Detlev Lindner
TorschlussGlück
Von Freiburg nach Sizilien - Zu Fuß auf der Suche nach dem Sinn des Lebens
über den Autor
Detlev Lindner, 1959 in Coburg geboren, besuchte dort das Gymnasium und studierte anschließend Lebensmitteltechnologie an der TU München/Weihenstephan.
Viele Jahre war er als Vertriebsingenieur tätig, bevor er in den Ruhestand ging.
Er ist Vater von vier Töchtern und lebt heute im Südwesten Deutschlands.
Besonders geprägt haben ihn seine Zeit bei den Pfadfindern, die Musik und die Verbundenheit mit der Natur – Quellen von Gemeinschaft, Ruhe und Inspiration, die ihn bis heute begleiten.
IMPRESSUM
1. Auflage 2025
© 2025 by hansanord Verlag
Alle Rechte vorbehalten
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ISBN Buch 978-3-947145-34-8
ISBN E-Book 978-3-947145-35-5
Cover | Umschlag: Tobias Prießner
Satz: Christiane Schuster | www.kapazunder.de
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Inhalt
1. Aufbruch
2. Wahrnehmung
3. Bedürfnisse
4. Flüchtigkeit
5. Unverfügbarkeit
6. Wärme
7. Sinn
8. Freiheit
9. Glück
10. Verbundenheit
11. Pilger
12. Empfindsamkeit
13. Fürsorge
Danksagung
Ich widme dieses Buch,
insbesondere alles Heitere und Nachdenkliche darin,
meinen Töchtern Barbara, Hanna, Mia und Tabea.
Kapitel 1 - Aufbruch
11 Uhr 50. Ich ziehe die Frischhaltefolie von den kalten Platten. Es gibt
Häppchen mit Käse, Wurst und Fisch. 11 Uhr 50 ist gut. Nicht früher,
damit der Käse sich nicht rollt. Auch nicht später, denn dann kämen vielleicht
schon die ersten Kolleginnen und Kollegen, um mir Lebewohl zu
sagen. Für 12 Uhr hatte ich in der Firma zu meinem Ausstand eingeladen.
Und wenn die ersten Leute kommen, habe ich keine Ruhe mehr
zum Abziehen der Folie.
Tatsächlich, der große Besprechungsraum füllt sich schnell, kaum
dass ich die zerknüllte Folie irgendwo versteckt habe. Nach über dreißig
Jahren in derselben Firma habe ich einen gewissen Bekanntheitsgrad. Es
wurde unter den Kollegen mit Staunen zur Kenntnis genommen, dass
ich über den Weg der Alters-Teilzeit zweieinhalb Jahre eher das Weite
suche.
»Was willst du denn jetzt machen?«, fragen nun die Kolleginnen und
Kollegen.
»Was wollen Sie denn jetzt machen?«, fragen die Vorgesetzten.
Mein Arbeitsplatz ist interessant und ich habe ein ordentliches Gehalt.
Das Betriebsklima ist freundlich und das Verhältnis zu den Vorgesetzten
vertrauensvoll. Zu manchen Menschen in der Firma hat sich
sogar eine tiefer gehende Beziehung aufgebaut. Das kam letztlich daher,
dass ich mir zu Herzen nehme, was ein Freund mir irgendwann einmal
vorgelesen hat. Sinngemäß hieß es in diesem Text, dass wir öfter
einmal unseren Mitmenschen sagen sollten, wenn uns etwas an ihnen
gefällt. Das versuche ich seitdem zu tun, bei allen möglichen Leuten,
und eben auch in der Firma. Bei manchen Menschen freue ich mich
alleine schon dann, wenn ich sie sehe. Das geschieht in der allerersten
Zehntelsekunde und es ist ein unbeeinflussbares erstes Gefühl, wenn
ich unvorbereitet einem Menschen begegne. Das kann am Morgen am
Haupteingang sein, im Treppenhaus oder später in der Kaffeeküche. Ich
erblicke diesen Menschen und kann gar nicht verhindern, dass ich mich
einen winzigen Augenblick über diese Begegnung freue.
Und wenn
dies öfters passiert, dann sage ich irgendwann zu dieser Person:
»Weißt du, du gehörst zu den Menschen, bei denen ich mich spontan
freue, wenn ich ihnen begegne!«
Ich darf das sagen, denn es stimmt ja. Und tatsächlich scheint jeder
froh über einen solchen kleinen Satz zu sein. Und über diese kleine
Freude meines Gegenübers freue ich mich dann gleich noch einmal
und schon ist mein Arbeitstag ein Stückchen schöner.
Die Frage nach meinen Plänen kann ich leicht beantworten:
»Meine Frau nimmt ein Sabbatjahr. Wir wollen zusammen eine lange
Reise machen!«
Alle finden das eine tolle Idee. Mit dieser Auskunft kann jeder etwas
anfangen. Das Reisen scheint für jeden etwas Verlockendes zu sein.
Schließlich sind für die meisten Kolleginnen und Kollegen die eigenen
Urlaubsreisen ein sehnsüchtig erwarteter Höhepunkt, etwas, worauf
man lange hinfiebert. Ein ganzes Jahr mit einer Reise zu verbringen,
muss eine wunderbare Sache sein und wird nicht weiter hinterfragt.
Mir selbst geht es nicht ganz so. Sinn und Zweck dieser Reise liegen
für mich nicht einfach so auf der Hand. Nur eines scheint sich einigermaßen
klar abzuzeichnen: Ich hoffe, während dieses Jahres herauszufinden,
wie ich die Jahre nach dieser Reise gestalten möchte. Etwas
Sinnvolles möge es bitteschön sein, jedenfalls etwas mehr Erfüllendes,
als nur Unkraut vor dem Haus zu entfernen oder mit Hilfe einer 40-teiligen
Fernsehserie die Zeit bis zum eigenen Ableben zu überbrücken.
Ich hoffe, dass der Abstand vom bisherigen Alltag und das Gelöst-Sein
von allem Gewohnten neue und unerwartete Perspektiven eröffnen
mögen. Das ist zwar etwas diffus, aber das ist es, was ich mir im Augenblick
von unserem Vorhaben verspreche.
Man überreicht mir Geschenke und spielt über den Beamer eine liebevolle
Diashow über meine Zeit in der Firma ab. Mir wird bewusst, wie
gut es mir an meinem Arbeitsplatz ging. Ich muss nicht fliehen vor dem,
was ist. Es ist angenehm hier an diesem Ort. Aber es reizt mich das, was
kommen wird. Ich tausche etwas Gutes gegen etwas Verlockendes.
Die Mittagspause ist vorüber, die kalten Platten sind fast leer gegessen
und die Kolleginnen und Kollegen gehen langsam wieder an ihren
Arbeitsplatz. Ich bleibe alleine zurück und räume auf. Die Getränkeflaschen
verstaue ich in Kisten, die ich mit einem Wägelchen hinaus zu
meinem Auto transportiere. Ich bringe das Wägelchen zurück und dann
wird es ernst: Ein letztes Mal gehe ich durch die gläserne Schiebetür.
Ich wundere mich, wie wenig dramatisch sich das anfühlt.
»Soll ich Sie wirklich nicht zum Bahnhof fahren?«
Der Autohändler sieht mich mit großen Augen an. Gerade hat er ein
paar Formulare ausgefüllt. An seinem Gesicht kann ich sehen, wie es in
ihm arbeitet. Ich kenne ihn schon lange. Er ist ein ehrlicher und sympathischer
Mann. Er hatte mir das Auto vor elf Jahren verkauft. Es ist der
Tag nach meinem Ausstand. Heute kauft er es zurück, ohne dass ich ein
anderes Auto bekomme. Er kann nicht verstehen, wie es nun mit mir
weitergehen soll.
Ich bemühe mich schon seit Längerem, das Auto so wenig wie möglich
zu benutzen. Zuletzt fuhr ich damit fast nur noch zur Arbeit, und
selbst das immer seltener. Mit Fahrrad, Bus und Bahn komme ich gut
zurecht. Die Fahrzeit nutze ich zum Lesen. Die Wegstrecken mit dem
Fahrrad dienen meiner Fitness. Inzwischen bin ich sicher, dass ein Leben
ohne Auto für mich keine Einschränkung, sondern Erleichterung bedeuten
würde. Ich müsste keine Gedanken mehr an Inspektionen, Winterreifen
und Abgasuntersuchungen verschwenden. Ohne Auto würde
plötzlich viel Platz in der Garage entstehen. Ich liebe Platz. Das alles
fühlt sich gut an.
»Nein, wirklich nicht, vielen Dank!«, versichere ich ihm.
Zum Bahnhof ist es nicht weit. Und auf dem Weg dorthin liegt das
Hallenbad, in dem ich oft nach Feierabend schwimmen war. Dort wasche
ich die »Episode Auto« endgültig von mir ab.
Nun sitzen meine Frau und ich auf unserer Terrasse bei einem Glas
Wein. Lange schon ging uns die Idee einer einjährigen Reise im Kopf
herum. Irgendwann hatten wir leichtsinnig diesen Plan per Handschlag
besiegelt. Nein, nicht leichtsinnig. Leichten Sinnes ist eine bessere Formulierung.
Seitdem haben wir ein Kribbeln im Bauch. Es gibt nur noch
die Frage des »Wann« und des »Wie«, nicht aber des »Ob«.
Uns wird ein ganzes Jahr zur Verfügung stehen. Das eröffnet viele
Möglichkeiten. Tatsächlich haben wir viele Ideen. Wir könnten mit der
Transsibirischen Eisenbahn nach China fahren und dann irgendwie
durch Südostasien wieder zurück. Oder wie wäre es, auf den Kapverdischen
Inseln Meeresschildkröten zu bewachen, wenn sie am Strand ihre
Eier legen? Jedenfalls wollen wir kein Flugzeug benutzen. Das halten wir
beide für nicht mehr verantwortbar und auch nicht für nötig. Endlich
sind wir uns sicher: Wir wollen es einfach halten. Wir werden ab unserer
Haustür mit dem Rucksack losziehen, mit Zelt, Schlafsack und Kochtopf.
Ab Freiburg soll es auf dem Querweg durch den Schwarzwald zum Bodensee
gehen, dann nach Süden durch die Schweiz und, mit einer Alpenüberquerung,
nach Italien. Dann sehen wir weiter. Das ist der Plan.
Die Ausrüstung haben wir im Wesentlichen schon. Wir sind beide
seit der Kindheit bei den Pfadfindern. Unsere gemeinsamen Urlaube
ähnelten immer schon einer Pfadfinderfahrt. Wir kommen in der Natur
ganz gut zurecht und haben keine Scheu, am Abend unser Zelt dort
aufzubauen, wo wir gerade sind und wo ein schöner Platz dazu verlockt.
Wir sind zwar nicht mehr so ganz jung, aber wir schaffen es noch, in das
Zelt zu kriechen und wieder hinaus, ohne dass sich dadurch irgendwelche
Wirbel verschieben. Zelt, Schlafsack und Isomatte sind schweres
Gepäck, aber im Gegenzug werden wir nicht darauf angewiesen sein,
jeden Abend ein Quartier zu erreichen. Wir schleppen sozusagen die
Freiheit auf unserem Rücken. Vor allem aber wissen wir, dass wir viel intensiver
unsere Umgebung erleben, wenn wir mitten in der Natur einschlafen
und dort wieder aufwachen. Genau das möchten wir noch einmal
erleben und auf uns wirken lassen, trotz unserer älteren Knochen.
Oder gerade deswegen. In fünf oder zehn Jahren wird uns so etwas
vielleicht nicht mehr möglich sein.
Endlich kommt der Tag des Aufbruchs. Vor der Wohnungstür setzen wir
die Rucksäcke auf. Die Frau, der wir unsere Wohnung überlassen,
möchte noch ein Foto von uns machen. Wir lachen, winken, gehen los.
Es ist heiß, Mitte August. Schon nach 500 Metern sind die Hemden
durchgeschwitzt. Wird es jetzt also tatsächlich wahr? Der Aufbruch hat
noch etwas Unwirkliches.
Während des Gehens geht mir das Wort »Aufbruch« durch den Kopf.
Nicht nur heute und nicht nur beim Losgehen findet ein Aufbruch statt.
Es ist auch ein Aufbrechen von Gewohnheiten. Schon seit Wochen und
Monaten waren wir damit beschäftigt, scheinbar unverrückbare Dinge
aufzubrechen. Unsere Arbeitsplätze haben wir verlassen, im Falle meiner
Frau zumindest für ein Jahr. Die Wohnung haben wir leergeräumt.
Dinge, die immer schon an derselben Stelle standen, wurden respektlos
von ihrem Platz gerissen und in Kartons gesteckt. Manches wurde verschenkt
oder wanderte schweren Herzens in den Müll. Auch die geliebten
Hühner haben wir in andere Hände gegeben.
Gewohnheiten bringen ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit.
Vielleicht können sie aber auch zu einer Art Eisschicht werden, in der
das Leben erstarrt. Wenn das bei uns der Fall gewesen sein sollte, dann
werden wir mit unserem Aufbruch dieses Eis gründlich aufbrechen. Ab
jetzt wird vieles nicht mehr so sein wie gewohnt.
Aufbruch! Die Nachbarin macht schnell noch ein Foto.
Kapitel 2 - Wahrnehmung
Oh, was ist das? Ich bleibe stehen. Ein Objekt liegt vor meinen Füßen,
das da nicht hingehört. Ich versuche, mich zu k onzentrieren. Es ist unglaublich
heiß, das Hemd klebt am Körper, es pocht in meinen Schläfen.
Auf dem endlos ansteigenden Forstweg ist jede gedankliche Tätigkeit
auf Null heruntergefahren. Wahrscheinlich sieht mein Gesicht
ziemlich dumm aus, wie ich da eine Weile auf den Boden schaue. Ein
Strumpf! Ich bücke mich, um ihn aufzuheben. Dabei rutscht ein feuchtes
T-Shirt quer über mein Gesicht. Es ist oben auf meinem Rucksack
befestigt. Es soll dort trocknen, denn ich habe es heute Morgen gewaschen.
Den Strumpf muss meine Frau verloren haben. Sie läuft einige
Meter vor mir. Ihr Rucksack sieht aus wie ein wandelnder Wäscheständer.
Wir haben nicht viel Kleidung mitgenommen, um Gewicht zu sparen.
Deshalb waschen wir bei jeder Gelegenheit irgendwelche Sachen.
Dorfbrunnen sind dabei sehr willkommen. Sie haben eine angenehme
Arbeitshöhe. Schon nach wenigen Tagen hat es uns nicht
mehr gekümmert, wenn Leute verwundert zuschauen. In puncto Gewichtsparen
sind wir vielleicht fast schon obsessiv. Ich jedenfalls habe,
zur Belustigung meiner Frau, sogar den Stiel meiner Zahnbürste auf
halber Länge abgesägt. Viel gebracht hat es nicht. Wir keuchen und
schwitzen vor uns hin. Inzwischen sind wir das Höllental hinaufgestiegen,
haben die Ravennaschlucht durchquert und im Titisee gebadet.
Dann ging es die Wutachschlucht entlang und nun kommen wir in ein
Gebiet, das neu für uns ist. Für kurze Tagesausflüge ab Freiburg ist es
hierhin schon zu weit.
Der Abend ist gekommen. Das Zelt steht auf einer Anhöhe am Waldrand, auf dem ebenen Vorplatz einer winzigen Schutzhütte. Ich sitze auf
einem Holzklotz, blicke in die Ferne und sehe die markanten Vulkankegel
des Hegau im Dunst vor mir liegen. Ein magischer Anblick.
Wie kann ich für mich selbst diese ersten Tage beschreiben? Welche
Wirkung haben sie auf mich? Es gibt auf unserem Weg keine großen
Sensationen im üblichen Sinne. Eine Sensation ist normalerweise etwas
Spektakuläres, ein echter Knaller. Ihre Wirkung ist oft tatsächlich wie bei
einem Knaller: Er verpufft und hinterlässt eine Stille, die manchmal größer
ist, als sie es vorher war. Das, was wir erleben, kommt hingegen zart
und leise daher. Es spricht unmerklich alle Sinne an. Es verpufft nicht,
sondern es hat einen langen Nachhall. Mit zeitlichem Abstand scheint
die Wirkung sogar intensiver zu werden.
Ich denke an den Augenblick, als ich beim Wandern plötzlich meine
Umgebung dreidimensional wahrgenommen habe. Mit zwei gesunden
Augen müsste ich dazu eigentlich immer in der Lage gewesen sein,
aber tatsächlich war dieser Moment wie ein Umschalten in einen neuen
Modus. Es war ein Zugewinn einer neuen Dimension. Der Wald war
nicht mehr nur eine schöne Fototapete. Er wurde Wirklichkeit, ein Raum
mit Nähe und Ferne. Beim Gehen war es, als schwebte ich durch diesen
Raum hindurch. Dieses neue Sehen begann beinahe von einer Sekunde
auf die andere.
Wahrscheinlich bekamen meine Augen zu oft und zu lange kein geeignetes
Futter für dreidimensionales Sehen. Diese Fähigkeit wird
schlicht und einfach nicht gebraucht, wenn die Augen stundenlang auf
einen flachen Bildschirm schauen. Anscheinend wendet die Natur hier
ein generelles Prinzip an: Was nicht gebraucht wird, wird auch nicht bereitgestellt.
Ich muss mein bewusstes räumliches Sehen so langsam und
unmerklich verloren haben, dass ich diese Veränderung nicht wahrgenommen hatte. Zwar reichte es noch dafür, dass ich nicht gegen jeden
Laternenpfahl rannte. Aber jetzt, da die visuelle Wahrnehmung in dieser
Weise erweitert worden ist, fühlt sich das neu entdeckte räumliche Sehen
beinahe wie ein Aufwachen an, wie eine Geburt hinein in die reale
Welt. Wenn das, was mich umgibt, vorher nur eine Art Film war, der vor
meinen Augen ablief, ohne mich wirklich etwas anzugehen, so ist es
jetzt ein staunendes Entdecken, dass ich mich in der bunten und reichen
Wirklichkeit befinde. Etwas öffnet sich, wird zugänglich, entfaltet sich
vor meinen Augen. Das, was mich umgibt, bekommt Tiefe in doppeltem
Sinne.
Welch Missverständnis lag in dem freundlichen Satz, den wir vor der
Reise des Öfteren von Nachbarn und Freunden gehört haben:
»Toll, dass ihr das macht! Ihr werdet sicherlich in dieser Zeit gut abschalten
können!«
Nein, dies hier ist kein Abschalten. Das Gegenteil findet statt. Es ist
ein Einschalten. Die Sinne sind aufgewacht. Endlich fühle ich mich eingebettet
in das, was mich umgibt. Staunend sage ich zu mir selber:
»Hallo, liebe Wirklichkeit! Ich bin wieder da!«
Am nächsten Morgen kriechen wir aus dem Zelt. Der erste Blick gilt
dem Wetter, dem Licht, den Farben des Morgens. Auf der Haut spüren
wir die Temperatur und den Wind. Der Boden, das Gras und die
Bäume duften. Die Gerüche sind völlig anders als am Abend. Dann
widmen wir uns dem inzwischen zur Routine gewordenen Ablauf: Lüften
des Schlafsackes, Morgenwäsche, Ankleiden, Frühstück, Abbauen
des Zeltes, Packen der Rucksäcke. Wir wechseln nur wenige Worte.
Schließlich setzen wir die Rucksäcke auf und gehen los.
Meine Frau
ruft:
»Danke, Platz!«