Tourismusphilosophie - Julia E. Beelitz - E-Book

Tourismusphilosophie E-Book

Julia E. Beelitz

0,0
25,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Tourismus neu gedacht! Die verschiedensten Disziplinen setzen sich mit dem Phänomen Tourismus auseinander. Die Philosophie war bisher nur schlaglichtartig beteiligt. Dabei existieren viele tourismuswissenschaftliche Fragen, die die Philosophie durchaus beleuchten kann. Genau auf diese Fragen gehen Julia E. Beelitz (Tourismuswissenschaftlerin) und Jonas Pfister (Philosoph) in diesem Buch im Dialog ein. Das Ergebnis ist eine interdisziplinäre Betrachtung zu individuellen, ethischen, ästhetischen, gesellschaftlichen und politischen Fragen. Das Buch richtet sich an Studierende der Tourismuswissenschaften und der Philosophie. Es ist zudem für alle, die sich für philosophische und ethische Fragen des Tourismus interessieren, eine spannende Lektüre.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Julia E. Beelitz / Jonas Pfister

Tourismusphilosophie

UVK Verlag · München

DOI: 10.36198/9783838559117

 

© UVK Verlag 2023— ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung

 

utb-Nr. 5911

ISBN 978-3-8252-5911-2 (Print)

ISBN 978-3-8463-5911-2 (ePub)

Inhalt

Vorwort1 Neues wagen – wie alles begann2 Was ist Tourismus?3 Ist Tourismus Teil eines guten Lebens?4 Ästhetik und die Macht der Bilder5 Darf man so reisen? Ethische Erwägungen6 Gesellschaftliche und politische Fragen7 Zukunftsperspektiven – was werden könnteNachwortLiteraturRegister

Vorwort

Diese Einführung in das neue Gebiet der Tourismusphilosophie soll einige der philosophischen Fragen diskutieren, die sich im Zusammenhang mit Tourismus stellen. Es werden vielfältige Aspekte aufgegriffen, die im tourismuswissenschaftTourismuswissenschaftlichen Diskurs bereits thematisiert werden. Das Buch erhebt daher keinen Anspruch auf Begründung einer neuen Theorie. Es soll vielmehr dazu anregen, Fragen zu stellen und weiter zu diskutieren. Wir denken dabei insbesondere an Studierende in verschiedenen Tourismusstudiengängen ebenso wie an interessierte Laien sowie Menschen auf einer touristischen Reise, die sich mit grundlegenden Fragen zum Tourismus auseinandersetzen möchten.

Ein Wort zu dem eher ungewöhnlichen Format: Die Autorin und der Autor haben einen unterschiedlichen wissenschaftlichen Hintergrund, Julia ist Sozialwissenschaftlerin, Jonas ist Philosoph. Wir wollten die unterschiedlichen Zugangsweisen zum Thema beibehalten und ersichtlich machen. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, eine Form zu wählen, bei der wir jeweils eigene Texte schreiben, in diesen uns jedoch aufeinander beziehen, also einen schriftlichen Dialog wiedergeben. Wir hoffen, dass Sie als Leserinnen und Leser die beiden Zugangsweisen erfahren und als ergänzend wahrnehmen – so wie wir es auch tun. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

 

Julia Beelitz und Jonas Pfister im März 2023

1Neues wagen – wie alles begann

07.10.2021 ∙ E-Mail von Julia an Jonas

Betreff: Kontaktanfrage

Sehr geehrter Herr Dr. Pfister,

 

mit großem Vergnügen habe ich unter anderem durch die Lektüre Ihrer Publikationen Zugang zum Themenbereich Philosophie gefunden.

Mein Interesse mag auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich scheinen, denn schließlich bin ich TourismuswissenschaftTourismuswissenschaftlerin, also Vertreterin eines Untersuchungsbereichs, bei dem die empirische Erkenntnis und der Fallstudienbezug im Vordergrund stehen: Dem Phänomen Tourismus nähert man sich v. a., um es in der Praxis zielorientiert gestalten zu können. Zentrales Interesse ist dabei die Leistungsgestaltung und -organisation. Entsprechend häufig sind Tourismuswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler – so wie bei mir der Fall – an Fachhochschulen und dort an Fakultäten anzutreffen, die v. a. aus Betriebswirtschaftlerinnen und Betriebswirtschaftlern bestehen.

Trotz dieses Fokus wäre es allerdings viel zu kurz gegriffen, den Tourismus rein als Wirtschaftsphänomen zu behandeln. Dafür zeigt er sich als viel zu anschlussfähig an andere wissenschaftliche Disziplinen. Entsprechend gibt es z. B. Forschende, die sich mit den Klimawirkungen von Reisen auseinandersetzen (i. e. Verbindung u. a. zu Biologie, Ökologie, Geografie), solche, die tourismusinduzierte Entfremdungsphänomene in besuchten Gebieten untersuchen (i. e. Verbindung zu u. a. Soziologie, Kulturwissenschaften, Anthropologie), und jene, die sich für die rechtlichen Rahmenbedingungen des Reisens interessieren (i. e. Verbindung u. a. zu Jura, Politologie).

Die TourismuswissenschaftTourismuswissenschaft wird mithin häufig als sog. Querschnittsdisziplin verstanden, bei der eine multi-, trans- bzw. interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Phänomen, seinen Ausprägungen, Effekten, Akteuren etc. erfolgt.

Die Verknüpfung mit der Philosophie kann in diesem Kontext allerdings bislang nur als rudimentär bewertet werden. Explizit als philosophisch etikettierte Erkenntnisse im Tourismuskontext gibt es selten (vgl. Tribe 2009, S. 3). Am ehesten vertreten ist noch die ethische Auseinandersetzung mit dem Reisen (vgl. Fennel 2017; Lovelock & Lovelock 2013; Pechlaner & Raich 2007). Breiter angelegte Diskurse, die touristische Themen z. B. auch mit Überlegungen zur Ästhetik oder Logik in Verbindung bringen, stellen dagegen Solitäre dar (vgl. Konferenz Tourism and Culture in Philosophical Perspective, Kroatien 2019).

Hierin besteht jedoch aus meiner Sicht ein deutlicher Mangel, denn die „philosophische Perspektive“ hätte Potenzial, der TourismuswissenschaftTourismuswissenschaft bei ihrer dringlichsten Herausforderung zu helfen – ihrem Selbstverständnis. So schön nämlich die disziplinäre Freiheit in der Untersuchung ist, so sehr behindert sie die Tourismuswissenschaft auch, wie sich darin zeigt, dass allgemein akzeptierte Definitionen fehlen und über Strukturen, Grenzen und Schwerpunktsetzungen scheinbar ebenso endlos diskutiert wird wie über die Anwendbarkeit und Angemessenheit von Methoden. Natürlich gibt es einzelne Versuche, Begriffe, Modelle und Theorien zu entwickeln.

Generell kommt aber die Auseinandersetzung mit den Grundfragen zu kurz, so dass manche die Existenz einer eigenständigen TourismuswissenschaftTourismuswissenschaft sogar anzweifeln.

Was mich nun endlich zum Grund meiner Kontaktaufnahme bringt: Ich schreibe Ihnen, da ich mir einen Austausch zu Obigem erhoffe. Ich würde Sie zu einem Dialog einladen wollen, in dem wir über diese „ersten Fragen“ gemeinsam nachdenken und damit vielleicht ein Fundament für etwas wie eine Tourismusphilosophie begründen. Den Austausch zwischen Ihnen als Philosoph und mir als TourismuswissenschaftTourismuswissenschaftlerin stelle ich mir dabei überaus bereichernd vor – und vielleicht können wir unsere Gedanken ja irgendwann einmal in ein gemeinsames Buch bannen und damit der interessierten Öffentlichkeit zur eigenen Reflexion anbieten?

Doch ich bin hier zu schnell: Zunächst einfach die Frage, ob Sie Interesse an einem solchen Austausch hätten?! Und, vielleicht gleich weiter gefragt: Sehen auch Sie einen Sinn in der angedachten Auseinandersetzung?

 

In der Hoffnung auf eine – möglichst positive – Rückmeldung

 

mit freundlichen Grüßen

Julia Beelitz

11.10.2021 ∙ E-Mail von Jonas an Julia

Betreff: AW: Kontaktanfrage

Sehr geehrte Frau Prof. Beelitz,

 

vielen Dank für Ihre Anfrage. Sie freut mich, und ich gehe gerne darauf ein. Denn, wie Sie schreiben, existieren kaum philosophische Arbeiten zum Tourismus, und es gäbe sicherlich spannende Fragen zu stellen und zu diskutieren.

In der PhilosophiePhilosophie interessieren wir uns insbesondere für begriffliche FragenFragenbegriffliche Fragen, d. h. für Fragen nach den Beziehungen zwischen verschiedenen Begriffen, wie sie etwa in Definitionen zu finden sind, in denen wir den einen Begriff durch andere Begriffe definieren. Also ganz konkret könnte man fragen, was Tourismus überhaupt ist. Die Klärung kann ein Schritt in Richtung eines besseren Selbstverständnisses der TourismuswissenschaftTourismuswissenschaft sein und damit genau eine der Herausforderungen aufnehmen, die sie ansprechen.

Wir interessieren uns in der Philosophie auch für normative FragenFragennormative Fragen, also für Fragen danach, was sein soll, was gut und was schlecht ist, was geboten und was verboten ist. Bezogen auf den Tourismus stellen sich Fragen wie die, ob und wann Tourismus ethisch vertretbar ist, eine Frage, die sich angesichts der zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels dringlicher stellt als noch vor ein paar Jahrzehnten, als der globale Tourismus noch wenig ausgebaut war (und auch der Klimawandel noch weniger spürbar).

Das führt mich gerade zu einem Aspekt, den es ebenfalls zu berücksichtigen gilt: die Geschichte des TourismusTourismusgeschichte. Sie werden dazu sicherlich mehr wissen als ich, und ich würde mich sehr freuen, im Dialog mit ihnen darüber ebenso wie über alle anderen Aspekte der TourismuswissenschaftTourismuswissenschaft mehr zu erfahren.

Gerne steuere ich meine philosophischen Kenntnisse bei, um die grundlegenden Fragen erst einmal zu stellen und dann, soweit möglich, zu beantworten. Nur noch eine kleine Bemerkung zu einem Punkt: Sie beklagen, dass über Grenzen und Schwerpunktsetzungen in der Tourismuswissenschaft scheinbar endlos diskutiert werde. In dieser Hinsicht muss ich Sie womöglich enttäuschen: Dass man endlos diskutiert, ist aus philosophischer Perspektive nicht unbedingt schlecht, sondern kann als wesentlich für gewisse Fragen angesehen werden, eben weil sie sich nicht einfach oder vielleicht gar nie abschließend beantworten lassen. Aber versuchen wir es einmal: Stellen wir die Fragen, suchen wir nach Antworten, und schauen wir, was dabei herauskommt. Ich bin dabei!

 

Mit freundlichen Grüßen

Jonas Pfister

15.10.2021 ∙ E-Mail von Julia an Jonas

Betreff: Historische Entwicklung des Tourismus

Sehr geehrter Herr Pfister,

 

über Ihre Antwort habe ich mich überaus gefreut! Vielen Dank, dass Sie sich auf diesen Austausch einlassen wollen. Da nutze ich doch gleich die Gelegenheit zu einer weiteren E-Mail an Sie!

Ihre Rückmeldung hat mich schmunzeln lassen, denn natürlich (!) bin ich enttäuscht über die Aussicht, dass auch die Einnahme der philosophischen Perspektive nicht zum Ende der „endlosen Diskussionen“ führen wird. Allerdings deute ich diese „Ent-Täuschung“ positiv, also als Wegnahme von Täuschung. Denn einer solchen bin ich ganz offenbar aufgesessen, als ich den Abschluss des tourismuswissenschafttourismuswissenschaftlichen Diskurses vorschnell herbeisehnte. Schließlich verändert sich der Tourismus ständig, so wie er das in der Vergangenheit auch stets getan hat.

Wenn Sie mich vor diesem Hintergrund nach der historischen Entwicklung des Tourismus fragen, würde ich mich solchen Meinungen anschließen, die konstatieren, dass diese mit der Existenz des Menschen beginnt und der Tourismus mithin als „zeitloses Phänomen“ verstanden werden kann (Sölch 1995, o. S.).

Denn die Basis des Tourismus ist das Reisen, also der gezielte Ortswechsel.

Und einen solchen vollzogen bereits unsere frühen Vorfahren in der SteinzeitTourismusgeschichte, SteinzeitSteinzeit, die sich als NomadeNomaden ständig im Aufbruch befanden. Luger hält dazu treffend fest: „Die Menschheitsgeschichte ist auch eine Geschichte der Bewegung, der Mobilität, des Herausschiebens der Horizonte.“ (Luger 2022, S. 81) Entsprechend sollten weder der Wortstamm des Begriffs Reisen – das althochdeutsche reisa steht für „Aufbruch, Zug, Fahrt“ (DWDS 2021, o. S.) – noch der Fakt verwundern, dass auch nachdem der Mensch sesshaft wurde, weiter Reiseaktivitäten zu verzeichnen waren und man gerade in den frühen Hochkulturen „touristische Spuren“ finden kann: Die ÄgypterTourismusgeschichte, Ägypten der Antike besuchten berühmte Bauwerke wie die Sphinx oder die Pyramiden von Gizeh, die Griechen reisten nach Delphi, um das Orakel zu befragen, oder nahmen an den Olympischen Spielen teil und im Römischen ReichTourismusgeschichte, Römischen ReichRömischen Reich wurde das umfangreich ausgebaute Straßennetz auch für den Personenverkehr genutzt: Man reiste, um Waren und Truppen zu allokieren, aber auch, sofern man über jene Freiheiten (Handlungsfreiheit + Zeit + Geld) verfügte, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und entsprechend geeignete Orte des weitläufigen Reiches z. B. für Gesundheitszwecke aufzusuchen (Gyr 2010, Abschnitt 5f.).

In der Epoche des MittelalterTourismusgeschichte, Steinzeit Tourismusgeschichte, MittelalterMittelalters nahm die Reiseaktivität dann zumindest kurzfristig drastisch ab – einerseits, da sich z. B. durch den Verfall zahlreicher Straßen und die politische Regionalisierung die Bedingungen für den Ortswechsel verschlechterten, andererseits, da der soziokulturelle Wandel die menschliche Beziehung zur Fremde veränderte: Das Anderswo wurde zunehmend mit Gefahr und Unsicherheit konnotiert (Unheimliche Fremde! Unberechenbare Natur! Unnötige Anstrengungen!), von der man sich nach Möglichkeit fernhalten sollte (vgl. Berktold-Fackler & Krumbholz 2015, S. 13). Wer sich zu dieser Zeit „auf den Weg machte“, tat dies entsprechend noch klarer zweckgebunden, weil sich keine Alternative bot, um die eigenen Ziele zu erreichen. Der Begriff des Reisens war, wie bereits anklang, noch nicht verbreitet. Stattdessen sprach man von der Fahrt, wie beim „fahrenden Volk“ (vgl. Hlavin-Schulze 1998, S. 13). Man fuhr demnach v. a., um Handel zu betreiben (Karawanen), um Buße zu tun (Pilger), weil es die machtpolitische Stellung erforderte (Kreuzzüge), zu Bildungs- und Forschungszwecken (Walz bzw. Touren zu Klöstern oder den ersten Universitäten) oder um neue Ressourcen zu erschließen (Entdecker- und Erobererfahrten) (vgl. Sölch 1995, o. S. und vgl. Spode 2021, S. 16).

Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert16. JahrhundertsTourismusgeschichte, zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte dann ein entscheidender Wandel ein: Zunehmend gingen auch die gehobenen Gesellschaftsschichten auf Reisen. Die Einstellung zum Unterwegssein änderte sich damit drastisch: Glücklich war, wer über genügend Mittel (insbesondere Geld und Kontakte) verfügte, um sich in der Fremde nicht nur notwendigen Zwecken zu widmen, sondern auch Elementen der Muße hingeben zu können (d’Eramo 2018, S. 22). Entsprechend waren die neuen Reisenden erheblich komfortabler unterwegs und nutzten z. B. Kutschen oder wurden – wo diese nicht passieren konnten – in Tragsesseln transportiert. Wege zu Fuß unternahmen solche Reisende dagegen nur, wenn sie aus künstlerischen Zwecken unterwegs waren (man denke an Goethes „Italienische Reise“) bzw. bewusst die Nähe zur Natur suchten. (vgl. Luger 2022, S. 82).

Die Basis des heutigen Images von Reisen als nicht nur sinnvolle, sondern v. a. auch erstrebenswerte und lustvolle Aktivität war damit gelegt, der Übergang zum Tourismus geschaffen.

Besonders deutlich zeigt sich das in der sog. Grand TourGrand Tour, die sich als Erscheinungsform des Reisens v. a. im 18. Jahrhundert18. JahrhundertTourismusgeschichte, 18. Jahrhundert durchsetzte. Hierunter zu verstehen waren Bildungsreisen, auf die insbesondere die Erben (i. e. also primär die jungen Männer statt der jungen Frauen) des Adels und – mit etwas Zeitversatz – des (gehobenen/aufgeklärten) Bürgertums gesandt wurden, um ihre Erziehung abzuschließen, bevor sie in die Fußstapfen ihrer Familie traten und der „Ernst des Lebens“ begann. Angeführt wurde dieser Trend der damaligen Zeit von den Engländern. Auf bis ins Detail geplanten, ein- bis dreijährigen Reisen wurden bei der Grand TourGrand Tour antike Stätten und bedeutende Städte der Zeit besucht, Kurse und Weiterbildungen (z. B. Tanz, Reiten, Fechten, Sprachen) absolviert und an Empfängen, Bällen und Jagden teilgenommen. Die typischerweise von einer standesgemäßen Entourage (Mentor, Diener etc.) begleiteten Reisenden sollten sich weltmännische Umgangsformen aneignen und Netzwerke aufbauen, aber auch Zeit für Kunst und Vergnügen haben. Da das Kennenlernen von Land und Leuten im Zeitverlauf primäres Reisemotiv wurde, ist die Auffassung verbreitet, dass die Grand TourGrand Tour als grundlegende Frühform dessen betrachtet werden kann, was wir heute „Tourismus“ nennen. (Gyr 2010, Abschnitt 9–13; Berktold-Fackler & Krumbholz 2015, S. 18ff.)

Das Ende der Grand TourGrand Tour fiel mit der Französischen Revolution und den nachfolgenden Napoleonischen KriegenTourismusgeschichte, Französische Revolution und napoleonischen Kriegen zusammen: Da die „oberen Zehntausend“ nun nicht mehr ungehindert ins Ausland reisen konnten, wandten sie sich inländischen Reisezielen zu, was die Ära der Kurorte und Seebäder eingeläutet haben soll (Berktold-Fackler & Krumbholz 2015, S. 19). Gleichzeitig etablierte sich das Phänomen der sog. SommerfrischeSommerfrische, bei dem sich vermögende Familien mehrwöchig in Dependancen in ländlichen Regionen (oft in die Täler des Mittel- und Hochgebirges, aber auch an die See – heute würde man wohl sagen „in heilklimatischen Destinationen“) ihres Landes zurückzogen, um der Hitze der Städte während der Sommermonate und ihrer (z. B. hygienischen) Konsequenzen zu entgehen (vgl. Luger 2022, S. 92f.). Im Rahmen dieser temporären Übersiedlungen wurde zwar noch den wichtigsten Geschäften nachgegangen – im Vordergrund standen aber das Ruhen und entspannende Unternehmungen, z. B. Flanieren und Baden. Das Element der Erholung fand damit Einzug in den Kontext des Reisens.

Die Einschränkung auf Binnenreisen war jedoch nur temporärer Natur. Ab dem 19. JahrhundertTourismusgeschichte, 19. Jahrhundert19. Jahrhundert waren es erneut die vermögenden Bevölkerungsteile, zunehmend das gehobene Bürgertum, die zu touristischen Zwecken nun exotischere Ziele anstrebten – auch da dies durch politische Entwicklungen (Stichwort: KolonialisierungKolonialisierung und Auswanderungswellen) und ihre infrastrukturellen Konsequenzen (z. B. Ausbau regelmäßiger Schiffsverbindungen) möglich wurde. In dieser Phase entwickelten sich Angebote wie Studienschifffahrten auf dem Nil (ab ca. 1860) und der Orientexpress nach Istanbul (ab 1883). Gleichzeitig entfaltete sich als zentrale Entwicklungsachse des Tourismus der Alpinismus. Angetrieben u. a. von der Zivilisationskritik Rousseaus wurden die Berge und ihre Natur allmählich statt als Bedrohung als etwas Erstrebenswertes erfasst und mithin bereist. „Die Haltung gegenüber den Bergen – beginnend mit Alpenbewunderung, dann Alpenerforschung und der Entwicklung des Alpinismus – war immer geprägt vom Zeitgeist und ist eng mit Naturempfinden verknüpft.“ (Stettmer 1998) Entsprechend wurde das Bergsteigen ausgehend von Großbritannien zu einem Sport: Zwischen 1854 und 1865 wurden die meisten Bergspitzen der Alpen zum ersten Mal bestiegen.

Parallel hierzu entwickelte sich das Reisen jedoch auch „in die Breite“. War es dem Großteil der Bevölkerung im 18. Jahrhundert noch völlig unmöglich, auf Vergnügungsreisen zu gehen, da weder die notwendigen finanziellen Mittel noch die erforderliche Freizeit zur Verfügung standen, führte der gesellschaftliche Wandel ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu Entwicklungsschüben. Zu den einflussnehmenden Faktoren zählten dabei die Verbesserung der sozial- und arbeitsrechtlichen Verhältnisse sowie die Steigerung der Realeinkommen, aber auch allgemein die Industrialisierung (Stichwort: kapitalistische Überproduktion) und zunehmende Verstädterung, die Bedürfnisstrukturen veränderte („frische Luft“ wird zu einem erstrebenswerten Aspekt, wenn man in Abgasen lebt), sowie die Entwicklung der Angebotsstrukturen, z. B. des Verkehrswesens (vgl. Spode 2021, S. 20ff.). Erste Angebote für breitere Bevölkerungsteile waren organisierte Tagesausflüge. Thomas CookCook, Thomas veranstaltete 1841 die erste „PauschalreisePauschalreise“ der Geschichte: Für einen Schilling erwarb man ein Zugticket ab Leicester ins 10 Meilen entfernte Loughborough und zurück, eine einfache Tagesverpflegung und Unterhaltung durch Blasmusik. Mit solchen Tagesausflügen sollte – so das werbende Versprechen – die arbeitende Bevölkerung Gelegenheit bekommen, kurzzeitig der Enge der Städte und der funktionalen Produktionsorte zu entgehen (Gyr 2010, Abschnitt 14f. und 18). Das Angebot richtete sich allerdings noch immer eher an die besserverdienenden Vorarbeiter und Meister. Erst recht mehrtägige Reisen blieben trotz der aufkommenden Arbeiterkultur, die für einen Teilhabeanspruch aller an den „Errungenschaften und Genüssen der Nationalkultur“ (Sölch 1995, o. S.) eintrat, weiter ein Privileg. Generell zu verreisen und – später dann – „Erster Klasse“ in der Bahn zu fahren oder eine Schiffspassage anzutreten bzw. in einem (Grand) Hotel zu übernachten, entwickelte sich in Folge zum probaten Mittel sozialer Distinktion.

Die Blütezeit des Tourismus setzte im 20. JahrhundertTourismusgeschichte, 20. Jahrhundert20. Jahrhundert ein. Immer breitere Bevölkerungsschichten konnten am Reisen teilhaben, was sowohl politisch1, aber v. a. auch ökonomisch forciert wurde.

Da man erkannte, dass man mit gezielt Erholung versprechenden Angeboten einerseits Arbeit und Einkommen schaffen und andererseits Infrastrukturen optimiert auslasten kann, entwickelte sich eine spezialisierte TourismusindustrieIndustrie. Die ersten Vergnügungskreuzfahrten wurden demnach z. B. von der „Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“ – heute ist den meisten wohl eher die Abkürzung HAPAG geläufig – angeboten, um die in der Wintersaison unterausgelasteten Schiffe der Reederei für Transatlantikpassagen effizienter zu nutzen. Reisen wurden in Folge insgesamt kürzer, um zu den Mittelverfügbarkeiten (bezogen sowohl auf Geld als auch Zeit) der breiten Bevölkerung zu passen, und immer stärker standardisiert, was einen sukzessiven Preisverfall nach sich zog. Gleichzeitig hat sich im Zeitverlauf eine zunehmende Orientierung an Kundenwünschen und eine Vielfalt beteiligter Akteure ergeben. Über die Jahrzehnte ist der Tourismus mithin ein Massenphänomen (2019 wurden weltweit fast 1,5 Millionen internationale touristische Ankünfte verzeichnet!) und „zur wichtigsten IndustrieIndustrie dieses neuen Jahrhunderts geworden“ (d’Eramo 2018, S. 12). Gemäß Zahlen der United Nations World Tourism Organization (UNWTOUNWTO)United Nations World Tourism Organization (UNWTO) war der Tourismus 2019 die weltweit drittgrößte Exportkategorie (noch vor dem Automobil- und dem Food-Sektor), der einer von zehn Jobs weltweit zugerechnet werden konnte.

Allein aufgrund dieser Bedeutsamkeit wäre es geradezu fahrlässig aufzuhören, über den Tourismus zu diskutieren, um auf den Anfang meiner heutigen Nachricht an Sie zurückzukommen. Es lohnt sich zweifelsohne, das Phänomen zu betrachten und dabei seine charakteristischen Eigenschaften zu ergründen. Aus der skizzierten geschichtlichen Entwicklung kann z. B. ein interessantes Muster des Tourismus abgeleitet werden:

Typisch war und ist es, dass die vermögenden Bevölkerungsteile neue touristische Erscheinungsformen, Zielgebiete und Angebote erschließen bzw. prägen, die dann sukzessive von der restlichen Bevölkerung imitiert bzw. übernommen werden.

So wurden die erwähnten Seebäder vom Adel zurückgelassen, um zunächst Reiseziele der gehobenen Bürger, dann des Mittelstands, gefolgt vom Kleinbürgertum und zuletzt der Arbeiterschaft zu werden (vgl. Kolland 2006, S. 254ff.). Und so werden möglicherweise die jüngst von Superreichen durchgeführten Weltraumreisen (Richard Branson 11.07.2021; Jeff Bezos 20.07.2021) auch irgendwann einmal eine Tourismusform für jedermann werden …

Verallgemeinernd kann man wohl sagen, dass die zentralen Entwicklungstendenzen des Tourismus bislang v. a. in einem kontinuierlichen Wachstum und einer zunehmenden Differenzierung bestanden. Die Breite und Tiefe des Phänomens gehen jedoch so weit, dass seine Ränder verschwimmen und es immer schwieriger wird, es zu spezifizieren.

Gibt es demnach wirklich einen Unterschied zwischen „Reisen“ und „Tourismus“, so wie es in den vorstehenden Ausführungen angeklungen ist? Und über welche Eigenschaften lässt sich Tourismus von anderen Phänomenen (z. B. Alltag, Freizeit) abgrenzen?

 

Ich bin auf Ihre Einschätzung gespannt!

 

Mit freundlichen Grüßen

Julia Beelitz

19.10.2021 ∙ E-Mail von Jonas an Julia

Betreff: Überlegungen zur historischen Entwicklung

Liebe Frau Beelitz,

 

herzlichen Dank für Ihre Nachricht! Ich habe gar nicht damit gerechnet, gleich einen so ausführlichen und spannenden Überblick über die Geschichte des Tourismus zu erhalten, als ich in meiner letzten E-Mail die Frage der Entwicklung erwähnte.

Besonders interessant finde ich, dass Sie als Basis des Tourismus die gezielte Ortsveränderung setzen, denn damit reicht die Geschichte des Tourismus bis in die Anfänge der Menschheit zurück und die Ortsveränderung scheint einen grundlegenden Aspekt des menschlichen Lebens auszumachen (darauf müssen wir einmal noch zurückkommen). Ebenfalls sehr interessant finde ich, dass der moderne Tourismus auf die Grand TourGrand Tour zurückzuführen sei. Das war mir nicht bekannt, und wenn ich hätte schätzen müssen, hätte ich gesagt, dass der moderne Tourismus erst im 19. Jahrhundert beginnt. Aber mit der Grand Tour sind wir in der RenaissanceRenaissanceTourismusgeschichte, Renaissance angelangt, im 17. Jahrhundert. Der entscheidende Unterschied scheint der zu sein, dass Reisen an sich nun einen nichtreligiösen Bildungszweck hatte. Das ist ja eigentlich eine schöne Idee als Ursprung des Tourismus: Reisen als BildungBildung.

Sie fragen mich, ob ich damit einverstanden sei, dass man den Tourismus vom Reisen abgrenzen könne, dass also der Tourismus eine spezielle Form des Reisens sei. Ich denke, dass man diese Abgrenzung machen kann. Die Frage ist, wozu, d. h. zu welchem Zweck wir die begriffliche Unterscheidung einführen, und der Zweck kann je nach Kontext ein anderer sein. Wenn es darum geht, das Wesen des Menschen zu untersuchen, dann wird man vermutlich bei der Reiseaktivität allgemein ansetzen und nicht viel dadurch gewinnen, dass man irgendwo in der Geschichte eine neue Form des Reisens unterscheidet. Aber wenn es darum geht, die gesellschaftliche Dimension des Reisens zu erfassen, so wird man sicherlich verschiedene Arten des Reisens unterscheiden wollen. Und auch dann, wenn wir genauer untersuchen wollen, wie und wozu Menschen heutzutage reisen – Sie haben es geschrieben: Tourismus ist zu einem enorm wichtigen weltweiten Wirtschaftszweig geworden. Und auch dann, wenn wir uns dafür interessieren, wie Menschen ihre Reisen heutzutage beschreiben, was sie dabei suchen, ist es hilfreich, einen Begriff für Tourismus zu haben.

Sehr interessant in Ihren geschichtlichen Ausführungen finde ich zudem, dass die Grand TourGrand Tour etwas war, mit dem sich der Adel abgrenzte, und auch Ihre allgemeine Bemerkung, dass neue Arten und Ziele zunächst von den Vermögenden gesucht werden und diese mit der Zeit von der restlichen Bevölkerung mehr oder weniger übernommen werden, sofern die finanziellen Möglichkeiten dazu bestehen. Tourismus hat also auch die Funktion, den sozialen Status anzuzeigen.

Das führt mich zu einer weiteren Beobachtung zum Wort Tourismus. Als die Bezeichnung „Tourist“ zum ersten Mal zu Beginn des 19. Jahrhundert im Französischen, Englischen und Deutschen verwendet wurde, war sie durchwegs positiv besetzt. Das hat sich seither verändert. Tourismus ist zu einem MassenphänomenMassenphänomen geworden und hat auch negative Konsequenzen, so dass die Bezeichnung manches Mal auch negativ konnotiert ist. In Städten, die von besonders vielen Touristinnen und Touristen besucht werden, etwa Barcelona, Venedig und Dubrovnik, haben die ortsansässigen Menschen ein ambivalentes Verhältnis zu den Gästen: Einerseits bringen sie Geld und damit die Grundlage für Wohlstand, andererseits führt der ausgeweitete Massentourismus auch zu Belastungen für die lokale Bevölkerung, insbesondere durch die Erhöhung von Preisen für Wohnungen, Essen in Restaurants etc. So kann „Tourist“ auch einmal zum Schimpfwort werden (wie es zum Beispiel im Graffito „TOURIST GO HOME“ zum Ausdruck kommt.

Das führt mich noch zu der Frage, wer eigentlich den Ausdruck „Tourist“ verwendet. Es ist einerseits eine Selbstbezeichnung. Andererseits ist es eine Fremdbezeichnung, sie wird von Gastgebern verwendet, aber natürlich auch von verschiedener Seite als betriebs- und volkswirtschaftliche Kategorie. Es gibt zudem weitere Wörter im Deutschen, die ebenfalls verwendet werden, etwa „Feriengast“ und „Urlauber“. Sie werden im Alltag weitgehend gleichbedeutend mit „Tourist“ verwendet. Doch jedes der Wörter hat andere Konnotationen, und diese sind nicht einheitlich überall gleich. Grundsätzlich wollen wir mit den genannten Wörtern Menschen in einem bestimmten Zustand bezeichnen im Unterschied zu Menschen, die ebenfalls eine Reise machen, aber zu einem anderen Zweck, etwa Migranten und Flüchtlinge, die an einem anderen Ort arbeiten oder sich niederlassen wollen, und Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben. Es gibt also eine ganze Reihe von Phänomenen, von denen wir den Tourismus unterscheiden wollen.

Abbildung 1:

Graffiti „Tourist go home“ | Quelle: © Billie Grace Ward (Creative Commons Attribution v2.0)

Da wir uns nun schon seit einiger Zeit im schriftlichen Austausch zum Ausloten des Gebietes der Tourismusphilosophie befinden, möchte ich anregen, dass wir zum „Du“ übergehen. Ich weiß zwar nicht, ob ich die Autorität habe, dieses Angebot zu machen, doch wage ich den Schritt nun erst einmal und hoffe, dass ich nicht in ein Fettnäpfchen trete. Zudem würde ich vorschlagen, dass wir unseren Austausch auch einmal mündlich weiterführen, auch um einige Punkte in der schnellen Interaktion zu entwickeln und andere gemeinsam festzulegen. Gerne würde ich Dich dazu nach Innsbruck einladen. Der Ort scheint mir geradezu ideal für unser Projekt. Denn Innsbruck kann als eine Metropole des Tourismus angesehen werden. Der Tourismus ist hier besonders präsent, und zwar in seinen vielen Formen: in den Touristinnen und Touristen, die man zum Teil gleich erkennt, in den zahlreichen Hotels und in den Flugzeugen, die direkt über die Stadt fliegen. Es ist zudem der Standort von Tourismusschulen, so des berühmten MCI, des Management Center Innsbruck. Ich habe nun im Internet nachgeschaut: Tirol ist eine der Regionen Europas mit der stärksten Tourismusintensität, d. h. der Anzahl Übernachtungen pro Einwohner. Und zwar waren es im Jahr 2019 51 Übernachtungen pro Einwohner. Höhere Zahlen wiesen nur die Regionen der südlichen Ägäis, der Ionischen Inseln, Südtirol, der kroatischen Adriaküste und der Balearischen Inseln auf. Es bietet sich auch als Treffpunkt an, weil zwei unterschiedliche Arten touristischer Destinationen so nahe beieinanderliegen wie kaum sonst wo: das Städtische und die Berge, oder wie das Marketing der Stadt sagt: Innsbruck ist „alpin-urban“. Wir könnten mit der Bahn auf die Nordkette fahren – das habe ich noch nie getan. Da hätten wir einen Überblick über Stadt und Berge. Was meinst Du? Hättest Du Zeit, einmal nach Innsbruck zu kommen?

 

Liebe Grüße

Jonas

20.10.2021 ∙ E-Mail von Julia an Jonas

Betreff: Treffen in Innsbruck

Lieber Jonas,

 

das „Du“ nehme ich ebenso wie Deine Einladung nach Innsbruck sehr gerne an! Lass uns doch einfach in den nächsten Tagen einmal telefonieren, um die Details abzustimmen. Meine digitale Visitenkarte mit all meinen Kontaktdaten habe ich Dir an diese E-Mail angehängt.

 

Viele Grüße

Julia

 

PS: Aus einem Buch, das ich gerade lese, entnehme ich die Aussage, dass „in der Philosophie oftmals die Fragen wichtiger als jede Antwort [sind]“ (König 2013, S. 8). Das finde ich spannend, denn in der TourismuswissenschaftTourismuswissenschaft wird generell nach Antworten gesucht. Lass uns daher gerne bei unserem kommenden Treffen in Innsbruck viele Fragen sammeln!

14.02.2022 ∙ E-Mail Julia an Jonas

Betreff: „Wenn eine eine Reise tut“ – Denkanstöße durch heutige Anreise

Lieber Jonas,

 

ich freue mich sehr auf den morgigen Termin mit Dir und kann es kaum erwarten, endlich in den direkten inhaltlichen Austausch mit Dir einzutreten.

Bevor es nun aber morgen losgeht, muss ich Dir unbedingt von meiner Anreise heute Abend berichten! Denn diese war alles andere als gewöhnlich … Am Bahnhof angekommen hätte ich beim Einstieg ins Taxi eigentlich schon stutzig werden müssen: Der Taxifahrer konnte nämlich mit dem Namen meines Hotels, das ich ihm als Ziel nannte, nichts anfangen und wirkte verwirrt, so dass ich die Adresse selbst mit meinem Handy ermitteln musste. Dort angekommen, dann die große Überraschung: Das Hotel hat noch gar nicht eröffnet! Ich stand also vor verschlossener Tür. Ein Herr, der wohl die Baustelle, die einmal die Rezeption werden soll, beaufsichtigte, ließ mich zwar ein, musste mir aber in gebrochenem Deutsch bedauernd vermitteln, dass ich hier leider heute Nacht nicht schlafen könne. Ein Anruf bei der Hotline der Hotelkette erbrachte ebenfalls keine neue Erkenntnis, denn dort meldete sich nur der Anrufbeantworter mit einem Verweis auf die Geschäftszeiten. Also musste ich improvisieren und spontan mithilfe meines Handys eine neue Bleibe suchen, was auch von Erfolg gekrönt wurde. Ich schreibe Dir nun aus einem Hotel, das nur ca. 15 Minuten vom eigentlich gebuchten entfernt liegt, das ich in einer Onlinebuchungsmaschine gefunden, dann aber telefonisch reserviert habe und das ich auch recht problemlos finden konnte, da ich aufgrund vorheriger Besuche in Innsbruck schon ein wenig Ortskenntnis besitze …

Und schon sind wir doch eigentlich direkt im Thema, denke ich. Denn wenn man diese kleine Anekdote Revue passieren lässt, ergeben sich doch schon einige Fragen, mit denen wir uns beschäftigen könnten: Beginnen kann man zum Beispiel mit der Frage, was und wer zum Tourismus gehört. Natürlich denkt man zunächst an die Hotels, als institutionalisierte Anbieter – hier scheint des einen Leid (Verzögerungen im Bauprojekt) des anderen Freud (Überkapazitäten, die spontan doch noch vermittelt werden können) zu sein. Doch auch der Taxifahrer und die Aufsichtsperson in der Hotelbaustelle gehören zum Tourismus: Während der eine einen professionellen und entgeltlichen Service erbracht hat, hat der andere mit seiner Auskunft kostenlos (!) eine wertvolle Information geleistet – die man letztlich sogar als wertvoller als die Taxifahrt sehen könnte, denn Letztere wäre bei einem vollständig informierten Taxifahrer ja gar nicht nötig gewesen. Man könnte also auch die Frage stellen, welche Motive die am Tourismus beteiligten Personen bzw. Institutionen haben, wie und wann diese erreicht werden und ob diese unterschiedlich wesentlich sind. Und auch wenn ich auf mich als Touristin schaue, drängen sich Fragen auf. So zum Beispiel welche Erwartungen Reisende typischerweise haben, wenn sie unterwegs sind. Denn, ganz ehrlich, ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich vor verschlossenen Türen lande. Vielmehr war ich im Vertrauen darauf angereist, dass meine bestätigte Reservierung garantiert, dass ich für die Nacht eine Unterkunft finde. Dass mich die Enttäuschung meiner Erwartungen nun nicht „aus der Bahn geworfen hat“, lässt zudem die Frage nach erforderlichen Eigenschaften und Geisteshaltungen zu, die Touristinnen und Touristen vorweisen können sollten. Dabei drängt sich mir u. a. der Bedarf nach Flexibilität auf, die mir die Situation abverlangt hat: Wäre ich statt allein und mit kleinem Gepäck mit Kindern und mehreren Koffern unterwegs, hätte ich in der beschriebenen Situation sicherlich weitaus größere Probleme gehabt. Und wäre ich es nicht gewohnt, auch auf Reisen aktiv Verantwortung zu übernehmen, und würde ich nicht (v. a. online verfügbare) Assistenzsysteme in solchen Situationen kennen, stünde ich wohl noch immer verzweifelt vor der Hotelbaustelle …

 

Du siehst also: Wir haben offenbar eine Menge vor!

Ich freue mich auf den Austausch mit Dir!

 

Beste Grüße

Julia

14.02.2022 ∙ E-Mail Jonas an Julia

Betreff: Fragen für unser Projekt

Liebe Julia,

 

vielen Dank für Deine Nachricht. Das ist ja unglaublich, was Dir passiert ist. Du hast ein Hotel gebucht, das es noch gar nicht gibt. Wie ist das möglich? Du musstest dann vor Ort eine Unterkunft suchen. Das hast Du aber auch tatsächlich sogleich getan und damit gezeigt, dass Du eine Touristin mit der richtigen Einstellung bist. Du hättest Dich ja auch einfach nur aufregen oder Dich bei der Hotelkette beschweren können. Du hast das Beste aus einer unangenehmen Situation gemacht.

Touristin zu sein, bedeutet auch, wie Du schreibst, sich auf Unvorhergesehenes einzustellen. Zwar vertrauen wir einerseits darauf, dass wir das, was wir buchen bzw. kaufen, auch erhalten. Auf diesem Vertrauen beruht unser Wirtschaftssystem. Andererseits gehört es zum Reisen, dass man nicht alles im Voraus planen kann. Dies gilt nicht nur für das Wetter und andere natürlich bedingten Faktoren, sondern auch, wie Dein Beispiel zeigt, für die Handlungen anderer Menschen. Eine touristische Reise wäre jedenfalls viel weniger wertvoll, wenn es dieses Moment der Unvorhersehbarkeit nicht gäbe.

Damit sind wir mitten in unserem Thema: Was macht eine touristische Reise für uns so wertvoll? Gehört es zu einem erfüllten Leben, touristisch aktiv zu sein? Und noch grundlegender stellt sich die Frage: Was ist überhaupt Tourismus? Du schreibst, dass da viele weitere Menschen dazu zu zählen sind, an die wir im ersten Moment nicht denken: Taxifahrer, Reiseleiter, Hoteliers, Barkeeper etc. Doch damit stellt sich die Frage: Wo ist die Grenze? Was gehört nicht mehr zum Tourismus, wenn alles, das irgendwie damit verbunden ist, dazu gezählt wird? Damit müssen wir uns näher beschäftigen. Ebenso mit den ethischen Fragen, die sich im Zusammenhang mit Tourismus stellen, insbesondere die Frage, wann Tourismus nachhaltig ist und ob es einen nachhaltigen Tourismus überhaupt gibt. Diese Fragen stellen sich nicht nur aus individueller, sondern auch aus gesellschaftlicher Perspektive. Schließlich stellt sich auch die Frage, wie Tourismus in Zukunft sein wird angesichts von Globalisierung und Digitalisierung. Da haben wir einiges zu tun!

 

Liebe Grüße

Jonas

2Was ist TourismusTourismus?

15.02.2022 ∙ SMS Jonas an Julia

Liebe Julia, das waren interessante Stunden mit Dir in Innsbruck. Wirf doch einmal einen Blick in Dein E-Mail-Postfach. Ich habe ein paar meiner Gedanken zu unserer ersten Frage in einer kleinen Abhandlung zusammengefasst. Liebe Grüße Jonas

15.02.2022 ∙ Jonas E-Mail-Anhang

Betreff: Definition von „Tourismus“

Was ist Tourismus? Damit ist ein komplexes Phänomen gemeint, das verschiedene Akteure, Räume, Transportmittel, Unterkünfte und vieles weitere umfasst. Es ist somit erst einmal unklar, welcher Art von Gegenstand der Tourismus zuzuordnen ist. Ist es etwa ein Prozess, an dem Millionen von Menschen beteiligt sind und der sich über Jahre und Jahrzehnte ausdehnt? Wenn es etwas in der Art ist, so erscheint es zum einen schwierig, den Tourismus als Ganzes gedanklich zu erfassen, und zweitens erscheint es auch schwierig, eine vollständige DefinitionTourismus, Definition zu formulieren.

Der Definitionsversuch des Begriffs FremdenverkehrFremdenverkehr von Walter Hunziker und Kurt Krapf (1942) zeigt diese Schwierigkeiten auf. Hunziker und Krapf definieren den Begriff Fremdenverkehr als „die Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt Ortsfremder ergeben, sofern daraus keine dauernde Niederlassung entsteht und damit keine Erwerbstätigkeit verbunden ist“ (Hunziker & Krapf 1942, S. 43).

Zum einen ist die Formulierung „sich ergeben“ zu umfassend, denn damit können unzählige Beziehungen und Erscheinungen miteingeschlossen sein. Zum anderen sind diese Phänomene und Beziehungen ganz unterschiedlicher Art, so dass durch ihre Zusammenfassung eine höchst heterogene Menge geschaffen wird. Abgesehen davon ist die Definition zudem zu weit, weil nicht alle irgendwie auf Reisen zurückzuführende Phänomene und Beziehungen zum Fremdenverkehr gehören. Zum Beispiel müsste man auch die zwischen zwei gemeinsam Reisenden entstehende Freundschaft, die im fremden Land geatmete Luft oder die Krankheit, mit der man sich auf der Reise ansteckte, als zum Fremdenverkehr gehörig ansehen.

Auch wenn der Tourismus ein immens komplexer Prozess sein sollte, so setzt er sich doch aus unzähligen einzelnen, einfacheren Prozessen zusammen, nämlich den touristischen Reisentouristische Reisen. Und da scheint eine gedankliche Erfassung und eine angemessene Definition viel einfacher zu finden zu sein. Wir haben ein intuitives Verständnis davon, was eine einzelne Reise ist, wo sie beginnt und wo sie endet. Und wir können sie einem Akteur zuschreiben, d. h. einer einzelnen Person oder einer Gruppe.

Somit besteht die Aufgabe dann darin, das Touristische an der Reise zu erfassen.

Einen entsprechenden Versuch, „Tourismus“ über die Personen zu definieren, die touristische Reisen machen, wurde bereits 1963 unternommen: Auf der United Nations Conference on International Travel and Tourism jenes Jahres einigte man sich darauf, dass ein Besucher (visitor) – im Unterschied zu einem Einwohner (resident) – einer ist, der ein anderes Land besucht, und der Tourist ein Besucher, der mindestens 24 h am Destinationsort bleibt. Diese Definition erwies sich jedoch als zu eng, da damit innerstaatliche Reisen ebenso wie Tagesausflüge u. a. ausgeschlossen wurden.

Der Mangel wurde einige Jahre später behoben, als das Institute of Tourism (später Tourism Society) 1976 den Vorschlag machte, dass alle Bewegungen dazugehörten, die Menschen außerhalb der Orte vornehmen, an denen sie üblicherweise leben und arbeiten (Camilleri 2018, S. 4). Die heute gültigen Empfehlungen der Vereinten Nationen, wie in → Abbildung 2 dargestellt, definieren eine Reise (trip) als die Ortsveränderung eines Menschen von seinem üblichen Wohnort und zurück. Ein Besucher (visitor