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Ein adriatischer Badeort zum Saisonende, ein österreichisches Gymnasium, das heruntergekommene Palais eines altadeligen Geschlechts, ein Sportbecken für Schwimmwettbewerbe … kein noch so unscheinbarer Schauplatz ist gefeit davor, Tatort eines Gewaltverbrechens zu werden. In diesen elf Kriminalerzählungen sprengt der Tod alle Grenzen, von Menorca bis zu den Andamanen, von Eibiswald-Pölfing bis Joditz im Vogtland. Düster, skurril, grausam, witzig und absurd: Rudolf Strohmeyers erbarmungsloser Sarkasmus verschont nichts und niemanden … einfach mörderisch!
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Veröffentlichungsjahr: 2021
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
10/2021
Totenasche
© by Rudolf Strohmeyer
© by Hybrid Verlag
Westring 1
66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2021 by Creativ Work Design
Stock-Fotografie-ID:486918413, Bildnachweis:3drenderings
Lektorat: Matthias Schlicke
Korrektorat: Johanna Günther
Buchsatz: Paul Lung
Autorenfoto:Sandra Strohmeyer
Coverbild ›Tote lesen keine Krimis‹
© 2018 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Richter und die Schande der Familie‹
© 2020 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Funkschatten‹
© 2019 by Creativ Work Design, Homburg;
Fotograf/Bild: © by Ruth Ledersteger
ISBN 978-3-96741-123-2
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Rudolf Strohmeyer
Totenasche
Kriminalerzählungen
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil: Schmerzinfarkt
Die Summe aller Teile
Gute Sitten
Die Quallen-Falle
Rugediguck
Blutsbande
Zweiter Teil: Zimmer mit Blutbad
Harte Bandagen
Port Blair
Dritter Teil: Power-Frauen-Grauen
Menorca oder
Das Gras der Träume
Richter und der hoffnungslose Fall
Richter und die tote Schwimmerin
Richter und das Initialen-Rätsel
Für meinen Bruder Thomas
(1954 – 2016)
Erster Teil: Schmerzinfarkt
Krimis leben davon, dass der Täter nicht
auf frischer Tat ertappt wird.
Die Summe aller Teile
Alles ist wie immer. Auf dem Tischchen unter der altmodischen Schirmlampe steht das aufgeklappte Schachbrett. Darauf die Armeen der Elfenbeinfiguren, in Ausgangsposition lauernd. In Griffweite eines jeden von uns beiden die unvermeidliche Flasche Wein. Bei mir muss es ein Weißburgundersein, frisch gekühlt und bereits entkorkt, bei Heinz ein Chianti, natürlich aus der Toskana; und hier wiederum bevorzugt aus der Gegend um Montalcino. Die jeweils dazu passenden Gläser warten auf ihre Befüllung. Ich stelle fest: Nicht nur die Brötchen sind bereits belegt – bei mir Eiaufstrich, bei meinem Gastgeber Thunfisch –, auch der Plattenteller. Sofern ich es von meinem Platz aus erkennen kann, und die akustische Bestätigung folgt wenig später, handelt es sich um die neueste Platte von Bob Dylan; ›Infidels‹.
Es folgt das Ritual der Farbauswahl, um den Glücklichen zu bestimmen, der das Anzugsrecht erhält. Mein schon vor beträchtlicher Zeit geäußerter, scherzhafter Vorschlag, die Farbe der Schachfigur solle sinnigerweise mit der Farbe des konsumierten Weines übereinstimmen, sodass ich mit den weißen Figuren kämpfen dürfe, erntete bereits beim ersten Mal nur verhaltenes Lachen. Ich bin klug genug, diesen matten Scherz späterhin nicht zu wiederholen. Wie stets nehme ich daher zwei verschiedenfarbige Bauern vom Brett, wechsle sie unter der Tischfläche mehrmals zwischen meinen Händen aus, und biete dann die geschlossenen Fäuste zur zufälligen Auswahl an. Mein Gastgeber spielt mit Weiß; er zieht den Königsbauern und stellt ihn auf e4. Ich antworte, indem ich die Partie in die Spanische Eröffnung lenke.
Während der geniale Wirrkopf aus den USA den ersten Song des Albums, ›Jokerman‹, aus den Boxen bellt, in leider sehr verhaltener Lautstärke, lenkt Heinz das Gespräch wieder auf das Lieblingsthema unserer wöchentlichen Schachabende: der perfekte Mord, und ob es ihn geben kann oder nicht.
»Du lässt dich von Filmen wie ›Cocktail für eine Leiche‹ oder ›Zwei Fremde im Zug‹ aufs Glatteis führen, mein Lieber.« Heinz schenkt Wein in sein Glas, trinkt, wischt mit dem Handrücken trocknend über seinen Schnurrbart. »Beide Filme beweisen im Grunde nur, dass es keinen perfekten Mord gibt. Aber du folgerst daraus, dass es ihn sehr wohl geben kann, wenn man eben jeden, absolut jeden Fehler vermeidet.«
Ich fordere ihn mit Blicken auf, sich dem Spiel zu widmen, da er am Zug ist, und entgegne: »Sehr richtig, mein lieber Heinz. Und insoweit sind diese beiden Hitchcock-Filme außerordentlich lehrreich. Nimm diesen ersten Film: die Ermordung eines willkürlich ausgewählten Studenten durch zwei seiner Kommilitonen; rasch, sauber, unkompliziert. Was aber das Wichtigste ist: Es gibt auch nicht das geringste Motiv!«
Mein Freund zieht den Läufer, lehnt sich zurück und schüttelt missbilligend den Kopf: »Gerade das, was du als unverzichtbare Hauptsache preist, das fehlende Motiv, trägt, meiner Ansicht nach, den Keim des letztendlichen Scheiterns des sogenannten ›perfekten‹ Verbrechens in sich. Denn, mein lieber Rudi, du übersiehst die psychische Komponente.« Er legt eine kurze, theatralische Pause ein. »Die psychische Komponente«, wiederholt er nachdrücklich. »Die Tatsache, einen Menschen vollkommen grundlos umgebracht zu haben, wächst sich früher oder später zu einer zentnerschweren Gewissenslast aus. Und selbst wenn die offizielle Justiz den Mord nicht aufklären sollte – was ich ausdrücklich für extrem unwahrscheinlich halte –, selbst dann wird das eigene Gewissen den Mörder unbarmherzig bestrafen!«
Heinz trinkt, setzt das Glas mit einer Art energischer Entschlossenheit ab. Offensichtlich reagiert er auf mein leicht spöttisches Lächeln ablehnend.
Ich rochiere, zünde mir jetzt die erste Zigarette des Abends an, eine Camel (also jene Sorte, von welcher ich auf Grund ihrer Milde gerne zwei Päckchen am Tag verpaffe). Jetzt fülle auch ich mein Glas, trinke.
»Ich will dich nicht schockieren, lieber Heinz. Aber die Planung und Ausführung eines perfekten Mordes hat durchaus etwas von einem Kunstwerk an sich. Einem Kunstwerk, bei dem sämtliche Komponenten aufeinander abgestimmt sein müssen, bei dem jedes kleinste Detail bedacht werden muss. Bei dem Form und Inhalt in vollendeter Symbiose ineinander aufgehen! Im Falle des Gelingens ist es dann aber auch die Psyche des Mörders allein, die das Vollbrachte schätzen, bewundern und genießen – ja, Heinz, genießen! – kann. Und glaubst du wirklich, dass ein Künstler sich bei der Schaffung eines Meisterwerkes von moralischen Aspekten irritieren lässt? Dass er sich, nachdem er der Welt etwas Geniales geschenkt hat, von Gewissensqualen gepeinigt fühlt?«
Ich erschrecke, denn mein Freund ist aufgestanden und geht erregt einige Schritte durch das Zimmer. Die Debatte scheint ihn zusehends zu nerven. »Rudi«, bittet er mich mit einem Unterton leiser Verzweiflung, »deine Attitüde des amoralischen Übermenschen macht dich unsympathisch. Lass das bitte.«
»Setz dich doch wieder«, ersuche ich ihn. »Du bist am Zug. Und du solltest auf deinen Springer achten.« Heinz nimmt Platz. Ich versuche vorsichtig, wieder über die Hitchcock-Filme zu sprechen, da mich das Thema nun einmal interessiert.
»Mir scheint, dass in ›Cocktail für eine Leiche‹ genau das, was du als Störfaktor ›Psyche‹ beschreibst, zur Aufdeckung der Tat führt. Die beiden Mörder, hochmütige Studenten, sind geradezu besessen davon, andere von ihrer Überlegenheit zu überzeugen. Sie geben eine Party in der Wohnung, in der sie die Leiche ihres Opfers versteckt haben, und laden noch dazu enge Bekannte und Verwandte des Ermordeten dazu ein. Und sie begehen den Fehler, nicht alle Spuren gründlich genug beseitigt zu haben. Aber was ihnen in erster Linie fehlt: die Demut des Künstlers vor dem eigenen Werk. Sie betteln geradezu darum, als Schöpfer ihrer Tat erkannt zu werden!«
Heinz hat sich nun tatsächlich wieder beruhigt. Auch seinen Springer hat er in Sicherheit gebracht. Wieder versöhnt meint er nach einem Schluck aus seinem Weinglas: »Ich stimme dir zu, Rudi. Wir reden hier über einen Film und die Thesen, die uns das Drehbuch unterbreitet. Deine Analyse trifft es. Vergiss aber auch du nicht, wie befriedigend es für dich als Zuschauer ist, den letztendlichen Sieg der Gerechtigkeit zu erleben.«
Ich sage nichts, rauche. Vielleicht nicke ich auch. Meine Gedanken sind schon beim zweiten Film.
Mittlerweile ist der Arm des Tonauflegers zurück in seine Halterung gesprungen, die erste Seite des Dylan-Albums zu Ende.
Heinz zieht mit der Dame und baut langsam, aber sicher eine Front auf dem Königsflügel auf, die mir Sorgen zu bereiten beginnt. Er steht auf, geht zum Plattenspieler und dreht die Langspielplatte um.
»In dem anderen Film wiederum, in dem zwei Männer sozusagen ihre Morde tauschen, liegt der fundamentale Fehler meiner Ansicht nach woanders. Du erinnerst dich?« Ich meine damit die Handlung des Filmes und sehe Heinz an. Dieser nickt, ergreift selbst das Wort: »Jeder der beiden einander zufällig begegnenden Männer hätte Grund, jemanden zu beseitigen. Der eine seine Frau, die sich der Scheidung und damit dem zukünftigen Liebesglück ihres Mannes widersetzt, der andere seinen kranken Vater, der ihn tyrannisiert und zum Versager stempelt. Die wahnsinnige Idee besteht nun darin, dass jeder die Tat des anderen ausführt und dieser andere sich ein perfektes Alibi verschaffen kann. Aber, Rudi, was willst du denn mehr, um deinen vollkommenen Mord zu bewerkstelligen?«, lacht mein Freund, nun wieder ganz der gutgelaunte Alte.
Es entgeht ihm, dass ich völlig ernst bleibe. »Ich werde dir sagen, was mich stört. Dass es in beiden Fällen ein Motiv gibt und dass in beiden Fällen fast zwangsläufig der Verdacht auf Angehörige der Opfer fallen muss.« Ich drücke meine Camel im Aschenbecher aus, zünde mir eine neue an. Zeit, den ersten Figurentausch zu tätigen. Ich schlage mit meinem Läufer den gegnerischen; mein Freund wiederum wird, wenn er jetzt an der Reihe ist, auch meine Leichtfigur durch einen Zug seines Bauern vom Brett entfernen. »Der reine, perfekte Mord müsste so aussehen, dass es keinerlei Motiv zu geben scheint, dass er sozusagen vollkommen unmotiviert wirkt. Das erst würde jede Ermittlungstätigkeit so gravierend erschweren, vielleicht sogar verunmöglichen, dass der Fall beste Chancen hätte, ungelöst zu bleiben.«
Aber mein Freund lässt sich durch meine fast schon leidenschaftlichen Ausführungen seine gute Laune nicht mehr verderben. Ganz im Gegenteil, er schlägt meinen Turm und bietet Schach.
Dazu lacht er: »Ein ungelöster Mordfall braucht noch kein perfekter Mord zu sein! Es kann sich auch bloß um Schlampigkeit bei der Ermittlungsarbeit handeln. Der Zufall verhindert, dass ein Beweis als solcher erkannt wird usw. usf. Dein Künstler, mein lieber Freund, ähnelt letztlich dem Dieb eines weltberühmten Gemäldes: Er sitzt davor und bestaunt es, darf aber niemanden an seiner Freude, an seinem Erfolg teilhaben lassen. Wie bemitleidenswert!« Er lacht.
Ich bringe meinen König in Sicherheit – die jedoch von kurzer Dauer sein wird, wie sich bald herausstellt –, trinke, rauche und lausche der zu leisen Musik. An diesem Abend reden wir nur mehr über belanglose Themen.
*
Auf den ersten Blick merke ich, dass dieser Abend nicht in den gewohnten Bahnen verlaufen wird. Heinz wartet kaum ab, dass ich mich meines grauen Staubmantels entledige, als er auch schon, die Tageszeitung von gestern schwenkend, auf mich einstürmt: »Du hast doch von dem Eisenbahnmord gelesen, oder!? Das ist doch unglaublich! Geradezu unfassbar!«
Temperamentsausbrüche sind keine Seltenheit bei Heinz, sodass ich mich nicht aus der Ruhe bringen lasse.
»Beruhige dich, lieber Freund. Natürlich habe ich mich über dieses Verbrechen informiert. Aber lass mich doch erst einmal Platz nehmen.«
Ich stelle fest, dass der Tisch unter der Stehlampe sich gähnend leer präsentiert. Aus der regulären Schachpartie scheint also diesmal nichts zu werden.
Heinz fällt in seinen bequemen Fauteuil mir gegenüber, beugt sich jedoch sofort vor und gestikuliert mit der Zeitung. »Natürlich habe ich mich sofort mit meinen ehemaligen Kollegen im Polizeikommissariat in Verbindung gesetzt. Ich bin also in der Lage, dich über die genauen Details des vermuteten Geschehnisverlaufes zu informieren. Du bist doch interessiert, oder?«
Da er sich meiner Zustimmung vollkommen sicher ist, wartet er meine Antwort nicht ab, sondern fährt ohne Zögern fort: »Wie du weißt«, und hier schwingt ein deutlich erkennbarer Unterton von Stolz in seiner Stimme mit, »hält man noch immer sehr große Stücke auf mein Urteilsvermögen. Und insgeheim«, jetzt platzt er beinahe vor Stolz, »rechnet man damit, dass ich im Rahmen meiner Möglichkeiten an der Aufklärung dieses Falles mitarbeite.«
»Was du natürlich mit dem allergrößten Vergnügen tun wirst.«
»Was ich natürlich mit dem allergrößten Vergnügen tun werde.« Er lacht.
Auch ich lache. Bevor er beginnt, weiterzureden, deute ich fordernd auf die zwei vorbereiteten, jedoch noch nicht geöffneten Weinflaschen.
Heinz besinnt sich seiner Gastgeberpflicht. Rasch und mit geübtem Griff entkorkt er beide, füllt unsere Gläser. Noch während wir uns erste Schlucke gönnen, breitet er den ›Tagesanzeiger‹ von gestern, dem 8. November 1983, auf dem Tisch aus und schlägt mit der flachen Hand auf die fette Schlagzeile: »›Brutaler Mord im Pendlerzug – Großfahndung läuft‹. Was für ein Nonsens! Noch verfügt die Polizei über keinerlei konkrete Hinweise die Person des Täters betreffend und schon soll eine Großfahndung laufen? Wofür halten uns die Journalisten eigentlich? Für Jäger, die in den Wald rennen und warten, ob ihnen etwas vor die Flinte kommt?« Sein verächtliches Schnauben verrät mir, dass er sich gewissermaßen in seiner Berufsehre gekränkt fühlt.
Sanft mahne ich zu mehr Gelassenheit und bitte, mir die bisherigen Ermittlungsergebnisse zu schildern, damit ich mir ein einigermaßen zuverlässiges Bild von den Ereignissen machen könne.
Wie ich es erwartet habe, renne ich mit diesem Wunsch sozusagen offene Türen bei meinem Freund ein. Er beginnt sofort: »Thomas Schönbrecht, 42 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder, wohnhaft in Hof, von Beruf Versicherungsvertreter. Er kehrt nach zwei Tagen in Nürnberg, wo er angeblich ein Seminar besuchte - in der Zentrale des Versicherungsunternehmens, für das er tätig ist -, in seinen Wohnort zurück.
Er fährt mit dem Zug um 15:37 Uhr, der um 16:15 Uhr in Pegnitz eintrifft. Üblicherweise steigen dort etliche Fahrgäste in den Zug nach Bayreuth um.«
»Warum fuhr er nicht mit dem Auto?«
»Gute Frage. Darüber haben sich die Zeitungsfritzen ausgeschwiegen. Man entzog ihm die Fahrerlaubnis aus demselben Grund, aus dem du, mein lieber Rudi, mit 45 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden bist.«
Falls Heinz gedacht haben sollte, mir mit dieser kleinen Boshaftigkeit einen dezenten Rüffel verpassen zu können, muss ich ihn leider enttäuschen. Denn ich lache, erhebe mein reichlich gefülltes Weinglas und proste ihm zu: »Darauf stoßen wir an!«
Auch mein Freund, der im Ruhestand befindliche, ehemalige Kriminalkommissar, macht gute Miene zum bösenSpiel, nippt jedoch nur kurz an seinem Glas und fährt ungeduldig mit seiner Schilderung fort: »Eine in Pegnitz zugestiegene, schwangere Frau öffnete trotz zugezogener Vorhänge die Abteiltür zu den Sitzplätzen 112 bis 118, da sie selbst einen der Plätze reserviert hatte. Schönbrecht lag zusammengesunken auf seinem Sitz, die blaue aufgequollene Zunge aus dem geöffneten Rachen gestreckt; weit aufgerissene Augen, die aus den Höhlen treten wollten … Na, du kannst es dir ja denken. Bei Gott kein schöner Anblick. Hoffentlich hinterlässt der Schock der Mutter keine Schäden bei dem kleinen Wurm …« Heinz reißt sich zusammen, macht dem unsachlichen Abschweifen ein Ende. »Schönbrecht wurde offensichtlich erdrosselt, vermutlich mit einem Riemen. Vielleicht hat der Täter seinen Hosengürtel benutzt. Bis jetzt fand man keine Fingerabdrücke, wobei es aufgrund der Jahreszeit keineswegs auffällig wirkt, wenn jemand Handschuhe trägt.«
»Um welche Uhrzeit kam es zur Entdeckung des Opfers? Wie lange hält der Zug in Pegnitz?« Ich zünde mir die zweite Zigarette an, seitdem ich bei meinem Freund bin.
»Der Zug traf pünktlich um 16:15 Uhr ein. Die Weiterfahrt hätte dann fahrplangemäß um 16:25 Uhr stattfinden sollen. Der Täter hatte also zehn Minuten Zeit, um das Weite zu suchen. Da um 16:22 Uhr ein Zug von Pegnitz nach Bayreuth abfährt, ist es keineswegs auszuschließen, dass der Mörder mit diesem Zug weitergefahren ist.«
»Hmmm«, überlege ich, »mir scheint es merkwürdig, dass die Versicherung ein Seminar von Sonntag bis Montag abhält …«
Jetzt ist es Heinz, der mich noch zu Geduld ermahnt. »Immer hübsch der Reihe nach, lieber Freund. Die entscheidende - und wohl auch nächstliegende - Frage lautet doch: Wer hat wann Schönbrecht zum letzten Mal gesehen?«
Ich trinke und gehorche der versteckten Aufforderung von Heinz: »Wer hat wann Schönbrecht zum letzten Mal gesehen?«
Heinz zwinkert mit dem Auge. »Braver Junge! Aber halte dich fest! Jetzt kommt’s! Der Fahrkartenkontrolleur betrat das Abteil um 16:07 Uhr, also acht Minuten vor Ankunft des Zuges in Pegnitz. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich zwei Männer im Abteil. Der eine von ihnen war Schönbrecht, der andere aber muss der Mörder gewesen sein!«
Ich drücke die Zigarette im Aschenbecher aus, trinke einen Schluck Wein. »Das bedeutet, dass für den Mord noch etwa 7 Minuten Zeit blieben.«
»Sehr richtig.«
»Und der Täter ist spurlos verschwunden. Hmmm …«
Heinz will gerade sein Glas zum Mund führen, hält jetzt aber mitten in der Bewegung inne. »Moment, du denkst doch jetzt nicht an deine Theorie des perfekten Mordes?« Er stellt das Glas zurück, seine Stimme klingt hörbar aufgeregt, als er fortfährt: »Unser Täter handelte geradezu sträflich dumm! Ein an einem Wochentag gut gefüllter Pendlerzug; dutzende Fahrgäste müssen ihn gesehen haben, als er das Abteil suchte und betrat; wir haben eine Personenbeschreibung des Kontrolleurs, und auch der Schalterbeamte am Fahrkartenschalter in Nürnberg kann sich an einen Mann mittleren Alters erinnern, der sich ein wenig sonderbar benahm …«
»Ja, aber dann braucht ihr doch nur nach den Aussagen des Fahrkartenkontrolleurs eine Phantomzeichnung anzufertigen.«
Mein Freund zuckt leicht verärgert die Achsel. »Leider konnte er den Täter nicht wirklich gut beschreiben, da dieser sich in gebückter Haltung die Schnürsenkel zuband und den Fahrschein sozusagen blindlings reichte. Aber der Schalterbeamte! Ein Herr Bodo Gosch. Dieser meint, dass der Mann zunächst einen Fahrschein nach Bayreuth löste, dann aber doch lieber eine Fahrkarte nach Hof haben wollte. Dann schwenkte er noch einmal um und wollte doch nur bis Pegnitz reisen. Es gab dann noch ein etwas umständliches Getue bei der Bezahlung des Ticketpreises. Und wir haben schließlich noch Beschreibungen von Mitreisenden.«
Ich gebe mich nicht überzeugt. »Mir jedenfalls scheint es beinahe so zu sein, als ob es der Täter geradezu darauf abgesehen hat, von möglichst vielen Leuten gesehen zu werden. Und Herr Gosch vom Bahnhof Nürnberg sollte dann bloß ein weiterer dieser sogenannten ›Zeugen‹ sein, die sich an den Täter ›genau‹ zu erinnern meinen. Ich jedenfalls würde auf ein Phantombild nicht allzu große Hoffnungen setzen. Je mehr Beschreibungen es von einer Person gibt, desto unspezifischer fällt dann im Allgemeinen das Porträt aus.«
Heinz kaut stumm an der Unterlippe. »Du lässt außer Acht«, fängt er sich schließlich wieder, »dass es einen Grund gibt, warum der Täter nur bis Pegnitz fahren wollte. Wenn er Schönbrecht auf einer Fahrtstrecke bis Hof töten wollte, steigt das Risiko enorm an, dass doch jemand weiterer das Abteil betritt und den Mord vorzeitig entdeckt.«
»Aber gerade das macht mich stutzig«, gebe ich nicht klein bei. »Woher wusste der Täter, dass Schönbrecht allein in einem Abteil sitzen würde?«
Mein Freund unterbricht: »Nehmen wir an, er wusste es! Dann war es für ihn aber ziemlich klar, dass spätestens nach der Fahrscheinkontrolle niemand mehr in den wenigen Minuten bis Pegnitz das Abteil betreten würde, da ja schon längst alle Fahrgäste ihre Plätze, seien es nun Steh- oder Sitzplätze, eingenommen hätten.«
»Zugegeben«, lenke ich scheinbar ein. »Aber um einen Mord zu begehen, gibt es doch wahrlich intimere Lokalitäten als ein öffentliches Verkehrsmittel!«
Jetzt huscht es wie ein Leuchten über die Gesichtszüge meines Gastgebers. »Endlich verstehen wir uns, lieber Rudi! Deshalb besteht für uns auch kein Zweifel, dass wir diesen Wahnsinnigen sehr bald schnappen werden!«
Ich hebe mein Glas, wir stoßen an. »Gibt es sonst noch Spuren?«
»Meine Kollegen von der Mordkommission fanden im Aschenbecher des Zugabteils vier Zigarettenstummel der Sorte Camel und einen Stummel einer starken Zigarillo-Marke. Ein Päckchen dieser Sorte hatte Schönbrecht bei sich. Das bedeutet allerdings, …«, Heinz zögert, gibt sich nachdenklich, »dass dem Mörder, wenn er tatsächlich vier Zigaretten geraucht haben sollte, verdammt wenig Zeit für die Ausübung seiner Tat blieb …«
Jetzt fingere ich eine Camel aus meiner Packung, grinse anzüglich, als Heinz leicht indigniert auf die Zigarettenpackung blickt, zünde die Zigarette an und während ich den Rauch aus den Nasenlöchern stoße, überlege ich: »Vielleicht hat der Täter seinem Opfer eine seiner Zigaretten angeboten, also selbst nur drei geraucht?«
Mein Freund gibt jedoch zu bedenken: »Ist es vorstellbar, dass ein Raucher einer starken Zigarillo-Sorte eine doch recht milde Camel raucht?«
»Du solltest in Erwägung ziehen, dass Schönbrecht Vertreter war. Ihm wurden daher im Laufe seiner Kundenkontakte sehr häufig Angebote gemacht, die er fast zwangsläufig annehmen musste.«
»Ja, gut möglich. Dann rauchte unser Täter also tatsächlich nur drei Zigaretten.« Die Zuversicht kehrt zu Heinz zurück. »Als nächstes überprüfen wir natürlich die Sache mit dem angeblichen Seminar. Und die persönlichen Lebensumstände des Opfers. Sobald wir auf ein Motiv stoßen, ist die Ergreifung des Täters nur mehr Routinesache. Ein Kinderspiel, sozusagen.«
»Mord ist nie ein Kinderspiel, lieber Heinz«, moralisiere ich, aber ich lache dabei. Auch Heinz ist wieder bestens gelaunt, greift zu der Schachtel mit den Schachfiguren und beginnt, das Spielfeld für eine Partie vorzubereiten.
*
Die Sache mit dem angeblichen Seminar klärt sich rasch. Wie ja zu erwarten war. Schönbrechts Ehefrau, eine unscheinbare, mit der Hausarbeit des kinderlosen Haushalts hoffnungslos unterforderte Kleinbürgerin, verbringt einen Großteil ihrer Tage mit einer ehrenamtlichen Tätigkeit in einem Wohltätigkeitsverein, der Patenkinder aus der Dritten Welt an spendierfreudige Gutmenschen vermittelt. Die Lüge von einer Schulung der Versicherungsangestellten am Firmensitz in Nürnberg an Sonn- und Montag akzeptierte sie schon deshalb widerspruchslos, weil ihr Mann sich in den letzten drei Jahren nur mehr sehr wenig um sie kümmerte.
Sie fällt aus allen Wolken, als die ermittelnden Kriminalbeamten ohne große Mühe in den persönlichen Dokumenten des Mordopfers auf eine jahrelang geführte Korrespondenz mit einem Herrn Rainer Müller aus Nürnberg stoßen. Als ihr der Inhalt der aufgefundenen Briefe mitgeteilt wird, stürzt die kleine, heile Welt der biederen Kirchgängerin wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Thomas Schönbrecht und Rainer Müller sind seit Jahren ein Liebespaar.
Mein Freund hält mich, wie versprochen, ständig auf dem Laufenden.
Das Telefon läutet. Ich stelle mein Weinglas auf den Tisch, gehe in die Diele und hebe ab. Heinz meldet sich mit aufgeregter Stimme. »Wir haben ihn! Bitte komm in einer halben Stunde ins Kommissariat. Man erlaubt uns, dem Verhör des mutmaßlichen Täters beizuwohnen. Ich bin sicher, das interessiert dich genauso sehr wie mich.«
Ich lege auf, schlüpfe in meinen Staubmantel, setze mir den Hut auf undverlasse das Haus. Draußen ziehe ich mir die Wollhandschuhe über. Es ist ein sehr kalter November.
Im Hofer Polizeigebäude erwartet mich mein Freund und führt mich in das Souterrain, wo wir vor einer Spiegelglasscheibe Stellung beziehen. Neben uns zwei weitere Kriminalbeamte, denen ich zunicke. Der Verhörraum sieht exakt so aus, wie man ihn aus Kriminalfilmen kennt: ein Tisch, zwei Sessel, ein Tonbandgerät, ein Tischmikrofon.
Rainer Müller ist das, was man als gutaussehenden Mann in den besten Jahren bezeichnet. Das Haar vielleicht eine Spur zu lang, der Mund zu weich, aber unter dem Hemd zeichnet sich ein im Fitnessstudio trainierter Oberkörper ab. Allerdings: Im Moment scheint er das sprichwörtliche Häufchen Elend zu versinnbildlichen.
Der vernehmende Beamte (breit, Brille, Betonschädel):»Sie geben also zu, dass Sie mit Herrn Schönbrecht eine widernatürliche Beziehung unterhielten?«
Müller: »Eine was?«
Ich stoße Heinz an, flüstere (ich flüstere sinnloser Weise, als könne man mich sonst hinter der Glaswand hören): »Darf er das? Diese Ausdrucksweise?«
Heinz wehrt ab: »Pscht! Wir probieren es zuerst immer auf die harte Tour!«
Der Beamte (affektiert): »Dass Sie mit Herrn Schönbrecht ein homoerotisches Verhältnis gepflogen haben?«
Müller: »Ich möchte einen Anwalt beiziehen.«
Der Beamte: »Immer mit der Ruhe, Herr Müller. Sie werden hier nicht als Beschuldigter einvernommen, sondern als eine möglicherweise wichtige Quelle von Informationen, die uns helfen, die Hintergründe der Mordtat zu verstehen. Also?«
Müller (leise): »Thomas und ich, wir … wir liebten uns …«
Der Beamte: »So, so …« Er blättert in seinen Unterlagen. »Wir haben hier die Aussagen mehrerer Zeugen, die Sie und Herrn Schönbrecht in den späten Abendstunden des Sonntags, 6. November, in einer übel beleumundeten Nürnberger Schwulenkneipe, der ›Gay Bar‹, gesehen haben wollen. Sie geben zu, dass Sie dort waren?«
Müller (leicht aufbrausend): »Ich verwehre mich gegen die Formulierung ›übel beleumundet‹. Die ›Gay Bar‹ ist ein völlig integrer Treffpunkt für Homosexuelle, der eine Möglichkeit zur zwanglosen Kontaktaufnahme bietet.«
Der Beamte: »Wie hübsch Sie das formuliert haben, Herr Müller. Aber so sehr ich mir auch Mühe gebe, es gelingt mir nicht, eine Antwort auf meine Frage herauszuhören.«
Zynischer Kotzbrocken, denke ich. »Beinharter Zyniker, was?«, sage ich zu Heinz. Der grinst nur vergnügt, legt den Zeigefinger auf seine Lippen.
Müller: »Wir sind dort gewesen, Thomas und ich. Ja.«
Der Beamte: »Na also. Der Betreiber der Bar, so schwul wie ein ganzes Fernsehballett, und drei weitere Zeugen, also das restliche Fernsehballett sozusagen«, der Beamte lacht dreckig, »geben übereinstimmend zu Protokoll, dass es um etwa 0:15 Uhr zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Herrn Schönbrecht gekommen ist. Im Zuge dieser Auseinandersetzung sollen Sie sogar deutlich vernehmbar ›Ich bring dich um!‹ gebrüllt haben. Ist das korrekt? Und worum ging es in diesem Streit?«
Müller (erbleicht sichtlich, stößt erregt die Luft aus, aufgebracht): »Nein, das stimmt überhaupt nicht! Ich war verzweifelt, ich habe gerufen: ›Dann bring ich mich um!‹ ›Mich‹, nicht ›dich‹! Die müssen sich alle verhört haben! Die Musik war ziemlich laut. Ich schwöre es! Ich habe gesagt: ›Dann bring ich mich um!‹ Ich schwöre es!«
Der Beamte: »Schon gut, Herr Müller. Wir alle verspüren gelegentlich Mordgelüste, nicht wahr?«
Ich blicke Heinz an, tippe mit dem Zeigefinger an die Stirn. Mein Freund zuckt entschuldigend mit den Achseln.
Müller: »Ich möchte einen Anwalt beiziehen.«
Der Beamte winkt den an der Tür stehenden Kollegen zu sich, flüstert ihm etwas ins Ohr. Der Kollege verlässt den Raum. »Selbstverständlich, Herr Müller. Aber da wir uns gerade so prächtig verstehen, nur noch eine Frage: Worum ging es bei dem Streit? Ihr Freund wollte mit Ihnen Schluss machen? Stimmt das?«
Müller (leise): »Ja …«
Der Beamte: »Da sahen Sie natürlich Ihre Felle davonschwimmen. Das leicht verdiente Geld …«
Müller (springt auf): »Was fällt Ihnen ein! Ich habe nie Geld genommen!«
Der Beamte (ruhig): »Sie setzen sich jetzt auf der Stelle wieder nieder, Herr Müller. Oder ich lasse Ihnen Handschellen anlegen. Verstanden?«
Müller (setzt sich, vergräbt das Gesicht in den Händen): »Was für ein entsetzlicher Albtraum …«
Der Beamte: »Am nächsten Tag lösen Sie einen Fahrschein nach Pegnitz. Zuerst verlangen Sie eine Karte nach Bayreuth, weil Ihnen in Ihrer Aufregung der Wohnort Ihres Freundes nicht gleich einfällt. Dann wissen Sie es plötzlich und wollen nach Hof. Aber wozu nach Hof? Ihnen wird klar, dass es vollkommen ausreicht, einen Fahrschein bis Pegnitz zu lösen.«
Müller (blickt auf): »Wovon reden Sie da? Ich will einen Anwalt!«
Der Beamte (fährt ungerührt fort): »Sie sehen Schönbrecht in den Zug einsteigen. Das Glück ist Ihnen gewogen, Ihr Lover besetzt allein ein Abteil. Sie folgen ihm, reden, beschwören, drohen. Sie wissen, dass Sie nichts unternehmen können, bevor der Kontrolleur im Zugabteil gewesen ist. Danach aber nehmen Sie Ihren Gürtel – ihr Schwulen steht nun einmal auf Leder – und erdrosseln Schönbrecht.«
Müller (in hilfloser Verzweiflung): »Aber das ist doch alles nicht wahr! Ich war es nicht! Ich will einen Anwalt!«
Der Beamte (steht auf): »Und den werden Sie auch bitter nötig haben, Herr Müller. Morgen werden wir Sie den Zeugen gegenüberstellen.«
Heinz blickt mich an, strahlt über das ganze Gesicht. »Sehen so deine perfekten Mörder aus, Rudi?« Ich fingere nach meiner Zigarettenschachtel. »Wer weiß?«, gebe ich mich kryptisch. »Wer weiß, lieber Heinz?«
*
Erstaunt stelle ich das Weinglas zurück und blicke auf die Uhr. Nanu? Erst 9 Uhr morgens und schon läutet es an meiner Tür? Ich schlurfe in das Vorzimmer, sehe durch den Türspion. Der unverwüstliche Heinz, wer sonst.
Der Kommissar im Ruhestand wehrt ab, als ich ihn ins Wohnzimmer bitte. »Wo denkst du hin, Rudi? Zieh dich lieber rasch an. Die Gegenüberstellung soll in einer Dreiviertelstunde stattfinden. Und du hast die, für dich sicher erstmalige, Gelegenheit, ihr beizuwohnen. Und festzustellen, wie zuverlässig der Polizeiapparat funktioniert, wenn es gilt, ein Kapitalverbrechen aufzuklären«, fügt er etwas anzüglich hinzu. Offensichtlich spielt er auf meine Theorien vom perfekten Mörder an. Während ich in Hemd und Hose schlüpfe, verpasse ich ihm einen leichten Dämpfer. »Bei einem derart stümperhaften Verbrechen musste sich der Polizeiapparat wohl nicht allzu sehr anstrengen …« Wir blicken uns an. Dann lachen wir beide und verlassen die Wohnung.
*
Ein Beamter nähert sich aufgeregt und redet auf Heinz ein: »Herr Kommissar«, Heinz grinst, von dieser Anrede geschmeichelt, »wir haben ein Problem. Pollak, unser Fotograf, den wir als eine der Vergleichspersonen für die Gegenüberstellung vorgesehen haben, hat sich für heute krankgemeldet.« Der Beamte deutet auf mich: »Wäre es möglich, dass Ihr Freund …? Statur und Alter würden perfekt passen …«
Ich wehre ab. »Aber es gibt doch genug Beamte hier im Kommissariat. Da wird sich doch wohl jemand anderer finden lassen?«
Heinz, nun ganz in seinem Element, klärt mich auf. Es sei entscheidend für eine gerichtlich verwertbare Gegenüberstellung, dass alles zu unterbleiben habe, was den Zeugen bei der Identifikation beeinflussen könne. Nun würde aber ein unter die potenziell Verdächtigen eingereihter Polizeibeamter sich durch sein selbstsicheres, sozusagen geschultes Auftreten von dem in der Regel nervösen Schuldigen von vornherein zu deutlich unterscheiden. Eine unbeeinflusste Wiedererkennung durch den Zeugen sei so nicht gewährleistet. Hingegen ich, als gewissermaßen vollkommener Laie …
Ich gebe schließlich nach; den Staubmantel, so bedeutet man mir, solle ich anbehalten. Heinz und ich folgen dem Beamten in den ersten Stock und treten in eines der Zimmer. Erstaunt stelle ich fest, dass drei weitere Männer, deren Aussehen dem von der Polizei angefertigten Phantombild einigermaßen ähnelt, bereits versammelt sind. Alle tragen sie Staubmäntel, deren Farbe und Schnitt dem meinigen gleichen. Man raucht, trinkt Kaffee, wartet. Der Beamte gibt uns Instruktionen: Vor allem sollen wir uns dem Verdächtigen gegenüber, der in wenigen Minuten zu uns stoßen wird, auf keinen Fall interessiert oder gar neugierig zeigen. Unsere einzige Aufgabe bestünde darin, uns in einer Reihe aufzustellen und uns ohne erkennbare Regungen betrachten zu lassen. Da öffnet sich auch schon die Tür zum Gang und ein uniformierter Beamter führt Rainer Müller herein. Auch er trägt einen Staubmantel, seine Nervosität ist für alle deutlich spürbar. Nun betreten wir durch eine zweite Tür einen abgedunkelten Saal, an dessen Stirnwand wir Aufstellung nehmen. Die Deckenbeleuchtung taucht uns Vergleichspersonen in helles Licht, der Rest des Saales liegt, wie erwähnt, im Dunkeln.
Zwei Männer betreten den Saal. Der mit der Untersuchung des Falles betraute Kriminalkommissar wendet sich an Herrn Bodo Gosch, den Schalterbeamten des Bahnhofes in Nürnberg. »Herr Gosch, bitte betrachten Sie diese vor Ihnen stehenden Personen aufmerksam. Befindet sich unter ihnen der Mann, der am 7. November bei Ihnen eine Fahrkarte nach Pegnitz löste?« Der Angesprochene tritt einen Schritt näher zu uns, dann greift er in die Brusttasche seines Sakkos, holt ein Etui heraus und entnimmt diesem eine Brille. Er setzt sie auf, geht einmal vor uns auf und ab und stellt dann fest: »Ja, dieser ist es.« Er zeigt auf den Identifizierten.
Man bittet uns zu bleiben, denn ein weiterer Zeuge wird noch erscheinen. Kurz darauf führt der Kriminalkommissar einen kleingewachsenen, beleibten Herrn mit Anzug und Krawatte herein.
»Ich bitte Sie nunmehr, Herr Finwald, mir zu sagen, ob Sie unter diesen Männern denjenigen identifizieren können, der am 7. November gemeinsam mit Herrn Schönbrecht im Abteil saß, als Sie die Fahrscheine kontrollierten?«
»Wie ich schon sagte, ich habe ihn nicht wirklich …«
»Schon gut, Herr Finwald; Sie versuchen es einfach. Außerdem ist es durchaus möglich, dass sich der Mann, den Sie kurz vor Pegnitz nur undeutlich gesehen haben, gar nicht unter den hier Anwesenden befindet.«
Der kleine Mann nimmt jeden von uns in Augenschein; man vermeint beinahe zu spüren, wie sehr er sein Erinnerungsvermögen anstrengt. »Ja«, sagt er schließlich, »ja, ich denke, dieser war es.«
Der Kriminalkommissar bedankt sich, verlässt den Raum. Ich stecke mir eine Zigarette an, halte nach Heinz Ausschau.
*
Der ehemalige Kriminalkommissar lässt sich in meinen Besuchersessel fallen, das Entsetzen ist ihm noch immer ins Gesicht geschrieben. In heilloser Aufregung zwirbelt er in seinem Schnurrbart. Ich halte ihm die Weinflasche entgegen, frage »Du auch?« Wortloses Kopfschütteln. Ich schenke mir ein, trinke. Wir haben beide unsere Mäntel nicht abgelegt.
Endlich fasst sich Heinz. »Dir ist klar, dass du ohne meine Intervention in Untersuchungshaft wärest? Rainer Müller jedenfalls befindet sich wieder auf freiem Fuß. Er ist übrigens Nichtraucher. Erkläre mir - um Himmels willen! - erkläre mir, Rudi, wieso beide Zeugen dich als die gesuchte Person identifizierten?«
Ich überlege, ob ich mir eine Zigarette anstecken soll, verschiebe es aber auf später. Dann zucke ich mit den Achseln, spreche in dem beruhigenden Tonfall, in dem Erwachsene auf verschreckte Kinder einreden: »Der Schalterbeamte gab zu Protokoll, dass er zum Zeitpunkt des Verkaufes des Zugfahrscheines an den mutmaßlichen Mörder keine Brille trug. Ein stark Kurzsichtiger, der einen Mann hinter der Glasscheibe seines Schalters bedient. Und der soll ein glaubwürdiger Augenzeuge sein? Ich bitte dich, da lacht sich doch jeder Pflichtverteidiger tot! Und dann noch dieser Fahrscheinkontrolleur! Der sich doch ständig dafür entschuldigt, nichts genau erkannt zu haben. Ist ja auch schwer, jemanden einwandfrei zu identifizieren, den man nur aus der Vogelperspektive in gebückter Haltung gesehen hat. Hm, wie lange hält der wohl ein Verhör durch den Verteidiger aus? Nein, nein Heinz, da müsste man schon mit schwereren Geschützen auffahren.« Jetzt nicke ich nachdenklich.
Mein Freund windet sich auf seinem Sessel, als ob er Krämpfe hätte. Dann presst er hervor: »Aber erklär mir doch, wie … der Augenschein spricht doch gegen dich … und die Zigaretten, die Sorte Camel … ich verstehe es nicht, Rudi, ich verstehe es nicht!«
Jetzt trinke ich mein Glas leer, fülle nach. Zeit, auch meinem Freund reinen Wein einzuschenken, denke ich und bewundere mein gelungenes Wortspiel. »Woran scheitern sogenannte ›perfekte‹ Verbrechen? Lassen wir doch einmal den psychologischen Faktor beiseite. Den ich übrigens für ein Hirngespinst frustrierter Tagebuchschreiberinnen halte.« Diesen Seitenhieb auf die Marotte mit der ›psychischen Komponente‹, mit der Heinz mich bei unseren Diskussionen nervte, erspare ich ihm nicht. »Der Hauptfehler scheint mir darin zu liegen, dass der perfekte Mörder, wie jeder andere Mörder auch, einem persönlichen Interesse folgt. Dass er ein ihn betreffendes Problem lösen möchte. Dass er ein Motiv hat!« Ich halte für die Dauer eines Schluckes aus meinem Weinglas inne. »Er hat ein Motiv!«, wiederhole ich nachdrücklich. »Und sogar dann, wenn dieses Motiv darin besteht, den perfekten Mord um seiner selbst willen zu begehen, als Kunstwerk sozusagen, ohne einen persönlichen Vorteil daraus zu ziehen: so ist auch dies immer noch ein Motiv!«
Heinz hält es nicht mehr auf seinem Platz. »Rudi!« Er ist aufgesprungen. »Rudi?! Wovon um Himmels Willen faselst du da? Besinne dich!«
Aber ich lasse mich nicht ablenken. Ich spinne meinen Gedankenfaden weiter. »Mir kam die Überlegung, ob der perfekte Mord sich nicht auch daraus ergeben könnte, dass eine Anhäufung von, für sich gesehen, verräterischen, überdeutlichen, stümperhaften Einzelteilen dennoch ein Ganzes ergibt, das, als Summe aller Teile, auf nichts verweist. Eine Tat ohne Hintergrund, ohne Logik, ohne Motiv darstellt. Gewissermaßen ein ungelöstes, ein ewiges Rätsel bleibt.«
Heinz, wieder auf seinem Sessel zusammengesunken, vergräbt sein Gesicht in den Händen, stöhnt. Ich fahre ungerührt fort, trinke jedoch rasch mein Glas leer: »Ein Mord, bei dem nichts geplant ist. Ein Mord, der aus nichts als Zufällen besteht! Der Zug, die Strecke, das Abteil, das Opfer. Zufällig ausgewählt! Der Mörder: einzig und allein die Gunst des Augenblicks nutzend. Ein Genie der Improvisation.«
»Hör auf! Hör auf! Hör auf!«
»›Wie konnte der Mörder wissen, dass Schönbrecht allein in einem Abteil saß?‹ Eine Frage wie aus dem Lehrbuch für Polizeianwärter.« Ich fülle mein Glas, trinke. »Wie auch sollte ein Polizistenhirn jemals auf die Antwort stoßen, dass der Grund für die Ermordung Schönbrechts ausschließlich darin bestand, d a s s er allein in einem Abteil saß!«
Mein Freund Heinz hebt den Kopf.
»Aber du …? Wo warst du am 7. November, wo warst du um 16 Uhr?«
»Wo ich war? Wie verbringt wohl ein Alkoholiker seine Tage? Hm, was denkst du? Mit Trinken und Gedankenspielereien vom perfekten Mord …«
»Ja, aber … kann das jemand bezeugen?«
»Du enttäuscht mich, Heinz. Sag mir doch bitte, welcher Säufer hat schon gerne Zeugen dabei, wenn er seinen Weinflaschen die Hälse bricht?«
Ich leere das Glas mit einem Zug, schenke nach.
»Sicher, manchmal bechere ich auch mit einem Freund, mit dir zum Beispiel. Aber das ist, wenn ich es so sagen darf, bloß die Spitze des Eisbergs …«
Ich trinke. Meine Hand zittert, als ich mir eine Zigarette in den Mund stecke. Aber erst, als ich mir Feuer gebe und zufällig meine Wange berühre, merke ich, dass diese vollkommen nass ist.
Gute Sitten
Das ehemals herrschaftliche Anwesen derer von Fürstenfeld konnte wahrlich auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. Nach manchen Chroniken datiert der Bau des Herrenhauses im spätklassizistischen Stil auf das Jahr 1870 zurück. Der damalige Gutsbesitzer, ein Graf Bruno von Fürstenfeld, fasste schon früh den Entschluss, den zweigeschossigen Bau mit seinen charakteristischen Rundfenstern zum Mittelpunkt ausgedehnter land- und forstwirtschaftlicher Gutsbetriebe zu machen. Doch bereits eine Generation später setzten mehrere Missernten den hochfliegenden Plänen ein bitteres Ende; außerdem blieb der Absatz landwirtschaftlicher Produkte in einer Gegend, die überwiegend sich selbst versorgende Bauernwirtschaften bevölkerten, von vornherein weit hinter den Erwartungen zurück.
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die im Erdgeschoss gelegenen Räumlichkeiten als Unterkunft für auf Sommerfrische weilende, gutsituierte Bürgerliche aus der Metropole vermietet. In den Wirren des Ersten Weltkrieges gelangten die Fürstenfelds zu erneutem Reichtum, indem sie Verbindungen zu Munitionsfabriken, die als Heereslieferanten dienten, ausnutzten und beträchtliche Summen an Vermittlungsprovisionen kassierten. Noch rechtzeitig vor Ausbruch der großen Wirtschaftskrise mit ihrer verheerenden Inflation investierte das Adelsgeschlecht sein Vermögen in den Ankauf von Ländereien, die es späterhin und bis in die Jetztzeit verpachtete.
Trotz der nach Ende des Ersten Weltkriegs offiziell erfolgten Abschaffung von Adelstiteln sonnte sich das Geschlecht der Fürstenfelds nach wie vor bei der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften im Glanz altadeliger Privilegiertheit.
Während der Zeit des ›Tausendjährigen Reiches‹ stellten die Fürstenfelds, die wie nicht wenige andere österreichische Adelige begeisterte Nationalsozialisten waren, das Herrenhaus als Offizierskasino zur Verfügung. Der damals etwas über vierzigjährige Alfons Zwonimir von Fürstenfeld, Mitglied der NSDAP, aber wegen kriegswichtiger finanzwirtschaftlicher Tätigkeit vom Einsatz an der Front befreit, verlor seine beiden Zwillingssöhne auf den Schlachtfeldern der Russlandoffensive. Seiner Begeisterung für die nationalsozialistische Sache tat dies jedoch keinen Abbruch.
Der Zahn der Zeit nagte freilich unerbittlich an dem einst so imposanten, schlossähnlichen Herrschaftsgebäude. Da das Haus nur von Graf Anton von Fürstenfeld und seiner Gattin bewohnt wurde, die außer den Räumlichkeiten im Erdgeschoß, den im Parterre und im ersten Stock gelegenen Schlafgemächern und zwei oder drei weiteren Zimmern sonst keine Räume mehr nutzten, dämmerten die übrigen Teile des herrschaftlichen Anwesens als verstaubte Ausstellungsstücke eines Museums ohne Besucher in einem Schlummer ohne Erwachen dahin.
Samstag, 25. September 1965
In der Luft hing ein Geruch von verbranntem Laub. Die Nachbarschaft heizte erstmals in diesem beginnenden Herbst ihre Öfen, wofür sie Laubabfälle und Holzbestände aus den umliegenden Wäldern verwendete. Der Himmel war wolkenlos. Immer wieder vernahm man das Gekrächze von Raben. Eine erfrischende Kühle strömte in den Salon.
Emma schloss das Fenster wieder. Sie wusste, dass der Graf es nicht schätzte, bei geöffnetem Fenster zu frühstücken. Dann kontrollierte sie ein letztes Mal das vorbereitete Frühstück auf Vollständigkeit: eine Kanne starken Kaffees, Schinken, Käse, Butter, drei Scheiben Brot, zwei Scheiben geräucherten Lachses, zwei Eier im Glas, eine Karaffe Orangensaft, ein Glas Sekt, die Tageszeitung. Alles vorhanden. Sie blickte auf die Uhr. Drei Minuten vor neun. Zeit, sich zurückzuziehen. Der Graf schätzte es nicht, vor zehn Uhr angesprochen zu werden. Sie wäre ohnehin gut beraten, mit den Vorbereitungen für die heute Abend stattfindende Soiree zu beginnen. Immerhin betrug der Fußweg in die nahegelegene Ortschaft Angerbach eine gute halbe Stunde. Und bei der Menge an Lebensmitteln und Getränken, die sie für die Gäste des heutigen Abends und auch noch für den morgigen Sonntag besorgen musste, konnte es gut möglich sein, dass sie den Weg mehrere Male zurückzulegen hätte. Was das alles wieder kostete! Als ob die Pachterträge noch so üppig sprießen würden wie nach dem Krieg. Aber das Thema Geld unterlag einem strengen Tabu. Und den Fehler zu begehen, dennoch darüber zu reden, den machte man nur einmal. Nur einmal! Sie zog die Luft durch die Zähne ein, als die Erinnerung an erlittene Schmerzen sie durchzuckte.
Leise knarrte der Parkettboden, als die pelzgefütterten Pantoffeln des Grafen in Richtung Frühstückstisch schlurften. Anton setzte sich, überflog die Zutaten des ›petit dejeuner‹ mit abschätzigen Blicken. Das Glas für den Orangensaft wies eine kleine Schmierspur von nicht korrekt abgewaschenem Geschirrspülmittel auf. Immer diese Schlampereien! Er lockerte ein wenig den Gürtel seines seidenen Morgenmantels, auf dessen rechter Brustseite das kunstvoll gestickte Familienwappen derer von Fürstenfeld prangte; dieses zeigte in den Farben Rot und Gold einen Altar, der von einer Reiterlanze durchbohrt wird. Auf dem Altar wiederum las man in geschwungenen Buchstaben das Motto der Fürstenfelds: ›Ich bin ein anderer.‹ Jetzt beugte sich der Graf vor, bestrich eine Scheibe Brot mit Butter und begann, sich der Lektüre der Tageszeitung zu widmen.
Der anschließenden Körperhygiene wurden durch die karge Ausstattung des Badezimmers – es gab keine Dusche, die Badewanne wies rostbedingte, irreparable Schäden auf – enge Grenzen gesetzt. Nur die Rasur betrieb der Graf mit penibler Gründlichkeit. Immerhin verdiente ein so elegant geschwungener Schnurrbart wie der seine sorgfältigste Behandlung.
Die Zeit bis zum Mittagsmahl, bei dem auch die Frau Gräfin anwesend sein durfte (die ja immerhin für die Zubereitung der Mahlzeit verantwortlich war), verbrachte Anton mit der Erledigung seiner Korrespondenz. Dabei handelte es sich um die Vermittlung von Jagden auf den noch nicht verpachteten Ländereien, um Beantwortung von Pächteranfragen, um die Pflege des Kontaktes mit anderen Adelshäusern, um ideologische Bekennerschreiben an im Untergrund agierende, rechte Parteien und dergleichen mehr. Der Graf trug nunmehr eine gelbe Weste mit dem aufgestickten Familienwappen, ein im Halsausschnitt des batistenen Hemdes zugeknotetes Halstuch, eine Hose aus Kordsamt und Reitstiefel.
Hin und wieder blickte er aus dem Fenster, während er nachdenklich am Federstiel kaute. Wenn ihn bloß seine Söhne nicht im Stich gelassen hätten! Auf dem ›Felde der Ehre‹ gefallen. Womöglich auch noch gleichzeitig, wie es sich für Zwillinge gehörte! Wie anders stünden heute die Fürstenfelds in finanzieller Hinsicht da. In den ihnen bekannten Adelsfamilien mehrten sich Heiraten von Töchtern mit dahergelaufenen Akademikern aus bürgerlichen Kreisen und ähnlichem Gesocks. Kaum abzuschätzen, welche Chancen sich hier den Söhnen aus dem Hause Fürstenfeld geboten hätten. Der Graf seufzte, verstaute Briefpapier und Füllfeder und begab sich in das Parterre.
Nach der Mahlzeit - Würstchen in Gulaschsaft, dazu eine Flasche Bier (Emma kaute wie fast immer an irgendeinem Grünzeug und trank Leitungswasser) - stand der obligatorische Spaziergang auf dem Programm.
*
In der Mitte war ein Loch. Nur, dass eigentlich das Ganze lediglich aus dieser Mitte bestand. Und noch dazu wies dieses Ganze die schöne, geometrische Figur des Kreises in nahezu vollendeter Form auf. Wann und warum man diesem Teich, dem es zu einem Naturjuwel aber doch noch sehr an Schönheit fehlte, den Namen ›Fischweiher‹ gegeben hatte, wird wohl ein ungelöstes Rätsel bleiben. Denn seit Menschengedenken fischte noch nie jemand ein Lebewesen aus diesem Tümpel, das auch nur im Entferntesten einem Fisch geglichen hätte.
Jedenfalls spiegelten sich in der bräunlich undurchsichtigen Wasseroberfläche stets die Baumsilhouetten des umliegenden Waldes. Freilich je nach Tageszeit in unterschiedlichen Bereichen des Wasserspiegels. Wenn man lange genug auf diesen starrte, dann vermeinte man von Zeit zu Zeit aufsteigende Luftbläschen wahrzunehmen. Also gab es doch Leben in diesem stillen Gewässer. Die Gattung Fisch umfasst bekanntlich Vertreter unterschiedlichster Größe und Art und der Mensch neigt nun einmal dazu, sein Augenmerk auf diejenigen zu richten, deren Tötung zum Zwecke des Verzehrs ihm sinnvoll erscheint. Davon aber gab es, wie ja schon erwähnt, keine in diesem ›Fischweiher‹.
Was diesen zum begehrten Ziel von Wanderern und Spaziergängern machte, war der rund um das Gewässer führende Spazierweg mit gelegentlichen Sitzbänken, den zur Gänze zurückzulegen es gut eine halbe Stunde brauchte. Von diesem Weg wiederum zweigten zahlreiche weitere ab, die entweder waldeinwärts zu Nachbardörfern, zu den Gehöften der Umgebung oder auch in Richtung der nahegelegenen Hügelkette führten, die ihrer herrlichen Aussichtsmöglichkeit wegen selbst ein beliebtes Ausflugsziel für Naturliebhaber darstellte. Kein Wunder also, dass dieses in einer reizvollen Landschaft gelegene Wegenetz von nicht wenigen Fußgängern frequentiert wurde, die entweder einem bestimmten Ziel zustrebten oder auch nur spazieren gingen. Was man hingegen nicht antraf, waren Hundebesitzer, die ihren Liebling ausführten, denn für Städter lag dieser Weiher in zu großer Entfernung und die einheimische, ländliche Bevölkerung zeigte ihren Vierbeinern gegenüber die typisch bäuerliche, an bloßer Zweckdienlichkeit orientierte, sachliche Gleichgültigkeit.
Das weitverzweigte Netz der Wanderpfade allerdings garantierte dem erholungssuchenden Müßiggänger ein hohes Maß an Ungestörtheit, denn Begegnungen mit anderen Wanderern blieben seltene Vorkommnisse.
Dieser Fischweiher befand sich nur wenige Gehminuten vom herrschaftlichen Anwesen entfernt. Vor Jahren hatte der Graf regelmäßig seinen Hund, einen Boxer, dorthin begleitet. Aber die Einnahmen aus den verpachteten Landwirtschaften gingen stetig zurück, tröpfelten schließlich nur mehr, und der Graf sah sich gezwungen, den Sparstift rigoros anzusetzen. Schließlich war der gute Hund verhungert.
Bei jedem Wetter pflegte der Graf einen gut zweistündigen Spaziergang in der Gegend um den Weiher zu unternehmen. Diese feste Angewohnheit trug wohl auch dazu bei, dass er sich für sein doch schon fortgeschrittenes Alter einer bemerkenswert guten Gesundheit erfreute.
Die Gräfin durfte selbstverständlich an diesen Ausflügen nicht teilnehmen, da sie ja durch die Bewirtschaftung des Herrenhauses voll und ganz in Beschlag genommen wurde. Und noch dazu an diesem heutigen Tag, wo eine der in unregelmäßigen Zeitabständen vom Grafen veranstalteten Soireen auf dem Programm stand. Gräfin Emma sollte zu diesem Anlass eine Gans zubereiten, was, wie man weiß, eine heikle Angelegenheit darstellt.
*
Um 19:30 Uhr hielt gegenüber dem Herrenhaus das allerneueste Modell eines Chrysler Valiant, nämlich ein Valiant der Serie AP6. Baron von Weilershausen musste diese Limousine, deren Karosserie sich durch ansprechende Hässlichkeit auszeichnete, direkt aus Australien importieren. Wie er bei Empfangnahme zu seinem nicht geringen Erstaunen feststellte, handelte es sich bei dem sauteuren Gefährt um einen für den Linksverkehr ausgestatteten Rechtslenker. Die Freude, selbst mit 176 km/h hinter einem zweifarbigen Lenkrad durch die umgebenden Ortschaften brausen zu können, wich der bitteren Notwendigkeit, einen Chauffeur engagieren zu müssen, der sich mit dem auf der ›falschen‹ Seite montierten Lenkrad auskennen würde.
Baronin und Baron von Weilershausen quetschten ihre beträchtlichen Leibesfüllen von den Rücksitzen ins Freie. Der Baron überprüfte den Sitz seiner Orden, die Gattin adjustierte ihre Satin-Stola. Dann setzten sie sich in Bewegung. Dass der Chauffeur sich in ständiger Bereitschaft bei dem Fahrzeug aufzuhalten habe und im Falle auftretender Langeweile die Limousine jederzeit wieder auf Hochglanz polieren könne, verstand sich von selbst und brauchte nicht eigens erwähnt zu werden. Denn es war selbstverständlich ausgeschlossen, das Gesinde an der Soiree der Fürstenfelds teilhaben zu lassen.
Die Gastgeber warteten vor dem Schlossportal und empfingen das befreundete Ehepaar mit zeremonieller Höflichkeit. So entsprachen auch die den adligen Damen verabreichten Handküsse durchaus den Regeln der Etikette: ein leichtes Heranführen des Handgelenks bei gleichzeitiger Verbeugung des Herrn (hier ächzte der Baron auf Grund seiner Korpulenz ein klein wenig), dann spitzten die Herren die Lippen zu einem Kuss (was sie außer bei Handküssen so gut wie nie taten) und hauchten (ächzten) diesen dann Zentimeter vor dem weiblichen Handrücken in die Luft. Den Abschluss der Zeremonie bildete ein gegenseitiges Lächeln. (Dies allerdings weniger als Geste höflicher Freundlichkeit, als aus Erleichterung, die Prozedur unbeschadet überstanden zu haben.)
Kurz darauf hielt ein Taxi vor dem Anwesen. Der Taxifahrer sprang heraus und öffnete die rechte hintere Tür, um Freifrau von Zweitsitz beim Aussteigen behilflich zu sein. Diese weigerte sich jedoch. Es dauerte eine Weile, bis der Fahrer begriff, dass der Ehemann, Freiherr von Zweitsitz, gegenüber seiner Gattin einen höherrangigen Adelstitel aufzuweisen vermochte. Die Gattin, eine geborene ›Irgendwas‹, erlangte ihren Adelstitel nur durch die Verehelichung mit dem Hause Zweitsitz. Man habe daher ihm, protestierte der Freiherr, hier wie auch sonst den Vortritt zu lassen. Daran ändere auch der Umstand nichts, dass seine Angetraute gut zwanzig Jahre älter als er selbst sei, fügte er boshaft hinzu.
Der Freiherr, von kleiner und zerbrechlich wirkender Statur, verfügte noch immer über eine etwas nervöse Gelenkigkeit. Wenn er neben der sichtlich an der Bürde des Alters tragenden, vergreisten Freifrau stand, wirkten sie beinahe wie Sohn und Mutter.
Der Freiherr wandte sich an den Taxifahrer. »Es ist gut möglich, dass wir Ihn heute noch einmal benötigen werden. Halte Er sich jedenfalls bereit. Man wird Ihn telefonisch verständigen.« Der Taxifahrer, ein junger, gutmütiger Student der Altphilologie, blickte um sich, suchend. Weil er keine Ahnung hatte, von wem sein Fahrgast jetzt redete. Immerhin datierte die Sitte, mit niederrangigem Personal in der dritten Person zu reden, bereits an die zweihundert Jahre zurück und durfte als ausgestorben gelten.
Die Rechnung betrug 36 Schilling und 40 Groschen. Die Freifrau, von ihrem Gatten durch eine Kopfbewegung aufgefordert, gab dem Fahrer 36 Schilling und 40 Groschen. Das Taxi fuhr davon, die Reifen quietschten nicht. Hatten sie Respekt vor den adeligen Ankömmlingen?
Man begab sich in den Salon. Fünf mehrarmige Kerzenleuchter, bestückt mit dünnstieligen brennenden Kerzen, verliehen dem Raum jene festliche Atmosphäre, die die kärgliche Einrichtung und die recht anspruchslosen Garnituren von Besteck und Tellern auf dem Esstisch allein wohl nicht hervorzuzaubern imstande gewesen wären.
Graf Anton hatte der Tischordnung große Sorgfalt gewidmet. Das Resultat sah folgendermaßen aus: An den Kopfenden der Tafel saßen Gräfin Emma und er einander gegenüber. Zur Linken des Grafen an der Längsseite saßen Baronin Adelaide von Weilershausen und Freiherr von Zweitsitz. An der rechten Längsseite, wiederum vom Grafen Anton aus betrachtet, wurden Freifrau von Zweitsitz und Baron von Weilershausen platziert. Auf diese Weise stellte der Gastgeber nicht nur sicher, dass alle zueinander gehörenden Paare getrennt saßen – wie es die Etikette erforderte -, sondern dass auch Dame und Herr einander stets abwechselten.
Der Graf, selbstverständlich im Frack, erhob sich, griff zum Champagnerkelch und begrüßte seine Gäste: »Verehrte hochadelige Damen, geschätzte aristokratische Freunde! Es ist uns eine ganz besondere Ehre, Sie wieder hier als Gäste willkommen heißen zu dürfen. Lassen wir sie gemeinsam hochleben, die Freiherren von Zweitsitz, Baron und Baronin von Weilershausen und das Geschlecht derer von Fürstenfeld. Auf unser aller Wohl! Für Reich und Führer!«
Man hatte sich allseits erhoben, nickte einander zu, trank. Gräfin Emma, in einem schlichten schwarzen Kleid mit Perlenkette, nippte nur ein wenig von ihrem Kelch. Sie begann sogleich, den süffigen Rotwein – eine billige Sorte des dörflichen Lebensmittelladens – in die Weingläser einzuschenken.
Natürlich dauerte es nicht lang und das Gespräch drehte sich um die seit Tagen die Schlagzeilen aller lokalen Tageszeitungen beherrschende, schreckliche Mordtat von vergangener Woche. Diese hatte sich ja unweit des Fürstenfelder Anwesens in der Gegend um den Fischweiher zugetragen.
Freiherr von Zweitsitz gab seiner Verwunderung Ausdruck. »Absolut unbegreiflich!«, stellte er fest. »Absolut unbegreiflich, wie man jemanden dazu zwingen kann, den Mund so weit aufzureißen, dass man ihm diesen … äh … Knödel in den Schlund stecken konnte.«
Währenddessen kämpfte die Baronin von Weilershausen darum, ihre Enttäuschung zu verbergen, dass man hier zum Gänsebraten nur Rotkohl als Beilage anbot. Das Wort ›Knödel‹ erinnerte sie schmerzlich daran, wie sehr sie sich Semmelknödel gewünscht hätte. »Ich denke, dass man dem jungen Mann möglicherweise einen Fausthieb in den Solarplexus versetzte, sodass der arme Kerl gierig nach Luft schnappte und seinen Mund entsprechend weit aufriss«, sprach die Baronin und schnappte gierig nach einer Gänsekeule.
Jetzt ergriff Baron von Weilershausen das Wort. Dieser hatte Gräfin Emma schon eine Zeit lang aufmerksam beobachtet, sich auch in Gedanken auf eine nicht ganz kavaliergemäße Art mit ihr beschäftigt. »Ich befürchte«, gab er sich sorgenvoll, »dass unsere Gräfin Emma nicht ganz auf dem Laufenden zu sein scheint, was das hier diskutierte Verbrechen betrifft.« Emma lief ein wenig rot an. Tatsächlich fehlte ihr zur Lektüre einer Tageszeitung die erforderliche Muße. Sie warf dem Baron schüchtern einen dankbaren Blick zu.
