Tough Talk - Marc-Stephan Daniel - E-Book

Tough Talk E-Book

Marc-Stephan Daniel

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Beschreibung

Jeder setzt unbewusst einen bestimmten Kommunikationsstil ein, den er normalerweise unreflektiert auf alle Gesprächssituationen überträgt. Mit diesem Stil gerät man jedoch an seine Grenzen, wenn man mit jemandem reden muss, der gar nicht "auf Augenhöhe" kommunizieren will, sondern absichtlich angreift und Schwachstellen ausnutzt, um den Gesprächspartner herabzusetzen und zu übervorteilen. Werden wir auf diese Weise im Gespräch unerwartet angegriffen, stehen wir schnell im "psychologischen Nebel", lassen uns in eine nachteilige Position hineinmanövrieren und sind am Ende des Gesprächs die Verlierer. Insbesondere im Beruf können ungeeignete Kommunikationsstrategien oder eine gefühlte Hilflosigkeit im Umgang mit skrupellosen und machthungrigen "Wadenbeißern" von großem Nachteil sein. Einzelne rhetorische Techniken, beispielsweise Schlagfertigkeitstechniken oder rhetorische Argumentationstaktiken, helfen da wenig. Deshalb hat Marc-Stephan Daniel ein eigenes, in sich schlüssiges System entwickelt, das die gesamte Bandbreite der Kommunikation umfasst: vom freundlichen, defensiv-kooperativen Kommunikationsstil, über den sachlich orientierten Stil bis zum offensiv-konfrontativen Stil des "Red Colour Talking", der bewusst Eskalationsstufen mit Rückholstrategien einsetzt, wenn das Gegenüber zu unfairen Mitteln greift. Es geht um eine übergreifende Kommunikationsstrategie und darum, mit Geschick die gesamte Spannbreite der kommunikativen Möglichkeiten situationsgerecht anzuwenden. Das Sachbuch will wachrütteln: Es zeigt dem Leser anhand von vielen Beispielen und Dialogsituationen, dass und wie sich die Gesprächskultur gesellschaftlich und auch beruflich in den letzten Jahren "verschärft" hat. Es werden Mechanismen und Strukturen manipulativer Gesprächssituationen und Menschen aufgezeigt, und es werden die wissenschaftlichen Hintergründe unfairen Verhaltens offengelegt. Am Rande wird dabei auch auf Psychopathen eingegangen. Der Leser hat Gelegenheit, seinen eigenen Kommunikationsstil bewusst zu reflektieren, und bekommt Hinweise, woran er unfaire Partner erkennt. Er entwickelt "Leitplanken" zur Erweiterung seines Kommunikations-Repertoires in kritischen Situationen und bekommt Methoden an die Hand, um mit rücksichtslosen Menschen fertig zu werden.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2016

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1. Auflage 2016

Alle Bücher von Wiley-VCH werden sorgfältig erarbeitet. Dennoch übernehmen Autoren, Herausgeber und Verlag in keinem Fall, einschließlich des vorliegenden Werkes, für die Richtigkeit von Angaben, Hinweisen und Ratschlägen sowie für eventuelle Druckfehler irgendeine Haftung.

© 2016 Wiley-VCH Verlag & Co. KGaA, Boschstr. 12, 69469 Weinheim, Germany

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Printed in the Federal Republic of Germany

Umschlaggestaltung: bauer-design, Mannheim

Coverfoto: [email protected]

Satz: inmedialo Digital- und Printmedien UG, Plankstadt

Druck und Bindung: 

Gedruckt auf säurefreiem Papier.

Print ISBN:  978-3-527-50884-6

ePub ISBN: 978-3-527-80844-1

mobi ISBN:  978-3-527-80845-8

Für Gudrun.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Verfall der Gesprächskultur

Warum der Ton im Geschäftsleben rauer geworden ist

Gift fürs Unternehmen

Globalisierung und Deregulierung waren die Türöffner

Die Zutaten der Verführung: Charme und Charisma

Compliance-Regeln helfen nicht

Aggressive Rhetorik ist heute Standard

Die Dominotheorie

Der Fall VW

2 Narzissten, Egomanen und andere schwierige Menschen

Woran Sie Menschen mit toxischen Eigenschaften erkennen

Der nette junge Mann

Bewunderung ist alles

3 Professionelles Dialogmanagement

Ziel, Strategie und Taktik

Steuerung der unbewussten Kommunikationsprozesse

Die Standardreaktionsmuster im Überblick

4 Gute Beziehungen aufbauen

Das defensive Standardreaktionsmuster

Ziele

Strategie

Taktik

Taktische Einsatzmöglichkeiten der Defensiv-Strategie

Wann sich die Defensiv-Strategie nicht empfiehlt

Wenn das eigene Naturell zur Waffe des Gegners wird

Friedmann gegen Lucke – Dominant trifft Defensiv

5 Mit Sachargumenten überzeugen

Ziele des kooperativen Standardreaktionsmusters

Strategie

Taktik

Wann die Stoibers dieser Welt ins Schwitzen kommen

Wann Sachargumente überzeugen und wann nicht

Ein Beispiel aus der Praxis

6 Mit geplanter Eskalation sich durchsetzen

Ziele des offensiv-eskalativen Standardreaktionsmusters

Strategie und Taktik

Wie funktioniert das FORCING®-Dialogmanagementsystem?

Satzbausteine für alle drei Eskalationsstufen

Die Psychologie der offensiven Vorgehensweise

Körpersprache und Stimme

Die strategische Planung der kontrollierten Eskalation

Wann die offensive Strategie Sinn macht und wann nicht

7 In der freien Wildbahn

Wo kann man bei Ihnen die Knöpfe drücken?

Aus Schaden wird man klug

Asymmetrien rechtzeitig erkennen und gegensteuern

Die Argumente sattelfest machen

Der Körper sagt: „Ich will hier weg!“

Erste Erfolge

Das FORCING®-Dialogmanagementsystem individuell anpassen

Schlussbemerkungen

Danksagung

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Vorwort

Dieses Buch hat eine Vorgeschichte. Das wird Sie nicht wundern, denn wir alle machen Erfahrungen, gute und weniger gute. Die guten Erfahrungen machen uns glücklich, aus den schlechten Erfahrungen lernen wir allerdings am meisten. So war es auch bei mir. Als ich Anfang 30 war, begegnete ich einem Menschen, den ich am Anfang für meinen Freund und Förderer hielt, doch am Ende feststellen musste, dass ich es mit einem ausgewachsenen Psychopathen zu tun hatte.

Damals wusste ich noch nichts von einem professionellen Dialogmanagement oder gesteuerten Eskalationen, die einem helfen, solche Menschen auszubremsen und in Schach zu halten. Unwissend wie ich damals war, lief ich in so ziemlich alle Fallen, die von dominant-aggressiven Menschen aufgestellt werden, um andere Menschen zu beherrschen. Das passiert mir heute nicht mehr. Denn ich habe nicht nur verstanden, wie diese Menschen ticken, sondern weiß auch, wie man ihnen zu begegnen hat.

Dieses Wissen möchte ich an Sie weitergeben. Ich bin überzeugt, dass viele, die zu diesem Buch gegriffen haben, ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Denn seit Globalisierung und Deregulierung den Rhythmus in der Wirtschaft vorgeben, sind Tür und Tor offen für psychopathisch oder narzisstisch veranlagte Menschen, für Egomanen und Choleriker. Es sind Menschen, die Chaos, Krisen oder den Verlust von Regeln brauchen, um nach oben zu kommen. Genau diese Situation hat die Globalisierung und weltweite Deregulierung geboten. Der Finanzcrash ist nur einer der schlagkräftigsten Belege dafür, dass diese Menschen ungeniert agieren konnten. Da war offensichtlich niemand, der sie stoppte. Vielmehr zogen es viele vor, in ihrem Fahrwasser mitzuschwimmen.

So haben diese Menschen es in den letzten zwanzig Jahren geschafft, in höchste Führungspositionen zu kommen, die ihnen früher verwehrt geblieben wären, als Geschäfte noch nach anderen Regeln gemacht wurden. Dort oben ist es ihnen gelungen, die Kommunikation in der Geschäftswelt grundlegend zu verändern, und zwar nicht zum Guten.

Daher ist es kein Zufall, dass wir es heute generell im Geschäftsleben mit einer äußerst aggressiven Rhetorik zu tun haben. Viele leiden darunter und würden sich gerne im beruflichen Alltag besser zu verteidigen wissen, anstatt solchen Menschen in Verhandlungen, Meetings oder Projekten ausgeliefert zu sein. Mit dem Griff zu diesem Buch haben Sie den ersten wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht. Denn es bietet wirksame Hilfe, wie Sie diesen Menschen begegnen sollten oder vielmehr müssen, um ihre eigenen Interessen und die unternehmerischen Ziele professionell durchsetzen zu können.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und den vielen Erfahrungen, die ich in zahlreichen Beratungen gemacht habe, war es mir möglich, das FORCING®-Dialogmanagementsystem zu entwickeln. Eine Methode, die Sie dazu befähigen wird, Ihr eigenes Standardreaktionsmuster um weitere, äußerst nützliche Verhaltensweisen zu erweitern. Damit steht Ihnen, wenn Sie die Methode verinnerlicht haben, ein Portfolio an Reaktionsmustern zur Verfügung, das es Ihnen erlauben wird, diesen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen!

Marc-Stephan Danielwww.marcstephandaniel.com

1 Verfall der Gesprächskultur

Warum der Ton im Geschäftsleben rauer geworden ist

Der Mann ist unter Druck. Er steht vor Gericht und soll Auskunft über seine Finanzverhältnisse geben. Diese erteilt er freimütig.[1] Roland Berger verlange von ihm 7,5 Millionen Euro, sein früherer Vermögensverwalter Josef Esch 2,5 Millionen Euro, der Insolvenzverwalter 3,4 Millionen Euro und die Bank Salomon und Oppenheim rund 70 Millionen Euro. Er selbst behauptet, Forderungen gegen andere in Höhe von 200 Millionen Euro zu haben. Eine solche unwägbare Finanzsituation würde Normalsterblichen den Schweiß ins Gesicht treiben. Nicht so „Big T“, wie Thomas Middelhoff einst von seinen Bewunderern genannt wurde.

Als sei diese Situation nicht schon Adrenalin fördernd genug, setzt er noch eins drauf. Genüsslich schildert er vor Gericht, wie er den Paparazzi entkommen sei, als der Gerichtsvollzieher an seiner Tür klingelte. Er habe sich wie „eine Katze übers Dach“[2] geschlichen und sei so den Fotografen, die ihn „abschießen wollten wie Freiwild“[3] entkommen. Nachdem eine zur Verfügung stehende Leiter zu kurz gewesen sei, sei er einfach aus dem Fenster gesprungen und durch den Hinterhof entkommen. Als er wieder festen Boden unter den Füßen gehabt habe, sei er „fröhlich pfeifend“[4] in eine Nebenstraße gegangen und habe dort ein Taxi gerufen. Später sei er nach London geflogen.[5]

Der Mann hat Nerven, diesen Eindruck hinterlässt „Big T“ bei Beobachtern. Andere gehen in ihrem Urteil über Thomas Middelhoff noch weiter. Middelhoff genieße offenbar den Ritt auf dem Vulkan.

Selbst als die Strafe, drei Jahre Haft ohne Bewährung, am Ende des Prozesses verhängt wird, ist sich Thomas Middelhoff keiner Schuld bewusst. Journalisten, die angereist sind, um über den Prozess zu berichten, bemerken das völlige Fehlen von Reue. So schreibt die Onlineausgabe der Frankfurter Allgemeine Zeitung:

„Seine Unfähigkeit zu unterscheiden zwischen dem eigenen Vorteil und dem Nutzen für die Firma brach ihm vor Gericht das Genick. Er hatte sich auf Kosten anderer bereichert, vielleicht sogar, ohne sich dessen bewusst zu sein. Für so ein Verhalten sind unreflektierte Menschen anfälliger als andere. Aber erst die grenzenlose Bewunderung, die heute niemand mehr geteilt haben mag, macht aus solchen Leuten gefährliche Verführer. Nun hat Middelhoff alles verloren: Ruhm, Geld und Freunde.“[6]

Mindestens genauso starke Nerven, wenn nicht sogar noch bessere, bewies Bernard L. Madoff. Mehr als 30 Jahre hielt er in New York ein Finanz-Schneeballsystem am Laufen, das mindestens 60 Milliarden Dollar umfasste.[7] Dieses Schneeballsystem fiel wie Pulverschnee in sich zusammen, als der Finanzcrash 2008 den dauernden Zufluss von frischem Geld unterbrach und er die Renditen an seine Kunden nicht mehr zahlen konnte. Als Madoff vom FBI abgeführt wurde und sofort gestand, brach für seine Anleger eine Welt zusammen. Madoff galt an der Wall Street als Institution, viele hatten geglaubt, dass er den Markt einfach besser durchschaut habe als sie selbst und daher im Stande gewesen sei, Renditen von bis zu zwölf Prozent zu zahlen.[8]

Was Madoff von anderen Betrügern unterscheidet, ist die Unverfrorenheit, mit der er vorging. Während sein betrügerisches Schneeballsystem bereits im Gang war, forderte er härtere Kontrollen für die Akteure an der Wall Street.[9] Doch damit nicht genug. Er setzte sich an die Spitze eines Gremiums, die NASD, welches die NASDAQ, die größte elektronische Börse in den USA, regulierte. Dieser Posten verhalf ihm zu enormer Reputation, ebenso sein großes finanzielles Engagement bei Wohltätigkeitsorganisationen, gemeinsam mit seiner Frau Ruth.[10]Dieses Image des um Seriosität bemühten Finanzgenies, den gesellschaftliche Nöte nicht kalt ließen, machte ihn nahezu unangreifbar.

Gift fürs Unternehmen

Es gibt Menschen, die diese Typen mit Nerven aus Stahl bewundern. Andere nennen so ein Verhalten psychopathisch. Ich schließe mich denen an, die ein solches Gebaren im Business nicht nur als geschäftsschädigend, sondern auch als psychopathisches Verhalten einordnen. Den wirtschaftlichen Schaden, den solche Menschen verursachen, schätzt der Kriminalpsychologe Robert D. Hare in den USA auf einen mehrstelligen Millionenbetrag. In Deutschland fängt man gerade erst an, darüber nachzudenken, welchen Schaden solche Menschen in der Geschäftswelt anrichten. Diese Naivität gegenüber dem Phänomen halte ich für äußerst gefährlich. Hare ist sich sicher, dass selbst führende Wirtschaftsberatungsunternehmen bei der Analyse der Ursachen, warum in einem Unternehmen etwas schiefgelaufen ist, noch immer zu sehr auf die Strukturen des Unternehmens schauen. Stattdessen sollten sie in Betracht ziehen, dass möglicherweise Personen mit toxischen Eigenschaften dem Unternehmen mehr Schaden zugefügt haben könnten als ineffiziente Strukturen. Dabei steuern Menschen mit dieser Veranlagung sehr gerne Wirtschaftsunternehmen an. Sie fühlen sich von dem herrschenden Wettkampf in Wirtschaftsunternehmen geradezu angezogen. Ihr unübersehbares Dominanzgebaren stört dort nicht. Im Gegenteil. Ellbogen sind in der Wirtschaft gefragt.

Dass solche Menschen Nerven aus Stahl haben, wissen wir bereits. Doch welches Verhalten zeigen sie sonst noch? Was macht sie, bis sie vor dem Strafrichter sitzen, so erfolgreich? Experten nennen folgende Eigenschaften, mit denen Menschen mit psychopathischem Verhalten ihre Umwelt faszinieren, aber auch terrorisieren:

Emotionsloses Agieren in Stresssituationen, unempfindlich gegenüber Angstgefühlen, präzises Erkennen von Schwächen anderer bei gleichzeitig mangelnder oder nicht vorhandener Empathie für ihre Mitmenschen, massives manipulatives Verhalten, übersteigertes Selbstwertgefühl, Narzissmus, notorisches Lügen, die Liebe zum Risiko und die Gier nach immer größeren Stimulanzien, schauspielerische Fähigkeiten, eine große Portion Charme und eine oft hohe Intelligenz.[11]

Wer auf die Spur der Verwüstung schaut, die diese Menschen hinterlassen, wird mir Recht geben, dass nicht nur Menschen, die im klinischen Sinne das Vollbild eines Psychopathen aufweisen, gefährlich sind für ihre Mitmenschen, sondern auch die, die einige wesentliche Züge mit ihnen teilen, etwa die Narzissten.

Narzissten zeichnen sich durch eine extreme Ich-Bezogenheit aus. Sie sind schnell gekränkt, wenn ihr Selbstbild durch Kritik – auch wenn es sich um sachliche Kritik handelt – erschüttert wird.[12] Das trifft auf Menschen mit psychopathischem Talent nicht zu; sie sind durch Kritik nicht zu erschüttern.[13] Letztere sind gefühlskalt, Scham kennen sie nicht.[14] Bei Narzissten hingegen spielen Schamgefühle eine große Rolle, weil ihnen ihre Wirkung auf andere außerordentlich wichtig ist. Anders als Menschen mit psychopathischen Verhaltensweisen, können Narzissten jedoch Gefühle entwickeln und durchaus Bindungen zu ihren Mitmenschen aufbauen, zumindest wenn diese ihr Ego stärken. Menschen, die ein psychopathisches Verhalten zeigen, sind dazu nicht in der Lage. Die Bindung an andere Menschen ist bei ihnen immer oberflächlich, auch wenn sie Gefühle wie Freundschaft und Liebe hervorragend vorgaukeln können.[15]

Leider sind Menschen vom Schlage eines Madoff keine Einzelfälle, wenn auch die finanzielle Dimension nicht immer die Milliarden-Marke überschreitet. Dennoch sind die Schäden, die solche Menschen anrichten, immer verheerend – finanziell, menschlich und nicht zuletzt auch gesundheitlich.

Neueste Untersuchungen gehen davon aus, dass Menschen mit psychopathischer oder narzisstischer Persönlichkeit drei- bis viermal so häufig in Chefsesseln sitzen als Menschen mit normaler Persönlichkeitsstruktur.[16] Experten schätzen, dass etwa vier Prozent der Bevölkerung Narzissten sind und etwa ein bis zwei Prozent Psychopathen. Deren Anteil an Führungspositionen beträgt etwa sechs Prozent. Die Wissenschaftler vermuten daher, dass jede zehnte Führungskraft psychopathische Tendenzen hat.[17] Die genannten Zahlen sind nur sehr vorsichtige Schätzungen, vermutlich ist der Anteil an der Gesamtpopulation deutlich höher und wächst stetig, denn psychopathisch veranlagte Personen pflegen erfahrungsgemäß viele sexuelle Beziehungen und zeugen eine große Anzahl von Kindern.[18]

Da die Forschung heute davon ausgeht, dass Vererbung bei einer psychopathischen Veranlagung eine wichtige, wenn auch nicht die alleinige Rolle spielt, lässt sich sagen: Wir haben ein Problem.

Kein Wunder also, dass Betroffene, die unter solchen Führungspersonen leiden, die es früher nicht in die Chefetagen geschafft hätten, sich in den einschlägigen Blogs im Internet austauschen. Wer sich diese Foren anschaut, gewinnt den Eindruck, dass das, was einmal die Ausnahme war, nämlich andere eiskalt über den Tisch zu ziehen, fast schon die Regel geworden ist. Als Coach, aber auch in meinen Seminaren, mache ich die gleichen Erfahrungen: Menschen, die unter Vorgesetzten und Kollegen leiden, die ein solches Verhalten zeigen, suchen nach Möglichkeiten, diese schädigenden Verhaltensmuster rechtzeitig zu identifizieren und Gegenstrategien zu entwickeln. Vielleicht haben auch Sie zu diesem Buch gegriffen, weil Sie zu diesen Menschen gehören.

Zu meinen Vorträgen kommen auch Betroffene, die im Vorstand oder Aufsichtsrat tätig sind, Leiter von Personalabteilungen oder selbständige Unternehmer, die die Gefahr, die von solchen Menschen für das Unternehmen ausgeht, klar erkannt haben. Denn der wirtschaftliche Schaden ist, neben den seelischen Schäden, die bei den Mitarbeitern verursacht werden und sich in den Krankmeldungen spiegeln, meist enorm. Es ist daher kein Zufall, dass die Nachfrage nach Beratungen, die Antworten darauf geben, deutlich zunimmt.

Doch wie kommt es, dass Narzissten und Menschen, die einige schädigende Eigenschaften mit Psychopathen teilen, gegenwärtig in der Wirtschaft so erfolgreich sind, anstatt, wie man vermuten möchte, im Gefängnis zu sitzen?

Was ist geschehen?

Der amerikanische Wissenschaftler Robert D. Hare findet nicht nur eine plausible, sondern auch eine wissenschaftlich fundierte Erklärung für die dramatische Umkehrung der Verhältnisse im Geschäftsleben. Nach jahrelanger Forschung über die Auswirkungen von Menschen mit psychopathischer Veranlagung im Wirtschaftsleben fasst er seine Beobachtung wie folgt zusammen: Immer dort, wo große Veränderungen in Unternehmen anstehen, oder bereits im Gange sind, finden Menschen mit psychopathischen Charakterzügen ein ideales Spielfeld.[19] Veränderungen, gar Chaos in Unternehmen bei Umstrukturierungen, Übernahmen, Krisen oder Neugründungen von Unternehmen, sind der Nährboden, den solche Menschen benötigen, um ihre negative Energie zu entfalten.

Globalisierung und Deregulierung waren die Türöffner

Wenn wir diese Forschungsergebnisse ernst nehmen, muss die Finanzbranche vor und nach dem Finanzcrash in 2008 ein El Dorado für Menschen mit psychopathischen Charaktereigenschaften gewesen sein bzw. immer noch sein. Denn eine Branche, die sich durch wenige Regeln und wenige Kontrollen einst auszeichnete und immer noch auszeichnet – trotz der Versuche seitens der Politik neue Regelungen greifen zu lassen –, war und ist das natürliche Umfeld für Menschen mit dieser Veranlagung.

Wenn es nur die Finanzbranche betreffen würde, wäre dies zwar schlimm genug, aber noch nicht bedrohlich für die ganze Wirtschaft. Was aber das Phänomen des erfolgreich agierenden Managers mit psychopathischen oder narzisstischen Eigenschaften so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass sich die Bedingungen des Wirtschaftens seit der Globalisierung grundlegend geändert haben. Das Stichwort heißt Dynamik. Und Dynamik bedeutet, dass Regelungen, die gestern noch galten, außer Kraft gesetzt werden, Kontrollen nicht greifen, weil sich die Situation innerhalb kürzester Zeit bereits wieder verändert hat. Nur wenige behalten da den Überblick. Genau eine solche Situation brauchen Menschen mit psychopathischer Veranlagung, um mit faulen Tricks, Betrügereien und aggressiver Rhetorik Karriere zu machen, ohne befürchten zu müssen, dass man ihnen auf die Schliche kommt.

Wir alle kennen die Dynamik, die durch die Globalisierung in fast jeder Branche Einzug gehalten hatte. Übernahmen waren an der Tagesordnung, Umstrukturierungen ebenso, erzeugt durch den Druck noch effizienter produzieren zu müssen, weil die Konkurrenz einem im Nacken saß.

Start-ups in Silicon Valley wurden, so schien es, wöchentlich gegründet. Die Technologiebranche erlebte einen Boom, der seinesgleichen suchte, und forcierte durch die technologischen Neuerungen strukturelle Umwälzungen in Firmen, für die es sonst vieler Jahrzehnte benötigt hätte. Mit anderen Worten: Manager, die eine Neigung zu psychopathischem Verhalten hatten, fanden in den 1990er-Jahren den idealen Nährboden für ihr Tun.[20] Die Auswirkungen kennen wir spätestens seit dem Finanzcrash 2008 alle.

Die Zutaten der Verführung: Charme und Charisma

Obwohl Narzissten und Menschen mit psychopathischer Veranlagung viele negative Eigenschaften haben und Angst und Schrecken in Unternehmen verbreiten, sind sie sehr erfolgreich. Daher fragt man sich verwundert:

Was macht diese Menschen so erfolgreich?

Die Antwort ist gar nicht so schwer. Die Erfolgsfaktoren heißen: Charme, Charisma, schauspielerische Fähigkeiten und die Beherrschung manipulativer Techniken. Diese Eigenschaften helfen ihnen, die Maske sehr lange aufrechtzuerhalten. Wie wir im Fall Madoff gesehen haben, währte das Theaterstück über 30 Jahre. Menschen mit narzisstischen oder psychopathischen Tendenzen werden nicht schnell erkannt. Nur wer sehr genau beobachtet, kann die feinen Haarrisse sehen, die das Bild, welches man sich von der jeweiligen Person gemacht hat, zerstören.

Schauen wir noch einmal auf den Fall Madoff.

Fast jeder, der ihn kannte, schwärmte von seiner starken persönlichen Ausstrahlung. Er habe Esprit und Charme, hieß es unisono.[21] Er gab den leutseligen Chef, der seine Mitarbeiter wie Familienangehörige behandelte und sich um sie sorgte.[22] Ein Grandseigneur der Extraklasse. Er hielt sich von den Schickimicki-Partys der Wall-Street fern, was seinen Ruf, er sei ein seriöser Geschäftsmann mit einem enormen Fingerspitzengefühl für das Aktiengeschäft, weiter verstärkte. In Wahrheit hatte er bereits 1996 den Aktienhandel eingestellt.[23]

Madoff mochte keine schriftlichen Unterlagen – weder E-Mails noch Briefe.[24] Diese hätten Spuren hinterlassen können. Er zog es vor, mündlich zu verhandeln. Von Angesicht zu Angesicht konnte er seinen Charme spielen lassen. Später ließ er sein Image, das er sich in vielen Jahren sorgfältig und mit viel Strategie aufgebaut hatte, für sich arbeiten. Er spendete Millionenbeträge für die gute Sache und er arbeitete eng mit den Aufsichtsbehörden zusammen, war also immer über deren nächste Schritte bestens informiert.[25] Er listete detailversessen seine angeblichen Transaktionen auf und schickte diese Unterlagen seinen Kunden. Seriöser, so glaubten die, die ihn bewunderten, könne man gar nicht sein.

Auch seine Büros in New York und London waren in zurückhaltendem Grau und Schwarz eingerichtet.[26] Von Angeberei keine Spur. Er hatte eine Familie und war noch immer mit der derselben Frau verheiratet. Ein Mensch, der offenbar grundsolide war. Dennoch konnte er alle Insignien der Macht vorweisen, die man einfach zu haben hat, wenn man es wirklich bis ganz nach oben geschafft hat: das Penthouse in Manhattan, die meterlange Yacht, die Villa in Frankreich. Geld zu haben und zugleich bescheiden aufzutreten – diese Kombination war unschlagbar. Und so pilgerten sie zu ihm und gaben ihm ihr Geld.

Nur eins fiel unangenehm auf: sein immenses Kontrollbedürfnis.[27] So installierte er in seinen Büros Kameras, auch in seinen Büros in London, so dass er, wenn er in New York auf die Monitore schaute, zu jedem Zeitpunkt sehen konnte, was geschah. Kontrolle von anderen aber ließ er nicht zu. Die großen Steuerberatungsfirmen ließ er nicht in seine Bücher schauen.[28]

Es ist zu vermuten, dass der größte Finanzbetrüger, den die Welt bisher erlebt hat, nicht mehr viel Charme brauchte, als sein Ruf, ein genialer Finanzmann zu sein, dank Mundpropaganda, immer weitere Kreise zog und sein Schneeballsystem am Laufen hielt. Doch auf dem Weg dahin wird er viel davon gebraucht haben. Selbst jetzt, seitdem er im Gefängnis in North Carolina einsitzt, ist zu vernehmen, dass er ein sehr beliebter Häftling sei. Die anderen Insassen mögen ihn und wollten von ihm Investmenttipps haben, bis die Gefängnisleitung davon Wind bekam und dies untersagte.[29] Charme verdirbt eben nicht.

Compliance-Regeln helfen nicht

Wie aber sieht es heute aus? Sind die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen immer noch so, dass Psychopathen und Narzissten nahezu automatisch nach oben gespült werden?

Auf den ersten Blick scheint sich die Situation verändert zu haben. Immerhin hat die weltweite wirtschaftliche Entwicklung einen deutlichen Dämpfer bekommen. Selbst die deutsche Wirtschaft, die als äußerst robust gilt, hat an Dynamik verloren. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bemängelte unlängst, dass es der deutschen Wirtschaft zwar gut gehe, das Wachstum jedoch nicht sehr breit aufgestellt sei.[30] Viele Staaten und Volkswirtschaften sind noch immer mit den Auswirkungen des Finanzcrashs beschäftigt. Dort werden noch heute die Wunden geleckt, die 2008 geschlagen wurden.

Dabei sind die wirtschaftlichen Krisen in Spanien, Portugal, Italien, Irland und Griechenland nur die Krisen, die bei uns in den Medien präsent waren.

Als Reaktion auf die Krise bemühen sich Politiker um neue Regeln für Unternehmen und im Besonderen für die Finanzbranche. Compliance-Vereinbarungen halten Einzug in die großen Konzerne und verpflichten Mitarbeiter und Vorstand zu ethischem Verhalten. Rückzug, Maßhalten, Aufwertung des Regionalen sind die Schlagworte der aktuellen wirtschaftlichen wie politischen Trends.

Dynamik, Deregulierung und enormes Wirtschaftswachstum sind, so sieht es zurzeit aus, die Schlagworte von gestern. Und so titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) erschrocken: „Erleben wir das Ende der Globalisierung?“[31]

Können wir uns also entspannt zurücklehnen? Ist Menschen vom Schlage eines Madoffs endgültig der Nährboden entzogen?

Leider nein. Die Statistiken des Bundeskriminalamtes, die die Fälle von Wirtschaftskriminalität registrieren, die zur Anzeige gebracht wurden, sprechen eine andere Sprache. Im Jahr 2010, also zwei Jahre nach dem Finanzcrash, lag die Zahl auf dem höchsten Niveau seit 2006. Das Bundeskriminalamt registrierte 102 813 Fälle.[32] Im Jahr 2014 sind die Fallzahlen im Vergleich dazu zwar gesunken, befinden sich aber immer noch auf hohem Niveau von 63 194 registrierten Fällen (siehe dazu Tabelle 1 Wirtschaftskriminalität in Zahlen).[33]

Entwicklung in den einzelnen Bereichen der Wirtschaftskriminalität

Phänomenbereich Fallzahlen 2014 (2013) Tendenz Tatverdächtige 2014 (2013) Tendenz Schaden in Mio. € 2014 (2013) Tendenz Wirtschaftskriminalität gesamt 63 194 (71 663) ↓  30 365 (31 459) →  4 645 (3 820) ↑  Wikri bei Betrug 31 830 (38 357) ↓  11 231 (11 757) →  1 144 (826) ↑  Insolvenzdelikte 10 831 (11 087) →  10 031 (10 366) →  1 939 (2 410) Arbeitsdelikte 9 376 (10 041) →  5 204 (5 628) →  71 (56) Anlage- u. Finanzierungsdelikte 8 652 (7 527) 2 221 (2 109) →  443 (346) ↑  Betrug/Untreue i. Z. m. Kapitalanlagen 7 662 (6 503) 1 128 (1 094) →  525 (332) Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen 4 007 (4 697) 1 450 (1 560) →  41 (41) Wettbewerbsdelikte 1 824 (2 381) 2 241 (2 270) →  5 (5)  [34]

Tabelle 1: Wirtschaftskriminalität in Zahlen

Doch wer die Statistik zu lesen weiß, ist nicht beruhigt. Denn die angezeigten Straftaten im Bereich „Anlage- und Finanzierungsdelikte“ sind im Vergleich zum Vorjahr sogar auf 8 652 gestiegen.[35] Der wirtschaftliche Schaden betrug allein 2014 in diesem Segment 443 Millionen Euro.[36] Gestiegen sind im gleichen Jahr auch die Fälle von Betrug und Untreue im Zusammenhang mit Kapitalanlagen. Hier entstand ein Schaden von 525 Millionen Euro.[37]

Was den Kriminologen Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass der Schaden größer geworden ist bei gleichzeitig geringerer Fallzahl. Das lässt nicht nur Experten aufhorchen, sondern auch Unternehmer, Manager und Personalleiter, die versuchen, Schaden von ihren Unternehmen abzuwenden. Wie viele dieser Taten von Menschen mit psychopathischer oder narzisstischer Veranlagung begangen wurden, ist nicht bekannt. Doch es ist zu vermuten, dass ihr Anteil hoch ist.

Die Tatsache, dass dies nur die Fälle sind, die angezeigt wurden, vermag ebenfalls nicht zur Beruhigung beizutragen. Denn die meisten Unternehmen versuchen, wenn sie durch Manager oder Mitarbeiter geschädigt wurden, den Schaden zu vertuschen. Das Ganze wird intern geregelt. Davon geht auch das Bundeskriminalamt aus und verweist auf eine hohe Dunkelziffer.[38]

Der Grund für die Unternehmen – trotz hohem Schaden – den Fall nicht vor Gericht zu bringen, liegt auf der Hand: Die Reputation des Unternehmens könnte Schaden nehmen. Daher verzichten die meisten Unternehmen darauf, Anzeige zu erstatten. Das schafft den Narzissten und Psychopathen den nötigen Freiraum, um zum nächsten Unternehmen weiterzuziehen, wo sie erneut grüne und sättigende Weideflächen finden.

Dort, in den neuen Unternehmen, werden Vorstand, Personalabteilung und Kollegen erneut eine Weile brauchen, bis sie erkennen, mit wem sie es zu tun haben. Dann aber ist der Schaden bereits eingetreten.

Dabei sprechen wir in diesem Zusammenhang nur von dem finanziellen Schaden, nicht aber von der Zerrüttung der Unternehmenskultur, geschweige denn von den Burn-out-Fällen, die erfahrungsgemäß sprunghaft steigen, wenn man es Narzissten oder Menschen mit psychopathischer Veranlagung erlaubt, ihr Werk im Unternehmen zu verrichten.

Aggressive Rhetorik ist heute Standard

Selbst wenn die Manager mit narzisstischer oder psychopathischer Veranlagung das Unternehmen verlassen haben, sind die Nachwirkungen nicht nur auf den Geschäftskonten noch lange zu spüren. Gelitten hat vor allem ein Bereich, der wie ein Seismograph die Stimmung im Unternehmen widerspiegelt: die Kommunikation.

Diese liegt am Boden, denn die Atmosphäre ist vergiftet. Narzissten und Menschen mit psychopathischen Eigenschaften schaffen es, viele Menschen gegeneinander auszuspielen. Die Wunden heilen nur langsam, manches lässt sich gar nicht mehr kitten.

Die dramatische Veränderung der Gesprächskultur in den Unternehmen, die Führungspersonen mit psychopathischer Tendenz bewusst im Schatten von Deregulierung und Globalisierung erzeugt haben, ist, so lautet die nächste schlechte Nachricht, leider nicht auf die jeweils betroffenen Unternehmen beschränkt geblieben.

Vielmehr hat sich eine Gesprächskultur in der Wirtschaft insgesamt und sogar im privaten Bereich breit gemacht, die viele Menschen als ehrverletzend oder entwürdigend empfinden. Das, was wir Gesprächskultur nennen, hat sich in den letzten zwanzig Jahren nachhaltig verändert. Das Wort Kampfkommunikation trifft es besser. Wer im Beruf den Kopf über Wasser halten will, sollte sich darin auskennen. Die im Zuge der Globalisierung propagierte Deregulierung hat offenbar nicht nur Zoll- und Handelsschranken fallen lassen, sondern auch andere Grenzen gesprengt: die der guten Kommunikation.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Globalisierung und Deregulierung sind nicht grundsätzlich schlecht, doch die neuen Freiräume wurden von Narzissten und Menschen mit psychopathischer Veranlagung systematisch ausgenutzt. Weil sie Chaos brauchen, um ihre Ziele durchzusetzen, erzeugen sie unter den Mitarbeitern oder Vorstandskollegen Konflikte, die es in sich haben. Sie verbreiten Lügen, Halbwahrheiten und schrecken auch nicht vor übler Nachrede zurück. Sie nutzen Kommunikation als Waffe.

Das erzeugt tiefe Gräben in der Gesprächskultur eines Unternehmens, die Meetings, Geschäftsverhandlungen und selbst die Begegnung in der Kantine oder auf dem Flur zu einem Kriegsschauplatz werden lassen. Wer hat nicht selbst schon einmal eine solche vergiftete Atmosphäre im Unternehmen erlebt? In den Seminaren bekomme ich unzählige solcher Erfahrungen geschildert.

Dennoch stellt sich die Frage, wie sich diese enthemmte Kommunikation derart verbreiten konnte und nicht nur einzelne Unternehmen infiziert hat. Die Antwort ist simpel. Berichte von Menschen, die mit psychopathisch oder narzisstisch veranlagten Chefs und Kollegen zusammengearbeitet haben, schildern sie als Personen mit großer Ausstrahlung. Leader mit Charisma. Und genau das war in der Deregulierungsphase der Wirtschaft und während des Technologiebooms sehr gefragt. Chefs, die Seriosität und Solidität ausstrahlten, galten in dieser Boom-Zeit als Führungspersönlichkeit von gestern.

Gefragt waren Menschen vom Zuschnitt eines Steve Jobs, der die Menschen begeisterte und mitreißen konnte. Führungspersönlichkeiten, die wussten, wie „sie die anderen kriegen“. Und zwar kurzfristig, denn alles musste schnell gehen, die Spirale schien sich immer schneller zu drehen. Der Erfolg gab diesen charismatischen Führern Recht. Mit viel heißer Luft wurde eine Menge Geld verdient. Doch nicht jeder, der Charisma und eine faszinierende Ausstrahlung hat, ist ein Mensch mit psychopathischer Veranlagung. Man muss schon genauer hinschauen. Doch genau darum geht es in diesem Buch: den Spreu vom Weizen zu trennen, Menschen mit aggressiver und sozial schädigender Veranlagung anhand ihrer Kommunikation zu erkennen und rechtzeitig kommunikative Gegenstrategien zu entwickeln. Sie erfahren in diesem Buch die wichtigsten Eigenschaften dieser Menschen. Geschildert wird auch ihre Art der Kommunikation, so dass es Ihnen leichter fällt, diese Menschen zu identifizieren. Wie Sie Ihre eigene Kommunikation darauf einstellen, erfahren Sie in Kapitel zwei.

Die Dominotheorie

Der Virus, der diese destruktive Kommunikation wie eine Epidemie in die Unternehmen getragen hat, heißt: Nachahmung. Die Charismatiker waren die Stars. Und wer will nicht so sein wie sie? So wurde deren Art der Kommunikation zum Vorbild und vielfach kopiert. Grenzen des guten Benehmens, auch im Geschäftsgespräch, wurden gesprengt. Wenn die charismatisch und psychopathisch veranlagten Führer sprachen und andere beleidigten, wurden diese Grenzübertritte als erfrischend empfunden. Der traut sich was. Was für ein cooler Typ! Wer da keine schnelle Antwort parat hatte, hatte in den Augen der anderen schon verloren. Was für ein Langweiler! Der Sprachlose war durch seine passive Reaktion vor aller Augen vorgeführt. Er trug fortan das Stigma des Opfers auf der Stirn.

Je höher Menschen mit narzisstischer oder psychopathischer Veranlagung nach oben steigen, desto größer ist die Schar ihrer Bewunderer. Damit sind die Grenzen, die eine gute Kommunikation ausmachen, verschoben, und zwar in Richtung des äußeren Randes, dort wo keine sachliche Auseinandersetzung mehr stattfindet, sondern die persönliche Beleidigung beginnt.

Das kommunikative Spielfeld ist damit für alle größer geworden, nicht nur für den Narzissten oder psychopathisch Veranlagten. Der, der sich verbal danebenbenimmt, ist nicht mehr der, der von den anderen abgestraft wird. Vielmehr zeigt er durch seine Art der Kommunikation, dass er zu den Gewinnern im Unternehmen gehört. Wir alle kennen diese Gruppendynamik.