nicht besonders«, meinte Bruce achselzuckend. »Ich habe eine halbe Stunde meines Lebens damit vergeudet, mit verschränkten Armen auf eine Uhr zu starren.«
Clyde wirkte angesäuert, weil ihn das Türläuten vom Computer weggerissen hatte. »Wenn ich schon stehe, kann ich auch gleich pinkeln gehen. Ich hatte den Typen gerade am Arsch, als du gekommen bist.«
»Du kannst nicht, Kerry ist da drin«, sagte Rebecca. Doch da hatte Clyde die Tür zum Bad bereits geöffnet.
»Dann muss sie sich wohl die Toilette hinuntergespült haben. Hier drin ist niemand.«
Rebecca sah verwirrt drein, und Bruce kam der schreckliche Verdacht, dass er da gerade in irgendetwas hineingeplatzt war und Kerry die Tour vermasselte.
»Vielleicht ist sie nach Hause gegangen«, meinte er lahm.
Kerry in Clydes Zimmer wusste, dass sie etwas Verzweifeltes tun musste, als sie den Kopfhörer aus dem Ohr zog und wieder unter dem T-Shirt versteckte.
Rebecca öffnete ihre Zimmertür und sah hinein. »Kerry? Hmm, hier ist sie nicht.«
Kerry schob sich den kleinen Finger tief in die Nase und bohrte ihren Nagel so tief in das weiche Gewebe, dass es riss. Der Schmerz war entsetzlich, aber sie schaffte es gerade noch, sich einen Stapel Papiertaschentücher aus der Box auf Clydes Nachttisch aufs Gesicht zu drücken, als Clyde eintrat.
»Was zum Teufel tust du hier?«
Als sich Kerry zu Clyde umdrehte, blies sie das Blut aus, das sich in ihrer Nase gesammelt hatte. Clyde sah geschockt zu, wie es ihr über die Lippen und das Kinn lief.
Rebecca trat hinter ihren Bruder. »Oh mein Gott, Kerry, was ist denn passiert?«
Kerry musste sich nicht anstrengen, um ihnen etwas vorzumachen. Die Verletzung, die sie sich zugefügt hatte, war blutig und äußerst schmerzhaft.
»Ich kriege leicht Nasenbluten. Als ich vom Klo kam, fing es plötzlich ziemlich stark an. Ich bin schnell in das Zimmer, um mir Taschentücher zu holen.«
Wenn Rebecca oder Clyde darüber nachgedacht hätten, hätten sie sich vermutlich gefragt, warum sich Kerry nicht einfach Toilettenpapier aus dem Bad genommen hatte, anstatt in ein ihr unbekanntes Zimmer zu gehen. Aber das blutverschmierte Gesicht mit dem schmerzverzerrten Ausdruck vor ihnen ließ sie nicht weiter nachdenken.
»Können wir etwas tun, Kerry?«, erkundigte sich Clyde.
»Ich glaube, ich gehe lieber heim«, verkündete Kerry den Tränen nahe. »Mum ist zu Hause. Sie weiß, wie man die Blutung stoppt. Sie hat es schon oft getan.«
Bruce öffnete die Wohnungstür. Obwohl Kyle und Chloe auf dem Laptop gesehen hatten, welchen Fluchtplan sich Kerry zurechtgelegt hatte, waren sie nicht auf den Blutstrom vorbereitet, der ihr über den Hals lief, als sie zum Tisch stolperte und sich auf einen Stuhl fallen ließ. Wütend funkelte sie Bruce an.
»Du Blödmann!«, schrie sie. »Fast hättest du die ganze Operation auffliegen lassen!«
»Es tut mir leid, ich habe nicht nachgedacht …«, erwiderte Bruce und faltete die Hände über dem Kopf. Er konnte Kerry nicht ins Gesicht sehen.
»Du denkst nie nach!«
Chloe versuchte, die beiden zu beruhigen. »Das war mein Fehler, Kerry. Ich hätte Bruce anrufen sollen.«
»Pah, du hast dir ja kein Nachsitzen eingebrockt«, grollte Kerry.
Sie nahm die Kamera aus der Hosentasche und knallte sie auf den Tisch, während Kyle den Erste-Hilfe-Kasten unter der Spüle hervorzog.
»Bruce«, meinte Kyle diplomatisch, »geh rüber und maile John die Bilder, ich bleibe hier und versorge Kerry.«
Während Bruce und Chloe in das Wohnzimmer verschwanden, gab Kyle der verletzten Kerry ein feuchtes Tuch, damit sie sich das Gesicht säubern konnte.
»Der alte Nasenbluten-Trick«, sagte Kyle. »Den habe ich beim Spionagetraining gelernt, aber ehrlich gesagt hatte ich ihn total vergessen.«
Kerry war dankbar für seine Fürsorge und brachte ein grimmiges Lächeln zustande, als sie das blutige Handtuch auf den Küchentisch warf. »So schnell werde ich den nicht wieder anwenden.«
»Okay, leg den Kopf in den Nacken. Ich muss mir das ansehen.«
Aus dem Erste-Hilfe-Kasten nahm er eine kleine Taschenlampe und leuchtete Kerry ins Nasenloch. Das Blut floss inzwischen langsamer, da es bereits verklumpte.
»Unter den Fingernägeln sammeln sich jede Menge Dreck und Bakterien. Ich spritze dir ein Antiseptikum in die Nase, damit sich die Wunde nicht entzündet.«
Mit dem Kopf im Nacken konnte Kerry nicht nicken, also machte sie nur ein zustimmendes »Hmm«, als Kyle ein Pumpspray öffnete.
»Das ist jetzt vielleicht ein wenig kalt. Halt die Luft an, ich will nicht, dass dir das Spray in die Kehle läuft.«
Kerry ballte die Fäuste vor Schmerz, als das Desinfektionsmittel in ihrer Nase brannte.
»Sorry«, meinte Kyle. »Ich hole dir ein Eispäckchen aus dem Kühlschrank. Du musst es an deine Nase halten, bis die Blutung aufhört.«
Chloe kam aus dem Wohnzimmer in die Küche zurück.
»Ich habe gerade mit John im Hotel gesprochen und ihm von dem Plastiksprengstoff erzählt. Er sagt, es sei wichtig, dass wir herausfinden, wo sich Clyde Xu heute Abend verabredet hat und was genau bei diesem Treffen besprochen wird.«
4
Bei jedem Atemzug wurde Kerry an das getrocknete Blut in ihrer Nase erinnert. Sie ging in einer belebten Einkaufsstraße eilig neben ihrem Einsatzleiter John Jones her. Es dämmerte und das Grün und Rot Hunderter Leuchtschilder spiegelte sich in seiner silbergefassten Brille und auf seiner Glatze.
»Ist Clyde noch zu sehen?«, fragte sie.
Sie selbst sah nur die Rücken und Köpfe unmittelbar um sie herum. John war größer und hatte einen besseren Blick über die Menge.
»Ich glaube schon«, meinte er. »Aber glatte dunkle Haare sind hier nicht gerade ungewöhnlich.«
Es entstand eine kleine Lücke in der Menge, durch die er einen Blick auf die gelbe Baseballjacke unter dem Kopf erhaschen konnte, den er die letzten zwei Minuten verfolgt hatte. Clyde Xu trug eine grüne Bomberjacke.
»Verdammt«, stieß er hervor. »Falscher Kerl.«
»Machen Sie keine Witze«, ächzte Kerry, als sie stehen blieben und sich nervös zu dem Schaufenster eines billigen Schmuckladens umdrehten.
John zog ein Kartentelefon aus der Tasche und wählte Chloes Nummer. Sie saß in der Wohnung vor dem Laptop.
»Ich habe Xu verloren«, sagte John. »Hast du etwas für mich?«
Der MI5 hatte Verbindungen zur Telekommunikationsindustrie von Hongkong, daher konnten sie Clyde Xus Handysignal verfolgen, ohne die chinesischen Behörden über die CHERUB-Operation informieren zu müssen.
»Dem Signal nach ist er direkt bei euch, John«, sagte Chloe. »Man kann Handys nicht exakt orten, aber er kann höchstens fünfzig Meter von euch weg sein.«
»In welche Richtung geht er?«
»In keine bestimmte, er bewegt sich kaum. Vielleicht ist er in einen Laden gegangen oder so.«
»Danke, Chloe«, sagte John. »Ruf mich wieder an, sobald er sich bewegt.«
John ließ das Telefon zuschnappen und sah Kerry an. »Irgendeine Spur?«
»Ich bin zu klein«, beschwerte sich Kerry. »Ich kann gar nichts sehen.«
»Chloe sagt, dass er stehen geblieben ist.«
»Vor zwanzig Metern sind wir an einem Starbucks vorbeigekommen«, meinte Kerry. »Das könnten wir überprüfen.«
»Gut«, bestätigte John.
Als sie sich vom Schaufenster wegdrehten, um zum Starbucks-Café zu gehen, erblickte Kerry eine grüne Jacke. Die Hände tief in die Taschen vergraben, hastete Clyde Xu in kaum einem Meter Abstand an ihnen vorbei. Glücklicherweise war er in Gedanken und sein Blick klebte am Hinterkopf der Person, die vor ihm ging.
John und Kerry sahen sich erschrocken an, bevor sie die Verfolgung wieder aufnahmen.
»Wieso waren wir auf einmal vor ihm?«, fragte Kerry.
»Wahrscheinlich ist er in einen Laden gegangen, um etwas zu kaufen«, meinte John und verrenkte sich den Hals, um Xu nicht wieder zu verlieren.
Kerry sah auf die Uhr. Es war drei Minuten vor acht, was bedeutete, dass Clyde entweder zu spät kam oder das Treffen irgendwo in der Nähe stattfinden sollte. Als sie darauf warteten, eine Straße überqueren zu können, schlossen sie dicht zu ihrer Zielperson auf. Sobald die Ampel auf Grün sprang, joggte Clyde hinter der ersten Reihe der wartenden Autos hindurch, überquerte den Gehweg und betrat eine Nudelbar mit einem schmutzigweißen Schild und einem großen Frontfenster, das von Kondenswasser beschlagen war.
Sie ließen Clyde einige Minuten Zeit, um sich im Restaurant zu setzen. Gemächlich überquerten sie die Straße und wandten sich dann einem Zeitungsstand zu. Kerry kaufte sich eine Hong Kong Times und Süßigkeiten, während John auf Kyles Handy anrief.
»Kyle, wo seid ihr?«
»Bruce und ich haben euch die Straße überqueren sehen«, antwortete Kyle. »Keine Sorge.«
»Gut«, sagte John. »Bleibt in der Nähe des Restaurants, aber lasst euch nicht von Clyde sehen, und tut nichts, bevor ich euch nicht das Okay dafür gebe, klar?«
»Sie sind der Boss«, gab Kyle zurück.
John ließ das Telefon zuschnappen und sah Kerry an, die sich gerade eine Rolle Pfefferminz in die Jeans schob. »Startklar?«
Kerry gab John die Zeitung und nickte. »Jetzt oder nie.«
»Also los, leg eine oscarreife Vorstellung hin. Ich komme in drei Minuten nach.«
Wegen der beschlagenen Scheiben wusste Kerry nicht, was sie erwartete, als sie die Glastür öffnete. Die Küche befand sich im vorderen Teil des Restaurants. Aus den dampfenden Töpfen mit Nudel- und Reisgerichten stieg stickiger Sojasoßen-Geruch auf.
Hinter dem Tresen tauchte ein verschwitztes Gesicht auf. »Hallo! Zum Mitnehmen oder am Tisch?«
»Tisch«, erwiderte Kerry gepresst. »Ich glaube, mein Freund ist schon hier.«
Der Mann winkte sie zu einer Reihe von Plastiktischen im hinteren Teil des Restaurants. Kerry war mulmig, als sie an der kurzen Schlange von Gästen vorbeiging, die auf ihr Essen zum Mitnehmen warteten. Das Restaurant war etwa drei viertel voll und der Lärmpegel war ziemlich hoch. Erleichtert stellte sie fest, dass die Person, die Clyde treffen wollte, noch nicht da war. Clyde wirkte nervös, wippte mit dem Fuß und fächerte sich mit einer laminierten Speisekarte Luft zu.
»Hi«, sagte Kerry, als sie sich ihm gegenüber niederließ.
Clyde fiel das Kinn fast auf den Tisch. »Wie …? Was machst du denn hier?«
»Ich bin dir nachgegangen«, gestand Kerry.
»Wie bitte?«
Kerry plapperte drauflos. »Clyde, ich weiß, das klingt jetzt wahrscheinlich blöd, aber ich wollte gerne mit dir reden. Das will ich schon seit Ewigkeiten, aber ich habe mich immer wieder davor gedrückt. Weißt du, ich bekomme dich einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Ich denke andauernd an dich. Ich muss einfach wissen, ob du mich magst. Du weißt schon, nicht wie einen Kumpel. Sondern wie deine Freundin.«
»Nun ja, äh … Kerry … ich fühle mich geschmeichelt.«
»Oh, das ist so dämlich«, seufzte Kerry und verdrehte die Augen, als ob sie anfangen wollte zu weinen. Heimlich griff sie in ihre Jackentasche und zog den Schutzstreifen von der Klebefläche eines kleinen Abhörgeräts.
»Darfst du so spät noch allein unterwegs sein?«
»Eigentlich nicht«, schniefte Kerry. »Ich hätte wissen sollen, dass du mich nicht magst.«
»Das liegt nicht an dir, Kerry. Ich wette, wir würden uns gut verstehen, wenn wir gleichaltrig wären. Aber ich bin sechzehn und du bist dreizehn. Sei vernünftig. Das würde niemals gut gehen.«
»Ich bin fast vierzehn«, widersprach Kerry, während sie die Wanze unter dem Tisch befestigte.
Jetzt, da der Schreck über Kerrys Auftauchen abgeklungen war, wurde Clyde bewusst, wie peinlich es wäre, wenn seine Verabredung ein heulendes Mädchen an seinem Tisch vorfinden würde.
cbt – C. Bertelsmann Taschenbuch Der Taschenbuchverlag für Jugendliche Verlagsgruppe Random House
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1. Auflage Deutsche Erstausgabe September 2009 Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
© 2006 der Originalausgabe by Robert Muchamore
Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »CHERUB: Divine Madness« bei Hodder Children’s Books, London. © 2009 der deutschsprachigen Ausgabe bei cbt/cbj, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Übersetzung: Tanja Ohlsen Lektorat: Birgit Gehring Umschlagkonzeption: init.büro für gestaltung, Bielefeld SE ∙ Herstellung: ReD
eISBN : 978-3-641-03519-8V002
 
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