TorschlussGlück - Detlev Lindner - E-Book

TorschlussGlück E-Book

Detlev Lindner

0,0
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine Wanderung fürs Leben: 2.000 Kilometer zu Fuß auf der Suche nach den wirklich wichtigen Dingen.
Eine inspirierende Wanderung führt den Autor mit seiner Frau von Freiburg über die Alpen bis nach Sizilien – und auf den Pfad der großen Lebensfragen.
Nach seinem Arbeitsleben und frisch im Ruhestand angekommen, wagt Detlev Lindner den mutigen Schritt: Er packt Rucksack und Zelt, verabschiedet sich vom gewohnten Alltag und bricht mit seiner Frau zu Fuß Richtung Süden auf. Ohne festen Plan – aber mit der brennenden Frage: Wie kann ich den Rest meines Lebens sinnvoll gestalten?
Zwischen den Schwarzwaldgipfeln und sizilianischen Stränden entfaltet sich eine Reise, die weit mehr ist als bloße Fortbewegung. Lindner schildert, wie sich seine Sinne schärfen, Bedürfnisse neu sortieren und flüchtige Momente zu kostbaren Funken der Ewigkeit werden.
Ob in Gesprächen mit einem Töpfer im Weiler, beim Zelten neben Wildschweinen oder während des Weihnachtsgottesdienstes in Cefalù – die wahre Erkenntnis dieser Wanderung liegt in der Verbundenheit mit anderen, der Empfindsamkeit für die kleinen Wunder und dem Mut, sich auf das Unverfügbare einzulassen.
Mit klarem Blick und warmherziger Sprache nimmt dich der Autor mit auf seinen Weg, auf dem das Wandern selbst zur Metapher wird: für Freiheit, Verbundenheit und die bewusste Wahrnehmung des Augenblicks.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Detlev Lindner

TorschlussGlück

Von Freiburg nach Sizilien - Zu Fuß auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

 

über den Autor

Detlev Lindner, 1959 in Coburg geboren, besuchte dort das Gymnasium und studierte anschließend Lebensmitteltechnologie an der TU München/Weihenstephan.  Viele Jahre war er als Vertriebsingenieur tätig, bevor er in den Ruhestand ging. Er ist Vater von vier Töchtern und lebt heute im Südwesten Deutschlands.  Besonders geprägt haben ihn seine Zeit bei den Pfadfindern, die Musik und die Verbundenheit mit der Natur – Quellen von Gemeinschaft, Ruhe und Inspiration, die ihn bis heute begleiten.

 

IMPRESSUM

1. Auflage 2025

© 2025 by hansanord Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages nicht zulässig und strafbar. Das gilt vor allem für Vervielfältigung, Übersetzungen, Mikrofilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN Buch 978-3-947145-34-8

ISBN E-Book 978-3-947145-35-5

Cover | Umschlag: Tobias Prießner

Satz: Christiane Schuster | www.kapazunder.de

Für Fragen und Anregungen: [email protected]

Fordern Sie unser Verlagsprogramm an: [email protected]

hansanord Verlag

Johann-Biersack-Str. 9

D 82340 Feldafing

Tel. +49 (0) 8157 9266 280

FAX +49 (0) 8157 9266 282

[email protected]

www.hansanord-verlag.de

Inhalt

1. Aufbruch

2. Wahrnehmung 
3. Bedürfnisse 
4. Flüchtigkeit 
5. Unverfügbarkeit 
6. Wärme 
7. Sinn 
8. Freiheit 
9. Glück 
10. Verbundenheit 
11. Pilger
12. Empfindsamkeit 
13. Fürsorge
Danksagung

Ich widme dieses Buch,

insbesondere alles Heitere und Nachdenkliche darin,

meinen Töchtern Barbara, Hanna, Mia und Tabea. 

Kapitel 1 - Aufbruch

11 Uhr 50. Ich ziehe die Frischhaltefolie von den kalten Platten. Es gibt Häppchen mit Käse, Wurst und Fisch. 11 Uhr 50 ist gut. Nicht früher, damit der Käse sich nicht rollt. Auch nicht später, denn dann kämen vielleicht schon die ersten Kolleginnen und Kollegen, um mir Lebewohl zu sagen. Für 12 Uhr hatte ich in der Firma zu meinem Ausstand eingeladen. Und wenn die ersten Leute kommen, habe ich keine Ruhe mehr zum Abziehen der Folie. 

Tatsächlich, der große Besprechungsraum füllt sich schnell, kaum dass ich die zerknüllte Folie irgendwo versteckt habe. Nach über dreißig Jahren in derselben Firma habe ich einen gewissen Bekanntheitsgrad. Es wurde unter den Kollegen mit Staunen zur Kenntnis genommen, dass ich über den Weg der Alters-Teilzeit zweieinhalb Jahre eher das Weite suche. 
»Was willst du denn jetzt machen?«, fragen nun die Kolleginnen und Kollegen. 
»Was wollen Sie denn jetzt machen?«, fragen die Vorgesetzten. 
Mein Arbeitsplatz ist interessant und ich habe ein ordentliches Gehalt. Das Betriebsklima ist freundlich und das Verhältnis zu den Vorgesetzten vertrauensvoll. Zu manchen Menschen in der Firma hat sich sogar eine tiefer gehende Beziehung aufgebaut. Das kam letztlich daher, dass ich mir zu Herzen nehme, was ein Freund mir irgendwann einmal vorgelesen hat. Sinngemäß hieß es in diesem Text, dass wir öfter einmal unseren Mitmenschen sagen sollten, wenn uns etwas an ihnen gefällt. Das versuche ich seitdem zu tun, bei allen möglichen Leuten, und eben auch in der Firma. Bei manchen Menschen freue ich mich alleine schon dann, wenn ich sie sehe. Das geschieht in der allerersten Zehntelsekunde und es ist ein unbeeinflussbares erstes Gefühl, wenn ich unvorbereitet einem Menschen begegne. Das kann am Morgen am Haupteingang sein, im Treppenhaus oder später in der Kaffeeküche. Ich erblicke diesen Menschen und kann gar nicht verhindern, dass ich mich einen winzigen Augenblick über diese Begegnung freue. 
Und wenn dies öfters passiert, dann sage ich irgendwann zu dieser Person: »Weißt du, du gehörst zu den Menschen, bei denen ich mich spontan freue, wenn ich ihnen begegne!« 
Ich darf das sagen, denn es stimmt ja. Und tatsächlich scheint jeder froh über einen solchen kleinen Satz zu sein. Und über diese kleine Freude meines Gegenübers freue ich mich dann gleich noch einmal und schon ist mein Arbeitstag ein Stückchen schöner. 
Die Frage nach meinen Plänen kann ich leicht beantworten: »Meine Frau nimmt ein Sabbatjahr. Wir wollen zusammen eine lange Reise machen!« 
Alle finden das eine tolle Idee. Mit dieser Auskunft kann jeder etwas anfangen. Das Reisen scheint für jeden etwas Verlockendes zu sein. Schließlich sind für die meisten Kolleginnen und Kollegen die eigenen Urlaubsreisen ein sehnsüchtig erwarteter Höhepunkt, etwas, worauf man lange hinfiebert. Ein ganzes Jahr mit einer Reise zu verbringen, muss eine wunderbare Sache sein und wird nicht weiter hinterfragt. 
Mir selbst geht es nicht ganz so. Sinn und Zweck dieser Reise liegen für mich nicht einfach so auf der Hand. Nur eines scheint sich einigermaßen klar abzuzeichnen: Ich hoffe, während dieses Jahres herauszufinden, wie ich die Jahre nach dieser Reise gestalten möchte. Etwas Sinnvolles möge es bitteschön sein, jedenfalls etwas mehr Erfüllendes, als nur Unkraut vor dem Haus zu entfernen oder mit Hilfe einer 40-teiligen Fernsehserie die Zeit bis zum eigenen Ableben zu überbrücken. Ich hoffe, dass der Abstand vom bisherigen Alltag und das Gelöst-Sein von allem Gewohnten neue und unerwartete Perspektiven eröffnen mögen. Das ist zwar etwas diffus, aber das ist es, was ich mir im Augenblick von unserem Vorhaben verspreche. 
Man überreicht mir Geschenke und spielt über den Beamer eine liebevolle Diashow über meine Zeit in der Firma ab. Mir wird bewusst, wie gut es mir an meinem Arbeitsplatz ging. Ich muss nicht fliehen vor dem, was ist. Es ist angenehm hier an diesem Ort. Aber es reizt mich das, was kommen wird. Ich tausche etwas Gutes gegen etwas Verlockendes. 
Die Mittagspause ist vorüber, die kalten Platten sind fast leer gegessen und die Kolleginnen und Kollegen gehen langsam wieder an ihren Arbeitsplatz. Ich bleibe alleine zurück und räume auf. Die Getränkeflaschen verstaue ich in Kisten, die ich mit einem Wägelchen hinaus zu meinem Auto transportiere. Ich bringe das Wägelchen zurück und dann wird es ernst: Ein letztes Mal gehe ich durch die gläserne Schiebetür. Ich wundere mich, wie wenig dramatisch sich das anfühlt. 
»Soll ich Sie wirklich nicht zum Bahnhof fahren?« 
Der Autohändler sieht mich mit großen Augen an. Gerade hat er ein paar Formulare ausgefüllt. An seinem Gesicht kann ich sehen, wie es in ihm arbeitet. Ich kenne ihn schon lange. Er ist ein ehrlicher und sympathischer Mann. Er hatte mir das Auto vor elf Jahren verkauft. Es ist der Tag nach meinem Ausstand. Heute kauft er es zurück, ohne dass ich ein anderes Auto bekomme. Er kann nicht verstehen, wie es nun mit mir weitergehen soll. 
Ich bemühe mich schon seit Längerem, das Auto so wenig wie möglich zu benutzen. Zuletzt fuhr ich damit fast nur noch zur Arbeit, und selbst das immer seltener. Mit Fahrrad, Bus und Bahn komme ich gut zurecht. Die Fahrzeit nutze ich zum Lesen. Die Wegstrecken mit dem Fahrrad dienen meiner Fitness. Inzwischen bin ich sicher, dass ein Leben ohne Auto für mich keine Einschränkung, sondern Erleichterung bedeuten würde. Ich müsste keine Gedanken mehr an Inspektionen, Winterreifen und Abgasuntersuchungen verschwenden. Ohne Auto würde plötzlich viel Platz in der Garage entstehen. Ich liebe Platz. Das alles fühlt sich gut an. »Nein, wirklich nicht, vielen Dank!«, versichere ich ihm. 
Zum Bahnhof ist es nicht weit. Und auf dem Weg dorthin liegt das Hallenbad, in dem ich oft nach Feierabend schwimmen war. Dort wasche ich die »Episode Auto« endgültig von mir ab. 
Nun sitzen meine Frau und ich auf unserer Terrasse bei einem Glas Wein. Lange schon ging uns die Idee einer einjährigen Reise im Kopf herum. Irgendwann hatten wir leichtsinnig diesen Plan per Handschlag besiegelt. Nein, nicht leichtsinnig. Leichten Sinnes ist eine bessere Formulierung. Seitdem haben wir ein Kribbeln im Bauch. Es gibt nur noch die Frage des »Wann« und des »Wie«, nicht aber des »Ob«. 
Uns wird ein ganzes Jahr zur Verfügung stehen. Das eröffnet viele Möglichkeiten. Tatsächlich haben wir viele Ideen. Wir könnten mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China fahren und dann irgendwie durch Südostasien wieder zurück. Oder wie wäre es, auf den Kapverdischen Inseln Meeresschildkröten zu bewachen, wenn sie am Strand ihre Eier legen? Jedenfalls wollen wir kein Flugzeug benutzen. Das halten wir beide für nicht mehr verantwortbar und auch nicht für nötig. Endlich sind wir uns sicher: Wir wollen es einfach halten. Wir werden ab unserer Haustür mit dem Rucksack losziehen, mit Zelt, Schlafsack und Kochtopf. Ab Freiburg soll es auf dem Querweg durch den Schwarzwald zum Bodensee gehen, dann nach Süden durch die Schweiz und, mit einer Alpenüberquerung, nach Italien. Dann sehen wir weiter. Das ist der Plan. 
Die Ausrüstung haben wir im Wesentlichen schon. Wir sind beide seit der Kindheit bei den Pfadfindern. Unsere gemeinsamen Urlaube ähnelten immer schon einer Pfadfinderfahrt. Wir kommen in der Natur ganz gut zurecht und haben keine Scheu, am Abend unser Zelt dort aufzubauen, wo wir gerade sind und wo ein schöner Platz dazu verlockt. Wir sind zwar nicht mehr so ganz jung, aber wir schaffen es noch, in das Zelt zu kriechen und wieder hinaus, ohne dass sich dadurch irgendwelche Wirbel verschieben. Zelt, Schlafsack und Isomatte sind schweres Gepäck, aber im Gegenzug werden wir nicht darauf angewiesen sein, jeden Abend ein Quartier zu erreichen. Wir schleppen sozusagen die Freiheit auf unserem Rücken. Vor allem aber wissen wir, dass wir viel intensiver unsere Umgebung erleben, wenn wir mitten in der Natur einschlafen und dort wieder aufwachen. Genau das möchten wir noch einmal erleben und auf uns wirken lassen, trotz unserer älteren Knochen. Oder gerade deswegen. In fünf oder zehn Jahren wird uns so etwas vielleicht nicht mehr möglich sein. 
Endlich kommt der Tag des Aufbruchs. Vor der Wohnungstür setzen wir die Rucksäcke auf. Die Frau, der wir unsere Wohnung überlassen, möchte noch ein Foto von uns machen. Wir lachen, winken, gehen los. Es ist heiß, Mitte August. Schon nach 500 Metern sind die Hemden durchgeschwitzt. Wird es jetzt also tatsächlich wahr? Der Aufbruch hat noch etwas Unwirkliches. 
Während des Gehens geht mir das Wort »Aufbruch« durch den Kopf. Nicht nur heute und nicht nur beim Losgehen findet ein Aufbruch statt. Es ist auch ein Aufbrechen von Gewohnheiten. Schon seit Wochen und Monaten waren wir damit beschäftigt, scheinbar unverrückbare Dinge aufzubrechen. Unsere Arbeitsplätze haben wir verlassen, im Falle meiner Frau zumindest für ein Jahr. Die Wohnung haben wir leergeräumt. Dinge, die immer schon an derselben Stelle standen, wurden respektlos von ihrem Platz gerissen und in Kartons gesteckt. Manches wurde verschenkt oder wanderte schweren Herzens in den Müll. Auch die geliebten Hühner haben wir in andere Hände gegeben. 
Gewohnheiten bringen ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit. Vielleicht können sie aber auch zu einer Art Eisschicht werden, in der das Leben erstarrt. Wenn das bei uns der Fall gewesen sein sollte, dann werden wir mit unserem Aufbruch dieses Eis gründlich aufbrechen. Ab jetzt wird vieles nicht mehr so sein wie gewohnt.
Aufbruch! Die Nachbarin macht schnell noch ein Foto.

Kapitel 2 - Wahrnehmung

Oh, was ist das? Ich bleibe stehen. Ein Objekt liegt vor meinen Füßen, das da nicht hingehört. Ich versuche, mich zu k onzentrieren. Es ist unglaublich heiß, das Hemd klebt am Körper, es pocht in meinen Schläfen. Auf dem endlos ansteigenden Forstweg ist jede gedankliche Tätigkeit auf Null heruntergefahren. Wahrscheinlich sieht mein Gesicht ziemlich dumm aus, wie ich da eine Weile auf den Boden schaue. Ein Strumpf! Ich bücke mich, um ihn aufzuheben. Dabei rutscht ein feuchtes T-Shirt quer über mein Gesicht. Es ist oben auf meinem Rucksack befestigt. Es soll dort trocknen, denn ich habe es heute Morgen gewaschen. Den Strumpf muss meine Frau verloren haben. Sie läuft einige Meter vor mir. Ihr Rucksack sieht aus wie ein wandelnder Wäscheständer. 

Wir haben nicht viel Kleidung mitgenommen, um Gewicht zu sparen. Deshalb waschen wir bei jeder Gelegenheit irgendwelche Sachen. Dorfbrunnen sind dabei sehr willkommen. Sie haben eine angenehme Arbeitshöhe. Schon nach wenigen Tagen hat es uns nicht mehr gekümmert, wenn Leute verwundert zuschauen. In puncto Gewichtsparen sind wir vielleicht fast schon obsessiv. Ich jedenfalls habe, zur Belustigung meiner Frau, sogar den Stiel meiner Zahnbürste auf halber Länge abgesägt. Viel gebracht hat es nicht. Wir keuchen und schwitzen vor uns hin. Inzwischen sind wir das Höllental hinaufgestiegen, haben die Ravennaschlucht durchquert und im Titisee gebadet. Dann ging es die Wutachschlucht entlang und nun kommen wir in ein Gebiet, das neu für uns ist. Für kurze Tagesausflüge ab Freiburg ist es hierhin schon zu weit. 
Der Abend ist gekommen. Das Zelt steht auf einer Anhöhe am Waldrand, auf dem ebenen Vorplatz einer winzigen Schutzhütte. Ich sitze auf einem Holzklotz, blicke in die Ferne und sehe die markanten Vulkankegel des Hegau im Dunst vor mir liegen. Ein magischer Anblick. 
Wie kann ich für mich selbst diese ersten Tage beschreiben? Welche Wirkung haben sie auf mich? Es gibt auf unserem Weg keine großen Sensationen im üblichen Sinne. Eine Sensation ist normalerweise etwas Spektakuläres, ein echter Knaller. Ihre Wirkung ist oft tatsächlich wie bei einem Knaller: Er verpufft und hinterlässt eine Stille, die manchmal größer ist, als sie es vorher war. Das, was wir erleben, kommt hingegen zart und leise daher. Es spricht unmerklich alle Sinne an. Es verpufft nicht, sondern es hat einen langen Nachhall. Mit zeitlichem Abstand scheint die Wirkung sogar intensiver zu werden. 
Ich denke an den Augenblick, als ich beim Wandern plötzlich meine Umgebung dreidimensional wahrgenommen habe. Mit zwei gesunden Augen müsste ich dazu eigentlich immer in der Lage gewesen sein, aber tatsächlich war dieser Moment wie ein Umschalten in einen neuen Modus. Es war ein Zugewinn einer neuen Dimension. Der Wald war nicht mehr nur eine schöne Fototapete. Er wurde Wirklichkeit, ein Raum mit Nähe und Ferne. Beim Gehen war es, als schwebte ich durch diesen Raum hindurch. Dieses neue Sehen begann beinahe von einer Sekunde auf die andere. 
Wahrscheinlich bekamen meine Augen zu oft und zu lange kein geeignetes Futter für dreidimensionales Sehen. Diese Fähigkeit wird schlicht und einfach nicht gebraucht, wenn die Augen stundenlang auf einen flachen Bildschirm schauen. Anscheinend wendet die Natur hier ein generelles Prinzip an: Was nicht gebraucht wird, wird auch nicht bereitgestellt. Ich muss mein bewusstes räumliches Sehen so langsam und unmerklich verloren haben, dass ich diese Veränderung nicht wahrgenommen hatte. Zwar reichte es noch dafür, dass ich nicht gegen jeden Laternenpfahl rannte. Aber jetzt, da die visuelle Wahrnehmung in dieser Weise erweitert worden ist, fühlt sich das neu entdeckte räumliche Sehen beinahe wie ein Aufwachen an, wie eine Geburt hinein in die reale Welt. Wenn das, was mich umgibt, vorher nur eine Art Film war, der vor meinen Augen ablief, ohne mich wirklich etwas anzugehen, so ist es jetzt ein staunendes Entdecken, dass ich mich in der bunten und reichen Wirklichkeit befinde. Etwas öffnet sich, wird zugänglich, entfaltet sich vor meinen Augen. Das, was mich umgibt, bekommt Tiefe in doppeltem Sinne. 
Welch Missverständnis lag in dem freundlichen Satz, den wir vor der Reise des Öfteren von Nachbarn und Freunden gehört haben: 
»Toll, dass ihr das macht! Ihr werdet sicherlich in dieser Zeit gut abschalten können!« 
Nein, dies hier ist kein Abschalten. Das Gegenteil findet statt. Es ist ein Einschalten. Die Sinne sind aufgewacht. Endlich fühle ich mich eingebettet in das, was mich umgibt. Staunend sage ich zu mir selber: 
»Hallo, liebe Wirklichkeit! Ich bin wieder da!« 
Am nächsten Morgen kriechen wir aus dem Zelt. Der erste Blick gilt dem Wetter, dem Licht, den Farben des Morgens. Auf der Haut spüren wir die Temperatur und den Wind. Der Boden, das Gras und die Bäume duften. Die Gerüche sind völlig anders als am Abend. Dann widmen wir uns dem inzwischen zur Routine gewordenen Ablauf: Lüften des Schlafsackes, Morgenwäsche, Ankleiden, Frühstück, Abbauen des Zeltes, Packen der Rucksäcke. Wir wechseln nur wenige Worte. Schließlich setzen wir die Rucksäcke auf und gehen los. 
Meine Frau ruft: »Danke, Platz!«