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Erstmals in kompletter deutscher Übersetzung:
das ultimative Standardwerk über die Machtstrukturen der Welt
Lange Zeit stand dieses Buch nur in einer stark gekürzten deutschen Version zur Verfügung. Jetzt liegt erstmals eine komplette Übersetzung des Meisterwerks eines der bedeutendsten amerikanischen Historiker vor: In Tragödie und Hoffnung analysiert Carroll Quigley die Geschichte unserer Welt vom 19. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre. Das Ergebnis ist ein einzigartiges und in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes Werk. Es zeichnet mit beispielloser Genauigkeit ein Bild von der Welt in Bezug auf die wechselseitige Beeinflussung verschiedener wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen, und es erklärt in bisher nicht erreichter Klarheit, wie eine geheime Machtelite die Entwicklung der Welt von heute beeinflusst hat.
Carroll Quigley demonstriert, mit welchen Methoden die »geheime Weltregierung« immer mehr Einfluss gewann, und beleuchtet die Vorgänge wie kaum ein anderer. Dafür gibt es auch einen Grund: Carroll Quigley gehörte über Jahrzehnte zum Umfeld der Elite. Dabei hatte er sogar Einblick in deren geheime Unterlagen.
Das Meisterwerk über die »geheime Weltregierung«
Carroll Quigley war ein bedeutender Historiker. Er lehrte an den Universitäten von Harvard und Princeton. Er unterrichtete zudem an der Georgetown-Universität in Washington, wo sein berühmtester Schüler die Vorlesungen bei ihm besuchte: Bill Clinton. Neben diesen Tätigkeiten schrieb er an seinem Lebenswerk Tragödie und Hoffnung - insgesamt 20 Jahre lang!
Was viele erstaunen wird: Carroll Quigley steht der geheimen Elite keineswegs kritisch gegenüber. Er unterstützt die meisten ihrer Ziele. Sein einziger Kritikpunkt an dem Netzwerk: Die Aktivitäten der Verbindung dürfen nicht länger geheim bleiben. Mit diesem Buch bringt er Licht ins Dunkel der verborgenen Machenschaften und verschafft Ihnen Einblicke in Machtstrukturen, die sich kaum jemand vorstellen kann. Wenn Sie dieses Buch lesen, werden Sie die Welt mit anderen Augen sehen.
»Die Mächte des Finanzkapitals hatten ein anderes, weit gestecktes Ziel, und zwar kein geringeres als die Errichtung eines Systems der weltweiten Finanzkontrolle in privaten Händen, das in der Lage wäre, das politische System eines jeden Landes und die Weltwirtschaft in Gänze zu beherrschen.« Carroll Quigley
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Carroll Quigley (1910–1977) war Professor für Geschichte an der Foreign Service School (Schule für den diplomatischen Dienst) an der Georgetown University, er lehrte zuvor in Princeton und Harvard. Er forschte in den Archiven Frankreichs, Italiens und Englands und verfasste das weithin gelobte Buch The Evolution of the Civilizations. Als Mitherausgeber der Monatszeitschrift Current History war er häufig als Vortragender und Berater für öffentliche und halböffent-liche Einrichtungen tätig. Er war Mitglied zahlreicher amerikanischer wissenschaftlicher Gesellschaften und sonstiger historischer Vereinigungen. Er fungierte seit 1951 als Lehrer für russische Geschichte am Industrial College der US-Streit-kräfte und seit 1961 für die Geschichte Afrikas am Brookings Institute und lehrte an vielen anderen Stellen, wie dem US Naval Weapons Laboratory, dem Foreigns Service Institute des Außenministeriums und am Naval College in Norfolk, Virginia. 1958 arbeitete er als Berater für das Congressional Select Committee, das die NASA gründete. Er war nach 1957 historischer Mitarbeiter an der Smithsonian Institution in Verbindung mit der Einrichtung eines neuen Museums für Geschichte und Technologie. Im Sommer 1964 ging er an die Naval Postgraduate School in Monterey, Kalifornien, als Berater für das Projekt Seabed, das veranschaulichen wollte, welche amerikanischen Waffensysteme es in zwölf Jahren geben würde.
Tragödie und Hoffnung
»Die Mächte des Finanzkapitals hatten ein anderes, weit gestecktes Ziel, und zwar kein geringeres als die Errichtung eines Systems der weltweiten Finanzkontrolle in privaten Händen, das in der Lage wäre, das politische System eines jeden Landes und die Weltwirtschaft in Gänze zu beherrschen. Dieses System sollte auf feudalistische Weise von den Zentralbanken der Welt kontrolliert werden – und zwar aufgrund geheimer Vereinbarungen, die in regelmäßigen privaten Treffen und Konferenzen getroffen werden. An der Spitze des Systems sollte die Bank für Internationalen Zahlungs-ausgleich in Basel, in der Schweiz, stehen. Es handelte sich dabei um eine private Bank im Besitz und unter der Kontrolle der Zentralbanken der Welt, die selbst private Unternehmen waren. Jede Zentralbank versuchte, ihre Regierung dadurch zu beherrschen, dass sie die Kontrolle über die Ausgabe der Staatsanleihen ausübt und ausländische Börsen manipuliert, um das Niveau der Wirtschaftstätigkeit im Land zu beeinflussen, und dass sie kooperationsbereite Politiker durch entsprechende wirtschaftliche Begünstigungen in der Geschäftswelt gewinnt.«
Carroll Quigley
Allen gewidmet, die sich kümmern und helfen wollen
Vorwort
Der Begriff »Zeitgeschichte« ist wahrscheinlich in sich widersprüchlich, denn das, was zurzeit geschieht, ist nicht Geschichte, und was Geschichte ist, geschieht nicht zurzeit. Vorsichtige Historiker halten sich in der Regel zurück, über jüngste Ereignisse zu berichten, weil sie wissen, dass für solche Ereignisse keine Quellen, vor allem keine unerlässlichen offiziellen Dokumente, zugänglich sind und dass es mit den verfügbaren Belegen sehr schwierig ist, den nötigen Überblick über die Ereignisse im eigenen Erwachsenenleben zu gewinnen. Doch ich brauche offensichtlich kein vorsichtiger oder zumindest kein gewöhnlicher Historiker zu sein, denn ich habe in einem früheren Buch die ganze Menschheitsgeschichte auf nur 271 Seiten abgehandelt und brauche jetzt über 1300 Seiten [im US-amerikanischen Original] für die Ereignisse einer einzigen Lebensspanne. Es besteht hier ein Zusammengang. Jeder aufmerksame Leser sollte bemerken, dass ich lange Jahre des Studiums und viel eigene Forschung gerade dafür aufgewandt habe, wofür kein ausreichendes Belegmaterial zur Verfügung steht. Es sollte ihm ebenfalls klarwerden, dass der Wert der vorliegenden Arbeit, welcher es auch sein mag, auf ihrem breiten Überblick beruht. Ich habe versucht, den Mangel an Beweisen durch eine breite Sichtweise zu beheben, und zwar nicht nur, indem ich die Muster aus der Vergangenheit auf die Gegenwart und die Zukunft projiziert habe, sondern auch durch den Versuch, die Ereignisse der Gegenwart durch die Untersuchung all ihrer unterschiedlichen Aspekte in einen Gesamtzusammenhang zu stellen, nicht nur in den politischen und wirtschaftlichen, wie es häufig geschieht, sondern auch durch mein Bemühen, die militärischen, technologischen, sozialen und geistigen Aspekte einzubeziehen.
Das Ergebnis von alledem ist, wie ich hoffe, eine Interpretation der Gegenwart wie auch der jüngsten Vergangenheit und nahen Zukunft, und das frei von den gängigen Klischees, Phrasen und Selbstrechtfertigungen, die die »Zeitgeschichte« so oft entwerten. Ein Großteil meines Erwachsenenlebens war der Ausbildung von Studenten in den Techniken der historischen Analyse gewidmet, die ihnen helfen, ihr Verständnis der Geschichte von den anerkannten Kategorien und kognitiven Zuordnungen der Gesellschaft, in der wir leben, zu befreien. Wenn diese auch für unsere Denkprozesse, Konzepte und Symbole notwendig sind, um uns über die Wirklichkeit miteinander zu verständigen, so bilden sie doch oft Barrieren, die uns von der Erkenntnis der ihnen zugrunde liegenden Realitäten abhalten. Die vorliegende Arbeit ist das Ergebnis eines Versuchs, auf die realen Situationen zu achten, die hinter den konzeptionell und verbal vorgegebenen Abbildungen liegen. Ich nehme an, dass dies als Folge solcher Bemühungen eine frischere, etwas andere und (hoffentlich) befriedigendere Erklärung dafür bietet, wie wir in die Situation, in der wir uns jetzt befinden, geraten sind.
Über 20 Jahre sind, seitdem ich an dieser Arbeit schreibe, vergangen. Obwohl das meiste davon auf den üblichen Berichten über die entsprechenden Ereignisse beruht, beziehen sich bestimmte Teile auf recht persönliche Forschungen (auch Forschungen in handschriftlichen Unterlagen). Das betrifft besonders folgende Bereiche: Charakter und Techniken des Finanzkapitalismus, die wirtschaftliche Struktur Frankreichs während der Dritten Republik, die Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten sowie die Mitgliedschaft und Aktivitäten der britischen Führungsschicht. Zu anderen Themen habe ich meine Lektüre so breit, wie ich nur konnte, angelegt und immer versucht, alle Themen so weitreichend und von so vielfältigen Gesichtspunkten, wie mir möglich war, aus anzugehen. Zudem habe ich, wenn ich mich auch zwecks Einordnung für einen Historiker halte, in Harvard recht ausführlich politische Wissenschaften studiert und über 30 Jahre meiner privaten Studien auf moderne psychologische Theorien verwendet. Ich war lange Jahre Mitglied der American Anthropological Association, der American Economic Association und der American Association for the Advancement of Science wie auch der American Historical Association.
Daher stützt sich meine Hauptrechtfertigung dafür, trotz der notwendigerweise beschränkten Natur der Belege eine umfangreiche Arbeit zur Zeitgeschichte geschrieben zu haben, auf meine Bemühungen, den unvermeidlichen Mangel an diesen Belegen durch den breiten historischen Überblick zu beheben, der mir erlaubt, die Tendenzen der Vergangenheit in die Gegenwart und sogar in die Zukunft zu projizieren. Um diesem Versuch eine solide Grundlage zu geben, bemühe ich mich, alle aus einer Vielzahl von akademischen Disziplinen verfügbaren Hinweise heranzuziehen. Als Folge der Arbeit nach dieser breit angelegten und möglicherweise komplexen Methode ist dieses Buch nahezu unentschuldbar lang ausgefallen. Dafür dient mir als Ausrede, dass mir die Zeit fehlte, es zu kürzen, und auch, dass eine zugegebenermaßen sich vorantastende und deutende Arbeit notwendigerweise einfach länger ausfallen muss als eine begrenztere oder stärker eingeschränkte Darstellung. Denen, die sich an der übermäßigen Länge stoßen, kann ich nur sagen, dass ich bereits ausgeführte Kapitel zu drei Themen weggelassen habe, nämlich je eines über die Agrargeschichte Europas, über die innenpolitische Geschichte Frankreichs und Italiens sowie über die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen. Zu diesem Zweck habe ich genügend Material zu diesen Themen in anderen Kapiteln untergebracht. Obwohl ich bei einer Reihe von Gelegenheiten die Interpretation in die nahe Zukunft projiziert habe, endet der historische Bericht im Jahr 1964. Dies geschieht nicht, weil ich zu diesem Zeitpunkt beim Schreiben den Fortgang der historischen Ereignisse eingeholt hatte, sondern weil mir der Zeitraum der Jahre 1862 bis 1964 das Ende einer Ära der historischen Entwicklung und eine Ruhepause vor einem ganz anderen Zeitalter mit ganz anderen Problemen zu kennzeichnen scheint. Dieser Wandel kündigt sich in einer Reihe offensichtlicher Ereignisse an, etwa in der Tatsache, dass sich die Führung in allen großen beziehungsweise bedeutenden Ländern (mit Ausnahme von Rotchina und Frankreich) und in vielen mittleren und kleineren beziehungsweise weniger bedeutenden (wie in Kanada, Indien, Westdeutschland, im Vatikan, in Brasilien und Israel) in dieser Zeit verändert hat. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass der Kalte Krieg, der in der Kubakrise vom Oktober 1962 gipfelte, sich in den folgenden beiden Jahren seinem Ende zugeneigt hat. Dies deutet sich in einer Reihe von Ereignissen an: In dem schnellen Ersatz des Kalten Krieges durch die »Koexistenz im Wettbewerb«, in der Auflösung der beiden Blöcke, die sich während des Kalten Krieges gegenübergestanden hatten, im Aufkommen von Neutralismus sowohl innerhalb der beiden Blöcke als auch in den Pufferrandzonen der blockfreien Mächte zwischen ihnen, in der Überschwemmung der Generalversammlung der Vereinten Nationen durch eine Flut neuer, unabhängiger, manchmal mikroskopischer Scheinmächte, in der wachsenden wechselseitigen Angleichung zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten und in der zunehmenden Betonung der Probleme des Lebensstandards, der sozialen Fehlanpassungen und der psychischen Gesundheit in allen Teilen der Welt. Sie traten an die Stelle der früheren Betonung von Rüstung, atomarer Spannungen und dem Ausbau der Schwerindustrie. Eine Zeit, in der eine Ära zu Ende zu gehen und eine andere, wenn auch noch undeutlich, sich anzudeuten scheint, war für mich die beste Gelegenheit, die Vergangenheit zu bewerten und eine Erklärung dafür zu suchen, wie wir dahin gelangt sind, wo wir jetzt stehen.
In einem Vorwort wie diesem ist es üblich, mit Danksagungen für persönliche Unterstützungen zu schließen. Meine dahingehenden Verpflichtungen sind so breit gefächert, dass ich es für ungerecht halte, Einzelne auszuwählen und andere zu übergehen. Doch vier Personen müssen genannt werden. Große Teile dieses Buches hat meine Frau auf die für sie übliche einwandfreie Art und Weise abgetippt. Sie tat das bei der ursprünglichen und bei den überarbeiteten Fassungen, obwohl sie das ständig von ihren häuslichen Arbeiten, ihrer eigenen beruflichen Karriere an einer anderen Universität und von eigenen Schriften und Veröffentlichungen abhielt. Für ihre fröhliche Übernahme dieser großen Belastung bin ich sehr dankbar.
Ebenso danke ich meinem Herausgeber bei der Macmillan Company, Peter V. Ritner, für die Geduld, die Begeisterung und sein erstaunlich breites Wissen. Ich möchte auch meinen Dank an den Förderausschuss der Georgetown University richten, der mir zweimal Gelder für Forschungsarbeiten im Sommer bereitgestellt hat.
Schließlich muss ich Worte des Dankes an meine Schüler vieler Jahrgänge richten. Sie haben mich genötigt, hinsichtlich der sich schnell ändernden Gewohnheiten und Ansichten unserer jungen Menschen auf dem Laufenden zu bleiben, und mich manchmal auch zu der Einsicht gezwungen, dass meine Art, die Welt zu betrachten, nicht unbedingt die einzig mögliche oder gar die beste ist. Auch vielen dieser Studenten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist dieses Buch gewidmet.
Carroll Quigley
Washington, D.C., 8. März 1965
I
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EINLEITUNG: DIE WESTLICHE ZIVILISATION IN IHRER UMWELT
Schon immer haben sich Menschen gefragt: »Wo geht die Reise hin?« Aber noch nie waren es anscheinend so viele. Und mit Sicherheit haben diese Unzähligen, die sich das fragen, noch niemals zuvor dies mit so schmerzlichen Untertönen oder mit so verzweifelten Worten getan: »Kann die Menschheit überleben?« Selbst weniger allgemein gefasst finden sich überall Menschen, die nach dem »Sinn« fragen oder ihre »Identität« suchen oder die – ganz auf sich bezogen – »versuchen, sich selbst zu finden«.
Eine dieser überall auftauchenden Fragen ist für das 20. Jahrhundert mehr als für irgendeine frühere Zeit typisch: Hat unsere Lebensweise Bestand? Ist unsere Zivilisation ebenso dem Untergang geweiht wie die der Inka, der Sumerer und der Römer? Seit Giovanni Battista Vico im frühen 18. Jahrhundert, Oswald Spengler zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Arnold J. Toynbee in unserer Zeit haben sich Menschen mit dem Problem beschäftigt, ob Zivilisationen einem Lebenszyklus unterliegen und einem ähnlichen Muster ihrer Veränderung folgen. Aus dieser Diskussion hat sich eine ziemlich allgemeine Übereinstimmung ergeben, nämlich dass die Menschen in getrennt organisierten Gesellschaften leben, jede mit der ihr eigenen Kultur, dass einige Gesellschaften über Schrift und ein städtisches Leben verfügen und auf einer höheren Ebene der Kultur existieren als die übrigen Gesellschaften, die man mit einem anderen Begriff »Zivilisationen« nennen sollte, und dass diese Zivilisationen dazu neigen, ein gemeinsames Muster an Erfahrungen zu durchlaufen.
Aus diesen Studien würde sich anscheinend ergeben, dass Zivilisationen einem Evolutionsprozess unterliegen, der sich – kurz gefasst – wie folgt darstellen lässt: Jede Zivilisation entsteht auf eine unerklärliche Weise und erlebt nach einem langsamen Start eine Periode starker Expansion. Dabei steigert sie ihre Größe und Macht sowohl auf eigene wie auch auf Kosten ihrer Nachbarn, bis allmählich eine Krise ihrer Organisation einsetzt. Ist diese Krise überwunden und die Zivilisation neu organisiert, tritt sie verändert in Erscheinung. Ihre Kraft und Moral sind geschwächt. Sie wird in sich starrer und stagniert schließlich. Nach einem Goldenen Zeitalter des Friedens und des Wohlstands treten wieder innere Krisen auf. Nun werden in ihr ganz neue Anzeichen einer moralischen und physischen Schwäche sichtbar und werfen zum ersten Mal die Frage auf, ob die Zivilisation noch in der Lage sei, sich gegen äußere Feinde zu verteidigen. Durch soziale und verfassungsrechtliche Kämpfe innenpolitisch zerrissen, geschwächt durch den Verlust des Glaubens an ihre früheren Ideologien und herausgefordert von neuen Ideen, die mit ihrem früheren Wesen unvereinbar waren, wird die Zivilisation immer schwächer, bis sie von äußeren Feinden unterworfen wird und dann verschwindet.
Wenn wir diesen Prozess selbst in seiner noch recht schwammigen Form auf unsere eigene Zivilisation, die westliche Zivilisation, anwenden, können wir erkennen, dass daran bestimmte Abänderungen erforderlich sind. Wie andere Zivilisationen begann auch die unsere mit einer Periode, in der sie kulturelle Elemente von anderen Gesellschaften aufgriff und vermischte. Daraus formte sie dann ihre ganz eigene, besondere Kultur. Sie begann, sich wie andere Zivilisationen mit wachsender Geschwindigkeit auszudehnen, und wechselte von dieser Periode der Expansion in eine krisenhafte über. Doch an diesem Punkt änderte sich das Muster.
In über einem Dutzend anderer Zivilisationen folgte dem Zeitalter der Expansion eines der Krise. Dieses ging wiederum in eine Ära des Universalreichs über, in der eine politische Einheit über das gesamte Gebiet der Zivilisation regierte. Die westliche Zivilisation ging im Gegensatz dazu nicht vom Zeitalter der Krise in das des Universalreichs über, sondern konnte sich selbst reformieren und in eine neue Expansionsphase eintreten. Dies gelang der westlichen Zivilisation nicht nur einmal, sondern mehrmals. Die Fähigkeit, sich wieder und wieder zu reformieren oder neu zu organisieren, machte die westliche Zivilisation zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum dominierenden Faktor in der Welt. Betrachten wir die drei Phasen, die den zentralen Teil im Lebenszyklus einer Zivilisation bilden, dann können wir ein gemeinsames Muster erkennen. Für das Zeitalter der Expansion sind im Allgemeinen vier Arten ihrer selbst kennzeichnend: die Expansion 1) der Bevölkerung, 2) des geografischen Bereichs, 3) der Produktion und 4) des Wissens. Die Steigerung der Produktion und die Erweiterung des Wissens führen zu Bevölkerungswachstum, und diese drei Entwicklungen zusammen ermöglichen die geografische Ausdehnung. Die geografische Expansion ist von einiger Bedeutung, weil sie der Zivilisation eine Art Kernstruktur vermittelt, die aus dem älteren Kernbereich (der Teil der Zivilisation vor der Zeit der Expansion) und einem neueren Randbereich (der erst während der Phase der Expansion und danach zur Zivilisation hinzukam) besteht. Wenn man will, kann man als zusätzliche Verfeinerung einen dritten, halbzugehörigen Bereich zwischen dem Kernbereich und dem Außenbereich ansetzen. Diese verschiedenen Bereiche sind an mannigfaltigen Zivilisationen der Vergangenheit leicht zu unterscheiden und haben eine wichtige Rolle beim historischen Wandel dieser Zivilisationen gespielt.
In der Zivilisation des Zweistromlandes (6000–300 v. Chr.) bildete das untere Tal der beiden Ströme den Kernbereich, zum Halbrandbereich gehörten das mittlere und obere Tal, während sich der Außenbereich über das Hochland rund um dieses Tal und über entferntere Gebiete wie den Iran, Syrien und sogar Anatolien erstreckte. Der Kernbereich der minoischen Zivilisation (3500–1100 v. Chr.) war die Insel Kreta, während zum Randbereich die Inseln der Ägäis und die Balkanküsten gehörten. Für die Zivilisation der klassischen Antike bildeten die Küsten der Ägäis den Kernbereich, zu dem halbperipheren Gebiet zählte der übrige nördliche Teil des östlichen Mittelmeeres, während sich der Randbereich über den Rest der Mittelmeerküste und schließlich über Spanien, Nordafrika und Gallien erstreckte. Die kanaanäische Zivilisation (2200–100 v. Chr.) hatte ihren Kernbereich in der Levante, den Randbereich bildete das westliche Mittelmeer bei Tunis, Westsizilien und Ostspanien.
Kernbereich der westlichen Zivilisation (von 400 n. Chr. bis zu einem ungewissen Zeitpunkt in der Zukunft) ist die nördliche Hälfte Italiens, Frankreich, das äußerste Westdeutschland und England. Zum Halbrandbereich zählen Mittel-, Ost- und Südosteuropa und die Iberische Halbinsel, während die Randbereiche Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland, Südafrika und weitere Gebiete umfassen. Die Unterscheidung mindestens zweier geografischer Regionen in jeder Zivilisation ist von großer Bedeutung. Die Expansion, die vom Kernbereich ausgeht, beginnt bereits im Kernbereich zu einer Zeit abzuklingen, während der die Randgebiete noch expandieren. Als Folge tendieren die Randgebiete der Zivilisation in der zweiten Hälfte der Expansionsphase dazu, wohlhabender und mächtiger zu werden als der Kernbereich. Anders ausgedrückt: Der Kernbereich wechselt noch vor den Randzonen aus der Expansionsphase in die des Konflikts über. Irgendwann beginnt in den meisten Zivilisationen die Dynamik der Expansion nachzulassen.
Das Nachlassen der Expansionsdynamik einer Zivilisation markiert den Übergang in ihre Konfliktphase. Letztere ist die komplexeste, interessanteste und wichtigste Periode im Lebenszyklus einer Zivilisation. Für sie sind vier Hauptmerkmale kennzeichnend: Es handelt sich a) um eine Phase schwindender Expansionsdynamik, b) um eine Zeit wachsender Spannungen und Klassenkonflikte, c) um eine Zeit immer häufigerer und heftigerer imperialistischer Kriege und d) um eine Zeit, in der sich Irrationalität, Pessimismus, Aberglauben und Weltfremdheit zunehmend ausbreiten. Alle diese Phänomene treten im Kernbereich der Zivilisation auf, bevor sie weiter in die Randbereiche der Gesellschaft vordringen.
Die abnehmende Expansionsdynamik in der Phase der Konflikte führt zu den anderen Alterserscheinungen, jedenfalls zum Teil. In den langen Jahren der Expansion richten sich das Denken der Menschen und ihre sozialen Organisationen auf die Expansion ein, und es fällt ihnen schwer, sich auf die abnehmende Expansionsdynamik umzustellen. Soziale Schichten und politische Einheiten innerhalb der Zivilisation versuchen wegen der Verlangsamung der Expansion ihr gewohntes Wachstum durch den Einsatz von Gewalt gegen andere soziale Klassen oder andere politische Einheiten beizubehalten. Daraus ergeben sich Klassenkämpfe und imperialistische Kriege. Die Ergebnisse dieser Kämpfe im Inneren der Zivilisation sind für ihre weitere Zukunft nicht von entscheidender Bedeutung. Von erheblicher Bedeutung wäre vielmehr eine dahingehende Reorganisation der Struktur der Zivilisation, dass ein normales Wachstum fortgesetzt werden kann. Eine solche Umstrukturierung verlangt nämlich, die Ursachen für den Niedergang der Zivilisation zu beseitigen. Der Triumph einer sozialen Klasse über die anderen oder einer politischen Einheit über eine andere im Rahmen der Zivilisation hat in der Regel keinen großen Einfluss auf die Ursachen des Niedergangs und führt (außer durch Zufall) nicht zu einer strukturellen Reorganisation, die eine neue Phase der Expansion einleiten wird. Tatsächlich werden Klassenkämpfe und imperialistische Kriege in der Konfliktphase der Zivilisation eher ihren Niedergang beschleunigen, weil sie Kapital verschwenden und Reichtum und Energien aus produktiven in unproduktive Tätigkeiten ableiten.
Bei den meisten Zivilisationen endet eine langwierige Phase der Konflikte schließlich in einer neuen Periode, der Ära des Weltreiches. Als Folge der imperialistischen Kriege in der Konfliktphase verringert sich aufgrund von Eroberungen die Anzahl der politischen Einheiten. Schließlich setzt sich eine Einheit durch. In diesem Fall haben wir ein politisches Machtzentrum für die gesamte Zivilisation. Gerade so, wie der Kernbereich aus der Phase der Expansion früher als die Randzonen in die Phase des Konflikts übergeht, wird manchmal der Kernbereich von einem einzelnen Staat erobert, bevor das ganze Gebiet der Zivilisation dem Universalreich unterworfen wird. Wenn dies geschieht, wird in der Regel ein Staat der Halbrandzone zum neuen Kernbereich des Reiches, während der Randstaat in der Regel das Universalreich bildet. So wurde die Kernzone Mesopotamiens um 1700 v. Chr. vom halbperipheren Babylon erobert, während die gesamte Zivilisation des Zweistromlandes etwa um 725 v. Chr. vom etwas weiter abgelegenen Assyrien annektiert wurde (das Persien um 525 v. Chr. gänzlich von außen her ablöste). Die Zivilisation der antiken Klassik wurde etwa um 336 v. Chr. vom halbperipheren Mazedonien erobert, während die ganze Zivilisation um 146 v. Chr. an Rom in der Peripherie fiel. In anderen Zivilisationen bildete stets ein Randstaat das Universalreich, selbst wenn es zuvor nicht zur Eroberung des Kernbereichs durch einen halbperipheren Staat gekommen war. Der Kernbereich der Maya-Zivilisation (1000 v. Chr.–1550 n. Chr.) lag offenbar auf der Halbinsel Yucatán und in Guatemala, doch das Universalreich der Azteken hatte sein Zentrum am Rand im Hochland von Mittelmexiko. Für die Andenzivilisation (1500 v. Chr.–1600 n. Chr.) bildeten die unteren Hänge und Täler der zentralen und nördlichen Anden den Kernbereich, während das Universalreich der Inka in den höchsten Anden, einem Randgebiet, lag. Die kanaanäische Zivilisation (2200 v. Chr.–46 v. Chr.) hatte ihren Kernbereich in der Levante, aber das Zentrum des Universalreichs, des punischen Reichs, lag in Karthago im westlichen Mittelmeer. Wenden wir uns dem Fernen Osten zu, so erkennen wir dort insgesamt drei Zivilisationen. Die früheste chinesische Zivilisation bildete sich im Tal des Gelben Flusses nach 2000 v. Chr. und fand in den Chin- und Han-Imperien nach 200 v. Chr. ihren Höhepunkt. Sie wurde von Invasoren aus dem Ural- und Altaigebirge um 400 n. Chr. weitgehend zerstört. Aus dieser frühchinesischen Zivilisation entstanden auf die gleiche Weise wie die Zivilisation der antiken Klassik aus der minoischen Zivilisation oder die westliche Zivilisation aus der klassischen Zivilisation zwei andere Zivilisationen: a) Die spätere chinesische Zivilisation entwickelte sich um etwa 400 n. Chr., fand im Mandschu-Reich um 1644 ihren Höhepunkt und wurde in der Zeit von 1790 bis 1930 von europäischen Invasoren zerstört; und b) die japanische Zivilisation, die etwa zur Zeit um Christi Geburt entstand, im Tokugawa-Reich um 1600 ihren Höhepunkt erreichte und von Invasoren aus der westlichen Zivilisation im Jahrhundert nach 1853 völlig zerstört wurde.
In Indien folgten ähnlich wie in China zwei Zivilisationen aufeinander. Über die frühere der beiden wissen wir relativ wenig, die spätere gipfelte aber (wie in China) in einem Universalreich fremder, vom Rand her eingewanderter Völker. Die indische Zivilisation, die etwa um 3500 v. Chr. mit ihrer Entwicklung begann, wurde von arischen Eindringlingen etwa um 1700 v. Chr. zerstört. Die Hindu-Zivilisation, die aus der indischen Zivilisation um 1700 v. Chr. hervorgegangen war, erklomm im Mogul-Reich ihren Höhepunkt und wurde von Invasoren aus der westlichen Zivilisation in der Zeit von 1500 bis 1900 vernichtet.
Mit Blick auf das hochkomplexe Gebiet des Nahen Ostens können wir ein ähnliches Muster erkennen. Die dortige islamische Zivilisation, die etwa um 500 n. Chr. begonnen hatte, kulminierte im Osmanischen Reich des Zeitraums 1300 bis 1600 und wurde etwa ab dem Jahr 1750 durch Invasoren aus der westlichen Zivilisation schrittweise zerstört.
Beschreibt man es auf diese Weise, dürften die Muster in den Lebenszyklen der verschiedenen Zivilisationen auf eine verwirrende Art in Erscheinung treten. Doch wenn wir sie tabellarisch erfassen, tritt das Muster mit einer bestimmten Einfachheit hervor. Anhand der nachfolgenden Tabelle zeigt sich eine höchst außergewöhnliche Tatsache. Von den rund 20 Zivilisationen, die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, haben wir 16 aufgelistet. Von diesen 16 sind zwölf, vielleicht 14 bereits tot oder im Absterben begriffen. Ihre Kulturen wurden von Außenseitern zerstört, die mit ausreichender Macht in sie eindringen konnten, um sie sowie ihre Art, zu denken und zu handeln, zu vernichten und schließlich auszulöschen. Von diesen zwölf toten oder sterbenden Kulturen wurden sechs von den Europäern als Vertreter der Kultur der westlichen Zivilisation zerstört. Wenn wir die unzähligen anderen Gesellschaften – einfachere Kulturen als die Zivilisationen – in Betracht ziehen, die die westliche Zivilisation vernichtet hat oder gerade dabei ist, sie zu vernichten – Gesellschaften wie die Hottentotten, Irokesen, Tasmanier, Navajos, Kariben und zahllose andere –, wird die ganze erschreckende Macht der westlichen Zivilisation offensichtlich.
Zivilisation
Ihre Daten
Universalreich
Eroberung durch
Zeitraum
Mesopotamien
6000–300 v. Chr.
Assyrien/Persien (725–333 v. Chr.)
Griechen
335–300 v. Chr.
Ägypten
5500–300 v. Chr.
Ägypten
Griechen
334–300 v. Chr.
Kreta
3500–1150 v. Chr.
Minoer/Mykene
Dorier, Griechen
1200–1000 v. Chr.
Indien
3500–1700 v. Chr.
Harappa?
Arier
1800–1600 v. Chr.
Kanaaniter
2200–100 v. Chr.
Punier
Römer
264–146 v. Chr.
Frühchinesische Zivilisation
2000 v. Chr.–200 n. Chr..
Chin/Han
Ural-Altai-Völker
200–500 n. Chr.
Hethiter
1800–1150 v. Chr.
Hethiter
Indoeuropäer
1200 v. Chr.–1000 n. Chr.
Klassische Antike
1150 v. Chr.–500 n. Chr.
Römer
Germanen
350–600 n. Chr.
Anden
1500 v. Chr.–1600 n. Chr..
Inka
Europäer
1534 n. Chr.
Maya
1000 v. Chr.–1500 n. Chr..
Azteken
Europäer
1519 n. Chr.
Hindu
1800 v. Chr.–1900 n. Chr.
Mogul-Reich
Europäer
1500–1900 n. Chr.
China
400–1930 n. Chr..
Manchu
Europäer
1790–1930 n. Chr.
Japan
850 v. Chr.–?
Tokugawa
Europäer
1853–
Islam
500 n. Chr.–?
Ottomanen
Europäer
1750–
Westen
350 n. Chr.–?
Vereinigte Staaten?
In Zukunft?
?
Orthodoxe
350 n. Chr.–?
Sowjetunion
In Zukunft?
?
Eine Ursache, wenn auch keineswegs der Hauptgrund der Fähigkeit der westlichen Zivilisation, andere Kulturen zu zerstören, beruht auf der Tatsache, dass sie über eine lange Zeit expandiert ist. Diese Tatsache wiederum geht auf das zurück, worauf wir bereits hingewiesen haben, die Tatsache nämlich, dass sie drei Perioden der Expansion durchlaufen hat und drei Mal in eine Konfliktphase geraten war. Jedes Mal wurde ihr Kernbereich von einer politischen Einheit fast vollständig erobert, die aber versagte, wenn es darum ging, in die Phase eines Universalreiches fortzuschreiten. Denn in den Wirrungen der Konfliktphase bildete sich jedes Mal eine neue Organisation der Gesellschaft, die aus ihrer eigenen organisatorischen Kraft heraus expandieren konnte. Das hatte zur Folge, dass die vier charakteristischen Erscheinungen der Konfliktphase (Abnahme der Expansionsdynamik, Klassenkonflikte, imperialistische Kriege, Irrationalität) nach und nach wieder durch die vier für die Expansionsphase typischen Erscheinungen ersetzt wurden (demografische sowie geografische Ausdehnung, Steigerung von Produktion und Wissen). Aus enger technischer Sicht ist für diesen Übergang von der Konflikt- in die Expansionsphase die erneute Investition und Akkumulation von Kapital in großem Stil genauso kennzeichnend wie für den Übergang von der frühen Expansionsphase in die Konfliktphase der Rückgang der Investitionsrate und schließlich die abnehmende Rate der Kapitalakkumulation charakteristisch war.
Die westliche Zivilisation setzte, wie alle Zivilisationen, in einer Zeit kultureller Vermischung ein. In diesem speziellen Fall ergab sie sich aufgrund der Barbareneinfälle in der Zeit von 350 bis 700 n. Chr., die zur Vernichtung der Zivilisation der antiken Klassik geführt hatten. Durch die Schaffung einer neuen Kultur aus den verschiedenen Elementen der barbarischen Stämme, der römischen Welt, der Sarazenen und vor allem der jüdischen Welt (Christentum) bildete die westliche Zivilisation eine neue Gesellschaft.
Diese Gesellschaft wurde zur Zivilisation, als sie sich in der Zeit von 700 bis 970 organisierte, sodass es zur Akkumulation von Kapital und zur Investition dieses Kapitals in neue Produktionsmethoden kommen konnte. Die neuen Methoden sind in Bezug auf die Verteidigung mit einem Übergang von der Infanterie zu berittenen Streitkräften verbunden, in Bezug auf die Energienutzung mit dem Einsatz von Tieren statt der menschlichen Arbeitskraft (also der Sklaverei) und in Bezug auf die Landwirtschaft mit dem Wechsel vom Hakenpflug und der von Zwei-Felder-Wirtschaft entsprechend der Agrartechnik im europäischen Mittelmeergebiet zu dem von acht Ochsen gezogenen Scharenpflug und der Drei-Felder-Wirtschaft der germanischen Völker. Hinzu kam der Übergang von der zentralisierten, auf den Staat konzentrierten, politischen Orientierung der römischen Welt hin zum dezentralen Netzwerk privater Kräfte im Feudalismus der mittelalterlichen Welt. Unter dem neuen System erhielt eine kleine Anzahl gut ausgerüsteter und zum Kampf ausgebildeter Männer von der überwältigenden Mehrheit der Männer, die sich der Bodenbestellung zu widmen hatten, Abgaben und Dienstleistungen. Aufgrund dieses ungleichen, aber effektiven Verteidigungssystems ergab sich eine ungleiche Verteilung der politischen Macht und wiederum eine ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen wirtschaftlichen Einkommens. Dem folgte mit der Zeit eine Akkumulation von Kapital. Diese führte zur Nachfrage nach Luxusgütern aus fernen Landen und begann den gesamten wirtschaftlichen Schwerpunkt der Gesellschaft, deren Organisation auf autarken agrarischen Einheiten (Gütern) beruhte, hin zu Tauschhandel, wirtschaftlicher Spezialisierung und – während des 13. Jahrhunderts – zu einer völlig neuen Form der Gesellschaft mit Städten, einer bürgerlichen Klasse mit verbreiteterer Alphabetisierung, zunehmender sozialer Wahlfreiheit und neuen, oft störenden Ideen zu verschieben.
Aus all dem ergab sich die erste Expansionsphase der westlichen Zivilisation in den Jahren 970 bis 1270 n. Chr. Gegen Ende dieser Periode verknöcherte die Organisation der Gesellschaft zu einer Ansammlung bestimmter Sonderinteressen, es kam zu weniger Investitionen, und die Expansionsdynamik begann abzuflauen. Dementsprechend geriet die westliche Zivilisation zum ersten Mal in eine Konfliktphase. Diese Periode – die Zeit des Hundertjährigen Krieges, der Pest, der großen Ketzereien und schweren Klassenkämpfe – dauerte etwa von 1270 bis 1420. An ihrem Ende bildeten sich von England und Burgund aus Bestrebungen, die westliche Zivilisation vor ihrem Abgang zu erobern. Doch just in diesem Moment setzte ein neues Zeitalter der Expansion unter Ausnutzung der neuen Organisation der Gesellschaft neben den alten, festgefügten Interessen des feudalen Gutsherrensystems ein.
Die neue Expansionsphase, häufig auch Periode des Handelskapitalismus genannt, dauerte von etwa 1440 bis 1680. Der praktische Impuls für die wirtschaftliche Expansion dieser Zeit rührte von Bestrebungen her, aus dem Fernhandel mit Waren, insbesondere von Luxus- und Halbluxusgütern, Gewinne zu erzielen. Mit der Zeit verknöcherte dieses System des Handelskapitalismus zu einer Struktur festgefahrener Interessen, die Gewinne durch Beschränkungen der Produktion oder des Warenaustauschs und nicht durch die Förderung dieser Aktivitäten zu erzielen suchte. Diese neue verfestigte Interessenstruktur – üblicherweise Merkantilismus genannt – führte zu einer derartigen Belastung der Wirtschaftsaktivitäten, dass die Expansion des Wirtschaftslebens abflaute und sogar eine Periode des wirtschaftlichen Niedergangs in den Jahrzehnten unmittelbar nach 1690 entstehen ließ. Die Klassenkämpfe und imperialistischen Kriege dieser Konfliktperiode werden manchmal als Zweiter Hundertjähriger Krieg bezeichnet. Die Kriege setzten sich bis 1815 fort und die Klassenkämpfe sogar noch darüber hinaus. Als Folge der Kriege hatte Frankreich bis 1810 den größten Teil der niedergehenden westlichen Zivilisation eingenommen. Doch erneut, wie im Jahr 1420, als England gegen Ende der Konfliktphase Teile des Kerngebiets der Zivilisation erobert hatte, wurde der Sieg bedeutungslos, weil eine neue Periode der Expansion einsetzte. Gerade wie der Handelskapitalismus die versteinerte Institution der feudalen Grundherrschaft (das Rittertum) nach 1440 umgangen hatte, so überwand nach 1820 der Industriekapitalismus die verknöcherte Institution des Handelskapitalismus (Merkantilismus).
Die neue Expansionsperiode, die es Napoleon verwehrte, seinen militärisch-politischen Sieg von 1810 zu behaupten, hatte lange zuvor in England begonnen. Sie setzte um 1725 als Agrarrevolution und ab 1775 als Industrielle Revolution ein, doch kam es erst nach 1820 zum wirklich großen Ausbruch der Expansion. Als sie dann einsetzte, schritt sie mit einem solchen Schwung voran, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte, und es sah so aus, als würde die westliche Zivilisation die ganze Welt einnehmen. Die Dauer dieser dritten Expansionsphase könnte man nach der zweiten Konfliktphase von 1690 bis 1815 auf die Zeit von 1770 bis 1929 festsetzen. Die soziale Organisation, die das Zentrum dieser neuen Entwicklung bildete, könnte man vielleicht »Industriekapitalismus« nennen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts bildete sich wieder eine Struktur verfestigter Sonderinteressen, die man »Monopolkapitalismus« nennen könnte. Vielleicht schon um 1890 zeigten sich vor allem im Kernbereich bestimmte Aspekte einer neuen Konfliktphase, der dritten in der westlichen Zivilisation: die Wiederbelebung des Imperialismus, Klassenkämpfe, gewaltsame Kriegsführung und Irrationalismus.
Bis zum Jahr 1930 wurde klar, dass die westliche Zivilisation wieder in einer Konfliktphase steckte; 1942 hatte ein semiperipherer Staat, Deutschland, einen großen Teil des Kernbereichs der Zivilisation erobert. Diese Bestrebung wurde dadurch vereitelt, dass man einen Staat aus der Randzone (die Vereinigten Staaten) und eine andere, außenstehende Zivilisation (die Sowjetgesellschaft) in die Kämpfe hineinzog. Es ist noch nicht klar, ob die westliche Zivilisation auf dem Weg so vieler früherer Zivilisationen fortschreitet oder ob sie sich in ausreichendem Maße reorganisieren kann, um in eine neue, vierte Phase der Expansion einzutreten. Trifft Ersteres zu, wird dies zweifellos die Konfliktphase mit den vier Charakteristiken Klassenkampf, Krieg, Irrationalität und rückläufige Entwicklung fortsetzen. In diesem Fall werden wir zweifelsohne ein Universalreich erhalten, in dem die Vereinigten Staaten die westliche Zivilisation weitgehend beherrschen. Dem folgen dann, wie schon in anderen Kulturen, eine Periode des Verfalls und letztlich, wenn die Zivilisation dahinschwindet, die Invasion und totale Zerstörung der westlichen Kultur durch eine fremde Macht. Allerdings dürfte, wenn es der westlichen Zivilisation gelingt, sich neu zu organisieren und in eine vierte Phase der Expansion einzutreten, dies für ihre Fähigkeit zu überleben und ihren Wohlstand und ihre Macht weiter auszubauen, verheißungsvoll sein. Von dieser hypothetischen Zukunft abgesehen dürfte sich gezeigt haben, dass die westliche Zivilisation in etwa 1500 Jahren acht Perioden durchlebt hat, die da sind:
1. Vermischung der Kulturen, 350–700
2. Reifeprozess, 700–970
3A. Erste Expansion, 970–1270
4A. Erster Konflikt, 1270–1440
Zentralreich: England, 1420
3B. Zweite Expansion, 1440–1690
4B. Zweiter Konflikt, 1690–1815
Zentralreich: Frankreich, 1810
3C. Dritte Expansion, 1770–1929
4C. Dritter Konflikt, 1893–
Zentralreich: Deutschland 1942
Als die beiden möglichen Entwicklungen der Zukunft lassen sich auflisten:
REORGANISATION
FORTSETZUNG DES PROZESSES
3D. Vierte Expansion, 1944–
5. Universalreich (der Vereinigten Staaten)
6. Zerfall
7. Invasion (Ende der Zivilisation)
Aus der weiter oben angegebenen Tabelle der Zivilisationen wird etwas leichter ersichtlich, wie die westliche Zivilisation die Kulturen von sechs anderen Zivilisationen zerstören konnte (oder immer noch zerstört). In jedem dieser sechs Fälle war das Opfer bereits in die Periode des Universalreichs übergegangen und steckte tief in der Zerfallsperiode. In dieser Situation übernahm die westliche Zivilisation die Rolle des Eindringlings, die die Germanen für die Zivilisation der klassischen Antike, die Dorer für die minoische Zivilisation, die Griechen in Mesopotamien oder Ägypten, die Römer für die kanaanäische Zivilisation oder die Arier für die indische ausgeübt hatten. Die Vertreter des Westens, die auf die Azteken im Jahr 1519, die Inka im Jahr 1534, das Mogul-Reich im 18. Jahrhundert, das Mandschu-Reich nach 1790, das Osmanische Reich nach 1774 und auf das Tokugawa-Reich nach 1853 gestoßen waren, übernahmen die gleiche Rolle wie die Westgoten und die anderen Barbarenstämme im Römischen Reich nach 377. In jedem Fall waren die Ergebnisse des Aufeinandertreffens von zwei Zivilisationen, von denen sich die eine in der Expansions- und die andere in der Zerfallsphase befanden, eine feststehende Sache. Die Expansion zerstört den Zerfall.
Im Zuge ihrer verschiedenen Expansionen ist die westliche Zivilisation nur mit einer Zivilisation zusammengestoßen, die nicht bereits in der Phase des Niedergangs steckte. Diese Ausnahme war sozusagen ihr Halbbruder, nämlich die Zivilisation, die nun durch das sowjetische Imperium repräsentiert wird. Es ist nicht klar, in welchem Stadium sich die »orthodoxe« Zivilisation befindet, aber sicherlich nicht in der Phase des Zerfalls. Die orthodoxe Zivilisation begann anscheinend mit der Vermischungsperiode (500–1300) und befindet sich nun in der zweiten Expansionsphase. Die erste Expansionsphase von 1500 bis 1900 hatte gerade begonnen, in die Konfliktphase (1900–1920) überzuwechseln, als die verfestigten Interessen der Gesellschaft durch die Niederlage seitens Deutschlands im Jahr 1917 ausgelöscht und durch eine neue Organisation der Gesellschaft ersetzt wurden, was zu einer zweiten Expansionsphase (seit 1921) führte. Während des größten Teils der vergangenen 400 Jahre, mit dem Höhepunkt im 20. Jahrhundert, waren die Randzonen Asiens von einem Halbkreis alter, absterbender Zivilisationen besetzt (der islamischen, hinduistischen, chinesischen und japanischen). Diese gerieten von der See her unter den Druck der westlichen Zivilisation und aus dem Inneren der eurasischen Landmasse heraus unter den der orthodoxen Zivilisation. Der Druck von der See her setzte mit Vasco da Gamas Erscheinen vor Indien im Jahr 1498 ein, fand im Jahr 1945 seinen Höhepunkt mit dem Einlaufen des Schlachtschiffs Missouri in die Bucht von Tokio und wurde mit dem anglo-französischen Angriff auf Suez im Jahr 1956 fortgesetzt. Russischer Druck aus dem kontinentalen Kernland heraus auf die Grenzen von China, dem Iran und der Türkei wurde seit dem 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart ausgeübt. Ein Großteil der Weltgeschichte im 20. Jahrhundert hat sich aus den Wechselwirkungen zwischen den drei Faktoren ergeben, dem kontinentalen Kernland der russischen Macht, den zerstörten Kulturen im Pufferrandgebiet Asiens und der Seemacht der westlichen Zivilisation.
Wir haben weiter oben gesagt, dass die Kultur einer Zivilisation ursprünglich in ihrem Kernbereich entsteht und sich von da nach außen in die Randgebiete ausbreitet, die dadurch zu einem Teil von ihr werden. Die Bewegung der kulturellen Elemente wird von Forschern auf diesem Gebiet »Diffusion« (Ausbreitung) genannt. Dabei ist bemerkenswert, dass die materiellen Elemente einer Kultur, wie Werkzeuge, Waffen, Fahrzeuge und dergleichen, sich leichter und damit schneller ausbreiten als die nicht-materiellen Elemente wie Ideen, Kunstformen, religiöse Anschauungen oder Muster des Sozialverhaltens. Aus diesem Grund neigen die Randgebiete einer Zivilisation (wie das Assyrien der mesopotamischen Zivilisation, Rom oder Spanien der Zivilisation der antiken Klassik und die Vereinigten Staaten oder Australien der westlichen Zivilisation) zu einer etwas roheren und materialistischeren Kultur als der Kernbereich derselben Zivilisation.
Materielle Elemente einer Kultur verbreiten sich auch über die Grenzen der Zivilisation hinaus in andere Gesellschaften, und zwar um vieles leichter als ihre nicht-materiellen Elemente. Aus diesem Grund sind es vor ihren Werkzeugen und Waffen, die so leicht in völlig andersgeartete Gesellschaften exportiert werden können, gerade die nicht-materiellen und spirituellen Elemente einer Kultur, die ihr ihren unverwechselbaren Charakter verleihen. Der unterscheidende Charakter der westlichen Zivilisation beruht also auf ihrem christlichen Erbe, ihrer wissenschaftlichen Weltanschauung, ihren humanitären Elementen und ihrer unverwechselbaren Ansicht über die Rechte des Einzelnen und den Respekt für Frauen, also nicht auf so materiellen Dingen wie Schusswaffen, Traktoren, Sanitärarmaturen oder Hochhäusern, die alle exportfähige Güter sind.
Der Export materieller Elemente einer Kultur in deren Randgebiete und darüber hinaus zu Bevölkerungen ganz unterschiedlicher Gesellschaften zeitigt seltsame Folgen. Wandern Elemente der materiellen Kultur vom Kerngebiet in die Randzonen dieser Zivilisation, dann tendieren sie auf lange Sicht dazu, die Randzonen auf Kosten des Kerngebiets zu stärken, weil das Kerngebiet bei der Verwendung materieller Innovationen vermehrt durch die Verfestigung früher erworbener Rechte behindert wird und weil das Kerngebiet einen viel größeren Teil seines Reichtums und seiner Energie auf die nicht-materielle Kultur verwendet. Daher waren Aspekte der Industriellen Revolution wie Autos und Radios eher europäische als amerikanische Erfindungen, sie wurden aber in weit größerem Ausmaß in Amerika weiterentwickelt und verwendet. Dieses Land war bei ihrer Verwendung nicht von überlebenden Elementen des Feudalismus wie kirchlicher Herrschaft, starren Klassenunterschieden (zum Beispiel in der Bildung) oder durch die große Beachtung von Musik, Poesie, Kunst oder Religion behindert worden wie in Europa. Ein ähnlicher Unterschied lässt sich in der Zivilisation der antiken Klassik zwischen Griechenland und Rom oder in der mesopotamischen Zivilisation zwischen den Sumerern und Assyrern oder in der Maya-Zivilisation zwischen den Maya und Azteken erkennen.
Bei der Ausbreitung kultureller Elemente über die Grenzen einer Gesellschaft hinaus in die Kultur einer anderen Gesellschaft zeigt sich ein ganz anderes Bild. Zwischen Gesellschaften existierende Grenzen stellen ein relativ geringes Hindernis für die Diffusion der materiellen Elemente einer Zivilisation dar und ein relativ stärkeres für die Verbreitung ihrer nicht-materiellen Elemente. Tatsächlich bestimmt dieser Umstand die Grenze einer Gesellschaft. Denn wenn sich die nicht-materiellen Elemente ebenfalls ausbreiten können, würde der neue Bereich, in den sie geflossen sind, eher zu einem Randgebiet der alten Gesellschaft als zu einem Gebiet einer ganz anderen Gesellschaft zählen.
Die Diffusion materieller Elemente aus einer Gesellschaft in die Kultur einer anderen hat recht komplexe Auswirkungen auf die Gesellschaft, die sie importiert. Auf kurze Sicht profitiert sie in der Regel durch die Einfuhr, aber auf lange Sicht wird dadurch häufig ihre Organisation gestört und geschwächt. Als die Weißen nach Nordamerika kamen, breiteten sich die materiellen Elemente der westlichen Zivilisation zuerst rasch unter den verschiedenen Indianerstämmen aus. Die Prärieindianer waren zum Beispiel vor dem Jahr 1543 schwach und verarmten, bis im selben Jahr das Pferd, importiert von den Spaniern, in Mexiko nach Norden vordrang. Innerhalb eines Jahrhunderts erreichten die Prärieindianer durch seine Verwendung einen höheren Lebensstandard (unter anderem wegen der Fähigkeit, Büffel vom Pferd aus zu jagen) und wurden dadurch auch enorm in ihrer Fähigkeit bestärkt, gegen die Weißen, die über den Kontinent nach Westen vordrangen, Widerstand zu leisten.
In der Zwischenzeit bekamen die Indianer in den Appalachen, die schon im 16. und frühen 17. Jahrhundert recht mächtig waren, Schusswaffen, Fallen aus Stahl, aber auch die Masern und schließlich Whisky von den Franzosen und später von den Engländern auf dem Weg über St. Lawrence. Das schwächte die Waldindianer im Gebiet der Appalachen und letztlich auch die Prärieindianer jenseits des Mississippi. Denn Masern und Whisky wirkten sich verheerend und demoralisierend aus, die Verwendung von Fallen und Feuerwaffen seitens bestimmter Stämme machte diese zudem von den Lieferungen der Weißen abhängig, während sie es ihnen erlaubten, größeren Druck auf die entfernteren Stämme auszuüben, die solche Waffen oder Fallen noch nicht erhalten hatten. Diese Situation verhinderte eine Einheitsfront der Rothäute gegen die Weißen, die Indianer wurden gespalten, demoralisiert und vernichtet. Die Einfuhr von Elementen der materiellen Kultur von einer Gesellschaft in eine andere ist im Allgemeinen für die importierende auf lange Sicht nur hilfreich, wenn sie a) produktiv eingesetzt, b) innerhalb der Gesellschaft selbst hergestellt und c) ohne zu demoralisieren in die nicht-materielle Kultur der importierenden Gesellschaft eingefügt werden können. Die zerstörerische Wirkung der westlichen Zivilisation auf so viele andere Gesellschaften beruht auf ihrer Fähigkeit, deren ideologische und geistige Kultur ebenso zu demoralisieren wie sie im materiellen Sinne mit Schusswaffen zu zerstören.
Wird eine Gesellschaft durch die Einwirkungen einer anderen Gesellschaft zerstört, bleiben die Menschen mit den Trümmern der kulturellen Elemente ihrer eigenen zerrütteten Kultur sowie solchen der in sie eindringenden Kultur zurück. Diese Elemente stellen in der Regel Mittel zur Bewältigung der materiellen Bedürfnisse der Menschen dar, sie lassen sich aber aus Mangel eines ideologischen und geistigen Bandes nicht zu einer funktionierenden Gesellschaft organisieren. Solche Bevölkerungen gehen entweder unter oder werden als Einzelpersonen und kleine Gruppen in eine andere Kultur eingebunden, deren Glaubenssystem sie für sich und vor allem für ihre Kinder übernehmen. In seltenen Fällen gelingt es jenen Bevölkerungen zwischen den Trümmern einer zerbrochenen Kultur wieder, die kulturellen Elemente zu einer neuen Gesellschaft mit einer neuen Kultur zusammenzufügen. Sie sind dazu in der Lage, wenn und weil sie eine neue, nicht-materielle Kultur und damit eine neue Glaubensgrundlage und Moral erhalten, die ihnen als Zusammenhalt der verstreuten Elemente der vergangenen Kultur dienen. Ein solches neues Glaubenssystem kann übernommen oder eigenständig gebildet werden, aber in jedem Fall wird es ausreichend mit den notwendigen Elementen der materiellen Kultur integriert sein, um ein funktionierendes Ganzes und somit eine neue Gesellschaft zu bilden. Aus solchen und ähnlichen Vorgängen sind alle neuen Gesellschaften und damit alle neuen Zivilisationen hervorgegangen. Auf diese Weise sind die Zivilisation der antiken Klassik in der Zeit von 1150 v. Chr. bis 900 n. Chr. aus der Konkursmasse der minoischen Zivilisation und die westliche Zivilisation von 350 bis 700 n. Chr. aus den Überresten der klassischen Kultur der Antike entstanden. Es ist möglich, dass sich aus den Trümmern der von der westlichen Zivilisation in den Randzonen Asiens zerstörten Zivilisationen neue bilden. In diesen Trümmern befinden sich Reste aus islamischen, hinduistischen, chinesischen und japanischen Zivilisationen. Zurzeit könnten die Geburtswehen einer neuen Zivilisation in Japan, möglicherweise in China, weniger deutlich in Indien und eher zweifelhaft in der Türkei oder Indonesien, in Erscheinung treten. Die Geburt einer mächtigen Zivilisation in einem oder mehreren dieser Länder wäre von primärer Bedeutung für die weitere Weltgeschichte, da diese ein Gegengewicht zur Expansion der sowjetischen Zivilisation auf der eurasischen Landmasse bilden würde.
Wenden wir uns von der hypothetischen Zukunft wieder der historischen Vergangenheit zu! Wir können die Ausbreitung der kulturellen Elemente der westlichen Zivilisation aus dem Kernbereich in die Randgebiete und darüber hinaus in andere Gesellschaften verfolgen. Einige dieser Elemente sind wichtig genug, um sich für eine detailliertere Prüfung anzubieten.
Unter den Elementen der westlichen Tradition, die sich nur sehr langsam oder gar nicht verbreitet haben, bildet eine eng verflochtene Verwandtschaft von Ideen die Grundlage der westlichen Ideologie. Dazu gehören das Christentum, die wissenschaftliche Perspektive, Humanität und die Idee des einzigartigen Wertes und der Rechte des Einzelnen. Aus diesem Geflecht von Ideen entstand eine Reihe von Elementen der materiellen Kultur, von denen die bemerkenswertesten mit der Technologie verknüpft sind. Diese konnten sich leicht ausbreiten, sogar in ganz andere Gesellschaften. Die Emigrationsbereitschaft westlicher Technologien und die damit einhergehende Unfähigkeit zur wissenschaftlichen Weltanschauung, mit der die Technologie nun mal ziemlich eng verbunden ist, haben eine anomale Situation geschaffen: Gesellschaften wie die Sowjetunion, die aufgrund des Fehlens einer wissenschaftlichen methodologischen Tradition wenig technologische Erfindungsgabe gezeigt haben, sind dennoch in der Lage, die westliche Zivilisation dadurch zu bedrohen, dass sie in gigantischem Maßstab eine Technologie anwenden, die fast ausschließlich aus der westlichen Zivilisation importiert worden ist. Zu einer ähnlichen Situation kann es auch in allen neuen Zivilisationen kommen, die in den Randzonen Asiens entstehen.
Die wichtigsten Bereiche der westlichen Technologie können unter vier Überschriften aufgelistet werden:
Fähigkeit zu töten: Waffenentwicklung
Fähigkeit, Leben zu erhalten: die Entwicklung der Hygiene und des Gesundheitswesens
Fähigkeit, Lebensmittel und Industriegüter herzustellen
Verbesserungen des Transport- und Kommunikationswesens
Wir haben bereits über die Ausbreitung westlicher Feuerwaffen gesprochen. Die Auswirkungen, die diese auf die Randgebiete und andere Gesellschaften seit der Invasion Mexikos durch Cortez im Jahr 1519 bis zum Einsatz der ersten Atombombe in Japan im Jahr 1945 gehabt haben, ist offensichtlich. Weniger offensichtlich ist die auf lange Sicht viel größere Bedeutung der Fähigkeit der westlichen Zivilisation, durch Hygiene und medizinische Fortschritte Krankheiten zu besiegen und den Tod hinauszuschieben. Diese Fortschritte begannen im Kernbereich der westlichen Zivilisation vor 1500, haben aber ihre volle Wirkung etwa erst seit 1750 mit dem Aufkommen der Impfungen, dem Sieg über die Pest und dem stetigen Fortschritt in der Erhaltung von Leben durch die Entdeckung der Desinfektion im 19. Jahrhundert und der Antibiotika im 20. Jahrhundert ausgeübt. Diese Entdeckungen und Techniken sind aus dem Kernbereich der westlichen Zivilisation nach außen gedrungen und haben fast sofort zum Rückgang der Sterberate in Westeuropa und Amerika, etwas später in Süd- und Osteuropa und in Asien erst nach 1900 geführt. Die weltbewegende Bedeutung dieser Auswirkungen wird sogleich weiter unten erörtert werden.
Die Beherrschung von Produktionstechniken durch die westliche Zivilisation ist so herausragend, dass sie in allen mit dem Thema befassten Geschichtsbüchern mit dem Begriff »Revolution« belegt wurde. Die Überwindung der Probleme der Lebensmittelherstellung, bekannt als Agrarrevolution, begann in England schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts, etwa um 1725. Die Bewältigung der Produktionsprobleme bei Industriegütern, die Industrielle Revolution, begann auch in England etwa 50 Jahre nach der landwirtschaftlichen Revolution, also um 1775. Die Beziehung dieser beiden »Revolutionen« zueinander und zur »Revolution« in Hygiene und im öffentlichen Gesundheitswesen sowie die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen sich diese drei »Revolutionen« ausgebreitet haben, ist von größter Bedeutung für das Verständnis sowohl der Geschichte der westlichen Zivilisation als auch die ihrer Einwirkungen auf andere Gesellschaften.
Landwirtschaftliche Aktivitäten, die Hauptnahrungsmittelversorgung aller Zivilisationen, reichern die Nährstoffe im Boden ab. Werden die entzogenen Elemente nicht ersetzt, sinkt die Produktivität des Bodens auf ein gefährlich niedriges Niveau. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit der europäischen Geschichte wurden diese Nährstoffe, vor allem Stickstoff, durch das Wetter während der Brache der Ackerflächen in einem von drei Jahren oder sogar alle zwei Jahre ersetzt. Diese Praktik verringerte die Anbaufläche um die Hälfte oder ein Drittel. Die landwirtschaftliche Revolution war ein gewaltiger Schritt nach vorn, weil sie das Jahr der Brache durch den Anbau von Hülsenfrüchten ersetzte. Deren Wurzeln erhöhten die Stickstoffversorgung des Bodens dadurch, dass sie das Gas der Luft entnehmen und im Boden in einer Form binden, die von den Pflanzen genutzt werden kann. Da es sich bei den Hülsenfrüchten, die das Brachejahr des älteren landwirtschaftlichen Kreislaufs ersetzten, in der Regel um Luzerne, Klee und Esparsette, also um Futtermittel für Rinder, handelte, erhöhte die landwirtschaftliche Revolution nicht nur den Stickstoffgehalt des Bodens für den nachfolgenden Anbau von Getreide, sondern auch die Anzahl und Qualität der landwirtschaftlichen Nutztiere und damit das Angebot an Fleisch und tierischen Produkten als Lebensmittel. Das wiederum verbesserte die Bodenfruchtbarkeit durch die vermehrte Ausbringung von Gülle zur Düngung. Das Nettoergebnis der Agrarrevolution insgesamt war eine Anhebung sowohl der Quantität als auch der Qualität der Lebensmittel. Weniger Menschen konnten somit viel mehr Nahrungsmittel erzeugen, sodass viele von ihnen von ihrer Produktion freigestellt wurden und sich anderen Aktivitäten, wie dem Regieren, der Bildung, der Wissenschaft oder dem Geschäft, widmen konnten. Es heißt, dass im Jahr 1700 die landwirtschaftliche Arbeit von 20 Personen nötig war, um genügend Nahrung für 21 Personen herzustellen, während in einigen Gegenden um 1900 drei Personen genug Nahrung für 21 Personen herstellen konnten. Das setzte 17 Personen für nicht-landwirtschaftliche Aktivitäten frei.
Diese landwirtschaftliche Revolution, die vor 1725 in England eingesetzt hatte, erreichte Frankreich nach 1800, aber Deutschland oder Norditalien erst nach 1830. Noch um 1900 hatte sie sich kaum in Spanien, Süditalien und Sizilien, auf dem Balkan und Osteuropa allgemein verbreitet. In Deutschland erhielt die Agrarrevolution um 1840 einen neuen Schub durch die Einführung chemischer Düngemittel und bekam nach 1880 einen weiteren Auftrieb in den Vereinigten Staaten durch die Einführung landwirtschaftlicher Maschinen, die den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft weiter senkten. Die gleichen beiden Länder haben – mit Beiträgen von einigen anderen nach 1900 – durch die Einführung neuer Samen und Pflanzenarten, durch die bessere Auswahl des Saatguts und deren Hybridisierung der landwirtschaftlichen Produktion weitere erhebliche Impulse verliehen.
Die großen landwirtschaftlichen Fortschritte nach 1725 machten die Steigerung der Industrieproduktion nach 1775 möglich, indem sie die Nahrung und damit die Arbeitskräfte für das Wachstum des Fabriksystems und das Aufkommen von Industriestädten lieferten. Die Verbesserung der Hygiene und der medizinischen Versorgung nach 1775 lief durch die Reduzierung der Sterberate auf das Gleiche hinaus und machte es für eine große Anzahl von Menschen möglich, in den Städten ohne die Gefahr von Epidemien zusammenzuleben.
Auch die »Transportrevolution« hatte ihren Anteil an der Entstehung der modernen Welt. Ihr Beitrag begann erst langsam um 1750 mit dem Bau von Kanälen und Verbindungsstraßen (»Schotterstraßen«) nach der neuen Straßenbaumethode von John L. McAdam. Nach 1800 gelangten Kohle über den Kanal und Nahrungsmittel über diese Straßen in die neuen Industriestädte. Nach 1825 wurde der Transport beider durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes stark verbessert, während die Kommunikation durch die Verwendung des Telegrafen (nach 1837) und des Elektrokabels (nach 1850) beschleunigt wurde. Die »Eroberung der Entfernung« kam im 20. Jahrhundert durch den Einsatz von Verbrennungsmotoren in Automobilen, Flugzeugen und Schiffen und durch das Aufkommen von Telefon und Funkkommunikation unglaublich voran. Das Hauptergebnis dieser enormen Beschleunigung des Kommunikations- und Transportwesens war, dass alle Teile der Welt einander näherrückten und die Einwirkungen der europäischen Kultur auf die nicht-europäische Welt gewaltig zunahmen. Diese Auswirkungen wurden noch erdrückender aufgrund der Tatsache, dass die Transportrevolution sich extrem schnell über Europa hinaus nach außen ausbreitete, und zwar fast so schnell wie die Ausbreitung der europäischen Waffen, etwas schneller als die Ausbreitung der europäischen Hygiene und der medizinischen Versorgung und noch viel schneller als die Ausbreitung der europäischen Industrialisierung, der europäischen Agrartechniken oder der europäischen Denkweisen. Wie wir gleich sehen werden, hatten viele Probleme, mit denen die Welt in der Mitte des 20. Jahrhunderts konfrontiert wurde, ihre Wurzeln in der Tatsache, dass die unterschiedlichen Aspekte der europäischen Lebensweise sich in die nicht-europäische Welt in ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach außen ausbreiteten, sodass sie dort in einer ganz anderen Reihenfolge als in Europa ankamen.
Ein Beispiel für diesen Unterschied kann man darin sehen, dass in Europa die Industrielle Revolution in der Regel vor der Transportrevolution stattfand, in der nicht-europäischen Welt war die Reihenfolge umgekehrt. Das bedeutet, Europa konnte sein eigenes Eisen, seinen eigenen Stahl und sein eigenes Kupfer herstellen, um damit seine eigenen Eisenbahnen und Telegrafenkabel zu produzieren, während die nicht-europäische Welt dies nur vermochte, wenn sie die erforderlichen Industriematerialien aus Europa bezog und dadurch zum Schuldner Europas wurde. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Transportrevolution von Europa aus ausbreitete, lässt sich an folgenden Tatsachen erkennen: In Europa kamen die Eisenbahn vor 1830, der Telegraf vor 1840, das Automobil um 1890 und die drahtlose Telegrafie um 1900 auf. Die transkontinentale Eisenbahn in den Vereinigten Staaten eröffnete im Jahr 1869, die Transsibirische Eisenbahn um 1900, während der Ausbau der Verbindung Kairo–Kapstadt noch voll im Gang war und mit dem Bau der Bagdadbahn von Berlin aus erst begonnen wurde. Zur gleichen Zeit, um 1900, wurden Indien, der Balkan, China und Japan mit einem Eisenbahnnetz überzogen, obwohl keines dieser Länder zu diesem Zeitpunkt im industriellen Sinne ausreichend entwickelt war, um sich mit dem für den Bau und Erhalt des Bahnnetzes erforderlichen Stahl oder Kupfer selbst zu versorgen. Spätere Stufen der Transportrevolution, wie etwa Autos, verbreiteten sich noch schneller und wurden noch von der Generation, die sie in Europa eingeführt hatte, benutzt, um die Wüsten der Sahara oder Arabiens zu durchqueren.
Ein weiteres wichtiges Beispiel für diese Situation bietet die Tatsache, dass in Europa die Agrarrevolution vor der Industriellen Revolution eingesetzt hatte. Aus diesem Grund konnte Europa seine für die Industrialisierung erforderliche Versorgung mit Lebensmitteln und Arbeitskräften steigern. Doch in der außereuropäischen Welt (abgesehen von Nordamerika) begannen Industrialisierungsbemühungen in der Regel vor nennenswerten Erfolgen bei der Einführung eines produktiveren Agrarsystems. Als Folge davon wurde die für das Wachstum der Industriestädte in der nicht-europäischen Welt benötigte bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln (und entsprechend mit Arbeitskräften) im Allgemeinen weniger durch eine entsprechende Produktionssteigerung der Bauern erzielt als durch das Absenken ihres Anteils an der Lebensmittelproduktion. Insbesondere in der Sowjetunion wurde die hohe Geschwindigkeit der Industrialisierung in der Periode von 1926 bis 1940 durch die gnadenlose Unterdrückung der ländlichen Gemeinden erreicht, bei der Millionen von Bauern ihr Leben verloren. Der Versuch, die sowjetischen Methoden im kommunistischen China der 1950er-Jahre nachzuahmen, brachte das Land gar an den Rand einer Katastrophe.
Das wichtigste Beispiel für den unterschiedlichen Grad der Ausbreitung zweier europäischer Entwicklungen zeigt sich in den Unterschieden zwischen der Expansion der Revolution der Nahrungsmittelerzeugung und jener der Ausbreitung von Hygiene und medizinischer Versorgung. Dieser Unterschied führte in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu welterschütternden Konsequenzen, sodass wir ausführlicher darauf eingehen müssen.
In Europa setzte die landwirtschaftliche Revolution zur Erhöhung der Nahrungsmittelversorgung mindestens 50 Jahre vor den Anfängen der Revolutionierung der Hygiene und medizinischen Versorgung ein, die die Anzahl der Sterbefälle senken und die Bevölkerungszahl steigen ließ. Als Daten für den Beginn beider Entwicklungen lassen sich grob die Jahre 1725 und 1775 benennen. Als Ergebnis dessen hatte Europa in der Regel ausreichend Lebensmittel zur Verfügung, um seine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Als die Bevölkerung (etwa um 1850) ein Ausmaß erreicht hatte, bei dem Europa die eigene Bevölkerung kaum mehr ernähren konnte, waren die Randgebiete der europäischen und nicht-europäischen Welt begierig darauf, industrialisiert zu werden (oder Eisenbahnen zu erhalten), sodass Europa nun Lebensmittel aus nicht-europäischen Gebieten gegen europäische Industrieprodukte eintauschen konnte. Diese Abfolge der Ereignisse war für Europa recht glücklich. Doch für die nicht-europäische Welt stellte sich diese Abfolge ganz anders und wesentlich weniger erfreulich dar. Die nicht-europäische Welt wurde nicht nur vor der Revolutionierung der Nahrungsmittelproduktion industrialisiert, sie erlebte auch die Revolutionierung der Hygiene und medizinischen Versorgung vor einer ausreichenden Zunahme der Nahrungsmittel, um für die sich daraus ergebende Zunahme der Bevölkerung zu sorgen. Als Folge davon breitete sich die demografische Explosion, die im frühen 19. Jahrhundert in Nordwesteuropa begann, nach außen, nach Osteuropa und Asien, mit zunehmend verheerenden Folgen aus. Das Ergebnis war die Entstehung des größten sozialen Problems der Welt im 20. Jahrhundert.
Die meisten stabilen, primitiven Gesellschaften, wie diejenigen der Indianer vor 1492 oder die im mittelalterlichen Europa, hatten kein größeres Bevölkerungsproblem, weil die Geburtenrate von der Sterberate ausgeglichen wurde. In solchen Gesellschaften fielen beide hoch aus, die Bevölkerung blieb damit stabil, und der größte Teil von ihr war jung (unter 18 Jahre alt). Diese Art von Gesellschaft (häufig Bevölkerung Typ A genannt) existierte in Europa während des Mittelalters (etwa um 1400) oder auch noch zum Teil in der frühen Neuzeit (etwa um 1700). Als Folge der gesteigerten Nahrungsmittelversorgung in Europa nach dem Jahr 1725 und aufgrund der erhöhten Fähigkeit (wegen der Fortschritte in Hygiene und Medizin nach 1775), Leben zu erhalten, sank die Todesrate einerseits ab. Weil die Geburtenrate andererseits noch hoch blieb, begann die Bevölkerung zu wachsen und die Zahl der älteren Menschen in der Gesellschaft zuzunehmen. Das führte zu dem, was wir »Bevölkerungsexplosion« (oder Bevölkerung Typ B) genannt haben. Infolgedessen nahm die Bevölkerung in Europa (beginnend in Westeuropa) im 19. Jahrhundert zu, und der größte Teil von ihr stand in der Blüte ihres Lebens (im Alter von 18 bis 45), den waffenfähigen Jahren für Männer und den fruchtbaren Jahren für die Frauen.
An diesem Punkt tritt der demografische Zyklus des Bevölkerungswachstums in seine dritte Phase (Bevölkerung Typ C) ein. Nun beginnt die Geburtenrate zu fallen. Die Gründe für diesen Rückgang der Geburtenrate wurde bisher noch nie befriedigend erklärt. Als Folge davon kommt es jedoch zu einem neuen demografischen Zustand, der durch eine fallende Geburtenrate, eine niedrige Sterberate und eine sich stabilisierende und alternde Bevölkerung gekennzeichnet ist. Der Hauptanteil der Bevölkerung befindet sich in den reifen Jahren von 30 bis 60. Da die Bevölkerung wegen des Rückgangs der Geburten und der Zunahme der Lebenserwartung immer älter wird, ist ein immer größerer Teil von ihr über die Jahre hinausgewachsen, in denen man Kinder bekommt oder Waffen trägt. Dies bewirkt, dass die Geburtenrate noch schneller sinkt, und führt wahrscheinlich zu einer so gealterten Bevölkerung, dass die Sterberate wegen der großen Zunahme der Sterbefälle aufgrund des Alters oder der unvermeidlichen Senilität steigt. Dementsprechend wechselt die Gesellschaft in die vierte Stufe des demografischen Zyklus (Bevölkerung Typ D). Für diese Phase sind sinkende Geburtenraten, steigende Sterberaten, eine abnehmende Bevölkerung und eine zum größten Teil über 50 Jahre alte Bevölkerung kennzeichnend.
Zugegeben, die Natur der vierten Phase des demografischen Zyklus beruht auf theoretischen Überlegungen und nicht auf empirischen Beobachtungen, denn selbst Westeuropa, wo der Zyklus am weitesten fortgeschritten ist, hat diese vierte Stufe [1966, zur Entstehungszeit des Buches, der Übers.] noch nicht erreicht. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass Europa bis zum Jahr 2000 in ein solches Stadium übergeht, und schon jetzt sorgt die zunehmende Zahl älterer Menschen sowohl in Westeuropa als auch in den östlichen Vereinigten Staaten für neue Probleme und für eine neue Wissenschaftsdisziplin, die Geriatrie.
Wie gesagt, Europa hat bereits die ersten drei Stufen dieses demografischen Zyklus als Ergebnis der landwirtschaftlichen Revolution nach 1725 und der Revolution im sanitären und medizinischen Bereich nach 1775 erlebt. Da sich diese beiden Revolutionen von Westeuropa aus nach außen in die immer entfernteren Randbereiche der Welt ausgebreitet haben (wobei die lebensrettende Revolution diejenige der Nahrungsmittelerzeugung überholt hat), sind die entfernteren Länder, eines nach dem anderen, in diesen demografischen Zyklus hineingeraten. Das bedeutet, dass sich die Bevölkerungsexplosion (Bevölkerung Typ B) von Westeuropa nach außen, also nach Mitteleuropa und weiter nach Osteuropa und schließlich nach Asien und Afrika, bewegt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts befand sich Indien voll im Griff der demografischen Explosion. Seine Bevölkerung wuchs um etwa fünf Millionen pro Jahr, während Japans Bevölkerung von 55 Millionen im Jahr 1920 auf 94 Millionen im Jahr 1960 angestiegen ist. Ein gutes Beispiel für die Vorgehensweise dieses Prozesses (hinsichtlich der Sterberate) bietet Ceylon: Dort lagen die Geburtenrate im Jahr 1920 bei 40 Geburten pro 1000 und die Sterberate bei 32 pro 1000. Im Jahr 1950 lag die Geburtenrate immer noch bei 40, aber die Sterberate war auf zwölf Fälle pro 1000 Einwohner gefallen. Bevor wir auf die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Weltgeschichte im 20. Jahrhundert näher eingehen, lassen Sie uns zwei Tabellen zur Erklärung dieses Prozesses betrachten.
Den demografischen Zyklus kann man in vier Phasen unterteilen, die wir durch die ersten vier Buchstaben des Alphabets bezeichnen. Diese vier Phasen lassen sich anhand der folgenden vier Merkmale unterscheiden: Geburtenrate, Sterberate, Bevölkerungszahl und Altersstruktur. Das Wesen der vier Phasen mit Bezug auf die vier Merkmale wird aus der folgenden Tabelle ersichtlich:
Der demografische Zyklus
Entwicklungsphase
A
B
C
D
Geburtenrate:
hoch
hoch
niedrig
fallend
Sterberate:
hoch
fallend
niedrig
steigend
Bevölkerungszahl:
stabil
steigend
fallend
stabil
Altersgruppenverteilung:
viele Junge (unter 18)
viele im besten Alter (18–45)
viele mittle ren Alters (über 30)
viele Alte (über 50)
Die Folgen des demografischen Zyklus (und der sich daraus ergebenden Bevölkerungsexplosion), wie er sich von Westeuropa auf die entfernteren Randgebiete der Welt ausbreitet, lassen sich aus der folgenden Tabelle ablesen, die die Chronologie dieser Ausbreitung in den vier Bereichen Westeuropa, Mitteleuropa, Osteuropa und Asien darstellt:
Ausbreitung des demografischen Zyklus in Zeiträumen und in vier GebietEN
In dieser Tabelle markiert die gestrichelt dargestellte Linie den größten Bevölkerungsdruck (also die demografische Explosion des Bevölkerungstyps B). Daran zeigt sich im Abstand von etwa 50 Jahren eine Reihe von vier aufeinanderfolgenden Bevölkerungsdrücken, die man wie folgt bezeichnen kann:
Anglo-französischer Bevölkerungsdruck um 1850
Germanisch-italienischer Bevölkerungsdruck um 1900
Slawischer Bevölkerungsdruck um 1950
Asiatischer Bevölkerungsdruck um circa 2000
Die Ausbreitung des Bevölkerungsdrucks vom Kerngebiet der westlichen Zivilisation in Westeuropa nach außen kann viel zu einem besseren Verständnis der Zeit von 1850 bis 2000 beitragen. Dieses Verständnis hilft, die anglo-französische Rivalität um 1850, die anglo-französische Allianz aus Furcht vor Deutschland nach 1900, die Allianz der freien Welt aus Angst vor Sowjetrussland nach 1950 und die Gefahr sowohl für die westliche als auch die sowjetische Zivilisation wegen des asiatischen Bevölkerungsdrucks bis zum Jahr 2000 zu erklären.
